Das Wochenende ist so viel schneller vergangen als erwartet. Während ich am Freitag nur noch tot ins Bett gefallen bin, um etwas versäumten Schlaf nachzuholen, bin ich am Samstag quasi den ganzen Tag mit Hinata unterwegs gewesen. Sie führte mich durch die Innenstadt, und da ich prompt merkte, dass sie absolut Recht hatte mit dem wechselhaften Wetter – es regnete den halben Samstag wie aus Kübeln – kaufte ich mir auch direkt neue, wetterfestere Schuhe. Besser als die durchnässten Ballerinas, die ich mit nach Hause brachte.

Jedenfalls bricht gerade mein erster Vorlesungstag an. Ich sitze am Frühstückstisch und schiebe mir mein Müsli in den Mund. Ich bin eigentlich seit einer Weile kein Frühstücks-Mensch mehr, aber da ich ohnehin mit Hinata zusammen in die Uni gehen will, esse ich trotzdem. Nach dem heißen Kaffee vor mir gelüstet es mich viel mehr.

Im Kopf gehe ich noch mal meinen Plan für diesen Tag durch. Das mache ich gern, ich plane gerne. Alles. Doppelt und dreifach, wenn es sein muss.

Da ist zum Einen die Begrüßung bei Tsunade, wo ich mich kurzerhand unter die Erstsemestler mischen will, da ich mir das nicht entgehen lassen will. Dafür werde ich zwar die 2. Stunde Neurologie verpassen müssen, aber meine Priorität ist ganz einfach zu setzen in diesem Fall. Idol, Star am Medizin-Himmel gegen ein Thema, über das ich schon zahlreiche Wälzer verschlungen habe? Mit der Aussicht, dass in der ersten Vorlesung meist eh nicht mehr als eine grobe Einführung in die Thematik drin ist? Klare Sache.

Abgesehen davon erwartet mich heute nur noch eine Doppelstunde Biochemie. 4 Vorlesungsstunden Universität, eigentlich ein recht gemütlicher Start in die Woche. Was mir missfällt ist, dass ich gestern durch Hinata erfahren musste, dass es nicht möglich sein wird ein bisschen Geld nebenher im Krankenhaus zu verdienen. Das hatte ich anders geplant. Oder gehofft. Es wäre natürlich das Beste gewesen dort, so nahe am Geschehen, ein bisschen Erfahrung sammeln zu dürfen und dabei mein Konto ein bisschen aufzuhübschen. Aber das Krankenhaus nahm dafür keine Studenten. Gleichzeitig hatte Hinata mir aber erklärt, dass man in den Semesterferien mit etwas Glück einen Praktikumsplatz erwerben kann. Davon gäbe es zwar auch nicht viele, allerdings wäre es auch eine enorme Chance und ein riesen Erfolg, würde man es schaffen. Ganz klar, das kann auch ich nachvollziehen: in unserem Semester befinden sich noch etwa 80 Studenten – recht übersichtlich, wenn man es so betrachtet, aber auch kein Wunder, bei dem Ruf und dem Stand dieser Universität. Bis zum Ende des Studiums könnte sich die Zahl vielleicht sogar noch bis um die Hälfte verringern. Trotzdem haben dann auch jene 40 Medizin-Absolventen den Wunsch, hier in Konoha zu arbeiten – zumindest die meisten von ihnen. Nicht alle, bestes Beispiel dafür ist wohl Hinata. Nichtsdestotrotz wird das Konoha Krankenhaus keine, sagen wir, 30 Studenten jedes Semester aufnehmen, um das zu erkennen muss man kein Genie sein. Eine einfache Rechnung genügt.

Nur die besten, die Elite, hat nach dem Studium eine realistische Chance, hier arbeiten zu dürfen. Das Praktikum wäre also ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Das ist schließlich mein Ziel! Mein Traum! Hier in Konoha, in der Krebsforschung arbeiten. Das Projekt „Praktikum in den Semesterferien" rücke ich erst mal nach hinten in meiner imaginären To-Do-Liste.

Stattdessen komme ich ins Grübeln womit ich sonst noch ein paar Scheinchen verdienen könnte. Kurzerhand frage ich Hinata, ob sie einen Tipp weiß.

„Uhm... Naja weißt du, ich selber habe mir nie wirklich Gedanken gemacht.."

