Puh, das hat aber lange gedauert. Ich hoffe, ich habe euch mit der langen Pause nicht als Leser verloren. ^^ Und jetzt für alle, die solche Sachen genauso schnell vergessen wie ich:

Was bisher geschah:

Mit Antares – dem bis dahin einzigen weiblichen Assassinen – soll Altaïr eine wertvolle Schriftrolle transportieren, um die Bruderschaft vor den Angriffen eines einflussreichen Edelmannes Tarazed Elya-Zulfaqar zu schützen. Dessen jüngerer Bruder Alschain schafft es, Altaïr und Antares in die Enge zu treiben und ihnen die Schriftrolle abzunehmen. Ist die Mission endgültig gescheitert?

4. Kapitel:
Brüder unter sich

„Ihr habt was?!", polterten Meister Rahad, Faruq und Malik aufgebracht.

Wohl oder übel hatten Altaïr und Antares wieder nach Masyaf zurückkehren müssen, um zu beichten, was geschehen war. Nun saßen sie wieder auf denselben Stühlen in der Bibliothek, wo sie den Auftrag auch wenige Tage zuvor entgegengenommen hatten. Die Rückreise hatten sie sich jedoch durch Vorwürfe und Beleidigungen gegenseitig so unangenehm gestaltet, dass sie fast geglaubt hatten, sie wünschten sich, das Geständnis so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Mittlerweile dachten sie anders.

„Euch wurde das Schicksal der Bruderschaft anvertraut und Ihr kehrt mit der Nachricht eurer Niederlage zurück?! Nach vier Tagen schon! Wie konnte das passieren?!", forderte der Anführer die beiden dazu auf, eine Erklärung abzugeben. „Offenbar lag ich völlig falsch, anzunehmen, dass ihr beide die Fähigsten von unseren Brüdern seid!"

Faruq warf Antares einen wütenden und zugleich überlegenen Blick zu.

„Ich will ja nicht sagen, ich hätte es vorher gewusst, dass Antares dieser Aufgabe nicht gewachsen ist…", begann er und Altaïr bemerkte die Feindseligkeit in seiner Stimme.

„Oh doch, das willst du sagen, Faruq", erwiderte Antares, doch zu Altaïrs Überraschung klang sie dabei keineswegs aggressiv, sondern viel mehr so als wäre sie diese Streiterei schon lange leid.

„Woher willst du wissen, dass Antares Schuld ist, Faruq? Du kennst die Geschichte genau so wenig wie wir", argumentierte Malik gegen Faruq, nicht um Antares zu schützen, sondern um ihn zu kritisieren – wie die beiden es oft (grundlos) beieinander taten.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, um eure Verteidigung geben zu haben", antwortete Antares. Noch viel mehr als wegen ihres Geschlechts von anderen Männern verurteilt zu werden, hasste sie es aus demselben Grund von anderen in Schutz genommen zu werden.

„Malik, versuchst du zu sagen, dass es meine Schuld war?", mischte sich auch Altaïr in das Gespräch ein. In seinen Augen hatte er vollkommen korrekt gehandelt und der Grund für das Scheitern der Mission wäre allein Antares. Natürlich sah Antares es genauso – nur genau andersherum.

„Ich schließe es lediglich nicht aus, dass auch du Fehler begehen kannst", verteidigte sich Malik, dem die Freundschaft zu Altaïr zwar wichtig war, doch würde er deswegen seine Meinung nicht verfälschen lassen.

„Dann setzt Ihr also Altaïrs Können mit…ihrem gleich? Ist das der Standpunkt, den Ihr teilt?", griff Faruq Malik an und sein noch sehendes Auge verengte sich zu einem Schlitz.

„Ja, tust du, Malik?", hinterfragte Altaïr säuerlich, da er offenbar nicht auf die Loyalität seines Freundes zählen konnte.

Antares lachte abfällig.

„Es ist nicht so, dass Eure Künste im Entferntesten so berüchtigt sind wie man es sich erzählt", bemerkte sie und musterte ihre Fingernägel. „Es ist mir ein Rätsel wie ihr vor einem Jahr die Bruderschaft gerettet haben sollt."

„Ihr wart nicht dabei. Also hütet Eure Zunge, meine Liebe", gab Malik scharf zurück, dem die Geschehnisse damals – vor allem der Tod seines eigenen Bruders – mindestens genau so nah gegangen waren wie Altaïr selbst.

