Katz und Maus
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Astoria beschloss am nächsten Tag, Brianna zu besuchen. Mit den Hochzeitsplanungen lagen sie gut in der Zeit, daher durfte sie sich ruhigen Gewissens eine Auszeit gönnen. Sie schrieb Mrs Malfoy eine kurze Nachricht – Es war tatsächlich schon so weit gekommen, dass sie Mrs Malfoy nur noch schrieb, wenn sie nicht zum Tee kommen konnte. Die Feder kratzte leise über das Papier. Der Gedanke, dass Malfoy ihr Nichterscheinen eventuell persönlich nehmen könnte, schreckte Astoria nicht ab – im Gegenteil. Sie hoffte regelrecht, dass er es als eine direkte Befehlsverweigerung aufnehmen würde. Zufrieden sah sie der Eule hinterher, wie sie von dannen flog. Schade eigentlich, dass sie seine Reaktion nicht sehen würde.
Als sie bei Brianna im Zimmer saß, fiel ihr wieder ein, warum sie es eine Weile gemieden hatte, sich mit ihr zusammenzusetzen. Brianna erkundigte sich ganz in ihrer unschuldigen Art bei ihr, wie es bei Malfoy und ihr lief. Astoria versuchte die gequälte Miene auf ihrem Gesicht zu unterdrücken. Sie hätte Brianna die Wahrheit erzählen sollen. Nun kam es nicht mehr in Frage, das Geheimnis zu lüften. Ihr blieb nur noch die Option, sie so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich, anzulügen.
„Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung gestern", antwortete Astoria „Aber nichts Besonderes."
„Oh, aber es hat sich wieder geklärt?", fragte ihre Freundin nach.
„Na ja, noch nicht ganz ...", murmelte Astoria.
„Darf ich fragen, worum es ging?" Wenn sie ihr jetzt erzählen würde, dass Malfoy verlangte, dass sie sich häufiger sahen, würde Brianna nichts Schlimmes darin sehen, weil sie die Wahrheit nicht kannte.
„Ach, erzähl mir lieber was bei dir in letzter Zeit los war." Astoria lächelte Brianna auffordernd an.
„Nichts Besonderes … Obwohl …"
Astoria sah sie gespannt an.
Brianna sah etwas verlegen aus. „Kennst du Miles?" Brianna warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Miles Bletchley?"
Brianna nickte. „Also er sagt mir ständig ...", ihre Wangen röteten sich leicht, „…unanständige Dinge ins Ohr, wenn wir uns begegnen. Was in letzter Zeit häufiger vorkam."
Astorias Augen weiteten sich erstaunt und ein Grinsen breitete sich auf in ihrem Gesicht aus. Das hörte sich spannend an...
„So so, unanständige Dinge … Ein paar Beispiele, wenn ich bitten darf?"
Brianna schüttelte ihren Kopf.
Astoria dachte kurz an den gestrigen Abend im Pub. „Fragt er dich zum Beispiel, mit wie vielen Männern du im Bett warst?"
„Nein … Er stellt mir auch eigentlich keine Fragen, sondern macht mehr irgendwelche Aussagen … "
Astoria kannte Miles Bletchley vor allem dadurch, dass er Hüter in der Quidditschmannschaft von Slytherin gewesen war. Er war etwa vier Jahre älter als sie. Bletchley war von kräftiger, athletischer Gestalt. Seine Gesichtszüge wirkten, wie man sie sich beim griechischen Kriegsgott Ares vorstellen würde, brutal aber attraktiv.
„Meine Mutter wollte mich neulich schon ausfragen über was ich mich mit ihm beim letzten Bankett unterhalten habe, weil sie uns zusammen gesehen hat."
Briannas Mutter meinte es möglicherweise gut mit ihrer Tochter, aber das konnte nichts an der Tatsache ändern, dass sie eine Landplage war.
„Also wenn du etwas mit ihm anfangen willst, würde ich an deiner Stelle zu ihm gehen, anstatt sich hier mit ihm zu treffen."
„Astoria!", rief Brianna empört aus, lachte aber dabei.
Astoria zuckte grinsend mit ihren Schultern.
„Aber ich weiß, was du meinst", gestand Brianna. „Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie in mein Zimmer platzen und uns nach der Sorte der Hochzeitstorte fragen würde."
Wie aufs Kommando öffnete sich die Zimmertür und Mrs Whitley steckte ihren Kopf in das Zimmer ihrer Tochter. „Hallo Astoria!" Sie trat ein. „Ich freue mich schon wahnsinnig auf deine Hochzeit. Das wird ein Ereignis! Die Einladungen waren wunderschön."