Klar, sie war nicht nur reich, sie war stinkreich.

„.. die meisten Kommilitonen verdienen ein bisschen Geld in Bars und Discos, oder beim Kellnern" fährt sie dann nachdenklich fort.

„Ich weiß nicht, das ist nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt habe.." gebe ich zu. Ich bin vielleicht nicht wirklich schüchtern – nicht so sehr wie Hinata auf jeden Fall. Aber ein Job, bei dem ich auf das Trinkgeld anderer angewiesen bin, sieht mir in meinem Fall nicht so erfolgsbringend aus. Ich flirte nicht gerne, um nicht zu sagen, dass ich es schlichtweg nicht kann. Zudem noch die späten Arbeitszeiten, da könnte ich mich schon durchkämpfen, aber richtig ideal wäre es nicht für mein Studium. Ich sehe Ino bildlich in meinem inneren Auge auf und abhüpfen, mich anschreien, dass das genau richtig wäre um meinen Allerwertesten auch nach Abenddämmerung noch aus dem Haus zu schwingen. Das wäre definitiv ein Nebenjob, der zu ihr passen würde und nicht zu mir. Nach einer kurzen Pause ergreift Hinata erneut das Wort:

„Du hast Recht. Weißt du, eine Idee hätte ich noch, Sakura-chan. Die Stadtbibliothek sucht immer noch nach Aushilfen. Ich bin öfters dort und habe erst kürzlich wieder gesehen, dass sie noch suche-"

"Das ist perfekt, Hinata! Danke! Ich werde direkt nach der Vorlesung vorbeischauen!" ich klatsche in die Hände. Hoffentlich klappt es, denn mit Büchern kann ich, nach dem Krankenhaus-Job, wahrscheinlich noch am besten leben.

Freudig blicke ich auf meine Uhr. 10:48 Uhr. Die erste Stunde Neurologie habe ich so gut wie hinter mir. Wie erwartet werde ich auch in der 2. nicht das meiste verpassen, die Professorin war immer noch dabei das typische Anfangsgerede zu predigen. Noch eine knappe viertel Stunde. Nur noch 3 Minuten.

Noch bevor die arme Professorin ihr Wort zur Pause vollständig beendet hat stehen schon die ersten Studenten auf und verlassen den Hörsaal. Nach kurzer Verabschiedung von Hinata tu ich es ihnen jedoch gleich, packe meine Tasche, hänge sie mir um die Schulter und verlasse eilig den Raum.

Mein Weg führt mich zum größten Raum des Universitätsgebäudes: Die Aula. Ich stelle erleichtert fest, dass die Personen, die langsam die Räumlichkeit betreten, keineswegs alle Erstsemestler sind. Gut, hier werde ich also nicht weiter auffallen. Sogar Journalisten und Fotografen haben in den hintersten Reihen des Saals Platz genommen. Ich frage mich, ob sie auch darüber einen vermeintlich interessanten Artikel zusammenbasteln werden. Ich höre, dass nach mir immer mehr Leute den Saal betreten, wohl auch Professoren und Mitarbeiter der Universität – jedenfalls erscheinen mir manche als zu alt, um tatsächlich noch als Studenten durchzugehen. Ich finde einen Platz im vorderen Drittel des Raumes und richte meine Aufmerksamkeit auf die Personen, die vorne an dem Rednerpult noch das Mikrofon überprüfen.

„Guten Morgen liebe Stadtväter, liebe Presse, liebe Eltern, und vor allem willkommen liebe Studenten!

Ich begrüße euch im Namen der Fachschaft Medizin der Universität Konoha's.

Die meisten von euch haben jetzt die erste Hürde erfolgreich gemeistert - die Immatrikulation. An der Universität Konoha werdet ihr studieren und wachsen - an euch selbst und an den Herausforderungen, die euch begegnen werden. Heute beginnt für euch Studenten des ersten Semesters ein wichtiger, neuer Lebensabschnitt."

Ich fiebere bei jedem Wort Tsunade's mit, als ob es meine Luft zum Atmen ist. Diese Frau, die so selbstbewusst und stark vor diesem voll gefüllten Aula-Saal steht und durch die Runde blickt, als würde sie die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen sofort durchschauen. Ich hänge förmlich an ihren Lippen, versuche jedes Wort ihrer Rede aufzusaugen.

