Es ist offiziell
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Irgendwie hatte sie geglaubt, nach der Bekanntgabe ihrer Verlobung wäre der Abend so gut wie zu Ende und sie könne sich entspannen, doch das war natürlich reines Wunschdenken gewesen. Im Grunde ging der Abend jetzt erst los. Die meisten schienen von der Neuigkeit begeistert, denn eine Verlobung bedeutete schließlich, dass es bald eine Hochzeit zu feiern gäbe und dies war doch ein denkwürdiges Ereignis, besonders wenn der Bräutigam den Namen Malfoy trug.
Fast jeder wollte persönlich ein paar Worte mit den Glücklichen wechseln, hauptsächlich um Glückwünsche zu überbringen oder um Einzelheiten zur Befriedigung ihrer Neugier aus erster Hand zu erhalten. Einige waren mehr und andere weniger zartfühlend dabei.
Mrs Branstone, eine enge Freundin von Mrs Whitley und dieser im Wesen sehr ähnlich, tönte: „Herzlichen Glückwunsch! Nun verrate mir aber, wie du es geschafft hast, Mr Malfoy rumzukriegen! Die meisten jungen Männer heutzutage scheinen sich ja vor der Ehe drücken zu wollen." Die Frau schien es gar nicht zu kümmern, dass Malfoy direkt neben ihnen stand.
„Na los, nicht so schüchtern! Meine Elanor wäre dir für Tipps sehr dankbar", drängte die Dame, als Astoria noch nach einer passenden Erwiderung suchte.
„Darf ich vorschlagen", mischte sich nun Malfoy ein, „dass Astoria Ihrer Tochter ihre Tipps zum Männerfang im Privaten mitteilt?"
Astoria schaute ihn verstohlen mit zweifelnder Miene an.
Mrs Branstone polterte:„Wie meinen Sie?"
„Nun", erklärte er, „nach meiner eigenen Erfahrung sind die Methoden von Astoria nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, wenn Sie verstehen?"
Astoria hustete. Wie bitte? Sie blickte Malfoy fassungslos an.
„Oh!... Ich verstehe!", kam es überlaut von Mrs Branstone. Die Überraschung in den Augen wich rasch einem Leuchten, das anzeigte, wie wertvoll ihr die neue Information erschien. Sie kicherte mädchenhaft. „Danke!", sagte sie überflüssigerweise noch zu Malfoy. Der deutete eine Verneigung an, als ob er sagen wollte: Zu ihren Diensten, Madam. Er amüsierte sich offenbar köstlich und kein diskreter finsterer Blick von ihr vermochte dies zu ändern, so dass sie es bald aufgab und stattdessen versuchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
„Bevor ich es vergesse, wollte ich Sie noch zu Ihrer Verlobten beglückwünschen!", dröhnte die ältliche Hexe, vermutlich um sich für die erhaltenen Informationen zu revanchieren. „Sie scheint mir die Hübscheste aus ihrem Jahrgang zu sein. Meine Elanor ist ja etwas jünger."
Als Mrs Branstone sich verabschiedetet hatte, flüsterte er ihr erheitert zu: „Du solltest nicht ein so starres Lächeln zur Schau tragen. Einem aufmerksamen Menschen könnte es auffallen und wir wollen doch glaubhaft wirken, oder?"
„Du und deine neue Freundin Mrs Branstone machen es mir leider nicht gerade leicht ein anderes Lächeln aufzusetzen", erwiderte sie leise aber zornig. Astoria dachte daran, dass Mrs Branstone wahrscheinlich schon einer ihrer Freundinnen von ihrem Gespräch mit Malfoy berichtete.
Er lachte kurz mit einem spöttischer Zug um seinen Mund. „Wo wäre der Reiz für dich, wenn ich es dir einfach machen würde?"
„Ich brauche keinen ... "
„So! Ich vermute, man darf euch gratulieren", riss Moira ihre Aufmerksamkeit an sich und Astoria hatte etwas Zeit, um sich zu beruhigen.
Malfoys Züge wirkten ungehalten aufgrund der Unterbrechung, was Astoria leise lächeln ließ. Astoria bemerkte, dass auch Moira in keiner guten Stimmung war: Sie lächelte steif und das Ridikül, welches sie in ihrer rechten Hand hielt, schien von dieser zerquetscht zu werden.
„Ja, das darf man", erwiderte Malfoy nun lässig lächelnd und legte seinen Arm um Astorias Hüfte.
Moiras bohrender Blick lag auf ihnen und Astoria schaffte es gerade so, nicht auf den Instinkt von Malfoy abzurücken zu hören. Es ließ sich schwer beschreiben, aber diese Nähe fühlte sich sehr seltsam an.
„Nun dann wünsche ich euch alles Gute", behauptete Moira, ihre Nasenflügel bebten leicht und sie schlug mit ihrem Ridikül einmal gegen die Außenseite ihres Oberschenkels.
„Ich danke dir", erwiderte Astoria neutral. Sie wurde der Wärme an der Stelle, wo Malfoys Hand auf ihr lag, bewusst und hatte das paradoxe Gefühl erschaudern zu müssen. Sie räusperte sich unmerklich.
