Unverblümte Plaudereien

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Astoria beschloss ungefähr zwei Wochen nach der Hochzeit, dass es an der Zeit war wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Nachdem sie ihren Vater und danach Daphne besucht hatte, sah sie die eingegangenen Einladungen durch. Leider musste sie feststellen, dass das nächste Ereignis der Lyrikabend am kommenden Donnerstag bei den Turpins war. Nicht ganz ihr Ding – aber was tat man nicht alles für Zerstreuung? Da dieses Ereignis allerdings auch noch einige Tage hin war, hielt sie es für eine gute Idee, Brianna auf das Manor einzuladen.
Brianna kam gerne und Astoria führte sie ein wenig herum. Danach machten sie es sich in dem grünen Salon bequem und Astoria versuchte das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken, das hieß, alle Themen außer ihre Beziehung zu Malfoy waren erlaubt. Wenn man das erst einmal geschafft hatte, war es gar nicht mehr so schwer. Schließlich hatte Brianna auch ein Leben – sie hatte im Gegensatz zu Astoria sogar einen Job – und sie redete eigentlich ganz gerne.
„Was ist eigentlich aus Miles geworden?", erkundigte sich Astoria nach einer Zeit.
Ihre Freundin wurde rot. „Da läuft nichts zwischen uns, falls du das meinst", entgegnete sie und strich sich eine rotblonde Haarsträhne hinter ihr Ohr.
Astoria versteckte ihr Grinsen hinter ihrer Teetasse. Das sah irgendwie nicht nach nichts aus. Sie überlegte gerade, wie sie Brianna noch etwas zu dem Thema entlocken konnte, aber da öffnete sich die Tür zum Salon und Malfoy kam herein.
„Ähm, Draco", begann Astoria leicht nervös und sie stellte ihre Tasse wieder auf den Tisch. Seine Anwesenheit kam ihr gerade ziemlich ungelegen. „Bist du um diese Zeit nicht noch im Ministerium?"
Er sah sich kurz im Zimmer um, sein Blick streifte erst über Astoria und dann über Brianna.
„Ich habe seit einer Viertelstunde Schluss", beantwortete Malfoy ihre Frage und richtete seinen Blick wieder auf Astoria.
Sie blickte flüchtig auf die Wanduhr. „Oh tatsächlich ..."

Astoria hatte ihm in den letzten Tagen mit ihre ganzen Verhalten – von ihrer Ablehnung an dem Tag, als er in ihr Schlafzimmer gekommen war, bis hin zur steifen Höflichkeit – ziemlich deutlich gemacht, dass sie nicht mit ihm ins Bett wollte. Sie wusste natürlich auch, dass sie ihm das nicht ewig verwehren konnte, schließlich wollte sie keine Scheidung riskieren. Es war ja sogar vertraglich geregelt, dass sie einen Erben ermöglichen musste. Im Prinzip war eine Ehe immer mit solchen ehelichen Pflichten verbunden und das hatte sie natürlich vor der Eheschließung gewusst. Doch sie konnte trotzdem nicht so einfach nachgeben. Nicht nachdem er sie so behandelte, wie er es tat. Oder besser gesagt: Nachdem er sie eben nicht so behandelte, wie er es tun sollte. Er hatte merkwürdigerweise keinen Kommentar dazu abgegeben und er hatte sie seit dem letzten Mal auch nicht wieder in ihrem Schlafzimmer aufgesucht.
„Ich hoffe, ich störe nicht?" Er zog sich seinen Umhang aus und warf ihn achtlos auf das Schränkchen neben der Tür.
„Sie stören doch nicht, Mr Malfoy!", meinte Brianna mit einem Lachen.
Astoria presste ihre Lippen zusammen. Brianna war einfach zu freundlich.
„Du kannst dich gerne zu uns setzen", sagte Astoria mit einstudierter Höflichkeit.
„Sehr freundlich."
Er ging zum Tisch hinüber, setzte sich auf den Platz neben Astoria und nahm sich einen der Kekse, die sie eigentlich für Brianna und sich gedacht hatte.
„Brianna Whitley, richtig?", wandte er sich an Brianna, die daraufhin nickte. „Wollen wir uns beim Vornamen nennen? Alles andere wäre so förmlich."
„Gerne." Brianna lächelte erfreut.
Astoria runzelte ihre Stirn und fragte sich, ob er sich jetzt nicht sehr ausgeklügelt bei ihrer Freundin einschmeicheln wollte.
„Hast du gar nichts mehr zu tun?", fragte sie ihn. Warum hatte er ausgerechnet dann Zeit, wenn sie Besuch hatte?
„Das kann warten." Der Blick, mit dem er sie musterte, zeigte ihr, dass er sehr wohl verstanden hatte, worauf ihre Frage abzielte. „Aber lasst euch durch mich nicht stören."
Astoria musste sich stark zurückhalten, ihre Nase nicht zu rümpfen. Als ob sie sich jetzt noch normal mit Brianna unterhalten könnte, wenn er sich ebenfalls im Raum befand. Sie beneidete Daphne für ihren taktvollen Ehemann. Theo drängte sich niemals auf.