„Stimmt ja, Ihr sollt damals auch euren Teil dazu getan haben", bezweifelte Antares süffisant und schlug die Beine übereinander. „Mit nur einem Arm…"

Altaïr fragte sich im Geiste, weshalb sie nicht auf Faruq so gewohnt feindselig reagierte wie er es von ihr kannte – und nun auch Malik. Doch in Anbetracht der Situation schob er diesen Gedanken schnell beiseite.

„Verschont uns mit euren unpassenden Kommentaren", befahl Altaïr autoritär, während Malik seine Hand an seinen verstümmelten Arm legte.

„Dann sagt mir nicht, wann ich zu schweigen habe", konterte Antares.

„Ihr habt bewiesen, dass es offenbar nötig ist, eure Zunge im Zaum zu halten", antwortete Malik mit unterdrückter Wut in der Stimme. Seinen Arm damals verloren zu haben, hatte ihn nach seinen eigenen verbitterten Worten zu einem „Krüppel" gemacht. „Oder gibt es auch Momente, in denen ihr nicht so unverschämt reagiert?"

„Jetzt fangt Ihr langsam an, in die richtige Richtung zu denken", meldete sich Faruq schadenfroh zu Wort und lehnte sich grinsend in seinem Stuhl zurück.

„Wenigstens etwas", kommentierte Altaïr mit verschränkten Armen, denn er hatte nicht vergessen, dass Malik es zuvor noch in Betracht gezogen hatte, dass der Fehlschlag nicht ihre Schuld gewesen war.

„Und ich hatte geglaubt, die Zeiten, in denen du dich für den Größten gehalten hast, sind nun vorbei", attackierte Malik Altaïr. „Dabei hast du offensichtlich nichts von deiner Voreingenommenheit eingebüßt!"

„Sag mir nicht, was ich von ihr", er nickte abwertend in Antares' Richtung, „zu halten habe."

„Ja, tut das nicht", stimmte Antares sarkastisch zu. „Er sollte sich seine eigene Meinung bilden."

„Danke, dass Ihr euch für meinen Kopf einsetzt", bedankte sich Altaïr ebenso ironisch.

„Oh, Ihr glaubt tatsächlich, Ihr denkt mit eurem Kopf?", wollte Antares kritisch wissen. „Denn ich bin mir ziemlich sicher, Ihr denkt mit eurem-"

„RUHE!", beendete Meister Rahad lautstark die Auseinandersetzung der vier, indem er sich ruckartig von seinem Stuhl erhob. Alle gehorchten und schwiegen, obwohl sie wussten, dass ihre Wut aufeinander bestehen blieb. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nicht glauben, dass ihr alle derselben Bruderschaft angehört! Und solche Streithähne wie ihr bekleiden tatsächlich einige der höchsten Positionen der Assassinen! Euer Verhalten ist eine Schande!"

Obwohl die vier wussten, dass ihr Anführer Recht hatte, war die Reue, die sie empfanden, nur begrenzter Natur. Denn trotz ihres Schweigens waren alle vier noch immer in Rage und legten sich Gedanklich Beleidigungen füreinander zurecht.

„Malik, geht und bringt die Karten, auf denen die Residenz der Familie Elya-Zulfaqar verzeichnet ist", befahl Meister Rahad autoritär.

„Sehrwohl", erwiderte Malik zögernd, denn auch ihm gingen noch viele Dinge durch den Kopf, die er Altaïr, Faruq und Antares entgegnen wollte. Doch er wusste, wann mit den Anordnungen des Anführers nicht zu scherzen war und gehorchte.

„Und überdenk dabei deine Meinung, was Frauen in Männerkleidung angeht!", rief Faruq ihm hinterher, als Malik den Bereich durch die roten Vorhänge verließ. Malik murmelte einige unkenntliche Flüche ohne Faruqs Kommentar weiter zu beachten.

„Faruq!", wies ihn Meister Rahad daraufhin streng zurecht. Obwohl kein Wort dergleichen fiel, wusste Altaïr die Blicke zwischen Vater und Sohn zu deuten. Faruqs Verhalten war aus der Sicht seines Vaters – zum wiederholten Male – fehl am Platz gewesen und es war kein Geheimnis, dass Meister Rahad daran zweifelte, dass sein Sohn ihm eines Tages ein würdiger Nachfolger sein könnte. Auch Faruq wusste um die Meinung seines Vaters, was das Verhältnis der beiden nur noch komplizierter machte. „Du solltest gehen und Malik behilflich sein."

Obwohl man es der Wortwahl nicht entnahm, zeigte der Tonfall des Meisters eindeutig, dass es sich um einen Befehl handelte. Faruq erhob sich und warf dem Anführer einen wütenden Blick zu.

