Mögen die Spiele beginnen
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Astorias Blick huschte nervös zu Malfoy. Er stand zusammen mit einigen Gästen auf der anderen Seite der Halle und Tracey und Zabini begannen gerade damit auf ihn einzureden. Jetzt sah sie ihn antworten. Er lehnte es ab, sie war sich sicher.
„Astoria, ich habe gerade gehört, es wird ein Hochzeitsspiel geben?" Brianna trat in ihr Blickfeld.
„Ähm, ich glaube nicht." Astoria schüttelte verneinend ihren Kopf.
„Aber Millicent Bulstrode hat es gerade überall verkündet" Brianna sah sie fragend an.
Astoria wurde schwindelig. „Keine Ahnung wie sie darauf kommt …", antwortete sie etwas brüsk.
Brianna sah sie merkwürdig an. „Ich fürchte es ist zu spät Einspruch zu erheben …", gab Brianna zu denken. „Es hat sich schon ein ganzer Schwarm gebildet, der spielen beziehungsweise zuschauen will."
Astoria spürte, dass ihre Hände feucht wurden. Sie musste sich jetzt besonnen verhalten. Malfoy würde sich zweifellos weigern mitzuspielen und sie würde dies einfach auch tun.
„Dann müssen sie sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen."
Astoria ging erhobenen Hauptes den kurzen Weg zum Buffet. Es war alles halb so wild. Einige Gäste würden zweifelsfrei etwas pikiert sein, dass es nach der Ankündigung nun doch kein Hochzeitsspiel gab, aber das ließ sich nicht mehr ändern. Brianna folgte ihr.
„Astoria, ist alles in Ordnung?", fragte ihre Freundin.
„Alles ist bestens. Warum fragst du?" Astoria schenkte sich ein Glas mit Bowle ein. „Möchtest du?", fragte sie Brianna.
Brianna schüttelte ihren Kopf. Astoria nippte vorsichtig an dem Glas.
„Astoria, wie viel hast du schon getrunken?", fragte Brianna.
Astoria wandte sich ihr zu. „Offensichtlich noch nicht genug."
Brianna musterte sie skeptisch. „Du machst doch sonst gerne bei so etwas mit ...", meinte ihre Freundin nach einem Moment.
„Es liegt doch nicht an mir", verteidigte sich Astoria da.
Brianna schenkte ihr wiederholt einen fragenden Blick. Dabei musste doch selbst ihrer romantisch veranlagten Freundin aufgefallen sein, dass Malfoy nicht der gesellige Typ war.
„Du wirst schon erwartet", sagte Brianna nun.
Astoria schüttelte leicht ihren Kopf und widmete sich mit gespielter Ruhe wieder ihrem Getränk.
Bald tauchte jedoch Tracey bei ihnen auf. „Astoria, wir warten schon alle auf dich", sagte die Freundin ihrer Schwester, die für das ganze Schlamassel verantwortlich war.
„Ich sehe keinen Sinn in einem Hochzeitsspiel, bei dem der Bräutigam nicht mitmacht", entgegnete Astoria.
Tracey lächelte vor sich hin. „Draco wird selbstverständlich mitspielen. Alle warten nur noch auf dich."
Astorias Augen weiteten sich verwundert. Das konnte doch nicht wahr sein. Malfoy würde bei so etwas doch nicht mitmachen.
Tracey nahm sie zum zweiten Mal an diesem Abend an ihrem Ellbogen und Astoria ließ sich sprachlos von ihr auf die Mitte der Tanzfläche führen.
Malfoy stand tatsächlich dort. Sie bemerkte jedoch, dass er anscheinend gar nicht erfreut darüber war, zu welchem Zweck sich alle hier versammelten. Seine Lippen waren nämlich fest zusammengepresst und zwischen seinen Augenbrauen meinte sie zwei parallele Falten zu erkennen. Sie hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie ihm diese Situation gegen den Strich ging. Ein Hochzeitsspiel musste er für einen sehr entwürdigenden Zeitvertreib halten. Astoria schenkte ihm einen verlegenen Blick. Ihr war das Ganze den Umständen entsprechend auch sehr unangenehm. Und wenn nicht so viele Zuschauer anwesend gewesen wären, hätte sie auch auf dem Absatz wieder kehrt gemacht.
