Nein, die Geschichte ist nicht tot! Mein (negativ…) veränderter Stil ist damit zu erklären, dass ich in den letzten Monaten nur auf Englisch geschrieben habe und zu einem ganz anderen Genre. Aber gestern überkam es mich auf einmal. Viel Spaß!
Was bisher geschah:
Altaïr wurde verwundet und Antares muss sich allein auf die weitere Suche begeben. Sie forscht beim Anwesen des Verwalters des Marktes von Damaskus (Hatim), der ein Freund von Tarazed sein soll. Dabei wird sie jedoch erwischt und von Tarazeds Diener gefangen genommen.
7. Kapitel:
Die Karten werden neu gemischt
‚Verflucht!', ging es Antares durch den Kopf, als sie erkannte wie die Wachen, die ihr zuvor noch gefolgt waren, herbeigerannt kamen. Offenbar hatte ihre List sie misstrauisch gemacht. Alle acht Söldner zogen ihre Schwerter und richteten sie in einem Halbkreis auf Antares. Die Maßnahme war unnötig, denn sie konnte sich kaum im festen Griff des Dieners von Tarazed bewegen. Doch auch das unangenehme Gefühl seiner Gegenwart machte einen Fluchtversuch für Antares fast unmöglich.
Schnaufend kam auch Hatim hinzu.
„Ich wusste es!", keuchte der ältere Mann, doch seine Erschöpfung wurde von seiner Verwirrung überschattet, eine Frau unter der Assassinen-Kapuze zu erkennen. „Ein Weibsbild?"
Er begann zu lachen, doch seine Gefolgsleute stimmten nur gezwungen mit ein. Auch wenn sie es nicht zugeben wollten, hatte ihnen die Demonstration von Antares' Fähigkeiten ein gewisses Maß an Angst eingejagt. Sie war ihnen nicht geheuer. Antares rollte nur die Augen, da sie eine solche Reaktion ihrer Gegner mehr als gewohnt war.
„Das schafft natürlich ein völlig neues Ausmaß an Bestrafungsmöglichkeiten!", stellte Hatim übermütig fest. „Zuerst werde ich-"
„Ich denke nicht, dass die Entscheidung der Bestrafung euch obliegt", unterbrach ihn eine herannahende Stimme. Antares erkannte diese wieder und sah zur Seite, um zum ersten Mal Tarazed zu erblicken.
Sein offenbar trainierter Körper war in einen dunklen Rock, eine helle Hose und schwarze Stiefel gehüllt. Seinem adligen Stand entsprechend war seine Kleidung von hoher Qualität und wirkte auf Antares dennoch nicht übertrieben wie es bei anderen Adligen oft der Fall war. Seine langen, schwarzen Locken waren sehr gepflegt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Zwei dunkle Augen stachen aus seinem Gesicht hervor, das Antares merkwürdig bekannt vorkam. Anders als Hatim kam er mit entspannten Schritten zur Gruppe hinzu.
„Schließlich war dieser Assassine nicht euretwegen hier" fuhr Tarazed fort und wieder erkannte Antares in seiner Stimme eine Autorität, die raue Befehle unnötig machte. Als ob es ihm zustimmen wollte, kam wieder Tarazeds kleines Äffchen herbeigeeilt und kreischte kurz auf. Tarazed streckte ohne das Tier anzusehen seine Hand aus und nur einen Moment später war der Affe auf seine Schulter geklettert.
„Da…da habt ihr sicher Recht, mein Freund" stimmte Hatim hinzu, der in Tarazeds Gegenwart nun wieder leicht verunsichert schien. Als Tarazed näher an Antares herantrat, wich Hatim sofort zurück, um Platz zu machen. Obwohl auch Antares seine gebieterische Ausstrahlung nicht abstreiten konnte, wich sie nicht zurück, als Tarazed ihr näher kam, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
„Interessant" gab er zu und lächelte amüsiert. Er wandte sich wieder seinem Diener zu, der Antares grob festhielt. „Eliab, geh und bring den Assassinen hinein."
Der Angesprochene nickte und schubste Antares gewissermaßen in Richtung des Palastes.
„Aber-", wollte Hatim eingreifen, doch Tarazed musste nur flüchtig seine Hand heben, um ihn zum Schweigen zu bringen.
