Kapitel 4: Ins Bodenlose fallen...

Genauso leer wie ihr Blick war auch ihre Stimme. Ein schauderhafter und toter Klang schwang in ihren Worten wider.

»Bist du stolz darauf?«

Blaise zögerte nicht eine Sekunde. Seine Antwort fiel fest aus doch auch so erzwungen und kompromisslos.

»Natürlich bin ich das.«

»Warum?«

So vieles steckte in diesem einzigen Wort. So vieles wollte beantwortet werden, so vieles mehr das möglich war zu beantworten.

Draco trat aus Hermines Zimmer und stellte sich hinter sie, bereit sie zu
verteidigen falls es nötig sein würde auch wenn er noch nicht wusste wie. Sie bemerkte ihn nicht, rührte sich nicht obwohl ein feines Summen in der Luft lag dass seine Anwesenheit bestätigte. Sie saß einfach da wie die Maus vor der Schlange und wartete auf den Todesstoß.

»Ein Mädchen wie dich habe ich noch nie kennen gelernt. Fast tut es mir schon
Leid. Aber ein Auftrag ist nun mal ein Auftrag. Ich bezweifle, dass du die
Seiten wechseln möchtest.«, beinahe so etwas wie Bedauern lag in der Stimmer des dunkelhaarigen.

Entschieden griff er in seine Tasche aber fand nicht wonach er suchte. Verblüfft hielt er
inne und sah Hermine an. Die Zähne zusammen gebissen presste er einen wüsten Fluch aus.

»Du glaubst doch nicht wirklich dass dir das hilft.«

Von seinen zornigen Ausdruck aufgescheucht erwachte Hermine wie aus einer Trance wieder zu Leben und sprang auf. Panisch stolperte sie von ihm weg. Gehetzt von ihrer Frucht. Als er ihr nachsetzen wollte hinderte ihn Draco daran
und warf ihn zu Boden indem er sich gegen ihn warf. Verblüfft und erleichtert zugleich dass er es schaffen konnte etwas ausrichten zu können. Mit einer solch unvorhergesehen Wendung hatte Blaise nicht rechnen können.

»Was war das?«

Blaise rappelte sich hektisch auf und wirbelte voller Misstrauen herum. Hermine hatte nichts Besseres im Sinn als wieder zu einer Salzsäule zu erstarren.

»Warum?«, wiederholte sie.

Blaise richtete seine Aufmerksamkeit wieder ihr zu, aber er behielt seine
Umgebung argwöhnisch im Blick.

Du weißt mehr als dir gut tut und könntest eine Gefahr für den dunklen Lord darstellen. Du hättest dich ruhig verhalten sollen damit niemand auf dich aufmerksam werden konnte.

Hermine war sich bewusst das sie in den nächsten Augenblicken sterben würde.
Es war ihr egal. Was war ihr denn noch geblieben? War sie nicht schon innerlich
tot?

Draco musste mit ansehen wie Hermine kraftlos in die Knie sank, wie die Hoffnung
sich aus ihren Augen verlor bis sich schließlich jeglicher Lebensfunke
verflüchtigte. Gleichgültig was mit ihr geschehen sollte legte sie alle ihre Kraft aus den Händen.

Zabini kam ihr Schritt für Schritt näher. Er hatte seinen Zauberstab wieder
vom Boden aufgelesen und blieb nur wenige Schritte vor Hermine stehen. Anders
als manch anderer Todesser blickte er nicht mit irrem Blick auf sein Opfer. Er
war einer der wenigen welche bei vollem Verstand handelten und dem Wahnsinn des Tötens noch nicht anheim gefallen waren. Blaise sah es als ein notwendiges Übel zu töten. Er stand hinter seiner Überzeugung, die ihm ein Anker gewesen war.

Er richtete seinen Zauberstab auf Hermione.

»Wirklich schade du bist hübsch und…«

Blaise seufzte resigniert und bedauernd.

»…Avada Kedavra.«

Wie in Zeitlupe sah Draco den grünen Lichtstrahl ausbrechen und auf Hermine zurasen. Bevor er mehr denken konnte als, dass das nicht sein durfte warf er sich dazwischen. Der
Todesfluch traf ihn mitten in die Brust aber dieses Mal hatte er keine
Auswirkungen auf ihn. Hektisch sah er sich nach Hermine um. Sie saß immer noch
da wo sie zuvor schon war. Lebendig. Der Todesfluch war nicht durch ihn durchgedrungen sondern an ihm verpufft.

Blaise bereitete diese Situation sichtliches Unbehagen. Draco baute sich
schützend vor Hermine auf, sich bewusst das Blaise ihn nicht sehen konnte aber bereit sie zu beschützen wenn es nötig sein würde. Ein einziges Mal war er bereit das Richtige zu tun nachdem er solange auf der falschen Seite gekämpft hatte. Etwas gutmachen würde er nicht mehr können, wenigstens jedoch wissen dass er dagegen handeln konnte.

