Dann viel Spaß mit dem nächsten Kapitel!
Pam: Danke für die Nachricht! Jetzt weiß ich, dass die Story hier zumindest von einer Person gelesen wird :-)
Viel Spaß!
Das wollte ich nicht
Zurück in Askaban
Es sollte länger dauern, als sie beide angenommen hätten, bis Severus Snape seine Augen wieder öffnete. Der Tag verging, weitere Dementoren zogen vorbei, ihre Wasservorräte gingen zur Neige und sowohl bei Sirius als auch bei Remus machte sich langsam ein unangenehmes Hungergefühl breit. Snape lag reglos auf seiner Pritsche, bei den Rundgängen der Dementoren wurde er unruhig und begann wieder zu zittern, aber ansonsten war er still und schlief einfach. Die Nacht brach herein, oder besser gesagt, das Licht wurde einfach gelöscht. Diesmal wurden sie mit Verhören verschont, was nicht heißen sollte, dass sie eine angenehme Nachtruhe hatten. Remus wurde von Alpträumen geplagt und wachte immer wieder keuchend und völlig orientierungslos in der Dunkelheit auf. Sirius hatte sich als Hund zusammengerollt und versuchte zu schlafen, doch obwohl er hundemüde war, weckte ihn jedes kleine Geräusch wieder auf. Sofort zuckte er zusammen und sah sich hektisch um. Solange, bis irgendwann das Licht wieder anging.
Seufzend hatte er sich zurückverwandelt und sich das Gesicht gerieben. Er fühlte sich schrecklich. Remus ging es da nicht anders, er sah auch völlig übernächtigt aus. Ein leises Gluckern erklang und sie bemerkten, dass sich ihre Wasserkrüge füllten.
„Wenigstens etwas!" grummelte Sirius.
Remus hatte immer noch Kopfschmerzen und streckte sich wieder auf seiner Pritsche auf. Er hatte nichts Besseres zu tun, also döste er ein wenig vor sich hin. Sirius folgte seinem Beispiel, er war immer noch völlig erschlagen, doch ihm war klar, dass er auch jetzt keinen Schlaf würde finden können. Er schloss die Augen und versuchte möglichst an nichts zu denken.
Ein unterdrücktes Stöhnen drang an seine Ohren und überrascht fuhr er herum. Er bemerkte, dass er sich auf der Pritsche zusammengekauert hatte und mit dem Gesicht zur Wand dagelegen war. Offenbar war er doch noch eingeschlafen. Schnell setzte er sich auf. Remus gegenüber lag seitlich auf seinem unbequemen Holzbrett, die Augen geschlossen. Auch er schien noch den Schlaf gefunden zu haben, den er heute Nacht nicht bekommen hatte. Also musste das Geräusch aus der dritten Zelle kommen. Ein Blick bestätigte seine Vermutung.
Verdattert riss er die Augen auf und starrte zu Snape hinüber, der auf seiner Pritsche saß, sich schwer atmend gegen die Wand lehnte und seine rechte Hand an seine Stirn hielt. Klar, er hatte wirklich lange geschlafen, aber Sirius hätte nie damit gerechnet, dass Snape sich so schnell regenerieren würde. Gestern hatte er noch mehr tot als lebendig ausgesehen und heute setzte er sich wieder aus eigener Kraft auf.
Wo nahm dieser Mann nur die Kraft her? Sirius wusste es nicht, aber er war ernstlich erstaunt.
„Snape?" fragte er vorsichtig.
Der Mann zuckte leicht zusammen, ehe er seine Hand sinken ließ und ihn ansah. Sirius konnte nicht anders, als verwundert die Augen aufzureißen. Da saß er nun, der Meister der Zaubertränke, der Spion Dumbledores, das Gesicht immer noch fahl wie ein Leichentuch, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und seine Hände zitterten leicht. Seine Verbände waren angeblutet und seine Robenärmel starr vor eingetrocknetem Blut. Und dennoch, aus diesen beinahe schwarzen Augen sah ihm der alte Snape entgegen. Zugegeben, vielleicht nicht ganz der alte Snape, aber er hatte jedenfalls wieder die Kontrolle über sich. In seinen Augen spiegelte sich weder Schmerz, noch Furcht, noch Schrecken. Aber sie bedachten ihn auch nicht mit ihrem üblichen überheblich-kaltem Blick. Nein, sie sahen ihn beinahe erwartungsvoll fragend an.
Sirius schüttelte kurz den Kopf um seine Verwirrung abzuschütteln, dann stand er auf und trat näher ans Gitter. Er konnte kaum glauben, dass er das fragte, aber er tat es tatsächlich. „Wie fühlst du dich?"
Snape hob eine Augenbraue, ließ sie aber gleich wieder mit einem leicht verkniffenen Gesichtsausdruck sinken. „Wie nach einem zweiwöchigen Urlaub…"
Jetzt war es an Sirius, eine Augenbraue zu heben.
„… in der Hölle!" beendete Snape den Satz mit rauer Stimme und Sirius konnte nicht anders, er musste grinsen.
„Ich wusste gar nicht, dass du einen gewissen Sinn für Humor hast, Snape."
Snape lehnte seinen Kopf hinten gegen die Wand und schloss erschöpft die Augen, was Sirius wieder wachrüttelte. „Kopfschmerzen?"
Ein Nicken als Antwort.
„Black?" Snapes Stimme klang kratzig.
„Ja?"
„Wie lange war ich weg?"
„So ziemlich genau einen Tag, wenn man dieses Hin und Her zwischen Hell und Dunkel hier drin mit der realen Welt dort draußen vergleichen will."
Snape stöhnte leise, dann fing er plötzlich zu husten an. Zitternd und keuchend holte er Luft, nur um diese an einen weiteren Hustenanfall zu verschwenden. Er krümmte sich zusammen und presste eine Hand gegen seine Brust, die andere hielt er sich zittrig vor den Mund.
