Na, seid ihr alle gut durch die Feiertage gekommen? Ich hoffe es doch! Nach langer Pause gibt es nicht nur unbekannte Seiten zu lesen, sondern auch unbekannte Seiten an gewissen Personen zu entdecken. Viel Spaß!
Was bisher geschah:
Auch bei ihrer zweiten Chance ist Antares und Altaïr das Glück nicht hold. Bei der Suche nach Informationen werden die beiden von Alschain und seinen Gefolgsleuten in einen Kampf verwickelt, in dessen Verlauf Altaïr Alschains Kehle durchschneidet. Schließlich wird auch Altaïr verwundet, jedoch rechtzeitig gerettet – von Antares. Die Wiederbeschaffung der Schriftrolle ist in weite Ferne gerückt, doch die beiden doch so ähnlichen Assassinen scheinen ihren Streit langsam beizulegen…
6. Kapitel:
Die unbekannten Seiten
Die schwarze Katze auf ihrem Schoß schnurrte genüsslich, während Antares dem Tier gedankenverloren die Ohren kraulte. Sie saß auf einem roten Sofa, konnte sich jedoch nicht entspannt zurücklehnen. Während der Arzt in der ersten Etage Altaïrs Wunde versorgte, wartete Antares in der Stube im Erdgeschoss und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
‚Es wird ihm wieder gut gehen', redete sie sich im Geiste ein. ‚Es ist nicht so wie damals… es ist nicht so wie mit ihm…'
Als sie schließlich Schritte die Treppe herunterkommen hörte, sprang sie ruckartig auf ohne an die Katze auf ihrem Schoß zu denken. Sie registrierte nicht wie das Tier ihr ein wütendes Fauchen schenkte und davon lief.
„Und?", fragte Antares den Arzt und den Rafik, die beide miteinander redend gekommen waren.
Der Arzt – ein alter, aber kluger Mann mit weißem Bart – räusperte sich, nachdem er sie argwöhnisch gemustert hatte.
„Ihr meint seinen Zustand? Es geht ihm gut, auch wenn er wegen des Blutverlustes viel Ruhe braucht", erklärte der Arzt.
„Und die Wunde?", wollte Antares wissen.
„Es ist nur eine Fleischwunde, wenn auch keine leichte. Bei einem gesunden Mann wie ihm wird sie schon nach einigen Wochen wieder vollständig verheilt sein, wenn er täglich die Salben nimmt, die ich ihm angeordnet habe", antwortete er.
„Keine bleibenden Schäden also?", fasste sie erleichtert zusammen.
Der Arzt lachte spöttisch auf.
„Wo denkt Ihr hin? Solche Konsequenzen zieht es sicher nicht nach sich", erwiderte der Arzt und ging zusammen mit dem Rafik, der die Bezahlung regeln würde, in ein anderes Zimmer. Obwohl Antares nicht zuhörte, wusste sie, dass der Arzt sich dabei flüsternd abschätzig über sie äußerte und der Rafik dabei nicht Partei für sie ergriff. Doch es kümmerte sie nicht.
„Ja…ziemlich dumm… Ich weiß", murmelte sie bedrückt und versuchte, Erinnerungen zu verdrängen, die ein anderes Ergebnis enthüllt hatten.
Sie seufzte erleichtert und blickte die Treppe hinauf. Obwohl sie Altaïr persönlich nach seinem Befinden fragen wollte, wusste sie nicht, ob es ihm Recht wäre, dass sie ihn in solch einer Situation sah. Nach kurzer Überlegung stellte sie jedoch fest, dass es ihr egal war, was Altaïr Recht war und stieg die Stufen zu seinem Zimmer hinauf.
Während der Arzt seine Wunden versorgt hatte, war Altaïr nicht aus dem Kopf gegangen wie Antares gekämpft hatte. Hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte er es nicht für denkbar gehalten, dass eine Frau dazu in der Lage war, ein Schwert zu führen und dabei ein solches Talent an den Tag zu legen. Doch noch viel weniger als das hätte er sich vorstellen können, dass solch eine Frau ihm sogar das Leben retten würde.
