Weiter geht's!
Die Dinge geraten ins Rollen
Mit einem Mal war er hellwach. Verwirrt schaute er sich um. Es war stockdunkel. Wo war er? Und wieso war er aufgewacht? Der Hund schnüffelte mit seiner feinen Nase in die Luft und stellte seine Ohren auf, vielleicht erfuhr er so etwas. Sofort stieg ihm der Geruch zweier Personen in die Nase, die er nur zu gut kannte. Er konnte sie ruhig und regelmäßig atmen hören. Sie schliefen wohl. Und da waren Schritte. Schritte? Die näherkamen?
Augenblicklich setzte sich der Hund auf und einen winzigen Moment später war er wieder Sirius. Die Dunkelheit irritierte ihn. Doch sie schärfte sein Gehör. Auch er konnte die Schritte wahrnehmen, noch viel leiser zwar, aber sie kamen hierher. Sollte er die anderen warnen? Oder darauf hoffen, dass sie vorbeigingen?
Nein, er wollte kein Risiko eingehen.
„Aufwachen, jemand kommt!" zischte er energisch, aber nicht zu laut in die Dunkelheit. Er glaubte ein leises Rascheln zu hören.
„Wacht auf!" rief er jetzt lauter.
„Verdammt Black, was zur Hölle soll das?" erklang eine wütende Stimme aus dem Dunkel.
„So dunkel?... Sirius?... Was… was's los?" fragte jetzt auch eine zweite Stimme, die total verschlafen und irritiert klang und wenn sie nicht hier gewesen wären, hätte Sirius sich vermutlich köstlich darüber amüsiert. Aber nicht hier und vor allem nicht jetzt.
„Jemand kommt!" konnte er gerade noch sagen, als auch schon eine Tür aufschlug.
Das einflutende Licht war so dermaßen grell, dass er Remus schmerzhaft aufstöhnen hörte, und er selbst nicht mal sagen konnte, woher es kam. Verzweifelt riss er seine Hände hoch, um damit seine tränenden Augen zu schützen.
„Zeit fürs Verhör!" verkündete eine Stimme.
Sirius spähte zwischen seinen Fingern hindurch, versuchte irgendwas zu erkennen. Die offene Türe war die von Snape, doch er konnte nicht mehr als ein paar verschwommene, diffuse Silhouetten erkennen, dann schloss sich die Tür wieder und es war wieder finster. Alles war so verdammt schnell gegangen.
„Sirius?" kam eine unsichere Stimme aus der Dunkelheit.
„Ich bin hier Remus. Sie haben Snape mitgenommen." Und das musste wohl so sein, denn sonst hätte er jetzt schon protestiert.
„Mitten in der Nacht?"
„Es ist dunkel hier drin, aber ist es auch draußen Nacht? Wer weiß. Es ist ein guter Zeitpunkt für ein Verhör. So mitten aus dem Schlaf gerissen…"
„Wie lang hab ich geschlafen, Tatze?" Remus Stimme klang schon wieder fester als zuvor, der Schlaf schien ihm gut getan zu haben.
„Keine Ahnung, ich war selber ne Weile weg."
„Denkst du, dieser Rukschow wird Snape auch so behandeln?" fragte Remus ernst. Sirius konnte bereits an seiner Tonlage erkennen, dass er die Antwort genau kannte.
Doch tat er das? Sollte er seinem Freund sagen, dass Rukschow einen ganz besonderen Hass auf Todesser hatte, dass er sie gerne für jeden einzelnen Mord, den sie begangen hatten, bezahlen ließ?
Nein, das war jetzt nicht der richtige Augenblick für solche Gespräche. Erstens war es dunkel, das war nie gut, zweitens wollte er Remus und auch sich selbst nicht ängstigen. Snape war abgebrüht, er würde das schon packen. Aber er war auch furchtbar stolz…
Die Zeit verging, sie sprachen nicht viel und dennoch wussten sie, dass der andere genauso wach lag. Snape war noch nicht zurück, aber keiner von ihnen sprach das Thema an. Es war, als wollten sie sich selbst vor der Wahrheit schützen. Solange sie nicht darüber sprachen und nichts davon sehen mussten, bedeutete das ja noch nicht, dass es wahr war…
Doch mit einem Knall und schmerzhaft gleißendem Licht kehrte die Wahrheit und auch die Wirklichkeit zurück. Eine Tür schlug auf, alles versank in blendender Helligkeit, das dumpfe Aufschlagen eines menschlichen Körpers auf hartem Boden ertönte unglaublich laut in der bisher herrschenden Stille. Dann wieder ein Knall und Dunkelheit. Und wieder Stille.
„Severus?" Remus war schließlich der erste, der die Stille durchbrach. „Severus? Sag doch was!"
Keine Reaktion.
„Komm schon Snape! Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Verstecken zu spielen. Snape?" Doch auch Sirius hatte keine Chance. Es blieb still.
„Verflixt, was ist hier los?" fluchte Remus, doch Sirius konnte auch die Unsicherheit in seiner Stimme hören. „Ist er… bewusstlos? Oder…"
Sirius hatte eine Idee, flink verwandelte er sich in Tatze und schnüffelte und lauschte. Da waren Remus Atemzüge und das Rascheln seiner Kleidung und des Lakens, als er sich offenbar aufsetzte. Und er hörte ganz leise schwache Atemzüge, sie waren hastig und oberflächlich. Schnell änderte er wieder seine Form und wandte sich an seinen Freund.
„Er lebt… und ich rieche Blut!"
Zur selben Zeit ziemlich weit weg…
Genervt wälzte er sich zur anderen Seite und ließ seinen Kopf resigniert aufs Kissen fallen. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, schlafen konnte er nicht. Er seufzte, dann schlug er die Augen auf und schaute zum Fenster hinaus. Vollmond war jedenfalls nicht.
Doch eigentlich wusste er auch so, dass es nicht am Mond lag oder an sonstigen äußeren Faktoren. Es lag an ihm. Er machte sich Sorgen und er war verunsichert. Und wer war Schuld?
Sirius und Dumbledore.
Harry schlug die Decke zurück und stand auf. Hedwigs Käfig war leer, er hatte sie am Abend fliegen lassen, zum Jagen und sie war noch nicht zurück. Vielleicht würde sie ja…
Nein, würde sie nicht. Er schlug sich den Gedanken ganz schnell wieder aus dem Kopf.
Letzte Woche hatte er einen Brief an Sirius geschrieben, doch Hedwig war ohne eine Antwort zurückgekehrt und seitdem wartete er auf einen Brief. Er wusste ja, dass sein Pate manchmal etwas länger brauchte zum Antworten, aber solange hatte es noch nie gedauert.