Gerade als Sirius hinüber in die andere Zelle eilen wollte, weil er befürchtete, dass Snape das Gleichgewicht verlieren und von seiner Pritsche fallen könnte, legte sich der Husten und Snape lehnte sich erschöpft nach hinten.
„Hey, alles in Ordnung?" fragte Sirius besorgt.
Snape nickte schwach.
„Du solltest was trinken. Sie haben das Wasser heute aufgefüllt."
„Was is denn hier los?" fragte eine müde Stimme und Sirius wandte sich nach Remus um, der sich gerade in eine sitzende Position aufrappelte.
„Snape ist aufgewacht." stellte er nur knapp fest und mit einem Mal wirkte Remus hellwach. Seine Augen huschten in die andere Zelle und hefteten sich auf die erschöpfte, zusammengesunkene Gestalt Snapes, der an der Wand lehnte, dann zurück zu Sirius, den er mit einem vorwurfsvollen Blick bedachte. Noch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm sein Freund aber schon zuvor.
„Hey, nicht so. Er saß schon, als ich aufgewacht bin. Ich hatte keine Chance, ihm zu helfen, ja?"
Remus hob kurz eine Augenbraue, dann zuckte er die Schultern und erhob sich. Sofort schoss ein kurzer Schmerz durch sein malträtiertes Bein, der aber langsam verflog, wenn er es weiterhin bewegte.
„Wie geht's dir, Severus?" fragte er besorgt.
„Blendend!" brachte Snape etwas krächzend, aber dennoch voller Sarkasmus hervor.
„Du solltest wirklich was trinken, das beruhigt die Stimmbänder." schlug Sirius vor.
Snape sah ihn kurz unverwandt an, dann erhob er sich langsam und mühsam, nur um wieder zurück auf die Pritsche zu sinken. Im Stillen verfluchte er seinen Körper dafür, dass er ihm so gar nicht mehr gehorchen wollte. Seine Beine trugen sein Gewicht nicht mehr, sein Hals hatte keine Lust auf sprechen, sein Kopf pochte so überaus schmerzhaft, dass es seinen Gleichgewichtssinn leicht beeinträchtigte, und seine Hände fühlten sich so komisch an. Seine Muskeln schmerzten, als hätte er Muskelkater und er fühlte sich allgemein total schwach und ausgelaugt. Sollte er jemals die Gelegenheit dazu kriegen, würde er sich an Malfoy rächen. Für jeden Cruciatus, für jeden Stoß gegen den Stuhl, für jedes höhnische Lachen.
Er öffnete die Augen und sah sich plötzlich Black gegenüber, der vor ihm kniete und den vollen Wasserkrug in seinen Händen hielt.
„Sag nichts, trink einfach!" wies ihn Black mit seinem üblichen gereizten Tonfall an, den er ihm gegenüber immer anschlug, doch er konnte in den Augen des Mannes sehen, dass er sich wirklich sorgte.
Um mich? Wieso sollte er sich Sorgen um mich machen?
Snape wischte den Gedanken erstmal beiseite, damit wollte er sich jetzt nicht beschäftigen. Er streckte seine Hände aus und schloss sie um den Krug. Sirius ließ los und das ganze Gewicht des vollen Kruges drückte gegen seine klammen Finger. Er rutschte hindurch, Snape konnte ihn nicht halten, egal wie sehr er seinen Fingern befahl, fester zuzudrücken, sie gehorchten ihm nicht. Ein letztes Mal versuchte er noch, den Tonkrug zu umklammern, doch er entglitt ihm und schepperte zu Boden. Er zerbrach nicht, aber er kippte zur Seite und das Wasser ergoss sich über den Zellenboden, ehe Sirius schnell danach griff und ihn wieder aufstellte.
Doch das bekam Snape nicht mehr mit, er hob seine Hände vor sein Gesicht und starrte seine Finger an, bewegte sie langsam und starrte.
Sirius und Remus hatten das Schauspiel überrascht und entsetzt beobachtet. Obwohl Sirius schnell reagiert hatte, war doch mehr als die Hälfe des Wassers verloren. Er blickte Snape an und registrierte unbehaglich, wie der seine Hände anstarrte. Fragend wandte er sich nach Remus um, der ebenfalls Snape beobachtete. Er hatte die Stirn gerunzelt und bedachte Sirius mit einem besorgten, ahnungsvollen Blick, bevor er sich an Snape wandte.
„Severus?"
Keine Reaktion.
„Severus? Sag doch was."
„Hey?" meinte jetzt auch Sirius aufmunternd und legte vorsichtig seine Hand auf das Knie des Angesprochenen. Das ließ ihn dann schließlich aufsehen, doch das wütende Funkeln, das Sirius erwartet hatte, blieb aus. Als Snape sich wieder seinen Händen zuwandte, griff Sirius schließlich nach einer davon und nahm sie in die Hand.
„Deine Hände sich ja ganz kalt." meinte er überrascht, nahm auch die zweite in seine Hände und hielt sie zwischen seinen eigenen, um sie ein bisschen aufzuwärmen.
„Sie sind… ganz taub." flüsterte Snape leise.
Sirius erkannte es sofort am Tonfall, der wahre Snape war zurück, der Mensch hinter der Maske. Und er konnte es ihm auch nicht verübeln. Er hatte da nämlich so eine Vermutung. Die Verletzungen an Snapes Handgelenken waren ziemlich tief, dadurch war die Durchblutung der Hände schlechter, weswegen sie sich kälter anfühlten und weswegen Snape auch weniger Gefühl darin hatte. Und schließlich war Snape ein Tränkemeister, seine Hände waren sein Kapital.
„Das wird wieder. Das ist nur vorübergehend. Mach dir darum keine Sorgen. Du bist allgemein noch geschwächt und außerdem haben dir diese Fesseln deine Handgelenke ziemlich übel zugerichtet, deshalb leiden deine Hände grad ein bisschen drunter. Aber das wird wieder!" Sirius versuchte soviel Überzeugungskraft wie möglich in seine Worte zu stecken, so unwahrscheinlich es sich anhörte, aber er wollte den üblichen, griesgrämigen, sarkastischen Snape zurück, denn mit ihm wusste er immerhin umzugehen. Das Problem war nur, dass er keine Ahnung hatte, ob Snapes Hände wirklich wieder werden würden. Vor allem ohne medizinische Hilfe. Er war schließlich kein Heiler.