„Ja, ich kann mich wirklich glücklich schätzen", meinte Malfoy arrogant. „Wie meinte Mrs Branstone eben, Liebste?", fragte er Astoria.
„Äh...was meinst du?", stammelte sie verwirrt.
Er lächelte herablassend und wandte sich an Moira: „Astoria ist zu bescheiden."
Moira schnaubte.
„Wissen Sie, sie meinte, Astoria wäre die Schönste aus ihrem Jahrgang –", gab er mit Genugtuung bekannt und er musste wissen, dass er sich damit keine Freunde machte.
In Moiras Augen blitzte es so verhasst auf, dass Astoria sich unwillkürlich näher an Malfoy drängte. Auch wenn Astoria und Moira beide wussten, dass sie sich nicht leiden konnten, hatte bisher zwischen ihnen immer eine Art stille Vereinbarung geherrscht, wenigstens so zu tun, als ob sie befreundet wären. Ob diese Übereinkunft jetzt auch noch galt, ließ sich schwer sagen.
„Aber nur weil ihre Elanor etwas jünger ist", fügte Malfoy mitleidslos hinzu.
Astoria lachte nervös, während Moira der Situation anscheinend keine Komik abgewinnen konnte. Ihre Zähne blitzten furchterregend, als sie meinte: „Ja, Astoria, du bist wirklich zu bewundern."
Astoria schluckte und erwiderte beklommen und ziemlich einfallslos: „Danke, Moira." Astoria fragte sich, was mit ihr nicht stimmte, denn seit wann hatte sie Angst vor Moira? Ihre ehemalige Schulkameradin ließ ständig ätzende Kommentare ab, aber man musste doch keine Angst vor ihr haben …
Erleichterung durchflutete sie, denn in diesem Moment stellte sich Narcissa Malfoy zu ihnen. Mrs Malfoy lächelte Astoria und ihren Sohn an. „Unterhalten könnt ihr euch später noch genug. Unsere Gäste warten darauf, dass ihr den nächsten Tanz eröffnet", sagte sie in einem tadelnden Tonfall.
Astoria konnte wahrhaftig von sich sagen, dass sie noch nie so glücklich gewesen war, mit Malfoy tanzen zu müssen, denn es war eine todsichere Methode um sich von Moira zu befreien.
Die Klänge eines Walzers erklangen und sie hatte keine Zeit mehr sich konkretere Gedanken um Moira zu machen. Astoria musste Malfoy zugestehen, dass er sie sehr gut führen konnte, sie hatte nicht ein einziges Mal das Verlangen, die Führung zu übernehmen, wie es leider bei einigen anderen Tanzpartnern manchmal der Fall war. Jeder Takt steigerte ihre Freude mit der sie sich von ihm auf der Tanzfläche herumwirbeln ließ, dass sie es am Ende bedauerte, dass der Tanz schon vorüber war – wenigstens beinahe.
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Astoria stand am übernächsten Tag auf der kleinen Leiter in der Bibliothek von Greengrass House, staubte Bücher ab und arrangierte sie neu. Es verschaffte ihr eine innere Ruhe und Zufriedenheit, es mit ihren eigenen Händen ohne Magie zu tun. In letzter Zeit war ihr ein bestimmter Gedanke gekommen, der sie leicht beunruhigte. Wenn sie Malfoy heiratete, würde er sicherlich auch erwarten, dass sie das Bett miteinander teilten – näher wollte sie es gedanklich nicht ausführen. Ja, sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie er ihr gesagt hatte, dass sie sich einen Liebhaber nehmen durfte, nachdem sie ihm einen Erben geschenkt hatte. Es würde einfach ungeschickt sein. In der Hexenwoche hatte es einmal einen Artikel überkünstliche Befruchtung, bei der es gar nicht nötig war, dass Mann und Frau sich auf irgendeine Weise näher kamen, gegeben. Aber Malfoy würde sich bestimmt nicht auf fragwürdige Muggelmethoden verlassen wollen, und wenn sie ehrlich mit sich war, traute sie sich nicht, ihn überhaupt auf dieses Thema anzusprechen.
„Miss Astoria", hörte sie Tinkas piepsige Stimme von Tür. „Mr Malfoy ist hier für Sie."
Überrascht stellte Astoria das Buch, was sie in der Hand hielt, zurück in das Regal. „Hat er gesagt was er will?", fragte sie Tinka.
„Nein, Miss, aber er– "
„Sag ihm, dass ich heute niemanden empfange", unterbrach Astoria die Elfe. Sie nahm ein anderes Buch heraus und wischte mit dem Staubwedel drüber.
„Darf ich den Grund erfahren?", hörte sie plötzlich unerwartet eine männliche und unausstehliche Stimme von der Tür.
Erschrocken wirbelte sie herum, was sich als gar nicht so einfach erwies, da sie immerhin auf einer Leiter stand. Der blonde Zauberer stand im Türrahmen und blickte sie von dort selbstgefällig an, vor ihm stand Tinka und machte ein betretenes Gesicht.
„Tinka!", rief Astoria empört aus.