Zum Glück schien wenigstens Brianna kein Problem mit Malfoys Anwesenheit zu haben. Sie hatte eine Stelle in der Abteilung für Magisches Transportwesen und unterhielt sich mit Malfoy bald über einen Hagelschauer, der in den letzten Tagen in den Aufzügen im Ministerium gewütet hatte. Anscheinend war irgendjemand mit der derzeitigen Führung unzufrieden.
„Ich finde es so schön, dass ihr euch gefunden habt", sagte Brianna plötzlich. Und der gute Eindruck, den ihre Freundin in den letzten Minuten vermittelt hatte, war wie weggewischt. „Und irgendwie finde ich es sogar romantisch, wie ihr eure Beziehung erst geheim gehalten habt."
Astoria begegnete Malfoys Blick. Er hatte seine Augenbraue leicht hochgezogen und schien sie still zu fragen, was sie genau ihrer Freundin erzählt hatte. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie konnte doch auch nichts dafür, dass Brianna in ihre wenigen Andeutungen so viel hineininterpretierte …
„Vielleicht genauso romantisch, wie dein kleines Geheimnis?", neckte Astoria ihre Freundin und versuchte von der peinlichen Situation abzulenken.
Nun war es Brianna, die verlegen wurde. Ihre Gesichtsfarbe bekam erneut einen leichten Rotstich. Sie sah Astoria mahnend an. „Nein, Astoria. Ich habe kein romantisches Geheimnis. Davon würde ich dir nämlich erzählen."
Astoria verstand den kleinen Seitenhieb und hatte den Anstand, betreten zu wirken. „Möchtest du noch etwas trinken?"
Brianna bejahte dies und Astoria schenkte ihr noch etwas Tee in ihre Porzellantasse.
„Schenkst du mir bitte auch noch etwas ein, Liebes?", fragte Malfoy da und es war ein kleiner Schock für sie. Besonders wegen des Kosenamens, den er benutzt hatte. Das passte doch auch überhaupt nicht zu ihm. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er jemanden so nannte und es dann auch meinte.
Sie zog die Untertasse mit seiner Tasse zu sich und goss den Tee hinein. Ihre Hände zitterten kaum merklich. Sie dachte daran, was er vor ihrer Freundin noch alles tun konnte, ohne dass sie dagegen protestieren konnte.
„Danke." Er zog die Tasse zurück.
Astoria begegnete seinen grauen Augen. Seine Lippen kräuselten sich Besorgnis erregend. Sie sah schnell wieder zu Brianna hinüber. Sie fragte sie etwas über die Familie und Brianna erzählte ihr, dass sie abends noch ein Familienessen hatte.

