Guter Rat ist teuer

Als Julie an diesem Abend zurück in ihr Zimmer kam, wunderte sie sich darüber, dass darin kein Licht brannte und Hermine allem Anschein nach nicht zu Hause war. Sie schmiss ihre Tasche auf ihr Bett und war gerade dabei ihren Mantel auf zu knöpfen, als sie mit einem Mal ein Schluchzen wahrnahm. Julie wirbelte herum und erst jetzt bemerkte sie, dass Hermine doch anwesend war. Sie lag zusammengerollt unter ihrer Bettdecke.

„Hermine?" fragt Julie zögernd.

Ein erneutes Schluchzen drang unter der Decke hervor.

Julie ging hinüber zu dem Bett der Anderen und zog die Decke ein wenig zur Seite. Zum Vorschein kam Hermines tränennasses Gesicht.

„Mein Gott Hermine! Was ist denn nur passiert?" Julie war schockiert.

Doch Hermine brachte kein Wort heraus und vergrub sich noch tiefer in ihre Kissen.

Julie setzte sich zu ihr auf das Bett und strich Hermine beruhigend über das Haar.

„Ist es wegen des Ministeriums? Hermine wir finden schon eine andere Lösung. Dann werden wir eben zu Gringotts gehen und ein Darlehen aufnehmen. Das bekommen wir schon hin."

Hermine schüttelte den Kopf und schniefte. „Nein, nicht nur deshalb."

„Wegen Ron etwa? Du weißt doch wie hitzig er ist, er wird sich wieder beruhigen."

Erneut schüttelte Hermine den Kopf. „Nein auch nicht wegen ihm."

Mit einem Mal sprang Julie auf. „Ist es wegen Malfoy? Hat er dir was angetan. Oh! Ich konnte ihn von Anfang an nicht leiden. Den werde ich mir vorknöpfen, dann wird er dich auf Knien rutschend um Verzeihung bitten, das kannst du mir glauben."

Abermals schüttelte Hermine den Kopf. „Nein, er hat mir nichts angetan, im Gegenteil." Und wieder schluchzte sie.

Nun war Julie verwirrt. „Aber was ist es dann?" Sie setzte sich zurück auf die Bettkante.

„Ich habe einen Fehler gemacht." Kam Hermines leise Antwort und schlug sich die Hände vor das Gesicht. „Einen dummen Fehler."

Hermine berichtete ihrer Freundin von dem Kuss und was an diesem Nachmittag geschehen war.

„Was soll ich denn jetzt nur machen Julie? Ich habe alles kaputt gemacht."

Julie schwieg. Wie sollte sie Hermine helfen? Die ganz Situation war sehr verfahren. Oder vielleicht nicht ganz...

„Schau Hermine, Draco mag dich und Ron hat dich auch noch immer gern. Beide werden sich schon wieder beruhigen. Ich denke aber, dass du dir erst einmal klar darüber werden solltest, was du eigentlich willst und dann den ersten Schritt auf sie zu tun."

Hermine nickte und schluckte. „Du hast recht. Nur woher weiß ich was ich will? Vor ein paar Wochen war mein einziger Wunsch eine Schule zu gründen und jetzt ist alles so verwirrend."

Julie musterte ihre Freundin. „Lass mich dir eine Frage stellen. Hast du dich in Draco verliebt?"

„Nein." kam Hermines prompte Antwort. Doch Julie schaute sie durchdringend an. „Ich meine, ich weiß es nicht. Ich gebe zu, er ist attraktiv und so ganz anders, als ich ihn in Erinnerung habe, aber ich kann nicht vergessen, wer er ist und was er getan hat. Er kann so lieb sein, aber er fällt immer wieder zurück in seine Rolle als arrogantes Arschloch."

„Hermine, du sollst auch nicht vergessen wer er ist und was er getan hat. Es wird immer ein Teil von ihm sein. Die Frage ist, ob du ihm seine Taten verzeihen kannst."

Hermine wurde still. Hatte sie Draco nicht schon längst verziehen? Sie fasste einen Entschluss.

„Julie, du hast mal wieder Recht. Ich werde morgen zu Draco gehen und mit ihm reden, doch vorher werde ich Severus besuchen."

„Was hat Severus Snape mit der Sache zu tun?"

„Severus muss mir helfen, damit ich Draco helfen kann."

