Mein Name ist Sakura Haruno. 20 junge Jahre bin ich alt, etwa 1,68m groß – normal. Weder dick noch durchtrainiert – normal. Mit rosafarbenem, mittellangem Haar und Augen in doch recht intensivem Grünton – alles andere als normal. Nun, da hören die großen Außergewöhnlichkeiten aber auch schon wieder auf. Mein bisheriges Leben ist für Außenstehende bestimmt nicht sonderlich interessant. Aufgewachsen bin ich als Einzelkind, in doch recht wohlhabenden Verhältnissen. Meine Mutter, Mebuki Haruno, arbeitete früher in dem – kleinen aber feinen – Blumenladen der Yamanakas. Ino, die Tochter der Familie, konnte ich durch die Freundschaft unserer Mütter nach anfänglichen Zickereien zwischen uns doch als gute Freundin bezeichnen.

Meine Mutter war stets ein fröhlicher Mensch, eine fürsorgliche Mutter, gute Köchin... Nun, durchweg eine Frau mit positiver, freundlicher Ausstrahlung. So habe ich sie aus Kinderaugen wahrgenommen. Mein Vater, Kizashi Haruno, sorgte Zeit seines Lebens für den guten Kontostand unserer Familie: Er absolvierte auf zweitem Berufsweg, mit 32 Jahren noch ein Jura-Studium und gründete danach seine eigene Rechtsanwaltkanzlei. Mein Vater war ein sehr beeindruckender Mensch. Aus heutiger Sicht wundere ich mich, was ihn wohl zu diesem Beruf brachte, denn als Vater glich er allem anderen als einem strengen, ernsten Juristen. Er unternahm viel Blödsinn mit mir als Kind, Dinge, die meine Mutter vermutlich bis heute noch nicht weiß. Unter Freunden witzelte er viel. Nun, die einzige Eigenschaft an ihm, die mich spontan an einen Rechtsanwalt denken lässt, ist vielleicht seine gute Menschenkenntnis. Die hatte er schon immer, ebenso, wie einen sehr guten Draht zu seinem Umfeld. Zurückblickend kann ich mir gut vorstellen, dass mein Vater in der Lage war, Leute richtig einzuschätzen und zu analysieren. Auch war er in der Lage mit Leuten umzugehen, ganz gleich ob er sie wirklich leiden konnte oder nicht. So viel zu meinen Eltern.

Es hat einen Grund warum ich in Vergangenheit erzähle. In meinem doch so normalen Aufwachsen kann ich genau einen Schicksalsschlag verzeichnen. Vor 4 Jahren verstarb mein Vater. Er erlag letztendlich einem langen Kampf gegen diese eine, fiese Krankheit, die trotz fortschreitender Medizintechnik und Kenntnissen noch kein zuverlässiges Gegenmittel kennt – Krebs. Was folgte, ist für mich schwer in Worte zu fassen. Ich war stets eine gute Schülerin, mit hervorragenden Noten – und ich blieb es weiterhin. Ich stand nie im Mittelpunkt meiner Klassenkameraden, hatte einen eher überschaubaren Freundeskreis – das änderte sich auch nicht. Ich legte nie besonders viel Wert auf die neueste Mode, oder Schminke, genauso wenig fand ich einen intensiveren Gefallen an Alkohol, rauchen oder Partys – auch in diesen Punkten blieb ich mir treu. Mein Alltag blieb so... „gleich". Sollte man sich nach dem Verlust eines geliebten Menschens nicht irgendwie verändern, sich anders fühlen? Sich damit beschäftigen, „darüber hinweg zu kommen"? Die Leute waren stets beeindruckt von meinem Verhalten bezüglich dem Ableben meines Vaters. Sie fanden es „erstaunlich" wie gut ich mit dem Tod umging. Ich fühlte mich schlecht dabei. Nach innen, versteht sich. So wie bei meiner Trauer auch. Still, und für mich. Vielleicht machte mir das solche Angst. Die Welt drehte sich einfach weiter, nur ohne meinen Vater. Oberflächlich blieb alles wie es war,

