Ein todsicherer Eid
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Malfoy war schon im Salon, als sie diesen zur Frühstückszeit betrat. Jedoch saß er nicht auf seinem Platz, sondern stand am Fenster. Nachdem sie die ersten Schritte in das Zimmer getan hatte, richtete sich sein Blick auf sie. Seine Miene war nicht zu entschlüsseln, aber Astoria hatte den Eindruck, dass er auf sie gewartet hatte. Wahrscheinlich hatte er ihr etwas zu sagen, schließlich war er am gestrigen Tag nicht mehr dazu gekommen.
„Astoria", sagte er. Seine Stimme klang merkwürdig behutsam.
„Malfoy", erwiderte sie vorsichtig.
Sie blieb an der Längsseite des Tisches stehen. Ihr schien es seltsam sich zu setzen, da Malfoy selbst keine Absicht zeigte dies zu tun. Als er sich nach einigen Sekunden nicht bemühte, das Gespräch zu beginnen, betrachtete Astoria das Tischgedeck. Auf der anderen Seite des Tisches lag derTagesprophet. „Wird der Held der Zauberwelt erneut Vater?", konnte Astoria die Schlagzeile auf dem Kopf lesen. Harry Potter war mit einer Weasley verheiratet. Ganz unbegründet konnte der Verdacht daher nicht sein …
„Ich habe nachgedacht."
Astoria blickte prompt auf bei seinen Worten.
„Es ist wohl das Beste, wenn wir unsere Verbindung auflösen."
Astoria öffnete entgeistert ihren Mund. Sie hatte es befürchtet, doch für den Moment hatte sie mit einer Strafpredigt gerechnet. Scheidung. Das Wort dröhnte überlaut in ihren Gedanken. Sie war in der Ehe mit Malfoy bisher nicht wirklich glücklich gewesen, aber sie sah auch keinen Anlass sich von ihm scheiden zu lassen. Eine Scheidung wäre ein Albtraum. Natürlich gab es so etwas wie Scheidung in der magischen Bevölkerung – auch wenn die Scheidungsrate bei Muggeln deutlich höher war – doch Astoria hatte bis vor Kurzem nicht damit gerechnet, dass sie selbst einmal davon betroffen sein würde. In ihren Ohren klang das Wort beinahe wie eine Krankheit.
„Du kommst ohne finanziellen Schaden aus der Ehe, da der Vertrag seitens dir nicht gebrochen wurde."
„Können wir das nicht anders regeln?", bat sie ihn. Astoria biss sich auf ihre Unterlippe.
Malfoy musterte sie mit zweifelndem Blick. „Was stellst du dir vor?"
Astoria suchte nach den rechten Worten. „Es wäre ein Skandal, wenn wir uns scheiden lassen. Wir sind doch kaum mehr als einen Monat verheiratet."
Seine Lippen kräuselten sich. „Denkst du, es ist besser, wir schieben es eine Weile auf?"
Sie wollte es nicht aufschieben, sondern verhindern. Anstatt direkt auf seine Frage zu antworten, sagte sie:„Bleiben wir wenigstens noch bis zum neuen Jahr verheiratet und vielleicht noch etwas länger."
„Ah verstehe", sagte er langsam, er hob seine dunkelblonden Brauen, „aber das ist keine gute Idee."
„Doch das ist es", beharrte Astoria. Sie machte den Versuch, ihm dabei fest in die Augen zu blicken, was ihr auch recht gut gelang.
Malfoy starrte zurück. Er setzte schließlich zum Sprechen an: „Und wie hast du dir das vorgestellt? Wohnst du für diese Zeit auf dem Manor und tust in der Öffentlichkeit weiter so, als ob wir eine normale Ehe führen?" Er war ganz offensichtlich nicht begeistert.
Sie musste ihn irgendwie für den Gedanken erwärmen.
„Es hätte auch Vorteile für dich – abgesehen von den offensichtlichen", setzte sie an.
Er blickte sie abwartend an.
Astoria räusperte sich. „Zum Beispiel hättest du Zeit, dich nach einer Ehefrau umzusehen."
„Du denkst, dabei ist es von Vorteil, verheiratet zu sein?" Er schenkte ihr einen äußerst zweiflerischen Blick.
„Ja, natürlich. Solange du mit mir verheiratet bist, werden deine Eltern dich nicht dazu drängen eine andere Frau zu nehmen. Du hättest also Zeit, dich in Ruhe umzusehen."
