Heiratsmarkt

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„Mmmmm", kam es genüsslich von Brianna. „Von den rosafarbenen musst du unbedingt eines probieren." Die junge rotblonde Hexe nahm einen weiteren Bissen von ihrem Cremetörtchen.
„Die hatte ich schon", meinte Astoria und biss in ihr pistaziengrünes.
Brianna lachte leise. „Wenn es bei jeder Soirée so gutes Essen geben würde, wären mir diese Gesellschaften viel sympathischer."
Astoria stimmte ihr grinsend zu. Sie und Brianna waren zusammen im Haus Slytherin gewesen und seitdem gute Freundinnen.
„Brianna!", schalt Mrs Whitley ihre Tochter schon von weitem, als sie in Richtung der beiden Freundinnen, die am Buffet standen, strebte. „Du kannst essen, wenn du verheiratet bist."
„Mutter, bitte", kam es verlegen von Brianna, sie sah sich vorsichtig um, ob die Leute in ihre Richtung schauten.
Mrs Whitley, völlig blind gegenüber den Empfindlichkeiten ihrer Tochter, flötete: „Es ist die Wahrheit. Kein Mann wird dich heiraten wollen, wenn du weiter so viel in dich hineinstopfst."
Brianna lief dunkelrot an. Astoria hatte Mitleid mit ihr und sie räusperte sich, dass Mrs Whitley sich an sie wandte: „Hallo Astoria. Schön, dich zu sehen." Aber bevor Astoria ihren Mund aufmachen konnte, drehte die ältere Frau sich eilig wieder zu ihre Tochter und sagte: „Brianna-Liebes, ich wollte dir noch jemanden vorstellen, bevor das Konzert anfängt."
„Muss das sein?", fragte diese betrübt, denn es war ziemlich klar, was ihre Hochzeitspläne schmiedende Mutter damit bezweckte.
„Keine Widerrede!", rief Mrs Whitley.
Brianna ließ sich widerwillig von ihr mitziehen, wobei sie Astoria noch einen genervten Blick zuwarf, welchen Astoria mit einem schadenfrohen Grinsen beantwortete. Das war vielleicht nicht ganz fair, aber sie konnte es nicht verhindern ein wenig Genugtuung zu empfinden. Wenn sie mit jemanden verlobt war, dann konnte ihre Freundin sich ruhig ein paar Minuten mit einem alleinstehenden jungen Mann unterhalten, oder?

Nun auf sich allein gestellt, schaute Astoria sich nach anderen angenehmen Bekanntschaften um.
„Astoria!", hörte sie bald eine schmerzende Stimme ihren Namen rufen und wandte sich an die Lärmquelle in Person von Moira Tugwood. Sie war wie Brianna eine ehemalige Klassenkameradin von Astoria, allerdings nicht ganz so gute Freundin.
„Hallo Moira", begrüßte Astoria sie.
Die Blondine mit blauen Augen, schenkte ihr ein falsches Lächeln. „Ich habe beschlossen zu heiraten."
„Ach ja?", fragte Astoria erstaunt, ihres Wissens nach war Moira Single, obwohl sie eine Reihe von Verehrern besaß. Vielleicht hatte ihr ja einer dieser Narren einen Antrag gemacht.
„In der Tat. Ich muss mir nur noch einen geeigneten Bewerber aussuchen", meinte Moira selbstsicher und entblößte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Moira war schon immer der Meinung gewesen, dass sie jeden Mann bezirzen konnte. Es ließ sich leider auch nicht abstreiten, dass sie sehr schön war.
„Wie wäre es mit Terence Higgs?", fragte Astoria nach. „Ich habe gehört, er habe Interesse an dir gezeigt?"
Moira schnaubte abfällig. „Er hat mir einen Antrag gemacht, aber ich habe natürlich abgelehnt. Er ist bloß der zweite Sohn und allgemein hat die Familie schon nicht viel Geld."
Da hatte Terence wohl nochmal Glück gehabt, dachte Astoria mit ungespieltem Ernst.

Moira musterte sie abschätzig: „Wenn du dir ein bisschen mehr Mühe geben würdest, Astoria, dann könntest du dir vielleicht auch jemanden einfangen. Andere hingegen brauchen da die Hilfe von ihrer Mutter ..." Sie warf einen vielsagenden Blick auf die kleine Gruppe mit Brianna, die einige Meter von ihnen entfernt stand.
Astoria musterte Moira genervt. Jeder Mann, der auch nur ein bisschen Verstand besaß, würde Brianna gegenüber Moira bevorzugen. Astoria überlegte gerade, wie sie ihr diese Information schonend vor den Kopf knallen konnte, als Moira sie ablenkte.
„Guck mal, wer dort ist!", schrie sie aufgeregt in einem Ton, der vermutlich ein Flüstern darstellen sollte. „Draco Malfoy!"
Nun schrillten auch bei Astoria die Alarmglocken, wenn auch aus einem anderen Grund. Sie sah in die Richtung, in die Moira gestikulierte.
Tatsächlich. Er und seine Mutter standen nahe an der Tür und unterhielten sich mit Mrs Bletchley, der Gastgeberin. Wahrscheinlich waren sie erst gerade eingetroffen.
Sie hatte gehofft, ihn nach ihrem gestrigen Tête-à-tête nicht so bald wieder sehen zu müssen.
„Er könnte mir als Ehemann schon gefallen", kam es von Moira.
Astoria schaute sie ungläubig an, was diese gar nicht bemerkte, da ihr den Blick immer noch auf Malfoy ruhte.
„Sie kommen in unsere Richtung!", kommentierte Moira.
Nervös schluckte Astoria. Er würde doch nicht mit ihr sprechen wollen?
„Merlin! Ich glaube, sie wollen zu uns!", meldete Moira sich erneut zu Wort und Astoria verspürte den Drang ihr einen Silencio zu verpassen. Aber jetzt hieß es vorerst Haltung bewahren ...

