Und ein neues Kapitel für euch. Hauptsächlich Sirius und Remus diesmal.

Viel Spaß!

Meer der Verzweiflung

Wäre er nicht von seinen Gedanken und von seinem schmerzendem Körper abgelenkt gewesen, hätte nicht die Schuld an seinem Gewissen genagt, weil er Remus völlig grundlos so angeschrieen hatte, wäre sein Geist nicht unwillkürlich zurück in die Vergangenheit gesprungen, zurück zu früheren Verhören bei Rukschow, dann hätte er ihn bemerkt.

Als er erkannte, dass die Kälte nichts mit seiner Gemütsverfassung zu tun hatte, als er bemerkte, wie sich ihm sämtliche Haare aufstellten und er sich immer elender und verzweifelter fühlte, da war es zu spät. Der Dementor hatte ihn in seinen Klauen, noch bevor er überhaupt daran denken konnte, sich zu verwandeln.

Eiskalte Wellen tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit schwappten über ihn hinweg, lähmten seine Glieder und seinen Verstand. Die Kälte ließ ihn nach Luft schnappen, doch auch die war so kalt, dass sie ihm in der Lunge brannte.

Schreckliche Bilder drängten sich ihm auf.

Das Dunkle Mal, wie es hässlich und ahnungsvoll über einem Haus schwebte. Die Eingangstür stand offen.

Ein toter Körper im Flur, der Zauberstab gleich neben den erschlafften Fingern. James.

Ein Meer aus roten Haaren, die ein bleiches, regloses und zugleich wunderschönes Gesicht umrahmten, wäre da nicht die nackte Angst gewesen, die aus den toten, grünen Augen sprach. Lily.

Ein kleiner, untersetzter Mann, der hämisch grinsend ein Messer zog und sich einen Finger abschnitt, keine Sekunde später explodierte die Straße. Peter.

Er schüttelte den Kopf und die Bilder wichen der Dunkelheit. Einer düsteren, verzweifelten, grausamen Dunkelheit.

Wut! schoss es ihm durch den Kopf. Doch was sollte er mit diesem Wort anfangen?

Er konnte nicht klar denken, immer wieder schwappten Wellen kalten, schwarzen Wassers über seinen Kopf und erstickten jeden klaren Gedanken. Alles, was noch zählte, war am Leben zu bleiben. Alles, was er noch wusste, war, dass er über Wasser bleiben musste, dass er stark sein, der Verzweiflung trotzen musste. Doch das war leichter gesagt, als getan. Kalte Klauen klammerten sich um seine Brust, sogen sämtliche Wärme aus seinem Körper und verdüsterten die Welt.

Wieder schlug ihm das schwarze Wasser ins Gesicht, raubte ihm den Atem und riss ihn mit sich. Voller Panik bemerkte er, dass er den Boden unter den Füßen verloren hatte. Da war nichts mehr, nur Wasser. Strampelnd und mit den Armen rudernd hielt er sich mühsam an der Oberfläche. Sein letzter Halt war dahin. Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt. Er trieb wie ein Stück Treibholz auf dem Wasser, auf dem Meer der Verzweiflung. Seine nasse Kleidung zog an ihm, wollte ihn in die Tiefe zerren, doch er wehrte sich. Alles um ihn herum war dunkel und trübe. Er konnte nichts erkennen, er konnte nur noch fühlen.

Das kalte Wasser.

Die tosenden Wellen, die ihn hin und her rissen.

Die Verzweiflung, die ihn von allen Seiten bedrängte und sich unbarmherzig einen Weg in ihn hinein suchte. Über das Wasser, das er unweigerlich schluckte. Über die Luft, die er zum Atmen brauchte.

Er wollte um Hilfe schreien, doch jedes Mal, wenn er es versuchte, schlug ihm das Wasser ins Gesicht und drückte ihn hinunter. Von Mal zu Mal fiel es ihm schwerer, sich wieder an die Oberfläche zu kämpfen. Er wusste nicht, wohin er trieb, er wusste nur, dass nichts mehr sein würde, wie früher. Ein panisches Lachen kämpfte sich seinen Weg aus seiner Kehle frei und es klang schrill und kalt in seinen Ohren.

Seine Kräfte schwanden. Er würde nicht mehr lange durchhalten. Das Wasser würde gewinnen, würde ihn mit sich reißen, ihn zum Grund ziehen und nie mehr loslassen. Er würde ungeahnte Tiefen des Schreckens erleben und keine Chance mehr haben, die Oberfläche zu erreichen. Tränen liefen ihm aus den Augenwinkeln. Er schluchzte. Er hatte Angst, panische Angst vor dem, was geschehen würde, wenn ihn seine Kräfte verließen.

Ihm war so kalt, so verdammt kalt. Und das Bewegen war so verdammt schwer und anstrengend. Er konnte nicht mehr. Er würde den Kampf verlieren. Die Dunkelheit würde siegen, und ihr würden Angst, Verzweiflung und Kälte folgen.


Zitternd setzte er sich auf seiner Pritsche auf. Ihm war schrecklich kalt und er fühlte sich so leer und einsam und unglücklich. Er musste seinen Kopf schütteln, um diese Gefühle loszuwerden, doch es half nur mäßig. Solang er jetzt hier war hatte er keine Dementorenattacke wie diese erlebt. So elend wie jetzt hatte er sich hier noch nie gefühlt, bis jetzt. Vielleicht waren sie zu zweit gewesen? Oder einfach nur ausgehungert?

