Schöner Schein

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Am Samstagabend fand sich Astoria in Begleitung von Mr Greengrass, Daphne und Theo auf dem Anwesen der Malfoys wieder. Der Hauself, der sie vor etwa eine Woche durch das Anwesen gehetzt hatte, geleitete sie diesmal in einem gemächlicheren Tempo in den Ballsaal, der, ganz wie man es bei einem Malfoy erwartete, prächtig war. Auch an geschmackvoller Dekoration war nicht gespart worden. In der Nähe des Eingangs standen Mr und Mrs Malfoy, um ankommende Gäste zu begrüßen. Ihr Sohn hielt dies anscheinend nicht für seine Pflicht. Astoria konnte ihn unter den vielen Menschen nirgends entdecken.
„Miss Greengrass, Ihre Festrobe sieht entzückend aus", begrüßte Mrs Malfoy sie wohlwollend. „Meinst du nicht auch, Lucius?", wandte sie sich an ihren Mann.
„Ganz reizend", antwortete Mr Malfoy mit kühler blasierter Stimme, was seinen Worten keine große Überzeugungskraft verlieh, während sein Blick über Astoria streifte. Nachdem er scheinbar keinen größeren Makel an ihr feststellen konnte, richtete er sich an ihren Vater: „Schön, dass du mit deiner Familie kommen konntest, Robert."
Astoria betrachtete unterdessen weiter unauffällig Mr Malfoy. Wer meinte, dass Malfoy Ähnlichkeit mit seiner Mutter hatte, kannte eindeutig seinen Vater noch nicht. Mit seinen kalten grauen Augen, weißblonden Haaren und spitzen Gesichtszügen war er unverkennbar eine ältere Version seines Sohnes. Etwas an ihm gab einem das Gefühl, man sollte Respekt vor ihm haben. Nicht aus Achtung, sondern aus Vorsicht. Vielleicht lag das an der Art, wie er sein Haar trug, sinnierte Astoria, obwohl sie wusste, dass der wahre Grund ein anderer war.

Bald darauf schloss Mr Greengrass sich seinen Bekannten und Freunden an und Theo brachte sich eilig in Sicherheit, nachdem Daphne ihn gefragt hatte, ob er mit ihr zu Pansy Parkinson hinübergehen wollte.
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass er meine Freundinnen nicht leiden kann", vertraute sich Daphne Astoria, verschmitzt lächelnd, an. „Das kann natürlich auch ein Vorteil sein. Wenn ich meine Ruhe haben will, brauche ich bloß zu sagen, dass Pansy zu Besuch kommt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schnell Theo sich plötzlich an einen dringenden Termin erinnert."
„Oh, Astoria!", rief Moira scheinbar entzückt aus und stellte sich den Schwestern in den Weg. „Ich wusste gar nicht, dass du auch eingeladen bist … Ah und hallo, Daphne!" Moira lächelte süß und fuhr fort: „... Tja, ich schätze, es ist jeder hier. Ja, selbst Brianna hat eine Einladung bekommen … "
„Wirklich? Wie verwunderlich!", entgegnete Astoria, die nicht die geringste Lust verspürte, sich an diesen Tag auch noch mit Moira auseinandersetzen zu müssen.
Daphne merkte hingegen verstimmt an: „Die Greengrasses sind eine alte ehrenwerte Zaubererfamilie und zudem seit Generationen gut mit den Malfoys befreundet. Ich denke also schon, dass wir eine Einladung verdient haben."
„Oh, aber ich habe doch nichts gegen euch gesagt", berichtigte Moira sie geziert lächelnd.

„Ich kann die Frau nicht leiden. Sie tut, als ob sie die Nichte von Salazar Slytherin ist. Dabei ist sie eine Tugwood- muss einem der Name etwas sagen?", meinte Daphne zu Astoria, als sie wieder unter sich waren.
Astoria zuckte mit den Schultern. Leuten, die sich mit Zaubertänken auskannten, sagte der Name schon etwas. Moira hatte des Öfteren mit ihrer berühmten Verwandten, Sacharissa Tugwood, die Schönheitstränke entwickelt hatte, geprahlt. „Aber du weißt ganz sicher, dass die Greengrasses schon seit Generationen gut mit den Malfoys befreundet sind?", sie schaffte es nicht gänzlich, die Ironie aus ihrer Stimme zu halten.
„Ach, bald wird das doch stimmen, wenn du Draco heiratest", meinte Daphne.
Astoria rümpfte ihre Nase. Musste man sie ständig daran erinnern?
Daphne ließ ein kurzes freudloses Lachen erklingen. „Ich weiß, du glaubst, dass es eine unglücklich Ehe sein wird, aber je länger ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass …"
„Bitte, lass es einfach. Ich habe mich damit abgefunden. Du brauchst also nicht zu versuchen mich aufzumuntern", unterbrach Astoria sie.

