Step by Step – Mit kleinen Schritten zum Glück
Elternsorgen
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Leider sollte die Nacht nicht ansatzweise so ruhig werden, wie sie begonnen hatte. Einige Stunden später regte sich der Junge in ihrer Mitte. Unruhig wälzte sich Thorin von links nach rechts und wieder zurück und schlug dabei nicht nur Fíli, sondern zur Abwechslung auch einmal Kíli, seine Haare, Arme und Beine um die Ohren. Erschrocken wollte Fíli schon einen Satz aus dem Bett machen, als ihn ein kleiner Fuß schmerzhaft in die Seite traf. Erschöpft rappelte er sich auf und sah auf den kleinen Störenfried, der ansonsten fest zu schlafen schien.
Auch Kíli sass inzwischen und hatte die Nachtlichtkerze angezündet. "Er träumt... sein Unterbewusstsein ist voller Erinnerungen… Erinnerungen, mit denen ein Kind nicht klar zu kommen scheint..."
Etwas ratlos sah Fíli den Jüngeren an. "Sollen wir ihn wecken?"
Kíli lehnte sich zu Thorin und versuchte ihn so sanft wie möglich zu wecken, zog ihn schliesslich sogar in seine Arme.
"Er schläft wie ein Murmeltier", lächelte Fíli, "Hey mein Kleiner. Aufwachen!"
Sanft strich der Blonde Thorin über die Wange.
Schliesslich wachte Thorin endlich auf und schnappte nach Luft. Kaum dass er die erwachsenen Zwerge sah, begann seine Unterlippe zu ruckeln und seine blauen Kulleraugen füllten sich mit Tränen.
"Oje, da hat wohl jemand sehr schlecht geträumt."
Fíli ruckte an die beiden näher heran und umarmte den Jungen von der anderen Seite, so dass er zwischen den beiden "Älteren" eingekuschelt wurde.
"Nicht weinen, mein Schatz. Es war nur ein Traum", flüsterte der Durinerbe leise und schmiegte seine Wange an den dunklen Wuschelkopf.
Thorin hickste leise. "Da... da waren... gruselige... scheussliche Monster... haben mich gejagt...",
"Ja, aber jetzt sind wir ja bei dir. An uns kommt keines der Monster vorbei. Kíli ist der beste Bogenschütze, den der Erebor hat. Niemand kann dir etwas tun."
"Aber... aber... sie... sie haben euch au weh getan..."
"So? Na da haben wir bestimmt nur so getan, als würde es uns weh tun. Damit wir sie austricksen konnten!"
"Sicher?" Thorin sah zwischen den beiden hin und her und beruhigte sich etwas, als auch Kíli bestätigend nickte.
"Ganz sicher!", bekräftigte sein Bruder.
Thorin schnuffelte noch kurz und atmete dann tief durch.
Lächelnd wuschelte Fíli ihm durch die Haare.
"Du hast bestimmt Hunger. Schau mal." Damit langte er nach dem Teller auf dem Nachtschrank, "Bombur hat dir Brote mit Käse und Pastete belegt."
Thorin reckte den Hals und seine kleine Stupsnase begann zu zucken.
Grinsend reichte ihm der Blonde den Teller. Thorin betrachtete das Essen erst interessiert, verzog bei dem Blick auf eine kleine Tomate, die Bombur dazu getan hatte, den Mund, und klaubte sich schließlich ein Käsebrot davon herunter. Herzhaft biss er hinein. Fíli betrachtete ihn, immerfort lächelnd und sah dann Kíli an.
"Magst du auch noch was?"
"Nein, ich bin zufrieden", meinte der Jüngere und gähnte verhalten. Leicht lehnte er sich gegen Fílis Schulter.
"Müde?"
"Ein wenig... aber auch liebesbedürftig...", gab Kíli offen zu.
Fíli lachte leise und hauchte dem Jüngeren einen Kuss auf die Stirn. "Gleich können wir uns unter die Felle kuscheln", grinste er schellmisch, während er Thorin betrachtete, der eifrig das Brot über der Bettdecke zerkrümelte. "Allerdings sollten wir vorher das wohl ausschütteln."
"Hältst du unseren Krümel kurz? Dann mach ich das..."
"Klar. Komm her, König Krümel." Damit griff er unter Thorins Arme und hievte ihn sich auf die Hüfte, bevor er aufstand und Kíli die Decke runter nehmen konnte. Der Zwergling war inzwischen fertig mit seinem Käsebrot und schnappte sich ein zweites.
