VI

Zögernd und im Zeitlupentempo bewegte sich der Mönch auf die Couch zu und nahm darauf Platz.

„Sehr schön", kommentierte Dinah amüsiert sein Verhalten. „Wo sollen wir anfangen?" Doch er zuckte sich nicht, sondern starrte sie nur mit einem düsteren Blick an.

„Ich persönlich bin ja der Meinung, es würde deine Denkfähigkeit erheblich erhöhen, wenn du dich von diesem seltsamen metallenen Gürtel trennen könntest", bemerkte sie abschätzend, „genau der, der sich erneut an deinem rechten Oberschenkel befindet und dafür sorgt, dass du langsam aber sicher ausblutest."

Ihr war sein überraschter Blick nicht entgangen. „Das geht dich überhaupt nichts an", presste er wütend hervor.

„Hört, hört, er spricht", erwiderte Dinah erheitert. „Habe ich da etwa einen wunden Punkt getroffen?" Er sprang auf als wollte er auf sie losgehen, blieb aber stehen und schwankte leicht mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen.

„Du solltest dich wieder setzen", sagte sie kühl, „wir wollen diese Angelegenheit doch nicht unnötig in die Länge ziehen."

Noch immer wütend, aber kraftlos ließ er sich auf die Couch zurücksinken. Er legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Dinah lehnte sich etwas entspannter zurück und betrachtete ihn forschend. Sie überlegte, wie sie ihn dazu bringen konnte, ihr zu gestatten, sich die Wunde an seinem Oberschenkel genauer anzusehen. Einfach würde es nicht werden. Am günstigsten schien ihr immer noch der direkte Weg zu sein.

„Ich schlage vor, ich sehe mir diese sinnlose Wunde einmal an, um zu sehen, ob ich sie verarzten kann"; stellte sie nüchtern fest.

Seine Augen sprangen auf und musterten sie wütend. Er gab sich keine Mühe, den in seinem Blick deutlich zu sehenden Hass zu verbergen. Sie wusste, dass sie mit ihrem Vorschlag einen sehr empfindlichen Punkt angesprochen hatte. Doch es war nicht zu ändern. Sie musste wissen, woran sie mit ihm war. Ohne jegliche Regung hielt sie seinem Blick stand.

„Nein, das wirst du nicht", warf er ihr trotzig entgegen. Er versuchte, sich aufzurichten, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hielt aber in der Bewegung inne. Ihr Blick ließ ihm keinen Zweifel daran, dass sie seinen Widerspruch nicht duldete. Dinah behielt ihn unverändert im Auge.

„Hör zu, wenn du auch nur eine deiner Fragen beantwortet haben oder gar heil hier raus willst, solltest du kooperieren", stellte sie mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme leise und unmissverständlich fest. „Und komm mir nicht mit der scheinheiligen Ausrede, es gehe mich nichts an. Das tut es sehr wohl. Wir befinden uns beide in derselben Situation. So langsam reicht es mir, ich will diesen Auftrag so schnell wie möglich zu Ende führen. Das ich das bis jetzt noch nicht getan habe, verdankst du allein dem unseligen Umstand, dass meine Neugier mal wieder stärker war als ich. Doch das bereue ich mittlerweile zutiefst. Was mich nunmehr zu dem Entschluss gebracht hat, dieser Farce ein Ende zu bereiten, auf schnellstem Wege. Da der Kelch mit Geduld leider an mir vorüber ging, solltest du dir jeden weiteren Widerspruch verkneifen, wenn dir auch nur irgendetwas an deiner jämmerlichen Existenz liegt", fügte sie lauter und mit einer gefährlichen Schärfe hinzu. Sie war aufgesprungen und sah ihn an, ihr ganzer Körper vibrierte vor Wut und Anspannung. Sie machte sich auf einen Angriff seinerseits gefasst, doch er kam nicht.

Der Mönch saß wie versteinert auf der Couch und sah sie an, wie das hypnotisierte Kaninchen die Schlange vor dem Biss. Die Eiseskälte, die in ihrem Blick lag, ließ ihn unwillkürlich noch ein Stück tiefer in die Couch sinken. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, kam aber nicht dazu, da sie ihm unwirsch das Wort abschnitt und sehr bestimmend klarstellte „Es ist mir egal, was du dazu zu sagen hast. Rühr dich nicht von der Stelle."

Dinah konnte die in ihr aufkommende Wut kaum unterdrücken. Mit einer abrupten Bewegung wendete sie sich ab, durchquerte zügigen Schrittes den Raum und blieb vor dem Fenster stehen stehen. Sie löschte das Licht mit dem Schalter neben dem Fenster, zog die Vorhänge ein Stück zur Seite und sah hinaus. Mittlerweile war es hell geworden. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr die frühe Morgenstunde. Sie zog die Vorhänge wieder zu. Mit einem letzten, vernichtenden Blick auf ihn öffnete sie die Tür und trat hinaus.

Dinah ließ sich gegen die Wand neben der Tür sinken und atmete mehrmals tief durch. Wieso konnte sie nur so die Kontrolle verlieren? Das war einfach nicht gut. Es machte sie schwach und angreifbar, und das war etwas, dass sie sich jetzt absolut nicht leisten konnte. Sie ließ ihren Blick über den Parkplatz schweifen, um sich abzulenken. Sie musste überlegen, was sie als nächstes tun sollte, um die Situation zu ihren Gunsten zu wenden, bevor diese ein Eigenleben entwickeln konnte, das zunehmend unbeherrschbar wurde. Doch sie war zu angespannt, um auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können. Unvermittelt fing ihr Magen an zu knurren. Er erinnerte sie schmerzhaft daran, dass ihre letzte Mahlzeit schon mehr als vierundzwanzig Stunden zurücklag. Mit einem Schlag wurde ihr die eigene Erschöpfung schmerzlich bewusst. Dinah entschloss sich, bei dem Besitzer des Motels etwas Essbares aufzutreiben. Vielleicht beruhigte sie der Weg ein wenig. Sie konnte jedenfalls im Moment nicht wieder zu ihm hinein. Sie ging zu ihrem Wagen, öffnete die Beifahrertür, holte aus dem Handschuhfach einen kleinen schwarzen ledernen Beutel hervor, in dem sie ihre Medizin aufbewahrte und steckte ihn in ihre Hosentasche. Dann schloss sie die Wagentür wieder sorgfältig ab. Mit einem letzten abschätzenden Blick über die Gegend lief sie los.