Eine Verabredung
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Astoria schritt über den breiten Kiesweg und strich gedankenverloren ihre Hand über die Eibenhecke zu ihrer rechten Seite. Sie war in den letzten Wochen häufig auf Malfoy Manor gewesen, um mit Narcissa Malfoy die Hochzeit zu planen. Und so war sie auch heute wieder dort gewesen. Nach dem letzten Zwiegespräch mit Malfoy vor sechs Wochen, dem Honigvorfall, wie sie es bei sich nannte, hatte Astoria sich fest vorgenommen, darauf zu achten, dass sie sich nicht wieder alleine mit ihm in einem Raum befand. Tatsächlich gestaltete sich dies einfacher, als sie vorher angenommen hatte, denn Malfoy leistete ihnen nicht allzu oft Gesellschaft. Und wenn er es tat, schaute er nur kurz herein, erkundigte sich höflich, wie es voranging und verschwand dann wieder. Heute war er überhaupt nicht aufgetaucht. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, dass er ihr aus dem Weg ging. Doch wahrscheinlicher war, dass er einfach nicht ihre Gesellschaft suchte. Er hatte ihre Abstammung als Grund für die Eheschließung genannt und sein Interesse an ihr schien einfach nicht darüber hinaus zu gehen.
Astorias Blick fiel auf das schmiedeeiserne Doppeltor vor sich, das seltsamerweise offen stand. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Das Tor vor Greengrass House stand ständig offen, aber hier auf Malfoy Manor wirkte ein offen stehendes Tor seltsam verkehrt. Zögerlich ging sie durch die Öffnung und kam sich dabei selbst albern vor. Der Weg, den sie nun betrat, war schmaler. Auf der einen Seite stand eine hohe gepflegte Hecke und auf der anderen wuchsen wilde Brombeeren. Anfangs hatte das gesamte Anwesen prachtvoll aber unpersönlich auf sie gewirkt – sie war wohl ein wenig voreingenommen gewesen. Nun fing sie langsam an, es zu mögen. Das Außengelände hatte etwas Idyllisches, das ruhige, gleichmäßige Plätschern des Brunnens verlieh der Umgebung etwas Beruhigendes. Selbst die weißen Pfauen, die sie im Garten herumstolzieren gesehen hatte, gefielen ihr.
Etwas ließ Astoria innehalten. Sie wusste nicht einmal was genau es war, aber sie hatte auf einmal das Gefühl, dass sie nicht allein war. Sich umschauend trat sie näher an die Brombeersträucher heran. Niemand. Sie nahm eine der Brombeerranken zwischen ihre Finger und atmete den Duft ein. Es roch nach – nun ja, eben nach Brombeeren … Astoria schüttelte leicht ihren Kopf und seufzte. Hoffentlich wurde sie nicht auch noch paranoid. Ihre Gedanken wanderten abermals zu Malfoy. Selbst auf den drei gesellschaftlichen Anlässen, die sie gemeinsam besucht hatten, hatte er nicht erneut versucht, sie zu einem vermeintlich ungestörten Ort zu geleiten. Astoria wollte erleichtert sein, dass er kein besonderes Interesse an ihr zeigte, aber sie schaffte es nicht gänzlich. Sie wollte nicht sagen, dass es sie enttäuschte, das tat es bestimmt nicht, doch sie fühlte sich dadurch in ihrer weiblichen Eitelkeit verletzt.
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Der nächste Tag brachte eine Veränderung mit sich. Anstatt sich wie sonst sofort wieder rar zu machen, hatte Malfoy dieses Mal anscheinend einen längeren Aufenthalt bei ihnen geplant, denn er machte es sich mit dem Tagespropheten auf dem Sofa gemütlich und begann darin zu lesen. Er beehrte Astoria also zweifelsfrei mit seiner physischen Anwesenheit, auch wenn er ihr angeblich keine Aufmerksamkeit schenkte. Narcissa Malfoy unterhielt sich nach der kurzen Unterbrechung weiter mit Astoria über die Kunst der Tischdekoration und machte Vorschläge für eine geeigneten Wahl. Hin und wieder versuchte sie ihren Sohn in das Gespräch mit einzubeziehen, was ihr jedoch nicht gelang, denn er antwortete hinter dem Propheten auf ihre Fragen stets mit nichtssagenden Worten wie „Ich verlasse mich ganz auf euren Geschmack" und anderen ähnlichen Phrasen.
