Hi da draußen!

Heute gibt's ein neues Kapitel, diesmal folgen wir Harry ein wenig auf seinen Spuren und beobachten die drei beim Pläne schmieden - und mich vermutlich dabei, die Gesetze der Zaubererwelt auf den Kopf zu stellen *ups* :-)

Viel Spaß beim Lesen!

Padblack: Danke für deine Reviews. Das mit der verklärten Sichtweise dank Fanfictions kenn ich auch, wenn auch eher bei Doctor Who. Aber ich weiß, was du meinst. Und dieses Kapitel hier beginnt bei meiner Zählung auf Seite 62, damit du dir eine Vorstellung machen kannst :-)


Ein Ziel vor Augen

Allesumfassende Dunkelheit wurde schlagartig zu gleißendem Licht.

Als hätte sein Unterbewusstsein nur darauf gewartet, riss es ihn schlagartig aus dem Schlaf. Sein Körper zuckte zusammen und seine Augen schlugen erschrocken auf, nur um sich gleich wieder gegen die Helligkeit zu schließen. Er brauchte ein bisschen, doch dann hatte er sich an das Licht gewöhnt. Vorsichtig hob er seinen Arm von seinem Gesicht und erhob sich langsam in eine sitzende Position.

Merlin sei Dank, er war wach!

Tief durchatmend lehnte Snape seinen Kopf hinter sich an die Wand. Ihm war kalt und er zitterte leicht, tief in sich drin spürte er eine seltsame Verzweiflung, vermischt mit Panik, die an seinem Herzen zogen, doch die Gefühle waren nur noch klägliche Schatten im Vergleich zu dem, was ihn im Schlaf heimgesucht hatte.

Verzweiflung.

Panik.

Kälte.

Er verdrehte über seine eigene Blindheit die Augen. Natürlich, während er geschlafen hatte, hatten die Dementoren mal wieder ihre Kreise gezogen. Und sie waren gründlich gewesen. Es fiel ihm schwer, die Bilder all dieser Toten, die sich ihm aufdrängten, zurück in die dunklen Tiefen seines Verstandes zu drängen, wo sie hingehörten. Wenn die Dementoren die mühsam errichteten Schranken seines Geistes noch öfter einrissen, würde es ihm irgendwann nicht mehr gelingen, die Schatten seiner Vergangenheit einzuschließen und damit zumindest irgendwie mit seiner Vergangenheit abzuschließen.

Als wenn du mit deiner Vergangenheit abschließen könntest, Severus… neckte ihn eine sarkastische Stimme in seinem Kopf.

Auch wenn sie Recht hatte, beschloss er, sie nicht zu beachten.

Es waren also Dementoren hier gewesen.

Dementoren!

Er konnte sich zwar nicht wirklich erklären, woher dieses seltsame ziehende Gefühl in seinem Inneren kam und wieso er überhaupt Sorge empfand, doch sie war da und unwillkürlich wandte er seinen Blick in die anderen beiden Zellen, wo seine Kollegen und Mitgefangenen ‚hausten'.

Auf der einen Pritsche lag dieser elendige Köter, friedlich zusammengerollt, die Schnauze tief unter eine Vorderpfote geschoben, so dass diese seine Augen bedeckte. Eine abgetragene, braune Robe – Lupins Robe – bedeckte seinen Körper und neben der Pritsche lagen zwei Schuhe achtlos hingeworfen.

Snape runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten?

Lupin dagegen lag mit dem Gesicht zur Wand da, die Arme eng um sich geschlungen, den Fetzen, der als Decke dienen sollte, dicht um sich gewickelt. Er trug nur sein kurzärmliges, weißes Hemd und die Hose, Schuhe hatte er ebenfalls keine an. Das Licht störte ihn offensichtlich nicht im Geringsten.

Er hatte nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung, was hier passiert war, aber offensichtlich hatte er etwas Interessantes verschlafen.

Naja, wenn die beiden schliefen, dann konnte er sich wenigstens in Ruhe Erleichterung verschaffen.

Vorsichtig erhob er sich. Die Welt wurde mit einem Schlag dunkel und begann irgendwie sich zu drehen. Schnell stützte er sich an der Wand ab und schüttelte den Kopf ein wenig. Es wurde etwas besser und er glaubte, die Ecke mit dem Eimer sicher zu erreichen.

Seine Hände waren immer noch kalt und taub, sie gezielt zu bewegen fiel ihm schwer und je feiner die Bewegungen wurden, desto mehr Probleme hatte er damit, wie er leidlicherweise feststellen musste, als er die Knöpfe seiner Hose öffnen wollte.

Er versuchte, sich deswegen möglichst keine Gedanken zu machen, das würde wieder werden. Poppy würde das wieder hinkriegen! Sie musste einfach.

Nach ein paar Schlucken, frischen kühlen Wassers ließ er sich wieder erschöpft auf seine Pritsche sinken. Wenigstens schmerzte sein Kopf nicht mehr so exorbitant, nur noch ein leichtes Dröhnen, das er getrost ignorieren konnte, war geblieben. Er wickelte sich etwas enger in seine Robe – er wünschte sich tatsächlich die sommerlichen Temperaturen wieder, die er noch vor wenigen Tagen herzhaft verflucht hatte – und starrte vor sich auf den Zellenboden.

Sein Magen knurrte leise.

Eine Tatsache, die sich – wie er mit der Zeit feststellte – leider nicht so einfach ignorieren ließ.


Ein leises, aber immer wiederkehrendes Grummeln weckte ihn schließlich gänzlich auf. Verschlafen schnupperte Tatze in die Luft, doch da war nichts besonderes, nur der Geruch von Remus und der von Snape, eine feine Komponente Urin, wenn auch stärker als am Vortag und ein wenig Schweiß.

