IV

Es war noch gut zwei Stunden hin bis zum Morgengrauen, als Dinah den Wagen auf dem kleinen Parkplatz vor einem Motel zum Halten brachte. Sie stellte den Motor ab und überzeugte sich mit einem Blick in den Rückspiegel, dass ihre Fracht noch wohlverstaut auf der Rückbank lag. Der Mönch war wach und starrte gedankenversunken die Innenverkleidung der Wagendecke an. Er zuckte nicht einmal mit einer Wimper. Welchen seltsamen Grund es für dieses Wiedersehen auch immer gab, sie würde es bald herausfinden. Dinah atmete tief durch und stieg aus. Sie verschloß die Wagentüren sorgfältig und sah sich um. Die gesamte Anlage war nicht sonderlich groß, bestand aus zwei heruntergekommenen Gebäuden, die den Parkplatz rechtwinklig umrahmten. Keines der Fenster im vor ihr liegenden Gebäude war erleuchtet. Ein gutes Zeichen, sprach es doch dafür, dass sie allein waren. Auf dem Parkplatz befand sich nur noch ein weiterer Wagen, ein alter schwarzer Dodge, der vor dem Eckfenster des zweiten Gebäudes parkte. Dinah kannte den Wagen, er gehörte dem Besitzer des Motels. Sie ließ ihren Blick noch einmal über das Gelände schweifen, um sich zu versichern, dass sie auch wirklich allein waren. Dann ging sie langsam auf das ihr gegenüberliegende Gebäude zu. Es war an der Zeit, ein paar alte Gefälligkeiten einzufordern.

Das Zimmer war klein uund sparsam möbiliert,um nicht zu sagen spartanisch, verfügte aber trotzdem über ein Zimmer und ein kleines Bad mit einer Dusche darin. Dinah bedeutete dem Mönch mit einem wortlosen Nicken, hineinzugehen. Langsam setzte er sich in Bewegung. Dann verschloß sorgfältig die Tür hinter sich und zog die Vorhänge vor die Fenster. Dinah schaltete das Licht an und blieb einige Schritte entfernt von ihm stehen. Er stand reglos mitten im Zimmer und sah sie an. Es vergingen einige Minuten angespannten Schweigens, in denen sie sich beide einfach nur ansahen. Dinah betrachtete ihn jetzt zum ersten Mal genauer. Dabei versuchte sie, den Anblick, der sich ihr bot, mit den wenigen Fragmenten abzugleichen, die sich in ihrer Erinnerung finden ließen. Er hatte sich kaum verändert, war noch genauso schlank und bleich wie früher. Diesselben zerzausten, bleichen Haare, die ihm in wilden Strähnen auf die Schultern fielen. Seine Gesichtszüge waren härter und männlicher, nichts erinnerte mehr an den verstörten, unberechenbaren und wortkargen Jungen, den sie einst gekannt und beinahe gefürchtet hatte. Er hatte die verdreckten und abgewetzten Sachen gegen eine Mönchskutte getauscht. Lediglich sein Blick war irgendwie vertraut und doch seltsam fremd. Die Wut von einst darin war kalter Berechnung gewichen, mit der er sie nun abschätzend musterte. Dinah entschloß sich, das Schweigen zu beenden und ihm die Alternativen der nächsten Stunden zu offenbaren. Nicht, daß er wirklich eine Wahl hatte. Aber sie hoffte, dass es ihn kooperativer machen würde.

„Da es dich so brennend interessiert, wie du zu dem zweifelhaften Vergnügen kommst, meine Gesellschaft aufzuwerten, schlage ich dir ein Geschäft vor, von dem wir beide profitieren können, wenn sich jeder an die Regeln hält. Was hältst du davon?", fragte sie ihn mit kalter Ironie in der Stimme. Er sah sie unvermindert starr an, wobei sein Blick eine herausfordernde Neugier zur Schau stellte, zeigte jedoch nicht die leisesten Anzeichen zu irgendeiner Reaktion.

Nun gut, dachte sie, das könnte also etwas länger dauern. Sie verschränkte die Arme vor ihrem Oberkörper und versuchte es erneut.

„Also schön, ich werte die offene Unbefangenheit deines Blickes vorübergehend als Zustimmung und komme gleich zur Sache. Du kommst hier nicht raus, es sei denn, ich gestatte es dir. Ob ich dies tue, liegt vollständig an dir. Je zufriedenstellender du mir den Umstand erläuterst, der mich wider jede Vernunft dazu veranlaßt hat, die Nacht in deiner bis jetzt wenig schmeichelhaften Gesellschaft zu verbringen, umso eher könnte ich mich dazu hinreißen lassen, mich von dir zu erlösen", fügte sie mit einem leicht sarkakastischen und gelangweilten Tonfall hinzu.

Er gönnte ihr einen vernichtenden Blick, der wahre Bände sprach.

„Sprich dich ruhig aus", setzte sie mit einem eiskalten Lächeln hinzu.

Er kam einen Schritt auf sie zu. Mit einem bedrohlichen Unterton erwiderte er leise:

„Was bringt dich auf den Gedanken, daß ich dein Angebot auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen könnte?"