Wie zufällig schweifte ihr Blick in Richtung der sich nähernden Malfoys. Als sie sie erblickte, ließ sie ihre Gesichtszüge genau das Maß an Überraschung zeigen, das man erwartete, wenn man zufällig auf Bekannte traf.
Mrs Malfoy, eine blonde Hexe im mittleren Alter, begrüßte die zwei jungen Frauen entgegenkommend. Ihr Sohn tat dies ebenfalls, jedoch um einiges gelangweilter.
„Ich habe gehört, dass Ihre Schwester Daphne in guter Hoffnung ist?", fragte Mrs Malfoy Astoria mit ihrer klaren Stimme nach einer Weile.
Ein wenig überrascht bemerkte Astoria, dass die blauen Augen in dem vornehm blassen Gesicht sie gefällig ansahen.
„Ja, sie und Theo sind überglücklich", bestätigte Astoria artig lächelnd. „Im Moment machen sie Ferien in Island ..."
„Oh Island! Vulkane, heiße Quellen ...", verkündigte Moira träumerisch lächelnd, wobei sie Malfoy, der keine Miene verzog, anschaute.
„Draco", säuselte Moira nun und legte vertraulich ihre Hand auf Malfoys Unterarm, „Oh entschuldige bitte, ich meine natürlich Mr Malfoy ..." Gespielt verlegen schlug sie ihre Augenlider nieder und wartete ab, dass er ihr anbot, ihn mit seinem Vornamen anzureden. Als er nicht die gewünschte Reaktion zeigte und sie nur kühl betrachtete, fuhr sie hastig fort: „Ich besuche bald eine Freundin in Paris, la ville de l'amour. Waren Sie schon einmal dort?"
„Ich will Sie nicht langweilen, Miss Tugwood", erwiderte Malfoy leidenschaftslos und schüttelte grob ihre Hand von seinem Arm.
Fasziniert beobachtete Astoria, wie Moira ungläubig ihre Augen aufriss – so eine Behandlung war sie vermutlich nicht gewöhnt. Über Malfoys Verhalten war Astoria nicht im Geringsten erstaunt. Das waren schlicht seine natürlichen Umgangsformen. Entweder hatte Moria vergessen, wie er in Hogwarts gewesen war oder sie hatte angenommen, dass er sich geändert hatte. Für seine Verhältnisse war er sogar noch recht höflich gewesen. Kein böses Wort war aus seinem Mund gekommen. Mrs Malfoy rümpfte ihre Nase und Astoria glaubte nicht, dass sie das auf aufgrund des Benehmens ihres einzigen Sohnes tat.
„Ich sehe gerade zwei charmante Bekannte von mir", sagte Moira, ihr Kinn sehr hochhaltend, und entfernte sich.