„Es handelt sich nur um eine kurze Befragung. Danach wird euer Heim von meinen Konflikten unberührt bleiben. Ich gebe euch mein Wort", versprach Tarazed kühl und ohne Hatim anzusehen.
„Ich…ich zweifle nicht an euch", versicherte Hatim beklommen. Tarazed nickte und begab sich ebenfalls wieder nach innen.
Antares wurde durch die Gänge und einige Treppen entlang zu einem Aufenthaltsraum geführt, wo Tarazeds Diener Eliab sie auf die Knie zwang und ein Seil aus einer Tasche an seinem Gürtel hervornahm, um ihre Hände auf den Rücken zu fesseln. Antares verzog das Gesicht, als er das Seil festzog. Trotzdem wagte sie es nicht, sich umzudrehen. Sie wollte sich der lähmenden Wirkung seiner rätselhaften, eisblauen Augen nicht noch einmal aussetzen und ihre Fassung beim folgenden Verhör nun unbedingt bewahren.
Nur wenige Momente später betrat Tarazed den Raum. Ein anderer Diener schloss hinter ihm die Tür, während er sich auf den Sessel setzte, der Antares gegenüberstand. Das Äffchen huschte von Tarazeds Schulter hinunter, musterte Antares und kletterte auf ein Regal, wo es stumm der Situation beiwohnte.
„Wie ist Euer Name, Assassine?", fragte Tarazed. Antares erkannte eine Art Respekt in seiner Stimme, der ihr von Feinden nicht bekannt war.
„Antares", erwiderte sie kurz, aber mit fester Stimme.
„Habt Ihr auch einen Familiennamen, Antares?", wollte Tarazed wissen.
„Ja, den habe ich" entgegnete sie. Tarazed lächelte spöttisch.
„Da Ihr ja offenbar nach der Schriftrolle suchtet, ist es wohl unnötig, dass ich mich vorstelle", hielt er fest. „Ihr scheint eine starke Frau zu sein, Antares. Ansonsten hätte Euer Meister euch nie mit dieser Angelegenheit betraut."
„Habt Ihr mich festnehmen lassen, um mir zu schmeicheln oder mich zu töten?", unterbrach sie ihn direkt. Ihr Verhalten unterhielt Tarazed merklich. Er stand auf und ging zum Fenster.
„Weder noch", antwortete er. „Eliab, löse ihre Fesseln, damit sie ihre Waffen selbst ablegen kann. Danach bringst du sie ins Gefängnis der Stadt." Er drehte sich wieder um und umkreiste Antares einmal. „Dort solltet ihr zwei Tage aushalten ohne auszubrechen. Danach kehrt ihr zusammen mit mir auf mein Anwesen zurück." Antares fragte sich, warum er sie nicht sofort tötete, wollte ihr Glück und die Unvorsichtigkeit Tarazeds jedoch nicht provozieren und sah es als Chance an. „Und unterschätze sie nicht, Eliab. Ich bin mir sicher, diesen Fehler haben schon viele ihrer Opfer gemacht."
Altaïr setzte seine weiße Kapuze auf und legte sein Schwert an. Der Morgen graute und obwohl Antares vor Sonnenuntergang hatte zurücksein wollen, war sie die ganze Nacht nicht wieder zum Versteck zurückgekehrt. Altaïr wusste, etwas musste passiert sein.
„Wenn es Euch so wichtig ist, kann ich nach jemand anderem schicken, der sich umsieht. Denkt an Eure Verletzung. Ihr seid noch zu schwach", versuchte der Rafik ihn von seinen Plänen abzubringen.
„Nein, die Angelegenheit darf nicht mehr Menschen als nötig angehen", erwiderte Altaïr. „Außerdem ist meine Verletzung schon gut verheilt."
„Der Himmel hat Euch mit rätselhaften Heilungskräften ausgestattet!", kommentierte der Rafik seufzend. Er wusste, dass er Altaïr von seinen Plänen nicht abbringen konnte.
Nur wenig später brach Altaïr auf und mischte sich unter die Bevölkerung von Damaskus auf der Suche nach Hinweisen. Durch die erst aufsteigende Sonne lag eine angenehme Wärme über der Stadt, die Altaïr genossen hätte, wäre ihm seine Aufgabe nicht wichtiger gewesen. Zu seinem Glück musste er nicht lange nach Anhaltspunkten suchen. Als er von einer Gruppe Soldaten das ausschlaggebende Wort „Assassinen" hörte, setzte er sich nicht weit von den Söldnern neben einen alten Mann auf eine Bank, um zu lauschen.
