Kapitel 2: Wiedersehen

Draco währenddessen machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Es trennten sie
nur weitere fünf Schritte voneinander. So wie er jetzt vor ihr stand machte es
den Eindruck des Selbstverständlichen Auftretens in ihrem Zimmer. Nah genug um selbstbewusst zu wirken, jedoch noch weit genug entfernt um ein wenig Spielraum zuzulassen. Endlich
öffnete sie die Augen. Ihr Blick war direkt auf ihn gerichtet, anderes war es auch gar nicht mehr möglich so wie er dastand. Zuerst glaubte
er sie würde ihn gar nicht registrieren, weil es schien als sähe sie direkt durch ihn hindurch. Aber sie brauchte nicht sehr viel länger um ihn
zu erkennen und die Situation in der sie sich befand. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte sie ihn ungläubig an.

»Wie ...?«

Sie brachte nicht zu Ende was sie hatte sagen wollen. Geistesgegenwärtig griff sie nach ihrem Zauberstab auf ihrem Nachttisch und brachte
möglichst viel Abstand zwischen sich und ihn. Die Tatsache, dass sie jetzt einen
Zauberstab hatte machte sie sicherer in ihrem Auftreten, trotzdem sah man ihr an
was sie fühlte. Sie hatte Angst. Ihre Stimme zitterte. Und es war offensichtlich dass sie sich nicht erklären konnte wie er in ihr Zimmer gekommen sein mag. Zum Teufel, er selbst hätte es sich auch nicht erklären können. Es lag nichts Ungewöhnliches in ihrer Reaktion.

»Wie… Was machst du hier?«

Es verschlug ihr beinahe die Sprache wie sie ihn so vor sich stehen sah.

Draco zuckte mit den Schultern und ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern ehe
er ihn wieder auf Hermine richtete. Weniger um sie verunsichern zu wollen als der Unschlüssigkeit wegen. Was sollte er ihr schon sagen können. Die Wahrheit war schwer zu begreifen und für eine Lüge fehlte ihm der Enthusiasmus.

»Um ganz ehrlich zu sein… Ich weiß nicht was ich hier soll, aber ich bin nun
mal hier gelandet«, erwiderte er gleichgültig.

Von einer derartigen Verkündung war Hermine total verblüfft. Einen Augenblick
lang war sie einfach nur überrascht. Doch als Draco sich wieder in Bewegung
setzte verengte sie ärgerlich ihre Augenbrauen und erhob nochmals drohend ihren
Zauberstab.

»Rühr dich nicht vom Fleck! Was willst du?«, wiederholte sie ihre Frage. Nachdrücklicher dieses Mal.

Draco dachte darüber nach ihr eine Lüge aufzutischen. Jedoch fiel ihm nichts
einleuchtendes ein. Also entschied er sich für die Wahrheit, so unglaubwürdig
diese vielleicht auch sein mochte. Zuerst aber musste er ihr klar machen das er
keine Gefahr für sie darstellte. Eine nicht gerade viel versprechende Möglichkeit aber wohl die einzig durchsetzbare.

»Ich hab nicht vor dir etwas anzutun.«

Sein Tonfall sollte beruhigend sein, erzielte aber nicht die gewünschte Wirkung.

Hermine zog daraufhin nur skeptisch eine Augenbraue hoch und zeigte ihm somit wie wenig Glauben sie seinen Worten schenkte.

»Sieh mal, versuchte er ruhig da zu erklären, ich hab noch nicht einmal einen Zauberstab.«

Er hielt ihre die Handflächen entgegen um ihr dies noch näher zu verdeutlichen und ihr zu zeigen, dass er die Wahrheit sprach. In Hermine arbeitete es auf Hochtouren. Sie glaubte ihm zwar nicht, sah aber dass er unbewaffnet war. Vielleicht ein Fortschritt in seinen Bemühungen.

»Okay…, meinte sie gedehnt. Ich will trotzdem wissen warum du hier bist.«

»… man hat mich zu dir geschickt-…«

Hermine unterbrach ihn sofort ungehalten.

»Also doch!«, ihre Worte waren mehr ein triumphierender Aufschrei als irgendetwas anderes.

»Nein. Jetzt hör mir doch zu. Ja, man hat mich geschickt aber nicht Voldemort,
wie du vielleicht denken magst.« Es gefiel ihm nicht dass er sich nun fast dazu herab ließ einen bettelnden Ton in seine Stimme zu legen, den sie noch nicht einmal zu bemerken schien.