Malfoy schnaufte. „Ist das alles? Denn ich glaube, meine Eltern werden Verständnis dafür haben, wenn ich erst einmal eine Weile unverheiratet bleibe."
Sie schwieg und überlegte, was sie ihm anbieten konnte.
„Also wenn das alles war, muss ich dein Angebot jetzt ablehnen", hörte Astoria ihn zu ihrem Entsetzen sagen. „In meinen Augen spricht alles dafür, die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter uns zu bringen."
„Ist es wegen gestern?", wollte sie wissen.
Malfoy machte ein recht gequältes Gesicht, aber sagte nichts. Möglicherweise befürchtete er, dass sie erneut vor ihm in Tränen ausbrechen würde. Als ob.
„Dann schmeißt du mich jetzt also raus?" Mit indignierter Miene schaute sie zu ihm hinüber.
„Sei nicht albern", sagte er jetzt. „Du kannst hier wohnen bleiben, bis wir das mit dem Zeremonienmeister geregelt haben." Malfoy schien zu überlegen, ob er noch etwas sagen sollte. Er warf einen Blick auf die Wanduhr. „Ich werde dich dann über den Termin informieren", sagte er endlich.
Astoria rührte sich eine Weile nicht bevor sie sich entschied, dass nicht zuzulassen.
„Nein", sagte sie.
Er hatte mehr oder weniger über ihren Kopf hinweg entschieden, dass sie heiraten würden. Doch sie würde ihn jetzt nicht über das Ende ihrer Ehe entscheiden lassen.
Malfoy zog seine Augenbrauen hoch. „Nein?"
„Ich werde mich nicht von dir scheiden lassen", ließ Astoria ihn wissen.
Er hielt inne, seine Stirn runzelte sich. Vorsichtig erwiderte er: „Ich wüsste nicht, wie du das verhindern solltest. Es ist schließlich nicht so, dass ich deine Einwilligung benötigen würde …"
„Meine Anwesenheit ist aber vonnöten", entgegnete sie, „und ich gedenke nicht anwesend zu sein, wenn der Zeremonienmeister kommt."
Er schnaufte abfällig. „Glaubst du, ich würde es nicht schaffen dich festzuhalten? Mir fallen spontan eine ganze Reihe von Zaubersprüchen ein, die ich verwenden könnte."
Astoria warf ihm über den Tisch einen wütenden Blick zu.
Malfoy lächelte sanft. „Tue uns also beiden den Gefallen und stimme der Scheidung zu …" Er verschränkte seine Arme. „Also?"
Ihr Stirn umwölkte sich. „Bist du einverstanden?", fragte er nach. Er schien auf die Frage wirklich eine Antwort von ihr erhalten zu wollen.
„Nein", wiederholte Astoria ihren Standpunkt. Wenn sie wollte, konnte sie beharrlich sein. Ihre bereitete nur etwas Sorge, dass Malfoy wahrscheinlich nicht gerne nachgab.
Seine Miene verfinsterte sich merklich. „Wir sprechen noch einmal darüber, wenn ich vom Ministerium wieder zurück bin."
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Astoria öffnete die Tür zu Malfoys Arbeitszimmer. Etwas hatte sie aufhorchen lassen. Dafür, dass er scheinbar keine Einwilligung von ihr benötigte, um sich von ihr scheiden zu lassen, wollte er sie gar zu sehr, fand sie. Sie trat an den großen Schreibtisch heran und versuchte die erste Schublade zu öffnen. Verschlossen, natürlich. Als sie sich auch nach einfachen Öffnungszaubern wie Alohomora nicht öffnen wollte, gab sie resigniert auf. Auch die restlichen Schubladen und Schränke ließen sich nicht öffnen. Womöglich war es nur ein einfacher Verschlüsselungszauber, doch ohne das Passwort sah sie keine Möglichkeit die Fächer zu öffnen. Astoria verließ das Manor und apparierte nach Greengrass House. Ihr Vater besaß immerhin auch ein Exemplar des Ehevertrages.
„Ihr Vater ist nicht im Haus", teilte die Hauselfe Tinka ihr mit, als sie nach ihm fragte.
„Oh, wo ist er?"
„Er besucht Ihre Tante Ada, Miss Astoria."
Das passte ihr eigentlich ganz gut. Vermutlich würde er es merkwürdig finden, wenn sie ihn jetzt danach fragte, besonders da sie vor ihrer Ehe kein Interesse daran gezeigt hatte. „Danke, Tinka, du kannst mich alleine lassen."