Und dann war gestern Abend zu allem Überfluss auch noch diese Schleiereule aus Hogwarts aufgetaucht, die ihm diesen seltsamen Brief von Dumbledore gebracht hatte. Auch jetzt lag er noch auf dem Schreibtisch. Wieder einmal, wie schon dutzende Male zuvor, nahm er ihn in die Hand und las ihn im blassen Mond- und Laternenlicht.
Lieber Harry,
bitte mach dir keine Sorgen.
Versprich mir eins, egal, was passiert, egal, was du hörst, bleib zuhause bei deinen Verwandten. Verlass das Haus nicht. Ich verlasse mich auf dich.
Ich werde selbst so bald ich kann zu dir kommen und dir alles erklären.
Bleib, wo du bist!
Albus Dumbledore
Wieder starrte Harry auf diese seltsamen Worte. Sollte ihn dieser Brief beruhigen? Aber wieso denn? War etwas mit Sirius geschehen? Wusste Dumbledore, wieso sein Pate ihm nicht antwortete? Und wieso sollte er das Haus nicht verlassen? Er hatte doch gar keinen Grund, von hier fortzulaufen – mal abgesehen von dem üblichen Grund.
Was war hier bloß los?
Unruhig lief Harry in seinem Zimmer auf und ab. Schlafen würde er jedenfalls nicht mehr können. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Hermine und einen an Ron. Wenn Hedwig im Morgengrauen zurückkam, würde er sie abschicken.
Kurze Zeit vorher…
Die zwei Wärter zerrten Snape grob durch die beleuchteten Flure. Anfangs war er völlig blind mitgestolpert, hatte kaum die Menschen um sich herum wahrgenommen, so tränten seine Augen. Doch schon kurze Zeit später wurde ihm bewusst, dass die Flure gar nicht so hell beleuchtet waren, sondern dass es einem nach der absoluten Dunkelheit in ihrer Zelle nur so vorkam.
Nach einem endlosen Gängelabyrinth, bei dem auch ein Severus Snape vollkommen seine Orientierung verlor, wurde vor ihm eine Tür geöffnet und die Wärter stießen ihn in einen kleinen, kalten, weißen Raum, in dem es nun wirklich gleißend hell war. Er kniff die Augen zusammen, doch sie tränten und schmerzten auch weiterhin. Die Wärter schoben ihn vorwärts und drückten ihn auf einen Stuhl. Einer zog ihm die Arme hinter die Lehne und ein anderer zauberte einen groben Strick fest um seine Handgelenke, so dass er sich wirklich nicht mehr großartig bewegen konnte. Ein anderer fesselte seine Füße auf ähnliche Weise an die Stuhlbeine.
Ob sie Lupin auch auf diesen Stuhl gefesselt hatten? Jedenfalls wusste er jetzt ganz sicher, dass ihn ähnliches erwarten würde. Der einzige Unterschied war, dass Lupin nicht der Mörder dieser Frau sein konnte und damit die Beweise gefälscht waren. Aber die Zeugenaussage, die gegen ihn vorlag, die konnte er nicht verleugnen. Er war am Tatort gewesen und das in Todesserrobe.
Es war schon Ironie des Schicksals, dass er bei diesem Überfall zwei Kinder rettete, dass diese Rettung ihn vor Voldemort auffliegen ließ, dass er es dann schaffte, gerade noch so zu fliehen und mit dem Leben davonzukommen. Und als er sich schließlich einigermaßen in Sicherheit wägte, da kamen die Auroren und verhafteten ihn wegen der Mittäterschaft bei dem Überfall, der ihm auch auf der Gegenseite zum Verhängnis geworden war. Wenn es nicht so tragisch wäre, hätte er vermutlich gelacht.
Er bemerkte, wie die Wärter sich zurückzogen und hinter sich die Tür schlossen. Er war allein, allein und gefesselt in einem viel zu hellen Raum. Oder war da jemand? Ja, da war jemand! Ganz deutlich hörte er Schritte irgendwo vor sich. Durch zusammengekniffene Lider versuchte er etwas zu erkennen, doch er sah nur eine schwarze Silhouette vor blendender Helligkeit. Wer war das? War das dieser Rukschow?
„So sieht man sich wieder, Verräter!"
Diese Stimme, so kalt und arrogant und doch amüsiert, jagte ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Das durfte nicht wahr sein, das konnte nicht wahr sein! Wie war das möglich? Verzweifelt bemühte er sich, seine Augen an das Licht zu gewöhnen. Die Gestalt wurde klarer, schärfer. Sie war groß und schlank und in einwandfreie, maßgeschneiderte, edle Roben gehüllt. Langes weißblondes Haar fiel um ein aristokratisches Gesicht mit eiskalten, sturmgrauen Augen.
„Lucius!" stellte Snape fest und konnte doch seine Überraschung nicht gänzlich aus seiner Stimme verbergen.
Lucius grinste ein amüsiertes Malfoygrinsen. „Mich hast du wohl nicht erwartet."
„Nicht wirklich." gab Snape kühl zurück.
„Du dachtest doch nicht, dass du dem Dunklen Lord so einfach entkommst!"
„Nicht wirklich. Aber ich hatte nicht erwartet, dass der Dunkle Lord ausgerechnet dich mit diesem Auftrag betraut, nachdem du im Ministerium so jämmerlich versagt hast." Snape wusste, dass er sich hier auf hauchdünnem Eis bewegte. Provokation war der Schlüssel, Malfoy zum Reden zu kriegen, aber er war auch das zuverlässigste Mittel, ihn wütend zu machen. Und ein wütender Malfoy war ein Problem, ein Problem, dass den Cruciatus-Fluch fast genauso perfekt beherrschte wie seine verrückte Schwägerin.
Lucius' Augen verengten sich und eine steile Zornesfalte bildete sich zwischen seinen Augen, ehe er sich um Beherrschung bemühte und ein süffisantes Lächeln auf seine Lippen zauberte.
„Du hattest bei deiner Flucht mehr Glück als Verstand. Ich untertreibe, wenn ich sage, der Dunkle Lord war in Rage. Und genauso großzügig, als ich ihm meinen Plan präsentierte, wie er deiner habhaft werden konnte."
Snape hob skeptisch eine Augenbraue. „Willst du damit sagen, du hattest in der Tat ganz alleine eine gute Idee?"