„Und jetzt trink was." meinte er noch aufmunternd und hielt ihm den Krug hin.
Snape griff nach dem Krug, aber Sirius ließ ihn nicht gänzlich los, das Wasser darin war viel zu kostbar. Nachdem er getrunken hatte, schien es Snape schon etwas besser zu gehen, er trug wieder seinen üblichen Gesichtsausdruck zur Schau und er legte seine Hände einfach in seinen Schoß, anstatt sie anzustarren.
Remus hielt es für das Beste, jetzt einfach das Thema zu wechseln, Snape abzulenken.
„Severus?"
Der Angesprochene und auch Sirius wandten sich ihm zu.
„Gestern als du kurz aufgewacht bist, sagtest du, dass Malfoy dir das angetan hat. Und dass irgendjemand etwas eingefädelt hat."
Sofort verdüsterte sich Snapes Miene und wenn Sirius ihn nicht schon mal vollkommen hilflos und fertig gesehen hätte, dann hätte er es jetzt nicht mehr geglaubt, selbst wenn es ihm jemand erzählt hätte.
„In der Tat." Snapes Stimme hörte sich schon wieder viel fester an und nicht mehr ganz so rau. „Malfoy hat Rukschow Geld bezahlt, um eine ‚alte Rechnung' mit mir begleichen zu können. Und er hat mir einige interessante und äußerst beunruhigende Dinge erzählt." Er zögerte einen Moment, blickte zwischen den Männern vor sich hin und her. Sollte er es ihnen wirklich sagen? Sie würden sich nur Sorgen machen und könnten doch nichts tun. Und vor allem würden sie ihm damit auf den Wecker fallen. Er seufzte. Schließlich wusste er doch, dass er es loswerden musste. „Das alles hier ist ein Plan des Dunklen Lords." seufzte er.
„Was?" fragte Remus entgeistert.
„Wie?" Sirius sah ihn ungläubig an und stand schließlich auf. „Was genau meinst du damit?"
„Das alles hier." Und damit fing er an, seine höllischen Kopfschmerzen ignorierend ihnen alles zu erzählen, was er von Malfoy erfahren hatte.
„Ich muss hier raus!" rief Sirius und sprang auf. Unruhig lief er auf und ab, dann blieb er vor Snapes Tür stehen und trat voller Elan dagegen.
„Beruhig dich, Tatze. Bitte. Das bringt doch auch nichts." versuchte es Remus, obwohl er von Snapes Geschichte nicht weniger geschockt war.
Blitzschnell fuhr Sirius herum und fixierte seinen langjährigen Freund mit feurigem Blick. „Ich soll mich beruhigen? BERUHIGEN? Da draußen läuft ein irrer, aber mächtiger Zauberer rum, dessen größtes Ziel es ist, Harry umzubringen. Und wie ich Harry kenne, wird er, sobald er erfährt, dass wir hier in Askaban sitzen, nichts Besseres zu tun haben, als davonzulaufen und auf eigene Faust versuchen, uns hier rauszuholen. Er wird unvorsichtig sein. Er wird mitten in sein Verderben laufen! VERDAMMTE SCHEIßE!" Energisch trat er gegen das Gitter, das Snapes Zelle von der leeren Zelle trennte, dass es krachte.
„Ich glaube nicht, dass es für Potter so einfach wird, einfach abzuhauen. Albus wird sich da gleich was überlegt haben, er kennt Potters Hang zum unüberlegten Handeln schließlich auch." warf Snape ein, der schon jetzt bereute, dass er es ihnen erzählt hatte. Der Lärm, den Black veranstaltete, verdreifachte seine ohnehin schon quälenden Kopfschmerzen.
„Das glaub ich allerdings auch. Albus wird es nicht zulassen, dass Harry diese Misere hier aus der Zeitung erfährt und dann irgendeine Dummheit macht. Ich bin mir sicher, dass er sich selber drum kümmern wird. Er wird Harry selber alles erzählen und ihm klarmachen, dass er nichts unternehmen kann. Vielleicht holt er ihn auch für den Rest der Ferien nach Hogwarts, da hat er ihn im Auge und Harry kann nichts passieren." meinte jetzt auch Remus.
Sirius hatte innegehalten und sah jetzt von Remus zu Snape und wieder zurück. Er schien zu überlegen, dann verwandelte er sich ohne Vorwarnung in Schnuffel und huschte in seine eigene Zelle zurück, wo er sich, wieder zurückverwandelt, auf seine Pritsche sinken ließ.
„Ich will nicht, dass er sich meinetwegen schon wieder in Gefahr begibt."
Sowohl Remus als auch Snape wussten, dass er auf den Vorfall vor Kurzem im Ministerium anspielte.
„Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihm meinetwegen was zustößt." Sirius Stimme war leise und sein Blick auf den Boden gerichtet.
Remus seufzte. Er wusste genau, was im Kopf seines Freundes gerade vorging. Sirius gab sich immer noch die Schuld am Tod von James und Lily, weil es seine Idee war, Peter zum Geheimniswahrer zu machen. Und er wollte auf keinen Fall auch noch Schuld an Harrys Tod sein. „Ihm wird schon nichts zustoßen, Tatze." versuchte er, Sirius aufzumuntern.
Sirius blickte auf und lächelte etwas kläglich. „Netter Versuch, Moony. Netter Versuch."
Da hob Sirius plötzlich den Kopf, legte ihn etwas schief und wirkte hochkonzentriert. „Sind das Schritte?"
Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, da wurde seine Zellentür auch schon aufgerissen. Ein großer, bulliger Kerl trat ein, ein großer dünner blieb draußen vor der Tür stehen.
„Na, wieder hier, Black!" knurrte der Bulle amüsiert. „Wir haben dich schon vermisst!"
