Kalter Fisch

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Mutlos ließ Astoria sich auf ihr Bett sinken. Dass es ausgerechnet Draco Malfoy sein musste. Bei einem anderen Mann hätte sie vielleicht noch hoffen können, dass sich die Beziehung entwickeln würde, aber so ... Sie seufzte. Was würde sie jetzt nicht alles dafür geben, wenn Daphne bei ihr wäre. Aber natürlich, sobald man seine Schwester brauchte, vergnügte die sich rücksichtslos mit ihrem Mann im Ausland.

Astoria schaute an die Zimmerdecke und versuchte gedanklich alle guten Eigenschaften von Malfoy aufzuzählen. Zuallererst war er unleugbar vermögend. Das musste sie ihm zugestehen. Außerdem hatte er Einfluss. Sicherlich nicht auf Kingsley Shacklebolt, dem Zaubereiminister, aber es gab auch nach dem Krieg genug Leute, die die Malfoys respektierten. Auch diese Tatsache konnte recht nützlich sein. Weitere positive Eigenschaften wollten ihr nicht einfallen. Schlechte Eigenschaften fielen ihr hingegen um einiges mehr ein. Er war einfach ein schrecklicher Mensch, der ohne Mitleid andere drangsalierte! Sie konnte sich nicht daran erinnern jemals ein längeres Gespräch mit ihm geführt zu haben, aber da er gewissermaßen zum Bekanntenkreis ihrer Schwester gehörte, ließ es sich auch nach Hogwarts nicht immer vermeiden, sein impertinentes Benehmen zu bemerken oder seine herablassende Stimme zu vernehmen. Sie hatte ihrem Vater versprochen, darüber nachzudenken, aber eigentlich stand ihr Entschluss jetzt schon fest.

Astoria zählte sich zu den optimistischen Menschen, soweit man eben als normal intelligenter Mensch optimistisch sein konnte, doch für sie stand fest, Draco Malfoy war nicht fähig zu lieben und er könnte niemals ein fürsorglicher Vater sein. So wollte sie nicht leben. Sie setzte sich auf und ihr Blick wanderte durch ihr Zimmer, bis er auf ihrem Ebenbild im Spiegel innehielt. In ihre Augen trat ein eigenwilliger Glanz.

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Nachdem sie die Türglocke betätigt hatte, begann sie zu zweifeln, ob es wirklich so klug gewesen war hierherzukommen. Aber bevor sie disapparieren konnte, wurde auch schon die imposante Tür des nicht weniger eindrucksvollen Manors geöffnet. Es war zu spät.
„Wen darf Dibbles den Herrschaften melden?", fragte ein Hauself mit piepsiger Stimme und sah sie aus seinen großen Augen misstrauisch an.
Astoria konnte es ihm nicht wirklich verübeln. Sie holte noch einmal tief Luft und erklärte dann selbstbewusst: „Miss Greengrass. Ich möchte zu Draco Malfoy."
Der Elf warf ihr noch ein zweiten skeptischen Blick zu, bat sie jedoch dann in der Eingangshalle zu warten. Astoria zwang sich gelassen auf der Chaiselongue sitzen zu bleiben und abzuwarten. Wohlweislich ignorierte sie das leise Getuschel, welches von den Ahnenporträts zu hören war.
„Bitte, folgen Sie Dibbles, Miss. Der junge Herr will Sie empfangen", zirpte der Elf, als er mit einem „Plopp" vor ihr erschien.
Astoria eilte dem kleinen Geschöpf, durch Flure hindurch, eine Treppe hinauf und durch weitere Flure hindurch, nach. Sie musste unerfreulich feststellen, dass der Hauself es verflucht eilig zu haben schien. Gerade als sie ihn ein wenig außer Atem dazu anhalten wollte, langsamer zu gehen, stoppte er vor einer Tür und klopfte.
„Miss Greengrass, Master Draco", kündigte der Hauself sie an, nachdem er durch den Türspalt in das Zimmer geschlüpft war. Dann ließ er Astoria eintreten.