Blaise sprach den Todesfluch erneut aus. Nichts geschah. Hermine verharrte an
ihrem Platz aber nichts geschah. Er zweifelte an seinem Verstand.

»Was zum Teufel geht hier vor sich?«

Blaise sprach im Flüsterton. Man konnte die Fassungslosigkeit deutlich heraus
hören. Er schritt langsam und argwöhnisch näher an Hermine heran. Er
betrachtete sie nun direkt durch Draco hindurch. Er vermutete wohl dass sie einen
Schutzzauber herauf beschworen hatte, fragte sich aber wie sie es in ihrem
Zustand zu schaffen vermochte. Es war offensichtlich dass sie eigentlich nicht
in der Lage war einen solch starken Zauber auszuführen. Draco bereitete sich darauf
vor sofort zuzuschlagen sobald Blaise sich auch nur einen weiteren Schritt
nähern wollte.

Aber soweit kam es nicht. Vor dem Portrait zu den Räumen der Schulsprecher
Ertönt eine jedem Schüler Hogwarts bekannte Stimme.

»Miss Granger? Mr Zabini?«

Es war McGonnagal. Blaise zuckte nicht einmal mit der Wimper als er die Stimme
der Professorin vernahm. Ihr Auftauchen kam sichtlich ungelegen.

»Wir beenden das ein nächstes Mal.«

Mit schnellen Schritten verschwand er in seinem Zimmer. Draco sah noch durch die
geöffnete Tür wie Blaise sich seelenruhig das Hemd anzog und den Umhang
überwarf. In demselben Moment in welchem die Professorin beunruhigt durch das ausbleiben einer Antwort eintrat schwang Blaise
sich auf seinen Besen und flog durch das geöffnete Fenster hinaus auf die
Ländereien Hogwarts.

Professor McGonnagal überblickte die Lage in wenigen Sekunden. Die Details
waren ihr zwar nicht bekannt, momentan aber irrelevant. Blaise Zabini flüchtete
und Hermine war nur noch ein Häufchen Elend. Sie stürzte dem jungen Mann
hinterher erkannte aber dass es bereits zu spät war. Er war bereits zu weit weg um ihn daran zu hindern sich vom Gelände zu entfernen. Sie kehrte ihm den Rücken
und wandte sich vollends Hermine zu. Sie kniete besorgt vor ihr nieder.

»Miss Granger, was ist hier passiert?«

Hermine blieb stumm. Sie hatte bei dem Eintreten McGonnagals nur den Blick
gehoben. Aber in ihm lag kein Ausdruck.

»Miss Granger, ganz egal was geschehen ist, sie müssen es sagen.«

Hermine bewegte die Lippen so als versuche sie Worte zu formen. Dann flüsterte
sie kaum hörbar Worte, die sich ihr aufdrängten. Ihr Pflichtbewusstsein gegenüber den anderen Schülern und den Professoren regte sich. Sie konnte sie nicht im Unwissen lassen. Sie war jedoch nicht fähig es auszusprechen ohne ihre Verletztheit darüber zu zeigen.

»Ein Todesser…er hat mich belogen…nur ein makaberes Spiel…alles… er hat
alles…alles…vorgetäuscht… er…ich…«

Ihr entwich ein kurzes unechtes Lachen am Rande der Hysterie.

»Er war nie ein Freund, hat nie etwas für mich empfunden. Und ich habe ihm
geglaubt, wie dumm von mir.«

Professor McGonnagal sah mit verkniffenen Lippen zu der jungen Frau vor ihr. Das
Mädchen war total verbittert, das Leben meinte es nicht gut mit ihr. Dass Blaise Zabini nicht mehr zu ihnen gehörte war ein Schlag. Hermione war nicht mit gutem zureden aufzubauen, deshalb war die unliebsame Wahrheit das einzige was Professor Mc Gonnagal ihrer Schülerin bieten konnte.

»Miss Granger ich möchte ihnen nicht den Boden unter den Füßen wegziehen
aber ich muss ihnen weitere schlechte Neuigkeiten überbringen, diese können
nicht aufgeschoben werden. Voldemort hat eine Armee aufbauen können. Wir alle
wussten das dieser Moment bald kommen würde. Wir müssen uns gegen ihn wappnen.
Es ist zudem von dringlicher Notwendigkeit dass sie sich zusammen reißen, mag
es auch schwer sein, denn wie ich weiß wollen sie unbedingt in den Kampf
ziehen. Dies kann ich aber nicht zulassen, wenn sie in einer solchen Verfassung
sind. Es wäre schlichtweg Selbstmord sie so gehen zu lassen.«

Die Professorin holte einmal tief Luft bevor sie weiter auf Hermine einredete. Auch ihr fiel es nicht leicht den Tatsachen ins Auge zu sehen.