Infolgedessen war Astoria jetzt mit den Malfoys allein, wenn man die vielen Menschen, die sich zwar im selben Raum befanden, aber nicht in ihrer unmittelbaren Nähe standen, vernachlässigte.
Mrs Malfoy ergriff als Erste das Wort. „Wenn ihr zwei mich nun auch entschuldigen würdet ... Ich möchte noch eine Freundin von mir begrüßen." Auch wenn sie gemessenen Schrittes wegging, verließ sie sie ein bisschen zu eilig mit diesen Worten, fand Astoria.
Danach herrschte ein unbehagliches Schweigen. Was sollte sie auch schon zu ihm sagen? Ihr fiel weiß Merlin nichts Höfliches ein.
„Und hast du schon mit deinem Vater gesprochen?", brach Malfoys gelangweilte, schleppende Stimme letztlich die Stille.
„Noch nicht", antwortete sie knapp und er musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Was machst du überhaupt hier?", fragte sie daher gereizt.
„Ich bin eingeladen", kam es nun etwas erstaunt von ihm.
Astoria machte eine wegwerfende Handbewegung. „Als ob eine Einladung dich hindern würde nicht zu kommen, wenn du nicht kommen willst", meinte sie. Draco Malfoy war nicht dafür bekannt, sich auf jeder noch so kleinen Feier der Pureblood-Society blicken zu lassen.
„Wie du meinst, dann bin ich eben wegen dem Konzert gekommen", erwiderte er gelassen. „Thelxiope Galanis soll eine ausgezeichnete Stimme besitzen."
„Dann bist du also wegen der Musik hier?", fragte Astoria skeptisch nach.
Statt zu antworten, fragte er: „Warum bist du hier?"
Gute Frage! Sie hatte sie sich schon öfter gestellt. Alberne, oberflächliche Unterhaltungen, Mütter, die versuchten ihre Töchter zu verheiraten und dann waren da noch die Mütter, die versuchten ihre Söhne zu verheiraten (ganz besonders vor denen musste Astoria sich in Acht nehmen), alles in allem war Brianna meist der einzige Lichtblick auf dieser Art von Veranstaltungen. Wahrscheinlich war es einfach zu einer Gewohnheit geworden.
„Astoria", jemand stupste ihren rechten Oberarm an. „Setzt du dich neben uns? Das Konzert fängt jeden Moment an." Brianna sah Astoria fragend an.
„Gerne", antwortete Astoria ihr. Nachdem sie Malfoy einmal kurz zugenickt hatte, folgte sie Mrs Whitley und ihrer Tochter zu den Sitzreihen.
Aber anscheinend dachte Malfoy nicht daran, sie so schnell wieder in Ruhe zu lassen, denn er setzte sich unaufgefordert auf den Platz, der neben ihr noch frei war.
Brianna, auf der anderen Seite von ihr, warf ihr einen fragenden Blick zu. Astoria zuckte nur mit den Schultern. Sie hatte Brianna noch nichts von ihrem kleinen Problem erzählt. Es war nicht ihre Art, sofort alles ihrer besten Freundin unter die Nase zu reiben. Manchmal behielt sie bestimmte Dinge erst einmal lieber für sich.

Einige Minuten später betrat der Traum jedes heterosexuellen Mannes, in einem roten Seidenkleid, die kleine Bühne vor ihnen. Thelxiope Galanis, eine griechische Sängerin, war eine Schönheit mit schwarzen langen Haaren, blauen Augen und nicht zu übersehenden weiblichen Reizen. Als kurz darauf ihre Stimme erklang, kam Astoria zu der Überzeugung, dass Thelxiope von den Sirenen abstammen musste. Ihre Stimme war so wunderschön, verführerisch und verlockend, dass sie die Zuhörer in ihren Bann zog. Eine Harfe begann das vierte Stück, wie alle Instrumente zuvor, spielte auch sie alleine durch Zauberkraft. Dann setzte der Gesang ein. Astoria verstand die Worte nicht, aber das Programmheft verriet ihr, dass das Lied die Geschichte einer jungen Frau erzählte, die sich in einen scheinbar unerreichbaren Mann verliebt und ihn dann zu verführen beginnt. Vielleicht war es ganz gut, dass der Text nicht englisch war.
Sie schaute in das Gesicht von Thelxiope und stellte mit Bestürzung fest, dass die Sängerin ausgerechnet Malfoy feurige Blicke zuwarf. Neugierig betrachtete Astoria sein Profil. Wie seine Mutter hatte er sehr helle Haut. Sein Aussehen war schon speziell, doch niemand würde behaupten, dass er besonders schön war. Dafür war sein Kinn etwas zu spitz. Wenn man großzügig war, machten das seine hervorstehende Wangenknochen und die gerade Nase wieder etwas wett. Eine Büste von ihm könnte durchaus etwas hermachen, überlegte Astoria – allerdings nur eine, die nicht sprechen konnte!
„Es gehört sich nicht, andere Leute anzustarren", flüsterte er ihr da zu.
Astoria fuhr unmerklich zusammen. Sie hoffte, dass in dem Licht ihre Verlegenheit nicht deutlich zu erkennen war. Weil sie seinem durchdringenden Blick in dem Moment nicht gewachsen war, schaute sie stattdessen auf seinen Mund. Auf seinen Lippen, die weder schmal noch voll waren, lag ein spöttisches Lächeln. Wie diese Lippen wohl beim Küssen waren? Hastig blickte sie wieder in seine Augen. Irgendwie konnte Astoria sich nicht vorstellen, wie Malfoy eine Frau küsste. Einen Mann, nebenbei gesagt, auch nicht. Oder dass er überhaupt küsste.
„Ich habe mich nur gefragt, was Thelxiope an dir findet", erwiderte sie betont lässig.
Anschließend schenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem Konzert. Doch ihre Wangen brannten noch eine Weile.
Am Ende belohnte tosender Applaus die Sängerin. Viele standen vorne an, um ihr persönlich noch ein paar Lobesworte auszusprechen. Astoria teilte ihren Sitznachbarn mit, dass sie sich eine Erfrischung holen wollte und ließ sie zurück. Sie hoffte innigst, dass sie es schaffte Malfoy für den Rest des Abends aus dem Weg zu gehen.
Doch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.