Unerfreuliche Gespräche
~o~
Der Abend neigte sich langsam dem Ende zu. Astoria kam gerade von der Damentoilette, als sie gedämpfte Stimmen aus dem einen Zimmer auf den Flur dringen hörte. Instinktiv trat sie näher an die Tür. Sie war nur angelehnt. Astoria beugte sich neugierig vor.
„...würde mir das Herz brechen", sagte eine dunkle weibliche Stimme. Sie hatte einen fremdländischen Akzent und Astoria erkannte, dass sie nur Thelxiope gehören konnte.
„Das bezweifle ich", sagte nun eine männliche Stimme leicht amüsiert. „Wahrscheinlich wartet in jeder größeren Stadt Europas jemand auf Sie." Astoria kam die Stimme seltsam bekannt vor. Sie neigte sich noch bisschen weiter vor.
„Vielleicht, aber niemand, der so schön ist wie Sie, Draco", erwiderte Thelxiope.
Astoria verlor das Gleichgewicht, fiel gegen die Tür, welche sich deshalb schwungvoll nach innen bewegte. Erschrocken sah sie zu den zwei anwesenden Personen im Zimmer, die äußerst dicht beieinander standen und überrascht in ihre Richtung blickten. Thelxiope nahm langsam ihre Hand von Malfoys Wange fort und Malfoys Brauen runzelten sich bedenklich. Astoria fiel plötzlich wieder ein, warum man nicht lauschen sollte. Es war einfach zu unangenehm, wenn man dabei ertappt wurde.
„Entschuldigt, bitte", schaffte sie es schließlich sich zu räuspern. „Ich will euch nicht weiter stören." Ohne eine Reaktion abzuwarten, verließ sie eilig den kleinen Salon. Es hatte ganz den Anschein, als ob Malfoy doch wusste, was er mit Frauen anfangen sollte.
Sie war kaum ein paar Schritte aus dem Zimmer geflohen, als sie jemand am Handgelenk festhielt.
„Warte, Astoria!", befahl Malfoy grimmig.
Sie zuckte zusammen. Schicksalsergeben drehte sie sich um. Sie hätte sich denken können, dass er die Situation nicht ungenutzt lassen würde, um sie zu demütigen. Berechtigterweise fand sie den Gedanken, dass er womöglich glaubte, sie hätte ihn bewusst ausspioniert, am grausamsten. Malfoy dirigierte sie zurück in den Salon, wobei er sie nicht losließ und sie es versäumte zu entfliehen.
„Es tut mir wirklich leid", krächzte sie. „Darf ich jetzt gehen?" Ihr Blick fiel auf Thelxiope, die sie stumm musterte.
„Nein", bestimmte Malfoy.
Verärgert schaute Astoria wieder zu Malfoy. Was wollte er denn noch hören? Sie hatte sich doch schon entschuldigt. Im Grunde war es doch wirklich nicht ihre Schuld! Wenn er die Tür nur anlehnte, musste er sich nicht wundern, dass jemand am Türspalt lauschte.
„Ich verstehe", hörte sie nun Thelxiope sagen. Ein leises wissendes Lächeln umspielte das Gesicht der Sängerin, während ihr Blick zwischen Astoria und Malfoy hin und her wanderte. Was auch immer sie damit andeuten wollte, Astoria öffnete empört ihren Mund.
„Dann will ich euch nicht länger stören", benutzte Thelxiope Astorias früheren Worte und ging einfach aus dem Zimmer.
Und sie war allein mit Malfoy. Kurzum: Es war ihr sehr unangenehm.
„In Ordnung, Malfoy." Sie blickte zu der Tür hinüber. „Wir sehen uns ... "
„Du bleibst hier."
Astorias Kopf schnellte herum. „Warum?" Dann fügte sie noch hinzu: „Wenn du nicht willst, dass ich jemandem hiervon erzähle, geht das in Ordnung."
Er starrte sie einen Moment irritiert wirkend an, dann räusperte er sich. „Unserem letzten Gespräch habe ich entnommen, dass du nicht damit zufrieden bist, mich zu heiraten."
Astoria schaute ihn skeptisch an. Sie fragte sich, worauf er hinaus wollte. Ein leiser Hoffnungsschimmer breitete sich in ihr aus. Wenn es das war, was sie dachte, würde sie ihn dankend umarmen.