Er setzte sich gerade hin, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte sein Gesicht in seine Hände, seine angeschwollene Gesichtshälfte schmerzte dabei, doch das ignorierte er geflissentlich. Noch immer schwirrten die Bilder durch seinen Kopf, Bilder in denen er am Friedhof stand und sich mutterseelenallein fühlte, Bilder in denen er geschunden, zerschlagen und nackt am Boden seiner Wohnung lag, zerfließend in Selbstmitleid und einfach zu schwach um sich nach der Vollmondnacht zu erheben, und da waren die Bilder, die sich ihm aufdrängten, die Bilder, die nicht der Wirklichkeit entsprangen, sondern den schrecklichsten Möglichkeiten des Schicksals, Bilder in denen er sich in der Heulenden Hütte zurück in einen Menschen verwandelte und neben sich die zerfleischte Leiche des 15 jährigen Severus Snape fand.

Er schüttelte den Kopf. Das war nie passiert!

Er sollte sich wieder einkriegen, sollte sämtliche schrecklichen Bilder in die hinterste Ecke seines Verstandes kehren, auch wenn er wusste, dass bereits der nächste Dementor sie wieder ans Licht zerren würde. Aber jetzt konnte er sie nicht brauchen.

Sirius! Severus! schoss es ihm durch den Kopf und mit einem Mal war sein Geist so klar wie nie. Wenn er selbst diesen Dementor schon als grauenhaft empfunden hatte, was mochten dann die beiden anderen erleben? Kaum hatte er die Hände von seinem Gesicht genommen, als er auch schon das gequälte Stöhnen hörte. Instinktiv ruckte sein Kopf in die Richtung aus der es kam und er sah Severus. Remus stand auf und trat näher ans Gitter, damit er besser sehen konnte. Snape schlief immer noch, doch er schien Alpträume zu haben – was er ihm nicht verdenken konnte. Sein Gesicht, so weit er es unter der Hand sehen konnte, war blass. Unruhig ruckte sein Kopf immer wieder hin und her und er murmelte permanent irgendwelche Worte vor sich hin, doch er konnte sie selbst mit seinem feinen Gehör nicht verstehen. Was auch daran liegen konnte, dass sie immer leiser wurden und schließlich ganz versiegten, wie ihm kurz darauf auffiel. Severus' Bewegungen wurden ruhiger und sein Atem ging nicht mehr ganz so hektisch.

Remus atmete auf. Bis ein Geräusch an seine Ohren dran, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das wohl kläglichste, angstvollste Wimmern, das er je in seinem Leben gehört hatte – und er als Werwolf mit einem Hundeanimagus als Freund hatte schon so einiges an Wimmern gehört. Für den Bruchteil einer Sekunde schloss er die Augen, voller Angst, was er vorfinden würde, wenn er sich jetzt umwandte und zu seinem Freund hinüberblickte. Doch er musste es wissen, er musste…

„Nein… bitte nicht…"

Die Worte waren ihm schneller entschlüpft, als er die ganze Situation wahrnehmen konnte. Starr vor Entsetzen stand er da und starrte auf seinen Freund, der mit dem Rücken zu ihm auf seiner Pritsche lag. Arme und Beine hatte er dicht an seinen Körper gepresst, sämtliche Muskeln waren bis zum Zerreißen angespannt und er zitterte, nein, er bebte. Und dazu das Wimmern, so herzzerreißend, so wehklagend, so voller Panik, so… er fand gar keine Worte, um dieses Geräusch zu beschreiben.

Endlich brach seine Starre und er stürzte nach vorne an die Gitterstäbe. „Sirius!" Keine Reaktion.

„Sirius! Verflixt Tatze, antworte mir!" Die Verzweiflung ließ ihn lauter schreien als beabsichtig. Er wurde sich gerade zum ersten Mal so richtig bewusst, was für eine Folter diese Gitterstäbe waren, die ihn von dem Menschen trennten, der ihm das Wichtigste auf der Welt war.

„Sirius bitte! Wach auf! Rede mit mir!"

Er musste ihn wachkriegen. Koste es was es wolle. Aber wie?

Hektisch sah er sich um. Als sein Blick auf den immer noch schlafenden Severus fiel, wunderte sich ein Teil von ihm für einen Moment, wie er jetzt nur schlafen konnte, doch dann waren seine Gedanken schon wieder wo anders. Er musste Sirius wachkriegen.

Die Schuhe!

Er streifte sich seinen linken Schuh vom Fuß, hob ihn durch das Gitter, zielte und… warf daneben, nur Zentimeter vorbei.

„Verdammt! Sirius!"

Flink verabschiedete er sich auch von seinem zweiten Schuh. Diesmal nahm er sich mehr Zeit fürs Zielen, er warf und der Schuh schlug hart gegen Sirius' Schulter.

Keine Reaktion.

Nein!

Remus schlug seine Stirn gegen das Gitter und nur mühsam gelang es ihm, die Tränen der Verzweiflung zu unterdrücken. Ihm wurde langsam bewusst, was hier vor sich ging. Das war nicht einfach nur ein geschwächter Mensch, den ein Dementor eben besonders mitnahm. Nein, das da drüben war etwas viel Schlimmeres, etwas viel Schrecklicheres. Dieses Wimmern, das kam nicht von ungefähr. Angst griff nach seinem Herzen und hielt es in eisigen Klauen.

„Sirius, kämpf dagegen, wehr dich." Seine Stimme zitterte, Tränen brachen aus seinen Augen, er konnte sie nicht mehr halten und eigentlich war es ihm auch egal. „Ich bin hier, ich bin bei dir! Du bist nicht allein! Hörst du mich? Bitte Sirius, sag doch was! Lass sie nicht gewinnen! Komm zurück, bitte bitte komm zurück!"

