Ungeladene Gäste
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Astoria stöhnte gepeinigt auf und massierte ihre Schläfen. Sie hatte arge, dumpf drückende Kopfschmerzen. Entweder war ihr gestriger Alkoholkonsum daran schuld oder die Schmerzen kamen vom zu langen Schlaf – sie hatte immerhin bis weit über Mittag im Bett gelegen. So oder so würde sie diesem Zustand mit einem geeigneten Heiltrank ein Ende setzen. Behutsam und vorsichtig, denn jeder Schritt schien in ihrem Schädel ein dröhnendes Echo zu geben, setzte sie einen Fuß vor den anderen. In der Hausapotheke wurde sie glücklicherweise schnell fündig. Mehr oder weniger geduldig wartete sie, nachdem sie den Trank eingenommen hatte, dass dieser seine Wirkung tat. Es gab nichts, was sie mehr hasste als Kopfschmerzen. Okay, außer vielleicht einen selbstsüchtigen, blonden Mann zu heiraten ...
Mit Schaudern dachte sie an die Ereignisse vom Vortag. „Verdammt!", flüsterte sie. Es war ihr peinlich, wie sie sich vor ihm benommen hatte. Sich als Frau in einer Bar, noch dazu alleine, zu betrinken, war in ihren Augen nicht gerade stilvoll. Sie hatte das auch nie zuvor getan. Vielleicht konnten die Umstände dieses Verhalten entschuldigen, schließlich passierte es nicht jeden Tag, dass man einer unerwünschten Heirat entgegenblickte und objektiv betrachtet hätte wahrscheinlich noch Schlimmeres passieren können, aber das wollte sie nicht wirklich besänftigen.
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Malfoy sich gerade über sie lustig machte. Ernst genommen hatte er sie ja noch nie.
„Mrs Malfoy hat mir geschrieben", sagte ihr Vater, als er zu ihr ins Zimmer trat. „Sie möchte mit ihrem Sohn heute zum Abendessen kommen."
Astoria riss ihre Augen weit auf, während er sich ungelenk in ihrem Zimmer umsah. „Habe ich das richtig verstanden? Die Malfoys haben sich selbst eingeladen?", fragte sie. Entrüstung schwang in ihrer Stimme mit.
Mr Greengrass sah sie verwirrt an. „So würde ich das nicht formulieren ... "
„Und was ist das dann?", hakte Astoria nach, während sie ihrem Vater die knappe Nachricht, die ihnen Mrs Malfoy per Eule geschickt hatte, kurzerhand entwendete. Obwohl ihr Vater ihr eben erzählt hatte, was die Notiz besagte, las sie sie noch einmal laut vor: „ … Um Einzelheiten des bevorstehenden Verlobungsballs zu besprechen, würden Draco und ich gerne heute Abend zum Dinner kommen. Herzlichst, Narcissa Malfoy." Sie schenkte ihrem Vater ein ironisches Lächeln. „Wenn das keine Selbsteinladung ist, dann weiß ich es auch nicht."
Eigentlich sollte sie dieses Benehmen nicht verwundern. Es war bekannt, dass die Malfoys sich für etwas Besseres hielten und sie waren tatsächlich tonangebend. Wahrscheinlich waren sie der Meinung, es wäre für jeden eine Ehre, sie im eigenen Haus bewirten zu dürfen.
Mr Greengrass zuckte mit den Schultern. „Ich halte es für eine gute Idee, dass sie kommen."
„Aber es geht ums Prinzip!", beharrte Astoria. „Außerdem hätten sie auch uns einladen können."
„Wie dem auch sei, ich werde sie gern bei uns willkommen heißen", meinte ihr Vater steif.
Astoria stieß einen stillen Seufzer aus. Daphne hätte ihr sicherlich, wenn auch amüsiert, zugestimmt. Sie wollte sich doch nur ein bisschen aufregen …
Das hatte sie nun davon, dass sie gestern mit Malfoy geredet hatte. Jetzt würde dieser ganze Zirkus losgehen, der veranstaltet wurde, wenn ein Paar beschloss, den Bund der Ehe einzugehen. Der Besuch des Zukünftigen mit seiner Mutter im Elternhaus war erst der Anfang.