Astoria machte sich auf den Weg in Mr Greengrass' Arbeitszimmer. Sie wusste zwar nicht genau, wo sich der Ehekontrakt befand, aber immerhin ließen sich hier die Schubladen öffnen. In der ersten fand sie einen Stapel von Pergamenten. Sie legte ihn auf den Schreibtisch und ging ihn sorgfältig durch. Nachdem sich keines der Papiere als Ehevertrag herausgestellt hatte, legte sie den Stapel zurück und widmete sich dem nächsten Fach.
Ein Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Wer konnte das sein? Ihr Vater würde sicherlich nicht an die Tür seines eigenen Arbeitszimmers klopfen.
„Herein", rief sie und sah, dass es Theo war, der eintrat. War vermutlich direkt ins Haus gefloht. Er hatte ein wenig Ruß auf der linken Wange.
„Hallo Astoria", begrüßte er sie.
„Hallo Theo." Sie fühlte sich fast ein wenig ertappt, auch wenn sie nicht wirklich etwas Unrechtes tat. Zugegeben, Mr Greengrass würde es vermutlich nicht gerne sehen, dass eine seine Töchter in seinen Unterlagen herumwühlte, aber sie suchte ja nur den Ehevertrag, der eindeutig sie betraf.
„Ich habe gesehen, dass jemand im Arbeitszimmer ist. Ich dachte, es ist dein Vater."
Er musste auf das Bild in der Eingangshalle geschaut haben, dass einem verriet in welchen Zimmern sich gerade jemand befand.
„Er ist bei Tante Ada."
Theo nickte. Er warf einen Blick auf den Stapel auf dem Schreibtisch, sagte aber nichts. Sie konnte froh sein, dass es nicht Daphne war, denn die hätte sie auf jeden Fall gefragt, was sie hier tat. „Ich wollte ihm ein paar Unterlagen geben. Vielleicht kann ich sie dir anvertrauen?"
„Ich wollte eigentlich bald wieder gehen." Astoria schaute Theo entschuldigend an.
„Dann werde ich es später noch einmal versuchen." Er sah erneut auf die Pergamente vor Astoria.
„Ich tue nichts Verbotenes, falls du das denkst", sagte Astoria da.
Theo zog seine Augenbrauen hoch und erinnerte sie einen Augenblick an Malfoy. „Ich denke gar nichts."
„Doch!" Empört blickte Astoria ihn an. „Du fragst dich, was ich hier suche."
Astoria begann den Stapel vor sich weiter durchzugehen. „Du kannst mich beruhigt alleine lassen. Ich suche lediglich nach dem Ehevertrag zwischen Malfoy und mir."
„Ich glaube, da kann ich dir helfen", meinte Theo nach einem Moment.
Astoria blickte auf. Ihr Schwager ging zum Aktenschrank hinüber und öffnete die Schiebetür. Er nahm eine lederne Urkundenmappe heraus und hielt sie ihr hin. „Bitte, der Ehevertrag."
Fragend nahm Astoria sie entgegen.
„Ich habe die notarielle Beurkundung vorgenommen", gab Theo ihr die Information.
Überrascht schaute Astoria ihn an und verkniff kurz darauf ihre Lippen. Dann hatte also auch Theo noch vor ihr gewusst, dass sie Malfoy heiraten sollte.
„Wusste Daphne davon?"
„Ich arbeite vertraulich", behauptete er.
Astoria zeigte Theo ihre kalte Schulter und öffnete die Mappe. Es waren mehr Seiten als sie angenommen hatte. Die verschnörkelte Schrift war zwar lesbar, jedoch dauerte es länger als normal.
„Suchst du etwas Bestimmtes?", erkundigte sich Theo.
Astoria zögerte. Theo kannte anscheinend den Vertrag. Es konnte ihr einiges an Zeit ersparen, wenn sie sich von ihm helfen ließ. Andererseits … „Du musst mir versprechen Daphne nichts davon zu erzählen."
„Wenn ich der Ansicht bin, dass sie es nicht zu erfahren braucht."
„Das braucht sie nicht", erklärte Astoria. Sie musterte Theo einen Moment. „Ich suche etwas für den Fall, dass einer die Scheidung will."
„Nun, falls du dich von …"
„Nein", unterbrach Astoria ihn, „nehmen wir an, Malfoy will sich von mir scheiden lassen."
