KAPITEL 27 – Scharade
8:00h
„Das Zeitfenster ist schon fast verstrichen, Mr. Vice President. Wie sollen wir jetzt vorgehen?"
Der Vizepräsident faltete seine Hände vor sein Gesicht und dachte nach. Die Männer vor ihm erinnerte seine Haltung stark an den ehrwürdigen Detektiv Sherlock Holmes. Der hatte auch immer so da gesessen und hatte dabei die größten Mysterien gelöst. Dann hob der Vizepräsident wieder seinen Kopf und machte ein ernstes Gesicht.
„Diese Entscheidung fällt mir wirklich nicht leicht…" In Wirklichkeit aber, war es genau die Entscheidung, die er schon vor Jahren getroffen hatte. Unbeirrt fuhr er fort. „Aber die Vereinigten Staaten von Amerika verhandeln nicht mit Terroristen. Auch wenn unsere Geheimdienste zurzeit keine Spur von der Bedrohung haben, darf sich diese Nation nicht von Terroristen bloß stellen lassen. Wir verhandeln nicht, auch wenn das für viele Amerikaner den sicheren Tod bedeuten könnte."
Auf den Gesichtern der anderen Politiker spiegelte sich nur noch abgrundtiefes Entsetzen wider. Hatte der Vizepräsident das gerade ernst gemeint? Alten Grundstützen der Verfassung treu bleiben, auch wenn das heißen würde, dass Millionen von Menschen sterben würden?
„Sir? Ich fürchte, wir verstehen nicht ganz…"
Er blickte dem Vizepräsidenten in die Augen, doch der wich dem Blick nicht einmal annähernd aus, sondern entgegnete ihm mit einer harten und kalten Stimme.
„Das ist nicht nur meine Entscheidung, Jeffrey. Das ist die Entscheidung der Verfassung und damit der gesamten amerikanischen Bevölkerung. Und auch du wirst dich hier nicht gegen Amerika stellen, oder?"
Der angesprochene Jeffrey senkte betroffen den Blick und auf dem Gesicht seines Gegenübers ließ sich ein schmales, boshaftes Lächeln erkennen, doch es verschwand so schnell wieder, wie es auch gekommen war.
Dann wandte er den anderen Politkern im Raum den Rücken zu und blickte durch die große Panoramascheibe des Oral Office. Der Anblick auf die Springbrunnen im Garten des weißen Hauses war erhebend. Ein Strom von Macht durchfloss ihn und sein Körper war plötzlich voller Tatendrang. Hinter ihm erklang eine andere zaghaftere Stimme.
„Aber Sir, wenn Sie bedenken…"
Er ließ den Mann nicht ausreden, sondern brüllte sie alle an, sofort zu verschwinden.
„RAUS HIER! SOFORT! UND WAGEN SIE ES JA NICHT NOCH EINMAL, SICH DEM VIZEPRÄSIDENTEN DER VEREINIGTEN STAATEN ENTGEGEN ZU STELLEN! VERSTANDEN!?"
Er knallte die großen Flügeltüren hinter ihnen zu und lächelte in sich hinein. Die kleine Einlage war ihm perfekt gelungen, wer würde schon jemals vermuten, er hätte etwas mit den Terroristen zu tun gehabt? Es gab immer Verräter in den eigenen Reihen und er würde schon noch jemanden finden, dem er die Schuld zu schieben könnte…
Er griff zu einer der unteren Schubladen seines mahagoni-farbenen Schreibtisches aus feinstem Buchenholz und sperrte sie mit einem Spezialschlüssel, den er immer um den Hals trug, auf. Mit seiner linken Hand holte er ein schwarzes Satelitentelefon heraus und wählte die Kurzwahlnummer #1.
Es klingelte zweimal, bis eine vertraute Stimme antwortete.
„Ja?"
„Die Entscheidung ist getroffen, Amerika wird also auf keinen Fall mit euch verhandeln."
„Gut."
Die Verbindung wurde wieder getrennt und dann herrschte für einen kurzen Moment absolute Stille im Zimmer.
08:04h
Jeffrey rieb sich nun schon zum x-ten Mal seine Nase. Er machte das immer, wenn er wütend war, er hatte es sich angewöhnt. Damals, als er noch ein kleiner Junge war, hatten ihn seine Klassenkameraden immer ausgelacht und ein paar ihn auf dem nach Hause-Weg verfolgt und brutal zusammen geschlagen – mindestens zweimal die Woche. Bei jedem verdammten Mal hatte er auch noch Nasenbluten gekriegt, weshalb er sich immer die Nase reiben musste. Damals hatte er sich immer anschließend in sein Zimmer verkrochen und geweint, bis es Abend war.
Doch jetzt, wer wagte es jetzt noch, ihn anzubrüllen? Ihn, den großen Politiker Jeffrey Kellen, der es bis an die Seite des Präsidenten Amerikas geschafft hatte. Niemand hatte es seitdem auch nur ansatzweise gewagt, sich auch nur über ihn lustig zu machen.
Aber gerade eben… Wie der Vizepräsident ihn angefahren hatte. Seine Nase kribbelte wieder.
Verdammt!
Erneut griff er nach einem Taschentuch und stoppte das Nasenbluten. Dann verspürte er plötzlich den Drang sich zu übergeben und rannte zur nächst gelegensten Toilette.