Narcissa Malfoy war weder mit Dummheit geschlagen noch schwer von Begriff und da Malfoy und Astoria sich nie die Mühe gemacht hatten, sich anders als mit bloßer Höflichkeit und Freundlichkeit vor ihr zu begegnen, musste ihr klar sein, dass die Beziehung zwischen ihnen nicht so war, wie sie es sich eventuell wünschte. Daher war die folgende Frage, als sie das Thema Tischdekoration vorerst abgehakt hatten, nicht wirklich unerwartet, wenngleich nicht weniger bestürzend.
„Wie wäre es, wenn ihr beide euch heute amüsieren geht?", schlug Mrs Malfoy vor.
Astoria erstarrte. Das Letzte was sie mit Malfoy tun wollte, war mit ihm auszugehen. Okay, vielleicht nicht das Letzte, aber es war schon ziemlich dicht dran. Während Malfoy bloß ein unbestimmtes Brummen von sich gab, suchte Astoria panisch nach einer halbwegs plausiblen Ausrede.
„Hast du irgendwelche Vorschläge, Mutter?", fragte Malfoy gelangweilt.
„Geht doch in die Fantastic Opera", erwiderte Mrs Malfoy unbekümmert über seinen Tonfall.
„Hmm", meinte Malfoy und blätterte die Zeitung durch. „Wo ist der Sportteil?"
Astoria errötete. Es war demütigend. Er machte es so offensichtlich, dass er keine Zeit mit ihr verbringen wollte.
„Das fragst du besser deinen Vater", meinte Mrs Malfoy spitz und rümpfte ihre Nase. Das tat sie immer, wenn ihr etwas missfiel. Astoria hoffte, niemals der Grund für dieses spezielle Nasenrümpfen zu sein. „Nun Draco? Astoria möchte sicher gerne hingehen."
„Oh nein, darauf habe ich heute eigentlich überhaupt keine Lust", winkte Astoria endlich hastig ab, bevor es noch peinlicher wurde. Und sie hatte ja auch keine Lust! Insofern benutzte sie nicht einmal einen Vorwand. Sie konnte auf einmal gut nachvollziehen, wie Brianna sich fühlen musste, wenn ihre Mutter wieder einmal versuchte, sie mit einem desinteressierten Mann zusammenzuwerfen. So etwas hatte sie doch auch gar nicht nötig und es sollte niemand denken.
Astoria begegnete Malfoys amüsierten Blick und wurde kurz aus dem Konzept gebracht. Eine seiner blonden Brauen war ganz typisch in die Höhe gezogen. Sie fragte sich, wie viele Nuancen sie wohl im Vergleich zu seinem hellen Kopfhaar dunkler waren. Es mussten schon einige sein, denn die Augenbrauen ließen sich eher als dunkelblond beschreiben.
„Vielleicht", meinte er nachdenklich, „sollten wir trotzdem gehen..."
Astoria riss ihre Augen auf. „Aber …!" Sie blickte flüchtig zu Mrs Malfoy hinüber. „Ich habe heute gar keine Zeit, ich wollte meine Schwester noch besuchen." Astoria beobachte unsicher, wie sich seine Augenbrauen skeptisch zusammenzogen. Sie schluckte. Sie hätte besser darauf bestehen sollen, keine Lust zu haben.
„Soweit ich weiß, treffen Theo und Daphne sich heute mit Tracey und Blaise", meinte er nüchtern.
Astoria stockte. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie fragte ihn fahrig: „Bist du sicher?"
„Ziemlich", antwortete er.
Astoria rang sich ein Lächeln ab. Eine weitere Ausrede würde jetzt vermutlich nicht mehr ziehen. „Tja, wenn meine Schwester also schon andere Pläne hat, dann habe ich nichts weiter vor."
Malfoy trug einen äußerst selbstgefälligen Gesichtsausdruck zur Schau. Es hörte sich immer so nett an, wenn man sagte, dass man im Grunde genommen auf sich selbst wütender war, als auf jemand anderen – Nun, das war sie nicht. Sie konnte von sich sagen, dass sie ein wenig konfliktscheu war, sie wollte Mrs Malfoy nicht enttäuschen und aus irgendeinem Grund ihr auch gefallen. Aber wütend war sie doch unabhängig davon vor allem auf Malfoy. Er wollte doch allein deshalb mit ihr ausgehen, weil sie es eben nicht wollte!