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Tinka, die einzige Hauselfe in Greengrass House und die mit fünfzig Jahren noch sehr jung war, führte die Gäste gegen sieben Uhr in das Esszimmer. Es wurden die gewohnten Höflichkeiten ausgetauscht und Mr Greengrass forderte sie auf, es sich am Tisch gemütlich zu machen. Seit dem Eintritt hatte Astoria verstohlen Malfoy betrachtet, ob er irgendeinen Hinweis darauf geben würde, was er über ihre letzte Begegnung dachte, doch er gab sich ungewöhnlich wohlerzogen.
„Hast du dich gut erholt?", fragte Malfoy sie plötzlich scheinheilig, nachdem sie alle Platz genommen hatten.
So viel also zu wohlerzogen! Astoria spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.
„Danke, mir geht es gut", erwiderte sie.
Der Blick, den sie ihm zuwarf, sagte ihm deutlich, dass sie nicht gedachte, dieses Thema zu vertiefen. Seine Mutter schaute sie neugierig an und ihr Vater grübelte vermutlich, wann sie das letzte Mal krank gewesen war.
„Es freut mich, das zu hören", sagte Malfoy höflich.
Wie er sie verspottete! Astoria war sehr verärgert.
Während des Essens verstand Mrs Malfoy es, geschickt die Unterhaltung zu führen.
„Um auf den Verlobungsball sprechen zu kommen. Wie wäre es, wenn er schon nächste Woche stattfindet?", schlug die vornehme, blonde Hexe bald vor.
Beinahe hätte Astoria sich verschluckt. „Nächste Woche?", fragte sie nach. Dass es so schnell gehen würde, hatte sie nicht erwartet. Sie warf einen Blick auf Malfoy, aber der schien völlig gelassen.
„Ja, am Samstag" bestätigte Mrs Malfoy liebenswürdig nickend. „Es sollte doch sowieso dann ein Ball auf Malfoy Manor stattfinden. Und alle wichtigen Leute sind ohnehin eingeladen. Die Verlobung könnte als eine Art Überraschung verkündet werden."
„Ich halte das für eine gute Idee", meinte ihr Vater, wofür ihn Mrs Malfoy mit einem warmherzigen Lächeln bedachte.
„Ja, und warum sollten wir noch länger warten?", schaltete sich Malfoy nun ein.
Astoria konnte viele Gründe nennen, immerhin bedeutete eine offizielle Verlobung, dass man spätestens innerhalb eines Jahres vor den Traualtar schritt. Sie bemerkte, dass sein fragender Blick auf ihr ruhte und zuckte mit den Schultern. „Wie es scheint, wurde ich überstimmt."
„Keine Sorge." Mrs Malfoy schien Astorias Zurückhaltung misszudeuten. „Es wird ein fabelhafter Abend werden, das verspreche ich!"
Das Dessert verlieh ihr neue Kraft und nach einer Weile wandte sie sich direkt an Malfoy: „Darf ich dir Greengrass House zeigen?"
Befriedigt nahm sie seine perplexe Miene wahr, bevor er antwortete: „Natürlich, gerne."
Mr Greengrass sah positiv überrascht aus und Mrs Malfoy lächelte zufrieden.
„Wollen Sie sich uns anschließen, Mrs Malfoy?", fragte Astoria.
„Nein, nein, ich bleibe lieber noch ein wenig hier sitzen", winkte die blonde Hexe, ganz wie Astoria es erwartet hatte, ab.
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Astoria überließ es Malfoy, ihr zu folgen. An keiner Tür hielt sie an, um zu zeigen, was sich dahinter verbarg.
„Unter einer Hausbesichtigung stelle ich mir ein bisschen etwas anderes vor", hörte sie Malfoys Stimme hinter sich.
Sie drehte sich im Gehen halb zu ihm um. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich würde dich durchs Haus führen und dich mit den Eigentümlichkeiten jedes Raums vertraut machen?"
„Wenn ich ehrlich bin, ja", behauptete er.