„Ah ja, du weißt schon was du machst." Julie grinste. Sie war froh ihre Freundin wieder Pläne schmieden zu hören.

„Ja, das tue ich."

Am nächsten morgen stand Hermine früh auf, sie wollte noch bevor die erste Vorlesung begann in die Winkelgasse aparieren, um von dem dortigen Postamt eine Eule an Severus Snape zu schicken. Sie wollte diesem am Abend einen Besuch abstatten und wusste, dass ihr ehemaliger Tränkemeister oft sehr beschäftigt war, weshalb sie ihn nicht unangemeldet stören wollte.

Sie schrieb:

Lieber Severus,

Hermine musste schmunzeln, als Schülerin wäre sie nie darauf gekommen Sverus Snape als lieb zu bezeichnen.

es ist schon lang her, dass ich dir und Hogwarts einen Besuch abgestattet habe,

deshalb würde ich sehr gern heute Abend kommen, in der Hoffnung, dass du

nicht all zu viel zu erledigen hast.

Hermine Granger

Der Vormittag verging schnell und als Hermine am Nachmittag in ihr Zimmer zurückkehrte, saß draußen von ihrem Fenster schon eine Eule mit einer Antwort:

Hermine,

meine Arbeit wird einen Abend ruhen können.

Severus Snape

Hermine seufzte. Nun musste sie sich nur noch klar darüber werden worum sie ihn eigentlich bitten wollte.

Vom Tropfenden Kessel aus reiste Hermine durchs Flohnetzwerk nach Hogsmeade in die Drei Besen. Sie grüßte kurz Madam Rosmerta und machte sich dann auf den Weg hinauf zum Schloss. Es war nun schon so lang her, dass sie hier zur Schule ging und doch fühlte es sich an, als sei sie nach Haus gekommen. Es begann dunkel zu werden und die hell erleuchteten Fenster waren so einladent, dass sie es kaum erwarten konnte, durch das Eingangsportal zu treten und einige der bekannten Gesichter wieder zu sehen.

Als sie endlich das Schloss erreicht hatte, sah sie zunächst nur einige Schüler, die sie im vorbeigehen mit grossen Augen musterten und anfingen zu tuscheln.

Hermine wunderte sich nicht weiter darüber. Seit sie an Harrys Seite in der großen Schlacht gekämpft hatte, war auch sie ein wenig berühmt geworden und hatte sich seit dem gefragt, wie Harry es die ganzen Jahre ausgehalten hatte.

Sie sah sich um. Von dem Schaden, welchen die Schlacht angerichtet hatte, war nichts mehr zu sehen, alles sah aus wie immer.

"Hermine! Wie schön dich zu sehen!" Es war Neville, der gerade aus der grossen Halle kam. "Severus sagte mir, dass du kommen wolltest." Neville war der Assistent von Prof. Sprout und würde in ein paar Jahren den Posten als Käutekunderlehrer übernehmen, wenn sie in den Ruhestand ginge.

"Neville! Es ist auch schön dich zu sehen!" Sie umarmte ihn. "Ich habe etwas mit Severus zu besprechen. Kannst du mir sagen wo er gearade ist?"

"Ja, allerdings, das kann ich. Er ist gerade noch beim Essen." Er schaute sie mit einem Blick an, den Hermine nicht deuten konnte. "Hermine ist alles in Ordnung?"

"Ja, weshalb fragst du?"

"Nur so, ich meine wegen des Artikels im Tagespropheten heute und weil du jetzt mit Severus sprechen möchtest."

"Welchen Artikel?" Sie hatte heute keine Yeit gehabt den Tagespropheten zu lesen.

"Du hast ihn nicht gelesen?" Neville schaute sich nervös um. "In diesem Artikel wird von einer Schlägerei zwischen Ron und Malfoy berichtet und dass es dabei um dich ging." Neville strich sich verlegen durch die Haare. "Ausserdem behauptet der Prophet, dass du jetzt mit Malfoy zusammen seist. Ist das wahr?"

"Nein Neville das ist nicht wahr." Hermine war wütend. "Argh! Warum muss der Tagesprophet nur immer alles durcheinander bringen?"

"Hermine beruhig dich, wenn an der Sache nichts dran ist, dann wird es schon bald wieder vom Tisch sein."