„Wie du willst…, Vater", erwiderte er verachtend und erhob sich, um zu tun wie ihm geheißen.

„Nun zu Euch", fuhr Meister Rahad fort, als Faruq ebenfalls durch die Vorhänge getreten war. „Es ist mir egal, wer von euch die Schuld an diesem Dilemma trägt…"

„Gut, denn die trägt er", antwortete Antares schnell, bevor Altaïr etwas anderes behaupten konnte.

„Ihr…!", versetzte Altaïr Antares zornig.

„Was?", entgegnete Antares und wandte sich Altaïr zu, um abermals mit ihm zu streiten. „Ihr wolltet unbedingt auf diesen Turm! Ich war von Anfang an dagegen!"

„Als ob Euch eine Alternative eingefallen wäre!", protestierte Altaïr bissig. „Außerdem wart Ihr nicht gerade hilfreich, indem ich Euch in diesen Turm zerren musste."

„Ihr habt mich nicht gezerrt, Ihr habt mich getreten", erwiderte Antares mit einem Tonfall, der ihn wissen ließ wie übel sie ihm diese Behandlung nahm.

„Und ich würde es jederzeit wieder tun", antwortete Altaïr kühl. „Ihr habt es anscheinend ebenfalls nicht für nötig gehalten, mich über den Hinterhalt zu informieren."

„Vielleicht hätte ich es getan, hättet Ihr mich nicht von diesem Turm geschubst."

„Ich hätte euch nicht runtergeschubst, hättet Ihr nicht all die Zeit zuvor meinen Schutz in Anspruch genommen!"

„Und ihr hättet gemerkt, dass ich euren verfluchten Schutz nicht brauche, wenn-"

„Schweigt!", unterbrach Meister Rahad einen weiteren Streit der beiden. Der Anführer sah den beiden nun so durchdringend in die Augen, dass sie sich nicht sicher waren, ob sein Zorn den der beiden noch übertraf. „Es waren nicht eure Fähigkeiten als Assassinen, die euch versagen ließen. Das alles konnte nur passieren, weil ihr eure persönlichen Streitigkeiten über das Wohl der Bruderschaft gestellt habt. Ein Novize bekäme für solche Verantwortungslosigkeit einige Peitschenhiebe!", warf er ihnen verachtend vor. „Und zu allem Überfluss schiebt ihr euch nun unaufhörlich gegenseitig die Schuld zu! Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eure Inkompetenz vieles überträfe, was ich bisher in meinem Leben gesehen habe! Ganz offensichtlich war es ein Fehler, euch beide für diese Mission einzuteilen. Wollt ihr das leugnen?"

Der zugleich zornige und enttäuschte Tonfall des Großmeisters rief in beiden tiefe Schuldgefühle hervor, doch trotzdem waren sie noch fest der Überzeugung, dass der andere die Verantwortung für das Scheitern der Mission trug. Sie wünschten sich nun zutiefst, so vorausschauend gewesen zu sein, sich vom anderen nicht beeinflussen zu lassen.

Meister Rahad erhob sich und ging zum Fenster, wo er seinen Blick über Masyaf schweifen ließ. Altaïr und Antares waren sich sicher, dass er über eine angemessene Strafe für die beiden nachdachte, denn obwohl er schwieg, spürten sie seinen Zorn noch deutlich.

„Darf ich fragen…", durchbrach Antares schließlich das bedrückte Schweigen. „Wen Ihr nun mit dieser Mission betrauen werdet?"

Obwohl sie es sich nicht anmerken lassen wollte, bemerkte Altaïr eine gewisse Scheu in ihrer Stimme, doch da er wusste, dass sein Tonfall kein anderer gewesen wäre, kam in ihm keine Schadenfreude auf. Zudem interessierte es auch ihn, wen der Anführer nun einweihen würde und ob dieser jemand, erfolgreicher wäre.

Meister Rahad wandte sich wieder den beiden zu und stützte sich mit flachen Händen auf die Tischoberfläche. Sein Blick war unverändert.

„Glaubt ihr denn allen Ernstes, wir könnten es uns leisten, mehr Menschen als nötig in diese Angelegenheit einzuweihen? Seid euch sicher, am Liebsten würde ich euch beide unverzüglich einer gebührenden Strafe aussetzen, die euch auf ewig im Gedächtnis bliebe… Aber dazu bleibt keine Zeit", erklärt Meister Rahad im ernsten Ton.

Altaïr und Antares mochten kaum glauben, was sie hörten.