Ein Klopfen an der angelehnten Tür zum Zimmer ließ ihn aufhorchen.
„Herein", bat er reflexartig.
Als Antares eintrat, erblickte sie wie Altaïr in einem schlichten weißen Hemd, dessen rechter Ärmel fast vollständig hochgekrempelt war und somit den Verband um seinen Oberarm enthüllte, aufrecht im Bett saß. Es machte nicht auf sie den Eindruck als würde er so viel Ruhe brauchen, wie der Arzt es ihr erläutert hatte.
Unschlüssig lehnte sie die Tür wieder hinter sich an und blieb distanziert dort stehen. Sie suchte in Gedanken nach Worten, die angebracht waren.
„Ihr scheint, wohlauf zu sein", bemerkte sie schließlich sachlich
„Nun…ja", gab Altaïr zögernd zurück. Er war froh, dass Antares offenbar keine Dankesrede erwartete. Trotzdem lag ihm eine Frage auf der Zunge, die er jedoch erst nach einigem Zögern wagte, zu stellen. „Sagt Antares…warum habt Ihr das getan?"
Bewusst vermied er es, auszusprechen, dass er ihr sein Leben verdankte. Antares sah für einen Moment abwesend durch das von dunkelroten Vorhängen eingerahmte Fenster.
„Ich bin nur dem Credo gefolgt", erklärte sie schließlich und versuchte, dabei möglichst geschäftlich zu klingen. „Gefährdet die Bruderschaft nicht bedeutet auch Gebt auf eure Brüder Acht. Das ist alles."
Es überraschte Altaïr, dass Antares weder Anerkennung für ihre Tat erwartete, noch ihn dafür tadelte, dass er ihr sein Leben schuldete. Denn bisher war er Antares ganz und gar nicht mit Freundlichkeit gegenübergetreten und er fand ehrlich, dass er eine Rüge von ihr verdient hatte, auch wenn er es nicht darauf anlegen wollte, indem er sie deswegen ansprach.
„Also…werdet Ihr die Mission jetzt allein weiterführen?", erkundigte er sich halblaut und ließ seinen Blick dabei durch den Raum schweifen, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen.
„Nun…", begann Antares. Obwohl diese Vorgehensweise normalerweise unter Brüdern selbstverständlich war, wusste sie, dass die Dinge in ihrem Fall anders behandelt wurden. Doch dass Altaïrs Tonfall auf keinen neuen Streit oder sonstige Feindseligkeiten hindeutete, hatte sie nicht erwartet. „Ja, das werde ich tun."
„Wohin…werdet Ihr diesmal gehen?", wollte er wissen und gab vor, seinen Verband etwas richten zu müssen, um sie nicht anzusehen.
Sie überlegte kurz.
„Die Ergebnisse auf dem Markt waren eher dürftig, also werde ich versuchen, beim Anwesen dieses Hatim, Besseres zu erzielen", erwiderte sie spontan. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte sie noch nicht darüber nachgedacht. „Wenn Tarazed derzeit einen seiner Besuche beim Verwalter des Marktes tätigt, ist es zwar riskant, aber ich fürchte, wir müssen handeln, bevor die Gerüchte wegen unseres Abenteuers im Armenviertel auch den Reichen zu Ohren kommen…und bevor Tarazed beschließt, wegen des Todes seines Bruders Rache zu nehmen."
„Hm…", gab Altaïr von sich.
Er musste zugeben, dass er nun ähnlich gehandelt hätte, zwänge ihn seine Verletzung nicht dazu, das Bett zu hüten. Doch anstatt das einzugestehen, verzichtete er darauf, stichelnde Bemerkungen von sich zu geben und rückte das Kissen hinter sich zurecht.
Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über ihre Lippen, ohne dass Altaïr es sah.
„Ich werde spätestens bei Sonnenuntergang zurück sein", versprach Antares schließlich.
„Gut", kommentierte Altaïr knapp und nur kurz aufsehend.
Beim Hinausgehen kam Antares nicht umhin, sich über Altaïrs Reaktion zu wundern, da er nichts von der Überheblichkeit gezeigt hatte, die sie sonst von ihm kannte und von der sie erwartet hatte, dass sie bestehen blieb – egal was sie tat.
