Beschwipst

~o~

In der Wohnstube von Greengrass House, dem Anwesen der Greengrasses, blätterte Astoria zwei Tage später mäßig interessiert die jüngste Ausgabe der Hexenwoche durch und verharrte schließlich an einem Artikel mit dem Titel „Verwandeln Sie ihre abgetragene Alltagskleidung in schicke Abendgarderobe – So einfach geht's". Bei ihren eher mittelmäßig ausgeprägten Verwandlungskünsten vertraute sie in Modefragen lieber auf ihre Schneiderin, aber es war beruhigend zu wissen, dass man auch ohne Geld nicht mit schäbigen Klamotten herumlaufen musste. Obwohl sie sich längst entschieden hatte, Mrs Malfoy zu werden, spielte sie noch ein bisschen länger mit dem Gedanken.
„Na? Wie geht's meiner kleinen Schwester?" Überrascht schaute sie zur Tür.
„Daphne!" Sie sprang auf und warf die Zeitschrift achtlos in die Ecke, um ihre Schwester zu umarmen.
Daphne hatte wie sie grüne Augen, aber ansonsten gab es nicht viele Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Daphnes Haar war um einiges heller als ihres, die Farbe ging schon ins Dunkelblonde hinein, und es war wundervoll glatt. Astorias Haare hingegen konnten sich nicht entscheiden, ob sie glatt oder gelockt sein wollten. Sie versuchte das Beste daraus zu machen. Astoria hatte keinen Zweifel daran, dass ihre Schwester die Schönere von ihnen war. Die männliche Aufmerksamkeit richtete sich fast ausschließlich auf Daphne, wenn sie sich gemeinsam in einem Raum befanden. Daphne war immer ein bisschen mehr als sie. Sie hatte mehr Charme, mehr Erfolg und sogar mehr Oberweite als sie.

„Wie waren deine Ferien?", fragte Astoria.
„Sehr gut." Daphne lächelte sie an, aber dann wurde ihre Miene sorgenvoll. „Wie sieht es bei dir aus? Ich höre, du bist verlobt?"
Astoria nickte. „Ich nehme an, du weißt es von Dad?"
„Er hat es mir geschrieben", bestätigte Daphne. Sie lächelte ihr verschwörerisch zu. „Und jetzt bin ich wirklich neugierig, wie Draco Malfoy sich verhält, wenn er einer Frau den Hof macht."
„Das kann ich dir nicht sagen", erwiderte Astoria, ein schmales Lächeln auf den Lippen. „Viel hat Dad dir wahrscheinlich nicht geschrieben, oder?"
„Genau genommen war es ein Satz", sagte Daphne. „Deshalb hoffe ich, dass du mich jetzt erst einmal auf den neusten Stand bringst."
Astoria wiegte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. „Wie du willst ..."
Sie erzählte Daphne fast alles, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte und sie war verwundert darüber, wie gut es ihr tat, sich jemandem anzuvertrauen. Als ob die Last, die sie trug, plötzlich leichter war, nur weil jemand davon wusste. Das war eine völlig neue Erfahrung für sie.
„Draco ist gar nicht so übel, wenn man ihn erst mal kennt", versuchte Daphne ihr gut zuzureden. „Theo ist gut mit ihm befreundet."
Astoria lächelte spöttisch. „Dem Geschmack von deinem Mann kann ich mich natürlich nicht verschließen."
In dem gemütlichen Zimmer erklang Daphnes klares, helles Lachen.

