Kapitel 2
Dinah langweilte sich. Sie saß nun schon seit zwei Stunden in ihrem Wagen und beobachtete den Eingang jenes Hauses, in dem der Mönch verschwunden war. Sie überlegte, ob sie vielleicht hineingehen sollte, um nach ihm zu suchen. Doch Dinah verwarf den Gedanken gleich wieder, denn eines stand fest: sollte es in diesem Haus noch mehr Mönche geben, würde sie jeden ausschalten müssen, nur um sicher zu gehen, dass sie auch den Richtigen erwischte. Das war einerseits viel zu anstrengend und andererseits völlig sinnlos. Sie hatte ihn nicht genau erkennen können und die Suche nach ihm in diesem Haus wäre nichts anderes als die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Dafür reichte Dinah's Geduld bei weitem nicht aus. Warum mußte es auch ein Mönch sein? Wo sie doch alle gleich aussahen in dieser verflixten Kutte.
Dinah ließ den Kopf nach hinten sinken auf die Nackenstütze ihres Sitzes. Sie schloß für einen Moment die Augen und seufzte entnervt auf. Als sie die Augen wieder öffnete, starrte sie die Innenverkleidung an der Decke ihres Wagens an. Dabei bemerkte sie ein winziges Loch in dem ansonsten tadellosen schwarzen Lederbezug. Sie fragte sich, wie es wohl dorthin gekommen sein mochte. Dinah schloß erneut die Augen und stieß einen frustrierten Stoßseufzer aus während sie den Kopf schüttelte, so, als wollte sie alle irrsinnigen Gedanken abschütteln, die ihr vor Langeweile noch im Kopf herumschwirren könnten.
Konzentriere dich auf deinen Auftrag,versuchte sie sich zur Ruhe zu zwingen. Wenn nicht bald etwas passierte, würde sie noch völlig durchdrehen. Dinah öffnete die Augen und schaute wieder auf den Eingang des Hauses. Er sah noch genauso aus wie vorher. Sie zog die Augenbrauen zusammen und gönnte der Tür einen intensiven Blick, so als könnte ihr das bloße Anstarren der Tür die gewünschten Ergebnisse liefern. Natürlich passierte nichts. Dinah wandte frustriert den Blick von der Tür ab und sah sich um. Die Straße war ruhig, sie konnte nichts verdächtiges entdecken. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung in der Nähe. Sie sah hinüber und tatsächlich öffnete sich in diesem Moment die Eingangstür des Hauses, daß sie bisher beobachtet hatte. Heraus trat ein Möch. Er blieb vor dem Eingang auf dem Fußweg stehen und sah sich um. Als er in die Richtung sah, in der Dinah ihn von ihrem Auto aus beobachtete, sank sie instinktiv tiefer in ihren Sitz hinein, nur um sich im nächsten Moment klarzumachen, daß er sie aufgrund der getönten Scheiben ihres Autos gar nicht sehen konnte. Dinah blieb reglos sitzen und beobachtete ihn angespannt. Nach einer Ewigkeit, wie es Dinah schien, setzte er sich in Bewegung und überquerte die Straße in Richtung des schwarzen Audi, der ein paar Autos weiter vor ihr parkte. Er öffnete die Fahrertür, sah sich noch einmal um und stieg dann ein.
Na das wird aber auch langsam Zeit,dachte Dinah, als sie den Motor ihres Wagens startete. Der Audi setzte sich langsam in Bewegung und fuhr davon. Dinah folgte ihm in sicherem Abstand. An der nächsten Kreuzung bog der Audi rechts ab und fuhr geradeaus weiter. Es sah ganz so aus, als wollte er aus der Stadt hinausfahren. Tatsächlich nahm er 10 Minuten später die Landstraße in Richtung Versailles. Dinah folgte ihm unauffällig, In den anschließenden Minuten, in denen sie mit genügend Abstand hinter ihm her fuhr, überlegte sie konzentriert, wie sie seiner habhaft werden könnte. Der Verkehr auf der Straße war der fortgeschrittenen Stunde entsprechend ruhig. Es kam ihnen niemand weiter entgegen. Sie schienen allein unterwegs zu sein. Der Unbekannte vor ihr fuhr mit unveränderter Geschwindigkeit weiter. Er schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Das sollte ihr nur Recht sein. Langsam zog Dinah die Geschwindigkeit an. Als sie ihn fast erreicht hatte, setzte sie dazu an, ihn auf der linken Spur zu überholen. Auf gleicher Höhe mit seinen Wagen paßte sie sich seiner Geschwindigkeit an. Sie fuhren so einige Augenblicke lang nebeneinander her. Dinah blickte immer wieder durch das Beifahrerfenster, um den Fahrer des anderen Wagens erkennen zu können. Er hatte sie mittlerweile bemerkt, denn auch er blickte immer wieder hektisch zu ihr hinüber. Unvermittelt beschleunigte er seinen Wagen, um an ihr vorbeizuziehen. Dinah wußte, daß sie jetzt handeln mußte, ansonsten würde sie irgendwann die Kontrolle über den Verlauf der Geschehnisse verlieren und das wollte sie nicht riskieren. Noch einmal sollte er ihr nicht entkommen. Dinah wußte, dass das, was sie tun wollte, unangenehm werden würde, vor allem für ihr Auto, was sie bedauerte, aber sie hatte keine Alternativen. Ein schnelles Handeln war das Einzige, was jetzt zählte.