Seine Finger schlossen sich so fest um das kalte Metall, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein Kopf schlug wieder gegen die Gitter. Sollte es so enden? Sollte es wirklich so enden? Er stand hier, auf der einen Seite und musste hilflos mitansehen, wie sein Freund sich verlor, wie er den Kampf gegen die Dementoren verlor, wie er dem Wahnsinn und der Verzweiflung verfiel? Das konnte er nicht, das konnten sie ihnen nicht antun!

Das würde er nicht zulassen!

Niemals!

Mit einem Mal strömte eine Energie durch seinen Körper, die er sich selbst nicht zugetraut hätte, doch insgeheim wusste er, woher sie kam. Das waren seine eisernen Reserven, die wölfischen Reserven. Normalerweise blieb ihm der Zugriff darauf verwehrt, außer an Vollmond, nur wenn seine Gefühle stark genug waren, dass sie selbst den Wolf tief in ihm drin erreichten, dann brachen manchmal die Schranken. Und im Moment strömte eine Wut durch seine Adern, so glühend heiß, wie frische Lava.

Er würde nicht zusehen, wie in der Zelle nebenan alles starb, was Sirius Black, den einzigen Mensch auf dieser Welt, der ihn vielleicht sogar besser kannte, als er selbst, ausmachte. Er würde nicht zulassen, dass Fudge einen Unschuldigen auf diese Weise vernichtete. Er würde seinen Freund, der sich auf ihn verließ, dem er etwas versprochen hatte, nicht alleine lassen!

Seine Muskeln spannten sich, sein Kiefer zitterte, seine Finger umschlossen die Gitterstäbe noch fester und dann zog er. Zog mit aller Kraft und mit Unterstützung des Wolfes und seiner kochenden Wut und stählernen Entschlossenheit. Etwas knirschte leise. Das Metall gab nach. Nur noch ein bisschen…


Ein harter Schlag traf ihn in den Rücken, er schluckte Wasser. Hustend ging er wieder unter, doch er schaffte es gerade noch so, sich wieder hochzukämpfen. Er hatte völlig die Orientierung verloren, wusste nicht mehr wo er war. Oder vielleicht wusste er es doch: er war verloren.

Was war das?

Hatte er da was gehört?

Er versuchte zu lauschen, aber die Wellen schlugen so laut und rauschten, er konnte gar nichts hören. Hatte er sich das Geräusch nur eingebildet? Spielte ihm seine Phantasie schon Streiche?

Nein, da war es wieder, ein heller Ton, der ihn wie ein warmer Sonnenstrahl traf. Doch kaum war er da, schwappte schwarzes Wasser über ihn und erstickte jegliche Klänge. Keuchend schlug er mit den Armen aus. Seine Bewegungen wurden immer träger und fahriger. Die Kälte und die Erschöpfung lähmte seine Muskeln.

Vielleicht war es besser, sich nicht zu wehren, sondern dem Wasser einfach nachzugeben…


Er musste sich ganz schön quetschen, aber er schaffte es auf die andere Seite. Mit nur zwei Schritten war er an der Pritsche. Fast zärtlich legte er seine zitternde Hand auf Sirius Schulter. Der dünne Körper bebte so stark, dass Remus ihn kaum richtig zu fassen bekam.

„Sirius! Tatze! Ich bin hier! Hörst du! Ich bin hier, bei dir! Ich lass dich nicht allein! Du musst kämpfen, Sirius, hörst du! Kämpf dagegen an! Ich helf dir! Bitte Sirius! Lass mich nicht im Stich!"

Er kniete sich neben die Pritsche und packte Sirius mit festem Griff an der Schulter, fest, aber nicht grob. Ein Griff, der Halt geben sollte. Seine andere Hand legte er auf dessen Kopf und streichelte besänftigend über dessen Haare. Sirius Gesicht konnte er nicht erkennen, nicht so, wie er im Moment dalag.


Es hatte keinen Sinn mehr, sein ganzer Körper war taub und schmerzte, die Wellen wurden immer höher und der feine Lichtstrahl war verschwunden. Er hatte verloren, die Verzweiflung gesiegt. Seine Beine hörten auf, sich zu bewegen, noch bevor er ihnen explizit den Befehl dazu gab. Da traf ihn wieder etwas an der Schulter. Er machte sich auf das Wasser gefasst, das gleich über ihn hinwegschwappen würde, doch es blieb aus, stattdessen lag etwas auf seiner Schulter. Verwirrt griff er danach und seine klammen Finger ertasteten ein dünnes, feines Seil.

Irgendwo in seinem Kopf legte sich ein Schalter um. Dieses Seil bedeutete Hoffnung. Und wenn sie noch so klein war. Fest schlossen sich seine Finger darum. Seine Beine traten wieder gegen das Wasser, wenn auch langsam und müde. Er hangelte sich an dem Seil entlang, Wasser schlug ihm entgegen, versuchte, ihn fortzureißen, versuchte, seine Hände von dem rettenden Strohhalm zu zerren, doch seine Finger umklammerten das dünne Seil so fest, dass es ihm in die taube Haut schnitt. Vom vielen Wasser im Gesicht musste er husten, doch er ließ nicht los, hangelte sich weiter, auch wenn der Schmerz in seinen Oberarmen immer stechender wurde und er seine Beine nicht mehr spürte. Er würde nicht loslassen!

Und da merkte er, dass das Seil sich selbst auch bewegte. Selbst wenn er nichts tat außer sich festzuhalten, so zog es ihn doch durchs Wasser, irgendwohin, wo etwas auf ihn wartete, das ihm half.