Sirius stand auf, atmete einmal tief durch und trat dem Bullen schließlich mit einem etwas schiefen Grinsen entgegen. „Immer noch hier, Troy. Jemanden mit einem so hässlichen Gesicht wollen sie wohl nirgendwo anders einsetzen, was?"
Troy packte mit seiner großen, klobigen Hand nach Sirius Oberarm und zerrte ihn unsanft näher an sich. Er grinste extrem hinterhältig. „Dir wird dein Grinsen schon noch vergehen, Black. Rukschow will dich sehen, und er hat heute ausgesprochen schlechte Laune."
Damit riss Troy Sirius aus der Zelle und warf dessen Tür zu. Aber Remus glaubte, kurz bevor er aus seinem Blickfeld verschwunden war, Furcht in Sirius Augen gesehen zu haben.
Was weißt du, Tatze, was wir nicht wissen?
Schwerfällig ließ sich Snape zur Seite sinken und stöhnte leise auf, als sein pulsierender Schädel die harte Unterlage der Pritsche berührte. Erschöpft schloss er die Augen. Er wurde das Gefühl einfach nicht los, als würde sich alles um ihn herum langsam aber stetig drehen. Schon als er die Augen noch offen gehabt hatte, war es ihm nicht gelungen, die Zelle genau zu fokussieren, sie war seinem Blick immer entschwommen.
Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er solche Kopfschmerzen gehabt. Es fiel ihm schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, sie waren so allgegenwärtig. Sie lähmten seinen Verstand, brachten seinen Gleichgewichtssinn durcheinander, ließen seinen Magen rebellieren und steigerten zu allem Überfluss auch noch die Lichtempfindlichkeit seiner Augen, was bei dem grellen Licht wiederum zu noch mehr Kopfschmerzen führte.
Schlapp hob er eine Hand und legte sie sich so übers Gesicht, dass seine Augen im Schatten lagen. Er seufzte ob dieser kleinen Erleichterung. Er fühlte sich so ausgelaugt und kraftlos, so furchtbar müde, doch sein Schädel wusste ziemlich gut, wie er ihn zwangsläufig wach halten konnte. Im Moment würde er sein letztes Hemd für eine Phiole ‚Schmerzblocker' geben, die in seinem Quartier in Hogwarts in dem Schränkchen in seinem Badezimmer standen.
Immerhin war der Lärm endlich weg. Keine scheppernden Gitter, kein schreiender Black, nur erholsame, angenehme Ruhe.
Black war weg.
Black war weg? Er runzelte kurz die Stirn. Dann verzog er das Gesicht, als ihm endlich dämmerte, was das bedeutete. Diese Kopfschmerzen mussten offenbar irgendwie sein Gehirn blockieren.
Black war weg!
Er war bei Rukschow.
Er würde ihn verhören.
Ein Verhör? Was will er denn noch von Black? Will er ihn noch mal wegen dem Mord an Pettigrew vernehmen? Nein, das kann nicht sein. Nach einer Weile gab er es auf, sein Hirn arbeitete zu langsam, um es anständig benutzen zu können. Er konnte Black jetzt sowieso nicht helfen, genauso wenig wie Lupin das konnte.
Hatte er gerade daran gedacht, Black zu helfen?
Was war nur los mit ihm?
„Schläfst du?"
Snape verzog das Gesicht, ihm kam Lupins Stimme so unglaublich laut vor und ihr Klang schlug Wellen in seinem Schädel, die sich gegenseitig aufschaukelten und ihm schließlich ein gequältes Stöhnen entlockten, das er aber schnell in ein missmutiges Grummeln kleidete. Schwäche hatte er sich schon genug geleistet.
„Nein." Es klang mehr wie ein müdes Murmeln, als wie das herrische Fauchen, das es hätte werden sollen.
„Was glaubst du, wird dieser Rukschow mit ihm anstellen?"
Bei Merlin, kann dieser Flohsack nicht einmal die Klappe halten?
Doch irgendwie schien sich diese Frage quer durch den Schmerz bis in sein Hirn zu bohren und sich dort festzusetzen. Ja, was würden sie mit ihm anstellen? Er war schließlich viele Jahre hier gewesen und hatte es geschafft, sie mit seiner Flucht alle zu überlisten. Dieser Rukschow war sicherlich nicht erfreut darüber, dass einer seiner Insassen einen Weg aus diesem Höllenloch gefunden hatte.
Machte er sich da etwa gerade Sorgen um Black?
Nein, das konnte nicht sein. Black war ein ungebildeter, aufbrausender, egoistischer Nichtsnutz.
Aber war es nicht Black gewesen, der hier an seiner Pritsche nach ihm gesehen hatte?
Halt Severus! Stopp! Er wäre nie hier gewesen, wenn Lupin diese Gitter auch überwinden könnte. Er wurde vermutlich von seinem mitfühlenden Freund dazu genötigt, nach mir zu sehen.
„Severus, alles in Ordnung?"
Oh, er hatte vergessen zu antworten. Und was sollte diese dämliche Frage, konnte sich dieser nervtötende Wolf nicht denken, dass nichts in Ordnung war? Und doch zwang er seine Gesichtsmuskulatur dazu, sich zu bewegen und formte ein paar Worte.
„'Türlich Lupin, mir geht's blendend! Und bei näherer Betrachtung unserer Situation wird es Black bald vermutlich genauso blendend gehen."
Remus stand noch eine Weile am Gitter seiner Zelle und betrachtete den gefürchteten Zaubertränkeprofessor von Hogwarts, wie er zusammengesunken und völlig ausgelaugt dalag. Er konnte sich selbst nicht so richtig erklären wieso, aber irgendwie wusste er, dass sie hier nur einigermaßen heil wieder herauskamen, wenn Severus nicht schlapp machte. Dieser Gedanke war eigentlich völlig absurd, doch er ließ sich nicht abschütteln. Gerade jetzt nicht, wo eben dieser kraftlos dalag und versuchte, irgendwie wieder zu Kräften zu kommen.