„So Draco. Schau dir deine Braut noch einmal gut an", sagte Blaise Zabini. „Gleich wird es für dich nämlich dunkel."
Astoria meinte, Malfoy leise schnauben zu hören. Sein Blick lag eine beängstigende Sekunde auf ihr, bevor Zabini ihm mit einem schwarzen Tuch die Augen verband.
Für das Spielfeld zog Millicent magische Grenzen, so dass die Mitspieler diesen Bereich vor Ende des Spiels nicht verlassen konnten. Das Ziel des Spiels war es, dass der Bräutigam die Braut unter den anderen Mitspielern fand und identifizieren konnte. Wie bei dem berühmten Blindekuhspiel, musste jeder, der von dem blinden Bräutigam berührt wurde, stehen bleiben. Dann würde der Bräutigam das Gesicht desjenigen abtasten, um zu entscheiden, ob er seine Braut vor sich hatte oder nicht.
Malfoy wurde von Zabini etwas übertrieben im Kreis gedreht, damit er die Orientierung verlor. Er machte einen kleinen Schritt zur Seite und wartete anscheinend einen Moment, um das Gleichgewicht wiederzugewinnen. Astoria biss sich auf ihre Lippen. Sie hatte nicht vor das Spiel unnötig in die Länge zu ziehen. Als sie dann zu ihrem Entsetzen jedoch feststellen musste, dass Malfoy direkt auf sie zu kam, flüchtete Astoria schnell auf die andere Seite. Es widerstrebte ihr dann doch, sich so einfach von ihm fangen zu lassen.
Im Folgenden versuchte sie immer den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um an ihm vorbei auf die andere Seite des Spielfelds zu gelangen ohne dass er sie erwischte. Das war gar nicht so einfach, denn das hexagonisch angelegte Spielfeld war doch eher klein. Malfoy müsste in der Mitte nur beide Arme ausbreiten und er könnte beinahe beide Seitenflächen mit seinen Fingerspitzen berühren.
Ihre Mitspieler, fast samt Frauen, tänzelten um Malfoy herum und zupften immer wieder keck an seiner Kleidung. Was sie vermutlich nie gewagt hätten, wenn seine Augen nicht verbunden gewesen wären. Die meisten schienen auch mit Absicht direkt in seine Arme zu laufen. Das ging eine ganze Weile so. Gekicher, Lachen und aufgeregtes Gemurmel war zu hören. Als Außenstehender war es vermutlich sehr amüsant anzusehen.
Astoria stieß sich gerade einmal wieder von der unsichtbaren Wand ab, um auf die andere Seite zu eilen, als es passierte. Tracey schubste sie ohne sie vorher zu fragen direkt in Malfoys Arme! Obwohl Malfoy sie eindeutig berührt hatte, versuchte Astoria dennoch zu entkommen. Malfoy hielt sie jedoch unter allgemeinen Gelächter an ihrem Arm fest. Astoria schluckte beklommen.
Malfoy zog sie näher zu sich und sie verhielt sich nun brav an die Regeln haltend still. Sie wagte einen Blick in sein Gesicht – er konnte es ja nicht sehen. Der Kontrast seiner hellen Haut und seiner blonden Haare zu dem schwarzen Tuch war bemerkenswert. Da seine Augen verbunden waren, fiel ihr Blick fast automatisch auf seinen Mund. Eigentlich war es ein recht ansprechender Mund. Die Lippen waren leicht geschwungen, aber eindeutig männlich, eine Kombination aus Sinnlichkeit und Rauheit. Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, wie er sie auf ihrem Geburtstag geküsst hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Gesichtszüge deutlich entspannter gewesen.