„Ihr solltet euch fragen, ob ihr mutig genug seid als Ärzte Risiken in Kauf zu nehmen. Auch wenn das nur bedeutet, kritisch im Umgang mit euch selbst und euren Kollegen zu sein. Als Arzt werdet ihr Verantwortung tragen, für euch und für eure Entscheidungen."

Es ist, als brennen sich ihre Worte direkt in mein Gehirn. Ich wünsche mir eines Tages mein medizinisches Wissen und Handwerk so sehr zu beherrschen, wie Tsunade-sama.

„Einzelne werden schon jetzt darauf stolz sein, in Konoha, an dieser forschungsstärksten und meist respektierten Universität des Landes, eingeschrieben zu sein."

Und wie stolz ich darauf war! Ich würde nie offen damit angeben wollen, trotzdem bin ich mir bewusst, dass sich meine harte Arbeit und konstante Leistung mit der Annahme an dieser Universität bezahlt gemacht haben. Das ist mehr als ein Lob. Das ist in erster Linie auch viel Glück, dass mich bis hierher begleitet hat.

Tsunade's Rede endet für meine Geschmack viel zu schnell. Ein Blick auf meine Armbanduhr verrät mir, dass diese gefühlte 10 Minuten in Wirklichkeit viel mehr eine gute halbe Stunde gewesen sind. Nach ihr betreten weitere wichtige Persönlichkeiten, unter anderem der Bürgermeister, die „Bühne" und halten kurze Reden zur Begrüßung der neuen Studenten.

Es ist ziemlich genau 13 Uhr, als ich den Hörsaal schließlich – extra langsam, um Tsunade noch zu beobachten, bis sie aus dem Raum hinaustritt – Richtung Mensa verlasse. Mit dem Essen in der Hand dauert es eine ganze Weile bis ich schließlich Hinata in der großen Kantine ausmachen kann. Zu meiner Überraschung sitzt auch Naruto bei ihr und scheint sie bestens zu unterhalten. Nun, das vermute ich nur, aber selbst von hier kann ich sehen, dass Hinata's Gesicht in etwa die gleiche Farbe hat wie die Tomatensuppe auf meinem Tablett. Ich gehe langsam auf sie zu und hoffe, dass ich die beiden nicht störe. Woanders will ich aber eigentlich auch nicht Platz nehmen, schließlich haben wir ausgemacht, dass wir uns hier treffen.

„Hey, Hinata, Naruto!" mit einem Lächeln im Gesicht setze ich mich auf den Stuhl neben meine neue, schwarzhaarige Freundin. Ich denke, ich darf sie als solche bezeichnen, auch wenn wir uns eigentlich erst 4 Tage lang kennen. Es fühlt sich richtig an, sie als Freundin zu bezeichnen.

„Hey, Sakura-chan! Du schwänzt schon am ersten Tag eine Vorlesung? Hätt ich nicht gedacht! Vielleicht hätte ich statt der ersten Stunde auch besser noch ein bisschen ausgeschlafen." Begrüßt mich Naruto belustigt. Als ob er es unterstreichen will, hängt er nach dem letzten Satz noch ein gedehntes Gähnen an. Ich erkläre ihm, wo ich stattdessen herkomme.

„Tsunade, hm? Kann nicht verstehen warum die Leute bei ihr immer so verrückt werden.. diese alte, strenge-..." er hält von selber inne und sieht dabei leicht ertappt aus.

Ich blicke ihm fragend entgegen, wahrscheinlich genau so fragend wie Hinata neben mir. Bevor ich es tun kann, fragt sie ihn schüchtern, ob er sie denn kennt.

„Ich - äh – nein.. man hört es aber doch überall. Tsunade hier, Tsunade da. Dabei kommt sie mir gar nicht soo toll vor. Wisst ihr was ich mein? Naja, jedenfalls denke ich, dass dieser Hype um sie übertrieben ist.." er redet viel zu schnell. Wäre es nicht mein absolutes Vorbild, das er damit gerade beleidigt, wäre mir das vielleicht auch eher aufgefallen. So zuckt jedoch nur meine rechte Augenbraue gefährlich auf und ab. Bevor ich ihm dazu meine Meinung geige, wechsle ich das Thema, ich will schließlich nicht mit ihm streiten.