»Ach ja?« Ihre Augen blitzen ihn immer noch abweisend und ungläubig an. Aus jeder Faser ihres Körpers schien ihre Abweisung überdeutlich zu ihm abzustrahlen. Es brachte ihn um den Verstand in was für einer surrealen Welt er sich gerade befand. Es sollte nicht möglich sein dass er hier stand und doch nicht mehr lebte. Es sollte nicht nötig sein sicher vor ihr rechtfertigen und beweisen zu müssen. Himmel, dann sollte seine Seele eben im Niemandsland versauern. Alles war besser als hier und jetzt durch dieses Chaos zu schreiten.

»Ach ja! Ich bin tot Hermine! Ich sollte nirgendwo mehr sein. Aber man hat mich
noch einmal hier her geschickt. Zu dir. Ich werde dir sicher nichts tun. Warum
sollte ich auch? In einem Monat werde ich mich in Luft auflösen und dann ist es
als wäre ich nie da gewesen.

Können wir uns damit anfreunden dass ich sowieso bald nicht mehr existiere? Man
hat mich zu dir geschickt in der Annahme ich könnte meine Aufgabe mit deiner
Hilfe erledigen aber… nun ja, vergessen wir das einfach mit der Hilfe.

Du brauchst dir keine Sorge zu machen, ich werde dir aus dem Weg gehen
und die anderen werden gar nicht wissen, dass ich da gewesen bin, denn du bist
die einzige die mich sehen kann. Ich bin ein Geist, nun so etwas wie ein Geist.«

Draco hatte sich dermaßen in Rage geredet das er jetzt Luft holen musste. Es war aus ihm heraus gebrochen ehe er sich darüber im Klaren war das er explodieren würde. Erhitzt verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass sie ihn nun verfluchte oder etwas anderes tat das ihn von diesem Ort befreien würde.

Hermine hingegen wusste nicht was sie denken, glauben und geschweige denn sagen sollte.
Als er sie Hermine nannte war sie zusammen gezuckt. Darüber hinaus hatte sie
den Sinn seiner Worte erst als er geendet hatte begriffen, doch wirklich Sinn
machen wollten sie nicht. Sie spürte noch den Nachklang seiner Worte aber sie waren weitab von der Wirklichkeit des Möglichen.

Sprachlos stand sie einfach da. Den Zauberstab in ihrer Hand auf den
Fußboden gerichtet, nicht länger in Abwehrhaltung ausgerichtet. Wenn er doch tot war wie er sagte, dann würde ein Fluch nichts bringen. Toter als tot funktioniert schließlich nicht, nicht wahr? Doch wie konnte ein Toter überhaupt so lebendig und leibhaftig vor ihr stehen?

»Wie soll ich dir das nur glauben?«, flüsterte sie tonlos.

Hermione konnte nicht noch mehr ertragen. In den letzten Monaten war zu viel
geschehen, zu viel hatte sie durchmachen müssen. Mehr als sie hatte verarbeiten können. Und das war die Krönung. Oder drohte sie endgültig den Verstand zu verlieren? Draco Malfoy, einer ihrer Feinde stand in ihrem Schlafzimmer und behauptete er sei tot und nur deshalb hier bei ihr an diesem Ort. Aus welchem Grund auch immer.

Ihr Leben glitt ihr aus den Händen.
Harry war tot.
Ron war tot.
Dumbledore war tot.
Und mit ihnen allen war ihre Hoffnung gegangen. Genauso tot wie alle diese Menschen, die ihr Leben hatten lassen müssen.

