Das Dunkle Mal

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Die Gestaltung des Zuschauerraums im Herzstück der Fantastic Opera war die eines Logentheaters. Rund um das Parkett befanden sich fünf übereinanderliegende Balkone, die in viele einzelne Logen eingeteilt waren. Diese konnten über ein Jahr gemietet werden, was sich besonders bei Familien aus der höheren magischen Bevölkerungsschicht großer Beliebtheit erfreute, denn im Gegensatz zu den Plätzen des Parketts boten die Logen eine gewisse Abgeschiedenheit und natürlich waren sie gut für das Prestige.

„Die Hauptdarstellerin ist vielversprechend", meinte Narcissa zu Astoria, als sie neben ihr die Privatloge der Malfoys betrat. „Auf Mrs Bletchleys Soiree haben wir sie schon einmal singen gehört."
Astoria holte kaum merklich Luft. Bemüht nebensächlich wandte sie sich an Narcissa: „Thelxiope Galanis?"
Narcissa nickte bestätigend.
Mit Sicherheit wusste Mrs Malfoy nicht, wie ihr Sohn zu dieser Sängerin stand, sonst hätte sie kaum diesen Familienausflug vorgeschlagen. Und hätte Astoria gewusst, dass ausgerechnet Thelxiope auf der Bühne bei der Premiere von Circe zu sehen wäre, hätte sie sich hierfür garantiert eine Ausrede einfallen lassen.

Hinter ihnen betraten schließlich die männlichen Mitglieder der Malfoys die Loge. Schicksalsergeben setzte Astoria sich auf den Platz zur Linken. Lucius Malfoy setzte sich neben seine Frau und sein Sohn entsprechend neben Astoria.
Sie hatte gesellschaftliche Anlässe in den letzten Tagen wohlweislich gemieden – jedenfalls jene, bei denen Malfoy ihr hätte unangenehm werden können. Stattdessen hatte sie ein wenig Geld ausgegeben. Für die Teegesellschaften, die sie besuchte, benötigte sie im Moment wahrlich kein halbes Dutzend neuer Festroben. Dennoch: es hatte ihr ein gutes Gefühl gegeben sich neu einzukleiden. Tatsächlich vergingen die anfänglichen Skrupel, dass das Geld ihr eventuell nicht zustand, recht bald.

„Der Zaubereiminister ist heute auch anwesend", sagte Narcissa rechts von Malfoy an ihren Ehemann gerichtet.
Astoria schaute zu der größeren Fürstenloge gegenüber der Bühne, wo einige Personen saßen. Sie hob ihr magisches Opernglas, eine Art zweiäugiges Omniglas, vor die Augen und konnte nun sehr gut Kingsley Shacklebolt ausmachen. Interessiert suchte Astoria die gegenüberliegenden Balkone nach weiteren bekannten Gesichtern ab.

Als der Zuschauerraum sich verdunkelte, wurde das Publikum leise. Bald darauf begann das heitere Musikspiel. Thelxiope verkörperte die berühmte verführerische Zauberin Circe, die ihre Feinde oder die, die sie beleidigten, vorzugsweise in Tiere verwandelte. Astoria schaute durch das Opernglas auf die Bühne und studierte die ausländische Hexe. Sie war wirklich die perfekte Besetzung für die Rolle.

In der Pause kamen einige Besucher auf die Loge der Malfoys. Astoria kannte sie nur flüchtig, aber sie gab sich Mühe freundliche Konversation zu betreiben. Malfoy hingegen verließ bald die Loge. Er war noch nicht zurück, als die Besucher längst wieder verschwunden waren und die Vorstellung bereits wieder begonnen hatte. Astoria blickte verstimmt auf seinen leeren Platz. Sie rutschte auf ihrem Sitz nach vorne und stand nach einem zögernden Moment auf. Narcissa ahnte wahrscheinlich, dass sie nicht zur Toilette musste, als sie sich entschuldigte.