"Das smett gut...", mampfte Thorin.
"Das glaube ich dir. Möchtest du auch einen Becher Saft? Balin dachte, dass du gerne Traubensaft trinken würdest."
"Keine Milch?"
"Wenn du Milch möchtest, geh ich noch mal schnell in die Küche. Pass auf!" Fíli setzte den Jungen auf den Boden und hockte sich vor ihn, "Du gehst jetzt schnell ins Bad, wäscht dich und putzt dir die Zähne und ich hol dir einen Becher warme Milch mit Honig. Meine Mama hat immer gesagt, dass man dann keine Albträume bekommen kann."
Thorin nickte brav. "Zähne putzen kann ich allein. Bin schon gross."
"Das stimmt. Na dann hopp."
Während Thorin ins Bad tapste drehte sich Fíli zu seinem Bruder.
"Kíli? Ich bin noch mal fix unten. Hast du einen Blick auf unseren Minikönig? Soll ich dir noch was aus der Küche mitbringen?"
"Nein, nein, ich bin zufrieden... zieh dir aber lieber Stiefel an. Der Boden ist eiskalt. Du erkältest dich noch."
Fíli sah nach unten und nickte dann. Schnell hatte er sich die Stiefel übergestreift und verschwand nach draussen.
Kíli machte das Bett fertig und ging dann nachsehen ob Thorin klar kam. Der versuchte sich gewissenhaft zu waschen, hatte aber schon das Problem, dass er nicht genug hoch kam, um nach der Zahnbürste zu greifen. Lächelnd half ihm Kíli und so war der kleine Mann auch schon wieder im Bett, als Fíli zurück kam.
"Ihr seid ja fix", lächelte er, setzte sich wieder auf die Bettkante und reichte dem Kleinen einen dampfenden Becher, "Vorsicht, pusten. Sonst verbrennst du dir die Zunge."
Gewissenhaft pustete Thorin, während er den Becher mit zwei Händen fest hielt, um ja nichts zu verschütten.
Als er fertig war, nahm Fíli den Becher wieder entgegen. "So, und nun ab in die Falle mit euch beiden!"
Kíli hob die Decke an, damit Thorin drunter rutschen konnte und legte sich dann selber wieder hin.
Sein Bruder krabbelte über die beiden hinweg und legte sich auf die andere Seite. "Jetzt wird geschlafen." Er gab dem Zwergling einen Gute-Nacht-Kuss und kuschelte sich an seine Seite.
Als die beiden am nächsten Morgen wieder erwachten, lagen sie aneinander gekuschelt in der Bettmitte, von Thorin fehlte jede Spur.
Wie vom wilden Elb gepickst, fuhren die beiden auf. Ein Eimer Eiswasser hätte es nicht vermocht sie wirkungsvoller in Alarmbereitschaft zu versetzten.
"Thorin!", rief Fíli panisch. Er sprang aus dem Bett, ungeachtet davon, dass er dabei seinem Bruder den Ellbogen in die Rippen rammte.
"Au!", meckerte Kíli, krabbelte aber ebenso schnell aus dem Bett und blickte erst mal darunter.
Fíli achtete nicht auf den Ausruf und inspizierte das Bad. Doch da war Thorin auch nicht. "Bei Mahal! Wo ist er?!" Seine Stimme rutschte schon in die Verzweiflung ab.
"Vielleicht bei Mutter?", hoffte Kíli und stürmte aus dem Schlafzimmer, in der Tunika und natürlich ohne Schuhwerk.
Und ohne Hose, wie es Fíli plötzlich durch den Kopf schoss. Schnell schnappte er sich noch das entsprechende Kleidungsstück und rannte seinem Bruder hinterher
Doch Kíli hatte bereits einen beträchtlichen Vorsprung und zu Fílis Leidwesen die längeren Beine. Wieder einmal mehr kam ihm der Vergleich mit einem Elben in den Sinn. Kíli würden ihn schlagen für diesen Gedanken.
Fraglich war allerdings, was seine Mutter mit ihm machen würde, wenn jemand den jüngsten Thronerben ohne Hose wild durch die Gänge rennen sah... Der Gedanke brauchte nur drei Sekunde um sich zu setzten, dann legte er einen Zahn zu.
"Kíli!"