„Also Hinata, nach dem letzten Block werde ich dann gleich mit der nächsten Bahn bis zur Bibliothek fahren und mich dort vorstellen. Soll ich auf dem Heimweg etwas zu essen besorgen?"

Während Hinata meine Nachfrage bejaht und wir uns auf chinesisch einigen, mischt sich auch Naruto wieder in unser Gespräch: „Wie? Die Stadtbibliothek? Bei Jiraya?"

„Ah, ja, ich glaube so hieß der Mann, der die Stellenanzeige aufgegeben hat." Stimme ich Naruto zu.

„Jiraya, dieser alte Perversl-.. Egal, er ist auf jeden Fall der Chef in dem Laden. Ich hab's zwar nicht so mit Büchern, aber der Schuppen ist schon ziemlich beeindruckend."

Nicht genau wissend, was ich Naruto darauf entgegnen soll, höre ich ihn noch darüber lästern, dass er kaum glauben kann, dass „der alte Sack es so weit gebracht hat."

Ich mustere ihn erneut skeptisch. Er kennt sowohl Jiraya, als – vermutlich – auch Tsunade. Dabei ist er doch anscheinend genau wie ich neu hier.

„Kennst du ihn den schon lange? Jiraya?" frage ich ihn, dieses mal direkter. So kann er meiner Frage schlechter ausweichen. Statt einer schnellen Antwort höre ich ihn jedoch zunächst sehr künstlich und nervös lachen.

„Nein, nein.. Äh, weißt du, ich war früher schon öfter mal in Konoha – Sasuke besuchen und so.. er kennt ihn. Sasuke kennt Jiraya, er ist öfters in der Bibliothek." Was Naruto da vor sich hinstammelt hört sich halbwegs plausibel an, seine Gestik und Mimik machen ihn jedoch verdächtig. Vielleicht hat Naruto ja auch wirklich nur gute Beziehungen? Vielleicht kennen seine Eltern diese wichtigen Persönlichkeiten Konoha's persönlich?

Ein Blick auf die Uhr veranlasst mich und Hinata unsere Taschen zu schultern und mit den Tabletts in der Hand langsam Richtung Vorlesung zu gehen. Naruto ist nach der etwas gewöhnungsbedürftigen Unterhaltung aufgestanden und hat sich einen zweiten Teller Mensa-Essen geholt, den er nun noch in Rekordzeit zu Ende verschlingt.

„Sag mal, kommt dir Naruto's Verhalten auch so.. komisch vor?" frage ich Hinata während mein Seitenblick immer noch auf dem essenden – oder fressenden – Naruto liegt. Meine Worte lassen Hinata wieder die Röte ins Gesicht schießen und verstohlen schielt auch sie zu dem blonden, jungen Mann.

„Wie – was meinst du? Dass er so viel isst?" stottert sie schüchtern. Nun, das meine ich nicht. Eigentlich. Aber ich frage nicht weiter nach. Vielleicht breiten sich bei mir auch einfach nur ungeahnte, völlig übertriebene Detektiv-Gene aus. Ich sollte dringend damit aufhören immer mehr in Sachen rein zu interpretieren, als es wirklich gibt.

Biochemie verläuft ganz ruhig und geordnet. Auch hier bekommen wir erst einen Überblick über die Lehrveranstaltung, bevor wir noch am Rande richtig in das Thema einsteigen, und da sind die zwei Vorlesungsstunden auch schon wieder vorbei.

Mit einem schmalen Lächeln im Gesicht, einfach nur, weil alles so gut läuft bis jetzt, verlasse ich das Uni-Gebäude, dieses Mal ohne Hinata. Ein Blick auf meine Uhr lässt meine Füße etwas schneller gehen, damit ich die nächste Bahn auch sicher noch erwische. Ich muss mich kurz am Fahrplan orientieren, um nicht doch Ausversehen in die falsche Richtung zu fahren – wie gesagt, meine Orientierung ist nicht gerade eine Eins mit Sternchen.