»Wir haben nur einige wenige Tage bis wir uns im Krieg wieder finden. Hier in
Hogwarts wird eine Basis aufgebaut werden. Alle Zauberer und Hexen welche
kämpfen wollen werden sich in den folgenden Stunden hier einfinden. Und ich
verlange eine Antwort auf meine folgende Frage. Möchten sie bleiben und
kämpfen? Denn wenn nicht werde ich sofort veranlassen dass sie außer Landes
gehen, dort werden sie erst einmal sicher sein. Ich fürchte Mr Zabini gehört
nun auch zu einem unserer Feinde.«

Hermine wusste zu alle dem nicht was sie sagen sollte. Ja, der Krieg stand kurz
bevor und sie wusste sie wollte um jeden Preis dabei sein. Aber wie um Himmels
sollte sie die Beherrschung dafür aufbringen? Woraus sollte sie die Kraft
schöpfen? Es war ihr alles genommen worden.

»Ich stehe hinter dir, solange es in meiner Macht steht.«

Draco hatte einer Eingebung folgend zu ihr gesprochen. Als die Professorin an sie herangetreten war, war er ein Stück zurückgewichen nun stellte er sich wieder an Hermiones Seite. Und es half. Hermine
strafte ihre Schultern und sprach mit fester Stimme.
»Ich bleibe.«

Es gab keine andere Möglichkeit für sie. Ihr blieb nur die Hoffnung auf
Vergeltung. Und sollte sie sterben, dann sollte es so sein. Eher würde sie
sterben als das sie ein Leben lang in Selbstmitleid führte.

»Ich habe bereits befürchtet dass sie das sagen würden. Möchten sie darüber
reden was zwischen ihnen und Mr Zabini vorgefallen ist?«

Wieder gefasst sah Hermine ihre Lehrerin an.

»Das wird nicht nötig sein. Er ist weg. Da gibt es nichts mehr zu sagen.«

Erst als Hermine hörte wie das Porträt zufiel wurde ihr unauflöslich bewusst dass
sie alleine war. Alleine. Es gab kein Gefühl das dies beschreiben konnte.
Vielleicht gab es auch gar kein Gefühl in ihr? Sie verspürte nur unendliche
und trostlose Leere. Zum ersten Mal bahnten sich wieder Tränen aus ihr heraus.
Alleine…alleine…alleine…-

Sie zuckte erschrocken zusammen als sie in eine kaum greifbare Umarmung gezogen wurde. Warm und heilsam. Sie sah in sturmgraue Augen und wusste dass Draco ihr all dass gab was er nur konnte.

»Du bist nicht alleine.«

Draco strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Verständnislos
sah Hermine ihm entgegen. Was redete er da? Wie konnte er nach all seinem Hass auf sie, so auf sie e zugehen?

»Du hast laut gesprochen. Und du bist nicht alleine. Ich bin bei dir und werde
es solange ich kann sein.«

Draco wusste nicht warum er sich plötzlich für sie verantwortlich fühlte. Da
war Fürsorge, Zuneigung oder…nein es war egal. Sie brauchte einfach jemanden. Und wenn er schon sein eigenes Leben nicht retten konnte dann vielleicht das ihre. Vielleicht war dass auch eine Möglichkeit die Zeit sinnvoll zu nutzen die ihm gegeben wurde.

Die Stunden vergingen und Hermine und Draco saßen immer noch am Fußboden des
Gemeinschaftsraumes. Hermines Tränenfluss war versiegt aber sie saß immer noch
mit trübem Blick an Draco geklammert da. Das Flirren und feine Summen in der Luft dass jede Mal entstand wenn sie sich berührten erzeugte eine wohlige Wärme.

»Was soll nur werden? Dieser Krieg wird uns ins Verderben stürzen.«

Draco strich Hermine beruhigend durchs Haar. Es war ihm nicht möglich ihre Worte zu widerlegen, denn sie könnte Recht behalten.

»Ich schwöre dir du brauchst dich nicht vor dem Tod zu fürchten. Du hast
nichts Schlimmes zu erwarten. Ich kann dir versprechen das du alle die du
liebtest dort wieder sehen wirst.«
Draco erinnerte sich wieder an die junge Frau mit dem seidig schwarzem Haar und
den grünen Augen. Fabiene. Was würde Blaise nur dafür geben sie wieder zu
sehen? Jetzt da er sich wieder erinnerte wer diese geheimnisvolle Frau gewesen war verspürte er tiefstes Mitleid mit seinem einstmaligen Freund.

Hermine sah zu ihm auf und unterbrach ihn in seinen Gedanken.

»Draco ich will noch nicht sterben, nicht ehe ich Blaise ins Nichts geschickt
habe.«

Ein loderndes Feuer brach in ihr aus. Eine Feuersbrunst genährt von Rache.