Während er erzählt hatte, war er schon furchtbar blass gewesen, aber als Sirius dann angefangen hatte, rumzuschreien, da hatte sich seine Gesichtsfarbe gleich noch mehr verflüchtigt gehabt.
Du solltest ihn in Ruhe lassen, Remus. Der Mann ist gefoltert worden, da hat er ja wohl ein Recht auf ein bisschen Ruhe, egal, ob du dir Sorgen machst, oder nicht!
Er seufzte. Mühsam zwang er sich dazu, vom Gitter zurückzutreten und Severus auch wirklich seine Ruhe zu gönnen. Seit sie Sirius geholt hatten, ging ihm dieser letzte Blick von ihm nicht aus dem Sinn. Diese Furcht in seinen Augen. Sirius wusste genau, was ihn erwartete. Und er hatte Angst davor. Das war der Punkt, der Remus am meisten beunruhigte. Er kannte Sirius als ziemlich furchtlosen Menschen. Er ließ sich so schnell von nichts Angst machen. Aber jetzt hatte er Angst. Was würde dieser Rukschow ihm nur antun?
Dieses Hin und Her seiner Gedanken und die Ungewissheit machten ihn noch wahnsinnig. Er musste mit jemandem reden, allein schon um sich abzulenken, doch der Einzige, der hier war, war Severus, und den wollte er nicht schon wieder stören. Ohne, dass er es so richtig mitbekam, begann er, in seiner Zelle auf- und abzugehen, den Blick immer abwechselnd auf Severus oder auf Sirius' Zellentür gerichtet. Doch schon nach wenigen Runden verweilte sein Blick nur noch auf der Zellentür. Er schüttelte den Kopf.
Lenk dich ab, Remus. Lenk dich ab! Du kannst jetzt auch nichts tun.
Und schon war der nächste Gedanke da, der ihn im Moment keinen Schritt weiterbringen würde, wenn er sich ablenken oder beruhigen wollte. Harry.
Auch wenn er Sirius beschwichtigt hatte, so war er selber nicht so ganz davon überzeugt, dass Harry gar nichts geschehen konnte. Er kannte die Überstürztheit des Jungen schließlich selbst. Er würde sich in Schwierigkeiten bringen. Und wenn Malfoy Recht hatte, dann wartete Voldemort nur auf diesen Moment.
Sie mussten irgendjemanden warnen.
Aber sie konnten es nicht.
„Bei Merlin, Lupin, so setzen sie sich doch bitte hin!"
Erschrocken fuhr Lupin zusammen und schaute hinüber zu seinem Zellengenossen. Er lag vollkommen unverändert auf seiner Pritsche, doch er hatte sich diese dunkle, raue Stimme mit dem nahezu flehentlichen Klang nicht eingebildet.
„Ihr ewiges Umhergetapse macht mich wahnsinnig!" kam es genervt hinterher.
Definitiv keine Einbildung.
„Tut mir leid, aber ich… verdammt ich mach mir Sorgen um ihn, er ist schon so lange weg und…"
Weiter kam er nicht, denn in diesem Augenblick wurde die Zellentür in der benachbarten Zelle aufgerissen.
Derselbe grobschlächtige Kerl wie zuvor schob Sirius mit einem hämischen Grinsen vor sich in die Zelle und schloss die Tür wieder. Mit großen Augen starrte Remus seinen Freund an. Sirius stand da, auf seinen zwei Beinen und bei vollem Bewusstsein, und er sah auch noch völlig unversehrt aus. Ein etwas schiefes Grinsen zuckte um seine Mundwinkel und seine schwarzen Augen wirkten stumpf und weit weg, doch ansonsten machte er einen völlig normalen Eindruck.
Snape hörte die Tür – überdeutlich! – er wollte sehen, wie es Black ergangen war, doch kaum dass er seine Hand wegnahm und das grelle Licht seine Augen traf, da bohrte sich solch ein Schmerz in seinen Schädel, dass er es nicht fertig brachte, sich zu bewegen. Schnell schob er die Hand zurück und unterdrückte mühsam ein schmerzhaftes Stöhnen. Was war nun mit Black? Und wieso interessierte es ihn überhaupt?
„Ist.. ist alles in Ordnung, Sirius?" fragte Remus etwas unsicher. Die Tatsache, dass sein Freund so unversehrt aussah, brachte ihn irgendwie durcheinander. Natürlich freute er sich, dass er offenbar nicht so leiden musste, wie Snape und er, doch ein bisschen seltsam kam ihm das schon vor.
„Keine Sorge Moony, ich bin okay." Seine Stimme schwankte ein bisschen, doch sie hatte sich schnell wieder gefestigt und er sah Remus kurz in die Augen, bevor er sich Snape zuwandte und diesen interessiert musterte. „Wie geht's ihm?"
„Was.. ähm…" Remus schüttelte irritiert den Kopf. Offenbar war Sirius wirklich nichts geschehen. „Er braucht ein wenig Ruhe." meinte er schließlich.
„Gut erkannt, Lupin. 5 Punkte für Gryffindor." grummelte Snape zynisch.
Blacks Lippen verzogen sich zu einem zuversichtlichen Grinsen, ehe er an Remus gewandt meinte: „Er ist ja schon fast wieder ganz der Alte!" Dann wandte er sich seinem Wasserkrug zu. Wenn er ging, bewegte er sich überaus vorsichtig.
„Sirius!"
Die ganze Situation hier kam Remus einfach zu absurd vor. Er wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte, dass Sirius etwas verbarg.
„Hm?" meinte Sirius, der gerade vor seinem Wasserkrug kniete und diesen mit seinem Körper verdeckte. Remus konnte nicht erkennen, was sein Freund da trieb.
„Was wollte Rukschow von dir? Was.. was ist passiert, als du weg warst?" Er schaffte es nicht, seine Unsicherheit und seine Sorge aus seiner Stimme zu verbannen.
„Er wollte wissen, wie ich entkommen konnte, aber ich hab ihm nichts gesagt. Und Moony, ich bin okay, du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen."