Erfreut betrachte ich das riesige, alte Gebäude, das sich vor mir erstreckt. Von außen erinnert es an ein Museum, oder an ein altes Herrenhaus. Es hat auf jeden Fall einen altertümlichen Charme, der mir sofort gefällt. Ich steige die flach-ansteigenden Treppen zu der großen Doppeltür empor, um sogleich einzutreten. Von innen erstaunt mich der Anblick nur noch umso mehr. Bücher über Bücher, gefolgt von noch mehr Büchern. Außerdem richtet sich mein Blick sofort nach oben. Es ist, als ob das ganze Gebäude ein einziger, riesiger, rechteckiger Raum ist. Es gibt eine zweite Ebene, die man über die große, breite Treppe in Mitten des Raumes erreicht, allerdings umfasst der zweiter Stock nur noch Boden entlang der Wände, versehen mit lediglich Regalen entlang der Wand. In der Mitte ist der Raum also offen bis hin zur Decke, die gefühlt bestimmt 8m über mir liegt. „Wahnsinn.." murmle ich vor mich hin, während ich mich einmal um meine eigene Achse drehe. Bücher soweit das Auge reicht. Ab und zu sehe ich große, hölzerne Schilder mit Aufschriften wie „Geschichte, Biologie, oder Politik". Einige Leute, darunter garantiert viele Studenten, tummeln sich leise zwischen den Regalen. Das hier ist schlichtweg nicht zu vergleichen mit der Stadtbibliothek aus meiner Heimat. Die umfasst vermutlich nicht mal ein Zehntel der hier stehenden Bücher. Ich stehe direkt vor einem Regal-Gang und muss feststellen, dass ich es nicht mal schaffe an die Bücher des obersten Regalbrettes zu gelangen ohne Stuhl.

Dann erinnere ich mich daran, dass ich hier etwas zu tun habe. Ich hole schnell die Stellenanzeige aus meiner Tasche, die ich mir gestern noch vorsorglich ausgedruckt habe – die Annonce befindet sich auch auf der Website unserer Universität. Mit dem Zettel in der Hand bewege ich mich auf linke Seite des Raumes zu, wo sich der quadratische „Empfangsschalter" der Bibliothek befindet. In dem Bürostuhl dahinter tippt ein Mann etwas in seinen Rechner ein. Er hat schwarze, kurze Haare und eine abgedunkelte Brille auf der Nase. Auch als ich direkt vor ihm stehe schenkt er mir keinerlei Aufmerksamkeit. Etwas genervt sehe ich auf das Namensschild auf seinem schwarzen Hemd – Shino Aburame. Er wirkt kaum älter als ich, warum mich sein ignorierendes, unhöfliches Verhalten noch mehr ärgert.

„Entschuldigen Sie, Herr Aburame." Das Klackern der Tasten hört auf, er schaut auf. Nichts – keine Begrüßung gar nichts. Nur zwei dunkle Brillengläser, die in meine Richtung blicken.

Ich atme etwas lauter als nötig aus und fahre fort: „Ich würde gerne mit Jiraya-san reden. Es geht um die Stellenanzeige." Um es noch zu verdeutlichen hebe ich den Zettel in meiner Hand in die Höhe.

„Da hinten ist sein Büro." Bekomme ich als Antwort von dem jungen Mann vor mir. Die Zähne zusammenbeißend wende ich mich von ihm ab und gehe an ihm vorbei in Richtung der Tür. Ich höre Stimmen durch die recht massive Holztür, relativ laut - streiten sich die Leute da drin?

Meine Hand schon angehoben halte ich nun doch inne. Ich überlege kurz, aber bevor ich hier noch ewig rumstehe und dem tippen der Tasten von Shino lausche, klopfe ich doch zaghaft an die Tür. Die Geräuschkulisse von drinnen verstummt, ehe ich eine Stimme höre, die mich hereinbittet. Hinter einem großen, dunklen Schreibtisch aus Holz sitz ein Mann mit recht wilder, langer Mähne aus grauen Haaren. Jiraya. Vor dem Schreibtisch, mit dem Rücken zu mir steht kein Geringerer als Sasuke Uchiha. Die Hände hat er auf dem Schreibtisch abgestützt, seine ganze Körperhaltung ist in Richtung Jiraya geneigt. Obwohl ich sein Gesicht nicht sehe erkenne ich die Spannung zwischen den Beiden. Ich bereue es geklopft zu haben. Hätte ich mich nur noch ein wenig in der Bibliothek umgesehen! Verdammt!

