III

Dinah überlegte angestrengt, was sie mit ihm anfangen sollte, jetzt, wo sie wußte, wer ihr Ziel war. Einerseits sollte sie ihren Auftrag so schnell wie möglich erledigen und die Gründe dafür anderen überlassen, das wußte sie aus Erfahrung. Andererseits würde sie schon gern wissen wollen, was ausgerechnet ihn zu ihrem Ziel gemacht hatte. Diese verflixte Neugier würde ihr keine Ruhe lassen, das wußte sie. Zumindest bis sie die Antworten hatte, mit denen sie sich in Dinge einmischte, die sie offensichtlich nicht interessieren sollten. Schließlich war sie Profi. Was soll's. Dinah stieß einen leicht frustrierten Stoßseufzer aus. Sie würde es bereuen, dass wußte sie. So wie jedes Mal zuvor. Doch das hatte sie bisher nie davon abgehalten, Dingen genauer auf den Grund zu gehen. Warum sollte es das also jetzt? Zeit, sich mit Gewissensbissen herumzuplagen, war später immer noch genug. Jedenfalls hoffte sie es. Sie schob den Gedanken ärgerlich in die hinterste Ecke ihres Gewissens. Mit einer geübten Bewegung steckte sie ihre Waffe zurück in den Hosenbund und ging langsam auf ihn zu. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen mit angespannter Aufmerksamkeit. Zumindest versuchte er sich nicht von ihr zu entfernen, als sie auf ihn zukam. Seine Haltung erinnerte eher an die einer Katze vor dem Sprung. Dinah näherte sich ihm vorsichtig, aber zielstrebig. Als sie schließlich vor ihm stand, sah sie ihm direkt in die Augen und befahl in einem knappen, herablassendem Ton :

„ Dreh dich um!"

Er bewegte sich nicht, sondern sah sie weiterhin nur stumm an. Dieses Mal allerdings sehr viel herausfordernder. Dinah griff mit der linken Hand nach hinten unter ihre Jacke, zog aus der Hosentasche langsam zwei miteinander verbundene Plastikschlaufen hervor und hielt ihren Arm an der Seite gestreckt von sich. Sie konnte sehen, wie sich sein Körper für den Bruchteil von Sekunden anspannte bei ihrer Bewegung, was Dinah mit einem kalten Lächeln quittierte. Er entspannte sich etwas, als er registrierte, was sie in der Hand hielt. Gleichzeitig ließ Dinah ihre rechte Hand langsam nach hinten unter ihre Jacke gleiten und legte sie locker um den Griff ihrer Waffe . Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Er wußte, was sie jetzt in der Hand hatte, sie sah es mehr als deutlich daran, dass sich sein Blick verfinsterte. Dennoch bewegte er sich nicht. Dinah registrierte es wohlwollend.

Es ist besser, wenn du tust, was ich dir sage, zumindest für's erste.

Sie ging noch einen Schritt auf ihn zu, so dass seine Füße zwischen ihren Beinen lagen. Dann wiederholte sie leise ihre Worte mit deutlich verschärftem Tonfall, während sie jedes Wort einzeln betonte:

„Dreh dich um!"

Langsam drehte er sich um und lag auf dem Bauch, den Kopf leicht angehoben.

„Die Hände auf den Rücken", sagte sie ruhig, aber bestimmt.

Zögernd kam er ihrer Anweisung nach. Dinah ging noch weitere zwei Schritte auf ihn zu, bis sie seine Hände erreicht hatte. Mit schnellen Bewegungen steckte sie jede seiner Hände durch eine der Schlaufen und zog sie fest. Vielleicht zu fest, denn er stöhnte leise auf. Dinah vergewisserte sich kurz, dass er es aushalten würde und sagte dann deutlich:

„Und jetzt steh' auf."

Er rührte sich nicht.

„Ich sagte, steh auf!"

Doch nichts passierte. Dinah gefiel das nicht. Aber seine Sturheit würde ihm nicht helfen. Na schön, er wollte also nicht kooperieren. Dabei hatte es doch ganz gut angefangen. Sie beugte sich über ihn und packte ihn mit beiden Händen an seinen Oberarmen. Sie waren erstaunlich muskulös. Sie verstärkte ihren Griff und hob ihn leicht an. Dabei beugte sie sich zu ihm hinab und raunte ihm mit bedrohlichem Unterton in der Stimme ins Ohr:

„Steh endlich auf."