Als Antares den Raum verließ, trat der Rafik ein und schloss nach einem kurzen Gruß an sie die Tür hinter sich.
„Was wollte sie?", erkundigte sich der Rafik misstrauisch und näherte sich dem Bett, in dem Altaïr aufrecht saß. Er überlegte kurz, ehe er antwortete.
„Wir haben die nächsten Schritte besprochen", erwiderte er schließlich.
„Und das bedeutet?", fragte der Rafik und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett, auf dem der Arzt zuvor sein Equipment abgestellt hatte.
„Sie geht, um diesen Tarazed im Anwesen seines Verbündeten aufzuspüren, bevor er einen Racheplan gegen uns wegen seines Bruders geschmiedet hat", erläuterte Altaïr.
„Sie will ihm also allein die Schriftrolle abnehmen?", wollte der Verbindungsmann perplex wissen und warf einen kurzen, zweifelnden Blick auf die Tür, durch die Antares getreten war. „Glaubt Ihr denn ernsthaft, sie wäre dazu in der Lage?"
„Hmm…"; antwortete Altaïr ausweichend und sah aus dem Fenster. Seine zuvor so klare und abschätzende Meinung Antares gegenüber geriet ins Wanken. Während er das Bett hütete, sollte ihn dieser Gedanke noch vorwiegend beschäftigen.
Die Abenddämmerung stand bereits am Himmel, als Antares das Anwesen vom Verwalter des Marktes erreichte. Sie war nicht der Meinung, dass es sich um eine sonderlich schöne oder gepflegte Anlage handelte. Doch vielmehr als das interessierte sie die Tatsache, dass nicht viele Soldaten zum Schutz postiert worden waren. Das Eindringen würde also kein großes Hindernis darstellen.
Als sie sich sicher war, alle Wachen von außen gesichtet zu haben, wandte sie sich von der Menschenmenge ab und steuerte den hinteren Teil des Anwesens an, wo sie über eine Mauer in die Gärten gelangen würde.
„Assassinen in der Stadt? Aber wieso nur?", hörte sie einige Männer im Gehen diskutieren. Die Geschichte von den Ereignissen einige Stunden zuvor verbreitete sich schneller als erwartet und hatte bereits die Nobelviertel der Stadt erreicht.
Sie biss sich auf die Unterlippe. Grassierten solche Erzählungen erst einmal in der ganzen Stadt, erschwerten sie ein Weiterkommen ungemein.
‚Wir können uns nicht noch mehr Verzögerungen leisten', ging es ihr durch den Kopf und stellte danach zu ihrer Überraschung fest, dass sie in der Wir-Form gedacht hatte. Auch sie musste zugeben, dass ihr Altaïrs Verhalten nicht aus dem Kopf gegangen war. Normalerweise stritten die Brüder, denen sie in brenzligen Situationen half, es ab, von ihr gerettet worden zu sein oder fühlten sich so sehr in ihrem Stolz verletzt, dass ihre Verachtung ihr gegenüber noch weiter wuchs. Altaïr hatte keine der beiden Reaktionen gezeigt. Das war neu für Antares und sie fragte sich immer wieder, wie sie sein Verhalten zu deuten hatte.
‚Zusammenreißen!', ermahnte sie sich selbst gedanklich, als sie einige schmale Gassen passiert hatte und an der Mauer angekommen war. Sie verscheuchte Altaïr aus ihrem Kopf, schob einige vergessene Kisten zusammen und schaffte es so, das Hindernis mit etwas Kletterkunst zu überwinden, wonach sie in den Gärten des Anwesens angekommen schnell Schutz zwischen einigen wohlduftenden Büschen suchte.
Ein junges Mädchen in mehreren Metern Entfernung wandte sich verunsichert um. Sie trug ein Kopftuch und war ihrer Kleidung nach eine Bedienstete. Schließlich schien sie zu glauben, von ihren Sinnen getäuscht worden zu sein und wandte sich wieder der kunstvoll gefertigten Voliere vor sich zu, in der viele verschiedene Vögel um die Aufmerksamkeit des Mädchens kreischten, das den Tieren durch die weißen Gitterstäbe hindurch Futter gab.
