KAPITEL 30 – Mentalitätsfrage
New York City, 08:10h
Seine Nase blutete und er lag am Boden. Wie viel schlimmer konnte seine Situation überhaupt noch werden? Wohl nicht viel. Erneut sauste eine Faust auf ihn herunter und diesmal konnte man ein leises Knacken hören, als die geballte Faust seine Nase traf. Er schrie vor Schmerz auf, auch wenn er nicht allzu groß war – zumindest für den Moment…
„Hast du es jetzt endlich verstanden, du widerliche Mistgeburt von Bastard? Oder soll ich dir deinen Terminkalender noch mal genauer in dein Erbsenhirn einhämmern, hä?"
Phillip war neu in der Stadt und erst vor wenigen Tagen nach New York City gezogen. Er hatte sich sowas ähnliches schon gedacht, immerhin war er der neue Junge aus einer eher ländlichen Gegend. Sein Vater hatte einen gut bezahlten Job hier in NY bekommen, also stand die Entscheidung ziemlich schnell, dass seine Familie hierher ziehen würde.
Und tatsächlich: schon am ersten Tag hatte ihn eine Mädchen-Clique gefesselt und kopfüber in eine Mädchentoilette gesteckt. Und natürlich hatten sie auch nicht vergessen die Toilettenspülung zu betätigen.
Seitdem hatte er immer versucht, diesen Mädchen aus dem Weg zu gehen und es hatte geklappt. Auch wenn es nicht seine Leistung gewesen war, dass er in Ruhe gelassen worden war, ein brünettes Mädchen aus einer höheren Klassenstufe hatte ihm geholfen. Und es hatte funktioniert…
Doch er hatte sich zu früh gefreut, denn nur wenige Tage später wurde er von einem Klassenkameraden, der gerne den großen Macker angab, „aufgesucht" und verprügelt. Und jetzt war es wieder soweit, er hatte extra kein Pausengeld mitgenommen, in der stillen Hoffnung, dass er so auch kein Geld bezahlen musste. Doch er hatte sich wie so oft getäuscht. Und jetzt hatte Sergej, so hieß der Macker, ihn bis hierher verfolgt und verlangte sein Geld.
„Nein, nein."
Phillip keuchte und hustete zugleich. Dabei spuckte er Blut und seine Nase fühlte sich so verbogen an, sie war wahrscheinlich gebrochen.
„Ich… Ich werde dir das Geld geben, morgen, okay, versprochen."
Sergej öffnete seine Hand wieder und nickte.
„Gut! Aber wehe, du hast es morgen nicht, dann überlebst du den Tag nicht, verstanden?"
Er wandte sich von ihm ab und verließ die Seitenstraße. Phillip atmete erleichtert aus, endlich war er weg…
Er rappelte sich auf und stolperte auf die mit Menschen überfüllte Hauptstraße. Er ignorierte die überraschten, verabscheuenden und abschätzenden Blicke der Leute und machte sich auf den Weg nach Hause. Zum Glück hatte er das Geld wirklich, er hatte es von seiner Schwester gestohlen, die eh nicht merkte, wenn er etwas von ihrem Taschengeld nahm, da sie immer nur am Shoppen oder Telefonieren mit ihrem Freund war. Und bevor er das Haus betrat, wusch er sich das Blut am Rasenbewässerer vom Gesicht und verschwand gleich auf sein Zimmer. Niemand würde je etwas davon erfahren…
Währenddessen bog Sergej um eine Häuserblockecke und erstarrte vor Schreck. In seinen Augen funkelte es orange und rot. Sein Atem beschleunigte sich, sowas hatte er noch nie erlebt. Vor ihm brannte ein Krankenwagen lichterloh und mit ihm drei Körper…
Er hatte dieses Szenario schon einmal gesehen, im Fernsehen bei „24" oder war es doch etwas anderes gewesen? Vielleicht „Burn Notice" oder „NCIS"?
Aber das war ja auch egal, was zählte war, dass es gerade in Echt passierte! Sein Körper stand da wie angefroren und schaute mit leeren Augen auf das brennende Wrack und die Leichen von drei Menschen.
War es wirklich so schlimm, wenn Menschen vor einem selbst starben? Er hatte sich das immer ganz anders vorgestellt, ihn hatte es immer gereizt, wenn in den Fernsehshows neue Todesarten vorgestellt wurden… Was hatte es ihn schon geschert, wenn mal ein paar Leute von Terroristen niedergeschossen wurden… Was hatte es ihn interessiert, wenn irgendwo eine Bombe hoch ging und vielleicht 50 Menschen tötete? Er hatte genüsslich seine Cola getrunken und des Öfteren sogar gegähnt! Er hatte immer gedacht, dass er es aushalten könnte, wenn jemand vor seinen Augen sterben würde.
Doch das war falsch, wie sich jetzt zeigte. Er wollte schreien, weinen, weglaufen, sich verstecken und… und…
Er wollte alles zugleich.
Doch er konnte nichts von alledem, sein Körper war wie gelähmt, nicht mal blinzeln konnte er. Seine Augen waren starr auf das Feuer gerichtet, was immer größer wurde. Und nur ein einziger Gedanke geisterte in seinem Kopf herum: Oh, mein Gott!
Jemand schrie ihn an, doch er konnte nicht verstehen, was derjenige schrie. Jemand zog ihn von der Stelle weg und ein Mann und eine junge Frau beugten sich über ihn, doch er konnte sie nicht hören oder selbst etwas zu sagen. Alles lief in Zeitlupe ab und er war unfähig auch nur irgendetwas zu machen.
Dann dröhnte in seinem Kopf eine Sirene los. Sie wurde immer lauter und lauter, bis sie plötzlich direkt in ihm zu sein schien. Er wollte schreien. Schreien, dass der Lärm aufhören solle, schreien, dass man ihn in Ruhe lassen würde, schreien, dass alles wieder so würde wie vorher.
Er spürte wie sein Körper hochgehoben und er in etwas Quadratisches verfrachtet wurde. Dann wurde alles um ihn herum schwarz, schwarz wie die Nacht…