Ihr Blick fiel sofort auf den weißblonden Zauberer, der scheinbar gelangweilt von seinen Papieren aufsah.
„Astoria", begrüßte er sie, seine grauen Augen musterten sie abschätzend „Was führt dich zu mir?"
Auch wenn sie sich nichts anmerken ließ, geriet sie kurz aus der Fassung, weil er so selbstverständlich ihren Vornamen benutzte. Unsicher, wie sie ihn nun anreden sollte, entschied sie sich schließlich für eine knappe distanzierte Begrüßung.
„Malfoy", sagte sie und nickte ihm leicht zu. Astoria blieb etwa einen Meter von dem massiven Schreibtisch entfernt, an dem er saß, stehen. „Du fragst dich sicher, was ich hier suche...", begann sie und stellte verärgert fest, dass er eine seiner blonden Augenbrauen in die Höhe zog. Wahrscheinlich wusste er nur zu gut, warum sie hier war.
„Bestimmt weißt du, dass unseren Vätern eine Ehe zwischen uns beiden vorschwebt", fuhr sie fort.
„Darüber bin ich informiert, ja", bestätigte er gleichgültig.
Astoria verfluchte ihn innerlich.
„Gut. Dann stimmst du sicher mit mir überein, dass das unmöglich ist", meinte sie nun freiheraus.
„Tut mir leid, ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen", entgegnete Malfoy mit seiner ihr verhassten gedehnten Sprechweise.
„Wir sind viel zu verschieden", erläuterte Astoria ihm eindringlich.
„Wenn das alles ist...", erwiderte er desinteressiert, während er aufstand und ihr dann den Rücken kehrte, um sich eine klare bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Glas einzuschenken.
Astoria starrte ihn aufgebracht an. Draco Malfoy war von großer, schmaler Statur. Und gerade in diesem Moment wirkte er völlig ungerührt in Anbetracht dessen, dass es um seine eigene Zukunft ging. Nach kurzem Zögern füllte er ein zweites Glas voll.

„Bitte setz dich doch", forderte er sie auf.
Ungeduldig setzte sie sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und nahm huldvoll das Getränk entgegen, das er ihr reichte. Sie überlegte grimmig, ob der gute alte Avada vielleicht nicht doch effektiver wäre.
„Wo waren wir stehen geblieben?", fragte er gelassen, nachdem er es sich wieder in seinem Arbeitssessel gemütlich gemacht hatte.
Astoria warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ich fasse noch einmal zusammen. Wir sollen heiraten, aber unsere Ehe wäre, um es kurz zu machen, eine Katastrophe. Im Ernst, Malfoy, du musst einsehen, dass das zwischen uns niemals klappen könnte."
Er schaute sie mit einer unergründlichen Miene an. „Das wäre wirklich unerfreulich."
„Ganz genau", bestätigte Astoria und lächelte erleichtert darüber, dass sie endlich einer Meinung zu sein schienen. Astoria nahm ein Schluck von ihrem Getränk und verzog angewidert das Gesicht. Sie bezwang sich jedoch unverzüglich und schaute erneut zu Draco Malfoy. „Deshalb wäre ich dir unendlich dankbar, wenn du deinem Vater mitteilst, dass diese Hochzeit nicht stattfinden wird."
„Das ist ja sehr liebenswürdig von dir, aber ich verzichte", kam es gedehnt von ihm.
Astoria schaute ihn irritiert an. „Auf was willst du verzichten?"
Malfoy schenkte ihr ein herablassendes Lächeln. „Auf deine unendliche Dankbarkeit oder wie du dich ausgedrückt hast. Ich werde meinem Vater nichts mitteilen. Die Verträge sind ohnehin schon unterzeichnet."
„Aber das kann doch nicht dein Ernst sein!", rief Astoria aufgebracht, sie bekam den Drang ihn durchzuschütteln. „Die Verträge sind doch völlig belanglos, wenn du einfach sagst, dass du mich nicht heiraten willst..."
„Genau das ist der Punkt", hörte sie seine unerträglich arrogante Stimme, „ich sehe keinen Grund, warum ich dich nicht heiraten sollte. Wenn du hingegen solch eine Abneigung gegen mich empfindest, solltest du das deinem Vater sagen. Er wird bestimmt verständnisvoll sein."
Astoria sah ihn ungläubig an. Mit einem Ruck stand sie auf. „Dann gibt es wohl nichts mehr zu sagen", gab sie verärgert von sich.
Er nickte und betrachtete sie durch gelangweilte graue Augen.
„Dir noch einen schönen Tag, Malfoy", damit stürmte sie aus dem Zimmer und nach kurzer Zeit aus dem Manor.

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Es wäre wirklich zu angenehm gewesen, wenn Malfoy zugestimmt hätte, die Hochzeit abzulehnen, dachte Astoria, als sie später wieder in Greengrass House war. Jetzt musste sie leider tatsächlich noch einmal mit ihrem Vater reden. Sie hatte das ungute Gefühl, dass er es nicht allzu gut aufnehmen würde. Zwar hatte er gemeint, dass er auf ihre Zustimmung warten würde, aber er hatte nicht den Eindruck gemacht, dass er auch damit rechnete, sie könnte nicht zustimmen. Und die Verträge waren anscheinend auch schon unterzeichnet – Merlin!

Ihre finsteren Gedanken wanderten erneut zu Malfoy. Er war nun wohl für sie eine Art vorübergehender Verlobter. Sie war froh, dass die Hochzeitspläne nicht schon öffentlich bekannt waren, und wenn es nach ihr ginge, würde es auch dabei bleiben. Eine Überlegung wollte sich allerdings auch Stunden später nicht von ihr vertreiben lassen. Draco Malfoy erinnerte sie an einen kalten Fisch.