In seinem Bauch zog sich etwas schmerzhaft zusammen und wieder ertönte das leise Grummeln. Es war sein Magen und er hatte Hunger. Und wie. Missmutig erhob er sich in eine sitzende Position. Etwas rutschte von seinem Rücken herunter. Erstaunt wandte er sich um und schnüffelte an dem braunen Stoff. Remus Robe. Stimmt, die hatte er ihm gestern Abend noch um die Schultern gelegt.

Er verwandelte sich zurück in seine menschliche Form und fuhr sich als erstes mit der einen Hand übers Gesicht und mit der anderen durch die Haare. Er fühlte sich so richtig groggy. Je länger er so auf der harten Pritsche saß, desto mehr drängte sich der dumpfe Schmerz von gestern zurück in seinen Körper und brachte unweigerlich die Erinnerung an das Verhör zurück, das er am liebsten vergessen würde. Schnell schüttelte er den Kopf und stand auf und hätte beinahe gleich drauf den Boden geküsst.

Er war auf irgendwas getreten und hatte das Gleichgewicht verloren, sich aber grade noch fangen können, nach einem vermutlich ziemlich lächerlich aussehenden Tanz mit ausgebreiteten, wild rudernden Armen und zahlreichen Schritten, die dennoch nicht ausreichten, ihm die Balance zurückzubringen.

„Übst du fürs Ballett, Black?" fragte da eine sarkastische Stimme.

Sirius rollte mit den Augen. Natürlich, der war ja auch noch da. Und offensichtlich auch noch wach. „Klar Snape, fürs Gefangenenballett von Askaban. Wir suchen noch jemanden für die Rolle der Vogelscheuche. Interesse?"

„Mich juckts schon unglaublich in den Füßen!" knurrte Snape zurück.

Er war über einen Schuh gestolpert, stellte er gerade fest. Über Remus' Schuh. Wieso hatte er sie gestern nicht mitgenommen? Der Boden hier drin war doch eiskalt. Verwundert runzelte er die Stirn und richtete seinen Blick schließlich auf seinen Freund, der zusammengerollt und in das dünne Laken gehüllt schlief. Okay, es ging ihm offenbar gut.

Erleichtert atmete er aus. Dann sah er die Gitterstäbe. Sie waren in Brusthöhe auseinandergebogen. Nicht weit, da sie sowieso schon weit auseinander standen, aber dennoch deutlich sichtbar. Unwillkürlich überlief ihn ein eiskalter Schauder, als ihm bewusst wurde, zu was für Kräften sein langjähriger Freund fähig war. Kräfte, die nicht von ihm kamen, die ihm der Wolf manchmal zur Verfügung stellte, Kräfte, die ihn einmal im Monat die Kontrolle verlieren ließen. Kräfte, die ihm letzte Nacht das Leben gerettet hatten.

Sirius genehmigte sich ein paar erfrischende Schlucke Wasser und benetzte sich das Gesicht damit, was irgendwie gut tat. Wieder grummelte etwas, doch diesmal war es nicht sein Magen. Mit einem wissenden Grinsen wandte er sich Snape zu. Der saß auf seiner Pritsche, die Beine lang von sich gestreckt und an den Knöcheln überkreuzt, die Arme hatte er vor der Brust verschränkt und sich damit dichter in die eigene Robe eingewickelt. Er war immer noch blasser als sonst, nur um sein Kinn und seine Wangen lagen die dunklen Schatten eines Dreitagebarts – in seinem eigenen Gesicht sah es da auch nicht besser aus, wie er nach einem flüchtigen Betasten feststellte – und sein Blick war auf den Zellenboden gerichtet.


Ein bisschen beunruhigt sah Sirius zu Remus in die Zelle und betrachtete den immer noch Schlafenden. Seiner Schätzung nach – was nicht viel heißen musste – war es ungefähr Mittag und er schlief noch immer in absolut unveränderter Haltung.

Snape war in der Zwischenzeit in seiner Zelle auf und ab gelaufen, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen und seine Muskeln zu lockern und um sich ein wenig von seinem Hunger abzulenken. Sirius hatte in der Zwischenzeit gegrübelt, immer düsterere Gedanken hatten seinen Geist erfüllt. Zuerst war es nur die Rekapitulation der Ereignisse der Nacht, dann hatte er unweigerlich an Swetlana denken müssen, ihre strahlenden Augen, ihr bezauberndes Lächeln und ihre unsagbar hinterhältigen Streiche. Rukschow und seine Verhörmethoden hatten sich ihm aufgedrängt und schließlich war ihm Harry wieder eingefallen, Harry den er über das Verhör und den (oder die) Dementoren vollkommen vergessen hatte. In seiner Zelle auf- und ablaufend hatte er versucht, nachzuvollziehen, wie Harry handeln würde, hatte versucht, hinter die genaueren Pläne Voldemorts zu kommen, hinter seine Strategie. Doch mit der Zeit wurden seine Gedanken unterbrochen von verstohlenen Blicken zu Remus hinüber, der einfach nicht aufwachen wollte.

Klar, er hatte vermutlich die halbe Nacht über ihn Wache gehalten, aber trotzdem. Er trat an das Gitter und musterte seinen Freund genauer, sein Brustkorb hob sich langsam und regelmäßig. Und doch wurde er dieses unangenehme Gefühl nicht los.

„Remus?" durchbrach er schließlich die Stille, die bereits seit einer Ewigkeit zu herrschen schien. Snape horchte auf. Remus rührte sich nicht.

Sirius runzelte die Stirn. „Remus, bist du wach?"

„Wie du siehst, wohl kaum."

„Halt die Klappe Snape!" fauchte er scharf. „Remus?"