Brianna, die tatsächlich ebenfalls eine Einladung bekommen, trug einen hübschen roten Festumhang, der ihren weiblichen Typ zusätzlich unterstrich. Sie wurde von Miles Bletchley, der nach einem längeren Auslandsaufenthalt wieder in England weilte, auf die Tanzfläche geführt. Sein bester Freund Adrian Pucey, ein Frauenheld erster Güte, verbeugte sich vor Astoria.
„Miss Greengrass. Ich muss Sie um einen Gefallen bitten", vertraute er sich ihr an, mit seiner Hand fuhr er sich durch seine schwarzen Haare.
„Ach ja? Und um was handelt es sich, wenn ich fragen darf?", erkundigte sie sich neugierig.
„Bis vor kurzem dachte ich, auf Miles wäre Verlass, aber nun stellt sich heraus, dass dies ein fataler Irrtum war. Sehen Sie?" Er deutete auf die Tanzfläche. „Er tanzt mit einer jungen Dame, ohne daran zu denken, dass er mich in einer öden Gesellschaft alleine lässt."
„Sie Armer!", bekundete Astoria grinsend.
„Sie haben es verstanden." Seine blauen Augen blitzten schelmisch.
„Das habe ich", nickte Astoria, „Nur ich verstehe noch nicht, wie ich Ihnen nun behilflich sein kann."
„Sie müssen selbstverständlich mit mir tanzen, um mir die Zeit ein wenig angenehmer zu gestalten", erklärte er.
Astoria zog ihre Augenbrauen hoch. „Sollte ich mich geschmeichelt fühlen?"
„Auf alle Fälle! Schließlich sind Sie die einzige Frau hier, der ich es zutraue, mich vor der Langweile retten zu können", erwiderte er.
Astoria musste lachen. Definitiv war sie im Moment so ziemlich die einzige Frau am Rand der Tanzfläche, die keinen Tanzpartner hatte.

So entfernte sie sich einige Zeit später freudig erhitzt vom schwungvollen Scottish Country Dance mit Adrian Pucey von der Tanzfläche und steuerte auf den Tisch mit den Erfrischungen zu. Durstig nahm sie einen Schluck von dem kühlen Kürbissaft.
„N' Abend, Astoria", hörte sie eine Stimme sie von hinten ansprechen.
Gefasst wirkend drehte sie sich zu ihm um. „Malfoy …", sprach sie seinen Namen langsam aus.
Er war wie immer tadellos gekleidet und frisiert. Irgendetwas an ihr schien ihn zu belustigen, weshalb Astoria verärgert ihre Augen zusammenkniff.
„Was ist so lustig?", fragte sie.
Sein Grinsen schien sich fast unmerklich zu verstärken. „Nichts... Wollen wir tanzen?", erwiderte er nonchalant.
„Tanzen?", fragte sie wiederum etwas verwirrt.
Er nickte. „Macht man das nicht auf einem Ball? … Also?" Er sah sie auffordernd an und hielt ihr seine Hand hin.
Astoria wollte keine vernünftige Ausrede einfallen und da es in Anbetracht ihrer Situation klüger war, höflich zu ihm zu sein, willigte sie widerwillig ein.