Astoria schaute wieder geradeaus nach vorne.
Schließlich blieb sie stehen, drückte eine Türklinke hinunter und wandte sich an Malfoy. „Gehen wir hier rein." Sie stieß die Tür auf und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung einzutreten.
„Darf ich fragen, was du vorhast?", erkundigte er sich mit erhobenen Augenbrauen.
„Mit dir reden", antwortete sie. „Was dachtest du denn?"
„Ach, ein paar Dinge würden mir schon einfallen ..." Da war sie wieder seine gedehnte Sprechweise.
Astoria guckte ihn abfällig an und betrat die kleine Wohnstube.
Malfoy lehnte sich an den Türrahmen und betrachtete sie wortlos, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Kommst du nicht rein?", fragte sie.
„Ich weiß nicht. Ich mag es nicht, wenn Leute mit einem reden wollen. Das bedeutet selten etwas Gutes", erwiderte er.
Astoria rang verzweifelt ihre Hände. Vor kurzem hatte sie noch geglaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben und jetzt stand er dort und machte es ihr kein Stückchen leichter.
„Merlin!", rief sie am Ende aus. „Nächste Woche soll unser Verlobungsball stattfinden!" Sie schritt in dem Zimmer auf und ab. Es war nicht mal eine Woche her, als ihr Vater ihr gesagt hatte, dass sie heiraten sollte.
„Gestern hast du mir noch erzählt, dass du mich heiraten willst", ergriff Malfoy das Wort. Er fuhr abschätzig fort: „Oder hast du das vergessen?"
„Nein." Sie schüttelte ihren Kopf. „Aber … "
Seine Lippen waren verkniffen.
„Es geht alles so schnell … ", fielen ihr die Worte aus den Mund, „ … und du respektierst mich nicht!"
Malfoy schwieg ein paar Sekunden, dann stieß er sich vom Türrahmen ab und ging auf sie zu. Er nahm ihre Hände in seine. Unsicher blickte Astoria in sein kühles Gesicht. „So, ich respektiere dich also nicht …", sagte er leise.
Astoria nickte unbeirrt.
„Könntest du mir erklären, warum ich dich respektieren sollte? Vielleicht weil du mir anfangs deutlich gezeigt hast, was du von einer Ehe mit mir halten würdest. Oder vielleicht weil du mir gestern betrunken deinen Heiratswunsch mitgeteilt hast?"
„Erst einmal war ich nicht betrunken … "
Er sah sie mit ungläubiger Herablassung an.
„Und außerdem sehe ich nichts Verwerfliches darin, dass ich ehrlich zu dir war. Hätte ich so tun sollen, als ob es mich begeistern würde, dich zu heiraten?"
Seine blonden Brauen waren gerunzelt und eine Zeit lang war es still. Vermutlich fragte er sich, warum es sie nicht begeistern sollte …
„In Ordnung", sagte er schließlich, „aber du warst betrunken." Er betrachtete sie von oben herab, eine helle Strähne fiel ihm in die Stirn.
Astoria hatte plötzlich das Gefühl, dass sein Gesicht viel zu nahe war. Dieses Empfinden ließ sie zurückstolpern und sie bereute es augenblicklich. Sie war zurückgeschreckt, wie eine ängstliche Jungfer, anstatt mit Bedacht und Verstand besonnen Abstand zu nehmen. Sie gehörte leider nicht zu den Menschen, denen es egal war, was andere über sie dachten. Zu allem Übel spürte sie, wie sich ihre Wangen röteten.
„Ich war ein bisschen angetrunken, mehr nicht", räusperte sie sich. Die Worte klangen seltsam fehl am Platz in ihren Ohren.
Malfoy nickte. „Wenn wir dann fertig mit der Hausbesichtigung sind, können wir ja wieder nach unten ins Esszimmer gehen."
Astoria fragte sich, ob sie jemals eine alltägliche Unterhaltung führen würden – ob sie dazu fähig waren. Und natürlich fragte sie sich, ob sie sich in seiner Gegenwart jemals wohl fühlen könnte.
