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Als sie ihre Umgebung wieder bewußter wahrnahm, stellte Dinah fest, dass es nebenan sehr ruhig war. Geradezu verdächtig ruhig. Sie öffnete die Augen und sah sich um. Er war nirgends zu sehen, also musste er noch im Bad sein. Ungeduldig wartete sie auf irgendeine Bewegung. Aber es passierte nichts. Ein paar Minuten später hielt Dinah es einfach nicht mehr aus, stellte sich vor die Tür und lauschte. Sekunden später hörte sie wieder das Rauschen des Wassers. Sie drehte sich um und wollte schon wieder zur Couch zurückgehen, überlegte es sich aber anders. Es konnte ja nicht schaden, auf Nummer sicher zu gehen. Vorsichtig legte Dinah die Hand auf die Klinke und drückte sie so leise wie möglich nach unten. Nahezu lautlos öffnete sie die Tür einen kleinen Spalt breit, immer darauf achtend, ob sie das Geräusch des Wassers noch hörte. Sie schlüpfte durch den Türspalt und lehnte die Tür an, ohne sie zu verschließen.
Dinah sah sich um. Seine Sachen lagen auf einem Stuhl direkt vor ihr. Er selbst stand unter der Dusche, mit dem Rücken zu ihr. Durch den transparenten Duschvorhang zeichneten sich versschwommen seine Konturen ab. An seinem rechten Oberschenkel bemerkte sie einen dunklen Streifen. Jedenfalls schien es ihr so, vielleicht war es aber auch nur ein Schatten. Dinah betrachtete ihn einige Momente lang aufmerksam. Er schien sie nicht bemerkt zu haben. Gut so. Sie beschloß, das Zimmer wieder zu verlassen, auch wenn der Anblick, den er bot, gar nicht so übel war. Doch sie verdrängte den Gedanken schnellstens wieder. Das ist äußerst unprofessionell, schalt sie sich in Gedanken, auch wenn sie sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen konnte. Auch ein Mönch ist unter seiner Kutte schließlich nur ein Mann. Sie drehte sich um und hatte die Hand schon an der Türklinke, als ihr Blick erneut auf den Stuhl mit seinen Sachen vor ihr fiel. Auf seiner Kutte lag ein metallener Gegenstand, der aussah wie ein Band oder Gürtel. Er hatte an verschiedenen Stellen dunkle Flecken. Sie beugte sich etwas tiefer hinunter, um ihn sich genauer anzusehen. Sie erschrak innerlich, als sie erkannte, was es mit den Fleken auf sich hatte. Dinah sah noch einmal hin. Nein, sie täuschte sich nicht, es waren eindeutig Blutflecke, einige davon schon eingetrocknet. Sie konnte sich nicht erklären, woher sie kommen sollten. Dann fiel ihr wieder der dunkle Streifen ein, den sie an seinem Bein erkannt zu haben glaubte. Die Schlußfolgerung, die Dinah dann zog, war so ungeheuerlich wie simpel. Wieso sollte jemand freiwillig einen Metallgürtel mit Dornen am Bein tragen? Das war einfach absurd. Aber es würde das Blut erklären, welches sich an dem Gürtel befand. Sie hatte davon gehört, dass es Menschen gab, die sich freiwillig ans Kreuz schlagen ließen, um die Leiden Christi nachzuempfinden. Vielleicht war das hier ja so etwas ähnliches. Dinah wollte nicht weiter darüber nachdenken. Dennoch würde sie ihn fragen müssen.
Leise verließ das Zimmer, ging zum Fenster,öffnete die Vorhänge einen Spalt breit und beobachtete den Parkplatz. Es waren immer noch keine anderen Autos angekommen, sie schienen also nach wie vor allein zu sein. Am Himmel zeigten sich die ersten rötlichen Streifen der aufkommenden Morgendämmerung. Sie zog die Vorhänge wieder zu, trat vom Fenster zurück und setzte sich auf die Couch, um zu warten. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und der Mönch trat ins Zimmer.Er hatte sich wieder in die Kutte gehüllt. Mit einer Hand schloß er leise die Tür hinter sich, blieb aber abwartend im Türrahmen stehen und musterte Dinah abschätzend. Sie stand auf, blieb aber vor der Couch stehen. Wieder vergingen Minuten angespannten Schweigens. Dinah nutzte die Zeit, um ihn genauer zu betrachten. Ihr Blick glitt langsam von seinem Kopf den Körper hinunter zu seinen Füßen und blieb dort hängen. Sie hatte es geahnt oder vielmehr befürchtet und wurde durch den Anblick, der sich ihr bot, bestätigt. Eine feine, rote Linie stahl sich heimlich an seinem rechten Knöchel entlang. Er musste also den seltsamen Gürtel wieder angelegt haben. Dinah erschauderte innerlich vor Abscheu, war aber sehr darauf bedacht, es ihn nicht merken zu lassen.
„Bist du etwa verletzt", fragte sie ihn vorsichtig ohne den Blick von seinem Fuß abzuwenden. Er folgte ihrem Blick und sah hinunter zu seinen Füßen. Mit einem Anflug von Panik erkannte er den Grund für ihre Frage. Er zog den Fuß zurück und sah sie wütend an.
„Das geht dich nichts an", erwiderte er leise und genervt. Dinah gab seinen Blick spöttisch zurück.
„Oh, das sehe ich allerdings entschieden anders. Ich bestehe auf dem Privilig, die Einzige zu sein, die dir bei Bedarf Verletzungen oder Schmerzen zufügt", entgegnete sie mit einem ironischen Lächeln in der Stimme, "für den Moment jedenfalls." Sie konnte sehen, wie er sich anspannte, bereit, jeden Moment auf sie loszugehen. Aber er tat es nicht. Statt dessen verharrte er auf seinem Platz und gönnte ihr den schon wohlbekannten, vernichtenden Blick, der sie erneut eher an ein trotziges Kind erinnerte, als das er sie einzuschüchtern vermochte. Dinah konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Er wollte sich also wieder selbst ein Bein stellen und sich jede noch so kleine Information mühsam aus der Nase ziehen lassen. Nun ja, sollte er es eben so haben, wenn er es so haben wollte. Es war ja nicht so, als hätte sie in nächster Zeit noch wichtige Termine. Sie zuckte leicht mit den Schultern und ging ein paar Schritte zurück. Dort schnappte sie sich den Stuhl, der neben dem Tisch stand und zog ihn zur Couch heran. Sie blieb dahinter stehen, eine Hand lag lässig auf der Stuhllehne.
„Da wir uns nun erhellenden Diskussionen zuwenden werden, schlage ich vor, du machst es dir bequem und setzt dich", sagte sie gelangweilt. Dabei deutete sie mit der anderen Hand in Richtung der Couch, blieb aber neben dem Stuhl stehen und sah ihn an. Als er keine Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen, nahm sie mit einem hörbaren Seufzer auf dem Stuhl Platz, ließ ihre Arme abstützend auf die Knie sinken und blickte ihn herausfordernd an. Dabei zog sie ihre linke Augenbraue leicht nach oben, um ihm mit einem eindeutig fordernden Blick zu bedeuten, er möge doch mal langsam in die Gänge kommen.
