KAPITEL 31 – Geheimnisse

Bethesda Militärkrankenhaus, Washington D.C., 08:13h

„Mr. Baur?"

Peter Baur blickte auf und nickte.

„Dr. Baxter. Haben Sie neue Informationen über die Situation des Präsidenten? Ist er noch am Leben? Haben Sie ihn retten können?"

Der Arzt sah bedrückt aus und wich ihm aus.

„Kommen Sie bitte mit. Ich muss Ihnen etwas mitteilen."

Baur wusste, dass etwas nicht stimmen konnte. War der Präsident etwa nun doch tot? Seine Schritte beschleunigten sich unwillkürlich. Irgendwie fühlte er sich dem Präsidenten verpflichtet, warum hatte er nur dieses Gefühl? Er war doch gar nicht so lange bei der neugegründeten Terrorabwehr, die im Jahre 2011 eingerichtet wurde.

Grund für die Bildung dieser speziellen Organisation im Auftrag der amerikanischen Regierung war das Attentat auf den damaligen Präsidenten Barack Obama. Im November dieses Jahres hatte sich ein den nahöstlichen Terrorismusbewegungen stimmig gesinnter Secret Service – Agent auf einer Bühne direkt vor dem Weißen Haus neben den Präsidenten gestellt und in die Kameras gelächelt, als er den Zünder in seiner Hand betätigte. Die Wucht der Explosion zerstörte die gesamte Bühne und tötete an die zwanzig Reporter. Der Agent war kein Risiko eingegangen. Und das erste Mal in der Geschichte Amerikas gab es auch keine Beerdigung für den Präsidenten, den mächtigsten Mann der Welt. Die Bombenexplosion hatte nicht einmal einen Krümel Asche von Obama übrig gelassen. Drei Monate später wurde ein neuer Präsident gewählt, H.L. Longensworth. Und dieser hatte als geheime erste Amtshandlung die Bildung jener Terrorabwehrorganisation beschlossen und sie mit allen nötigen Vollmachten ausgestattet. Doch so gut wie niemand aus der Zivilbevölkerung wusste von dieser Gruppierung. Nicht einmal die Regierungen anderer Länder hatte der Präsident in Kenntnis gesetzt. Und man hörte zwar einzelne Gerüchte in den Reihen des Militärs, doch er hatte ihnen keinen Glauben geschenkt. Bis zu dem Tag, an dem ihm sein Mentor ansprach und ihn anwarb.
Begeistert hatte er zugesagt und da war er jetzt auch…

Er stand vor einer unnatürlicherweise mit zwei Schlössern versehenen Tür und Dr. Baxter öffnete sie.

Als er eingetreten war, umhüllte ihn völlige Dunkelheit, dann hörte er das Klicken der Schlösser hinter ihm.

„Hey! Was soll das? Schalten Sie sofort das Licht ein und lassen Sie mich hier raus!"

„Tut mir Leid, doch raus lassen kann ich Sie nicht, zumindest jetzt noch nicht."

Die Lichtröhre an der Decke flackerte mehrfach, bis sie ein fahles Leuchten ausstrahlte. Seine Augen fingen an sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, denn die Lampe erleuchtete den Raum so gut wie gar nicht.

Er entdeckte eine weitere Person im Zimmer und betrachtete sie genauer. Sie kam ihm bekannt vor…

Als er erkannte, wer da vor ihm stand, wich er zurück und stotterte.

„Aber… Aber…"

Er blickte in das Gesicht des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika…

Wie war das möglich? Er war doch eben noch im Sterben gelegen? Was wurde hier gespielt? Longensworth lächelte und schüttelte seine Hand.

„Mr. Baur. Ich wollte Sie schon immer mal persönlich kennen lernen. Aber ich darf sie doch Peter nennen, oder?"

„Ja, ja, natürlich, Sir…"

Sein verwirrter Ausdruck und sein Stottern amüsierten den Präsidenten. Schmunzelnd fragte er ihn nach dem Grund seiner Überraschung. Doch als dieser nicht antwortete, runzelte sich die Stirn von Longensworth.

„Dann wissen Sie es nicht einmal, Peter?"

„Was wissen? Sir?"

„Nun, Sie waren eigentlich der… Nein, das würde jetzt zu lange dauern, das zu erklären."

„Nein, Sir. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen wiederspreche, aber worum geht es hierbei? Habe ich etwa kein Recht zu erfahren, was mit mir ist?"

Wie, als würde er von Schuldgefühlen geplagt werden, senkte der Präsident kurz den Kopf und fuhr dann fort.

„Nun, Peter, kennen Sie den Vize-Präsidenten?"

„Natürlich."

„Nun, es tut mir Leid, dass ich Ihnen das so direkt sagen muss, aber er ist Ihr… Vater."

„Was? Sie scherzen, richtig? Der Vize-Präsident soll mein Vater sein?"

Doch die Haltung des Präsidenten ließ keinen Zweifel zu.

„Oh mein Gott!"

Er wischte sich mit seiner Hand seine nun mit schweiß bedeckten Stirn ab und versuchte sich wieder zu konzentrieren.

„Ich… Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es tut mir Leid, Mr. President, aber ich muss später in Ruhe darüber nachdenken."

Gott! Sein Vater… der Vizepräsident! Was zum Teufel war hier los? Und warum wusste er nichts davon?

Peter hatte viele Fragen, doch er musste sie alle erst einmal zurückstellen, denn eine stach besonders hervor und er stellte sie auch als Erstes. Die Frage, die noch viel wichtiger zu klären war, als die Angelegenheit mit seinem Vater.

„Mr. President, es tut mir Leid, wenn ich jetzt die Sache mit meinem Vater zurückstellen muss, aber ich habe noch eine viel wichtigere Frage zu klären: Warum sind Sie hier und vor allem, warum liegen Sie nicht im Bett und genesen?"

Der Präsident nickte knapp und sachlich.

„Gut. Hören Sie zu…"