Malfoys Hände tasteten jetzt vorsichtig über ihr Gesicht. Astoria schloss nervös ihre Lider. Es war denkbar, dass er sie überhaupt nicht erkannte und es wäre ihr wirklich unvorstellbar peinlich vor den anderen Leuten …
„Ich habe sie gefunden", rief Malfoy auf einmal vollkommen unerwartet für Astoria. Die Leute um sie herum applaudierten.
Astoria schlug ihre Augen auf. Sie beobachtete Malfoy dabei, wie er sich das Tuch herunterzog. Er fasste sie kurz ins Auge, wie um sich selbst zu bestätigen, und ein prahlerisches Lächeln zierte seinen Mund. Er sah aus, als ob er gerade den goldenen Schnatz gefangen oder das Preisausschreiben der Hexenwoche gewonnen hätte. Der letzte Vergleich hinkte wahrscheinlich ein wenig. Malfoy würde niemals an dem Preisausschreiben derHexenwoche teilnehmen. Astoria machte den Versuch eines Lächelns, während sie ihn verstohlen kritisch musterte.
Die Tanzfläche wurde schließlich wieder zum Tanzen freigegeben. Astoria blieb erst einmal am Rand bei Malfoy stehen. Er schaute sie einen winzigen Moment irritiert an, was Astoria vorgab nicht zu bemerken. Sie war immer noch verwundert darüber, dass er letztendlich bei dem Spiel mitgemacht hatte, aber seine unverhohlene Freude über seinen Erfolg irritierte sie um einiges mehr.
„Ich war überrascht, dass dein Bräutigam es geschafft hat dich zu erkennen", meinte Zabini zu Astoria. Blaise Zabini hatte, so ganz anders als Malfoy, dunkle braune, etwas schrägstehende Augen.
„Ich glaube, da bist du nicht der einzige", ging Astoria erfreut auf seine Äußerung ein. Astoria hatte ihn bisher immer sehr von sich eingenommen eingeschätzt, aber der großgewachsene dunkelhäutige Mann war zuletzt ihr gegenüber sehr amüsant gewesen.
„Zabini, warst du nicht in Begleitung hier?", fragte Malfoy ihn daraufhin.
Blaise grinste. „Okay, das war wohl der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl. Na gut, dann will ich dir natürlich nicht länger im Weg stehen." Er deutete Astoria gegenüber eine Verbeugung an und entfernte sich.
Nervös verlagerte Astoria ihr Gewicht von ihrem linken Bein auf ihr rechtes. Malfoys nachdenklicher Blick lag auf ihr. Astoria räusperte sich, wusste dann jedoch doch nicht, was sie sagen sollte.
„Soll ich uns etwas zu trinken holen?", fragte er schließlich.
„Gerne", antwortete Astoria erleichtert lächelnd.
Malfoy reichte ihr kurz darauf ein Getränk. „Ohne Alkohol", sagte er. „Ich denke, das ist den Umständen entsprechend vernünftiger."
„Was?", fragte sie ihn stirnrunzelnd.
Er begegnete ihren Blick vollkommen ungerührt. „Ich will später noch etwas von dir haben. Und wenn du weiter so viel trinkst, befürchte ich … "
Ihre Augen weiteten sich. „Wie bitte?" Seine Worte hatten sie vollkommen überrumpelt.
„Draco, entschuldigst du meine Schwester und mich einen Moment?", unterbrach Daphne sie.
„Selbstverständlich", lächelte Malfoy gönnerhaft.
Daphne nahm sie ein paar Schritte beiseite. Astoria blickte sie fragend an.
„Lass dich nicht von ihm betrunken machen", flüsterte ihre Schwester ihr ins Ohr.
„Für wie naiv hältst du mich?", entgegnete Astoria verschnupft. „Außerdem ist das hier reiner Kürbissaft." Sie hielt triumphierend ihr Glas hoch.
„Oh … dann ist ja gut."
„Du hast nämlich schon eine ganze Menge getrunken, jedenfalls für deine Verhältnisse", meinte Daphne zu ihr.
„Toll … Gibt es irgendjemanden hier, dem dass nicht aufgefallen ist?", fragte Astoria leise.