So viele andere waren gestorben. So viele die niemals mehr zurückkehren würden. Bei der Schlacht um Hogwarts im letzen Jahr war es passiert. Die Todesser kamen wie aus dem
Nichts. Niemand war darauf vorbereitet gewesen. Es war ein herber Schlag für
alle gewesen. Hermine sah immer noch die Bilder vor sich ablaufen. Immer wieder
musste sie mit ansehen wie ein grüner Lichtblitz auf Ron zuraste, wie er leblos
zu Boden fiel. Harry wie er tot am Boden lag, auf dem kalten Steinboden des Astronomieturms. Immer wieder sah sie seine leeren Augen. Dumbledore wie eine Marionette mit
durchgeschnitten Fäden hatte man am Fuße des Astronomieturmes gefunden. Die
Beerdigung. Sie hatte damals durch den Tränenschleier nicht durchblicken
können. Wieder überrannte sie eine Welle des Schmerzes. In den Letzten Wochen
hatte sie gemeint es verdrängen zu können. Nur verdrängen nicht überwinden. Mit dem Auftauchen von Malfoy kamen die Erinnerungen hoch. Er war schuld. Malfoy war an allem Schuld. Und jetzt stand er hier. Unverwundet und scheinbar tot. Aber warum? Warum hatte er die Möglichkeit noch einmal zurück zu kehren wenn Ronald es nicht konnte. Wenn Harry es nicht konnte. Das war nicht fair.

Draco beobachtete mit Unbehagen wie Hermines Blick sich ständig wandelte. Zu
Beginn war er in die Ferne gerichtet und dann plötzlich legte er sich auf ihn,
voller Zorn funkelnd, tosend und unbezähmbar in ihrer Wut . Tränen glitzerten in ihren Augen.

»DU! Es ist alles deine Schuld. Hättest du nicht die Todesser nach Hogwarts
gelotst wären sie noch am Leben! Harry, Ron und all die anderen die
umgekommen sind. Sie würden alle noch leben!«

Der Hass auf ihn troff aus jedem ihrer Worte. Draco konnte ihr nur schockiert
entgegen blicken. Er hatte nicht gewusst das ihre beiden besten Freunde tot
waren, ihr aller Hoffnung auf ein besseres Leben genommen wurde. Es bestürzte ihn wie wenig dazu gehörte um die Hoffnung so vieler Menschen zu brechen. Für ihn selbst war es ein Schlag ins Gesicht.

Er wollte sich jedoch nichts vormachen. Früher hätte es ihn auch nicht im Geringsten interessiert. Aber jetzt tat es ihm Leid. Leid um sie, um Hermine. Leid um die Zukunft aller
Zauberer und Hexen. Ja, es war alleine seine Schuld aber er hatte das nicht
gewollt! Er war geflohen und war monatelang auf der Flucht gewesen, hatte
monatelang in seinem Versteck ausgeharrt bis ihn die Todesser fanden und
töteten. Es war ein Befehl gewesen, den er nicht hatte umgehen können. Wenn nicht er es gewesen wäre dann jemand anderes. Doch jetzt wünschte er sich aufs sehnlichste dass nicht er es gewesen wäre.

Hermine ließ den Zauberstab achtlos zu Boden fallen. Voller Zorn stürzte sie sich auf Draco und schlug mit ihren bloßen Fäusten auf seine Brust ein. Sie musste voll
ungeheurer Verzweiflung sein. Sie hätte ihn zu Boden gestreckt wenn ihre Kraft nicht an ihm verpuffen würde.

»Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld, du …bist
...schuld,…«

Immer wieder schlug sie zu. Doch Draco fühlte den körperlichen Schmerz nicht. Ihre Fäuste prallten an ihm ab wie von einer Wand, die wie eine Hülle um ihn gezogen war. Nur ihre seelischen Schmerzen konnte er nahezu greifen und diese bereiteten ihm
wiederum Schmerz. Vielleicht mehr als ihre Körperkraft dies überhaupt geschafft hätte. Nach und nach wurden ihre Schläge schwächer, die Schuldzuweisungen leiser
bis sie gänzlich verstummten und in herzzerreißendes Schluchzen übergingen.
Wie von selbst schlossen sich seine Arme um sie. Sich nicht völlig sicher ob das das Richtige war. Es war nur ein solch hilfloses Gefühl sie so verloren inmitten allen ihren Elends stehen zu sehen. Hermine fühlte sich zu jämmerlich um ihn abzuweisen und zu tröstlich fühlte sich seine prickelnde Wärme an. Die Luft um sie herum schien bei seiner Berührung zu flirren.

Einfach nur einen kurzen Moment vergessen können, der Realität entfliehen.
Nicht denken müssen. Sich einfach nur an jemanden anlehnen und festhalten lassen. Wie lange schon verzichtete sie darauf.

»Hermine? Ist alles in Ordnung?«

Die Stimme ertönte aus dem angrenzenden Zimmer und wirkte seltsam distanziert und so fehl am Platz wie noch nie.