Meine Unsicherheit verfliegt jedoch von dem einen Moment auf den anderen. Ich sehe Wie Jiraya mich mustert und dann mit einem dümmlichen Grinsen zu .. Kichern?... anfängt.

„Hübsches Fräulein, treten Sie ruhig näher! Setzen Sie sich, wie kann ich Ihnen helfen?"

Ich blicke ihn ungläubig an – Was?

Sasuke hat sich inzwischen umgedreht. Auch er sieht mich an, so seltsam, wie bereits bei unserem ersten Aufeinandertreffen. Ich bringe den beiden Herren eine kurze, höfliche Begrüßung entgegen. Von Sasuke wieder nur ein Nicken, gemischt mit etwas anderem auf seinem Gesicht – Misstrauen? Ich fühle mich unwohl unter seinem Blick, genauso unwohl wie unter der Musterung Jirayas. Narutos Worte von vorhin kommen mir in den Sinn: Alter Perversling. Vielleicht hatte der Chaot ja Recht.

Sasuke verabschiedet sich knapp von Jiraya, mit lediglich drei Worten, „Ich komme wieder." Danach verlässt er das Büro. Als er an mir vorbeischreitet sieht er mich noch mal kritisch an. Was ist nur los mit ihm? Unbehagen breitet sich in meinem Körper aus, gemischt mit einem Kribbeln auf meiner Haut, als er leicht meinen Arm mit seinen Kleidern streift. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt komme ich Jirayas Anweisung endlich nach und nehme auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz.

Im Endeffekt hat dieser seltsame alter Herr, mit einem Grinsen über das ganze Gesicht, mir schon nach den ersten zwei Minuten den Nebenjob zugesagt. Je mehr Blödsinn er von sich gibt, von wegen „hübsche, junge Ladys seien hier stets Willkommen", desto missfälliger wird meine Gesichtsausdruck. Ich versuche gar nicht erst zu verstecken, dass ich nicht angetan von seinen Witzeleien bin. Er erklärt mir, dass es für diesen Nebenjob hauptsächlich darum geht, Leuten helfen zu können wenn sie Beratung brauchen – was natürlich einen guten Überblick über die Bücher dieser Bibliothek voraussetzt, und zum anderen, beim routinemäßigen Annehmen und Ausgeben der Bücher zu helfen, sie wieder richtig einsortieren und was sonst noch so anfällt. Im Endeffekt genau das, was ich mir schon gedacht habe, was ich mir auch gewünscht habe. Noch perfekter ist die Tatsache, dass Jiraya mir zunächst die Freiheit lässt, mir die 10 Stunden Arbeitszeit in der Woche selber einzuteilen. Sollte er mich zu einem bestimmten Zeitpunkt, oder an einem bestimmten Tag brauchen, würde er mir vorneweg Bescheid sagen. Bis auf die etwas zu aufdringliche Art von Jiraya ist das hier ein absoluter Jackpot für mich. Ich meine, er macht es zwar auf eine lockere Art und Weise – nicht beängstigend – und trotzdem erntet er bei mir dafür kritische Blicke.

„Ha, weißt du Sakura, du erinnerst mich erstaunlich an Tsunade! Dieser verurteilende Blick, die sturen Augen, und vor all-"

„Sie kennen Tsunade-sama?" entfährt es mir sofort. Mit großen Augen sehe ich ihn an.

„Natürlich! Die alte Schachtel ist so was wie meine gute Freundin seit Kindertagen. Obwohl sich unsere Freundschaft seit geraumer Zeit vor allem durch Alkohol äußert. Sie trinkt wirklich viel zu viel.." erklärt Jiraya und kratzt sich dabei an der Wange.

Ich weiß nicht, ob es mich mehr schockiert, dass sich die Gerüchte über Tsunades Alkoholkonsum dadurch bewahrheiten, oder, dass Tsunade tatsächlich in etwa so alt sein muss, wie dieser grauhaarige Mann vor mir.

Nächste Woche solle ich anfangen zu arbeiten. Wir vereinbaren, für die erste Einweisungen und Einführungen, Dienstag, 18Uhr als Start.

Auch der Zufall ist nicht unergründlich -

er hat seine Regelmäßigkeit

Novalis (1772 - 1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg, deutscher Lyriker