Im Großen und Ganzen war Theo eher unscheinbar. Man konnte nicht genau sagen, ob seine Haare nun hellbraun waren oder doch dunkelblond, sein Mund war schmal und seine Nase gerade. Aber seine klugen hellbraunen Augen brachten sie gerade in Verlegenheit.
„Also für diesen Fall bist du abgesichert, wenn du dir nichts zu Schulden kommen lassen hast."
„Das ist alles? Malfoy kann sich ohne Schwierigkeiten von mir trennen?" Astoria schaute Theo forschend an.
Er zögerte etwas. „Da gibt es noch etwas, aber ich denke nicht, dass du Anspruch darauf erheben möchtest, falls es dazu kommen sollte."
„Und das wäre?", hakte sie nach.
„Ich erinnere mich nicht an den genauen Wortlaut, aber im Vertrag steht etwas, dass sofern die Ehefrau sich an den Ehevertrag gehalten hat, sie verlangen kann, dass die Scheidung erst ein Jahr später, nachdem der Ehemann seinen Wunsch zur Scheidung festgehalten hat, durchgeführt wird." Theo suchte ihr die entsprechende Stelle heraus. „Zusammen mit dem Wohnrecht auf Malfoy Manor sollte das vermutlich verhindern, dass die Hexe von einem Moment zum anderen kein Dach mehr über den Kopf hat."
Astoria konnte nicht verhindern zufrieden zu lächeln. Sie hatte genau das, was sie haben wollte. Die Familie irgendeiner Ahnin von Malfoy hatte dafür gesorgt, dass diese Bedienung in den Ehevertrag aufgenommen worden war und sie profitierte nun davon. „Danke Theo, du hast mehr sehr geholfen."
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„Was soll der Unsinn?", wollte er von ihr wissen. Seine Brauen waren heruntergezogen und Malfoy kniff seine Augen zusammen, nachdem Astoria ihn über die neuen Umstände informiert hatte.
„Was meinst du mit Unsinn? Der Ehevertrag sollte dir doch bekannt sein. Du warst doch einer der Personen, die ihn unterzeichnet haben." Astoria fühlte sich einigermaßen sicher. Schließlich war der Vertrag auf ihrer Seite.
Er lief im kleinen Salon von Malfoy Manor einige Schritte auf und ab. „Das kann nicht dein Ernst sein!" Seine Lippen pressten sich fest aufeinander und Astoria meinte zu sehen, wie sich seine Nasenflügel weiteten.
„Ich stimme der Scheidung hier und jetzt nicht zu", betonte sie ihren Standpunkt. Astoria setzte sich an die Stirnseite des Tisches, wo ihre Hexenwochelag. Sie konnte es sich jedoch nicht verkneifen zu Malfoy hinüberzulinsen, während sie vorgab, die Zeitschrift durchzulesen.
Er verharrte schließlich in seinen Schritten und stützte sich mit einem Arm auf die Kommode. Astoria blickte ihn neugierig an. Er schloss für drei Sekunden seine Augen. Als er sie wieder öffnete, suchte er Blickkontakt.
„Astoria, ich glaube, du hast dir das nicht gut überlegt", setzte er bedächtig zum Sprechen an. „Ich bin immer noch der Meinung, ich tue uns beiden einen Gefallen damit, wenn ich dir anbiete uns scheiden zu lassen."
Astoria schwieg beharrlich. Egal, was er sagte: Sie würde auf keinen Fall nachgeben.
„Sehen wir uns einmal die Alternative an", führte Malfoy fort – er stieß sich von der Kommode ab und stellte sich zu ihr an die Längsseite des Tisches. „Angenommen, wir blieben noch ein weiteres Jahr miteinander verheiratet. Glaubst du, du würdest das schaffen?" Er klang wieder ganz herablassend, als er das sagte. Er beugte sich ein wenig über den Tisch und erläuterte seinen Gedankengang näher: „Nun, du bliebst für diese Zeit natürlich an den Ehevertrag gebunden. Und wir wissen ja beide, was das bedeutet …"
Astoria verzog leicht verärgert ihr Gesicht. „Ich bleibe dabei."
„Ich fürchte, du hast es nicht ganz verstanden", kam es selbstgefällig von Malfoy. „Du hast jetzt die Möglichkeit, dich von mir scheiden zu lassen und dein Vater darf die hübsche Summe, die er von meiner Familie bekommen hat behalten. Tust du das nicht, fürchte ich, dass die Lage im nächsten Jahr völlig anders aussieht."