Malfoys Lächeln wuchs zu einem Grinsen, er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Sie war brilliant genug, dich zu übertölpeln! Alles was es dazu brauchte, war meine kleine Hauselfe. Ein kleiner Befehl und schon bat sie Dumbledore um einen Job, weil all ihre Herren angeblich verstorben waren. Eigentlich wollte ich sie nutzen, um dich aus dem Schloss und vom Gelände zu locken, doch was sie mir berichtete, war noch viel besser! Der Orden des Phönix, in Hogwarts. Und alle Informationen direkt von Dobby, Potters Schoßhündchen. Wer hätte gedacht, dass dieser nichtsnutzige Plagegeist am Ende doch noch zu etwas gut war."
Snapes Gedanken rasten. Lucius' Geschichte ergab Sinn. Er hatte genug von Dobby gesehen, um zu wissen, dass er sich sicherlich einer neuen, niedergeschlagenen Elfe zuwenden und sich verplappern würde. Es war nicht schwer, die Geschichte mit diesen Informationen weiterzuspinnen.
„Ihr habt Fudge informiert, wann und wo er zuschlagen musste. Allein wegen Black hätte er schon alle Hebel in Bewegung gesetzt und keine Chance ungenutzt verstreichen lassen. Aber natürlich nicht, bevor ihr dafür gesorgt habt, dass ich mit in der Schlinge lande, damit ich die schützenden Mauern von Hogwarts hinter mir lassen muss. Wie seid ihr an die Zeugenaussage gekommen? Habt ihr gedroht, dessen Familie zu töten? Oder versprochen im Gegenzug die Schlammblutehefrau nicht zu töten?" Er konnte nicht verhindern, dass ein Hauch der Wut, die er empfand, ihren Weg in seine Stimme fand. Wut auf die Todesser, aber vor allem Wut auf sich selbst und seine Blindheit. Wieso hatte er das nicht kommen sehen?
„Nicht doch. Die gute alte Gedächtnismanipulation in Kombination mit einem Imperio reichen völlig aus. Und siehe da, schon sitzt der Verräter an einem Ort, an dem es ein leichtes ist, ihm seine gerechte Strafe zukommen zu lassen. Der Werwolf war dann nur noch ein Kinderspiel, nachdem dieser widerliche Köter Creyson großspurig von seinem Spaß mit dem Mädchen erzählt hatte und keiner von euch es für nötig erachtete, die heulende Hütte mal ordentlich zu säubern. Da liegen Haare wie Sand am Meer." Wieder grinste Lucius süffisant.
Diese letzte Offenbarung machte Snape stutzig. Was wollten die Todesser mit Lupin? Wieso hatten sie sich die Mühe gemacht, ihn aus dem Weg zu räumen? Ein Versuch konnte nicht schaden.
„Dann habt ihr das also alles eingefädelt. Wieso?"
Lucius musterte Snape argwöhnisch, dann zuckte er die Schultern. „Wieso eigentlich nicht. Die Beweise gegen euch sind wasserdicht. Hier kann euch auch euer großer Dumbledore nicht mehr rausholen. Und die Vorstellung, wie Black und Lupin darauf reagieren dürften… ich wünschte, ich könnte dabei sein." Lucius lachte, offenbar von dieser Vorstellung sehr erheitert. Ein gefährliches, bedeutungsschwangeres Lachen. Plötzlich war sich Snape nicht mehr so sicher, ob er das überhaupt noch wissen wollte.
„Der Dunkle Lord will endlich Potter loswerden, aber solange Black und der Werwolf um ihn herum sind, kommt man nur schwer an ihn ran. Wenn sie aber von der Bildfläche verschwinden… na ja, zum einen kriegt Potter weniger Schutz sobald er das Haus dieser Muggelfamilie verlässt. Ich mein, schau sie dir doch an, Tonks ist ein Grünschnabel, und Moody und McGonagall sind alt. Und Dumbledore wird ihn wohl kaum auf dem Weg nach Hogwarts begleiten, oder? Zum anderen, wenn der Junge erfahren würde, dass sein Pate und dessen bester Freund verschwunden sind, würde er unvorsichtig werden. Also haben wir dafür gesorgt, dass der Werwolf und Black von der Bildfläche verschwinden. Stell dir nur mal vor, was Potter alles tun würde, um die beiden aus Askaban herauszuholen. Er wird sich nicht mehr um seine eigene Sicherheit sorgen. Auch Dumbledore wird mehr mit euch beschäftigt sein, ich meine, sein treuer Spion und zwei seiner Schützlinge, das wird ihm nicht gefallen. Und außer dir weiß niemand, dass das alles das Werk des Dunklen Lords ist."
Snape schluckte. Malfoy hatte Recht, alle würden sich um sie drei kümmern und Potter zwar nicht ganz vergessen, aber ihn doch eher in Vergessenheit geraten lassen. „Dumbledore ist nicht dumm, er wird es herausfinden."
„Aber dann ist es zu spät!" triumphierte Malfoy siegesgewiss.
Da war noch etwas anderes, das Snape interessierte. „Wie bist du hier reingekommen?"
„Durch den Haupteingang. Serge Rukschow war so freundlich, mich herzubringen."
Snape war überrascht und irgendwie auch wieder nicht. „Rukschow ist ein Anhänger des Dunklen Lords?"
„Werd nicht albern, Severus. Rukschow hasst die Todesser, er würde am liebsten jeden einzelnen von uns eigenhändig vierteilen. Nein, ich brauchte ihm nur zu sagen, dass ich dich kenne und noch eine offene Rechnung mit dir zu begleichen hätte, dazu noch ein paar Galleonen und schon bekommt man eine Einladung nach Askaban."
Das musste Snape erstmal auf sich wirken lassen.
„Aber jetzt haben wir langsam genug geplaudert. Ich habe hier noch einen Job zu erledigen, immerhin hast du es gewagt, den Dunklen Lord zu verraten. An Dumbledore! Hast du wirklich geglaubt, das würde auf die Dauer funktionieren? Dass niemand hinter dein falsches Spiel kommen würde?"
„Es hat immerhin drei Jahre lang funktioniert!" meinte Snape kalt und schon verflog das Grinsen von Lucius' Gesicht. Snape konnte sich gut vorstellen, dass diese Aussage Lucius Malfoy zum Kochen bringen musste. Keiner der Todesser konnte wissen, dass er auch schon vor Voldemorts Fall spioniert hatte. Ein Blick in Lucius' Augen genügte, um zu wissen, dass jetzt der Moment gekommen war, da das dünne Eis unter Snape nachgab.