„Jinan! Komm her und hilf uns beim Kistentragen!", rief die Stimme einer älteren Frau vom Inneren des Gebäudes aus. Das Mädchen wandte sich um.
„Aber die Vögel…sie sind seit zwei Tagen nicht mehr gefüttert worden!", argumentierte sie unsicher.
„Sofort!", beendete die andere Frau die Diskussion. Jinan gehorchte, legte den Vögeln noch eine letzte Handvoll Futter auf den Boden der Voliere und folgte mit trübseliger Miene ihrer Anweisung.
‚Besser für dich', ging es Antares durch den Kopf, als das Mädchen verschwunden war und sie ihr Versteck verlassen konnte, nachdem sich auch die Wache auf dem Dach der anderen Seite des Anwesens zugewandt hatte. Sie hätte dem Mädchen nur ungern Gewalt angetan.
Antares schlich sich an das Gebäude heran und versuchte von außen den Gästeflügel ausfindig zu machen, in dem sich Tarazed wahrscheinlich aufhielt. Nach einiger Zeit wurde sie bei ihren Nachforschungen jedoch von eifrigen Schritten mehrerer Menschen unterbrochen. Sie befand sich in der Nähe einer der äußeren Ecken des Anwesens und die Näherkommenden würden sie sofort erblicken, wenn sie diese passierten. Der Fluchtweg war zu lang, kein brauchbares Versteck in Sicht und ein Kampf wäre zu auffällig. Schnell beschloss sie, die Wand neben sich hinaufzuklettern und nur wenige Momente bevor vier Wachmänner um die Ecke kamen, hatte sich Antares auf einen Vorsprung oberhalb des Erdgeschosses gerettet.
‚Geschafft!', dachte sie und atmete erleichtert aus.
Gerade wollte sie wieder hinabklettern, als sie zwei Stockwerke höher eine gereizte Stimme wahrnahm und das Wort „Assassinen" aufschnappte. Noch einmal versicherte sie sich, nicht beobachtet zu werden und kletterte fast lautlos weiter aufwärts. Auf der Höhe eines Balkons verharrte sie schließlich in ihrer Position und lauschte durch die offenen Türen aufmerksam, während ihr die Abendsonne seitlich auf die Wange schien.
„Wie könnt Ihr bei alledem so ruhig bleiben?! Der Ruf der Assassinen ist berüchtigt! Und wenn sie wissen, dass Ihr in der Stadt seid, werden sie auch wissen, dass Ihr hier bei mir seid! Vielleicht schmieden sie schon Pläne, wie sie eindringen können!", klagte eine der Personen mit gehobener und erregter Stimme. Eine kleine Pause folgte, während der Antares angesichts der Ironie lächelte. „Tarazed, antwortet mir endlich!", forderte die Stimme, die offenbar die eines älteren Mannes war.
‚Er ist es wirklich!', schoss es Antares durch den Kopf, deren Vermutung nun voll und ganz bestätigt war.
„Hatim, mein guter Freund…über all das bin ich mir durchaus im Klaren. Aber wie ich Euch bereits sagte, weiß ich genau, wie ich mit den Assassinen umzugehen habe und brauche Eure Ratschläge nicht", erwiderte Tarazeds Stimme.
Antares musste zugeben, dass es sie überraschte, dass von Tarazeds Tonfall eine Selbstsicherheit ausging, die trotz aller gebotenen Höflichkeit eine gebieterische Autorität ausstrahlte, der sich Hatim nur zögerlich widersetzen mochte.
„Nur Euretwegen fürchte ich nun um mein Leben! Ich bereue es, euch in mein Heim gelassen zu haben!", verteidigte sich Hatim nervös und wütend zugleich. Daraufhin hörte Antares weder Worte noch Geräusche, die Gewalt andeuteten. Trotzdem fuhr Hatim mit sehr nervöser und unsicherer Stimme fort: „Es tut mir Leid, das hätte ich nicht sagen sollen! Meine Freundschaft mit euch ist mir viel wert."