Sie trat ebenfalls auf ihn zu und erwiderte genauso leise und drohend:

„Die Tatsache, daß eine dadurch stattfindende Verlängerung deines Lebens dir durchaus willkommen sein könnte."

Dinah ließ ihren Worten ein hinreißendes Lächeln folgen. Es verfehlte nicht seine Wirkung. Er lachte leise auf und sah sie provozierend an.

„Der Tod wäre vielleicht eine willkommene Abwechslung", entgegnete er. „Er würde mich zumindest von deiner penetranten Arroganz befreien."

Dinah sah ihn seelenruhig an und ließ ihre rechte Hand langsam unter ihre Jacke gleiten in Richtung Hosenbund, in dem noch immer ihre Waffe steckte. Sie legte ihre Hand locker auf den Griff. Dabei ließ sie ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen. So entging es ihr auch nicht, daß sich sein Körper bei ihrer Bewegung unwillkürlich anspannte. Auch er ließ sie nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Wie du willst", erwiderte sie trocken.

Die Anspannung, die während der nächsten endlos scheinenden Sekunden zwischen ihnen stand, war beinah schon körperlich greifbar. Doch keiner rührte sich. Schließlich brach er das Schweigen.

„Aber vielleicht nicht jetzt und nicht heute. Auch ich habe Fragen, auf die ich eine Antwort erwarte", lenkte er widerwillig, aber so ruhig wie möglich ein. Dinah zuckte mit den Schultern und sagte, „Schön, daß wir zumindest in diesem Punkt einer Meinung sind."

Er schien nicht gerade der entscheidungsfreudigste Mensch zu sein. Dinah ließ ihren rechten Arm wieder nach vorn gleiten und musterte ihn aufmerksam. Soweit, so gut, Hauptsache, er bleibt kooperativ.Trotzdem ahnte sie, daß dies ein sehr langer Tag werden würde. Sie ging noch einige Schritte auf ihn zu und blieb genau vor ihm stehen. Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.

„Als Zeichen meines Entgegenkommens werde ich dir die Fesseln lösen. Nebenan ist ein Bad, da kannst du eine Dusche nehmen, wenn du willst", sagte sie so ruhig wie möglich. „Verschwende erst gar keinen Gedanken an Flucht, das Zimmer hat kein Fenster", fügte sie hinzu, als sie ein kalkuliertes Interesse in seinem Blick wahrnahm. Er erwiderte nichts, sondern sah sie nur berechnend an. Schließlich drehte er ihr leicht den Rücken zu und hielt ihr seine Hände entgegen. Dinah löste die Fesseln und steckte sie mit der linken Hand wieder zurück in die Hosentasche. Er stand vor ihr und massierte sich die Handgelenke, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Als er fertig war, sah er sie an. Dinah konnte sehen, daß er angestrengt überlegte, was er tun sollte. Es war ein kritischer Moment, schließlich könnte er sie überwältigen und flüchten. Er spielte mit dem Gedanken, daß war deutlich zu sehen, entschied sich aber dann doch anders, indem er sie stehen ließ und an ihr vorbei in Richtung Bad lief. An der Tür angekommen, drehte er sich noch einmal um und sah sie mit einem seltsam abwesenden und fragenden Blick an. Dann öffnete er die Tür, trat ein und veschloß sie sorgfältig hinter sich.

Dinah atmete hörbar aus und ließ sich auf die Couch fallen, die in der Nähe der Tür stand. Sie lehnte den Kopf zurück, schloß die Augen ud versuchte, sich zu entspannen. Nebenan wurde das Geräusch von fließendem Wasser hörbar. Sie überlegte, wann sie das letzte Mal eine so seltsame und anstrengende Nacht hatte hinter sich bringen müssen. Keiner ihrer bisherigen Aufträge war derart kurios gewesen. Und das will bei einer mehr als ein Jahrzehnt andauernden Ausübung ihres Jobs schon einiges heißen. Aber wie oft hatte man auch das zweifelhafte Vergnügen, einen Mönch erledigen zu sollen? Sie fragte sich schon fast, was sie damals in jener schicksalhaften Nacht geritten hatte, ihre Zustimung zu geben.

Warum gerade er? Konnte es nicht wenigtens ein kleiner, einfältiger, plumper Mönch sein, den sie nicht kannte und der ihr völlig egal war? Dann wäre jetzt bereits alles erledigt, sie könnte in Ruhe zu Hause sein und auf ihrem Balkon den Sonnenaufgang genießen. Irgendwer wollte ihr das scheinbar nicht gönnen.

Sie schob den Gedanken ärgerlich bei Seite. Sie war nun einmal hier und mußte das Beste aus der Situation machen. Bisher lief nichts, wie sie es geplant hatte. Es war zum verrückt werden. Sie hoffte, daß der Rest dieses Abenteuers positiver für sie verlaufen würde. Jedenfalls verschwendete sie keinen Gedanken daran, noch irgendetwas planen zu wollen. Es schien sinnlos zu sein. Für's erste mußte sie nur dafür sorgen, ihn so ruhig wie möglich zu halten und, vor allem, ihn zum Reden zu bringen. Die weiteren Schritte würde sie entscheiden,wenn es soweit war. Es wäre reine Zeitverschwendung, sich jetzt damit zu befassen