Remus verharrte in dieser Position, hielt den bebenden Körper sicher fest und strich ihm beruhigend übers Haar. In einem endlosen Monolog murmelte er Sirius aufmunternde und beruhigende Worte zu. Mit jedem Augenblick, der verging, ohne dass etwas geschah, wurde Remus Stimme zittriger und sein Griff unweigerlich fester. Er durfte Sirius nicht verlieren, nicht auf diese Weise, nicht unter diesen Umständen, nicht an die Dementoren.

Da ruckte der Körper unter ihm zur Seite und ein Geräusch kam über Sirius' Lippen, das sich anhörte, wie ein beinahe Ertrunkener, der, wieder an der Oberfläche, hektisch und tief nach Luft schnappte. Seine Augen schlugen weit auf und mit schnellen, unsicheren und fahrigen Bewegungen rappelte er sich auf und entwand sich Remus Griff. Völlig desorientiert und panisch kroch er auf allen Vieren ans andere Ende der Pritsche, wo er sich zitternd zusammenkauerte, die Beine dicht an die Brust gezogen, die geweiteten Augen huschten hektisch umher, verweilten nirgends besonders lange. Sein Gesicht war leichenblass und Schweiß glänzte auf seiner Stirn, seine Arme hatte er dicht an seinen Oberkörper gepresst.

Remus wusste nicht, ob er erleichtert oder entsetzt sein sollte.

Sirius' hektischer Blick blieb öfter kurz auf ihm liegen, doch er schien ihn nicht zu erkennen, schien seine Umgebung überhaupt nicht wirklich wahrzunehmen. Langsam erhob er sich auf seine Beine, seinen Freund nicht aus den Augen lassend. Mit bedächtigen Bewegungen streifte er sich seine Robe ab – dass ihm die Kälte des Dementors noch in den Knochen lag, kümmerte ihn herzlich wenig – und trat ganz langsam auf Sirius zu.


Wo war er hier?

Wie war er hierher gekommen?

Was machte er hier?

Und wieso war ihm so schrecklich kalt?

Voller Angst suchte sein Blick die Umgebung ab. Hier war es hell, ja, aber das bedeutete nichts. Wenn er eins wusste, dann, dass sie ihn überall fanden. Sie würden ihn auch hier finden.

Er sah Gitter und Wände, doch die würden ihn nicht vor den kalten, schwarzen Fluten schützen können, die ihn schon einmal fortgerissen hatten. Er musste Schutz finden, etwas, woran er sich festhalten konnte!

Da bewegte sich etwas, erschrocken zuckte er zusammen und blickte panisch auf. Es fiel ihm schwer, sich auf das Ding vor sich zu fokussieren, doch langsam rückte es immer klarer in sein Blickfeld. Es war groß und hielt etwas in den Händen. Es war ein Mensch und er lächelte ihn freundlich und warm an.

Unverwandt starrte er zurück. Wo kam dieser Kerl her? Was wollte er? Gehörte er zu ihnen?

Instinktiv rutschte er etwas von ihm weg.

Etwas regte sich auf dem Gesicht, er glaubte, für einen Moment Angst und Sorge darin zu erkennen, dann füllte das Lächeln wieder alles aus. Und eine Stimme gesellte sich dazu.

„Hey, Sirius. Ich bins, Remus. Ich will dir nicht wehtun. Ich will dir helfen."

Sirius? War er das?

Ja, er glaubte schon.

Und wer war Remus?

Dieser Mann da vor ihm?

Was hatte er noch gesagt?

Er konnte sich nicht erinnern. Aber er sah dieses freundliche Gesicht, sah die Sorge, sah die Wärme, sah die Güte und er wagte etwas, was er sich nicht zugetraut hätte. Trotz allem, was geschehen war, was er erlebt hatte, was sie aus ihm gemacht hatten, beschloss er zu vertrauen.

„Ssssooho k..k..kahalt…" Seine Stimme hörte sich fremd in seinen Ohren an, zerbrechlich und dünn, und seine Zähne schlugen beim Sprechen aufeinander, so sehr zitterte er vor Kälte.

Das freundliche Gesicht nickte und kam noch etwas näher, dann setzte sich der Mann neben ihn hin, nah genug, dass er dessen Körperwärme spüren konnte, aber er berührte ihn nicht. Für einen Augenblick wurde er unruhig, vor allem, als der Mann die Arme mit einem braunen Ding darin nach ihm ausstreckte.

„Ich weiß, Sirius. Nimm meine Robe! Ich brauch sie nicht."

Irgendwie klang diese Stimme beruhigend, so vertraut, genauso, wie ihm diese bernsteinfarbenen, freundlichen Augen so vertraut vorkamen. Er ließ geschehen, was geschehen musste. Etwas Schweres und Warmes legte sich über seine zitternden, verkrampften Schultern. Der Mann beugte sich zu ihm und zog es noch zurecht, bis ihn die Wärme von allen Seiten umfing. Mit klammen Fingern umschloss er die Ränder der Robe und hielt sie vor seiner Brust fest verschlossen. Er neigte den Kopf nach unten, um sich weiter in die warme Hülle zu ducken, dabei stieg etwas in seine Nase, das sich einen Weg durch sein ganzes Bewusstsein bahnte, bis es einen Teil im Schatten erreichte und ihn wachrief.