Dinah sammelte sich innerlich und atmete tief durch. Ein Griff an den hinteren Hosenbund bestätigte ihr die Anwesenheit der geladenen Heckler und Koch USP 40. Dinah schaltete eine Gang höher und beschleunigte, bis sie ihn erneut erreicht hatte. Als ihr Wagen abermals auf der Höhe mit seinem war, riss sie das Lenkrad nach rechts und rammte ihn in die Seite, um ihn von der Fahrbahn abzubringen. Doch er schien geahnt zu haben, was sie vorhatte, denn er lenkte im selben Moment in ihre Richtung, so dass sie mitten auf der Straße aneinandergerieten. Sie fuhren ein paar Meter Tür an Tür nebeneinander her. Keiner wollte nachgeben. Schließlich lenkte er ein, löste sich von ihr und gab Gas. Dinah brachte ihren Wagen wieder unter Kontrolle und beschleunigte ebenfalls. Ein paar Meter weiter versuchte sie es erneut, erwischte ihn aber nur seitlich des Kofferraumes. Das hatte lediglich zur Folge, dass er einige Meter in Schlangenlinie zurücklegte, bevor er den Wagen wieder unter Kontrolle hatte und beschleunigte. Dinah fluchte leise vor sich hin. Das konnte so nicht mehr lange weiter gehen. Langsam verlor sie die Geduld. Er wollte offensichtlich nicht kampflos aufgeben, geschweige denn nachgeben. Nun gut, das konnte er haben. Dinah wollte dieses Spiel so schnell wie möglich beenden, auch wenn sie eine gute Herausforderung zu schätzen wußte. Sie mußte schnell handeln. Sie ließ sich hinter ihn zurückfallen und folgte ihm die nächsten paar Meter mit sicherem Abstand. Sollte er ruhig denken, er hätte sie abgehängt.
Du entkommst mir nicht, keine Sorge,dachte sie grimmig.m Sie fixierte seinen Wagen mit ihrem Blick. Eine altbekannte innere Erregung machte sich allmählich bemerkbar. Langsam fing es an, Spaß zu machen. Dinah atmete tief durch und gab Gas. Sie hielt direkt auf ihn zu. Als sie ihn beinahe erreicht hatte, lenkte sie blitzschnell ihren Wagen links an ihm vorbei auf die Gegenfahrbahn. Ebenso schnell riss sie das Steuer nach rechts, während sie weiterhin Gas gab. Ihr Wagen kollidierte mit seinem, wesentlich heftiger als die vorherigen Male. Funken sprühten, als sich die Fahrzeuge berührten. Dinah blickte immer wieder kurz zu dem Unbekannten hinüber, um zu sehen, was er vorhatte. Dabei gab sie weiterhin kontinuierlich Gas. Er versuchte verzweifelt, gegenzusteuern, schaffte es aber nicht, sich von ihr zu lösen. Dinah riss erneut das Steuer nach rechts, um ihm einen weiteren Stoß zu versetzen. Dieses Mal funktionierte es. Er kam von der Fahrbahn ab und wurde Tür an Tür mit Dinah's Wagen auf den Seitenstreifen gedrängt. Schließlich brachte er den Wagen zum stehen. Dinah hielt schräg vor ihm. Da sie seine Fahrertür mit ihrem Wagen blockiert hatte, mußte er auf den Beifahrersitz klettern, um auszusteigen. Dinah riss die Fahrertür auf, sprang aus ihrem Wagen und lief um die beiden Autos herum. Sie erreichte die Beifahrertür seines Wagens gerade in dem Moment, als er versuchte, auszusteigen. Er öffnete die Tür und kletterte hinaus. Dabei verfing er sich mit den Füßen in seiner Kutte, stolperte und fiel auf den Boden. Er wollte gerade aufstehen, als er hinter sich das Zuschlagen der Autotür hörte. Das Geräusch ließ ihn erstarren. Dinah stand vor ihm, mit gezogener Waffe und zielte auf ihn. Sie krümmte den Finger und wollte abdrücken. In diesem Moment drehte er sich auf den rechten Ellenbogen gestützt langsam zu ihr um., noch immer am Boden liegend. Die Kapuze war ihm vom Kopf gerutscht. Dinah konnte deutlich sein Gesicht erkennen, das von Strähnen weißen Haares umgeben war, so weiß wie seine Haut. Er sah sie mit seltsamen roten Augen an, von Schrecken und Entsetzen geweitet. Aber er blieb reglos liegen. Dinah sah ihn an und dachte für einen Moment, sie würde träumen. So viele Jahre waren vergangen und doch ... Sie blickte für einen Moment an ihm vorbei und lachte kurz auf. Dann sah sie erneut auf ihn herab und sagte: „Du?"