Ohne jede Vorwarnung traf ihn der Schmerz. Grausame Wellen der Pein pulsten durch seinen Körper, brachten sein Blut zum Kochen, verbrannten ihn innerlich und ließen ihn doch nicht sterben. Seine Muskeln verkrampften sich, wurden zu Stein, zerrten und rissen an den Knochen, an denen sie aufgehängt waren, wollten sie zum Bersten bringen. Seine Lungen brannten, füllten sich nicht mehr mit Luft.
Er wollte schreien, doch ihm fehlte die Luft dazu.
Er wollte sich winden, doch er konnte sich nicht bewegen.
Er wollte sterben, doch solch eine Gnade ließ der Cruciatusfluch nicht zu.
Dann hörte es plötzlich auf. Kraftlos und mit leicht zuckenden Muskeln sackte Snape in sich zusammen. Solange er nun schon dieses Mal auf seinem Arm trug, solange der Dunkle Lord schon Misstrauen gegen ihn hegte, in der ganzen Zeit hatte ihn nie ein Cruciatus von solcher Intensität getroffen. Ihm war bewusst gewesen, dass das Verhör, zu dem er aus der Zelle geholt worden war, nicht angenehm werden würde, aber dass so was auf ihn wartete? Wenn Malfoy so weitermachte… er wusste nicht, wie lange er diese Folter durchhalten würde.
Mühsam zwang er sich, ruhig zu atmen, auch wenn jeder Atemzug in seiner Kehle brannte, er versuchte, seine zuckenden Muskeln zu beruhigen, doch der dumpfe Schmerz, der ihn nicht loslassen wollte, war ihm dabei ein Hindernis. Er spürte warmes, klebriges Blut über seine Hände laufen. Offenbar hatte er sich die Handgelenke an dem Strick blutig gerieben, als sein Körper unkontrolliert dem Fluch unterworfen war.
„Was ist los, Severus? Hast du schon genug?" fragte die kalte Stimme amüsiert.
Snape machte sich nicht die Mühe, Malfoy zu antworten, was ihn nicht gerade milder stimmte.
„3 Jahre! Bei Merlin, dafür hast du einen langen und schmerzhaften Tod verdient! Zu schade, dass ich dir hier nur einen winzig kleinen Vorgeschmack auf deinen Aufenthalt hier in Askaban geben kann. Aber ich hab den ausdrücklichen Befehl, dich bis zur Verhandlung nicht allzu hart anzupacken. Wir wollen ja nicht, dass die Öffentlichkeit Wind davon bekommt, oder?"
„Angst, dass eure kleinen Intrigen hier auffliegen? Oder dass sie hinter Rukschows Behandlungsmethoden kommen und euren Kontaktmann rauswerfen?" fragte Snape provokativ. Er wusste, er sollte ihn nicht auch noch reizen, aber das Ganze hier machte ihn wütend und irgendwie musste er das ablassen.
Lucius war mit ein paar schnellen Schritten bei ihm und packte ihn am Kragen seiner Robe und zog ihn leicht zu sich, sein Gesicht nur Zentimeter von Snapes entfernt.
„Falls du vorhast bei der Verhandlung zu plappern… vergiss es! Niemand wird dir glauben!" Damit stieß er Snape kraftvoll zurück. Der Stuhl kippte bedrohlich nach hinten und schließlich verlor er das Gleichgewicht.
Snape konnte nichts dagegen tun. Hart schlug der Stuhl auf dem Felsboden auf, und mit ihm Snapes Kopf. Stechender Schmerz zuckte durch seinen Schädel und durch seine Unterarme, die von den Holzstreben der Rückenlehne und seinem Körpergewicht gequetscht wurden. Diesmal konnte er sich ein Stöhnen nicht verkneifen, nicht nach diesem Cruciatus. Dumpf war er sich bewusst, wie sich etwas Warmes, Zähes an seinem Hinterkopf ausbreitete. Blut.
„Hast du dir wehgetan?" fragte Lucius unschuldig nach und richtete den Stuhl mit einem Zauber wieder auf.
„Ich muss sagen, Snape, du warst mir immer ein wenig suspekt. Aber du warst ein guter Todesser. Doch als du vor einem Jahr nicht aufgetaucht bist, als er gerufen hat, da wusste ich, dass etwas faul ist. Wie hast du es geschafft, den Dunklen Lord zu täuschen? Was für Lügen hast du ihm aufgetischt?"
Snape hob eine Augenbraue und brachte sogar ein süffisantes Lächeln zustande. „Aber bitte, Malfoy, den Dunklen Lord kann man nicht mit einer Lüge abspeisen. Da gehört schon mehr dazu. Man muss ein hervorragender Zauberer sein, wenn man ihn täuschen will. Kein Wunder, dass dir das nie gelingt!"
Malfoys Züge verhärteten sich, seine Lippen wurden zu einem dünnen Strich, sein Unterkiefer zitterte vor Zorn. Flink zuckte seine Zauberstabhand nach oben und ehe sich Snape versah, traf ihn der Fluch erneut und mit unverminderter Intensität.
Seine Muskeln ächzten unter der Belastung, seine Hände rissen durch sein Zucken an ihren Fesseln, welche ihm immer weiter ins Fleisch schnitten. Keuchend rang er nach Luft, doch seine Lunge machte keine Anstalten, größere Mengen davon aufzunehmen. Seine Eingeweide verkrampften sich, die Pein wurde übermächtig. Ein kläglicher Schrei entrang sich seiner schmerzenden Kehle, doch er verklang jämmerlich, als ihm die Luft ausging. Ein dunkler Schleier legte sich vor sein Blickfeld, hüllte ihn ein, deckte ihn ganz sanft zu. Seine zarten Berührungen wirkten beruhigend und linderten den Schmerz, es wurde dunkler…
*KLATSCH*
Das Brennen in seiner Wange riss ihn zurück und alles war wieder gleißend hell. Malfoy stand dicht vor ihm, die Hand, mit der er ihn geohrfeigt hatte, immer noch erhoben.
„Oh nein, so schnell driftest du mir nicht ab!"
Snape zitterte, sein ganzer Körper, er hatte es nicht unter Kontrolle. All seine Nerven waren vollkommen überreizt, sein Kopf dröhnte und das Blut aus der Platzwunde lief ihm in den Nacken. Er war kurz davor gewesen, bewusstlos zu werden.
„Du hältst dich also für einen so tollen Zauberer, Snape. Wie kommt es dann, dass du wie ein Häufchen Elend hier vor mir sitzt und ich derjenige bin, der lacht?" Malfoy hatte sich wieder aufgerichtet und schlenderte jetzt langsam um Snape herum.
