VII
Als Dinah zurückkam, saß der Mönch noch immer regungslos auf derselben Stelle auf der Couch, wo sie ihn verlassen hatte. Irgendwie war sie drüber erleichtert. Er sah nicht auf, als sie eintrat, sondern starrte weiter vor sich hin. Dinah schloss die Tür, ging zum Tisch und stellte das Tablett ab, das sie mitgebracht hatte. Es war nicht viel, aber immerhin hatte sie dem Wirt etwas Obst, einen Kanten Brot und einen Krug mit Wasser abschwatzen können. Es würde schon für sie beide reichen.
Sie zog ein Messer aus ihrem Stiefel und zerteilte den Brotkanten in mehrere Scheiben. Dann steckte sie das Messer wieder weg, legte ein paar Scheiben Brot und etwas Obst auf einen Teller und füllte zwei Becher mit Wasser. Sie nahm den Teller und die Becher und setzte sich auf den Stuhl, der noch immer vor der Couch stand.
Dinah reichte dem Mönch einen der Becher, doch er regte sich nicht. Betont ruhig stellte sie den Becher neben ihn auf dem Boden ab. Dann hielt sie ihm den Teller mit dem Essen entgegen. Er sah sie nur an und schüttelte den Kopf. Sie hielt ihm den Teller noch näher entgegen, mit einem sehr fordernden Blick. Er wandte den Blick von ihr ab und schüttelte erneut den Kopf.
Dinah zog den Teller zurück und musterte ihn eingehend.
„Ich dachte, ich hätte klargestellt, was ich von derartigem Verhalten denke", sagte sie kühl. In diesem Moment fing sein Magen an, sehr laut zu knurren. Er sah sie kraftlos an und versuchte erneut den Kopf zu schütteln. Dinah konnte ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken.
„Wenn schon nicht auf mich, so solltest du wenigstens auf deinen Bauch hören und etwas essen", fügte sie ungeduldig hinzu.
Er richtete seinen Blick zuerst auf sie, dann auf das Essen. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Er hatte Hunger und hätte wohl alles auf einmal verschlungen, inklusive des Tellers, wenn sie nicht da gewesen wäre. Aber er beherrschte sich, wenn auch nur äußert mühsam. Er wollte ihr gegenüber offensichtlich keine Schwäche zeigen. Typisch Mann, dachte Dinah und rollte ungeduldig mit den Augen.
„Es beißt schon nicht, also greif zu", forderte sie ihn unwirsch auf. Langsam bewegte der Mönch seine rechte Hand in Richtung Teller und nahm sich eine Scheibe Brot herunter. Er sah sie an und biss unter ihrem vorwurfsvollen Blick ein Stück ab. Na also, geht doch, dachte Dinah und biss herzhaft in einen Apfel. Eine Weile saßen sie schweigend da und so langsam lehrte sich der Teller. Als sie fertig waren, stellte Dinah den Teller neben sich auf den Boden.
Mit einer Hand zog sie den kleinen schwarzen Lederbeutel aus ihrer Hosentasche und hielt ihn fest. Der Mönch war ihrer Bewegung mit den Augen gefolgt und betrachtete nun den Gegenstand in ihrer Hand mit äußerstem Misstrauen.
„Das ist nichts gefährliches", sagte Dinah beschwichtigend, als sie seinen Blick sah, „nur etwas, dass dir helfen könnte, die Schmerzen an deinem Bein zu lindern."
Doch er rührte sich nicht.
„Ich mache das nicht aus Nächstenliebe, sondern weil ich keinerlei Komplikationen mehr will", fügte sie klarstellend hinzu.
Der Mönch gönnte ihr einen vernichtenden Blick, zog jedoch widerwillig die Kutte ein Stück zur Seite und legte den rechten Oberschenkel soweit frei, dass der Gürtel sichtbar wurde. Bei dem sich ihr bietenden Anblick sog Dinah scharf die Luft ein, während sich ihr Blick verfinsterte. Was sie sah, war schlimmer, als sie erwartet hatte. Rings um den Gürtel waren Narben und einige offene Stellen zu sehen, die leicht bluteten. Die Haut hatte an diesen Stellen eine äußerst ungesunde Farbe und schimmerte purpur-schwarz.
„Nimm ihn ab!", forderte sie ihn auf, ohne den Blick von seinem Bein abzuwenden.
Er rührte sich nicht.
„Ich sagte, nimm ihn ab!", herrschte sie ihn ungehalten an.
Mit einer langsamen Bewegung löste der Mönch den Verschluss und begann, den Gürtel vorsichtig von der Haut abzuziehen, wobei die Trennung von einem ekelhaften, schmatzenden Geräusch begleitet wurde. Schließlich legte er den Gürtel neben sich auf die Couch. Aus den geöffneten Wunden lief pulsierend das Blut in kleinen Rinnsalen heraus.
Dinah konnte nicht glauben, was sie sah. Die Haut war an einigen Stellen schon soweit offen, dass das rohe Fleisch sichtbar wurde. Alles blutete und nässte, da kaum verheilte Wunden bereits mehrfach wieder aufgerissen worden waren. Welcher Gott maßt sich an, ein derartiges Opfer zu verlangen, dachte sie angewidert. Das ist die reinste Folter, aber gewiss kein Glaubensbekenntnis.
Dinah war geistesgegenwärtig genug, den Gedanken nicht laut auszusprechen. Es hätte den Mönch nur wütend gemacht und das konnte sie jetzt gar nicht brauchen. Es gab so viele Fragen, die dringend eine Antwort brauchten. Bisher hatte er sich als schwierig und widerwillig kooperativ gezeigt. Wenn sie nicht die nächsten Wochen in diesem stickigen Zimmer verbringen wollte, musste sie versuchen sein Vertrauen zu gewinnen, auch wenn sie noch nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte.
Dinah atmete tief durch, wandte den Blick von ihm ab und suchte in ihrem Lederbeutel nach der passenden Medizin.