„Heißt das-"

„Natürlich heißt es das!", unterbrach der Anführer Altaïr laut und mit einem Schlag auf den Tisch, der die beiden zusammenzucken ließ. „Aber glaubt nicht, dass mir diese Lösung Recht ist! Worauf wartet Ihr noch? Verschwindet, macht euch auf den Weg! Und wehe euch, wenn ihr wieder versagt!", drohte er ihnen als Abschied mit Nachdruck.

Sofort sprangen die beiden auf und verließen die Bibliothek. Erst als sie wieder im Eingangshof standen, schwand das Gefühl der Erleichterung und wich der bekannten Wut, die sie aufeinander hegten.

„Damit eins klar ist", begann Altaïr abschätzig. „Wenn dieser Fehlschlag eins bewiesen hat, dann dass Ihr besser keine Widerworte geben oder noch besser ganz aus solchen Dingen heraushalten solltet."

Antares sah zu ihm und rollte ungläubig mit den Augen, ehe sie sich schnellen Schrittes von ihm entfernte.

„Bleibt hier!", befahl er ihr und hielt sie am Arm fest und obwohl sie sich losreißen konnte, blieb sie vor ihm stehen.

„Wozu?", fragte sie ihn scharf. „Was wollt Ihr mir noch sagen? Dass eine Frau lieber ihrem Ehemann dienen soll, anstatt ein Schwert zu führen, so wie ich? Dass mein Dasein gegen die Natur und Gottes Willen ist? Dass ihr mich widerwärtig findet? Schön, dann tut es!", befahl sie ihm mit verschränkten Armen. „Glaubt ihr denn ernsthaft, ich hätte all diese Bemerkungen noch nicht gehört? Na los, sagt wie abstoßend ich bin!"

Ihre Worte und ihr erzürnter Blick verschlugen ihm die Sprache. Obwohl er Streitigkeiten mit ihr gewohnt war, fühlte er, dass er sie einmal zu oft angegriffen hatte und dass ihr seine Bemerkungen nicht so wenig bedeuteten wie er gedacht hatte. Bisher hatte er unbewusst nicht geglaubt, dass Antares bei all den Sticheleien überhaupt etwas empfand. In dem Augenblick, in dem ihm dies bewusst wurde, erschien ihm diese Ansicht unerwartet lächerlich.

Antares seufzte resigniert. Offenbar verurteilte sie sich selbst für ihren Wutausbruch und bemühte sich nun um einen ruhigeren Tonfall.

„Altaïr… Ihr könnte sagen, dass ich an diesem Fehlschlag Schuld bin, weil meine Kampfkünste angeblich zu wünschen übrig lassen, meine Kondition angeblich nicht mit Eurer mithalten kann oder mein taktisches angeblich Denken schlechter ist als Eures. Aber sagt nicht, dass es meine Schuld ist, weil ich eine Frau bin. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt", fuhr sie ruhiger fort als er es erwartet hatte. „Es gab eine Zeit, in der mir der Respekt anderer wichtig war und ich glaubte, ihn mir gerecht verdienen zu können. Aber Männer reagieren auf so etwas wie mich nur mit verletztem Stolz und den werde ich nie in Respekt verwandeln können. Auch bei euch nicht. Aber würden wir einander achten, wäre unser Auftrag gewiss nicht so verlaufen. Glaubt ihr nicht auch?"

Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sie sich von ihm ab und verließ durch das Tor den Innenhof der Burg. Altaïr sah ihr verwirrt nach. Denn trotz ihrer festen Stimme hatte er geglaubt, in ihren Augen ein klein wenig Schmerz zu erkennen, der nun an seinem Gewissen zu nagen begann.

‚Ach Blödsinn!', versetzte er sich selbst im Geiste. ‚Sentimentaler Quatsch! Ich bin ein Assassine und sie auch. Solche Schuldgefühle sind völlig irrelevant für eine Mission! Ich bin ein Assassine und sie auch…!', redete er sich weiter ein und merkte dabei nicht, dass er in diesem Gedankengang Antares bereits als vollwertigen Assassinen bezeichnete.


Alschain sah dabei zu wie sein Bruder Tarazed sorgfältig die Schriftrolle öffnete und ihren Inhalt musterte. Als er kein Lob erhalten hatte, wie er ihm in allen Einzelheiten erzählt hatte auf welche Weise er in Besitz des Schriftstücks gelangt war, hoffte er nun auf Anerkennung, nachdem Tarazed sich von Alschains Erfolg überzeugt hatte. Doch wie sonst auch schien er von den Taten seines jüngeren Bruders ungerührt.