Daphne schmunzelte leicht. Dass ihre Schwester, die selbst natürlich wegen ihrer Schwangerschaft nichts trank, etwas bemerkt hatte, verkraftete Astoria ja noch, aber Malfoy war es anscheinend auch aufgefallen …
Sie stellten sich kurz darauf wieder zu Malfoy, bei dem inzwischen auch Theo stand und sich mit ihm unterhielt.
„Das Ministerium", sagte Theo gerade zu Malfoy, „sollte wirklich langsam eine Stellungsnahme abgeben."
Scheinbar ging es um Politik, Theos Lieblingsthema. Astoria sah zu Malfoy hinüber. Ein selbstgefälliger Zug legte sich auf seine Lippen, als sich ihre Blicke begegneten. Sie war etwas überfordert, wie sie sich verhalten sollte. Seine Äußerung klang in ihren Ohren wieder. Er wolle später noch etwas von ihr haben … Astoria schluckte.
Malfoy nickte zustimmend in Theos Richtung. „Bedauerlich, dass der Minister sich so unklug verhält."
Astoria hörte nicht mehr zu, was Theo daraufhin sagte. Nahm Malfoy tatsächlich an, es würde eine Hochzeitsnacht geben? Astoria glaubte wirklich, dass es das Klügste war nichts Alkoholisches mehr zu trinken. Schließlich musste sie einen klaren Kopf bewahren, um keine Dummheit zu begehen. Aber trotzdem – Der Gedanke, dass sie damit auf ihn womöglich den Eindruck machte, sie würde seinen Wünschen Folge leisten, wollte ihr nicht im Geringsten gefallen. Sie bemerkte, wie Malfoy ihr erneut einen anmaßenden Blick schenkte.
„Daphne, du hast gar nichts zu trinken", bemerkte sie daher aufmerksam. „Kann ich dir etwas holen? Ein Glas Kürbissaft, Wasser oder etwas anderes?", bot sie ihrer Schwester an.
„Ein Glas Wasser wäre nicht schlecht", lächelte Daphne zu Astorias Freude.
„Das kann ich auch übernehmen", bot sich Theo ritterlich an.
„Aber nein, das mache ich doch gerne", sagte Astoria nachdrücklich und sah, wie Malfoys Augen sich bei dieser Erwiderung misstrauisch zusammenkniffen. Eine innerliche nicht unangenehme Anspannung erfasste sie. Astoria suchte den Getränkestand auf und ließ sich dort von dem Zauber zwei Gläser auffüllen. Eines mit Wasser für Daphne und eines, davor zögerte sie kurz, mit Elfenwein für sich. Dann zückte Astoria diskret ihren Zauberstab, richtete ihn auf den Wein.
„Bitteschön." Astoria reichte ihrer Schwester das Wasser.
Zufrieden sah sie, wie Malfoy den Wein in ihrer Hand bemerkte. Seine Augenbrauen runzelten sich leicht. Astoria lächelte ihn jetzt offen an und hob das Glas an ihre Lippen. Nachdem Malfoy anfangs eher erstaunt gewirkt hatte, verengte sich nun sein Blick. Mutig begann Astoria zu trinken. Der Wein schmeckte gar nicht so schlecht, auch wenn er nicht mehr den typischen Geschmack von Elfenwein hatte, nachdem sie den Alkohol verschwinden lassen hatte. Als sie einen großzügigen Zug getrunken hatte, schaute sie den blonden Zauberer erneut an. Seine Lippen waren zusammengepresst. Sein Blick eine stille Drohung.
Astoria drehte sich würdevoll zu Daphne herum. „Habe ich dir eigentlich schon erzählt, wie liebenswürdig Madam Berteaut heute zu mir war?"
„Madam Berteaut und liebenswürdig?", lachte Daphne, obwohl auch ein nachdenklicher Blick auf das Weinglas in Astorias Händen fiel. „Ich glaube da muss es sich um ein Missverständnis handeln."