Jetzt rührte sich was, das Laken raschelte, langsam und fahrig rollte sich Remus auf den Rücken und rieb sich mit seinen Händen übers Gesicht und die Augen. „Hm?" grummelte er verschlafen.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken, aber ich… ist alles in Ordnung mit dir Moony?" Wie kleine Rattenzähne grub sich die Schuld in sein Fleisch. Jetzt hatte er ihn aufgeweckt und er klang so erschöpft und müde und…

Sirius runzelte die Stirn. Dann packte er ohne groß zu überlegen die Schuhe und die Robe, die immer noch in seiner Zelle lagen – er hätte sich in diesem Moment am liebsten in den Hintern gebissen, als ihm klar wurde, dass er die verräterischen Kleidungsstücke den halben Tag einfach herumliegen lassen hatte – und beäugte den Spalt zwischen den verbogenen Gitterstäben. Da würde er schon durchpassen.

Etwas umständlich quetschte er sich hindurch und ein schelmisches Grinsen stahl sich für einen Augenblick auf sein Gesicht, als er aus den Augenwinkeln den völlig verdutzten Gesichtsausdruck Snapes wahrnahm. Die Schuhe stellte er neben die Pritsche.

Remus schob die Hände auf seinem Gesicht auseinander und musterte Sirius mit verwirrtem Blick und gerunzelter Stirn. „Was…?"

„Du hast deine Schuhe vergessen und deine Robe kannst du jetzt glaub ich besser brauchen als ich. Du siehst aus, als ob dir kalt wäre."

„Nur ein bisschen, nicht der Rede wert." Er ließ seine Hände sinken und stemmte sich in die Höhe, bis er schließlich saß, das Laken rutschte von ihm herunter.

Sirius Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Nur ein bisschen, ja genau. Und diese Gänsehaut da," er deutete auf Remus Unterarme, „ist wohl eine allergische Reaktion auf das Lakenwaschmittel, oder? Hier!" Er reichte seinem Freund die Robe, die dieser dankend entgegennahm und bereitwillig anzog.

„Danke." meinte er nur kleinlaut, als er sich gerade seine Schuhe zuband. „Wie geht's dir?" Er hob den Kopf und schaute von unten zu Sirius hinauf, während seine Hände sich noch mit den Schnürsenkeln abmühten.

„Naja, abgesehen von einem gewissen, nicht zu leugnenden Hungergefühl würde ich sagen, lässt sich deine Pflege durchaus weiterempfehlen!" meinte er mit schiefem Grinsen. Auch Remus lächelte.

Aber Sirius Grinsen hielt nicht lang. Er fixierte Remus Augen, sie glänzten so trügerisch. Auch wirkte er blasser als sonst und ein paar vereinzelte Haarsträhnen klebten an seiner Stirn, als hätte er geschwitzt. Aber war ihm nicht kalt gewesen?

„Moony, geht's dir wirklich gut? Du siehst irgendwie… krank aus." fragte Sirius besorgt.

Remus runzelte die Stirn, dann stand er auf und schüttelte den Kopf. „Hey, mir geht's gut, wirklich. Mir war nur ein bisschen kalt und ich bin immer noch ein bisschen müde, aber es geht mir gut." Er bückte sich nach seinem Wasserkrug und nahm ein paar Schlucke, ehe er Sirius wieder ansah. „Solltest du nicht wieder auf deine Seite rüber?"

Sirius war alles andere als überzeugt, doch für diesmal würde er es gut sein lassen. Doch er würde ein Auge auf Remus werfen. Er trat ans Gitter und hielt noch mal inne. „Wir sollten irgendwie zusehen, dass wir das hier wieder in seinen Urzustand versetzen." Er nickte in Richtung Gitterstäbe und Remus folgte seinem Wink. Jetzt im Licht wurde er sich erstmals dem Ausmaß seiner Aktion bewusst. Die Stäbe waren zwar nicht übermäßig weit verbogen, bildeten aber dennoch deutlich sichtbar eine Beule in Brusthöhe.

„Ich glaub nicht, dass ich das ohne Moony hinkriege." entgegnete er ernst.

„Verstehe."

Sirius zwängte sich durch das Gitter und legte seine Hände darum. Mit aller Kraft drückte und zog er an den Stäben, doch nichts rührte sich.

Remus musterte ihn mit belustigter Miene und schüttelte leicht den Kopf.

„Hey, einen Versuch war's wert." verteidigte sich Sirius grinsend, auch wenn ihm überhaupt nicht zum Lachen war im Moment.

Snape hatte die ganze Szene interessiert verfolgt und nahm jetzt seinen ‚Spaziergang' wieder auf. Was war hier nur in der Nacht geschehen? Lupin hatte offenbar die Gitterstäbe verbogen und war zu Black in die Zelle. Aber warum? Und wie hatte Lupin das hingekriegt? Und was hatte es mit ‚Lupins Pflege' auf sich? Er hatte keine Ahnung.

Und es war auch nicht wichtig.

Im Moment gab es wichtigere Probleme.


Eine ziemliche Weile herrschte absolute Stille. Nur die Schritte von Snape waren zu hören, ebenso die Schritte des umherwandernden Sirius. Remus hatte sich auf seine Pritsche gesetzt, die Beine angezogen und die Robe um sich geschlungen. Auch er spürte inzwischen das schmerzhafte Ziehen seines Magens, der dagegen protestierte, dass es einfach nichts zu essen gab. Ihm war immer noch kalt und er fühlte ein leichtes Kratzen in seinem Hals.

Doch er versuchte, das alles durch Nachdenken auszublenden.

Und so grübelten sie alle für sich, bis Sirius schließlich die Stille brach.

„Wir müssen Dumbledore irgendwie warnen."

Remus sah auf und Snape blieb abrupt stehen und wandte sich Sirius zu.

„Und wie bitteschön willst du das anstellen Black? Wir sitzen hier alle drei fest, haben keine Zauberstäbe mehr und sind alle obendrein nicht gerade in Topform."

„Gebt ihr Slytherins immer so schnell auf?" stichelte Sirius gereizt, woraufhin Snape nur unwillig grummelte.

„Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, hier eine Nachricht rauszuschicken."

„Vielleicht können wir einen der Wärter bestechen?" überlegte Remus.

Snape verdrehte die Augen. Aber Sirius schien einen Augenblick ernsthaft darüber nachzudenken.

„Man müsste dafür natürlich den richtigen Wärter erwischen, einen, der sich bestechen lässt, der nicht sofort zu Rukschow rennt…"

„Bei Merlin, du denkst doch nicht ernsthaft über diesen schwachsinnigen Vorschlag nach, Black." Snape schüttelte ungläubig den Kopf und seufzte.

Sirius Augen funkelten gefährlich. „Im Gegensatz zu dir hat er wenigstens einen Vorschlag!"

„Ich frag mich wirklich, wie ihr eure Schulzeit ohne einen Schulverweis überstanden habt, wenn ihr SO eure Pläne geschmiedet habt!" meinte Snape verächtlich, was Sirius nun endgültig auf die Palme brachte.

„Willst du irgendwas loswerden Snape? Nein? Dann halt dein schäbiges Maul! Oder überleg dir was Besseres, aber noch so ein Kommentar und ich besorg dir einen Cruciatus auf Muggelart!"

Remus verfolgte Sirius Gezeter und seufzte leise auf. Und er hatte geglaubt, die beiden würden nach den letzten Ereignissen etwas besser miteinander auskommen. Wie hatte er nur so dumm sein können?

„Dein Geschrei bringt uns auch nicht weiter, Tatze."

Sirius atmete einmal tief durch. „Du hast Recht, das hilft Harry auch nicht weiter. Also zurück zum Thema. Troy ließe sich nie im Leben bestechen, aber Willgrim macht so den Eindruck, als wäre er Rukschow nicht so loyal zugetan. Vielleicht…"

Und wieder unterbrach ihn die tiefe Stimme aus der Nachbarzelle, aber diesmal übertrieben freundlich und neugierig, was Sirius im Endeffekt nicht weniger wütend machte.

„Und mit was wollt ihr den Wärter bestechen? Mit einem Bettlaken? Einer Schüssel Durchfallbrei? Einem Eimer voll Fäkalien? Ich bin mir nicht sicher, ob jemand auf so einen Handel eingehen würde."

Zuerst wollte Sirius aufbrausen, doch dann machte es irgendwo klick und ihm wurde bewusst, dass Snape Recht hatte. Sie hatten nichts in der Hand für eine Bestechung. Rein gar nichts. Er biss sich auf die Lippe und ballte die Hände zu Fäusten, am liebsten hätte er aus Frust gegen die Wand geschlagen, doch diese Genugtuung wollte er Snape nicht auch noch gönnen.

Der grinste in sich hinein, als er Blacks Mienenspiel und Lupins resignierten Blick sah.

„Hast du einen besseren Vorschlag?" fragte Remus leise.

Snape zuckte die Achseln und meinte leichthin: „Black könnte noch mal ausbrechen. Immerhin hat er es schon mal geschafft."

Zwei Köpfe ruckten hoch und sahen ihn ungläubig an, dann lachte Sirius bitter auf.

„Haha, sehr witzig!"

Remus blickte nachdenklich zwischen den beiden hin und her und ging den Gedanken durch. Er wusste, dass Severus selbst den Gedanken nicht völlig ernst gemeint hatte, aber dennoch, es war immerhin eine Idee.

„Glaubst du Tatze, du könntest das noch mal schaffen?" fragte er voller Ernst.

Sirius hob überrascht eine Augenbraue, als jetzt auch noch Remus auf diesen dämlichen Vorschlag einging. Aber wenn Moony darüber nachdachte, der vernünftige, rationale Moony, dann könnte man vielleicht…

Er begann instinktiv auf- und abzugehen und laut zu überlegen.

„Naja, es würde wesentlich schwieriger werden als beim letzten Mal. Sie haben seit damals ihr Wachsystem ziemlich verändert, vermutlich traut Fudge den Dementoren doch nicht mehr so, wie er immer glauben lässt. Jedenfalls waren früher eigentlich nur Dementoren auf den Gängen, die Zauberer waren hauptsächlich für den Papierkram und in seltenen, schwierigen Fällen für Zusatzverhöre zuständig. Inzwischen laufen hier viel mehr Zauberer rum, die Dementoren machen nur noch ihre Runden, wenn sie Hunger haben." Er schauderte kurz. „Ich bräuchte einen Dementor, der die Zellentür öffnet, außer natürlich… vielleicht… wenn ich schnell genug bin…"

„Woran denkst du Black?" fragte Snape, überrascht, dass sein definitiv nicht ernst gemeinter Vorschlag plötzlich so ernst genommen wurde. Ohne dass er es wollte, keimte ein ganz klein wenig Hoffnung in ihm auf.

Sirius hielt inne und richtete seinen Blick auf Snape. In seinen dunklen Augen funkelte es, das Feuer des Tatendrangs. Endlich konnte er aktiv werden, konnte seinen Geist mit etwas beschäftigen, das ihn völlig von seiner Umgebung ablenkte, mit etwas, das ihn seinen schmerzenden Magen und den bohrenden Hunger eine Weile vergessen ließ, mit etwas, das seinem Naturell viel eher entsprach. Er war niemand, der gerne rumhockte und Däumchen drehte und wartete, bis die anderen handelten, er war selbst ein Mann der Tat.

„Wenn jemand das Essen bringt, könnte ich mich schnell verwandeln und davonhuschen. Sie wären im ersten Moment sicher zu überrascht, um zu reagieren. Ich könnte es schaffen!"

Jetzt ruckte Remus Kopf nach oben.