„Danke, Mrs Whitley", erwiderte Astoria lächelnd.
„Ach, ich wünschte, Brianna würde auch endlich jemanden finden."
„Mama ...", kam gequält von Brianna.
„Aber es heißt ja so schön, eine Hochzeit zieht die nächste nach sich ...", fuhr Mrs Whitley fort. „Ich kann die Leute nicht verstehen, die sagen, dass man heutzutage nicht mehr unbedingt heiraten muss ..."
~o~
Astoria kniff kurz ihre Lippen zusammen, als sie Malfoy auf dem Flur vor dem Salon, in dem sie sich immer mit seiner Mutter traf, stehen sah. Er trug, wie oft, wenn sie ihn sah, ein schwarzes Zauberergewand nach dem Standard der traditionellen Zauberermode, das hieß ein langes weites Gewand mit Ärmeln.
„Hallo." Astoria nickte ihm knapp zu.
Malfoy betrachtete sie, ohne den Gruß zu erwidern. Seine Hände hatte er in seinen Taschen vergraben. Wahrscheinlich galten für ihn die allgemeinen Höflichkeitsregeln nicht. Sie wandte sich verärgert ab, um den Salon zu betreten.
„Darf ich dich begleiten?"
Sie schaute über ihre Schulter zurück.
„Ich habe heute nichts weiter zu tun", erklärte er und trat etwas näher.
„Wie du meinst", erwiderte Astoria betont gleichgültig und drehte ihren Kopf wieder zur Tür.
„Du willst mich nicht dabei haben, oder?" Seine Stimme drängte beharrlich zu einer Reaktion.
Noch bevor sie sich zu ihm umdrehte, konnte sie seine Miene vor ihrem inneren Auge sehen.
„Ist das so offensichtlich?", fragte Astoria ihn mit einem ironischen Unterton.
„Ja." Er zuckte lässig mit seinen Schultern. „Aber ich werde trotzdem mitkommen." Er schenkte ihr ein spöttisches Lächeln.
„Tu dir keinen Zwang an."
„Ach, das macht mir überhaupt keine Umstände", erwiderte er.
Sie presste ihre Lippen noch fester zusammen und betrat schließlich das Zimmer, sich bemühend zu ignorieren, dass er ihr folgte.
„Ah, Astoria. Ich habe schon ungeduldig auf dich gewartet", begrüßte Mrs Malfoy sie.
„Oh, wenn ich mich verspätet habe, tut es mir leid."
„Nein, du bist pünktlich wie immer, aber ich habe trotzdem ungeduldig gewartet. Es bereitet mir einfach zu viel Vergnügen, die Hochzeit zu planen."
Astoria lächelte leicht. Narcissa hätte beruflich eine vollendete Hochzeitsplanerin abgegeben. Mrs Malfoy lächelte ihren Sohn warmherzig an, als er sich gegenüber von Astoria setzte.
„Hast du deinen Vater heute schon gesehen?", wandte sie sich an ihn. Ein paar Sorgenfalten standen ihr auf der Stirn geschrieben. Wer konnte ihr die verdenken bei einem Ehemann wie Lucius Malfoy?
„Seit dem Frühstück nicht mehr", antwortete Malfoy.
„Nun gut. Astoria, was hältst du von Lampions als Beleuchtung für den Garten, falls die Gäste am Abend frische Luft schnappen wollen?"
„Das klingt toll."
„Moment, ich hatte hier irgendwo einen Prospekt herumliegen ..." Narcissa blätterte einen Stapel verschiedenster Broschüren durch.
„Hier." Malfoy zog einen der Prospekte heraus.
„Ah ja, danke. Ich hatte ein paar schöne in weiß gesehen …"
„Die dort unten?" Malfoy deutete auf ein Bild. „Gefallen mir", meinte er und nickte.
Astoria runzelte ihre Stirn.
„Ja, genau die meinte ich", freute sich Mrs Malfoy.
„Obwohl ich die auch nicht schlecht finde." Malfoy zeigte auf ein anderes Bild und betrachtete die leuchtenden Lampions darauf.
„Ja, das dachte ich mir auch. Wirklich schwer sich zu entscheiden… " Mrs Malfoy schien zu grübeln.
„Aber vielleicht möchte Astoria lieber schwarze?", kam es von Malfoy und Astoria wurde wachgerüttelt. Er hatte einen Mundwinkel amüsiert hochgezogen. Sie hatte der Szene entgeistert zugeschaut. Warum tat er plötzlich so, als ob er sich für die Dekoration interessieren würde? Das kaufte sie ihm nun wirklich nicht ab.