Als Brianna schließlich gehen wollte, begleiteten Astoria und zu Astorias Unbehagen Malfoy sie zur Tür. Nachdem Brianna gegangen war, nahm Malfoy unsanft ihren Arm.
„Aua, was soll das?", beschwerte sie sich.
„Machst du allen deinen Freunden etwas vor, was unsere Beziehung angeht?", wollte er wissen.
„Und wenn, was hättest du dagegen?"
Er hatte doch mitbekommen, dass sie das verliebte Pärchen gespielt hatten. Und warum sollte sie ausgerechnet ihren Freunden die Wahrheit erzählen? Dann hätte das alles doch gar keinen Sinn ergeben.
„Mich stört es weniger", sagte Malfoy arrogant. „Aber nachdem du ja so große Angst davor hast, was ich mit dir anstellen könnte, solltest du vielleicht vorsichtiger damit sein, was du deinen Freunden glauben machen willst."
„Was meinst du damit?"
„Nun ja, es könnte beispielsweise sein, dass ich mehr tue, als dich 'Liebes' zu nennen und dich darum zu bitten mir noch etwas Tee einzuschenken … " Er ließ die Worte bedeutungsschwanger in der Luft hängen.
Astoria stieß empört Luft aus und zog ihren Arm weg. „Soll das eine Drohung sein?"
„Wenn du es so nennen willst." Malfoy lächelte fein.
„Das wagst du nicht!", rief sie aus.
„Aber wer weiß, vielleicht gefällt es dir ja …", meinte er und ignorierte bewusst ihren Ausruf.
Astoria wandte sich ab und wollte gehen, doch er hielt sie noch am Arm zurück und trat hinter sie.
„Komm heute Nacht in mein Schlafzimmer", flüsterte er ihr ins Ohr und Astorias Herz klopfte unstet in ihrer Brust. „Dann bin ich in der Öffentlichkeit der Mustergatte, den du dir wünscht."
Als kühle Höflichkeit, die er sonst die Tage über gezeigt hatte, konnte man das wohl nicht mehr bezeichnen. Ein passender Name für sein Verhalten fiel ihr allerdings nicht ein. Sie fühlte sich auf jeden Fall ziemlich aus der Ruhe gebracht. Astoria löste sich von ihm und entfloh.
Und nein, sie ging nachts nicht zu ihm …

Am Donnerstagmorgen informierte sie Malfoy über ihre Pläne bezüglich des Lyrikabends und er nahm sie zur Kenntnis, bot ihr jedoch nicht an sie zu begleiten. Sie war es gewohnt alleine auszugehen, weshalb sie das nicht groß störte. Allerdings wäre es nicht schlecht gewesen, sich als frisch vermähltes Paar zu präsentieren. Sie wollten ihn aber nicht darum bitten. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil sie sein Angebot von neulichausgeschlagen hatte, wozu er am nächsten Tag übrigens nichts gesagt hatte. Sie würde auch ohne ihn zurechtkommen.
Am Abend im Hause der Turpins schaute Astoria sich um, ob sie vielleicht ein bekanntes Gesicht entdeckten konnte. Überrascht machte sie Moira neben Stephen Cornfoot, einem ehemaligen Ravenclaw, aus. Astoria vermutete, dass Moira nicht wegen der Gedichte hier war.
„Hallo Moira", begrüßte Astoria ihre ehemalige Schulkameradin und Beinahe-Freundin, nachdem sie wirklich keine andere Bekanntschaft gefunden hatte, mit der sie sich lieber unterhalten würde.
Moira schaute auf. „Oh, hallo Astoria!" Moira wandte sich an den dunkelblonden Zauberer an ihrer Seite. „Stephen, du weißt, dass Astoria seit kurzem die neue Mrs Malfoy ist?"
„Ja, die Frau von Draco Malfoy." Cornfoot sah nicht wirklich interessiert zu Astoria, als er sie begrüßte. „Ich war auf der Hochzeitsfeier."
Moiras Dekolletee schien ihn deutlich mehr zu fesseln.
„Stephen, entschuldigst du uns einen Moment?" Moira zupfte sich affektiert ihre Korkenzieherlocken zurecht und lächelte. „Ein Frauengespräch, wenn du verstehst?" Ihre blauen Augen blitzten auf.