„Das ist blanker Wahnsinn, Sirius. Ein Selbstmordkommando. Sämtliche Wärter sind bewaffnet, wenn dich in den langen Fluren nicht gleich einer mit dem Lähmzauber erwischt, dann schlagen sie Alarm und ganz Askaban wird dir auf den Fersen sein und sowohl nach dir als auch nach einem Hund suchen. Um da heil rauszukommen brauchst du mehr als nur Schnelligkeit."

„Lupin hat Recht." Snape klang jetzt absolut ernst, in seiner Stimme schwang weder Verachtung, noch Herablassung, noch sein so typischer Sarkasmus mit. Seine Miene war wie versteinert, aber hinter seiner Stirn arbeitete es auf Hochtouren. „Dieses Gefängnis ist ein Labyrinth. Hast du auch nur den blassesten Schimmer, wo in Askaban wir uns befinden?"

„Ich denke, dass ich den Weg zurückfinde." Aber er merkte selbst, dass er sich nicht so sicher anhörte, wie er es hätte sollen.

„Das wird nicht reichen, Black. Die Wärter kennen sich hier aus, sobald sie Alarm schlagen, werden sämtliche Ausgänge verstellt werden und die anderen werden dich umzingeln. Du hast keinen Zauberstab, nichts womit du dich wehren könntest."

„Aber es könnte funktionieren!" beharrte Sirius.

„Aber das ist zu wenig, Tatze. Die Chancen sind minimalst, dass dir das gelingt. Die Chancen, dass sie dir dann allerdings irgendwas Schlimmes antun, sind umso größer. Sie werden dich nicht mehr hierher bringen, wenn sie wissen, dass du diese Gitterstäbe überwinden kannst. Und Rukschow wird seine kleine Privatrache an dir zelebrieren." ereiferte sich Remus, ehe er in ruhigerem Tonfall und ohne Blickkontakt hinzufügte. „Und ich will nicht, dass du als ein zu Hackfleisch geprügeltes Häufchen in einer Einzelzelle endest."

Kurz huschte ein warmes Lächeln über Sirius Lippen bei diesen Worten, bevor er sich der Situation wieder voll bewusst wurde.

„Aber irgendwas müssen wir tun! Ich kann hier nicht einfach rumsitzen und hoffen, dass schon alles gut gehen wird. Nicht wenn Voldemort hinter Harry her ist und Albus nichts davon weiß! Irgendwas müssen wir tun!" Erschöpft ließ er sich mit dem Rücken gegen die Steinwand sinken, weniger körperlich erschöpft, als seelisch, und aus seiner Stimme sprach die pure Verzweiflung.

Snape und Remus blieben stumm. Aber jeder für sich grübelte intensiv, ersann irrwitzige Pläne, nur um sie wieder zu verwerfen.

Es musste doch eine Möglichkeit geben, Dumbledore zu warnen!


Sirius seufzte. „Ich vermute mal, einfach die Wachen zu überwältigen, ihnen die Zauberstäbe abnehmen und dann in Richtung Ausgang durchkämpfen dürfte auch nicht so einfach werden, wie es sich anhört, oder?"

Remus hatte seinen Kopf leicht schief gelegt. „Sie kommen immer zu zweit oder dritt. Und sie öffnen nur eine Zellentür."

„Es müsste also entweder einer schnell genug sein und mehrere Wachen ausschalten, bevor einer Alarm schlagen kann, oder aber, wir starten einen Überraschungsangriff mit zwei Leuten in einer Zelle." überlegte Snape. Er war dazu übergegangen, sich lieber aktiv zu beteiligen, als nur destruktive Kommentare beizusteuern, schließlich wollte auch er hier raus und auch er hatte kein Interesse daran, dass Voldemort den Jungen tötete – auch wenn er ihn im nächsten Schuljahr wirklich gerne los wäre. Aber so wie es im Moment aussah, war es äußerst unwahrscheinlich, dass er dann noch unterrichten würde.

„Das hätte einen gewissen Überraschungseffekt." grinste Sirius.

„Ja, das schon," meinte Remus, der sein Kinn auf sein linkes Knie gestützt hatte, „aber selbst wenn einer von uns die Schritte rechtzeitig hört, wissen wir nicht, welche Tür sich öffnen wird."

„Verdammt!" Sirius schlug sich entnervt mit seiner Faust in die Flache Hand.

Das Ganze brachte Snape auf eine gänzlich andere Idee. „Dieses Loch da im Gitter, sie werden es früher oder später bemerken." warf er völlig unzusammenhängend ein.

„Ja, aber ich kann nichts dran ändern. Ich kann die Stäbe nicht einfach so noch mal verbiegen, Severus." seufzte Remus müde.

Snape hob eine Augenbraue. Irgendwie machte der Werwolf nicht gerade einen fitten Eindruck. „Himmel Lupin, sie haben dieses Loch da reingemacht, sie müssen es doch auch wieder rückgängig machen können!"

„Ich kann es aber nicht."

„Wir müssen also, wenn wir handeln, bald handeln! Wenn sie das Loch entdecken, werden sie Maßnahmen ergreifen, sie werden diese Gitterzelle jedenfalls nicht so lassen." überlegte Sirius.

„In der Tat," stimmte ihm Snape zu und überlegte dann nach einem ebenso spontanen Themenwechsel wieder an ihrem Fluchtplan weiter, „außerdem hätten wir, wenn wir die Wachen ausschalten, den Vorteil, dass es eine Weile dauert, bis sie bemerken, was passiert ist, und hätten demnach mehr Zeit, uns zum Ausgang durchzuschlagen."

„Angenommen, wir kommen soweit, dann stehen wir zu dritt mit zwei, wenn wir Glück haben drei Zauberstäben auf einer Insel mitten in der Nordsee." grummelte Remus düster vor sich hin.

„Außerhalb der Mauern kann man apparieren." merkte Snape trocken an.