»Blaise« Hermine murmelte in Dracos Hemd hinein und löste sich hastig von
ihm. Das war eine seltsame Begegnung der dritten Art, darin war sich Hermione sicher.

»Einen Augenblick nur, ich komme gleich.«, rief sie mit schwankender Stimme.

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und fuhr sich durch Haar. Sie sah
Draco an. Sie war zu aufgelöst um sich ganz klar im Kopf zu werden.

»Ich meine nicht dass ich das tatsächlich sage, aber ich will dir glauben. Du
musst mir nicht aus dem Weg gehen, du kannst mich begleiten, das letzte was ich
jetzt will ist alleine sein und wenn ich dir jedes deiner Worte glauben kann
dann kann dich nur ich sehen und kein anderer, richtig? Und wenn du mir hättest
etwas antun wollen dann wäre das längst geschehen?«

Mit verzogenen Mundwinkeln, ein Lächeln konnte man es nicht nennen, sah sie zum ihm auf, sich ihrer Worte nicht sicher. Sie war verwirrt und wahrscheinlich geistig nicht mehr intakt. Das war ihre Erklärung, eine andere könnte noch folgen. Aber welchen Schaden konnte ihr eine Einbildung schon bringen?

»Richtig… und Hermine… es tut mir Leid was passiert ist.«

Hermine rang um Fassung. Sie wollte glauben was sie da sah und hörte. Es fiel schwer und dabei sah er sie so voller Reue und Mitgefühl an.

»Es… schon gut…ich meine es ist nicht gut aber…es bringt sie nicht mehr
zurück.«

Sie drehte sich weg von ihm, verwirrt und nicht sicher ob sie noch lange seinem Blick standhalten könnte ohne verrückt zu werden.

»Ich muss mich fertig machen, der Unterricht fängt bald an.«, schloss sie verstört.

Damit nahm sie ihre Schuluniform aus dem Kleiderschrank und verschwand im
Badezimmer. Nur wenige Minuten später kam sie wieder in ihre Tageskleidung eingehüllt heraus. Dieses Mal mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen, dass niemanden außer ihr selbst galt, aber immer noch blass.

»Na los ich brauche doch noch einen endgültigen Beweis damit ich dir glauben kann.«

Gemeinsam gingen sie aus dem Zimmer in den Gemeinschaftsraum der Schulsprecher.
Dort wartete Blaise schon ungeduldig auf einem der Sofas auf Hermine. Als er sie sah stand er auf und kam ihr entgegen.

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände. Ein besorgter Ausdruck lag in seinen Augen. Aber Draco traute dem nicht, denn dieser Gesichtsausdruck schien dort nicht hinzugehören. Blaise konnte das gut, Menschen manipulieren oder ihnen etwas vorspielen. Manchmal war es Draco noch zu Lebzeiten schwer gefallen in Blaise etwas deuten zu wollen.

»Ist auch wirklich alles in Ordnung? Ich meine ich hätte dich vorhin weinen
hören.«

Mit dieser Vermutung hatte Blaise nicht Unrecht. Hermines Augen waren immer noch
ein wenig gerötet und verrieten ihren emotional labilen Zustand aber sie wimmelte ihn ab.

»Unsinn. Warum sollte ich weinen?«

Ihr Versuch alles abzustreiten scheiterte kläglich. Sie hatte unmöglich daran glauben können dass das funktionierte.

»Du siehst aber so aus als hättest du geweint.«

»Ach nein Blaise. Ich habe einfach nur zu wenig Schlaf gehabt. Das ist
alles.«, sagte sie in matten Ton.

Blaise schien mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden sah aber nicht die
Möglichkeit Hermine die Wahrheit zu entlocken. Die vertraute Geste eines Kusses ließ Dracos Mundwinkel verstimmt zucken.

»Komm ich habe nicht vor das Frühstück zu verpassen. Und du solltest auch mal
etwas zu dir nehmen.«

Er zog sie bereits hinter sich her als sie sich noch einmal mit einem verwirrten
Blick zu Draco umwandte.

»Aber… Er hat wirklich nicht gelogen.«

Den letzten Teil flüsterte sie nur noch kaum hörbar. Draco vernahm jedoch jedes ihrer Worte als sei es schwer in die Luft eingebrannt. Blaise hätte Draco sehen
müssen, denn er hatte die ganze Zeit direkt neben ihr gestanden.