„Theo trifft sich übrigens heute Abend mit Draco und Blaise. Ich glaube, sie wollten ins Niffler's Fund gehen", erwähnte Daphne irgendwann beiläufig.
„Warum erzählst du mir das?", fragte Astoria, denn sie kannte ihre Schwester gut.
„Ich weiß nicht", überlegte Daphne, „Wie wäre es, wenn du dort mal vorbeischaust und deinen Verlobten näher kennenlernst?"
Astoria runzelte die Stirn. Sie konnte sich vergnüglichere Beschäftigungen vorstellen.
„Du solltest ihm wenigstens sagen, dass du dich entschieden hast, seine Frau zu werden", merkte Daphne an. „Du kannst ihm natürlich auch per Eule Bescheid sagen oder ihn in Malfoy Manor besuchen."
Astoria seufzte. „Kann das nicht Dad übernehmen?"
Daphne lachte. „Klar, aber irgendwann wirst du Draco sehen müssen."
Das traf es ins Schwarze. Sie würde ihm nicht immer aus dem Weg gehen können und gelegentlich konnte es besser sein, Angelegenheiten früher als später zu erledigen.

~o~

Das Niffler's Fund hatte sowohl einen Eingang in der Winkelgasse als auch einen in der Nokturngasse. Dementsprechend vielgestaltig war die Kundschaft. Astoria benutzte natürlich die Tür an der Winkelgasse. Im Inneren war ziemlich viel los, unter anderen waren auch wie oft einige, die in schwarzen Umhängen verhüllt waren und Neugier erweckten, anwesend – wahrscheinlich die spezielle Kundschaft aus der Nokturngasse. Da sie weder Theo noch Malfoy entdecken konnte, bahnte sie sich einen Weg durch die Menge zur Theke und setzte sich dort auf einen freien Barhocker. Astoria kuschelte sich ein wenig enger in ihre dunkelgrüne Pelerine. Sie beschloss nur ein paar Minuten zu warten und wenn sie dann nicht auftauchten, zu gehen.
„Einen doppelten Feuerwhisky, bitte!", rief sie dem Wirt zu. Er hatte schmieriges hellbraunes Haar, lederne Haut und unheimlich wirkende wässrige Augen, aber ihrer Bestellung ging er vorbildlich nach. Astoria schaute das dampfende Getränk argwöhnisch an. Das nächste Mal würde sie etwas anderes nehmen. Mit Abscheu schluckte sie den Feuerwhisky in einem Zug hinunter. Astoria schüttelte sich.
„Einen Smiling Wizard, bitte!", beorderte sie beim Wirt ein weiteres Getränk, als sie wieder sprechen konnte.

„Astoria?", hörte sie nach einer längeren Weile jemanden hinter sich fragen. Sie drehte sich auf ihrem Hocker in die Richtung, wobei sie fast von diesem herunterfiel.
„Oh … Hallo Theo!" Astoria lächelte Theodore Nott erfreut an. Sie hatte sich lange gefragt, was Daphne an ihm fand. Er war immer so reserviert.
„Du bist betrunken", hörte sie ihn sagen, er sah besorgt aus. „Soll ich dich vielleicht nach Hause bringen?"
„Unsinn!" Astoria machte eine wegwerfende Handbewegung und stieß versehentlich eine Reihe von Gläsern von der Theke, die auf dem Fußboden zerklirrten. Flink reparierte Theo diese mit einem Schwenk seines Zauberstabes. Astoria glitt von ihrem Barhocker herunter und hob sie auf, um sie wieder auf den Tresen zu stellen.
„Danke", sagte sie und wandte sich wieder zu ihrem Schwager um.
Nicht weit von ihm entfernt stand Blaise Zabini, der belustigt grinste. Er flüsterte dem Mann an seiner Seite, bei dem es sich um Malfoy handelte, etwas zu. Malfoy wirkte leicht gereizt und zog angewidert seine Oberlippe nach oben. Astoria runzelte ihre Stirn. Sie besann sich auf den Grund ihres Besuchs und schritt an einigen Leuten vorbei auf ihn zu.
„Malfoy, ich bin gekommen, um dich zu heiraten", verkündete sie.
Kurz vor ihm stolperte sie, entweder weil sie einen Smiling Wizard zu viel getrunken oder Zabini ihr ein Bein gestellt hatte. Sie bekam gerade noch Malfoys Umhang zu fassen und klammerte sich daran fest. Er schaute überheblich auf sie herab, als er sie an den Oberarmen fasste und halbwegs wieder aufrichtete.
„Soll ich sie nach Hause bringen?", fragte Theo.
„Theo, ich bin anwesend!", rief Astoria empört.
Blaise lachte leise.
„Nein, das übernehme ich", erwiderte Malfoy bestimmend, während sein Blick weiter auf ihr liegen blieb.
Astoria war entrüstet darüber, wie hier, ohne ihre Erlaubnis, einfach über sie entschieden wurde.
„He Lady, Sie müssen noch zahlen!", rief der Wirt mit einer kratzenden Stimme.
Astoria begann in ihrer Tasche zu kramen, aber Malfoy wartete nicht auf sie, sondern warf selbst einige Galleonen auf den Tresen. „Das ist wird wohl reichen!", rief er dem Wirt zu.
„Grad so", grinste dieser schmierig.