Vor dem Eingang ihrer Loge stand Astoria eine Zeit und blickte sich nach allen Seiten um. Und da sah sie Malfoy bereits die Treppe hochkommen.
„Wo warst du so lange?", entrüstete sich Astoria mit verhaltener Stimme, als er bei ihr angekommen war.
Malfoy schenkte ihr einen seiner arrogant fragenden Blicke und entgegnete gewohnt gedehnt: „Und seit wann muss ich dir darüber Auskunft geben?" Seine Haare waren auch noch genauso ordentlich, wie vor der Pause genau wie seine Kleidung.
Astoria presste ihre Lippen zusammen, bevor sie sprach: „Dir muss doch klar sein, dass die Leute hier in der Oper jede Kleinigkeit beobachten. Und allein die Tatsache, dass du mich in der Pause allein gelassen hast, könnte für Gesprächsstoff gesorgt haben."
Malfoy gab sich gelangweilt. „Natürlich, die Leute haben nichts Besseres zu tun, als über unser Privatleben zu spekulieren."
Astoria versperrte ihm den Weg zur Loge. „Und deine Eltern. Sollen sie wirklich wissen, dass wir… ?"
„Meine Eltern sind nicht dumm."
Das verpasste Astoria einen kleinen Dämpfer.
Er musterte sie abschätzig von oben bis unten. „Einerseits möchtest du nicht, dass ich dich in der Öffentlichkeit alleine lasse, andererseits hast du so viel Angst, ich könne dir zu nahe kommen, dass du kaum noch Einladungen annimmst. Was soll ich denn nun tun?"
Natürlich hatte er bemerkt, dass sie kaum noch ausging.
„Sehr schön formuliert, aber du weißt sehr gut, dass es noch eine dritte Möglichkeit gibt: Du könntest hin und wieder bei mir sein und dich mit mir unterhalten ohne überzogene zurschaustellende Zuneigung."
„Nun, angenommen mich würden deinen Wünsche interessieren –" Er fasste sie an den Schultern und schob sie beiseite. „Danke für den Hinweis." Malfoy öffnete die Tür zur Loge und ließ sie auf dem Gang zurück.

Astoria blieb noch zwei Minuten dort stehen, bevor sie wieder die Loge betrat und sich still auf ihren Platz setzte. Sie hatte sich selten zuvor so verlassen gefühlt. Hier, mitten unter Hunderten, fühlte sie sich seltsam einsam. In dem Moment war sie sicher, dass ihre Ehe unweigerlich scheitern musste. Sie sah keinen anderen Ausgang. Astorias Finger verkrampften sich um ihr Opernglas auf ihrem Schoß. Das wäre wirklich die Sensation! Nicht einmal ein Jahr verheiratet und dann die Scheidung. Sie sah sah schon die Gesichter der Leute vor ihrem inneren Auge.
Astoria lockerte ihren Griff und hielt das Glas vor ihre Augen, um die Bühne zu betrachten. Es war Zeit zu handeln. Sie mochte Malfoy nicht, aber das war doch eigentlich ein Grund mehr ihm keine Möglichkeit zu geben sich von ihr zu trennen und ihr die Schuld dafür zuzuweisen. Sie musste wohl oder übel mit ihm schlafen. Allerdings wusste sie noch nicht, wie sie das bewerkstelligen konnte ohne dabei ihren Stolz zu verlieren. Sie schaute unauffällig zu ihrem Sitznachbarn hinüber. Trotz der Dunkelheit sah sie, dass seine Augen auf sie gerichtet waren. Ertappt wandte Astoria ihren Blick wieder auf die Bühne

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Astoria beobachtete Malfoy am darauffolgenden Tag beim Frühstück genauer, als sie es sonst Plan ihn zu verführen stand so gut wie fest, obwohl sie noch keine Idee für dessen Ausführung hatte. Für Diplomatie war er sicherlich kaum empfänglich. Astoria traute sich auch nicht zu, direkt zu sein. Irgendwie musste sie es geschickter angehen. Am besten wäre natürlich, wenn sie ihn so manipulieren könnte, dass er den Anfang machte. Beziehungsweise glaubte, dass er den Anfang machte … Ihr war ein wenig unwohl bei ihren Gedanken und damit bezog sie sich nicht auf den Gedanken, mit ihm zu schlafen – damit konnte sie leben. Sie hatte Angst davor, sich lächerlich zu machen. Verführung kostete Überwindung und Mut. Sie fühlte eine leichte Übelkeit.