„Es tut Tinka leid, Miss, Tinka dachte, er wäre erwünscht", piepste Tinka aufgeregt.
„Keine Sorge, Tinka, das hast du gut gemacht", meinte Malfoy vertraulich.
„Miss Astoria, soll Tinka Mr Malfoy wieder hinausbegleiten?", fragte Tinka sie reumütig.
„Ist schon gut, Tinka", seufzte Astoria, „du kannst uns alleine lassen."
Die Hauselfe knickste und verschwand.
Malfoy trat in die Bibliothek und sah sich um.
Astoria stellte das Buch ins Regal. Sie kletterte die Leiter hinunter. „Ich wusste nicht, dass du heute kommen wolltest", sagte sie irritiert.
„Das sehe ich", war sein Kommentar, während er sie von oben bis unten musterte.
Sie wurde sich bewusst, dass sie ihren gemütlichen, aber eben auch ausgeleierten dunkelgrauen Hausanzug trug.
Malfoy nahm ihr den Staubwedel aus der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten, als ob er zum ersten Mal diese Art von Arbeitsgerät sah. „Interessant, sind das Federn?"
„Ich nehme an, Straußenfedern", bestätigte Astoria knapp.
Er legte den Wedel auf die Leiter.
„Warum bist du hier?", fragte Astoria durcheinander.
„Tsts, darf man seine Verlobte nicht auch ohne einen besonderen Grund besuchen?", fragte er gespielt entrüstet.
„Kommt darauf an", erwiderte sie automatisch.
„Auf was?", fragte er und seine Stimme klang dabei tiefer als sonst.
Astoria begegnete seinem Blick. Sie fragte sich, was an grauen Augen so besonders war. Malfoy sah sie erwartungsvoll an und erinnerte sie daran, dass er eine Antwort verlangte.
„Darauf wer die Verlobte und wer der Verlobte ist", entgegnete sie endlich.
„Und ich nehme an, wir beide fallen nicht in die Kategorie der Verlobten, die sich grundlose Besuche erlauben dürfen", meinte er. „Dann kann ich ja froh sein, dass ich sehr wohl einen Grund habe."
Sie sah ihn fragend an.
„Ich möchte, dass du mich heute zu einer Geburtstagsfeier begleitest", erklärte er.
„Heute?"
Er nickte. „Millicent Bulstrode feiert ihren Geburtstag. Du kennst sie sicherlich."
Astoria nickte. Klar kannte sie Millicent, sie war schließlich eine von Daphnes Freundinnen. „Aber ich weiß nicht … sie wird mich gar nicht erwarten", meinte Astoria nachdenklich.
„Die Einladung war mit Begleitung und da wir nun verlobt sind, wird sie erwarten, dass du mitkommst", entgegnete er und fügte dann etwas spöttisch hinzu: „Außerdem ist es eine gute Möglichkeit die Welt von unserer Zuneigung zu überzeugen."
Astoria dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass es tatsächlich die Gelegenheit wäre. Auf der Geburtstagsparty wären eine Menge junger Leute anwesend, und wenn sie diese überzeugen konnten, hätten sie die schwierigste Hürde überwunden.
„Wann fängt die Feier an?", fragte sie.
Er neigte den Kopf zur einen und zur anderen Seite und meinte: „Sie hat vor etwa einer halben Stunde angefangen."
„Vor einer halben Stunde!", empörte Astoria sich.
„Ganz genau, deshalb zieh dich jetzt um und mach was immer du auch tun musst, damit wir wenigstens noch etwas pünktlich ankommen", ging er, kein bisschen aus der Ruhe gebracht, auf ihren Ausbruch ein und machte es sich in dem Ledersessel der Bibliothek gemütlich.
Astoria verdrehte innerlich die Augen über seine Gelassenheit, es kümmerte ihn überhaupt nicht, zu spät zu kommen. Wenn jemand ein oder zwei Stunden nach Beginn einer Veranstaltung auftauchte, konnte man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dieser jemand Malfoy war.
„Okay, dann warte hier auf mich! Ich bin gleich wieder da", teilte Astoria ihm mit, bevor sie sich eilig in ihr Zimmer begab, um sich dort annehmbare Kleidung anzuziehen und sich zurechtzumachen.
Als Astoria sich noch ihren schwarzen Capuchon, einen kurzen Damenmantel mit großer Kapuze, umlegte, während sie wieder die Bibliothek betrat, waren nur wenige Minuten vergangen. Malfoy sah mit einem verschwindend überraschten Ausdruck im Gesicht auf.
„Kommst du oder willst du noch länger herumtrödeln?", rügte sie ihn sorglos. An ihr lag es jedenfalls nicht, dass sie zu spät kamen.
Er zog arrogant seine Augenbrauen in die Höhe, ließ sich jedoch zu keinem Kommentar herab. Lässig schlenderte er zu ihr hinüber und betrachtete sie durch halb geschlossene Lider, was sie dann doch etwas verunsicherte.
„Dann lass uns vor die Tür gehen", beschloss er.
Im Freien nahm Malfoy ihren Arm und apparierte Seit-an-Seit mit ihr.