Diesen Geruch kannte er. Dieser Geruch war ihm vertraut. Noch mehr als die beruhigende Stimme. Noch mehr als der freundliche Blick aus den bernsteinfarbenen Augen. Er schloss die Augen. Dieser Geruch weckte Bilder in ihm, projizierte sie vor sein inneres Auge und brachte Erinnerungen zurück, welche die schwarzen Fluten beinahe hinfortgespült hätten. Bilder und Erinnerungen voller Farbe, voller Schönheit, voller Glück…

… er sah einen schmächtigen, kleinen Teenager vor sich mit wuscheligem braunem Haar. Völlig außer Atem lehnte er an einer Steinwand, seine Wangen waren gerötet und er keuchte. Dann sah er auf und ihn direkt an. In seinen bernsteinfarbenen Augen strahlten die Freude und das Glück nur so um die Wette, und auch jede Menge Schalk mischte sich darunter. ‚Hast du das gesehen, Sirius? Hast du sein Gesicht gesehen? Oh Mann, Schniefelus wird soo wütend auf uns sein!'…

… er sah einen jungen Mann in einem Spiegel, er trug einen edlen, schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, um dessen Kragen er gerade versuchte, eine Fliege zu knoten. Seine wilden schwarzen Haare wallten um sein attraktives Gesicht, das im Moment blass und nervös aussah. Er sah sich selbst. Eine ruhige Hand legte sich auf seine Schulter und drehte ihn um. Vor ihm stand ein junger Mann in einem ähnlichen Anzug, nur dass dessen Fliege schon geknotet war. Auf seinem müde aussehenden Gesicht lag ein amüsierter Ausdruck und seine bernsteinfarbenen Augen funkelten so voller Lebensfreude. ‚Das kann man ja gar nicht mitansehen, Tatze! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du heiratest heute und nicht James.' Seine schlanken Hände griffen an seinen Kragen und machten sich mit flinken, geschickten Bewegungen an der Fliege zu schaffen. ‚Ich bin nur aufgeregt, das ist alles.' ‚Oh nein, Mister. Das ist nicht alles. Ich kenn dich, Tatze, mir machst du nichts vor. Du befürchtest, dass James jetzt, wenn er heiratet, nicht mehr derselbe ist, dass sich in eurer Freundschaft etwas verändert.' ‚Seit wann bist du Psychotherapeut, Moony?' Der Mann grinste. ‚Verborgene Talente! Nein im Ernst, Sirius. Mach dir keine Sorgen. Er heiratet nur, er unterzieht sich weder einer Gehirnwäsche, noch wandert er aus.'…

… er stand in einem Flur mit kaltem, hellen Licht. Sämtliche Wände waren weiß und ein paar Stühle standen herum. Ein Krankenhaus. Ein Mann kam auf ihn zu und strahlte förmlich mit der Sonne um die Wette. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, kleine graue Strähnen zogen sich durch sein hellbraunes Haar und doch sah er aus wie der glücklichste Mensch auf Erden. In seinen Armen hielt er ein Bündel aus Decken, nein, ein Baby. ‚Na komm schon, Tatze. Du bist sein Pate, willst du ihn nicht mal halten?' Er hob abwehrend die Hände. ‚Nein, nein, lieber nicht. Ich… er sieht so zerbrechlich aus.' Beide blickten sie zu dem Säugling hinab, der sie aus großen grünen Augen neugierig anschaute, aber von der Geburt noch zu geschafft war, um zu schreien oder zu nörgeln. Schwarzes Haar lugte aus den Decken hervor, genauso wie eine kleine Hand mit winzigen Fingern, die sich zu einer kleinen Faust zusammenkrümmten. ‚Ach komm schon, Tatze, er sieht zerbrechlich aus, aber Babys halten mehr aus als ein Klatscher. Na los!' Grinsend und mit leuchtenden Augen hielt er ihm das Baby hin und schließlich streckte er unsicher die Hände danach aus. Damals hatte er sich geschworen, dieses Gefühl, seinen Patensohn zum ersten Mal in seinen Armen zu halten, nie zu vergessen. Heute wäre es beinahe passiert…

… er sah ein Gesicht, vom flackernden Schein einer Kerze in diffuses Licht getaucht. Bernsteinfarbene Augen blickten ihn voller Sorge an. ‚Sirius? Alles okay? Du hattest wieder einen Alptraum.' ‚Könntest du eine Weile hier bleiben?' Ein warmes Lächeln. ‚Klar doch, dein Zimmer ist sowieso viel schöner als meins.' Er musste Grinsen und der Mann grinste erleichtert zurück…

„Remus…" murmelte er.

„Ja, ich bins Sirius." Eine Hand legte sich beruhigend um seine Schulter und zog ihn etwas näher an den warmen Körper neben sich.

Der Geruch wurde hier noch intensiver und mit einem Mal wusste er, das alles gut werden würde. Remus war hier. Der Remus, der immer für ihn dagewesen war, der versprochen hatte, ihn nicht allein zu lassen und sein Versprechen gehalten hatte.

„Remus!"

„Schon gut. Ich bin hier!"

Und von einem Moment auf den anderen wich die Anspannung von ihm, fiel völlig von ihm ab und ließ einen geschwächten, kraftlosen Mann zurück. Er sackte in sich zusammen, rutschte an Remus Oberkörper entlang hinunter. Eine Hand hielt ihn vorsichtig fest, bis er mit seinem Kopf auf Remus' Oberschenkel zum Liegen kam. Er kauerte jetzt mit angezogenen Beinen auf der Pritsche, gehüllt in eine warme Robe und gehalten von einem Freund. Der beste Halt, den man nur bekommen konnte. Er wusste, hier konnte er sich fallen lassen, hier würde ihm nichts geschehen.