Remus verdrehte die Augen. „Das weiß ich auch. Ich meine nur, das nächste Festland – was dürfte das sein, Deutschland?, Dänemark? – ist ein ganz schönes Stück entfernt. Es ist unter normalen Umständen schon schwierig über solche Strecken zu apparieren. Und wir haben vielleicht einen Zauberstab zu wenig."

Es brauchte nicht mehr gesagt werden. Sowohl Sirius als auch Snape wussten, was das bedeutete. Einer würde zurückbleiben müssen. Über solch eine Strecke und in ihrem Zustand war es unmöglich, eine zweite Person mitzuapparieren.

Wieder kehrte Stille ein, auch wenn diese Idee noch nicht als verworfen galt. Immerhin könnte sie schließlich das Einzige sein, was ihnen noch blieb. Jeder grübelte für sich. Snape hatte sich mit verschränkten Armen seitlich gegen das Gitter gelehnt, Sirius lief wieder auf und ab und Remus schlang seine Arme noch enger um seine Beine und starrte auf den Boden.

Es musste doch eine Möglichkeit geben!

Irgendeine Möglichkeit, Dumbledore eine Nachricht zukommen zu lassen!

Eine Möglichkeit, bei der niemand zurückgelassen werden musste, bei der nicht ganz Askaban hinter Sirius herjagen würde.

Eine simple Möglichkeit.

Eine, die weniger Aufmerksamkeit auf sich zog.

Die im Stillen verlief.

Etwas wie…

Remus Kopf ruckte nach oben und er starrte Snape an. Sirius hielt abrupt inne.

„Legilimentik." sagte er nur.

„Was?" fragte Sirius, nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte. Was sollte ihnen das bringen?

„Verzeihung Lupin, aber ich glaube, ich verstehe nicht ganz."

„Du beherrschst die Kunst der Legilimentik, richtig?" fragte Lupin nur.

Snape nickte, nicht sicher, worauf der Wolf hinauswollte.

„Damit kann man in die Gedanken eines anderen eindringen, richtig?"

Wieder nickte Snape, der sich langsam etwas dumm vorkam, schließlich wusste Lupin die Antworten auf seine Fragen ganz genau.

„Wäre es möglich, dem anderen bewusst auch eigene Gedanken zu zeigen?" fragte Remus, er schaffte es nicht, die Aufregung aus seiner Stimme zu verbannen.

Snape überlegte. „Sie meinen, ob es möglich wäre, wenn ich mich beispielsweise in ihrem Geist befände, dass ich sie dann an meinen Erinnerungen teilhaben lasse?"

Remus nickte heftig.

Nachdenklich rieb Snape sich sein Kinn und bemerkte dabei zum ersten Mal richtig bewusst die zahlreichen rauen Stoppeln.

„Ich habe es noch nie versucht, aber ich denke, prinzipiell müsste es möglich sein. Aber wozu soll das gut sein?"

Remus Augen leuchteten jetzt richtig. Er hatte eine Idee und bis jetzt stand ihr noch nichts im Wege. „Glaubst du, du könntest Albus auf diese Weise eine Nachricht zukommen lassen?"

„Was?" fragte Snape verdattert, bevor er genervt die Augen verdrehte.

Sirius sah nur zwischen den beiden hin und her. Er war sich nicht sicher, ob er dem Ganzen hier folgen konnte. Er verstand völlig auf was Remus hinauswollte, aber er konnte nicht ganz nachvollziehen, was ihn auf diese Idee gebracht hatte, geschweige denn, ob das umsetzbar war.

„Lupin," Snape sprach zwar völlig ruhig, aber dafür in einem genervten Ton, als hätte er es mit einem kleinen Kind zu tun, dem er schon zum wiederholten Male etwas erklärte, „um in die Gedanken eines anderen einzudringen, ist Augenkontakt unerlässlich. Wie sie wissen sollten." fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

„Natürlich weiß ich das, Severus!" meinte Remus etwas gereizt.

„Und wieso muss ich mir dann so einen dämlichen Vorschlag von ihnen anhören?" fragte Snape spitz.

„Weil… weil… hatschi!"

„Gesundheit!" entgegnete Sirius völlig automatisch.

„Danke." meinte Remus und rieb sich die immer noch etwas juckende Nase. Er räusperte sich, wobei ihm auffiel, dass sein Hals inzwischen noch ein bisschen mehr schmerzte. Gekonnt ignorierte er es und wandte sich stattdessen wieder Snape zu.

„Mein Gedankengang war, dass dich und Albus eine gewisse Freundschaft verbindet, oder liege ich da falsch?"

„Nein." sagte Snape schlicht.

„Unter Freunden ist es häufiger so, dass er eine weiß, was der andere denkt, oder dass sie trotz räumlicher Trennung spüren, dass es dem anderen gut oder schlecht geht. Vielleicht könntest du dir das zunutze machen. Du könntest es doch einfach versuchen. Konzentrier dich ganz stark auf Albus und darauf, was du ihm mitteilen willst. Du bist ein überaus fähiger Zauberer ebenso wie Albus. Er wird es merken, wenn du versuchst ihn zu erreichen. Aber du musst es versuchen, Severus."

Sirius legte mit gerunzelter Stirn seinen Kopf etwas schief und dachte einen Augenblick nach. „Das könnte klappen. Die Idee is gar nicht so blöd. Du musst es ja nur versuchen, Snape. Mehr als schief gehen kann's doch nicht."

Snape stand einfach nur reglos da, seine Gedanken wirbelten umher. Könnte es tatsächlich möglich sein, auf diese Art mit Albus in Kontakt zu treten? Er hatte so etwas noch nie versucht. Es würde zweifellos jede Menge Konzentration erfordern und es würde an seinen Kräften zehren, seinen Geist über eine solche Distanz auszustrecken und nach Albus Gedankenmustern zu suchen. Es war auf jeden Fall eine bessere Idee als einen der Wärter zu bestechen, das musste er zugeben.