„Weil du ein Feigling bist!" keuchte Snape.
Eine Hand packte ihn an den Haaren und zerrte seinen Kopf nach hinten. „Was?" zischte Lucius ihm voll unterdrückter Wut ins Ohr.
„Das hier ist ein abgekartetes Spiel. Aber du glaubst doch nicht, dass du, in einem normalem Kampf, einem Duell, gegen mich gewinnen würdest."
Verärgert stieß die Hand seinen Kopf fort, dann ruckte etwas gegen die Stuhllehne und bis Snape begriff, dass es Malfoy Fuß war, da kippte der Stuhl auch schon, nur diesmal nach vorne. Er biss die Zähne zusammen, als er unsanft auf den Knien aufprallte und kurz darauf mit der Stirn gegen den Fels schlug. Das Pochen in seinem Schädel nahm augenblicklich zu, ihm wurde übel. Da wurde der Stuhl auch schon wieder hochgerissen. Alles um Snape herum drehte sich. Er bekam kein klares Bild mehr, ihm war schwindlig, er hatte furchtbare Kopfschmerzen, mal abgesehen von seinem restlichen Körper, an den er gar nicht denken wollte, und ihm wurde langsam schlecht. Blut lief von seiner Stirn über sein Gesicht.
„Ja, du siehst im Moment auch wie der absolute Gewinner aus. Hast du's noch nicht kapiert, Snape? Mit deiner Entscheidung, den dunklen Lord zu verraten, hast du dich auf die Verliererseite katapultiert. Egal, wer hinter dein Geheimnis kommen würde, beide Seiten wären milde gesagt, nicht besonders erfreut. Und jetzt sitzt du hier, hast es dir mit beiden Seiten verscherzt, und du willst mir was übers Verlieren erzählen?" Lucius redete sich in Rage, er war wütend, wie konnte es dieser Verräter auch vagen, ihn zu beleidigen.
Snape blieb stumm. Er war fertig, sein Kopf sackte schon zur Seite, weil er ihn nicht mehr halten konnte. Eine Schwäche, die er sich unter normalen Umständen niemals gestatten würde, aber das hier waren keine normalen Umstände. Das hier überstieg seine Kräfte. Seine Kehle brannte. Dieses ‚Gespräch' führte zu nichts, wieso sollte er sich die Mühe machen, zu antworten?
„Ich hab dich was gefragt!" schnauzte Lucius ihn zornig an.
Erschöpft hob Snape die Augen und sah sein Gegenüber an. Lucius Augen funkelten diabolisch. Er sah ihn einfach an, mehr schaffte er nicht mehr. Eine Tatsache, die Malfoy im Moment nur wütender machte, Snape hatte an seinem Ego gekratzt und das hatte Folgen.
„Du hast verloren, Snape. Du warst schon immer ein Verlierer und jetzt bist du es wieder!" zischte er voller Zorn. Wieder hob er seinen Zauberstab. „Crucio!" schrie er voller Inbrunst.
Aber Snape bekam nicht mal mehr richtig mit, wie ihn der Schmerz übermannte. Er verlor das Bewusstsein.
„Blut?" fragte Remus entsetzt.
„Ja, Blut."
Remus überlegte kurz. „Was auch immer sie mit ihm gemacht haben, sie waren auf jeden Fall härter als mir gegenüber. Severus ist hart im Nehmen, ihn haut nichts so schnell um." Trotz seiner Worte klang Remus eher so, als wolle er sich selbst überzeugen, als eine Tatsache feststellen.
Sirius kniff die Augen zusammen. Bilder drängten sich ihm auf, aber er wischte sie energisch zur Seite. Ja, sie waren zweifelsohne härter mit ihm umgesprungen.
„Rukschow hasst Todesser. Und das macht er auch deutlich."
Einen Augenblick herrschte Stille, bis Remus es nicht mehr aushielt.
„Jetz komm schon Tatze! Du bist der Einzige, der durch diese Gitter kommt. Sieh nach ihm."
„Ich?" fragte Sirius entgeistert.
„Ja du! Vergiss mal für einen Moment, dass das da drüben Snape ist. Da liegt ein bewusstloser, verletzter Mann."
„Aber…"
„Da gibt's kein ‚aber'. Du kannst ihm helfen, ich nicht."
„Moony…" setzte Sirius an. Er wusste nicht, was er denken sollte. Erstens war das da drüben Snape, sein Erzfeind, es konnte ihm also ziemlich egal sein. Doch das war es nicht. So eine Behandlung wünschte er nicht mal Snape. Immerhin hatte er bewiesen, dass er wirklich auf ihrer Seite stand. Er wollte ihm ja helfen, aber er hatte Angst vor dem, was er da drüben vorfand. Eine Angst, die Remus nicht verstehen konnte. Eine Angst, von der er auch nicht wollte, dass Remus sie jemals würde nachvollziehen können.
„Nichts ‚Moony'! Verdammt, Sirius! Willst du warten, bis das Licht wieder angeht und hoffen, dass er dann noch lebt?" Remus' Stimme bebte vor unterdrückter Emotion, nicht nur vor Wut, auch Sorge und ein Hauch Furcht mischten sich darunter.
„Natürlich nicht, es ist nur…" fing Sirius an und verstummte wieder.
„Was?"
„Nichts, ich…" Einen Moment hatte er es tatsächlich aussprechen wollen, doch er konnte es nicht. Konnte es einfach nicht. „Ich geh schon."
Sirius verwandelte sich in den Hund, suchte sich langsam und vorsichtig seinen Weg zum Gitter und schlüpfte inzwischen schon wesentlich geübter hindurch. In Remus' Zelle wandte er sich nach rechts, ließ das nächste Gitter hinter sich und verließ sich dann vollkommen auf seine Nase, bis er ganz sachte damit gegen Stoff stieß.
Schnell wechselte er zurück in seine menschliche Form und kniete sich hin. Vorsichtig tastete er mit seiner rechten Hand nach vorne in die Luft und senkte sie langsam nach unten. Irgendwann musste er auf etwas treffen. Er spürte Stoff unter seinen Händen, darunter etwas Festes, Warmes. Ein menschlicher Körper.
Doch kaum hatten seine Finger diesen Körper auch nur ansatzweise berührt, da zuckte dieser heftig zusammen, als wenn diese Berührung Schmerzen hervorgerufen hätte.
Sirius runzelte die Stirn. Das war seltsam. Normalerweise… Nein. Er schüttelte den Kopf, das war unmöglich.