Eine Hand legte sich auf seine Seite und ohne drüber nachzudenken griff er nach dieser Hand und verschränkte seine kalten, zittrigen Finger mit den warmen. Geborgenheit hüllte ihn ein. Wärmte ihn von innen. Er fühlte sich sicher. Hier konnten ihn die schwarzen Fluten nicht erreichen.

Langsam kam sein Geist zur Ruhe.


Mit Tränen der Erleichterung in den Augen blickte Remus auf Sirius hinab, der zusammengerollt neben ihm lag, den Kopf in seinen Schoß gebettet und seine Hand mit der seinen verschränkt. Er atmete jetzt ruhiger und auch sein Zittern ließ ganz allmählich nach. Wie er so dalag, wirkte er völlig entspannt, als könne ihm die gesamte Umgebung nichts anhaben.

Seine Hand wanderte zu Sirius Kopf und strich ihm sachte ein paar feuchte Haarsträhnen aus der schweißnassen Stirn. Sirius war zurückgekehrt, er hatte ihn erkannt und er hatte sich ihm anvertraut. Remus hoffte, dass das gute Zeichen waren.

„Ruh dich aus! Schlaf! Du hast es dir verdient."

Aber Sirius hörte diese Worte schon nicht mehr, er schlief bereits tief und fest. Schon bald stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. Diesmal waren seine Träume alles andere als eine Qual.


Wunderbare Wärme hüllte ihn ein, genauso wie das Gefühl der Geborgenheit. Etwas Warmes und Weiches lag unter seiner Wange, ein angenehmes und lebendiges Kopfkissen, das sich leicht regte. Eine Hand hatte ihre Finger mit den seinen verschlungen und eine andere Hand ruhte angenehm schwer knapp über seiner Stirn auf seinem Kopf. Er war nicht allein, er fühlte sich wohl. Der Gedanke an Angst schien ihm absolut absurd. So könnte er ewig liegen bleiben, ewig in diesem guten, angenehmen Gefühl verharren.

Aber langsam schmerzten seine Muskeln, weil er sie solange nicht bewegt hatte und auf die Dauer doch etwas unbequem dalag. Ein leises Seufzen entrang sich seiner Kehle und er zwang sich schließlich seine Augen zu öffnen, es half ja nichts.

Schwärze.

Gnadenlose Dunkelheit.

Mit einem Mal war alles vergessen und die nackte, kalte Angst kehrte zurück. Wo war er? Wieso war es so dunkel? Und wer um alles in der Welt berührte ihn da?

Eine Gänsehaut kroch seinen Rücken hinab und blitzschnell rutschte er unter den beiden Händen heraus und verzog sich in eine Ecke der Pritsche, brachte möglichst viel Abstand zwischen sich und den Fremden, dessen Gegenwart er förmlich spüren konnte. Wenn er seinen Beinen vertraut hätte, wäre er aufgesprungen, um den Abstand noch zu vergrößern, aber sein Körper zitterte und seine Beine fühlten sich so wabbelig und gleichzeitig so schwerfällig an.

„Sirius! Ich.. ich bins nur! Remus." kam da eine ruhige, sanfte und auch besorgte Stimme aus der Dunkelheit, eine Stimme, die er kannte, Remus' Stimme.

Und mit einem Mal brach die Erinnerung über ihm zusammen, oder besser gesagt, ein Teil der Erinnerung. Er war in Askaban, sie hatten das Licht ausgemacht, er hatte ein Verhör bei Rukschow hinter sich, er hatte Remus angeschrieen, und dann war da diese eiskalte, schwarze Verzweiflung gewesen, die ihn mitgerissen hatte. Auch jetzt noch spürte er einen Hauch dieses klammen Gefühls tief in sich drin.

Aber er hatte sich doch grade noch so warm und wohl und geborgen gefühlt? Wie war das möglich? In Askaban? Was war passiert?

Er sollte Remus fragen.

Halt!

Remus!

Das konnte nicht sein. Er konnte nicht hier sein!

„Wer bist du?" knurrte er halb furchtvoll, halb drohend.

„Was? Tatze. Ich bins, Remus."

„Oh nein, du magst dich anhören wie er, aber du kannst es nicht sein. Remus ist da drüben in der anderen Zelle! Er käme hier nicht rein und einfach so aus reiner Menschlichkeit haben sie ihn schon gar nicht hier rein gelassen. Also, wer bist du?"

„Bitte Sirius, ich bin es wirklich. So glaub mir doch."

„Aber natürlich, für wie dumm haltet ihr mich?" Er wandte sich etwas ab in die Richtung, in der er Remus' Zelle vermutete. „Remus! Remus, wach auf! Na los, bitte!" Doch auf sein Rufen erfolgte keine Antwort, nicht mal ein leises Rascheln.

Ruckartig wandte er sich dem Fremden zu. Jetzt war er wütend und in seine allgemeine Furcht, von den Dementoren und ihrem Einfluss erzeugt, mischte sich noch mit Sorge. Sein Atem ging schneller, er keuchte schon fast. „Was habt ihr mit ihm gemacht? Habt ihr ihn betäubt? Ihn niedergeschlagen? Oder habt ihr ihn zu Rukschow gebracht, um ihn noch mal zu foltern?"

„Bitte beruhig dich doch…"

Er spürte eine Bewegung auf der Pritsche, der Fremde versuchte ihm näherzukommen.

„Keinen Millimeter weiter oder ich vergess mich! Was habt ihr mit ihm gemacht?"

„Tatze, bitte… ich kann dir beweisen, dass ich wirklich ich bin…" Die Stimme klang jetzt flehentlich und besorgt. Wer immer da versuchte, ihn zu täuschen und so zum Reden zu bringen, war verdammt gut.