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Die Fantastic Opera war die bedeutendste Aufführungsstätte der britischen Zaubergemeinschaft. Es wurden unter anderem Opern und Theaterstücke aufgeführt und magische Filme gezeigt. Durch die Toiletten im Royal Opera House, dem berühmten Opernhaus der Muggel in Covent Garden, gelangten Astoria und Malfoy in in das Gebäude. Da sie nicht das Bedürfnis gehabt hatte, sich für Malfoy umzuziehen, waren sie eine Stunde später direkt von Malfoy Manor aufgebrochen.
Bestimmt hatte die Familie Malfoy eine Privatloge im Opernsaal, überlegte Astoria im riesigen Eingangsbereich.
„Ein Film?", unterbrach Malfoy sie in ihren Überlegungen.
Sie blickte ihn fragend an.
„Oder möchtest du dir lieber eine Oper ansehen?" Er sah sie zweifelnd an.
„Ähm nein, ein Film ist gut", entgegnete sie schnell.
„Dann warte hier auf mich", forderte er sie auf. „Ich hole die Karten."
Astoria starrte auf seinen Hinterkopf, als er sich von ihr entfernte. Sie hatte sich für den Abend vorgenommen, gefasst über jegliche Unverschämtheiten hinwegzusehen. Es würde nicht einfach werden …
Als er zurückkam, reichte er ihr einen der Papierstreifen.
„Danke. Was für einen Film werden wir uns ansehen?", erkundigte sie sich, um wenigstens etwas Konversation zu betreiben.
„Keine Ahnung", meinte er und zuckte mit seinen Schultern, „steht das nicht auf der Karte?"
Astoria sah ihn entsetzt an. Normal war das jedenfalls nicht, wenn man sich Karten kaufte, ohne zu wissen, was überhaupt für ein Film lief.
Der Film entpuppte sich schließlich als durchaus unterhaltsamer Abenteuerfilm. Die zwei Protagonisten kamen sich während der Aufregung näher, ganz wie es Astoria normalerweise von einem sehenswerten Film erwartete. Sie hätte ihn vermutlich genießen können, wäre ihr nicht die ganze Zeit über die Anwesenheit von Malfoy an ihrer Seite bewusst gewesen.
Bei der unausweichlichen Liebesszene wagte sie es nicht, sich zu bewegen. Sie war einfach nur peinlich berührt. Als die Darsteller dann endlich fertig waren, entspannte Astoria sich merklich. Sie schaute zur Seite und zuckte zusammen, als sie Malfoys Blick begegnete. Auf seine Züge stahl sich ein belustigtes Grinsen. Wie lange hatte er sie schon beobachtet?
Astoria musste sich zwingen ruhig zu bleiben. „Was ist?", fragte sie ihn leise.
Leise lächelnd legte er seinen Arm um sie. Astoria versteifte sich flüchtig und versuchte ihn dann wegzudrängen.
„Das würde ich lassen", flüsterte er ihr zu. „Zwei Reihen hinter uns sitzen ein paar Bekannte von uns."
Astoria hielt inne. Daphne hatte möglicherweise gar nicht so unrecht damit gehabt, dass das Ganze eine blöde Idee war, denn Malfoy nutze ihr Arrangement offensichtlich für seine eigenen schändlichen Zwecke. Er schien einen perfiden Gefallen daran zu finden, sie in verfängliche Situationen zu versetzen und in Verlegenheit zu bringen.
Malfoy zog sie bestimmt zu sich und beugte sich zu ihrem Ohr herunter. „Ich glaube, du bist nicht so unnahbar, wie du tust", raunte er.
„Bitte nimm unauffällig deinen Arm von mir weg", entgegnete sie kühl, obwohl sie innerlich nicht so ruhig war.
Er lachte leidenschaftslos. Zwei Sekunden spürte Astoria für einen kurzen Moment seinen Mund auf ihrem Ohr. Ihr Herz klopfte schneller. „Malfoy … was …?"
Er unterbrach sie. „Pssst, wir können uns nach dem Film noch unterhalten." Er schien es ernst zu meinen, denn er blickte anschließend nach vorne.
Astoria öffnete ihren Mund, schloss ihn kurz darauf wieder, nur um ihn danach erneut zu öffnen. Fast wünschte sie sich er würde ihr noch mal etwas ins Ohr flüstern. Er tat es nicht. Unruhig saß Astoria in dem Sitz und wartete auf das Ende des Films.