„Snape?" fragte er noch mal, aber eine Antwort blieb auch diesmal aus.
Sachte tastete er mit seiner Hand etwas weiter, konzentrierte sich auf alles, was er fühlte. Schließlich endete der Körper in einer harten Rundung. Er war an der Schulter angelangt und seine Hand ruhte offenbar auf Snapes Rücken. Bestimmt hob er auch seine linke Hand und suchte damit nach Snapes Arm, seine andere Hand lag derweil auf Snapes Schulter. Jetzt, da sie sich nicht mehr bewegte, fiel ihm erst auf, dass der Körper gleich neben ihm nicht nur weggezuckt war, sondern von einem starken Zittern geschüttelt wurde.
Aber… Wieder runzelte Sirius die Stirn. Ein grausamer Verdacht formte sich in seinem Kopf. Das konnte nicht wahr sein! Soweit würde Rukschow nicht gehen. Niemals! Verdammt, das war gegen das Gesetz! Okay, Körperverletzung auch, aber das hier, das ging eine Nummer zu weit! Er wusste nicht, ob er entsetzt sein sollte, oder erleichtert, weil das bedeutete – vermutlich bedeutete – dass Rukschow noch nicht in die Tiefen seiner Trickkiste gegriffen hatte. Obwohl er zugeben musste, dass Rukschow in den letzten zwei Jahren offenbar neue Methoden entdeckt hatte, denn dies hier war ihm in all den Jahren seiner Inhaftierung erspart geblieben.
Da traf seine Hand auf Snapes Oberarm, augenblicklich zuckte der Arm etwas zur Seite und Sirius glaubte sogar, ein leises Aufstöhnen vernommen zu haben.
„Sirius? Was war das für ein Geräusch? Was ist mit ihm?" fragte Remus besorgt. Seine Stimme klang näher, offenbar hatte er sich vorsichtig seinen Weg zum Gitter ertastet.
„Remus, ich weiß, das hört sich verrückt an, aber ich bin mir sicher, dass er mindestens einen, aber wohl eher mehrere Cruciatus-Flüche zu spüren bekommen hat." äußerte Sirius seinen Verdacht. In seiner kurzen Laufbahn als Auror damals hatte er mehrere Opfer dieses Fluchs gesehen und ihn auch am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er kannte die Auswirkungen bestens. Und in dem Ausmaß, wie Snape sie hier zeigte, war der andere wirklich nicht zimperlich gewesen.
„Was?" gab Remus völlig ungläubig zurück. „Das kann nicht sein. Unverzeihliche Flüche bei einem Verhör in Askaban. Nein, das kann ich nicht glauben. Wenn das zur täglichen Praxis hier gehört, was kann man in unserem System dann noch glauben? Wem kann man noch vertrauen?"
„Ich kann es dir nicht sagen, Moony. Aber mir kannst du vertrauen. Er zittert wie Espenlaub und ist total angespannt. Und wenn man ihn berührt, zuckt er schmerzhaft zusammen."
Darauf entgegnete Remus nichts. Er wusste selbst, dass diese Symptome nur eins bedeuten konnten. „Und das Blut? Wo kommt das her? Er muss verletzt sein." fragte er dann aber doch.
„Woher soll ich das wissen? Ich kann hier genauso wenig sehen wie du."
„Dann untersuch ihn."
„Mit meinen Händen?" meinte Sirius entsetzt. „Wenn er das rausfindet, bin ich tot. Ich hoffe, das weißt du."
Aber Sirius wusste, dass es nicht anders ging. Ganz sachte strich er mit seinen Händen über Snapes Körper, tastete zuerst dessen Rücken ab und seine Beine, dann wandte er sich den Armen zu. Je näher er zu Snapes Händen kam, desto feuchter wurde der Stoff der Robe, bis er schließlich beidseits in etwas Klebriges griff.
„Wäh!" Sirius wischte das Blut an Snapes Kleidung ab.
„Was?"
„Er hat sich offenbar heftigst gegen seine Fesseln gewehrt. Seine Handgelenke haben ordentlich geblutet."
„Such weiter, vielleicht hat er noch was abgekriegt."
Sirius tastete sich zum Nacken vor, der sich feucht anfühlte, und höher zum Kopf. Er musste sich wirklich dazu überwinden, seine Finger über die fettigen Haarsträhnen wandern zu lassen.
„Wenn mir in unserem 7. Jahr jemand gesagt hätte, dass ich Snape mal durch die Haare streichen würde, ich hätte ihn ausgelacht und ihm anschließend für seinen äußerst schlechten Scherz verhext. Was…?" Wieder fasste er in etwas Klebriges. Vorsichtig tastete er sich näher und fand so eine Platzwunde. Nicht sehr groß, nicht sehr schlimm, aber da. Wenigstens blutete sie nicht mehr.
Jetzt musste er ihn umdrehen. So vorsichtig wie möglich rollte er Snape zu sich her. Dennoch entrang sich dem Bewusstlosen ein Stöhnen.
Sirius fing diesmal am Kopf an und wurde auch schnell das dritte Mal fündig. Noch eine Platzwunde, diesmal an der Stirn. Etwas kleiner, aber dafür blutete sie noch ein bisschen. Überall in Snapes Gesicht klebte Blut. Snapes Oberkörper brachte er so schnell wie nur irgend möglich hinter sich. Hier mitten in der Dunkelheit mit zartem Druck über Snapes Oberkörper zu tasten, das war zuviel des Guten.
„Okay, fertig. Ich hab noch zwei Platzwunden am Kopf gefunden. Eine vorn, eine hinten. Ansonsten scheint er in Ordnung zu sein. Ich werd versuchen, ob ich es im Dunkeln schaffe, ihn irgendwie zu verbinden."
„Tu das. Ist es schlimm?"
„Er wird's vermutlich überleben." kommentierte Sirius in seinem üblichen trockenen Tonfall, so als wäre ihm noch nicht ganz klar, ob er diese Aussage positiv oder negativ bewerten sollte. Doch das war reine Gewohnheit und seine Art, mit dem ‚Gesehenen' umzugehen.
Damit machte sich Sirius auf den kurzen, aber völlig unbekannten Weg zu Snapes Pritsche, wo er dessen Laken abtastete und dann anfing, von einer Ecke ausgehend, Streifen abzureißen. Wie er so fühlte, gelang ihm das offenbar auch ganz gut. Dazu noch einen größeren Fleck. Schließlich suchte er überaus vorsichtig am Boden robbend, wobei er sich äußerst dämlich vorkam, nach Snapes Wasserkrug. Er wollte die Wunden wenigstens grob säubern, auch wenn er nichts davon sah. Wieso hatte er sich auch nicht gemerkt, wo dieser Mistkerl ihn hingestellt hatte?