"Ich hoffe du hast Recht."

"Klar!" sagte Neville nun wieder munter. "Soll ich dich noch in die große Halle begleiten?"

„Danke, aber das brauchst du nicht."

Sie verabschiedeten sich und Hermine trat in die große Halle. Es waren nicht mehr viele Schüler anwesend. Und auch der Lehrertisch an der Stirnseite der großen Halle war nahezu unbesetzt. Um genauer zu sein, es saßen nur zwei Personen daran. Zum einen Minerva McGonagall, die nun Schulleiterin war, zum anderen Severus Snape. Sie unterhielten sich angeregt und bemerkten Hermine erst, als diese direkt von ihnen stand.

„Guten Abend Minerva! Guten Abend Severus!" begrüßte Hermine sie.

„Hermine! Schön, dass du mal wieder vorbei schaust." Begrüßte sie die Direktorin. „Wie geht es mit deinem Studium voran? Hast du schon Prüfungen?" Die ältere war aufgestanden und schüttelte Hermine nun ihre Hand.

„Nein, die sind, Merlin sei Dank, erst in fünf Wochen."

„Hat die kleine Miss Naseweiss etwa Prüfungsangst?"

„Severus! Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du mich so nennst."

„Und du weißt, dass ich es mag die Menschen zu ärgern."

„Du bist hoffnungslos." gab Hermine auf.

„Nicht ganz!" meinte er trocken. „Ich habe noch immer die Hoffnung, dass ich eines Tages aufwache und feststelle, dass sämtliche Schüler ihre Hausarbeiten zufriedenstellend erledigt haben." Sein Blick wanderte durch die Halle zu einem Schüler am Griffindortisch. Der Junge bemerkte es und stieß daraufhin einen Becher mit Kürbissaft um.

Professor McGonagall folgte seinem Blick. „Severus, dieser Junge zeigt außerordentliche Fähigkeiten in anderen Fächern. Und ich bin mir sicher er bemüht sich auch in Zaubertränke besser zu werden."

Hermine räusperte sich, sie hatte keine Lust, dass die Beiden in Streit gerieten. Sie sah Snape an. „Severus, wenn du hier fertig bist würde ich sehr gern mit dir unter vier Augen sprechen."

Er sah sie durchdringend an, dann stand er auf. „Ja, natürlich. Minerva, entschuldigst du uns bitte."

Minerva tat eine Geste der Zustimmung und meinte an Hermine gerichtet. „Komm doch später noch in meinem Büro vorbei, ich habe zwar noch einen Termin mit dem Zaubereiminister, doch Kingsley hätte sicherlich nichts dagegen, wenn du dazu stoßen würdest."

„Sehr gern, aber es geht nicht. Ich habe morgen früh eine wichtige Vorlesung." Das war eine Lüge, doch sie hatte vor noch an diesem Abend zu Draco zu gehen. „Ich verspreche, dass so bald die Prüfungen vorüber sind werde ich wieder vorbei kommen."

Damit ließen sie Minerva allein zurück in der großen Halle und machten sich auf den Weg hinunter in die Kerker, in denen Severus seine Privaträume hatte.

Sie sprachen auf dem ganzen Weg kein Wort miteinander. Severus sprach von Natur aus nicht sonderlich viel und Hermine grübelte noch immer darüber, was genau sie sich von ihm erhoffte.

In Severus´ Arbeitszimmer angekommen, deutete er ihr auf einem der Sessel vor dem Kamin Platz zu nehmen. Sie setzte sich, schwieg aber noch immer.

Er selbst machte es sich in dem ihr gegenüberstehenden Sessel gemütlich und beobachtete sie nachdenklich, er hatte den Artikel im Tagespropheten gelesen und war sich sicher, dass Hermine deshalb gekommen war.

„Hermine was ist so dringend, dass du mitten in der Woche ausgerechnet zu mir damit kommst?" fragte er, als er sich sicher war, dass sie nicht von allein anfangen würde.

Sie seufzte. „Wo soll ich nur anfangen?... Hast du heute den Tagespropheten gelesen?"

„Ja das habe ich." meinte Severus, lies sich aber nicht anmerken, dass er genau wusste worauf sie hinaus wollte.

„Dann hast du sicherlich die Schlagzeile gelesen...?"