„Nein, wirklich … sie war toll." Astoria begutachtete betont ihr Getränk. „Oh, merkwürdig, wie schnell so ein Glas leer wird … "
Daphne schaute sie entgeistert an, aber darauf konnte Astoria jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie blickte Malfoy provokant in die Augen und trank heldenhaft abermals einen Schluck. Seine Augen blitzten.
„Vielleicht schenke ich mir besser gleich etwas nach …"
Malfoy räusperte sich vernehmlich. „Wenn ihr uns entschuldigen würdet?", sagte er zu Daphne und Theo. „Ich möchte einen Moment mit Astoria allein sein."
Malfoy griff nach Astorias freien Hand und zog sie dann förmlich hinter sie her.
„Was soll das?", beschwerte sie sich.
Ein merkwürdiges Gefühl der Befriedigung erfasste sie, weil sie es geschafft hatte, ihn mit ihrer scheinbaren Missachtung zu reizen. Sie versuchte das aufkeimende Strahlen zu unterdrücken. Er antwortete nicht, sondern sah sich um und überlegte wohl, wohin er mit ihr gehen sollte. Bei allen Gästen, die sie ansprachen, entschuldigte er sie knapp und ging weiter. Und ihr fiel nichts anderes ein als ihm zu folgen, um keine Szene zu verursachen.
„Du tust mir weh", behauptete sie, als er sie durch die Terrassentür nach draußen führte.
Malfoy schnaufte abfällig, ließ aber ihre Hand los. Stattdessen legte er seinen Arm um sie und übte mit seiner Hand leichten Druck auf ihren Oberarm aus, damit sie weiterging. Es war angenehm kühl draußen und es wehte kaum Wind. Im Garten waren einige Gäste, meist paarweise, unterwegs. Lampions beleuchteten einige ausgewählten Pfade.
Malfoy lenkte sie auf einen Weg, der verlassener wirkte. Astoria betrachtete ihn aus ihren Augenwinkeln. Er wirkte sehr entschlossen. Allmählich machte sich doch Nervosität bei ihr breit. Der Pfad schien tief in den Garten hineinzuführen. Astoria hielt sich unsicher an ihrem Glas fest.
„Wohin gehen wir?", verlangte sie zu wissen.
Wieder kam keine Antwort von ihm. Er machte ihr ein bisschen Angst. Astoria sah sich flüchtig um, und fragte sich, ob sie eine Flucht wagen konnte.
„Denk nicht mal daran", sagte er und sie zuckte zusammen.
Er drängte sie weiterzugehen. Als der Weg sie hinter eine Hecke führte, stoppte er.
„So, Astoria …", setzte er an.
Astoria löste sich von ihm und schaffte schnell etwas Abstand zwischen ihnen. Sie stellte bedauerlicherweise fest, dass ihr sein Halt fehlte. Sie hatte es heute Abend wirklich ein wenig übertrieben mit dem Genuss von alkoholischen Getränken.
„Hast du mir irgendetwas zu sagen?"
Sie hörte eine leichte Verärgerung aus seinem Ton heraus. Astoria überlegte, wie sie die Situation einzuschätzen hatte. Sie wusste nicht, zu was er fähig war, wenn er sich in einer gefährlichen Stimmung wie dieser befand. Malfoy sah sie auffordernd an.
„Es tut mir leid", sagte Astoria in einem bemüht reuevollen Ton und senkte ihre Lider. Sie hoffte, er würde ihr das abkaufen, denn dann konnten sie wieder reingehen. Nach Drinnen, wo es um vieles sicherer war. Sie überlegte kurz und schüttete dann den Rest des Weins auf den Boden. „Ich werde heute nichts mehr trinken", sagte sie.
„Ist das wirklich alles, was du mir zu sagen hast?", wollte er wissen.
„Was meinst du?", erkundigte sie sich vorsichtig.
Er schwieg einen Moment, bevor er sprach. „Ich habe den Eindruck, du willst den Vertrag nicht einhalten."
Erschrocken blickte sie zu ihm hoch. „Den Vertrag?"
„Unseren Ehevertrag.", erläuterte er. „Glaubst du, du kannst mich erst heiraten und dich anschließend einfach über … deine Pflicht hinwegsetzen?"