„Ich dachte, es würde besser aussehen, wenn wir wenigstens einmal vor der Verkündigung unserer Verlobung miteinander getanzt haben", erklärte er ihr, während sie die eleganten langsamen Schritte des Menuetts ausführten. Es war keiner ihrer Lieblingstänze, aber man konnte sich gut dabei unterhalten. Natürlich nur, wenn man einen geselligen Partner hatte.
Astoria runzelte ihre Stirn. „Es wäre nicht unüblich, wenn wir es nicht täten. Schließlich werden wir eine Vernunftehe führen."
Malfoy nickte. „Aber das müssen die Leute ja nicht wissen."
Nach einer Drehung schenkte Astoria ihm einen fragenden Blick. „Meinst du, wir könnten so tun als ob wir ..." Sie wagte es nicht ihren Satz zu Ende zu sprechen.
Malfoy sah sie leicht spöttisch an und fragte sie nach einer kurzen Pause: „Ist es das was du willst?"
Astoria überlegte kurz. Sie wollte nicht, dass die Menschen wussten, wie unglücklich sie war. Vielleicht war es absurd, aber sie hatte das Gefühl ihr Schicksal besser ertragen zu können, wenn der Schein ihre Mitmenschen täuschte. Und was würde sich da besser eignen, als die Menschen glauben zu lassen, es handele sich um eine Liebesheirat?
„Nun ich denke, es könnte ganz amüsant sein", grinste sie unerwartet gutgelaunt.
Malfoy betrachtete sie einen Moment schweigend und ein wenig nachdenklich, bevor er entgegnete: „Erwarte aber keine zu großen Schauspielleistungen von mir."
Ernüchtert schüttelte Astoria ihren Kopf. Nein, amüsant würde es sicherlich nicht sein. Schließlich war dies die Realität und er hieß Malfoy.

Brianna war neugierig, wie ihre Freundin dazu gekommen war, mit Malfoy zu tanzen. Astoria hätte ihr am liebsten irgendeine Geschichte aufgetischt, aber dann dachte sie, dass Brianna den wahren Grund ohnehin in weniger als zwei Stunden erfahren würde und erzählte ihr die Wahrheit in gekürzter Fassung, was bedeutete, dass sie ihr lediglich sagte, dass sie mit Malfoy verlobt war. Ihre Freundin war erst sprachlos, aber nach einem Moment bestürmte sie sie mit tausend Fragen. Wie war das Ganze passiert? Seit wann bestand diese heimliche Verlobung schon? Astoria war ein wenig unentschlossen, was genau sie ihrer Freundin erzählen sollte.
„Wenn ich mich nicht täusche, sind wir seit etwa zwei Wochen verlobt", begann Astoria.
„Zwei Wochen! Und kein Wort von dir!", rief Brianna.
„Das tut mir leid, aber ich war ein wenig durcheinander", bat Astoria sie um Verzeihung.
„Schon gut, ich kann verstehen warum", meinte Brianna. „Aber jetzt sag mir doch bitte, wie das Ganze anfing."
„Nun...", Astoria suchte verlegen nach den richtigen Worten, „... das Interesse kam anfangs von seiner Seite aus."
„Und ich habe nichts bemerkt!" Brianna war seit jeher romantisch veranlagt und bezweifelte daher nicht eine Sekunde, dass Malfoy einer Gefühlsregung, wie Interesse, fähig war.
„Ich glaube, niemand hat das. Und wie auch? Er wirkt ja stets etwas kühl. Du glaubst gar nicht, wie es mich überrascht hat", erwiderte Astoria. „Ich muss zugeben, dass ich alles andere als begeistert war. Und als zwischen uns beiden das erste Mal das Wort Hochzeit fiel, lehnte ich dies entschlossen ab."
„Oh", Brianna blickte sie erstaunt an, „aber dann haben sich deine Gefühle geändert?"
„Das könnte man so sagen..." Astoria wandte sich verlegen ab. Es gefiel ihr nicht, Brianna so hinters Licht zu führen, doch sie hatte sich nun mal dazu entschlossen.
„Das braucht dich aber doch nicht zu beschämen – es ist das Schönste auf Welt! Wie romantisch ich das alles finde!"