Als alle Leute nach dem Film von ihren Sitzen aufstanden, schlug Malfoy ihr vor, eine Gaststätte ganz in der Nähe aufzusuchen. Sie zögerte nur einen winzigen Augenblick, bevor sie zustimmte. Sie hatte Hunger und sie verspürte auch kein großes Verlangen schon nach Hause zu gehen. Ihr Vater war vermutlich in seinem Arbeitszimmer mit irgendetwas beschäftigt. In den letzten Wochen befiel sie eine unerträgliche Ruhelosigkeit, wenn sie allein war, und die Bücher in der Bibliothek war vorerst genug abgestaubt worden...
Einige Minuten später waren sie dort. Es war ein Muggelpub, recht gemütlich in seiner Art.
„Hier sind wir wenigstens ungestört", sagte Malfoy, nachdem sie sich hingesetzt hatten. Grüne Blattpflanzen gaben den Tischen ein Maß an Separation.
„Bislang hatte ich nicht den Eindruck, Beobachter würden dich stören."
Sein Mundwinkel zog sich zu einem Grinsen nach oben. „Du hast Recht, manchmal sind sie sogar recht nützlich."
Astoria reckte missbilligend ihr Kinn und griff nach der Speisekarte.
Sie betrachtete Malfoy beim Essen, während sie selber ihre Lasagne aß. Das Gericht, das er sich bestellt hatte, sah ziemlich lecker aus. Und erst diese goldenen Kartoffelstäbchen. Gewissenhaft kaute er jeden seiner Bissen und er wirkte dabei auf eine sehr maskuline Art anziehend auf sie. Es war ärgerlich.
„So, Astoria ...", begann Malfoy plötzlich, er studierte sie gründlich, „den Ehevertrag hast du gelesen, oder?"
„Ja, klar", log sie und fragte sich gleichzeitig, wohin dieses Gespräch führen sollte.
„Dann bist du auch den Abschnitt über die eheliche Pflichten durchgegangen?"
Eheliche Pflichten. Das hörte sich vielversprechend an …
Astoria blickte ihm direkt in die Augen. „Auf was willst du hinaus?" Sie schob sich ein Stück ihrer Lasagne in den Mund.
„Falls du dich erinnerst, stand dort so etwas wie, dass du dich mir entgegenkommend zu zeigen hast, um die Zeugung eines Erben zu gewährleisten."
Astoria spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg und sie vernahm ein hohes Sirren in ihren Ohren. Sie wich seinem Blick aus. Aber hatte man schon mal solch eine Umschreibung gehört?
„Ist das eigentlich der Standardvertrag aus dem Mittelalter?", fragte sie, um ein wenig abzulenken und schaute ihn wieder an.
„Das Original stammt aus dem Jahr 1889 und die zusätzliche Klausel, die die Geldangelegenheiten regelt, aus diesem Jahr."
„Ah, sehr fortschrittlich", kommentierte sie. Astoria nahm einen kleinen Schluck von dem kühlen, bitteren Bier und plötzlich kam ihr ein Gedanke. „Kann das Ding überhaupt gültig sein, wenn ich es noch nicht einmal unterschrieben habe?"
„Er ist insofern gültig, dass dein Vater uns das auf Lebenszeit geliehene Geld ohne weiteres zurückzahlen muss, falls es zu einer Scheidung kommen sollte, weil du dich nicht an den Vertrag gehalten hast." Er sah völlig unbeteiligt aus.
Ihre negativen Gefühle der letzten Wochen drängten sich an die Oberfläche. „Das ist Nötigung!", zischte sie. In ihrer Wut pikste sie einen dieser Pommes von seinem Teller mit ihrer Gabel auf und steckte sie in ihren Mund.
„Kann sein, aber deshalb brauchst du mir nicht mein Essen zu klauen" Er besaß die Frechheit, amüsiert zu klingen.
„Du gibst es also zu, dass du dich strafbar machst?" Astoria fixierte ihn.
„Kein Zaubergericht würde das so sehen", entgegnete Malfoy betulich.
Sie hob ihre Brauen „Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher. Mein Vater hat einen Sitz im Zaubergamot."
Er lachte. „Du bist niedlich, wenn du versuchst mir zu drohen."
„Wie bitte?", entfuhr es ihr verdutzt.
Selbstgefällig lächelnd aß er ein Stück von seinem Steak. Er nahm sie nicht für voll. Niedlich … Sie hatte doch keine Stupsnase! Ihre Nase war eher ein bisschen zu lang ... Ihr war selbst klar, dass ihr Vater nicht die Absicht hatte die Malfoys anzuklagen und sie würde es ganz gewiss auch nicht tun, trotzdem mochte sie es nicht, dass er so überlegen tat.