Er hatte vollkommen Recht. Es war die perfekte Gelegenheit für sie, aus der Sache herauszukommen. Sie wäre frei, zu heiraten wen sie sich wünschte. Astoria beäugte den Zauberer vor ihr verstohlen. Aber sie wollte nicht, dass er sich von ihr scheiden ließ. Sie wollte, dass er … dass er sie liebte – Es war albern. Ausgerechnet Malfoy.
„Lass das mal meine Sorge sein."
„Nein, Astoria, lass hören!" Er zog den Stuhl vor sich zurück und nahm darauf Platz. „Mich interessiert es, wie du die ehelichen Pflichten erfüllen willst. Bisher hatte ich den Eindruck, dass du so deine Schwierigkeiten damit hast. Und damit meine ich, ohne irgendwelche Zaubertränke." Bei den letzten Worten verschränkte Malfoy seine Arme vor der Brust.
„Ich verstehe nicht, was dich an Tränken stört", murmelte Astoria.
Darauf zog Malfoy angewidert seine Oberlippe nach oben.
„Gut … Kann sein, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, aber wenn es sein muss –"Astoria erhob sich von ihrem Platz beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber, „werde ich eben mit dir schlafen, auch ohne Trank."
Malfoys Augenbrauen bewegten sich ruckartig nach oben. Er fühlte sich anscheinend etwas unbehaglich, weil er sich kaum merklich von ihr weglehnte. Astoria wagte sich einen Schritt weiter. „Vielleicht solltest du mir noch verraten, wie oft es sein muss, damit die ehelichen Pflichten als erfüllt gelten. Einmal im Jahr ist vermutlich zu wenig, oder was denkst du?"
Malfoy hustete. „Definitiv."
„Und wäre einmal im Monat ausreichend in den Augen des Zaubergamots?
Malfoy räusperte sich. „Ich denke nicht, dass man das auf die Art festlegen kann."
„Wenn ich meine Pflichten erfüllen soll, dann muss ich schon wissen, wie genau diese aussehen."
Sein kühler Blick traf sie. „Selbst wenn einmal im Monat ausreichend wäre, bezweifele ich, dass du der Aufgabe gewachsen wärst. Du solltest dir gut überlegen, wie viel dir das eine Jahr Ehe wert ist, denn du brauchst nicht zu glauben, dass ich noch einmal Rücksicht auf dich nehmen würde. Im Gegenteil, ich würde die Gelegenheit nutzen, solltest du sie mir bieten."
Sie spürte wie ihre Wangen heiß wurden.„Gut zu wissen", erwiderte Astoria und versuchte sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen.
„Astoria, vielleicht glaubst du, dass du mich damit verärgern kannst, aber im Grunde schadest du dir doch nur selbst", versuchte Malfoy es diesmal ruhiger.
„Wärst du also mit einmal im Monat einverstanden?", fragte sie geschäftig und ignorierte seine Einwände.
Seine Augenbrauen wanderten erneut nach oben. Er dachte einen Moment nach. Ein leises Lächeln legte sich flüchtig auf seine Lippen und es blieb bloß eine Andeutung davon auf ihnen zurück. „Wenn ich damit einverstanden bin, müssen wir das natürlich festhalten."
Astoria sah ihn fragend an. „Du meinst von einem Notar beurkunden lassen?"
Die Vorstellung, dass Theo dies tun könnte, behagte ihr nicht. Ihr Schwager würde sich an den Schreibtisch setzen und Pergament, Tinte und eine Schreibfeder aus seiner Aktentasche hervorholen und sehr professionell wirken. Wenn es dann zum Kern der Sache käme, würde Theo sich zwar Mühe geben keine Überraschung zu zeigen, doch Astoria würde sicher winzige Anzeichen dafür in seiner Miene lesen können.
„Es gibt eine andere Möglichkeit." Sein Blick hielt ihren gefangen. „Ein unbrechbarer Schwur."
Blass werdend riss Astoria ihre Augen auf. „Wie bitte?"
„Angst, du könntest sterben?" Malfoy lächelte selbstgefällig. „Bist du plötzlich doch nicht mehr so überzeugt davon, dass du deine Versprechungen einhalten kannst?"