„Deshalb möchte ich dir die Vorteile, die aus dieser Verbindung entstehen würden, vor Augen halten", fuhr er fort.
„Was?", kam es bestürzt von Astoria.
„Hör mir einfach zu", sagte Malfoy. „Zuallererst würdest du als Mrs Malfoy hoch angesehen sein." Astoria schnaufte abfällig. Nicht jeder schätzte die Malfoys. Doch er gab vor, es nicht zu hören und fuhr fort: „Nicht zu vergessen wären auch die finanziellen Vorteile für dich."
Sie rümpfte ihre Nase. Darauf war sie sicherlich nicht angewiesen.
„Wir würden eine Vernunftehe führen ohne falsche Vorstellungen und übersteigerte Erwartungen, wie es bei Liebesheiraten oft der Fall ist", zählte Malfoy weiter auf.
Jetzt schaute Astoria ihn ungläubig an, sie öffnete ihren Mund, aber bevor sie einen Ton sagen konnte, sagte er: „Ich verlange nicht von dir, dass du mir treu bist."
„Ähm, wie bitte?", fragte Astoria nach.
„Du kannst meinetwegen einen Liebhaber haben. Unter gewissen Voraussetzungen habe ich auch nichts dagegen, wenn du ihm Kinder schenken willst."
Sie starrte ihn fassungslos an.
„Selbstverständlich erst nachdem du mir einen Erben geschenkt hast", fügte er noch hinzu.
„Selbstverständlich", wiederholte sie tonlos. Eine Zeit lang sagte niemand etwas. Und wenn sie ehrlich mit sich war, fühlte sie sich etwas überfordert.
„Wenn ich jetzt gehen darf …?", räusperte sie sich letztendlich.
Er sah sie durch seine grauen Augen intensiv an und nickte schließlich. „Also überleg es dir."
Astoria befreite sich aus seinem Griff und wandte sich zur Tür. Sie wusste nicht, was sie von dem Gespräch halten sollte. Ein normales Gespräch unter Verlobten war das definitiv nicht gewesen. Nicht, dass sie das erwartet hätte, aber trotzdem … Sie musste unbedingt mit ihrem Vater reden.
~o~
Sie hatte sehr gut geschlafen. Wahrscheinlich war sie gestern einfach zu müde gewesen, um über äußerst ärgerliche Umstände nachzudenken, und war sofort eingeschlafen. Ihr Vater saß bereits am Tisch, als sie das kleine Frühstückszimmer betrat. Wie fast jeden Morgen studierte er die neuste Ausgabe des Tagespropheten, während er ab und zu ein Stückchen von seinem Toast mit gebratenem Speck und Rührei aß.
„Guten Morgen, Dad", begrüßte sie ihn. Er blickte kurz von seiner Zeitung auf. „Morgen, Astoria." Sie setzte sich und nahm sich ein paar Waffeln, auf denen sie gleichmäßig etwas Ahornsirup verteilte. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
„Dad", begann sie, er gab ein unbestimmtes Brummen von sich, „Ich kann Malfoy nicht heiraten." Es entstand eine längere Pause und Astoria war sich nicht sicher, ob ihr Vater sie verstanden hatte.
Er blickte von dem Propheten auf und sah sie an. „Was hast du gesagt?"
„Ich kann Malfoy nicht heiraten", wiederholte sie.
„Also habe ich mich doch nicht verhört", murrte er. „Darf ich fragen, warum?"
„Er ist so …" Astoria stoppte unsicher, ihr Vater sah sie fragend an. „... kalt."
Ihr Vater fluchte leise.
„Dad, bitte. Jeden anderen ... Ich werde noch heute anfangen, mir einen akzeptablen Ehemann zu suchen."
Mr Greengrass seufzte frustriert. „Darum geht es doch gar nicht."
Astoria schaute ihn verwirrt an.
Er fluchte erneut. „Ich wollte dich eigentlich damit verschonen."
„Womit?" Ihr Vater machte ihr ein bisschen Angst …
Er fuhr sich mit seiner Hand durch sein dunkles Haar. „Also gut … Ich mache es kurz ... Wir haben kein Geld."