„Ach ja?" fragte er skeptisch nach. „Na dann versuch doch dein Glück!"

„Okay, okay…" Remus konnte es sich nicht erklären, aber plötzlich war sein Hirn wie leergefegt. Es gab so viele so eindeutige Sachen, mit denen er beweisen konnte, dass er er selbst war – dass er von Sirius' Animagusform wusste, dass Peter in der Heulenden Hütte um sein Leben gewinselt hatte – doch ihm fiel nichts davon ein im Moment. Stattdessen stotterte er herum. „… na ja… du isst zum Frühstück gerne gekochtes Ei mit Nutella."

Sirius runzelte die Stirn. „Jeder der einigermaßen gut recherchieren kann, findet das raus, es steht schließlich im Hogwartsjahrbuch, auf der Seite mit den Umfragekategorien. Ich war Spitzenreiter in der Kategorie ‚Widerliche Essgewohnheiten'. Das kann jeder nachlesen. Du wirst dir schon was Besseres einfallen lassen müssen."

„Natürlich, okay… ähm…" Fieberhaft dachte er nach, bis ihm endlich ein Licht aufging. „Swetlana Semjon!"

Unwillkürlich zuckte Sirius leicht zusammen, als er diesen Namen hörte. Seit Jahren hatte er ihn nicht mehr gehört. Es kostet ihn einige Mühe die aufwallenden Gefühle zurückzudrängen und möglichst unbeeindruckt „Was soll mit dieser Person sein?" zu fragen.

Die Stimme aus dem Dunkel, die sich wie Remus' anhörte, klang jetzt sicher und fest und er sprach schneller. Jetzt wusste er, was er sagen wollte, was er sagen musste.

„Sie war Russin, kam erst in unserem siebten Jahr nach Hogwarts. Sie war eine Draufgängerin, hat uns alle Ehre gemacht, oder besser gesagt, Konkurrenz. Sie war in Slytherin. Seit dem ersten Streich habt ihr euch gehasst und die anfänglichen Streiche arteten bald in euren kleinen Privatkrieg aus. Einmal habt ihr euch auf dem Quidditchfeld geprügelt. Und schließlich, im Sommer, da fand ich euch dann im Dickicht am Seeufer in eindeutiger Pose. Ich weiß bis heute nicht, wie es dazu kam, aber ich weiß, dass du sie geliebt hast, sehr geliebt, auch wenn du es niemandem gegenüber zugegeben hast. Die anderen ahnten nichts, in der Öffentlichkeit seid ihr euch immer noch an die Gurgel gegangen. Zwei Monate vor Schulende haben ihre Eltern sie zurück nach Russland geholt. Nach der Schule kam sie nach England zurück, aber sie geriet in diesem Krieg zwischen die Fronten und starb bei einem Todesserüberfall. Du hast niemandem gezeigt, wie sehr ihr Tod dich schmerzte, aber ich war nicht blind. Ich hab dich zwar halb verprügeln müssen, um dich zum Reden zu kriegen, aber immerhin hast du dann mal alles rausgelassen. Wir waren…"

Sirius hatte wirklich lange genug zugehört, wenn nicht sogar viel zu lange. Diese Worte wühlten Dinge in seinem Geist auf, die ihn unter normalen Umständen schon quälten, also Dinge, die er jetzt nicht brauchen konnte. Aber wenn er noch mehr hören würde, dann würde er nicht mehr verdrängen können…

„Es reicht!"

Remus hielt inne, er wusste, dass er damit einen wunden Punkt getroffen hatte, aber ihm war wirklich nichts anderes eingefallen, zu überraschend war dieser Moment des sich Beweisens gekommen. „Sirius?" fragte er in die Stille.

Der Angesprochene schluckte. Swetlana hatte im Moment nichts in seinem Denken zu suchen. Mühsam schob er sie beiseite und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Dennoch wusste er nicht, was besser war, die schmerzlichen Erinnerungen oder die aktuelle Gegenwart. Er schüttelte den Kopf ehe er sich an sein Gegenüber wandte.

An seinen Freund.

„Wie bist du hier reingekommen, Moony?" Seine Stimme klang erschöpft.

Remus atmete erleichtert aus, er hatte ihn überzeugt. „Das ist nicht wichtig im Moment. Wie geht's dir?"

Sirius rutschte aus seiner Ecke heraus, streckte suchend seine Hand aus und fand schließlich eine Schulter. „Ah, da bist du."

Remus hob seine Hand und legte sie auf die von Sirius. „Ja, hier bin ich. Wie fühlst du dich, Sirius?"

„Ich weiß nicht so recht. Irgendwie hin- und hergerissen. Was ist überhaupt passiert? Ich kann mich nur noch an dieses eiskalte, schwarze Wasser erinnern und dann war auf einmal alles so warm und angenehm. Ich.. ich weiß auch nicht."

Remus wandte sich näher an seinen Freund und änderte dabei die Sitzposition, die er schon seit Stunden innehatte. Und er begann Tatze zu erzählen.


Sirius schluckte. Was er da hörte, zeigte ihm nur, wie knapp er an seinem Ende vorbeigeschrammt war. In seiner Verfassung hatte er den Dementoren nichts entgegenzusetzen gehabt, gar nichts, und wenn Remus nicht gewesen wäre… Er durfte gar nicht darüber nachdenken.

Seine Hand drückte die Schulter, auf der sie lag. „Danke Remus!" Seine Stimme klang rau und war sehr leise und doch so voller Ernst, Erleichterung und Freundschaft.