„Malfoy, das ist nicht dein Ernst. Ein unbrechbarer Schwur ist wahnsinnig … Ich hänge an meinem Leben." Niemand, der halbwegs intelligent war, ließ sich auf einen unbrechbaren Schwur ein. War er einmal besiegelt, gab es kein Zurück.
Er lachte auf. „Keine Sorge, ich bin nicht scharf darauf Witwer zu werden, indem ich dich schwören lasse, es einmal im Monat mit mir zu tun."
Astoria atmete erleichtert auf.
„Aber ich kann dich schwören lassen, dass, falls ich eine sofortige Scheidung verlange, du zustimmst, wenn du deine Versprechen nicht einhältst."
Ihre Brauen zogen sich zusammen. „Verrätst du mir auch, warum ich mich darauf einlassen sollte?"
„Andernfalls gebe ich mich nicht mit dem mickrigen einmal im Monat zufrieden. Das heißt, das Gamot wird darüber entscheiden." Malfoy lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er wusste nur zu gut, dass sie darauf lieber verzichtete.
Astoria schwieg einen Moment. „Was hättest du von dem Schwur?", wollte sie schließlich von ihm wissen.
„Da ich bezweifle, dass du es hinbekommst, denke ich, dass ich schon im nächsten Monat geschieden sein kann."
Astoria dachte nach. „Ich stimme nur zu, wenn wir den Schwur auf ein Jahr beschränken. Ich will schließlich nicht mein ganzes Leben mit diesem Schwur leben! Und du versprichst mir in dieser Zeit nirgendwo festzuhalten, dass du dich von mir scheiden lassen möchtest." Das hieß, wenn sie das Jahr durchhielt – und sie gedachte dies zu tun – dann konnte er sich frühstens in zwei Jahren von ihr trennen.
„Einverstanden."
„Und erst ab dem nächsten Monat", fügte Astoria hinzu.
Malfoy zog seine Augenbrauen hoch. „Wieso das? Der November hat noch ein paar Tage." Als sie keine Antwort gab, sondern ihn nur unwillig ansah, schnaufte er amüsiert. „Meinetwegen, dann ab Dezember. Ich werde Theodore eulen. Er kann den Schwur für uns besiegeln."
„Theo?", fragte Astoria entsetzt. „Fällt dir kein anderer ein? Warum nicht Zabini?"
„Zabini wartet nur auf eine Gelegenheit, mich bloßzustellen. Nott ist vollkommen akzeptabel."
Astoria stimmte schließlich zu. Theo wusste sowieso schon mehr als ihr lieb war und es gab niemanden in ihrem Bekanntenkreis, den sie zusätzlich in ihre Beziehung mit Malfoy einweihen wollte.
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Astoria war mit Malfoy in seinem Arbeitszimmer. Sie musste zugegeben, sie war nervös. Sie kannte sich mit dem Brauen von gefährlichen Zaubertränken aus und sie hatte den Unterricht bei Hagrid überlebt, doch ein unbrechbarer Schwur war etwas völlig anderes. Malfoy saß an dem großen Schreibtisch und füllte irgendein Formular aus, vermutlich für die Arbeit, während sie auf Theo warteten.
„Hast du das schon mal gemacht?"
Er schrieb das Wort zu Ende und stellte die Feder in das Tintenfass. Er sah sie belustigt an. „Einen unbrechbaren Schwur geleistet? Nein, das habe ich nicht."
„Aber du weißt, wie es funktioniert."
„Theoretisch schon. Theodore ist eigentlich der einzige, der etwas tun muss. Ich bin sicher, er weiß, was zu tun ist. Falls nicht, habe ich hier ein Nachschlagewerk."
Astoria bemerkte das dicke Buch, das auf dem Schreibtisch lag und trat näher. „Darf ich?"
„Sicher."
Astoria blätterte das Buch durch, bis sie die Stelle gefunden hatte. „Der unbrechbare Schwur …" Ihre Augen flogen über den Text. Ihr war mulmig zu Mute. „Muss ich das wirklich tun?", fragte sie.
Es klopfte an der Tür. „Einen Moment", rief Malfoy. Er wandte sich ihr zu. „Entscheide dich."
Astoria überdachte erneut ihre Chancen und Risiken. „Ich mache es", erklärte sie.
Zufrieden lag sein Blick auf ihr. „Herein", rief er dann.
„Du meintest, es wäre dringend?", fragte Theo Malfoy. Er sah von Malfoy zu Astoria.