Sie starrte ihn verständnislos an, wodurch er sich vermutlich gezwungen fühlte, seine Aussage näher zu erläutern.
„Um es genauer zu sagen, wir haben ziemlich viele Schulden."
„Aber wie … ?"
„Ich habe einige Fehlinvestitionen ... getätigt", gab er deprimiert zu.
„Wie viel?", fragte Astoria und musste schlucken.
„Glaub mir einfach, wenn ich dir sage, dass der Betrag sehr hoch ist." Er wirkte beschämt. Astoria konnte es nicht glauben, aber das war keine Sache, über die ihr Vater Scherze machen würde.
„Und was hat Malfoy damit zu tun?", hakte sie nach einer Weile nach.
„Lucius Malfoy wusste irgendwie von meinen Schulden. Vor ungefähr zwei Wochen hat er mir signalisiert, dass er einem Verwandten, selbstverständlich ohne Zinsen, Geld leihen würde. Er hat mir den Vorschlag gemacht, dass du seinen Sohn heiraten könntest", erklärte er.
„Und deshalb dachtest du, dass du mich einfach verkaufen kannst?", empörte sich Astoria.
„Nein, so darfst du das nicht sehen. Ich hielt es eher für einen doppelten Gewinn: Ich wäre die Schulden los und du hättest nebenbei noch einen guten Ehemann bekommen. Ich konnte doch nicht wissen, dass du ihn nicht leiden kannst", verteidigte sich ihr Vater.
Er hatte es wirklich nicht wissen können, aber sie war trotzdem etwas enttäuscht, dass er ihr nichts über ihre Geldprobleme erzählt hatte.
„Okay, aber warum fragst du nicht die Notts? Sie würden dir doch bestimmt auch etwas leihen", erkundigte sie sich weiter.
Er räusperte sich. „Vielleicht sollte ich noch einmal betonen, dass es sich um sehr viele Schulden handelt. Die Notts könnten nicht mehr als die Hälfte der Schulden für mich bezahlen, wenn sie nicht selbst in arge Nöte geraten wollten."
Astoria riss schockiert die Augen auf.
„Ohne Malfoys Hilfe muss ich unser Anwesen wohl verkaufen", meinte er niedergeschlagen.
Vor ihrem innerem Auge sah Astoria verschiedene eher abwegige Szenarien ablaufen: ihr Vater und sie in einer billigen Absteige in einem der schlechteren Viertel Londons, sie in einem abgetragenen Kleid auf dem Ball der Cauldwells, ihr Vater, wie er eine dünne Brühe zu sich nahm... Sie schüttelte ihren Kopf. Nein, Daphne würde sie natürlich aufnehmen. Aber ihre Schwester war gerade so glücklich mit Theo. Sie würden ein Baby bekommen und ihre eigene kleine Familie gründen. Was wäre wenn sie und ihr Vater ihnen jetzt zur Last fallen würde? Außerdem war es unglaublich demütigend kein Geld zu haben und diese Tatsache konnte den Leuten nicht lange verborgen bleiben, insbesondere wenn Greengrass House verkauft werden musste.
„Ich werde ihn heiraten", beschloss sie deprimiert.
„Bist du sicher?", fragte Mr Greengrass unschlüssig.
Sie nickte bloß, weil sie fürchtete, ihre Stimme würde ihr versagen. War es so, wie man sich als Märtyrerin fühlte? Nicht stolz, weil man die Familie rettete, sondern traurig, da man sein eigenes Leben opferte? In dieser Rolle fühlte sie sich sicherlich nicht wohl. Wenn sie ehrlich mit sich war, hatte sie immer das getan, was für sie das Beste war. Aber war es nicht auch diesmal die bequemste und einfachste Lösung? Astoria seufzte. Darüber würde sie später nachgrübeln.
„Ich bin mir sicher, du tust das Richtige", sagte ihr Vater ernst. „Ich bin stolz auf dich."
Astoria schenkte ihm ein schiefes Lächeln und stand auf. Sie würde jetzt erst einmal auf ihr Zimmer gehen, um sich ein wenig in Selbstmitleid zu suhlen. Bevor sie das Frühstückszimmer verließ, nahm sie allerdings noch den Teller mit den Waffeln hin. Sie trauerte lieber auf vollen Magen.