Remus lächelte und drückte Sirius Hand. „Hey, wozu sind Freunde denn da?" Das leichte Zittern in seiner Stimme verriet, dass ihn das Ganze mehr mitgenommen hatte, als diese trivial und selbstverständlich klingenden Worte vielleicht glauben ließen. Doch die beiden verstanden sich, sie waren Freunde seit so langer Zeit und konnten ohne Probleme auch hinter den Worten des jeweils anderen lesen. Den Streit von vor wenigen Stunden hatten sie beide völlig vergessen.

Sirius atmete tief ein und schüttelte sich, als wolle er sämtliche Geschehnisse der letzten Stunden loswerden, um wieder klar denken zu können. Er starrte in die Dunkelheit vor sich, dorthin, wo er Remus vermutete.

„Du solltest wieder zurück, Moony."

„Tatze, ich…"

„Nein Moony, du bist schon viel zu lange hier bei mir. Es ist ein Wunder, dass dich noch niemand erwischt hat. Und ich will nicht, dass sie dir meinetwegen etwas antun. Bitte Moony, geh zurück, es ist zu gefährlich." Er konnte ein leichtes Beben in seiner Stimme nicht unterdrücken. Allein die Vorstellung nach dem Durchlebten allein hier in der Dunkelheit zu sitzen, behagte ihm weniger als überhaupt nicht. Remus Nähe tat ihm gut, beruhigte ihn, doch er wusste, dass es zu gefährlich war und er wollte auf keinen Fall, dass sein Freund wegen seinem Egoismus leiden musste. Er hatte sich schon lange genug wegen ihm in Gefahr begeben.

„Das ist mir egal, Sirius. Sollen sie mich doch erwischen, aber ich lass dich so nicht allein."

Sirius lachte, ein freudloses und irgendwie verzweifelt klingendes Lachen, leise und gemischt mit einem herzhaften Seufzer.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde Moony, aber im Moment wünschte ich, du wärst kein gottverdammter Gryffindor, sondern so ein Ravenclaw-Schlauberger, der würde sich wenigstens nicht vor der einzig logischen Handlung verschließen, sondern die Argumente durchdenken und zum einzig wahren Schluss kommen."

Wenn er Remus in diesem Moment hätte sehen können, dann hätte er vermutlich richtig gelacht, denn dessen Augenbraue wanderte in absoluter Snape-Manier seinem Haaransatz entgegen bei diesem Kommentar.

„Ach Moony, bitte, ich will dieses Risiko nicht eingehen, verstehst du? Ich bin zu viele Risiken auf Kosten meiner Freunde eingegangen. Bitte, geh zurück auf deine Seite."

Als Remus den Schmerz aus Sirius Stimme heraushörte, da wollte er erst recht nicht mehr gehen, doch ihm wurde bewusst, dass es doch das Einzige war, was er sinnvollerweise tun konnte.

„Ich lass dich nur ungern allein."

Sirius lächelte. „Ich weiß. Aber ich komm schon klar. Wirklich!"

Remus bezweifelte es, dennoch stand er auf. „Verwandel dich, Tatze, das macht es leichter. Und wenn irgendwas ist… bitte verschließ dich nicht. Ich bin gleich dort drüben."

„Ich versprechs."

Remus bückte sich mit einer Hand an der Pritsche und suchte mit der anderen nach seinen Schuhen, konnte sie jedoch partout nicht finden. Dann halt nicht. Als er sich wieder erhob, spürte er einen buschigen Hundeschwanz an seinem Oberschenkel und er lächelte ein wenig beruhigter. Seine Robe lag noch immer als Decke über seinem Freund.

„Ruh dich aus!" murmelte er, dann tastete er sich dennoch voller Sorge zurück zu den Gittern und quetschte sich mühsam durch den Spalt, den er selbst geschaffen hatte. Er war schon fast an seiner Pritsche angekommen, als ihm siedendheiß ein Gedanke durch den Kopf schoss.

Wenn hier jemand rein kommt, wird er das verbogene Gitter sehen. Verdammt!

Hastig wandte er sich um und stieß sich vor lauter Hektik seinen großen Zeh an einem Gitterstab. Krampfhaft biss er die Zähne zusammen und kniff die Augen zu. Wieso tat so eine Kleinigkeit auch so verdammt weh? Er drängte den Schmerz zur Seite und legte stattdessen seine Hände an die Gitterstäbe und tastete nach den beiden verbogenen. Seine Hände fühlten sich klamm an, ihm war immer noch etwas kalt von den Dementoren und sein linkes Bein, auf dem Sirius Kopf gelegen hatte, kribbelte unangenehm. Durch seine dünnen Socken kroch die Kälte des Steinbodens. Er fühlte die Müdigkeit, die auf seinen Gliedern lastete, mit einem Mal mit voller Intensität. So konnte er gegen das harte Metall nichts ausrichten. Nie und nimmer. Erschöpft ließ er seine Hände wieder sinken ohne es überhaupt versucht zu haben. Fröstelnd suchte er sich seinen Weg zu seiner Pritsche und breitete das dünne Tuch über seinem Oberkörper aus, doch es wärmte nicht im Geringsten.

Seine Robe war bei Sirius, doch dem wollte er sie im Moment wirklich nicht nehmen. Was sollte es schon, eine Nacht würde er schon überstehen. Er zog das Tuch dichter unter sein Kinn und keine Minute später war er in einen tiefen Schlaf gefallen, den Schlaf der Erleichterten, der Erschöpften.


Da haben die zwei ja was mitgemacht. Morgen oder übermorgen gehts weiter!

Bis dahin dürft ihr gerne eure Meinung dalassen :-)

Bis nächstes Mal!