Zwei Dinge änderte der Tod meines Vaters jedoch gewaltig: Mein Ziel, und meine Mutter. Vielleicht sollte ich mit dem unerfreulicheren von beidem anfangen: meine Mutter. Fröhlich? Fürsorglich? Davon war nichts mehr zu sehen. Früher servierte sie mir beinahe jeden Sonntag Pancakes mit Schokoladen-Gesichtern, nach dem Ableben meines Vaters gab es nur noch das zu Essen, was ich selber einkaufte und zubereitete. Ich nehme es ihr nicht übel, ich nahm es ihr auch damals nicht übel. Mit 16 Jahren war ich durchaus in der Lage zu verstehen, dass es sie mindestens so hart traf wie mich auch, und sie hatte zusätzlich auch noch die „Erwachsenen-Probleme" zu bewältigen – die Beerdigung organisieren, der Verwandtschaft Bescheid geben oder die Rechtsanwaltkanzlei steuern. Meine Mutter hatte zwar kein Jura Studium, trotzdem wehrte sie sich mit jeder Faser ihres Körpers diesen kleinen „Traum" meines Vaters aufzugeben. Vom Blumenbinden stürzte sie sich Hals über Kopf in den Paragraphen Horror. Zusammen mit den Angestellten, oder vielmehr den Kollegen meines Vaters hielt sie die Kanzlei am Leben. Sie war kaum mehr zuhause. Fröhliche, bunte Sommerkleider tauschte sie gegen Stiftröcke, Hosenanzüge und Jackets ein. Ich erkannte sie kaum wieder. Es fühlt sich immer noch blöd an, diesen Gedanken wirklich auszusprechen, aber ich fühlte mich wie eine „Nebensache". Vielleicht erinnerten sie meine grüne Augen zu sehr an ihn. Ich versuche diese schwere Zeit so vernünftig wie möglich zu betrachten, ich will meiner Mutter nicht böse dafür sein, dass sie einem geliebten Menschen nachtrauerte. Trotzdem komme ich nicht umher zu sagen, dass eine tröstende Hand meiner Mutter auch mir in dieser Zeit sehr geholfen hätte...

Diese Leere in unserem Haus, eigentlich in der ganzen Kleinstadt, in der wir wohnten, brachte mich dazu, mein „Lebensziel" zu ändern. Seit der Mittelstufe wollte ich eigentlich immer in die Kanzlei meines Vaters einsteigen, vielleicht weil er mein Idol war, vielleicht, weil er es sich immer gewünscht hatte, vielleicht, weil es mich auch wirklich interessierte – Sachverhalte, Recht, Unrecht, das Gesetz. Jedenfalls verpuffte dieser Wunsch mit dem Ableben meines Vaters. Stattdessen bahnte sich ein ganz neuer Traum bei mir an: Ärztin werden, Forschungen betreiben – Krebsforschung. Dieser schreckliche körperliche und psychische Verfall, den ich bei meinem Vater über fast 2 Jahre hinweg quasi hautnah erleben konnte, beschäftigte mich beinahe Tag und Nacht. Ohne meinen Vater, das wusste ich, würde ich sicherlich nie in seine Kanzlei einsteigen wollen. Ich wollte raus aus diesem Haus, weg von den Erinnerungen, und letztendlich auch Abschließen.

Mit absolviertem Abitur schaffte ich es dann sofort, mit jungen 18 Jahren, in der nächstgelegenen Großstadt mein Medizin-Studium anzufangen. Meinem Ziel war ich damit einen Schritt näher – zwar wohnte ich in der Zeit immer noch zu Hause, jedoch war dies pure Berechnung: Letztendlich wusste ich, dass ich mein Studium in Konoha – Großstadt, bekannt für das größte und forschungsstärkste Krankenhaus des Landes – beenden wollte. Das war allerdings aus 2 Gründen nicht so einfach: Erstens, kamen da überhaupt nur die besten hin. Mein Schnitt war definitiv hervorragend, jedoch gab es einfach immer Leute mit noch mehr Praxiserfahrung – ich arbeitete immerhin seit ich 16 war in jeden Ferien im Krankenhaus – oder aber Leute, mit gewissen anderen Vorzügen – reiche, bekannte Eltern, die ihre Beziehungen spielen lassen konnten. Die zweite Schwierigkeit erklärt sich eigentlich von selbst, nämlich die finanzielle Belastung durch ein Studium in Konoha. Meine Mutter war durchaus von Anfang an gewillt, mich dabei zu unterstützen, trotzdem wollte ich mir auch selbst einen Puffer anlegen. Letztendlich war mein Plan also ganz geschickt: Ich stellte fest, dass die Studieninhalte der Universitäten in den ersten 4 Semestern übereinstimmten, also absolvierte ich diese 2 Jahre an der Universität bei mir zuhause.