Als er den Blick ein wenig hob, wurde er sich der Blicke seiner zwei Mitgefangenen bewusst. Sie warteten auf eine Reaktion.

„Das ist mit Abstand der irrwitzigste Vorschlag, der mir je gemacht worden ist. Auf so eine hirnrissige Idee kann nur ein Gryffindor kommen." grummelte er missmutig. „Aber ich werds versuchen." setzte er mit einem ergebenen Seufzer hinterher.

Remus schmunzelte. „Ich wusste doch, einer solchen magischen Herausforderung konntest du gar nicht widerstehen."

Sirius grinste, als er Snapes finsteren Blick bemerkte. Ja, Remus war nicht auf den Kopf gefallen.

Snape setzte sich auf seine Pritsche, zog seine Beine hoch in den Schneidersitz und legte seine Hände auf seine Knie. „Okay, wenn das hier klappen soll – was ich immer noch sehr bezweifle – dann brauch ich absolute Ruhe!" Seine dunklen Augen bohrten sich nahezu in die schwarzen von Sirius. „Das gilt vor allem für dich, Black!"

„Hey, was hab ich denn jetz schon wieder gemacht?" witzelte er gespielt gekränkt.

„Wir werden ruhig sein, Severus. Versuch es einfach, wenn es nicht klappen sollte, dann können wir immer noch darüber grübeln, wie wir euch zwei aus diesem Loch hier rauskriegen."

Snape runzelte kurz die Stirn, doch dann fegte er sämtliche störenden Gedanken aus seinem Geist, um sich zu konzentrieren.

Sirius dagegen wandte sich flink seinem Freund zu. „Was soll das heißen ‚euch zwei hier rauskriegen'? Moony, wir gehen alle oder wir bleiben alle, aber…"

„Black!" erklang da ein äußerst wütenden Knurren.

„Setz dich hin und sei leise!" flüsterte Remus Sirius zu, bevor er sich seitlich auf die Pritsche sinken ließ. Es würde sicher niemanden stören, wenn er für eine Weile die Augen schloss.


Ein ganzes Stück weiter weg in England…

Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Erde und verwandelte den kleinen Dorfplatz von Crisby in einen Glutofen. Die wenigen Tauben, die sich hierher gewagt hatten, hüpften träge durch den Schatten der Häuser. Vor einer kleinen Eisdiele standen mehrere Tische mit Sonnenschirmen, wo ein paar ältere Ehepaare saßen und einen Kaffee genossen, eine Gruppe kichernder Mädchen erzählten sich hinter vorgehaltener Hand und bei einem Eis die neuesten Geheimnisse, ein junges Pärchen löffelte sich selig anlächelnd einen Becher für zwei und eine etwas genervte Mutter versuchte ihre drei völlig aufgedrehten Kinder zu bändigen, die ein Eis zum Mitnehmen haben wollten. In dem kleinen Supermarkt auf der anderen Seite des Platzes konnte man die Kassiererinnen durch die Scheibe sehen, die in ein angeregtes Gespräch vertieft waren, aber offensichtlich nichts zu tun hatten. Ein Hund lag hechelnd vor dem Eingang des Supermarkts im Schatten und beobachtete die Tauben. Leise gluckerte der Dorfbrunnen in der Mitte des Platzes vor sich hin.

Auf dem kniehohen Podest, auf dem der Brunnen stand, saß Harry, mit einer Semmel in der Hand, auf der er lustlos herumkaute. Er fühlte sich hier in dieser Idylle so dermaßen fehl am Platz, dass er es schon gar nicht mehr beschreiben konnte.

Gestern war er den ganzen Tag von Dorf zu Dorf gelaufen oder mit dem Bus gefahren und hatte sich überall nach dem Riddle-Anwesen und diesem Friedhof durchgefragt, doch die Wenigsten hatten überhaupt eine Ahnung, wovon er redete. Andere sahen so aus, als hätten sie schon davon gehört, doch sie konnten ihm keine genauen Angaben machen, er hatte immer nur vage Auskünfte bekommen, wie ‚ja, davon hab ich gehört, ich glaube, es liegt weiter im Norden, bei so einem großen, unheimlichen Wald', oder ‚Warte mal Junge, dieses Dorf, wie hieß das noch mal. Oh, das war was mit ‚F', da bin ich ganz sicher, aber mir fällt der Name jetzt wirklich nicht ein, tut mir leid.'

Die Nacht hatte er etwas außerhalb eines kleinen Dorfes auf dessen Sportplatz verbracht, auf einer Bank für Zuschauer, gleich neben dem Fußballfeld. Doch geschlafen hatte er sowieso nicht viel. Ständig musste er an Sirius und Lupin denken, wie es ihnen wohl erging und von Minute zu Minute wurde sein Verlangen, Pettigrew in die Finger zu kriegen stärker und seine Hoffnungen darauf aber leider auch immer kleiner. Er hatte einfach keinen Anhaltspunkt zum Suchen.

Seufzend ließ er die Semmel zurück in die Papiertüte vom Bäcker fallen und steckte sie in den Rucksack zurück. Er konnte jetzt einfach nichts essen. Was sollte er jetzt machen? Wohin sollte er gehen? Diese Suche war doch absolut sinnlos. So würde er nie finden, was er suchte. Müde lehnte er sich gegen den Brunnen und ließ seinen Blick schweifen. Über die fröhlichen Menschen in der Eisdiele, wie sie lachten und sich freuten. Er beobachtete eine Gruppe von Jungs, vermutlich so um die 12 Jahre alt, die trotz der Hitze Fußball spielten, auf ein Tor, das zwischen zwei sorgfältig drapierten T-Shirts lag.