Malfoy nickte. „Wir brauchen jemanden, der einen unbrechbaren Schwur bindet."
Theo verbarg seine Überraschung gut. „Wer soll wem schwören?"
„Astoria mir."
„Das halte ich für keine gute Idee, Malfoy."
„Weil sie eine Hexe ist?" Malfoy gab sich amüsiert.
„Weil sie die Schwester meiner Frau ist." Theo verschränkte seine Arme.
Astoria entschied einzugreifen. „Theo, es besteht absolut keine Gefahr. Ich habe nicht vor den Schwur zu brechen."
„Das sagen alle, bevor sie den unbrechbaren Schwur ablegen. Doch nicht alle sterben eines natürlichen Todes."
„Erinnerst du dich noch , wie ich dir vor zwei Jahren geholfen habe?", fragte Malfoy Theo in einem nebensächlichen Ton.
Theo kniff seine Augen zusammen. „Und erinnerst du dich noch daran, dass ich dir in diesem Jahr einen wertvollen Hinweis gegeben habe?"
Malfoy lachte auf. „Sehr gut sogar. Obwohl der Tipp nicht völlig uneigennützig von dir war, oder?"
„Malfoy kann dich nicht dazu zwingen, Astoria", wandte sich Theo an sie.
„Aber es war mein eigener Vorschlag", log Astoria.
Theo zog seine Augenbrauen hoch. „Nun, dann solltest du das trotzdem nicht tun."
Sie lugte zu Malfoy hinüber, der undurchdringlich ihren Blick erwiderte, bevor sie wieder zu Theo sah. „Und wie gesagt, ich bin die Schwester deiner Frau. Also kannst du mir doch einen kleinen Gefallen erweisen."
Theo musterte sie ruhig. „Darf ich vorher erfahren, was du schwören möchtest?"
„Nun … ich will schwören, dass, falls ich es nicht schaffe … einige Bedingungen zu erfüllen, ich zustimme, wenn Malfoy eine sofortige Scheidung verlangt. Wie du siehst kann dabei nicht viel schief gehen. Sollte es soweit kommen, werde ich einfach zustimmen."
„Was ist, wenn du nicht in der Lage dazu bist. Es könnte sein, dass jemand dich daran hindert, zuzustimmen."
„Nott, ich bitte dich", meldete sich Malfoy zu Wort. „Ich plane nicht, Astoria umzubringen."
Im Arbeitszimmer trat für einen Moment Stille ein. Geziert lächelnd richtete sich Astoria an Theo: „Wirst du es jetzt tun? Sonst suchen wir uns einen anderen."
Astoria sah eindringlich ihren Schwager an und wartete. Es gab eine weitere Pause, in der niemand etwas sagte.
„Ich bereue es jetzt schon", gab Theo schließlich zähneknirschend nach. „Sollte Daphne etwas davon erfahren …" Er sprach seinen Satz nicht zu Ende, aber Astoria verstand auch so. Sie war die Letzte im Raum, die Daphne etwas hierüber erzählen würde.
Ungeduldig wirkend griff Malfoy darauf nach ihrer rechten Hand. Er ließ sich auf seine Knie fallen und zog Astoria zu sich herunter. Sie blickte ihn aus weit aufgerissenen Augen an, als sie vor ihm auf dem kostbaren Teppich kniete.
„Theodore, hol deinen Zauberstab hervor", forderte er endgültig.
„Astoria, stimme nur dem zu, was ihr vereinbart habt", warnte Theo sie.
Sie nickte. Ihre Augen blickten unentwegt in die gegenüberliegenden. Theo stellte sich über sie und zeigte mit seinem Zauberstab auf ihre Hände, Malfoys hielt ihre fest umschlossen.
Er setzte zum Sprechen an. „Astoria, wirst du, falls du es mir nicht ermöglichst, mindestens einmal im Monat mit dir zu schlafen, ab Dezember ein Jahr lang, einer sofortigen Scheidung zustimmen, wenn ich danach verlange?"
„Das werde ich", sagte sie.
Astoria löste zum ersten Mal ihren Blick von den grauen Augen. Theos Augenbrauen hatten sich minimal nach oben bewegt. Eine dünne rote Flamme züngelte aus seinem Zauberstab und schlang sich um ihre Hände. Als sie wieder zu Malfoy aufblickte, verfingen sich ihre Blicke erneut. Auf seinen Lippen bildete sich ein Grinsen.