„…hat erzählt, dass es eine Frau ist. Aber der erzählt ja viel, wenn der Tag lang ist!", erzählte einer der Männer.
„Ach, der will sich doch nur wichtig machen", pflichtete ein anderer bei. „Wenigstens ist der Hund jetzt geschnappt! Diese Mörder sollen alle im Gefängnis verrotten! Hoffentlich wirft jemand den Schlüssel zur Zelle weg…"
‚Im Gefängnis also…', dachte Altaïr und stand auf, denn nun hatte er den Hinweis, den er brauchte.
Trotz des überfüllten Gefängnisses hatte Tarazed aus ihr unbegreiflichen Gründen dafür gesorgt, dass Antares eine Zelle für sich allein hatte. Nur ein kleines Häufchen Stroh befand sich in dem steinigen Raum, der nur durch ein kleines, vergittertes Fenster mit Sonnenlicht erhellt wurde. Es stank fürchterlich und nicht selten war ihre einzige Gesellschaft eine Ratte.
Antares ging die Zelle auf und ab, während sie über ihre Handlungsmöglichkeiten nachgrübelte. Sie wollte und durfte Meister Rahad nicht noch einmal enttäuschen. Mittlerweile hätte Tarazed sie ebenso gut töten können – diesen Umstand galt es auszunutzen und zu Tarazeds Nachteil auszuspielen.
„Psst!", hörte sie eine Stimme, die sie aus den Gedanken riss. „Antares!"
Sie drehte sich um und huschte zum kleinen Fenster ihrer Zelle. Sie musste sich auf Zehenspitzen stellen, um mit Altaïr auf einer Augenhöhe zu sprechen der auf der anderen Seite kniete.
„Altaïr! Ihr habt mich gefunden", stellte sie fest und wusste selbst nicht, weshalb dieser Umstand sie lächeln ließ. Sie räusperte sich und kontrollierte ihre Mundwinkel wieder. „Viel erstaunlicher aber: Ihr habt mich offenbar gesucht."
Altaïr sah kurz verlegen weg, bevor er sprach.
„Ich habe mich nur an unser Credo gehalten", wiederholte er die Worte, die Antares ihm ebenfalls geantwortet hatte, nachdem sie sein Leben gerettet hatte. „Gefährdet die Bruderschaft nicht bedeutet auch Gebt auf eure Brüder Acht. Das ist alles."
Für einen kurzen Momenten dachten beide darüber nach, ob hinter dieser Tat mehr steckte als der bloße Wille, eine Schuld zu begleichen. Altaïr schüttelte den Gedanken schnell wieder ab.
„Ich kann Euch hier herausholen", wisperte er. „Bei Sonnenuntergang werde ich-"
„Nein, Altaïr. Hört mir zu", unterbrach Antares ihn sachlich. „Es war Tarazed, der mich hierher verfrachtet hat. Offenbar ist er noch nicht daran interessiert, mich zu töten. Er will mich zu seinem Anwesen bringen, wo er wahrscheinlich auch die Schriftrolle versteckt hält. In ein paar Tagen will er ein Fest geben wegen irgendwelcher Geschäftspartner. Wenn man seinem Diener glauben schenken darf, hat er angedeutet, dass ich auch an diesem Fest teilnehmen soll."
„Ihr denkt, das ist die beste Möglichkeit, in seinen Palast einzudringen?", hinterfragte Altaïr, der ihren Plan nun begriff.
„Genau. Seid bei diesem Fest ebenfalls anwesend, dringt unbemerkt ein. Ich werde bis dahin herausfinden, wo er die Schriftrolle aufbewahrt. Alles andere werden wir improvisieren müssen", führte Antares weiter aus.
„Gut. Ich werde Euch auf dem Fest im Auge behalten und einen Fluchtweg organisieren", stimmte er dem Plan zu. Einige Schritte ließen ihn aufhorchen. „Ich muss gehen. Gehabt Euch wohl."
Antares konnte ihm nur kurz zunicken, ehe er verschwand. Nun, da Altaïr sie gefunden hatte, konnte sie neue Hoffnung schöpfen, denn diesmal würden sie ihre persönlichen Differenzen überwinden können und die Mission erfüllen.