„Du wirkst ein wenig blass heute morgen. Geht es dir nicht gut?", sprach er sie an.
„Doch ganz ausgezeichnet!", widersprach Astoria und widmete ihre vollste Aufmerksamkeit ihren Frühstücksflocken. Verführung bedurfte Vorbereitung. Sie musste wissen, was er sich in einer Frau wünschte.
„Eine nette Vorstellung gestern, nicht wahr?", redete er sie erneut an.
„In der Tat", sagte Astoria und lächelte liebenswürdig. „Das Stück wird sicher ein großer Erfolg werden." Sie füllte ihr Glas mit Kürbissaft und hoffte, dass die Unterhaltung damit beendet war.
„Davon ist zumindest der Tagesprophet überzeugt. Es steht ein großer Artikel über Circe in der Zeitung", erwiderte Malfoy auf der anderen Seite des Tisches.
Astoria hob ihre Augenbrauen und nickte einmal leicht. „Werde ich gleich noch lesen." Sie nahm verbittert einen Schluck aus ihrem Glas, dann stand sie auf und ging die wenigen Schritte, um sich die Zeitung zu holen. Zurück an ihrem Platz schlug sie den kulturellen Teil auf, nur um ein riesiges Foto von Thelxiope zu erblicken. In dem Artikel wurde die Sängerin in höchsten Tönen gelobt. Ihre Stimme sei klarer … Ihr Aussehen grandioser …

Sie rümpfte ihre Nase. Ihr Plan versprach immer weniger erfolgreich zu verlaufen. Wie sollte sie einen Mann verführen, der Frauen wie Thelxiope bevorzugte?
„Ist etwas?", erkundigte sich Malfoy.
„Nun, ich denke, der Verfasser könnte es etwas weniger offensichtlich machen, dass er geheime Fantasien über die Hauptdarstellerin hegt", meinte Astoria kurz angebunden.
Malfoy lächelte selbstherrlich. „Ich glaube es ist eine Verfasserin."
„Unmöglich!", rief Astoria aus und suchte das Kürzel unter dem Bericht.
Malfoy schien in einer sehr guten Stimmung zu sein, auch wenn sie fürchten musste, dass dies auf ihre Kosten ging. Er wollte sie verärgern mit dem Gespräch über Thelxiope. Da war sie sicher.

Der Tag strich vorüber, ohne dass Astoria eine Idee kam, wie sie ihn vorteilhaft verführen konnte. So ziemlich als einziges kam ihr eine Art Liebestrank in den Sinn. Nicht Armortentia oder ein Zaubertrank, der einen flüchtigen Schimmer von Liebesgefühle hervorrief, sondern einer, der reines Verlangen erzeugte. Es würde ihr keinerlei Probleme bereiten solch einen Trank zuzubereiten. Doch wenn die Wirkung vorbei war, würde Malfoy sie ganz gewiss umbringen. Sie hatte sich auch nie als Hexe gesehen, die auf solche Mittel zurückgreifen musste. Dann kam ihr allerdings eine Idee, die immer mehr Gestalt annahm. Was wenn sie einfach den Trank nahm? Der Trank würde ihr zweifelsfrei ihre Furcht und sonstige Bedenken nehmen. Es dürfte kein Problem geben: Sie würde ihre Wünsche ohne Zweifel deutlich artikulieren. Sobald Malfoy begriffen hatte, was sie wollte, würde er seinen Triumph über sie sicher nicht auskosten, indem er sie wegschickte. Er hatte ihr schließlich deutlich klar gemacht, dass sie zu ihm kommen sollte. Sollte er seinen Willen eben bekommen. Der Trank würde ihr zudem helfen, sich nicht gedemütigt fühlen zu müssen, denn ihr Stolz wäre zu diesem Zeitpunkt gewissermaßen ausgeschaltet.

Tatsächlich war der Trank innerhalb einer Stunde zubereitet. Astoria brauchte jedoch noch etwas Persönliches von Malfoy. Das erwies sich als schwieriger als gedacht. In seinem Schlafzimmer konnte sie kein einziges Haar von ihm finden. Die Hauselfen hatten penibel das Zimmer gesäubert. Sie wusste leider auch nicht, wo sich sein Bad befand und wahrscheinlich hätte sie dort auch kein Glück gehabt. Es wäre ärgerlich, wenn es daran scheitern würde.