Astoria war wirklich froh, als Mrs Whitley diesen Moment wählte, um ihre Tochter zu ermahnen, dass man auf einem Ball doch tanzen sollte, und sie hatte tatsächlich einen jungen Mann im Schlepptau, der den Wunsch geäußert habe, ihre Tochter auf das Parkett zu führen.
Astoria hatte bald keine Lust mehr zu tanzen und als Mr Cadwallader sie um einem Tanz bat, lehnte sie höflich ab. Unentschlossen schritt sie durch den Saal. Kurz überlegte sie, ob sie sich zu Daphne und ihren Freundinnen stellen sollte, entschied sich dann aber dagegen.
Nicht lange und sie heftete ihren Blick auf Malfoy, der sich mit einigen jungen Männern, darunter auch Theo und Blaise Zabini, unterhielt. Sie fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis ihre Verlobung bekannt gegeben würde. Es dauerte einen Moment, dass sie bemerkte, dass er es bemerkt hatte, wie sie zu ihm hinüberschaute. Selbst von der Entfernung konnte sie sehen, dass er seine Augenbraue hochgezogen hatte und sie fragend musterte. Normalerweise hätte sie sich nun verlegen abgewandt oder zumindest ihren Blick gesenkt, aber dann dachte sie, dass es eigentlich ihr gutes Recht sei, ihn anzustarren. Vor allen Dingen, wenn sie den Eindruck erwecken wollten, dass sie sich einander zugetan fühlten. Also hob sie ein wenig ihr Kinn und blickte ihn herausfordernd an. Ihr Blickkontakt bestand einige Sekunden bis Malfoy sich schließlich abwandte und etwas zu seinen Umstehenden sagte. Kurz darauf trennte er sich von seiner Gruppe und kam auf sie zu.
„Ich hatte eben den Eindruck, dass du etwas von mir wünscht?", fragte er sie mit seiner hochmütigen Stimme.
„Durchaus nicht. Wie kommst du darauf?", fragte sie beinahe erheitert.
„Du hast mich mehrere Minuten angestarrt", war seine sachliche Antwort.
„Ich glaube, es war höchstens eine Minute", erwiderte sie, „und ich kann dir versichern, dass ich nicht mit jedem Menschen, den ich anschaue, zu sprechen wünsche." Astoria biss sich auf ihre Zunge. Sie kannte ihn zu wenig, um zu wissen, wie er auf solche Worte reagierte.
Malfoy hob seine Augenbrauen. „Wie beruhigend zu wissen."
„Nun, ich meinte das ganz theoretisch", beeilte sich Astoria ihm nun zu versichern. „Oder möchtest du mit allen Leuten sprechen, die du anschaust?"
Er blickte ihr fest in die Augen und sagte dann: „Sicher nicht."
„Eigentlich ist es ganz gut, dass du hier bist. Was meinst du, wie lange müssen wir noch warten, bis dein Vater die frohe Nachricht verkündet?", änderte sie lieber ein wenig die Richtung des Gespräches.
Seine Brauen runzelten sich leicht. „Nicht allzu lange. Aber wenn du willst, können wir es beschleunigen."
„Ja?", fragte sie hoffnungsvoll, denn sie wollte es endlich hinter sich bringen.
Er nickte und bot ihr seinen Arm. „Wir können unsere Väter bitten, es jetzt gleich bekanntzugeben."

Mr Malfoy und Mr Greengrass waren durchaus damit einverstanden und schon wenige Minuten später bat Mr Malfoy seine Gäste um Aufmerksamkeit. Es ging ein Raunen durch die Menge, denn wenn ein Malfoy etwas zu sagen hatte, musste es sich um etwas Besonderes handeln. Astoria fühlte sich beklommen und wünschte sich innigst, die Angelegenheit würde nicht ihre Anwesenheit erfordern.
„Verehrte Gäste! Es ist mir eine Freude Ihnen an diesem Abend die Verlobung meines Sohnes Draco mit Astoria Greengrass bekanntgeben zu dürfen."
Beifall und vereinzelte Ausrufe wurden laut.
Astoria wurde von ihrem Vater zu Malfoy geführt, der ihre Hand nahm und sich bei ihrem Vater für die Aufnahme in den Kreis ihrer Familie bedankte. Anschließend steckte er ihr an den Ringfinger ihrer linken Hand einen silbernen Ring, den sie verunsichert betrachtete. Dies war also das Symbol ihres Versprechens.
Er beugte sich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich dachte, du wolltest, dass wir verliebt wirken."
Astoria spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Es gelang ihr, ein zauberhaftes, leicht verlegenes Lächeln aufzusetzen, obwohl sie am liebsten geheult hätte. Als sie sah, wie Malfoy stolz lächelte, musste sie anerkennen, dass er sehr gut darin war, andere zu blenden. Insgesamt gaben sie ein Bild des vollkommenen Glückes ab. Die Gäste applaudierten erneut und jemand, Astoria glaubte, es war Zabini, rief: „Auf Astoria und Draco!"