Eine leichte Brise wehte plötzlich zwischen den Gassen hindurch auf den Platz und nahm der Sonne ein klein wenig ihre Kraft. Harry genoss die momentane Kühle auf seiner Haut. Hier war alles so friedlich, keiner von diesen Menschen ahnte auch nur von dieser Welt, die gleich neben der ihren existierte, diese Welt, wo unschuldige Menschen zu etwas Schlimmerem als dem Tode verurteilt werden sollten und wo ein größenwahnsinniger Zauberer dabei war einen Krieg anzuzetteln. Wieder seufzte er.

Die Tür des Supermarktes öffnete sich und eine ältere Dame kam heraus, sie schob einen Gehvagen vor sich her, an dem eine vollbepackte Einkaufstüte hin. Langsam und gemächlich marschierte sie über den Platz, vermutlich auf dem Weg nach Hause. Wieder frischte die Brise auf und wehte durch die Gassen. Sie erfasste die Zeitung der alten Dame, die ganz obenauf in der Tüte gelegen hatte und wehte sie auf den Boden, wo sie sich aufplusterte, sich überschlug und weiterrutschte.

„Huch, meine Zeitung." rief sie erschrocken aus und änderte schwerfällig mit ihrem Wägelchen die Richtung.

Instinktiv erhob sich Harry und griff nach der Zeitung, die direkt auf ihn zugerutscht und zugerollt war. Er faltete sie grob zusammen und ging auf die Frau zu, die ihn dankbar anlächelte.

„Danke mein Junge. Ich hab sie wohl nicht richtig in die Tasche gepackt."

Harry lächelte ein bisschen. „Keine Ursache. Soll ich sie ihnen so in die Tasche stecken, dass sie diesmal kein Wind mehr mitnimmt?"

„Oh das wäre wahnsinnig lieb von dir, Junge. Vielen Dank."

Harry faltete die Zeitung noch mal zusammen, damit sie kleiner war, und stutzte. Schnell faltete er sie wieder auf. Seine Augen wurden groß und auch sein Mund klappte leicht auf. Das konnte kein Zufall sein. Direkt vor ihm prangte ein Schwarzweißbild in der Zeitung, im Vordergrund ein Grab mit vielen Blumen und Kränzen und Kerzen, aber schräg dahinter stand eine Marienstatue mit ausgebreitetem Mantel und im Hintergrund des Bildes konnte man einen Hügel mit einem Haus darauf erkennen. Es bestand kein Zweifel, das war der Friedhof, den er suchte, der Friedhof, den er schon einmal besucht hatte.

„Geht… geht es dir gut, Junge?" fragte die Frau unsicher.

Etwas verwirrt schaute Harry auf und in das gutmütige und besorgte Gesicht der alten Dame. „Jaja, alles in Ordnung, ich… dürfte ich diesen Artikel vielleicht kurz lesen?"

Die Frau wirkte etwas verwundert, zuckte aber mit den Schultern. „Von mir aus."

Schnell überflog Harry den Artikel dazu. Es war ein Bericht über die Trauerfeier von Charles Brannagh, dem Bürgermeister von Little Hangleton, der gestern auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt worden war.

Hektisch huschten Harrys Augen über die Seite, bis er schließlich fand, was er suchte. Der Artikel stand im Lokalteil – offenbar hatte der Wind etwas Unordnung in die Zeitung gebracht – und das bedeutete, dass Little Hangleton nicht allzu weit weg sein konnte. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht und neue Hoffnung und neuer Tatendrang verdrängten die kalte, hilflose Verzweiflung.

Er faltete die Zeitung zusammen und steckte sie der Dame fest in die Tasche. „Dankeschön. Sie können mir nicht zufällig sagen, wie ich Little Hangleton finde?"

Verwundert musterte ihn die Frau, doch dann entschied sie sich offenbar doch zu einer Antwort. „Willst du da etwa zu Fuß hin?"

Harry überlegte blitzschnell. „Ja, ich mach gerade bei so einer Art Überlebenstraining mit." Etwas Besseres war ihm auf die Schnelle wirklich nicht eingefallen.

Ein wissendes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Frau aus. „Ah, so ähnlich wie bei den Pfadfindern?"

Harry nickte.

„Das hat mein Enkel auch vor ein paar Jahren gemacht und er war begeistert, auch wenn er mir nie so genau erzählen wollte, was er denn alles tun musste. Vermutlich wollte er nicht, dass ich mir Sorgen mache. Little Hangleton sagst du? Das ist noch ein ziemliches Stück zu laufen. Busse fahren hier draußen leider keine in den Sommerferien."

„Das ist schon in Ordnung." beschwichtigte Harry die Dame.

„Du gehst diese Gasse hier entlang, bis du zur Hauptstraße kommst, da gehst du rechts und folgst der Straße, aber pass auf, das ist eine größere Straße, da erwarten die Autos keine Fußgänger."

Harry lächelte freundlich. „Klar doch. Ich pass schon auf!"

„Gut, du folgst also der Straße. Halte dich an die Straßenschilder. Folge ihnen zuerst bis nach Janestown, das ist ein größerer Ort, da müsste dann angeschrieben sein, wo es nach Little Hangleton geht. Und wenn nicht, frag da jemanden."

„Vielen Dank! Sie waren mir eine große Hilfe." bedankte sich Harry und die Dame lächelte.

„Gern geschehen, aber ich habe auch zu danken, du hast meine Zeitung gerettet, Junge."

Damit verabschiedeten sich die beiden und die ältere Dame wünschte Harry noch viel Glück. Sie sah ihm noch nach, wie er mit seinem Rucksack zielstrebig die beschriebene Gasse entlang eilte.

Die unauffällige Person, die sich aus dem Schatten eines Hauses löste und lässig die Gasse entlang schlenderte, mal hier, mal da stehen blieb und die Auslagen der kleinen Geschäfte betrachtete, sich aber immer im Schatten hielt und Harry nie aus den Augen ließ, bemerkte sie nicht.


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