„Nun, Astoria", begann er nachdem er seinen Mund wieder frei hatte, „denkst du, du kriegst es hin, den Vertrag einzuhalten?"
Sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Er musterte sie aufmerksam.
„Einfacher wäre es den Vertrag zu brechen", quetschte sie hervor.
Malfoy lächelte leicht, obwohl er dieses Mal nicht amüsiert wirkte. Er wandte sich seinem Essen zu, sah sie aber dabei fast ununterbrochen an. Da er aber nichts sagte, begann Astoria ebenfalls weiter zu essen und versuchte ihn zu ignorieren. Hoffentlich ließ er es dabei bewenden. Sie wollte nicht mit ihm über Sex oder Ähnliches reden.
„Wie viele hattest du denn so?", vernahm sie unvermittelt Malfoys Stimme.
Ihr Kopf schreckte hoch. „Bitte?!"
Malfoy lächelte unanständig. „Wie viele. Männer. Hattest du schon. In deinem Bett?", fragte er mit deutlich gesetzter Betonung und lästigen Pausen.
„Ich wüsste nicht was dich das angeht!", empörte sie sich.
„Ich bin bloß neugierig."
„Eher entsetzlich aufdringlich, würde ich sagen", entgegnete sie. Astoria bedauerte fast, dass sie in letzter Zeit sich nicht darum gekümmert hatte, Erfahrungen zu sammeln. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Erfahrung in ihrer Situation nicht schaden könnte.
Er lächelte leise. „Komm schon, Astoria." Er beugte sich ein wenig über den Tisch. „Verrat 's mir."
„Also wenn du erwartet hast, dass ich noch unberührt bin, muss ich dich enttäuschen", erwiderte sie ungehalten. Fast im gleichen Moment schaute sie ihn geschockt an. Das würde doch ziemlich genau zum Rest des Vertrages passen.
Malfoy lachte. „Nein, das habe ich nicht erwartet."
Erleichtert atmete Astoria aus und aß das letzte Bisschen von ihrer Lasagne.
„Mehr als zwanzig?", fragte Malfoy beiläufig.
„Nein!", rief sie entsetzt und sah zu spät sein unverschämtes Grinsen.
„Interessant … Mehr als zehn?", erkundigte er sich weiter.
„Vergiss es, Malfoy! Da mache ich nicht mit!"
Er zog arrogant seine Augenbrauen hoch. „Wir werden sehen." Andächtig fuhr er mit seinem Zeigefinger über den Glasrand seines Getränkes.
Sie schüttelte ihren Kopf. Er war unausstehlich.
„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?", fragte die Bedienung, eine schwarzhaarige Frau mit harten Gesichtszügen, die nicht recht zu ihrem zierlichen Körperbau passen wollten.
„Wie wäre es mit einem Dessert, Astoria?", fragte Malfoy sie.
Astoria zögerte kurz. Eigentlich sollte sie gehen, aber irgendwie wollte sie noch bleiben. „Okay, aber nur wenn du nicht weiter versuchst, mich auszuquetschen."
Er zog seine Augenbraue hoch und wandte sich an die Kellnerin. „Bringen Sie meiner Begleitung bitte einen Eisbecher."
„Welche Sorte?" Die Kellnerin wirkte genervt.
Malfoy warf Astoria einen fragenden Blick zu. Sie zuckte mit den Schultern. Malfoy schenkte der Bedienung ein Lächeln: „Suchen Sie etwas für uns aus."
Die Frau schnaufte abfällig und ging. Kurz darauf brachte sie ihnen einen Eisbecher mit Schokoladen- und Vanilleeis darüber Sahne und eine dunkle Schokoladensauce.
„Sehr gute Wahl", bedankte sich Malfoy gönnerhaft.
Die Kellnerin nickte knapp und ließ sie wieder allein.
Astoria nahm den Löffel und wollte anfangen das Eis zu essen, als er sie aufhielt. „Moment, ich rutsche zu dir rüber", kam es von ihm.
Astoria schaute misstrauisch zu ihm, als er sich anschickte seinen Sitzplatz zu wechseln. „Was hast du im Sinn, Malfoy?"
Er lächelte süffisant. „Da dir heute anscheinend nicht nach Gesprächen ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir eine andere Beschäftigung zu suchen", meinte er, als er sich neben sie auf die gepolsterte Bank sinken ließ.