Es entstand eine kleine Pause, weil Astoria nichts darauf einfiel. Warf er ihr dies vor, weil er davon ausging, sie würde sich betrinken, um die Hochzeitsnacht zu umgehen? Sie hätte höchstens so getan, dass sie zu betrunken wäre, denn der Wein war ja alkoholfrei gewesen. Aber sie glaubte nicht, dass das klug wäre jetzt zu erwähnen.
„Nicht die Antwort, die ich hören wollte …", sagte Malfoy, als sie immer noch nichts sagte.
„Aber Malfoy … ich …"
Er wartete, dass sie weitersprach.
„Ich habe nicht vor den Vertrag zu brechen." Jedenfalls hatte sie das nicht geplant. Ob sie ihn dann einhalten konnte, war eine andere Sache.
Er musterte sie eingehend. Anscheinend hielt sie seiner Prüfung stand, denn er nickte kurz. „Dann ist ja gut", sagte er.
Sie standen sich eine Weile schweigend gegenüber. Er war relativ groß, so dass sie ein Stückchen nach oben schauen musste. Mit seiner aufrechten Körperhaltung hätte er bestimmt auch in weniger edler Kleidung ein beeindruckenden Eindruck gemacht.
„Lass uns zurückgehen. Die Gäste vermissen uns sicher bald", sagte Astoria plötzlich übernervös.
„Ich denke nicht, dass sie uns vermissen werden", meinte Malfoy zu ihrer Verwunderung. „Sie werden annehmen, dass wir uns, ähm, schon zurückgezogen haben. Kurz nach elf ist keine allzu unübliche Zeit … "
Astoria erstarrte und errötete. Es war üblich, dass das Brautpaar die Hochzeitsfeier still und heimlich verließ, obwohl das meistens erst gegen Mitternacht passierte. Sie versuchte ruhig zu bleiben, aber er wirkte auf einmal auf eine spezielle Art bedrohlich auf sie.
„Aber wir wurden gesehen, wie wir in den Garten gegangen sind, also werden sie denken, dass wir bald wieder hereinkommen …"
Malfoy zuckte mit seinen Schultern. „Ich weiß nicht … Ich würde vermutlich annehmen, dass das Brautpaar einen kurzen Spaziergang macht, bevor es dann einen anderen Eingang benutzt."
„Einen anderen Eingang …?"
Malfoy nickte und machte einen Schritt auf sie zu. Astoria spürte die Hecke in ihrem Rücken.
„Das Manor hat mehrere Eingänge, wie du sicherlich weißt."
Sie ließ zu, dass er ihre Hand nahm. „Ich glaube, ich würde jetzt trotzdem lieber wieder zur Feier zurückkehren", sagte Astoria. Ihre Stimme klang zittrig in ihren Ohren. Sein Daumen streichelte sanft über ihren Handrücken.
„Warum?", fragte er. Er sah sie mit einer Intensität an, die Astoria zappelig machte.
Sie antwortete nicht.
„Komm jetzt mit mir", sagte er eindringlich.
„Ich weiß nicht …", zögerte Astoria. Sie versuchte die Bilder, die in ihrer Phantasie aufstiegen, zu verscheuchen.
„Bitte, Astoria", drängte Malfoy.
Sie merkte, wie sie nickte. Ihre Hand festhaltend führte Malfoy sie um das Gebäude herum. Sie spürte ein aufregendes Kribbeln in ihrem Bauch, während sie die Treppenstufen im Manor hochstiegen. Vor der Tür ihres neuen Schlafzimmers blieb er mit ihr stehen. Jetzt war es soweit. Ihr Mund war plötzlich ganz trocken.
„Wie lange brauchst du, um dich bereitzumachen?", fragte Malfoy.
Astoria blinzelte. „Ähm, ich weiß nicht", stammelte sie.
„Dann sagen wir, ich komme in einer Viertelstunde." Er nickte ihr kurz zu und betrat das danebenliegende Zimmer.