„Aber… das ist alles? Du hast ihm nichts gesagt und er hat dich wieder gehen lassen? Auf mich hat er nicht so mildtätig gewirkt. Tatze, das war doch nicht alles."
Remus bemerkte sofort, dass sich Sirius ganzer Körper anspannte. Er hatte also ins Schwarze getroffen. Nichts war in Ordnung. Aber Sirius reagierte nicht.
„Tatze?"
Jetzt wirbelte Sirius herum und starrte Remus mit funkelnden Augen an.
„Was willst du hören, Moony? Was?" schrie er. „Willst du hören, dass seine Schläger mich festgehalten haben, während er mir sein Knie in den Magen gerammt hat? Willst du hören, dass er mir den Arm soweit verdreht hat, dass er mir fast die Schulter ausgekugelt hätte? Soll ich dir erzählen, wie sich der Schlag mit dem Treiberschläger in die Seite angefühlt hat? Willst du das wissen, Remus? Verflucht Mann, das hier ist Askaban! Und ich bin nicht zum ersten Mal hier, Remus. Ich weiß, wie es hier abgeht. Ich weiß, was uns erwartet, wie es ist, tagein, tagaus in so einer Zelle zu sitzen und nur darauf zu warten, wann man das nächste Mal zu einem gottverdammten Verhör geholt wird. Ich weiß, dass Rukschow früher oder später aus jedem das rauskriegt, was er hören will, das hat er noch immer geschafft, aber ich bin nicht gewillt, es ihm so leicht zu machen. Und ich bin noch viel weniger gewillt, dir Bericht zu erstatten!"
Seine Augen funkelten immer noch, seine Brust hob und senkte sich rasch und er keuchte, als wäre er gerannt, so sehr hatte er sich in Rage geschrieen. Snape lag immer noch reglos mit vor Schmerz verkniffenem Gesicht da – Lärm war wirklich die Hölle – und war doch neugierig, was als nächstes geschehen würde. Und Remus, der stand völlig verdattert und geschockt in seiner Zelle und starrte seinen Freund an. Er hatte das zwingende Bedürfnis, sich zu entschuldigen, obwohl ihm wirklich nicht mal richtig klar war, wofür. Aber er war Schuld an diesem Wutausbruch gewesen und er sah, wie Sirius jetzt zitterte. Irgendwas war hier schief gelaufen. Er setzte gerade zu einer Erwiderung an, doch Sirius winkte mit einer irgendwie verzweifelt aussehenden Handbewegung ab.
„Bitte Remus. Versteh mich doch." Er war jetzt nicht mehr laut, im Gegenteil, er sprach ganz ruhig und leise und voller Verzweiflung. „Ich will nicht hier sein und ich will so wenig wie möglich von diesem Ort wissen. Was vergangen ist, ist vergangen. Ich will mich nicht erinnern, Moony. Auch nicht für dich. Ich kann es nicht."
Seine letzten Worte hatte man kaum noch verstehen können.
Sprachlos starrte Remus ihn einfach nur an, wie er zitternd und mit trügerisch glänzenden Augen vor ihm stand und er kam sich vor wie der letzte Abschaum dieser Erde. Wieso hatte er nicht daran gedacht? Wieso war er so blind gewesen? Wie gut kannte er seine Freunde eigentlich?
Sirius räusperte sich und setzte sich etwas umständlich auf seine Pritsche, als hätte er Schmerzen dabei.
„Snape braucht Ruhe, wenn er wieder zu Kräften kommen will." sagte er unvermittelt und kühl, dann legte er sich hin und drehte sich zur Wand.
„Es tut mir leid." flüsterte Remus.
Er stand noch lange da und starrte auf Sirius, wie er reglos dalag und ihm den Rücken zukehrte. Sirius war zurück in seiner Zelle, doch jetzt zermarterte er sich sein Hirn noch mehr als zuvor, und seine Sorge um ihn hatte sich in keinster Weise gelegt, eher im Gegenteil.
Sirius lag da und starrte einfach nur an die Wand. Er konnte die Blicke in seinem Rücken fühlen. Remus Blicke.
Das hab ich nicht gewollt, Moony. Es tut mir leid.
Tränen stahlen sich aus seinen Augen hervor und rannen über sein Gesicht auf die Pritsche hinab. Er machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Es hatte keinen Sinn. Wenn die Tränen kamen, dann hörten sie erst wieder auf, wenn sein Körper keine Tränen mehr übrig hatte. Das hatte er in Askaban gelernt.
Snape lauschte in die Stille hinein. Es war
fast unheimlich. Noch nie hatte er erlebt, dass sich die zwei gestritten hatten, dass sie sich angeschrieen hatten. Er dachte immer, die zwei würden sich in und auswendig kennen, doch offenbar war dem nicht so. Und offenbar wusste Black mehr, als er ihnen zu erzählen bereit war. Dass er am liebsten vergessen wollte, was hier vor sich ging und sich möglichst wenig anmerken lassen wollte, das konnte Snape gut nachvollziehen. Er selbst wäre auch viel lieber auf zwei Beinen nach seinem Verhör hier reinspaziert und hätte sich einfach möglichst unauffällig hingelegt, doch das war ihm nicht vergönnt gewesen.
Nein, Malfoy hatte ganze Arbeit geleistet.
Das ist so nicht ganz richtig, Severus, und das weißt du. Noch vor einem Jahr hätte dich dieses sogenannte Verhör noch nicht ganz so fertig gemacht. Noch vor einem Jahr warst du härter im Nehmen.
Seine innere Stimme hatte Recht, doch er wollte sich jetzt nicht mit ihr anlegen. Er wusste auch so, dass ihn die Rückkehr zur Spionage langsam aber stetig immer mehr geschwächt hatte, seine Reserven aufgebraucht hatte. Physisch wie psychisch.