Der erreichte gerade die Tore zum Aufenthaltsraum, wo ihre Mutter für gewöhnlich gerne sass und strickte, stickte oder sonst etwas tat, was Frauen nun mal so taten. Kíli würde nie verstehen, wie man sich dafür begeistern konnte.
Fíli schlitterte gerade um die letzte Ecke und sah Kíli gerade noch, ohne anzuklopfen, in die Räume ihrer Mutter stürzen.
"Mama?! Hast du Thorin... gesehen?", japste Kíli, kaum dass er seine Mutter in einem Sessel sitzen sah.
"Thorin? Nein, heute noch nicht. Wieso?" Sie stand von ihrem Sessel auf und legte ihre Stricknadeln weg, "Vielleicht ist er bei Fíli?"
Doch der stand plötzlich hinter seinem Bruder in der Tür.
"Wir haben beide bei ihm geschlafen. Als wir aufgewacht sind, war er weg." Kíli sah verzweifelt und vom Schlaf noch ziemlich zerrupft aus.
"Zieh erst mal deine Hose an", meinte Dís leicht schmunzelnd. Fíli reichte sie ihm wortlos grinsend.
"Wo könnte er sein, Mama?"
Kíli lief artig rot an und zog schnell die Hose über.
"Wo wart ihr als Kinder gern, wenn nicht bei mir oder eurem Onkel?"
Kíli und Fíli sahen sich sekundenlang an, ehe es synchron aus ihnen schoss: "Bei Dwalin..."
Stiefelquietschend drehten die Brüder um und rannten hinaus. Dwalin fand man für gewöhnlich auf dem Übungsplatz.
Und wie vermutet, sprang ein kleiner, dunkelhaariger Zwergling um ihn herum und attackierte ihn mit einem Holzschwert.
Der Platz war wie ein unterirdisches Amphitheater angelegt und wurde für Übungs- und Showkämpfe genutzt. Die Brüder blieben auf den oberen Zuschauerrängen stehen und sahen zu. "Er ist begabt", schmunzelte Fíli.
Kíli verdrehte die Augen. "Er ist immer noch unser Onkel, was hast du erwartet? Von irgendwem müssen wir es ja haben."
"Na zumindest ich. Du fuchtelst ja lieber mit deinem Bogen herum", knuffte Fíli ihn.
"Was mir auch Onkel beigebracht hat..."
"Stimmt." Kurz betrachtete Fíli den Jungen schweigend. Langsam setzte er sich auf eine der Bänke. Schwer seufzte er, sein Blick wurde traurig.
"Hey, was ist los?" Kíli legte ihm eine Hand auf die Schulter, ehe er sich neben ihn setzte.
"Das ist alles einfach so... irreal. Ich meine... jetzt sind wir auf einmal... erwachsen. Thorin hat sich um uns gekümmert, seit wir geboren wurden. Er hat auf uns aufgepasst, uns erzogen. Er stand uns immer zur Seite oder hinter uns und hat uns bestärkt. Thorin ist stark, tapfer, unerschütterlich. Und jetzt... ihn jetzt so verletzlich zu sehen, ist einfach erschreckend für mich."
Mühsam atmete er ein, versuchte die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
Kíli konnte nicht anders und zog seinen älteren Bruder in eine Umarmung. "Keine Sorge. Gandalf wird das schon wieder richten..."
Fíli lehnte sich in die Umarmung. Eine kleine Träne stahl sich aus seinen Augenwinkel und versickerte in Kílis Tunika.
"Ja, ich hoffe du hast Recht."
Der Jüngere nickte nur an Fílis Seite. Es erschreckte ihn, dass sich der andere scheinbar solche Sorgen machen musste und er ihm nicht beistehen konnte.
Fíli blieb noch ein paar Sekunde an Kíli gelehnt, dann setzte er sich wieder auf. Im selben Augenblick entdeckte Thorin die beiden Brüder.
Aufgeregt winkte der Zwergenjunge den beiden und Kíli winkte sofort zurück. Er musste grinsen und knuffte Fíli in die Seite. "Fühlt sich an als wären wir Mama und Papa, die ihrem Sprössling beim Training zusehen."
"Mh. Dann wird es jetzt Zeit, mal kurz zu erziehen. Komm."
Er klopfte Kíli auf die Schulter, stand auf und ging nach unten. Er versuchte einen strengen Blick aufzusetzen, auch wenn ihm das äußerst schwer viel, bei den leuchtenden Kinderaugen.
"Komm mal hierher, junger Mann!"