Endlich gefunden kehrte er zurück zum bewusstlosen Snape und fing an, dessen Stirn zu säubern. Er drehte dessen Kopf zur Seite und wusch auch die hintere Platzwunde etwas aus. Dann wickelte er einen längeren Stoffstreifen um dessen Kopf, zog ihn über seinen Tastsinn in die richtige Position und verknotete die Enden so, dass der mehr als notdürftige Verband zwar gut hielt, aber nicht zu fest saß. Kopfschmerzen hatte Snape sicher schon genug, wenn er wieder aufwachte.
Bei den Handgelenken verfuhr er genauso. Gerade hatte er das erste fertig, als ihn mit einem Schlag gleißend helles Licht einhüllte, dass Remus und ihn aufstöhnen ließ.
Verflucht! Die Wärter! Er musste sofort in seine Zelle zurück. Nein, dafür war es bereits zu spät. Aber wieso reagierte dann keiner auf ihn. Immerhin kniete er in der Zelle eines anderen und verband dessen Wunden. Nur langsam wurde ihm bewusst, dass keine Tür geknallt hatte und dass das Licht nicht aus dem Flur kam, sondern aus ihren Zellen. Sie hatten wieder von Nacht auf Tag umgeschaltet. Blinzelnd versuchte er sich an das Licht zu gewöhnen.
„Oh mein Gott! Severus!" hörte er Remus mit erstickter Stimme flüstern. Er war entsetzt, das konnte er deutlich hören.
Als er seinen Augen wieder traute, sah er nach unten und mit einem Schlag wusste er, wieso Remus so reagiert hatte. Snapes eine Gesichtshälfte war immer noch vollkommen mit Blut verschmiert, auf der anderen glänzte Schweiß und sie war blasser als blass. Das eine eingebundene Handgelenk sah aus, wie das eines missglückten Selbstmörders, der versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Das andere dagegen wirkte eher wie der missglückte Versuch eines Metzgers, Fleisch zu bearbeiten. Um das ganze Gelenk hatte sich eine tiefe Rille ins Fleisch gefräst. Es blutete nicht mehr, aber dafür war die ganze Hand und der Saum vom Robenärmel blutrot. Und zu alledem kam das heftige Zittern hinzu. Sein ganzer Körper zuckte deswegen, seine Finger waren schon ganz verkrampft, doch das Zittern ging unerbittlich weiter. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der hilfloser, verletzlicher gewirkt hatte. Und diese Tatsache vermengt mit der Tatsache, dass das vor ihm Snape war, verlieh der ganzen Sache noch einen bitteren Beigeschmack.
„Diese Schweine!" raunte Remus.
Sirius dagegen machte sich daran, seine Aufgabe zu vollenden. Jetzt, da er wieder sehen konnte, säuberte er die andere Hand und Snapes Gesicht. Er verband das zweite Handgelenk und inspizierte die Kopfplatzwunden noch mal. Dann hob er ihn vorsichtig an und legte ihn auf seine Pritsche.
„Ich kann nichts mehr tun im Moment. Aber wenn er aufwacht, dann schau ich wieder rüber!" Mit diesen Worten schlüpfte er zurück und setzte sich mit einem mulmigen Gefühl auf seine Pritsche. Er musste jetzt erstmal nachdenken.
Remus blieb noch am Gitter stehen und beobachtete Snape. Auch wenn es Remus wieder besser ging – sein Bauch schmerzte nur noch, wenn er ihn berührte, sein Bein beklagte sich nur bei Bewegung, sein Gesicht fühlte sich größtenteils taub an, nur sein Kopf pochte noch etwas – so sah er noch schlimmer aus als am Tag zuvor. Sein Auge war fast vollkommen zugeschwollen und dunkelblau verfärbt, genauso wie seine Wange und sein Kinn. Seine Lippe war angeschwollen. Doch all das war jetzt nicht wichtig.
Kurze Zeit später, Meilen entfernt…
Harrys Beine gaben nach. Kraftlos fiel er nach hinten und landete auf seinem Bett, seine Augen immer noch starr und weit aufgerissen auf den Artikel im Tagespropheten vor sich gerichtet. Seine Hände zitterten, was es ihm etwas erschwerte, mehr als die Schlagzeile zu lesen. Jegliches Blut war aus seinem Gesicht gewichen.
Das musste ein Fehler sein! Das konnte nicht wirklich passiert sein! Hier lag ein Irrtum vor!
Und doch wusste er, dass es nicht so war. Diese Worte bestätigten nur seine nervöse Sorge, die ihn die ganze Nacht wach gehalten hatte. Immer noch ungläubig starrte er auf die Schlagzeile. Er zwang sich dazu, sie noch mal Wort für Wort zu lesen, denn das einzige, was sich bisher in seinen Kopf gefressen hatte, waren die Worte Sirius Black und Askaban.
Dort in der Zeitung stand in großen Lettern:
‚Ministerium fasst drei gemeingefährliche Verbrecher – Sirius Black, Todesser und flüchtiger Askabanhäftling, Severus Snape, Todesser und Beteiligter am Mord von Muggelbeauftragtem Leopold Scruvella, und Remus Lupin, Killerwerwolf und ehemaliger Lehrer in Hogwarts, wurden gestern Vormittag verhaftet und nach Askaban gebracht'.
Mühsam zwang sich Harry dazu, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie hatten nicht nur Sirius erwischt und eingesperrt, sondern auch Snape und Lupin. Aber wieso, das ergab doch alles keinen Sinn!
Er schloss für einen Moment die Augen und atmete ganz tief ein, erst dann öffnete er die Augen wieder. Er zog seine Beine an und setzte sich im Schneidersitz hin, woraufhin er den ganzen, nicht besonders kurzen Artikel durchlas.
Gestern Vormittag gelang es dem Minister höchstpersönlich und einer Gruppe seiner Auroren drei gefährliche Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Rede ist von niemand anderem als Sirius Black, der vor knapp drei Jahren aus Askaban entflohen war. Bis heute weiß niemand, wie er es geschafft hat, das bis dahin als ausbruchsicher geltende Gefängnis und seine schrecklichen Wachen, die Dementoren, zu überlisten.
Sicherlich muss niemand an die schreckliche Tat dieses Mannes erinnert werden, der für den Tod zahlreicher Muggel und nicht zuletzt auch der Personen verantwortlich ist, die ihn für ihren Freund hielten: Peter Pettigrew und Lily und James Potter, die Eltern des Jungen, der lebt.