Ein leises Knarzen erklang seltsam laut. Hier drin war es wirklich stiller als in einem Grab. Black hatte sich hingelegt, das hatte er gehört und jetzt ließ sich offenbar auch Lupin auf seine Pritsche sinken. Doch er kam nicht umhin, die Stille, so seltsam sie sich auch anfühlte, zu genießen. Zumindest sein Kopf dankte es ihnen.
Vorsichtig versuchte er sich, in eine bequemere Lage zu bringen, doch er kam nicht weit. Er lag auf dem Rücken und seine linke Hand quer über seinem Gesicht, das er ein wenig der Wand zugeneigt hatte, um dem grellen Licht, das von überallher zu kommen schien, zu entgehen, was allerdings ziemlich sinnlos war. Sein lädierter Körper fühlte sich mit einem Mal so unglaublich schwer an und jetzt, wo um ihn herum nichts mehr war, das ihn ablenkte, da wurde sein Geist langsam träge und ließ sich von dem rhythmischen Wummern seiner Kopfschmerzen einlullen…
…er stand in der Krankenstation in Hogwarts. Potter lag in einem der Betten und sah ziemlich mitgenommen aus. Molly Weasley stand an seiner Seite, ebenso wie Weasley und Granger, Black war soeben verschwunden. Er war also ein Animagus. Wie schön.
Doch seine Aufmerksamkeit wurde von der Person ihm gegenüber angezogen. Dumbledore. Sein Gesicht wirkte ernst und müde, seine hellblauen Augen sahen ihn eindringlich an. In seinem Blick lag etwas, das ihm sagte, dass nun etwas Unangenehmes folgen würde, etwas, das Albus lieber gar nicht tun würde. Doch ihm war klar, dass Albus seine Entscheidung bereits getroffen hatte.
Noch bevor er den Mund aufmachte, war ihm plötzlich klar, wieso Albus so mit sich rang. Und er wurde auch nicht enttäuscht.
„Severus…sie wissen, was ich von ihnen verlangen muss. Wenn sie willens sind…wenn sie bereit sind…"
Hatte er denn eine Wahl? …
… das Bild verschwamm und er fand sich auf einer düsteren Lichtung im Wald wieder. Außer dem Vollmond gab es kein Licht. Mehrere Gestalten standen im Kreis angeordnet auf der Lichtung, sie trugen schwarze Umhänge mit Kapuzen und weiße Masken. In ihrer Mitte stand er, Voldemort.
„Soso, mein Giftmischer bequemt sich also auch endlich zu uns." Die hohe, grausame Stimme klang aufs Erste völlig ruhig, nur wer genauer hinhörte, der erkannte das leichte Zittern, das von mühsam unterdrückter Wut herrührte.
„Verzeiht mir, mein Lord. Ich wurde im Schloss von einem Lehrer aufgehalten. Ich musste ihn zuerst abwimmeln." hörte er sich selbst sagen.
Voldemort zog eine Augenbraue hoch. „Du wurdest aufgehalten? Ich habe gerufen, Snape, und du hast diesem Ruf Folge zu leisten, mit Lehrern auf den Fluren oder nicht. Du scheinst deine Pflichten zu vergessen. Vielleicht brauchst du eine kleine Auffrischung? Crucio!"
Gerade als der Schmerz ihn traf, verschwamm das Bild erneut…
… schwungvoll stieß er die Tür vor sich auf. Vor seinem durch die Maske leicht eingeschränkten Blickfeld eröffnete sich ein Badezimmer. Hellblaue Fließen, ein weißes Waschbecken, eine weiße Badewanne mit einem orangefarbenen Duschvorhang. Nichts Besonderes. Ein leises Rascheln. Hatte sich der Vorhang gerade leicht bewegt? Hörte er da jemanden hektisch atmen? Mit raschen Schritten war er an der Badewanne und riss den Duschvorhang zur Seite. Vier riesengroße, braune Augen blickten voller Panik zu ihm auf. Der Junge war höchstens acht und das Mädchen, das er in seinen Armen hielt konnte kaum älter als fünf sein. Beide trugen sie ihre Schlafanzüge und zitterten wie Espenlaub.
Dieser verdammte Kerl hatte Kinder? Wieso wusste er nichts davon?
Blitzschnell legte er seinen linken Zeigefinger, der in schwarzen Lederhandschuhen steckte, an seine Lippen und bedeutete den beiden still zu sein. Seine Gedanken rasten. Mit wenigen lautlosen Schritten war er an der Tür und spähte in den Flur hinaus. Es war niemand zu sehen, die Hintertür stand offen. Die anderen waren in den anderen Räumen verteilt, die Wachen standen nicht in unmittelbarer Nähe der Tür und nur wenige Meter von der Tür entfernt stand ein dicht belaubter Busch.
Seine Entscheidung stand fest. Er musste es vagen.
Schnell huschte er zur Badewanne zurück und kniete sich vor die immer noch völlig verängstigten Kinder, die vor ihm zurückzuckten, wobei der Junge das Mädchen etwas hinter sich schob.
„Hört zu," begann er leise, aber eindringlich zu flüstern. „Ich will euch nichts tun. Wenn ihr genau tut, was ich euch sage, dann passiert euch nichts. Habt ihr das verstanden?"
Das Mädchen starrte ihn nur an, der Junge nickte langsam.
„Gut, draußen vor der Hintertür ist ein großer Busch. In dem versteckt ihr euch. Ich bring euch bis zur Tür und wenn ich euch sage, ihr sollt loslaufen, dann lauft! Versteckt euch in dem Busch und rührt euch nicht! Egal was passiert! Wenn ihr nichts mehr hört, wenn absolut alles still ist, dann wartet noch eine Zeit lang und dann erst kommt ihr raus. Geht dann nicht ins Haus, sondern lauft so schnell ihr könnt zum nächsten Nachbarn. Verstanden?"
„Was ist mit Daddy?" fragte der Junge zittrig.
Er ging nicht drauf ein. „Habt ihr verstanden?"