Angespannt wartete Astoria, dass Malfoy zum Abendessen erschien. Erleichtert atmete sie auf, als er endlich eintrat. Die ganze Zeit über verspürte sie schon ein Gefühl von Lampenfieber. Sie war nervös, erregt und hatte Herzklopfen. Nach dem Essen wollte sie ihm eines seiner kostbaren Haare entwenden. Dazu musste sie ihm unweigerlich nahe kommen. Sie hoffte, es würde nicht allzu verdächtig erscheinen. Schließlich vermied sie für gewöhnlich die Nähe zu ihm. Astoria beeilte sich mit dem Essen. Nicht auszudenken, wenn Malfoy vor ihr aufstand und erst in sein Arbeitszimmer verschwand.
Als ihr Teller leer war, stand Astoria auf. „Ich habe noch etwas zu erledigen", erklärte sie und als sie auf seiner Höhe war, richtete sie ihren Blick auf seine Haare. „Ich glaube, da hat sich etwas in deinen Haaren verfangen."
Er fuhr mit seiner Hand darüber.
„Immer noch dort. Warte, ich helfe dir." Astoria trat nah an ihn heran. Er wirkte etwas ungläubig, ließ sie aber gewähren. Ihre Hand war bemerkenswert ruhig. Zwischen Zeigefinger und Daumen nahm sie ein feines blondes Haar. „Irgendein Insekt."
„Autsch", kommentierte er, als sie es mit einer Handbewegung auszupfte. Seine grauen Augen trafen auf ihre. Ihr Herz stand still.
„Tut mir leid", sagte Astoria. „Aber jetzt ist es weg."
Das Haar sorgsam in ihrer Hand haltend sah sie sich seinem misstrauischen Blick ausgeliefert. Malfoy sah auf ihre Hand. Astoria hielt die Luft an. Er wusste es. Gleich würde er sie auffordern ihm ihre Hand zu zeigen. Er sah ihr wieder in die Augen. Beide schwiegen sie.
„Ich gehe jetzt", sage Astoria schließlich.
Sein Blick wanderte ein weiteres Mal zu ihrer Hand bevor er sie wieder anblickte, aber er sagte nur: „Tu das."

Astoria atmete tief durch, als sie die Tür geschlossen hatte. Sie kontrollierte, ob sich das Haar noch in der Hand befand. Ein weiteres Mal könnte sie das nicht. Ihr war ein wenig unwohl zumute, weil Malfoy vielleicht etwas ahnte. Andererseits: Was tat es zur Sache? Sie ließ das Haar in den Trank fallen. In einer Stunde würde sie den Cocktail trinken und dem Schicksal seinen Lauf lassen.

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In den ersten Sekunden bemerkte sie noch keine Wirkung. Dann von einem Moment auf den anderen spürte sie etwas. Astoria spürte ein unfassbares Verlangen. Sie erschrak ein wenig über die Heftigkeit, jedoch war auch der Schreck schnell verblasst. Ihr Verstand schien ihr zu entgleiten. Der winzige Teil ihres Gehirns, der noch fähig war analytisch zu denken, ließ sie erkennen, dass sie ihr Zimmer verließ, um nach Draco Malfoy zu suchen. Das Arbeitszimmer war leer. Sie öffnete die Tür zur Bibliothek. Der Lichtschein kam aus der Ecke mit den ledernen Sesseln. In einem davon saß er. Seine Augen hatte er geschlossen, wirkte aber nicht so, als ob er schlafen würde. Astoria ging ein paar Schritte in seine Richtung. Seine Frisur saß nicht ganz so perfekt wie sonst. Zwischen seinen Beinen auf dem Sessel hielt er ein Glas in seiner Hand. Auf dem kleinen runden Tisch daneben lag ein Buch aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben. Gekleidet war er auch nachlässiger. Seine Hemdärmel waren hochgekrempelt und sie konnte die blonden Haare auf seinen Unterarmen sehen. Zwischen ihren Beinen spürte sie ein verlangendes Ziehen.