„Schwarze Lampions ..." Mrs Malfoy lachte, als ob das ein guter Witz gewesen wäre.
Astoria verzichtete darauf zu erwähnen, dass schwarze Lampions am besten zu ihrer Stimmung passen würde. Und wenn sie schon dabei war, ein schwarzes Hochzeitskleid würde sicherlich auch etwas hermachen. Mrs Malfoy reichte ihr die Broschüre und Astoria sah sich die verschiedenen Lampionmodelle an. Es war ihr unangenehm, jetzt wo Malfoy bei ihnen saß, irgendwelche Vorschläge zu machen, denn es ging immerhin um die Hochzeitsfeier von ihnen beiden … Als sie alleine mit Mrs Malfoy geplant hatte, hatte sie immer geschafft, dieses Detail, das heißt den Zweck der Veranstaltung, auszublenden.
Ein leises Plopp ertönte im Salon und ein Hauself erschien.
„Dibbles sagt Bescheid, dass er den Master eben in sein Arbeitszimmer gehen sehen hat", gab der Elf bekannt.
„Gut." Mrs Malfoy erhob sich von ihrem Platz. „Bitte entschuldigt mich für einen Moment. Ich bin so schnell wie möglich zurück." Sie verließ eilig das Zimmer.
Astoria legte den Prospekt auf den Tisch und seufzte innerlich auf. Es war eindeutig nicht ihr Tag. Sie stand auf und trat zu den Fenstern. Vielleicht war es von hier einfacher, Malfoy zu ignorieren. Es regnete jetzt heftiger draußen. Sie konnte einen der Pfauen im Garten sehen, sein weißes Gefieder war völlig durchnässt. Warum suchte er nirgendwo Schutz? Astoria mochte es, sich Unwetter von einem sicheren Standort aus anzuschauen. Am liebsten waren ihr Gewitter, aber heute sah es nicht nach einem aus.
„Was siehst du dir an?"
Astoria zuckte zusammen, als sie Malfoys Stimme hörte. Er musste fast direkt hinter ihr stehen. Sie warf einen letzten Blick auf das edle Tier und drehte sich dann zu ihm herum. Er sah so selbstgefällig aus, wie er dort stand und auf sie herabblickte.
„Warum tust du plötzlich so, als ob dich die Hochzeitsvorbereitungen interessieren würden?", fragte sie.
„Es ist auch meine Hochzeit. Natürlich interessiere ich mich für die Vorbereitungen", gab er an. Astorias Miene zeigte deutlich, dass sie ihm kein Wort glaubte.
„Du warst gestern nicht hier?", erkundigte er sich, obwohl es weniger wie eine Frage klang.
Sie hob ihr Kinn an. „Nein, war ich nicht." Herausfordernd begegnete Astoria seinem durchdringenden Blick. „Tut mir leid, wenn ich mich deinencharmant formulierten Befehlen nicht unterordnen werde", setzte sie hinterher.
„Meinen charmant formulierten Befehlen?" Er zog seine eleganten Augenbrauen zusammen, als ob er nicht wüsste, was sie meinte.
„Wenn du dich noch daran erinnerst, hast du vorgestern Abend bestimmt, dass wir uns häufiger sehen werden", erläuterte Astoria.
Malfoys Mund kräuselte sich nun amüsiert, während er sie etwas ungläubig ansah. „Das war kein Befehl."
„Und was war es dann?", hakte sie nach.
„Nennen wir es doch ein gut gemeintes Angebot", schlug er vor. Seine Augen blitzten kurz auf.
„Ein gut gemeintes Angebot? Inwiefern bitte?"
Malfoy schwieg eine Weile, bevor er antwortete. Seine Miene war wieder vollkommen ausdruckslos. „Fakt ist, dass wir miteinander schlafen werden."
Astoria erstarrte. An dieses Thema hatte sie sich noch nicht gewöhnt.
„Deshalb ist es für dich besser, wenn wir uns vorher öfter sehen."
Sie zwinkerte ein paar Mal. „Warum sollte es besser für mich sein, wenn wir uns öfter sehen?", entfuhr es ihr. „Das wird nichts daran ändern ..."
„Du klingst fast so, als ob es für dich unvorstellbar wäre … ", sagte Malfoy leise. Er musterte sie einen Moment lang. Sie hatte das miese Gefühl, dass seinen grauen Augen nichts verborgen blieb.