Noch immer passierte nichts. Dinah wurde es langsam zu bunt. Sie riss ihn heftig ein Stück höher und versetzte ihm zusätzlich einen Tritt mit der Fußspitze in die rechte Seite seines Oberkörpers, der ihn merklich zusammenzucken ließ. Sie zog ihn nochmals an den Armen, und langsam gab er doch nach und ließ sich auf die Kniee sinken. Sie ließ ihn los und trat ein paar Schritte zurück. Langsam richtete er sich auf. Er stand mit dem Rücken zu ihr und bewegte sich nicht. Dinah zog erneut ihre Waffe und zielte auf ihn. Dann stieß sie ihn an und sagte:

„Beweg' dich, na los."

Widerstrebend setzte er sich in Bewegung. Sie liefen um seinen Wagen herum. An Dinahs Wagen angekommen, öffnete sie die hintere Wagentür.

„Steig ein", befahl sie ihm.

Er rührte sich nicht, sondern preßte wütend hervor:

„Was soll das? Wohin willst du mich bringen?"

Dinah verlor zielsicher die Geduld mit ihm. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihn zu verschonen. Wieso fiel es ihr so schwer, bei ihm konsequent zu bleiben?

Er ist nur ein Auftrag, konzentrier' dich und bleib' ruhig. Dinah atmete mehrmals tief durch und erwiderte dann so ruhig aber bestimmt wie möglich:

„Du bist nicht in der Position, um Fragen zu stellen, auf die du sowieso keine Antworten kriegst. Also mach' es einfach mir und vor allem dir leichter, hör ' auf zu diskutieren und steig ein."

Er drehte den Kopf und sah sie über die Schulter hinweg an. In seinen Augen lag ein zorniges Funkeln. Er war doch wesentlich größer, als sie gedacht hatte. Aber das schüchterte sie nicht ein. Sie stützte sich mit der rechten Hand, in der sie die Waffe hielt, am Wagendach ab und wartete gespannt auf seine Reaktion. Egal, was er vorhatte, sie wußte, wie sie jegliche Diskussion enorm abkürzen konnte und genau das würde sie tun, sollte er nicht aufgeben. Und genau danach sah es ja aus. Irgendwie sah er aus wie ein trotziges Kind, was seine Situation nicht gerade verbesserte, aber ihren Jagdinstinkt weckte, und seine Faszination, die er zweifellos auf sie ausübte, erhöhte. Endlich unterbrach er das angespannte Schweigen und ließ sich dazu herab, ihr eine Antwort hinzuwerfen.

„Ich werde nirgendwo einsteigen. Ich will erst wissen, wo es hingeht."

Dinah hatte es satt. Fehlte nur noch, dass er mit den Füßen aufstampfte und anfing, zu heulen. Er wollte es einfach nicht lassen. Sie sah ihm direkt in die Augen, beugte sich leicht vor und erwiderte trocken:

„Seit wann wird denn hier verhandelt?"

Urplötzlich schlug sie zu. Sie traf ihn mit dem Pistolenknauf hart oberhalb der Schläfe. Er sackte zusammen und fiel ihr entgegen. Sie konnte ihn gerade so abfangen und den Schwung ins Wageninnere umlenken, wo er geräuschvoll auf die Rückbank fiel. Sie verstaute seine Beine auf dem Sitz und schlug die Tür zu. Dann ging sie zur Fahrertür, öffnete sie und stieg ein. Sie saß ein paar Sekunden lang ruhig da. Dann vergewisserte sie sich mit einem Blick in den Rückspiegel, dass der Mönch immer noch reglos auf der Rückbank lag. Wie er da so lag, sah er sogar ganz friedlich aus, irgendwie hilflos. Und irgendwie vertraut, aber es war schon so lange her...

Dinah sah weg, schüttelte den Kopf und startete den Wagen. Solche Gedanken waren nicht gut, sie lenkten nur ab, auch wenn sie wußte, dass sie sich früher oder später ihrer Vergangenheit würde stellen müssen, ihrer beider Vergangenheit. Dann lieber später als früher, soviel stand fest.

Dinah fuhr los und überlegte, wo sie mit ihm hin sollte. Sie brauchte einen Ort, wo sie in Ruhe reden konnten, wo aber auch niemand sie kennen würde. Zu ihr nach Hause war unmöglich. Davon abgesehen brachte sie sich nie Arbeit mit nach Hause. Dinah blickte noch einmal kurz in den Rückspiegel und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße. Nein, auch für ihn würde sie keine Ausnahme machen. Sie kannte nur einen ruhigen Ort hier in der Nähe, der sich für ihre Zwecke eignete. Sie hoffte nur, dass sich die Investition, die sie dafür tätigen mußte, auch lohnen würde. An der nächsten Abfahrt steuerte sie den Wagen in diese Richtung.

Diese Nacht war noch längst nicht zu Ende. Sie fing gerade erst an, spannend zu werden. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einem wachsenden Gefühl angespannter Vorfreude in ihrem Innerem gab sie Gas.