„Seid Ihr euch da ganz sicher?", hinterfragte Tarazed und auch Antares war klar, dass sein Unterton ein bedrohlicher war.
„Natürlich. Ich kann euch nur noch einmal um Verzeihung bitten…", bat Hatim noch einmal unterwürfig.
„Ich will nicht nachtragend sein", antwortete Tarazed, dessen autoritärer Tonfall auf etwas anderes schließen ließ. „Aber seid Euch sicher, dass sie es auf meine Familie abgesehen haben. Ihr habt nichts zu befürchten."
„Ihr habt sicher Recht. Das mit Eurem jüngeren Bruder tut mir immer noch sehr Leid. Ich bin mir sicher, euer Einwand dagegen, mehr Männer auf meinem Gut zu postieren, war absolut berechtigt!", schmeichelte Hatim ihm, offenbar in der Hoffnung, Tarazed möge ihm vergeben.
‚Er erhöht die Zahl seiner Wachmänner auf seinem eigenen Anwesen nicht, weil Tarazed es ihm befiehlt`?', fasste Antares still und verwundert zusammen. Sie hatte von dem Erfolg Tarazeds und der Bewunderung ihm gegenüber gehört, doch nun wurde ihr klar, dass diese offenbar auch mit großer Angst einherging.
Antares wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie auf der Balustrade des Balkons ein kleines Äffchen mit schwarz-weißem Fell erblickte. Noch bevor Antares handeln konnte, gab das Tier einen Laut von sich, der die Aufmerksamkeit der Redenden gewiss auf sich zog.
„Was hast du?", fragte Tarazed offenbar an den Affen gewandt.
Näherkommende Schritte folgten. Sogleich begann sie, sich nach links um die Ecke zu hangeln und schaffte es, unentdeckt hinabzuklettern und auf dem Boden zu landen.
Gerade, als sie sich sicher glaubte, hörte sie jedoch noch einmal die Schreie des Affen hinter sich und drehte sich abrupt um. Das Tier war ihr gefolgt.
Ein Fenster wurde im zweiten Stock aufgestoßen und Antares erblickte kurz einen weißhaarigen Mann, begann jedoch sofort damit, fortzusprinten.
„Ein Assassine! Wachen! Wachen! Töten den Assassinen!", schrie Hatim so laut er konnte und stürmte schließlich aufgebracht aus dem Zimmer. Nachdem Tarazed ebenfalls aus dem Fenster geblickt hatte, verließ auch er den Raum, jedoch mit entspannter Ruhe. Im Gang wandte er sich seinem treusten Untergebenen zu, der dort auf ihn gewartet hatte. Wenn Tarazed es wollte, würde er – und auch all seine anderen Diener – ihm überallhin folgen.
„Sorg dafür, dass sie den Assassinen nicht töten. Ich glaube, es ist die Frau", warf er ihm geschäftlich, ohne ihn anzusehen, zu und setzte seinen Weg fort.
„Sehrwohl", erwiderte sein Diener gehorsam und machte sich ans Werk.
Wie gewöhnlich waren Antares' Gegenspieler davon überrascht, eine Frau als Gegner zu haben. Obwohl sie gelernt hatte, diesen Effekt zu ihrem Vorteil auszunutzen, wäre es ihr jedes Mal lieber gewesen, wie ein gewöhnlicher Gegner behandelt zu werden.
Die eher mäßigen Kampfkünste der Söldner bereitete Antares keine Probleme, doch trotzdem waren sie zu acht und ihr dadurch überlegen. Sie kreuzte ihr Schwert nicht lange mit ihnen und ergriff im geeigneten Moment die Flucht. Doch um zu entkommen, bräuchte sie einen viel größeren Abstand zu den Gegnern. Als die Voliere mit den hungrigen Vögeln in Sicht kam, hatte Antares eine Idee.
‚Was hat das vorhin Mädchen gesagt?', erinnerte sie sich.