Nun, 2 Jahre später, ist es soweit: Vor 4 Wochen erhielt ich die Zusage, dass ich nach Konoha wechseln durfte! Ich hätte vor Glück schreien können, schließlich konnte ich in meinen ach so tollen Berechnungen und Planungen nicht vorhersagen, ob mir dies auch wirklich gelingen würde. Heute sitze ich, mit 2 randvollen Koffern vor mir, in einem 4er Sitz im Zug nach Konoha.

Gedankenverloren streift mein Blick über die grüne, schnell vorbeiziehende Landschaft. Mein Kopf ruht auf meiner Hand. In der Fensterscheibe sehe ich meine eigene, grüne Augen. Ich sehe müde aus, und so fühle ich mich auch. Müde, durch die Aufregung vor diesem Tag, die mich vergangene Nacht wach gehalten hat. Und leicht deprimiert: nicht mal heute morgen hatte sich meine Mutter Zeit genommen, oder nehmen können – wie auch immer. Sie war gleich morgens mit einem kurzen „Tschüss" verschwunden, wie jeden anderen Tag auch. Dabei war dieser Tag heute so viel anders, dieses „Tschüss" würde mindestens bis Weihnachten gelten, vorausgesetzt ich habe bis dahin noch vor, nachhause zu kommen. Es ist schließlich nicht so, als würde mich festliche, familiäre Stimmung erwarten. Diesen kleinen Stich in der Gegend meines Herzens ignorierend rief ich ihr nur hinterher, dass ich mich bald melden würde bei ihr. Mein Blick wandert zurück zu den Augenringen meines Spiegelbildes. Seufzend ließ ich meine Lider sinken.

„..onoha. Ausstieg in Fahrtrichtung links!"

Grummelnd nehme ich den Kopf von meiner Hand und legte meinen Kopf, mit weiterhin geschlossenen Augen in die Nackenlehne des Zugsitzes. Des Zuges, der mich nach Konoha bringt.

Erschrocken reiße ich meine Augen auf und blicke hektisch nach draußen. Oh Verdammt noch mal! In der Tat hat mich dieser Zug nach Konoha gebracht, aber in der Tat war eben jener Zug auch gerade dabei die Türen zu schließen, um meine Zielstation wieder zu verlassen.

„Das darf doch nicht wahr sein, nicht schon wieder!" höre ich einen Mann, einiges Sitze hinter mir fluchen. Wortwörtlich das Gleiche, was auch mir durch den Kopf schießt. Ich stehe zwar noch auf und mache einen Schritt Richtung Gang, allerdings nur um festzustellen, dass sich die letzten Zusteiger an den Türen tummeln und das Gefährt sich langsam wieder in Bewegung setzt.

„Verdammt!" höre ich den Mann von vorher nun neben mir ausstoßen. Ich stehe nun direkt neben ihm und sehe ihn an. Groß, sportlich, blond, azurblaue Augen, einen Koffer, aus dem tatsächlich ein halber Socken rausquillt hinter sich herziehend. Meine eigene Frustration weicht einem amüsierten Grinsen. Er sieht mich nun ebenfalls an, mit einem frechen Grinsen im Gesicht, das kleine Lachfältchen an seinen Mundwinkeln bewirkt.

„Wie's aussieht bin ich nicht der Einzige der verpennt hat, was?" fragt er mich lachend.

„Leider, ja. Das ist mir noch nie passiert. Kennst du dich aus hier? Weißt du wie wir wieder zurückkommen?"

„Hm, der nächste Halt sollte nicht so weit weg sein. Zurück ins Zentrum zu laufen wird einfacher sein als den nächsten, überfüllten Zug zurück zunehmen.." sagt er, während er sich leicht nachdenklich am Kopf kratzt.