Beide nickten. „Aber was…"
Er ließ ihn nicht zu Ende sprechen, sondern stand auf und bedeutete den Kindern, sie sollten aus der Wanne klettern. Er würde am besten einen Unauffindbarkeitszauber über den Busch legen, nur für alle Fälle. Und er musste die Kinder noch mit einem Obliviate-Zauber belegen, auf keinen Fall durften sie sich an ihn erinnern…
…wieder änderte sich die Szenerie. Er stand auf den Ländereien von Hogwarts, in der Ferne konnte er Hagrids Hütte und den Rand des Verbotenen Waldes erkennen, weit und breit erstreckte sich eine große grüne Wiese.
„Wenn ich das gewusst hätte…"
Erschrocken wandte er sich um. Hinter ihm stand Albus, seine Haltung wirkte irgendwie geknickt und auf seiner Stirn prangten Sorgenfalten. Seine sonst so strahlenden Augen funkelten nicht, sondern sahen ihn traurig und furchtbar enttäuscht an.
Er verstand nicht.
„Wenn sie was gewusst hätten?"
Albus schüttelte nur langsam und resigniert den Kopf.
Irgendwie wurde es plötzlich dunkler, der Himmel verdüsterte sich und ein eisiger Wind zog auf, der an seiner Robe zerrte und ihn schaudern ließ. Gespenstisches, kaltes Licht erhellte die Wiese noch, doch das Gras war nicht mehr grün, es war braun und tot.
Was ging hier vor sich? Fragend sah er Dumbledore an, doch der schüttelte immer noch traurig den Kopf.
„Dass es SO viele sind… Severus! … SO VIELE!" Enttäuschung und Fassungslosigkeit spiegelten sich in diesen blauen Augen.
Er verstand immer noch nicht.
„Was… was wollen sie mir sagen, Albus?"
Albus antwortete nicht, stattdessen machte er eine Handbewegung, welche die gesamte Umgebung miteinschloss.
Mit gerunzelter Stirn wandte er sich langsam um und sein Herz setzte für eine Sekunde aus. Vor Schreck und Unglauben weiteten sich seine Augen, sämtliche Farbe wich ihm aus dem Gesicht. Die gesamte Wiese lag voller Leichen. Wie wahllos hingeworfene Mikado-Stäbchen. Mal lagen sie allein, dann wieder lagen sie quer übereinander. Männer und Frauen, Greise und Kinder, Menschen in Muggelkleidung und welche in Aurorenuniformen. Sie waren alle so unterschiedlich und doch hatten sie eins gemeinsam.
Er selbst hatte sie getötet. Er war schuld an diesem Schlachtfeld.
Etwas in seiner Brust zog sich zusammen und sein Atem ging schneller. Das hier konnte nicht sein, das durfte einfach nicht sein. Das war vorbei. Vergangenheit. Stolpernd taumelte er zurück und stieß mit dem Bein gegen etwas Weiches. Er wagte kaum, hinunterzusehen, wusste er doch, was er dort finden würde. Und doch zog irgendetwas unabänderlich seinen Blick dort zum Boden hinab.
Eine Schulter. Er war gegen die Schulter einer jungen Frau getreten. Ihre Haut war grau und fahl und ihre leblosen, toten Augen starrten ihn an, voller Vorwurf.
Er kniff die Augen zu und wandte sich ab, doch als er sie wieder öffnete, war immer noch alles da, alle Leichen, doch jetzt sahen sie ihn alle an, starrten ihn aus dumpfen, bleichen, toten Augen an und flehten um Erlösung, verlangten eine Erklärung oder wünschten ihm den Tod.
„Bei Merlin, ich… ich wollte nicht…"
Verzweifelt schlug er die Hände vor dem Gesicht zusammen, er wollte sie nicht mehr sehen, wollte nicht erinnert werden.
„Du hast so viele getötet." hörte er da Albus' Stimme hinter sich. „So viele Seelen, die keine Erlösung finden, bis jemand ihren Tod rächt."
Zitternd nahm er seine Hände vom Gesicht und sah Hilfe suchend zu seinem Mentor und Freund. „Ich wollte das nicht. Bitte, du musst mir glauben, Albus. Ich… was soll ich tun? Hilf mir!"
Albus sah ihn mitleidig an. „Niemand kann dir jetzt noch helfen, Severus." Dann wandte er sich um und ging, vorsichtig um die Leichen herumschreitend.
„Albus! Lass… lass mich hier nicht allein… bitte…" Seine Stimme wurde immer leiser als er merkte, dass es keinen Sinn hatte. Dumbledore war weg. „Albus…" flüsterte er noch. Dann war er allein, allein mit den Taten und Fehlern seiner Vergangenheit.
Ein leises Flüstern erhob sich über dem Feld und schwebte vom eisigen Wind getragen auf ihn zu. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Finger schon taub waren vor Kälte und dass er zitterte. Dann erreichte ihn das Flüstern. Doch es war gar kein Flüstern, es war das leise Flehen eines jungen Mannes, ihn doch zu verschonen.
Noch mehr solcher Botschaften wehten auf ihn zu, immer mehr und immer lauter wurden sie, bis er von einem Sturm aus Anklagen, Schreien, Wehklagen und Weinkrämpfen umwirbelt wurde.
Er versuchte zu fliehen, doch die Stimmen folgten ihm, genauso die Augen der Toten um ihn herum. Er versuchte, Hagrids Hütte zu erreichen, doch egal wie schnell er lief, sie kam einfach nicht näher. Verzweifelt presste er seine Hände auf seine Ohren, er wollte, er konnte es nicht mehr hören. Doch die Stimmen sprachen in seinem Kopf einfach weiter. Quälten ihn, machten ihn mürbe.
Tränen liefen ihm über die Wangen und seine Knie gaben schließlich nach. Zitternd sank er zu Boden, wo er zusammengerollt wie ein ängstliches Kind liegenblieb, das Gesicht in den Händen verborgen, die Haare wehend im Wind.
„Hört auf, bitte hört auf! Lasst mich in Frieden, bitte! Alles, tötet mich von mir aus, aber lasst mich in Frieden…"
Folgendes gilt immer noch: Reviews werden seeeeehr gerne gelesen! :-)