Bei der Voliere angekommen, blieb sie stehen und füllte ihre beiden Hände mit den getrockneten Körner für die Vögel. Schon waren alle acht Gegner beisammen und zunächst verwirrt, als Antares jeden von ihnen mindestens einmal mit dem Vogelfutter bewarf. Dass die Körner den Wachen in die Augen gerieten und ihnen so die Sicht erschwerten, war nur ein Teil ihres Plans. Als alle deswegen abgelenkt waren, schob Antares den Riegel der Voliere beiseite und riss die Gittertür weit auf. Ihr Plan ging auf und viele der zutraulichen Vögel stürmten aus ihrem Käfig, um die Körner von der Kleidung der Wachmänner und dem Boden aufzunehmen.
Die Söldner fluchten und versuchten die gierigen Vögel zu verscheuchen, während Antares bereits in genügender Entfernung auf einen Baum kletterte, von dem aus sie über die Außenmauer fliehen konnte. Doch als sie auf den nächstgelegenen Ast klettern wollte, spürte sie wie sich eine Hand um ihr Fußgelenk schloss und beging daraufhin einen großen Fehler. Sie wandte sich um.
Ein Paar eisblauer Augen stachen ihr entgegen, die ihren Atem für einen Augenblick stocken ließen und ihren Körper lähmten. Für einen verhängnisvollen Moment konnte sie nur den Mann ansehen, der sie am Fuß festhielt. Er hatte dünne, kinnlange Haare, durch dessen Schwarz sich bereits einige wenige graue Strähnen zogen. Sein Gesicht war durch viele, kleine Narben, scharfe Züge und einen Bart um seinen Mund und sein Kinn geprägt. Doch es waren seine kalten, blauen Augen, von denen sie ihren Blick in diesem Moment nicht lösen konnte.
Antares' Denken setzte für diesen Augenblick aus und sie wurde unsanft vom Baum gerissen.
‚Wie kann das sein?', dachte sie panisch, als sie auf dem Boden versuchte, sich durch eine Rolle zur Seite zu retten. Etwas, das Assassinen in ihrem Leben lernten, zu kontrollieren, unterdrückte in Gegenwart dieses Mannes ihre Konzentration: Angst.
Im Aufstehen zog Antares bereits zur Verteidigung ihren Dolch aus dem Gürtel, doch es war als hätte sie in ihrer Angst alle Nahkampfmanöver auf einmal vergessen und als könne sie nichts tun, während ihr der Mann kurzerhand einen schmerzhaften Tritt in die Magengegend versetzte. Vor Schmerz ließ sie den Dolch fallen und spürte schon wie ihre Arme auf ihren Rücken gedreht wurden und sie durch einen schmerzhaften Griff verteidigungsunfähig gemacht wurde.
Antares verstand ihre eigene Reaktion nicht. Seitdem man sie in der Kampfkunst unterrichtet hatte, war ihr noch nie ein Gegner untergekommen, in dessen Gegenwart sie solche Angst verspürt hatte. Wie eine Anfängerin hatte sie sich nun gefangen nehmen lassen und noch immer war es als blockierten die groben Hände des Mannes nicht nur ihre Arme, sondern auch ihren Verstand.
„Du läufst mir nicht so schnell davon", wisperte er ihr ins Ohr und seine raue Stimme ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Sie versuchte sich zu wehren, wollte unbedingt diesem mysteriösen Mann entkommen, der ihr aus unerfindlichen Gründen so viel Angst einflößte, doch sie konnte nicht. Sie war gefangen.
***
Ich hoffe, Altaïrs doch eher mager ausgefallene Anwesenheit hat euch nicht gestört. Aber Antares ist auch sehr wichtig für die Geschichte. Habt ihr sie schon ein wenig lieb gewonnen? Was haltet ihr von diesem mysteriösen Mann, der so eine gruslige Wirkung auf sie hat? Welchen Eindruck habt ihr bisher von Tarazed? Mich interessiert, was ihr denkt!
Also, seid lieb, reviewt mir und vergesst nicht, nach dem Credo zu leben!
Assassin C
PS: Ich habe zu Weihnachten AC2 bekommen. Klasse Spiel (v.a. der Soundtrack!) und meine Ezio-Figur grüßt euch auch!