Der Mann nimmt gegenüber von mir Platz. Naruto Uzumaki. Zu meiner großen Überraschung ebenfalls Medizinstudent. Allerdings sei er bereits im 10. Semester, also bald fertig, erklärt er mir. Er sei auch neu in Konoha, genau wie ich in diesem Semester hierher gewechselt – was mich wundert, denn je weiter man im Studium ist, desto schwieriger sollte es eigentlich werden, ohne Probleme die Universität zu wechseln. Das Grundstudium unterscheidet sich gewiss nicht sonderlich von Universität zu Universität, im 10. Semester jedoch noch hierher zu wechseln, hier, nach Konoha, erschien mir .. seltsam. Das behielt ich jedoch für mich. Er hat sicher seine Gründe. Vielleicht sagt ja nur mir der Name Uzumaki nichts, vielleicht waren seine Eltern einflussreich. Jedenfalls macht er sehr sympathischen Eindruck auf mich. Fröhlich, offen, extrovertiert.

Als der Zug nach geschätzt 10 min erneut hält, beginne ich bereits an den Worten meiner neuesten Bekanntschaft zu zweifeln. Ob es wirklich nicht mehr Sinn macht mit der nächsten Bahn einfach wieder eine Station zurückzufahren? Ich will nicht unhöflich sein, als Naruto mir zuwinkt und meint, ich solle ihm folgen, er kenne den schnellsten Weg, also zerre ich meine 2 Koffer – Gott sei Dank mit Rollen – hinter mir her.

Etwa weitere 10 min später bereue ich meine Entscheidung. Knappe 30 Grad und Sonnenschein, in Kombination mit ständig vorbeilaufenden Menschenmassen, 2 schweren, unhandlichen Koffern und einem Blondschopf, der voller Energie wirr die Straßen Konohas überquert und entlang spurtet, bringen mich an den Rande meiner Kondition. War das sein Ernst? Das empfand er als angenehmer als verflixte 3 min auf die nächste Bahn zurück zu warten? Ich seufze resigniert auf. Nur um sogleich wieder einen Zahn zuzulegen, bevor ich Naruto aus den Augen verliere. Ich biege um die nächste Ecke, gefühlt auch noch um 15 weitere in dieser Wohngegend in der wir uns befinden, ehe ich anhalte. Naruto steht grinsend vor mir, frisch, als wäre er soeben aus dem Zug ausgestiegen und weist mit einer Hand auf das Mehrparteien Haus vor uns. Ich dagegen sehe aus als hätte ich einen, zwei oder gar drei Marathons hinter mir. Aber als mein Blick auf die Hausnummer fällt muss auch ich erleichtert lächeln.

„Danke, Naruto! Wenigstens konnte ich mir dank dir das Suchen meiner Wohnung sparen!"

„Kein Problem, Sakura-chan. Ich wohne gar nicht allzu weit weg. Hat mich aufjedenfall gefreut, dich kennengelernt zu haben. Wir sehn uns, bis dann!" Er winkt mir zu und auch ich stelle meine Koffer ab und hebe meine Hand zum Abschied. Seltsamer Mann.

Erleichtert darüber, dass sich meine Wohnung, die ich mir mit einem Mädchen teilen würde, „nur" im 3. Stock befindet, schleppe ich mich mitsamt meinen Koffern das Treppenhaus empor. Meine Mitbewohnerin, mit der ich bisher nur Email-Kontakt hatte, wohnt bereits seit 2 Jahren in dieser Wohnung – insgesamt ein wahrer Glückstreffer. Die kleine WG lag nah an der Universität, in einer guten Wohngegend und war für Konoha-Verhältnisse noch recht bezahlbar. Also muss die Mitbewohnerin nur noch nett sein, denke ich mir während mein Finger die Klingel an der Wohnungstür findet. Meine Schlüssel habe ich zwar bereits, aber es wäre doch etwas schräg, einfach so zu einer unbekannten Person in die Wohnung zu treten. Bitte, lass sie sympathisch sein – schießt es mir noch durch den Kopf, als die Tür auch schon aufgezogen wird, und mir eine hübsche, junge Frau schüchtern entgegen lächelt.

„Hallo, du musst Sakura-chan sein. Ich bin Hinata. Es freut mich sehr, dich kennenzulernen..."

Schüchtern und sehr höflich, aber auch unheimlich nett. Hinata Hyuga war ein Volltreffer!

Überall herrscht der Zufall. Laß deine Angel nur hängen. Wo du's am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.), eigentlich Publius Ovidius Naso, römischer Epiker