„Ja. Hermine, wenn du allerdings einen Rat möchtest, bin ich wohl kaum der Richtige." Meinte er trocken.

„Nein." sie lächelte schief. „Deshalb bin ich nicht hier. Ich wollte dich allerdings um etwas bitten."

Hermine suchte nach Zeichen des Missmuts in Severus´ Gesicht, doch dieser verzog keine Miene.

„Könntest du dich mit Draco in Kontakt setzen? Er will die UTZ-Prüfungen nachholen und ich fürchte, dass er es ohne Hilfe nicht schaffen wird. Ausserdem denke ich, dass er sehr einsam ist und Menschen braucht, mit denen er reden kann, denen er vertrauen kann."

„Und was macht dich so sicher, dass ausgerechnet ich einer dieser Menschen bin, der ihm da helfen kann?"

„Severus, du warst es, der uns immer wieder gesagt hat, Draco sei kein schlechter Mensch." meinte Hermine jetzt etwas verunsichert.

„Das ist wahr, doch was macht dich Sicher, dass Draco mir vertrauen würde."

„Ihr wart zusammen auf der Flucht, du warst sein Hauslehrer und kennst ihn seit er ein kleiner Junge war. Wenn er dir nicht vertraut, wem dann?"

„Dir."

Hermine sah ihn verwundert an. „Mir? Wie kommst du darauf?"

„Nun ich habe die Bilder im Tagespropheten gesehen. Ich habe noch nie gesehen, dass Draco jemanden so im Arm gehalten hat. Seine... nun ja... Bekanntschaften in Hogwarts waren nicht sonderlich tiefgründig, wenn du verstehst."

Hermine klappte der Mund auf. Was sollte das bedeuten?

„Wenn das eine Anspielung, darauf sein soll, dass der Tagesprophet behauptet, wir seien ein Paar, dann liegst du falsch, ich möchte Draco nur helfen wieder ein ordentliches Leben zu führen."

Severus musterte sie und setzte dann ein überhebliches lächeln auf. „Sicher möchtest du das, doch weshalb wusste Ronald nichts davon?"

Hermine senkte den Kopf. „Ich wollte nicht, dass er sich aufregt. Ich wollte es ihm sagen, wenn... wenn ich mir sicher wahr wie ich Draco helfen konnte... und nun habe ich alles kaputt gemacht." In ihr begannen wieder die Tränen sich einen Weg an die Oberfläche zu bahnen.

Severus sah dies und er ärgerte sich darüber, dass er angefangen hatte in dieser Wunde zu bohren. „Es war Ronald, der es kaputt gemacht hat Hermine, nicht du. Ronald ist impulsiv und stur wie eh und je und er wird sich beruhigen. Was Draco angeht, ich werde mich nicht ein weiteres Mal in sein Leben einmischen." Seine Mine verhärtete sich.

„Bitte Severus!" Sie sah ihn aus großen Augen an.

„Nein, und das ist mein letztes Wort." Herrschte er sie an.

Sie senkte ihren Kopf. Das hier hatte sie sich anders vorgestellt. „Also gut, dann habe ich nicht mehr mit dir zu besprechen." Sie stand auf und ging in Richtung der Tür, dort angekommen drehte sie sich noch einmal um. „Auf Wiedersehen Professor Snape." Und damit war sie verschwunden.

Was Hermine nun nicht mehr sah, war der erstaunte Ausdruck in Severus Snapes Gesicht. Auch wenn er es nie offen zugeben würde, so hatte es ihn ein wenig verletzt, dass Hermine dazu übergegangen war ihn mit Professor anzusprechen. Er ging hinüber zu seinem Schreibtisch und öffnete die untere Schublade und entnahm dieser ein Rolle Pergament. Er hatte schon vor einiger Zeit einen Plan für Draco erstellt, für den Fall, dass er seine UTZ-Prüfungen nachholen wollte. Severus hatte sich damals allerdings vorgestellt, dass Draco selbst zu ihm kam um ihn um Hilfe zu bitten. Nun war er enttäuscht, dass Draco seit seiner Entlassung aus Askaban vor über einem halben Jahr nicht versucht hatte mit ihm in Kontakt zu treten.

Er machte sich mit dem Pergament in der Hand auf in die Eulerei. Auf dem Weg dorthin verfluchte er sich allerdings mehrfach dafür, dass er so weich geworden war.