Astoria spürte eine kribbelnde Erwartung in ihr hochsteigen.„Und wer sagt, dass mir nicht nach Gesprächen zumute ist?", erkundigte sie sich und nahm den ersten Löffel mit Eis in ihren Mund.
„Du sagtest, du wolltest nicht weiter ausgequetscht werden."
„Man kann sich auch unterhalten, ohne den anderen auszuquetschen …"
„Wenn man auf langweilige Gespräche steht", stimmte er ihr zu.
„Zufällig mag ich langweilige Gespräche", behauptete sie.
„Wirklich?" Malfoy rutschte dichter an sie heran.
Oh Mann! Er löste die widersprüchlichsten Gefühle in ihr aus. Astoria war sich sicher, dass sie ihn nicht mochte und sie konnte ihm nicht trauen, trotzdem wollte sie jetzt, dass er sie berührte, wie auf Millicents Terrasse. Ihr letztes Mal mit einem Mann war schon etwas länger her und seitdem hatte kein Mann sie auch nur gereizt. Sie hatte dies nie als einen Defizit empfunden, aber nun konnte ihr Zustand doch nur eines bedeuten: Sie war chronisch, pardon, unterfickt …
„Und über was sprichst du am liebsten?", fragte er.
Sie spürte sein Bein direkt neben ihrem, rutschte aber diesmal nicht zur Seite. Sie konnte in seiner Miene nichts ablesen, aber bestimmt durchschaute er sie … Astorias Wangen röteten sich leicht.
„Hm, am allerliebsten über das Wetter."
„Ja, das ist ein sehr … interessantes Thema", entgegnete Malfoy gedehnt. Er nahm ganz beiläufig eine Strähne, die auf ihrer Schulter lag, zwischen seinen Daumen und Zeigefinger. Benommen sah sie ihn an und rührte sich nicht. „Erzähl weiter. Was magst du daran?", verlangte er zu wissen. Seine Augen schienen sie zu durchdringen.
„Nun." Astoria verlagerte ihr Gewicht. „Es ist jederzeit einsetzbar und immer aktuell."
Malfoy spielte mit ihrer Haarsträhne herum. „Warum isst du nicht weiter? Schmeckt es dir nicht?"
„Dodoch, es schmeckt gut." Sie aß mit etwas zittrigen Händen ihr Eis weiter. Seine kühlen, harten Gesichtszüge zeugten nicht gerade von Zärtlichkeit und dennoch verspürte sie das Verlangen sich irgendwie an ihn zu drücken …
Der Löffel klirrte im leeren Eisglas, als Astoria ihn hineinfallen ließ. Malfoy zupfte an ihren Haaren und sie drehte sich zu ihm um. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, über ihren Hals hin zu ihrem Schlüsselbein und wieder zurück. Gespannt streckte Astoria sich ihm entgegen. Ihre Blicke lagen ineinander. Er strich ihr mit seinen Fingerknöcheln über ihre linke Wange.
„Wir werden uns vor der Hochzeit jetzt häufiger sehen", sagte Malfoy. Es war ein Befehl und Astoria wurde abrupt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
„Weil du das so beschlossen hast?" Sie hasste es, wie ihre Stimme zitterte.
„Es ist in deinem Sinne", erwiderte er steif.
Astoria kratzte ihren letzten Rest Stolz zusammen und warf ihm einen kühlen Blick zu. „Das kann ich jawohl selbst entscheiden." Warum hatte er nicht einfach seine Klappe gehalten und sie stattdessen geküsst?
„Es ist besser so, Astoria", sagte er.
Wahrscheinlich hätte sie sich sogar geschmeichelt gefühlt, wenn er seine Forderung als Frage formuliert hätte …
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Astoria apparierte auf den kleinen Hügel vor ihrem Zuhause. Landete wie oft mit ihrem Hintern zuerst. Die Landung war schon immer ein Problem für sie gewesen. Mit einem Seufzen ließ sie sich rückwärts in das Gras fallen. Immerhin hatte er vor, sie häufiger zu sehen, versuchte Astoria sich gut zuzureden. Bedeutete dies nicht, dass er einen Hauch von Interesse an ihr besaß? Ihre Eitelkeit konnte wieder als befriedigt gelten. Sie starrte in den Sternenhimmel. Ein bitterer Beigeschmack blieb. Er ließ ihr nicht einmal den Anschein einer eigenen Entscheidung.