Als ob sie geheime Vertraute wären, zog Moira Astoria mit sich hinter eine große Topfpflanze. Was hatte sie im Sinn? Astoria ahnte Böses.
„So, nun heraus mit der Sprache, Astoria! Hast du Draco Malfoy wegen seinem Geld geheiratet oder hat er noch andere Qualitäten …?"
Astoria war etwas geschockt und sah sich um, ob jemand Notiz von ihnen nahm. Es war nicht gerade ein Thema, über das man an solch einem Ort sprach.
„Jetzt sag schon! Wir sind ungestört." Moira sah sie erwartungsvoll lächelnd an. „Haben andere Dinge dich dazu verleitet, ihn zu heiraten? Wenn man den Gerüchten glauben kann, soll es sich ja um eine echte Liebeshochzeit handeln …" Sie wickelte sich eine ihrer gezauberten Locken um den Finger. „Dann habe ich da noch so etwas gehört, dass du ihn verführt haben sollst. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut."
„Das habe ich nicht!", stritt Astoria vehement ab. Sie schaute die blonde Hexe finster an.
„Also er dich?" Moira sah fast ein wenig zweifelnd aus. „Nun, wie auch immer. Mir stellt sich das ganze so dar, dass du dich in ihn … verguckt hast. Und wer kann dir das verübeln? Das Vermögen eines Mannes lässt einen doch über den einen oder anderen Makel hinwegsehen."
Astoria starrte Moira fassungslos an, auch wenn es sie nicht so sehr überraschen sollte, dass Moira so etwas sagte. Direkt übel nehmen konnte sie Moira ihre Vermutung hingegen auch nicht, denn schließlich hatte sie Malfoy wirklich nicht aus Liebe geheiratet, sondern wegen seines Vermögens, um die Schulden zu tilgen. Sie setzte eine desinteressierte Miene auf. Das Gespräch fing langsam an sie zu nerven.
„Apropos Vermögen … Stephen wird vermutlich bald ein kleines erben." Moira hob anzüglich ihre perfekt geformten Augenbrauen. „Und er ist mit Haut und Haar ein Reinblut, falls du verstehst."
Ehrlich gesagt, verstand Astoria nicht. Sie verschränkte ihre Arme.
„Ich wette", fuhr Moira triumphierend fort. „dir gefällt, was Draco mit dir in seinem Bett anstellt. Auf der Hochzeitsfeier wart ihr ja ziemlich schnell verschwunden."
Astoria rümpfte ihre Nase. Darüber wollte sie jetzt wirklich lieber nicht nachdenken … „Moira …", setzte sie an, doch sie wusste nicht recht, wie sie weitersprechen sollte.
Moira lachte und zeigte ihre perfekten Zähne. „Du solltest dein Gesicht sehen. Du warst schon immer prüde, Astoria. Entschuldige, ich muss mich jetzt wieder ein bisschen um Stephen kümmern. Vielleicht lädst du mich bald mal auf Malfoy Manor ein?"
Moira stolzierte strahlend davon und Astoria fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.

„Mrs Malfoy", sprach die Gastgeberin Astoria an, als sie ebenfalls hinter der Topfpflanze hervorgekommen war und sich imaginäre Staubpartikel von ihrer Kleidung klopfte, „wollen sie sich in die Liste für die Lesung bekannter Gedichte oder eines eigenen Werkes eintragen?"
„Nein, danke. Ich höre heute nur zu", lehnte Astoria schwach lächelnd ab.
„Gut." Mrs Turpin lächelte enthusiastisch. „Mr Bagnold wird gleich eine seiner neuen Balladen vortragen. Am besten Sie suchen sich schon einmal einen guten Sitzplatz."
Bald nachdem sich Astoria gesetzt hatte, fing Mr Bagnold auch schon an und Astoria bekam die ersten Zweifel, ob es nicht doch besser gewesen wäre mit den Gesellschaftlichen Anlässen zu warten. Es war einfach so, dass sie mit den Versen nicht viel anfangen konnte und die Begegnung mit Moira hätte sie sich auch liebend gerne erspart. Aber immerhin hatte sie die jetzt hinter sich. Und schlimmer konnte es doch nicht mehr werden …