Der Rafik war keineswegs begeistert, als Altaïr ihn über den neuen Plan informierte. Er bezweifelte, dass aus einem kurzen Gespräch, das zudem unter Zeitdruck stattgefunden habe, ein vernünftiger Plan hervorgehen könne. Er beurteilte das Vorhaben als zu riskant. Altaïr hingegen entgegnete, dass Assassinen durch ihre Anpassungsfähigkeit zu den gefürchteten Kriegern geworden waren als die sie bekannt waren. Zudem war die Mission von so hoher Wichtigkeit und eine weitere Chance so unsicher, dass ihnen keine andere Wahl blieb. Nach einer langen Diskussion konnte Altaïr sich durchsetzen.
Er informierte sich genau über das Anwesen der Familie Elya-Zulfaqar, die Wachpostierung und Fluchtmöglichkeiten, von denen es nicht viele zu geben schien.
Wie geplant wurde Antares nur zwei Tage später von Tarazeds Diener Eliab nach dem Anlegen eiserner Hand- und Fußschellen zum Anwesen Tarazeds gebracht. Auch hierbei vermied sie es, Eliab in die eisblauen Augen zu sehen, denn noch immer schienen diese eine seltsame Wirkung auf sie zu haben.
Antares konnte ihre Bewunderung nicht leugnen, als sie den Palast der Elya-Zulfaqars zum ersten Mal erblickte. Das helle Gemäuer hatte nicht nur wegen seiner Größe eine majestätische und edle Wirkung. Die Bauern, die Antares während der Reise erblickt hatte, schienen wohlgenährt und zufrieden. Keiner von ihnen schien unter seinem Dienst unter dieser Adelsfamilie zu leiden wie es bei anderen Landsherren oft der Fall war.
Antares wurde durch die elegant dekorierten Gänge des Palastes geführt, bis man ihr vor einer Tür ihre Fesseln entfernte. Eliab öffnete Antares die Tür und bedeutete ihr, hineinzugehen. Ohne ein weiteres Wort betrat Antares zögernd den Raum, wo drei Dienerinnen in schlichter, grauer Kleidung bereits auf sie warteten. An einer Puppe sah Antares rote Kleidung, die man offenbar für sie vorbereitet hatte.
„Das werde ich nicht anziehen", entschied sie sofort, nachdem sie sich zu Eliab und seinen Männern umgedreht hatte.
„Doch, werdet Ihr", konterte Eliab unberührt und grinste herablassend. „Ihr könnt Euch nur aussuchen, ob Euch die Mädchen beim Ankleiden helfen sollen oder meine Männer."
Die drei Söldner lachten dumpf bei der Vorstellung. Hätte Antares eine Waffe bei sich gehabt, hätte sie diese am Liebsten gezogen, doch stattdessen konnte sie die Tür nur wütend zuschlagen.
„Eure Exzellenz, die Gefangene ist ohne weitere Zwischenfälle angekommen", berichtete Eliab, nachdem er sich vor Tarazed verneigt hatte.
„Sehr gut", kommentierte Tarazed. Er saß an seinem Schreibtisch, auf dem ein Schwert, eine Armbrust und ein Dolch lagen. Es waren Antares' Waffen. „Und du bist dir ganz sicher, dass sie es ist?"
„Meister, ich würde diesen Dolch unter Tausenden wiedererkennen", versicherte Eliab und deutete auf das Messer auf dem Tisch. Tarazed nahm es in die Hand und musterte es. „Sie ist zudem im richtigen Alter und sie sieht dem Mädchen von damals erstaunlich ähnlich."
„Ich habe mir so eine ähnliche Geschichte schon denken können…aber gerade unter diesen Umständen…", sinnierte Tarazed und legte den Dolch wieder auf den Tisch. „Nun, des Schicksals Wege sind sehr weitreichend."
„Erlaubt mir eine Frage, Meister" bat Eliab und Tarazed nickte. „Habt Ihr vor, sie…für Euch zu behalten?"
Ein teuflisches Lächeln umspielte Tarazeds Lippen.
„Nicht doch. Aber sollte bei der Befragung ein wenig Spaß herumkommen, bin ich dem nicht abgeneigt. Sobald ich weiß, was nötig ist, überlasse ich sie gerne dir, Eliab. Dann kannst du sie von mir aus auf jede erdenkliche Weise töten", versicherte Tarazed seinem Diener. „Und nun geht. Ich habe ein Fest zu organisieren."
Eliab tat wie ihm geheißen.