Black war zu seinen Zeiten ein treuer Anhänger von Du-weißt-schon-wem.
Vor zwei Jahren wurde er in Hogwarts gefasst, wo er einen Schüler entführt und vermutlich versucht hat, Harry Potter zu töten. Albus Dumbledore behauptete damals, Black sei unschuldig. Wieder gelang ihm auf unerklärliche Weise die Flucht. Niemand weiß, wo er sich seitdem aufgehalten hat, doch es wird vermutet, dass er die meiste Zeit in England verbracht hat, ganz in unserer Nähe.
Außerdem verhaftet wurde Severus Snape, Zaubertränkelehrer in Hogwarts, ein Mann mit fraglicher Vergangenheit. Schon damals, nach dem Sturz von Du-weißt-schon-wem wurde er beschuldigt, ein Todesser zu sein, doch niemand anders als Albus Dumbledore verbürgte sich für ihn und ließ ihn an seiner Schule unterrichten. Er ist für sein düsteres Wesen, seine Vorliebe für dunkle Künste und strengen Lehrmethoden bekannt. Aber offensichtlich hat Dumbledore seine Hand für den Falschen ins Feuer gelegt.
Vor fünf Tagen wurde der Muggelbeauftragte des Ministeriums, Leopold Scruvella, in seinem Haus von mehreren Todessern überfallen. Sie zerstörten das Haus und töteten Scruvella. Seinen beiden Kindern, Jakob (8) und Emily (4), gelang wie durch ein Wunder die Flucht (wir berichteten).
Einer der Nachbarn, Thomas Wemdon, wurde Zeuge des schaurigen Verbrechens. ‚Ich hab im ganzen Haus das Licht ausgemacht und mich am Fenster versteckt. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst. Sie haben das Dunkle Mal heraufbeschworen, dann sind sie durch meinen Garten abgehauen. Einer hat sich umgedreht und da fiel das Mondlicht auf sein Gesicht. Ich hab ihn sofort erkannt, schließlich hat er mich vor elf Jahren durch meine UTZ-Prüfung in Zaubertränke rasseln lassen. Es war eindeutig Severus Snape!' berichtet er.
Und die dritte Verhaftung von gestern betrifft Remus John Lupin, ehemaligen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste in Hogwarts und bekannter Werwolf. Niemand wird wohl nachvollziehen können, wieso Dumbledore diesen Menschen – oder wohl besser, dieses Tier – hatte einstellen können, obwohl er von dessen Zustand wusste. Erst als vor zwei Jahren beinahe Schüler ums Leben kamen, verließ Lupin die Schule. Den Schülern ist nichts geschehen.
Clarissa Aibly hatte dieses Glück nicht. (Wir berichteten gestern ausführlich!)
Vor etwa zwei Wochen fuhren Clarissas Eltern in die Ferien und das Mädchen durfte zum ersten Mal das Haus hüten. ‚Sie war so furchtbar stolz!' schluchzte die Mutter unter Tränen. Doch als die Eltern nach Hause kamen fanden sie nur den grausam zugerichteten Leichnam ihrer Tochter. Die Auroren, die den Fall untersuchten, fanden Wolfshaare und die Untersuchung ergab, dass niemand anderes als Remus Lupin für diesen grausamen Mord verantwortlich ist.
Noch ist fraglich, ob es sich hierbei um einen unglücklichen Unfall oder um das grausam kalkulierte Jadgverhalten eines Werwolfs handelt. Eins ist jedenfalls sicher, solange solche Bestien unter uns weilen, ist keiner von uns mehr sicher.
Vielleicht mögen sie es überraschend finden – ich für meinen Teil nicht – aber alle drei Verbrecher wurden gestern in Hogwarts bei Dumbledore gestellt. Selbst nachdem der Schulleiter die Anklagen gehört hatte, verteidigte er diese Männer noch. Diesmal jedoch konnte er sich nicht herauswinden und seine drei ‚Schäfchen' wurden abgeführt.
Wenn Dumbledore seine Hände schützend über drei solche Monster hält, wen mag er wohl sonst noch alles schützen? Was für einem Menschen übergeben wir da jedes Jahr unsere Kinder?
Die drei Verbrecher wurden augenblicklich nach Askaban überstellt, wo Sicherheitschef Serge Rukschow versicherte, ‚solchem Abschaum würde er persönlich zeigen, wo's langgeht'. Wenn sie mich fragen, immerhin einer, der noch weiß, was Recht und Unrecht ist.
Am 1. September findet die Verhandlung statt. Ort und Zeit wird noch bekannt gegeben. Eins ist jedenfalls sicher. Black erwartet der Kuss der Dementoren und Snape wird sich auf lebenslang in Askaban einstellen müssen. Die Eltern von Clarissa fordern auch für Lupin den Kuss der Dementoren.
Benjamin Hodge
Immer noch starrte er das Papier an, nicht fähig, die Worte vollauf zu verstehen, die er gerade gelesen hatte. Alles was er wusste, war, dass sein Pate und dessen bester Freund in Askaban saßen, unschuldig – Harry glaubte keine Sekunde daran, dass Lupin ein Mädchen getötet haben sollte, und sie sollten beide etwas Schlimmeres als den Tod erleiden.
Er musste unbedingt etwas unternehmen!
Er schmiss die Zeitung zur Seite, sprang auf und suchte in dem Durcheinander seines Zimmers seinen Rucksack. Seine Schulsachen lagen überall verteilt, die Briefe für Hermine und Ron lagen noch auf seinem Schreibtisch. Als er endlich gefunden hatte, was er gesucht hatte, packte er ein, was ihm gerade in den Sinn kam und irgendwie nützlich erschien: einen Pulli, ein T-Shirt, seinen Tarnumhang, den aktuellen und den gestrigen Tagespropheten, etwas Geld, einen Apfel und das Spickoskop, das er mal von Ron bekommen hatte. Flink schlüpfte er in Jeans, Socken, Schuhe und ein T-Shirt, steckte den Zauberstab in die Hosentasche, schulterte den Rucksack und verließ den Ligusterweg Nummer 4, das Geschrei seines Onkels einfach nicht beachtend.
Hi! Falls das hier jemand liest, würd ich mich sehr freuen, wenn ich ein Review dalasst.
Wenn euer Englisch besser ist als euer Deutsch, kein Thema, Englisch lesen kann ich super, nur mit dem Schreiben klappts noch nicht ganz ;-)