Über den weißen Marmor-Boden flitzte ein kleiner Affe zu dem hoheitsvollen Sessel, auf dem Tarazed hinter einigen samtenen Vorhängen die Karte studierte. Das Tierchen kletterte seinem Herren auf den Schoß, wo Tarazed es nachdenklich streichelte.

„Ich hasse dieses Vieh", knurre Alschain, obwohl er wusste, dass sein Bruder dem keine Beachtung schenken würde. Es war ihm nicht bewusst, dass er den Affen, den Tarazed auf einer seiner vielen Reisen mitgebracht hatte, nur deshalb so verabscheute, weil er dem Tier mehr Aufmerksamkeit zu schenken schien als Alschain.

Es kam ihm so vor als würde die ganze Welt seinen älteren Bruder verehren. Das einfache Personal wie hochrangige Adlige und sogar Könige begegneten Tarazed mit tiefster Bewunderung und großem Respekt. Doch so sehr man Tarazed ehrte, so ignorierte man Alschain fast auf eine wohlwollende Weise, da er bloß als der jüngere Bruder des Vertreters der edlen Familie Elya-Zulfaqar galt, über dessen Neigungen man aus Angst vor Tarazeds möglicher Ablehnung nicht sprach.

„Hast du nichts dazu zu sagen?", hakte Alschain schließlich nach. Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen wie sehr er auf die Anerkennung seines Bruders aus war. Doch Tarazed wusste es besser.

„Und du sagst, einer der Assassinen war wirklich eine Frau?", fragte er beiläufig.

Alschain biss die Zähne zusammen, verärgert darüber, dass sein Bruder ihn wieder nicht ehren würde.

„Ja", erwiderte Alschain schließlich verdrießlich. „So war es."

„Wie ungewöhnlich…", murmelte Tarazed und rollte das wertvolle Schriftstück wieder zusammen. „Ich will diese beiden Assassinen. Und zwar lebend."

„Ich werde sofort alles veranlassen", antwortete ein Mann mit eisblauen Augen, der aus dem Schatten auf Tarazed zutrat und vor ihm niederkniete. „Ihr könnt euch auf mich verlassen."

„Dein Speichellecker von Diener lässt auf seinem Weg nichts als Leichen zurück", warf Alschain bissig ein. „Lass mich das erledigen. Immerhin bin ich ihnen schon einmal gegenüber gestanden."

„Wohl war", entgegnete Tarazed und hob den Affen auf seine linke Schulter.

„Aber eure Exzellenz-"

„Schweig", befahl Tarazed seinem Diener autoritär. „Mein kleiner Bruder soll sich auf den Weg machen, wenn er es möchte."

Alschain wusste wie wenig Respekt in Tarazeds Stimme lag.

„Ich werde sie suchen", versprach Alschain, in der Hoffnung, dann endlich Ansehen von seinem Bruder zu ernten. „Aber weshalb willst du die beiden?"

„Zunächst einmal, Alschain… Du wirst sie nicht suchen müssen. Ich habe, was gestern noch ihres war. Sie werden hierher kommen", wies Tarazed ihn zurecht. „Und zweitens musst du nicht mehr wissen. Entweder du führst den Auftrag aus oder jemand anderes wird es tun."

Das Äffchen auf Tarazeds Schulter gab einen Laut von sich als wolle es zustimmen. Alschain warf dem Tier einen verachtenden Blick zu.

„Ich werde sofort beginnen", erwiderte Alschain widerwillig und drehte sich um.

„Gut", entgegnete Tarazed, während sein Bruder den Raum durch den breiten Torbogen verließ, vor dem weiße Vorhänge schwach im Wind flatterten. Kurz bevor er verschwand, wandte er sich noch einmal um.

„Hast du keine sonstigen zynischen Anmerkungen für mich wie sonst auch?", erkundigte er sich so herablassend wie möglich.

„Ach, Alschain…", bemerkte Tarazed und nahm aus einer weißen Keramik-Schüssel auf dem Beistelltisch neben sich eine Weintraube, um sie dem Äffchen zu geben. „Mittlerweile finde ich, dass du deine Vorliebe für andere Männer eines Tages nur vor unserem Allmächtigen rechtfertigen musst und nicht vor mir."

Ohne ein weiteres Wort ging Alschain und Tarazed hörte noch lange seine erbosten Schritte.

„Eure Exzellenz…", meldete sich der Diener zu Wort, der noch immer ehrfürchtig vor Tarazed kniete. „Darf ich fragen, was euer Plan ist?"

„Das wirst du noch sehen", gab Tarazed zurück und gab dem Äffchen eine weitere Frucht, die es genüsslich verspeiste.

Nun war eine Planänderung angebracht.