Malfoy fasste sie am Ellbogen und führte sie nach draußen.
„Aber ich will nicht nach Hause!", beschwerte sie sich.
„Du bist nicht in der Verfassung, darüber zu entscheiden", meinte er. „Und jetzt halt dich fest!"
Astoria reagierte automatisch und gehorchte, ohne es wirklich zu wollen. Er apparierte mit ihr an eine Stelle, die nicht weit von Greengrass House entfernt war. Astoria starrte verstimmt drein.
„Du bist gemein", stellte sie beleidigt fest.
„Ich kann noch viel gemeiner sein", erwiderte er trocken.
Astoria kicherte.
Malfoy kniff seine Augen zusammen. „Warum lachst du?", verlangte er zu wissen.
„Das war so komisch … wie du das eben gesagt hast" Sie gluckste erneut, als sie ihn anschaute.
Er bedachte sie mit einem arroganten Blick, aber sein rechter Mundwinkel zuckte verräterisch.
„So, du willst mich jetzt also doch heiraten?", fragte er gedehnt, nachdem er ein paar Meter mit ihr gegangen war.
„Ja. Oder hast du etwas dagegen?", fragte sie zögerlich.
Sie hoffte, dass er nicht nach dem Grund ihres plötzlichen Meinungsumschwungs fragte.
„Nein", meinte er nach einem Moment ernst, seine sonst so fein geschwungenen Brauen waren leicht gerunzelt, aber er machte keinen Versuch, näher darauf einzugehen.
Astoria lächelte erleichtert. Sie war sich sicher, dass er, genau wie sein Vater, von den Schulden wusste, aber er musste ja nicht wissen, dass sie selbst erst jetzt davon erfahren hatte und deshalb ihre Meinung geändert hatte. Sollte er ruhig glauben, dass seine romantische Rede von einer Vernunftehe sie letztlich umgestimmt hatte.

Schweigend legten sie den Rest des Weges zurück. Am Ziel angekommen fragte sie sich unsicher, wie sie sich von ihm verabschieden sollte. Vielleicht sollte sie es erst einmal freundschaftlich mit ihm versuchen, überlegte sie. Astoria stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um ihm einen Abschiedskuss auf die Wange zu drücken, traf jedoch mit ihren Lippen irgendwie auf unerklärliche Weise seinen Mundwinkel. Sie schreckte zurück.
„Tschuldige … ich wollte dich nicht … es ..."
„Schon gut", kam es rau von ihm, „ich werde es verkraften."
Verlegen murmelte sie ein paar Worte zum Abschied. Anschließend schaffte sie es mühelos die Stufen vor der Haustür zu erklimmen und die Tür zu öffnen – so betrunken konnte sie logischerweise also nicht sein. Astoria meinte ein leises Lachen hinter sich zu hören. Aber noch während sie sich umdrehte, ertönte ein Knall, der anzeigte, dass Malfoy disappariert war. Sie schüttelte ihren Kopf. Möglicherweise war sie doch betrunken.