„Warum, Astoria, hast du mich auf Millicents Terrasse geküsst?", fragte er sie schließlich.
Ihr wurde heiß. „Es war doch deine Idee", verteidigte sie sich.
„Du weißt genau, was ich meine", meinte Malfoy abschätzig. „Also?", forderte er.
Eine Sicherung brannte bei Astoria durch. „Du willst es also wirklich wissen, hm?"
Er sah sie ungerührt an. Zorn erfüllte sie.
„Es hatte überhaupt nichts zu bedeuten. Weißt du, ich habe mir vorgestellt, es wäre jemand anderes." Die Worte waren heraus bevor sie länger darüber nachdenken konnte. Und sie entsprachen, nun ja, nicht ganz der Wahrheit.
Malfoy ging einen Schritt auf sie zu. Seine Gesichtszüge wirkten noch härter als sonst. Astoria schluckte nervös. Ihr Zorn war fast wieder verraucht, stattdessen riet ihr ein Instinkt zur Flucht. Sie schaute zur Tür. Waren es sieben Meter oder doch etwas mehr? Er kam ihr bedrohlich nahe.
Ohne länger zu zögern, stürzte sie an ihm vorbei und rettete sich hinter einen Stuhl.
„Was..." Malfoy sah überrascht zu ihr herüber. Als er die Situation erfasst zu haben schien, ging er erneut einen Schritt in ihre Richtung. Er lächelte sie an. Es war die Art von Lächeln, die nichts Freundliches beinhalteten, sondern beängstigend wirkte. „Was bekomme ich von dir, wenn ich dich fange?"
Astoria machte unsicher einen Schritt rückwärts in Richtung Tür. „Nihichts."
„Überleg dir was Besseres, sonst denke ich mir etwas aus."
Während er weiter auf sie zuging, wich Astoria immer weiter zurück, auch wenn ihr Verstand ihr sagte, dass er das doch unmöglich ernst meinen konnte. Er hatte doch absolut kein Recht dazu. Sie war erwachsen. Außerdem war er es auch, was wiederum die Angelegenheit auch ein wenig beängstigender machte. Sie sah sich um. Die Tür war geschlossen. Es würde Zeit kosten, sie zu öffnen. Eventuell zu viel Zeit.
„Stopp, Malfoy", rief sie aus.
„Tut mir leid", er schüttelte seinen Kopf, „so sind nicht die Regeln."
Entsetzt sah sie ihn einen weiteren Schritt machen. Und sie rannte.
Noch bevor sie die Tür erreichte wurde diese geöffnet. Astoria schaffte es gerade noch rechtzeitig abzubremsen.
„Narcissa", entfuhr es ihr erleichtert, als vor ihr die blonde Hexe im Türrahmen erschien.
Mrs Malfoy sah etwas verwundert in das Zimmer. „Ist alles in Ordnung?"
„Aber ja", Astoria lächelte sie verlegen mit erhitzten Wangen an.
„Astoria konnte es nur nicht mehr abwarten, dass du zurückkommst", meinte Malfoy mit einem zynischen Klang in der Stimme. „Sie war drauf und dran dich persönlich abzuholen."
Mrs Malfoy warf ihrem Sohn einen zweifelnden Blick zu, schien aber nicht weiter nachzuforschen, was Astoria als eine sehr löbliche Eigenschaft empfand.
„Nun gut", sagte Mrs Malfoy. „Setzten wir uns erst einmal wieder. Wir waren dabei uns für eine Sorte Lampions zu entscheiden."
Während sie weitere Planungen machten, war Astoria unwohl zumute. Die kalte Höflichkeit, mit der Malfoy sie im Folgenden behandelte, war auch nicht gerade geeignet, sie zu beruhigen. Narcissa rührte ihren Tee um und Astoria spähte währenddessen unauffällig zu Malfoy hinüber. Sein Gesicht war starr und abweisend. Sie überlegte ernsthaft, wie sie schaffen konnte, das Manor lebend zu verlassen.
Am Ende war es Malfoy, der sich als Erster erhob. „Astoria", er nickte ihr kurz zu. „Grüß deinen Vater von mir."
Astoria versuchte eine gute Miene zu machen. Als Malfoy gegangen war, wich Astoria Mrs Malfoys Blicken aus. Die Situation war ihr sehr unangenehm.
„Willst du vielleicht den Kamin benutzen?", bot Narcissa ihr an, als Astoria sich von ihr verabschieden wollte. „Draußen regnet es noch."
Flohen war an diesem Tag wirklich die bequemste sicherste Lösung und sie nahm das Angebot dankbar an.