Astoria blickte in sein Gesicht und schaute in seine geöffneten grauen Augen.
Er schien überrascht, sie zu sehen. „Astoria."
„Ich habe nach dir gesucht, Draco", sprach der Trank aus ihr. Sie hätte niemals im nüchternen Zustand diesen Satz sagen können.
Er blickte sie argwöhnisch an. „Was willst du?"
„Darf ich mich setzen?"
„Natürlich."
Sie nahm ihm das Glas weg und stellte es auf den kleinen Beistelltisch. Ungeniert ließ sich Astoria dann auf seinen Schoß nieder. Sie spürte, wie seine Hände automatisch nach vorne langten um sie zu umfassen. Gleichzeitig fuhr er mit seinem Oberkörper zurück.
„Astoria?"
„Ja, Draco?"
Sein Mund war sehr anziehend. Sie beugte sich vor.
Dann bewegte er sich. Er schien es etwas unbequem zu haben. „Ich dachte eigentlich, du willst dich auf den Sessel neben mir setzen."
Astoria überbrückte das letzte Stück. Ihr Mund traf kurz auf seinen.
Seine Augenbrauen zuckten nach oben.
„Was sollte ich auf dem Sessel neben dir?" Ihre Hände legten sich auf seinen Oberkörper.
„Was wird das?" Seine Hände griffen nun nach ihren und hielten sie fest. Und dann sah sie es plötzlich auf der Innenseite seines linken Unterarms, als er in der Bewegung diesen Arm nach außen drehte.
Das Dunkle Mal.
Astoria blickte auf die Stelle seiner Haut, wo sich aus dem Mund eines Totenschädels eine Schlange herausschlängelte. Es war das erste Mal, dass sie es bei ihm sah. Auch in ihrer Hochzeitsnacht, war es ihr nicht aufgefallen. Wirkliche Überraschung spürte Astoria allerdings in diesem Moment nicht. Der Trank tat seine Wirkung.

„Ich will dich", verriet Astoria ihm flüsternd. Sie spürte wie er unter ihr zusammenzuckte. Seine Gesichtszüge waren plötzlich abweisend. Seine Hände umfassten ihr Gesicht und er sah ihr in die Augen.
Eine furchtbare Panik machte sich in Astoria breit. „Willst du es denn nicht?"
Er räusperte sich endlich. „Doch. Aber nicht hier." Er zerrte sie mit sich hoch. „Wir gehen am besten in mein Schlafzimmer."
Sein Griff um ihren Arm war schmerzhaft. Unter anderen Umständen hätte sie sich sicher beschwert, aber in dem Moment fand sie es äußerst vielversprechend.

„Leg dich schon mal auf das Bett!", befahl er.
Astoria gehorchte nur allzu gerne. „Wo willst du hin?", fragte sie von seinem Bett aus, als er zu der Verbindungstür trat. Sie glaubte nicht, dass sie es noch lange aushielt.
„Keine Sorge, du kommst noch auf deine Kosten." Er ging in ihr Schlafzimmer.
Nach einiger Zeit wieder heraus mit der leeren Ampulle, in der der Zaubertrank enthalten war.
„Kannst du mir verraten, was hier drin war?" Er klopfte mit seinem Finger ein paar Mal gegen das Glas.
Ein Instinkt warnte sie, ihm die Wahrheit zu sagen. „Ein Trank gegen Kopfschmerzen."
„So? Brauchtest du dafür also mein Haar?" Er hatte eine Augenbraue gehoben.
„Draco … bitte, komm zu mir …"
Er trat näher an das Bett und sah auf sie herunter. Astoria machte Anstalten sich ihre Kleidung auszuziehen. Seine Oberlippe zog sich hoch. „Du bleibst angezogen!"
Eingenommen von ihm gehorchte sie. Hoffnungsvoll fragend sah sie zu ihm.
Er beugte er sich zu ihr hinunter. „Willst du, dass ich dich anfasse?", fragte er sie rau.
Astoria nickte verzweifelt. Nur seine Berührungen könnten das Verlangen nach ihm stillen.
„Tut mir leid, aber ich will nicht", teilte er ihr kalt mit.
Eine Träne lief ihr über die Wange. Es tat weh.
Er räusperte sich: „Da du mir nicht sagen willst, was du genommen hast, kann ich nicht sagen, wie lange das noch dauern wird."

Der Schmerz holte ihren Verstand aus dem Nebel. Tatsächlich war sie nun wieder mehr Astoria, bis auf die Tatsache, dass sie immer noch ein übergroßes Verlangen nach ihm spürte. Astoria blickte ihn an. „Vielleicht ist die Wirkung schon vorüber. Ich glaube ich fühle mich schon ganz anders."
„Netter Versuch."
„Draco ..."
„Malfoy", sagte er. „Das war schon der erste Hinweis, warum nennst du mich plötzlich bei meinem Vornamen?"
„Ich kann dich auch Malfoy nennen, wenn du willst."
Anscheinend hatte er keine Lust zu reden, also fuhr sie fort: „Immerhin kannst du jetzt nicht sagen, dass ich nicht versucht hätte, den ehelichen Pflichten nachzukommen. Ich bin bereit. Aber du kannst anscheinend nicht."
„Ich kann sehr wohl. Und vielleicht werde ich dich auch … nehmen – sobald die Wirkung verflogen ist. Das geschehe dir recht." Er setzte sich auf einen Stuhl unweit vom Bett.
Astorias Augen weiteten sich erregt. „Wie wirst du wissen, wann die Wirkung verflogen ist?"
„Ach, das werde ich schon merken. Keine Sorge … "
„Wie?"
„Nun, du wirst mich bestimmt nicht so anschauen, wie jetzt."
Astoria wandte ihren Blick ab. Die Zeit verstrich.

Sie zuckte zusammen, als von einem Moment auf den anderen eine Bandbreite von Emotionen sie erfasste.
„Was ist ?", fragte Malfoy.
„Nichts", ihre Stimme zitterte. Astoria sah verstohlen zur Verbindungstür. Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Die Wirkung wird wohl noch eine Weile anhalten."
Dann lief sie ohne ein weiteres Wort zur Tür, die vor ihrer Nase zufiel und verriegelte. Astoria schrak zurück und versuchte die andere Tür zu erreichen. Ohne Erfolg. Sie ließ sich nicht öffnen. Als sie sich umdrehte sah sie, dass Malfoy seinen Zauberstab gezückt hatte. Sie tastete in ihrer Tasche nach ihrem Zauberstab. Aber kaum hatte sie ihn hervorgeholt, flog er auch schon in hohem Bogen in Malfoys Hand.
„Dankeschön", sagte er und stand gemächlich auf.
„Malfoy gib mir sofort meinen Zauberstab zurück!"
„Aha." Er kam langsam auf sie zu. „Anscheinend hat die Wirkung nachgelassen. Ich glaube, wir haben etwas zu klären." In bekannter Manier sprach er mit langgezogenen Vokalen.
Astoria erstarrte. „Lass mich sofort raus! Du darfst mich hier nicht einsperren!"
„Ich dachte, du wüsstest mittlerweile, dass ich mich nicht darum kümmere, was ich in deinen Augen darf."
Als er knapp vor ihr stand, kniff sie ihre Augen zusammen. Unter Einfluss des Trankes hätte ihr wohl so Einiges gefallen, was er mit ihr angestellt hätte, aber nun hatte sie Angst.

„Du kannst froh sein, dass ich bemerkt habe, dass du unter Einfluss eines Trankes standst", hörte sie ihn sagen.
Sie öffnete ihre Augen. „Wie das?"
„Ich wäre um einiges wütender, wenn ich es bemerkt hätte, nachdem wir miteinander …"

„Ich wünschte, du hättest es einfach getan", sagte sie in die darauffolgende Stille. Sie spürte Tränen hinter ihren Augen aufsteigen.
Er sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. Anscheinend fühlte er sich unwohl in seiner Haut.
„Wozu brauchtest du diesen Trank?", wollte er von ihr wissen.
Astoria wandte sich ab. Wann hatte sie das letzte Mal geweint vor anderen Menschen? Es war ihr peinlich vor ihm. Sie versuchte ihre Stimme im Griff zu halten. „Ohne Trank hätte ich wohl kaum den Mut gehabt … "
Sie war ganz froh, dass er sie nicht anfasste. Sonst hätte sie wohl losgeschluchzt. Und wenn es einmal anfing, war es schwer zu stoppen.
„Astoria ..."
Oje. Sie schluchzte auf. Einmal. Zweimal. Astoria straffte ihre Schultern. Dreimal. Viermal. „Bitte entschuldige mich. Die Nachwirkung des Trankes ..."
Malfoy wirkte überfordert. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Würde er weinen, würde sie sich auch nicht in der Lage fühlen ihn zu trösten.
Das hätte sich wahrscheinlich noch eine Weile hingezogen, wenn sie ihn nicht gefragt hätte, ob er nicht die Tür öffnen könne. Und scheinbar waren weibliche Tränen tatsächlich das beste Mittel einen Mann zu bezwingen. Auch wenn es in diesem Fall ganz ungewollt geschah.