Hi again!
Ich dachte mir, bevor ich jetzt zu meiner großen Runde quer durch die Ämter starte und mir vermutlich nur ärgern muss, lass ich euch noch ein neues Kapitel da, dann habt ihr was zum Lesen!
Viel Spaß!
Frangoppid
Severus wurde ziemlich unsanft die bereits bekannten Flure dieses überall gleich aussehenden Labyrinths entlanggezerrt. Ihm war schwindelig, immer wieder trübte sich sein Blickfeld ein und seine Beine drohten nachzugeben, doch dann ruckte dieser grobe Kerl wieder an seinem Arm und riss ihn zurück ins Hier und Jetzt. An seinem Arm würden wohl blaue Flecke zurückbleiben.
Nach einer Weile wurde er in einen einfachen Raum gebracht, nur ein simpler Tisch, davor ein unbequemer Holzstuhl, dahinter ein recht bequem aussehender Ledersessel und überall grelles Licht. In dem Ledersessel saß ein ziemlich breitschultriger, muskulöser Mann mit heller Haut und kurzen, blonden Haaren, die streng nach hinten gekämmt waren.
Rukschow! schoss es Severus durch den Kopf. Na das kann ja heiter werden.
Der junge Wärter stieß ihn unsanft auf den Holzstuhl, der ein gutes Stück vom Schreibtisch entfernt stand und zwei unterschiedliche Hände legten sich schraubstockartig auf seine Schultern, so dass es für ihn kein Entkommen gab.
„Willkommen, willkommen, Mr. Snape." Rukschow lehnte sich mit den Armen auf den Schreibtisch und betrachtete Snape amüsiert aus seinen eisblauen Augen. „Sie sehen ein wenig mitgenommen aus."
„Ich kann mir bei der äußerst zuvorkommenden Behandlung in ihrem Haus gar nicht vorstellen, wieso das so sein könnte." sagte er in freundlichem Ton, aber voller Sarkasmus.
Rukschows zog die Augenbrauen ein Stück zusammen. „Wenn sie eine Beschwerde vorbringen möchten, sind sie hier an der richtigen Adresse." entgegnete der Sicherheitschef nicht weniger sarkastisch.
„Die Aussicht ist ein wenig trist, hätten sie nicht noch ein Zimmer mit Meerblick frei?"
„Sie sind ein harter Brocken, was?" Miene und Stimme des Russen hatten sich schlagartig geändert, sein Gesicht war zu einer reglosen Maske erstarrt und seine Stimme war so kalt, dass sie einem Schauder über den Rücken jagte. „Aber keine Sorge, Snape, ich hab bisher noch jeden geknackt. Und Todesser sind meine Spezialität."
Er stand auf und kam um seinen Schreibtisch herum, wo er sich mit verschränkten Armen gegen die Tischplatte lehnte.
„Sie sind ein Todesser Snape," stellte er trocken fest und griff wie zur Untermauerung nach Snapes Unterarm, wo er grob Robe samt Hemdärmel seines linken Ärmels bis zum Ellbogen hochschob, damit man das Mal sehen konnte, „und ich habe definitiv ein Problem mit solchen Ratten, wie ihnen. Ich habe keine Lust, mir hier eine Aufzählung all ihrer Verbrechen anzuhören, dummerweise gehört das aber zu meinen leidigen Aufgaben. Also, wo waren sie in der Nacht, als das Haus der Scruvellas überfallen wurde?"
„Ich wüsste nicht, was sie das angeht!" gab Snape nur kühn und säuerlich zurück.
Noch ehe er wusste, was passiert war, ruckte sein Kopf schmerzhaft zur Seite und seine ganze rechte Gesichtshälfte brannte wie Feuer. Als er sein Gesicht langsam wieder in Ausgangsposition drehte und versuchte, das unangenehme Brennen zu verdrängen, sah er Rukschow wieder am Tisch lehnen, diesmal rieb er aber mit deutlich zufriedenem Gesichtsausdruck die Handfläche seiner linken Hand, als wolle er Schmutz davon entfernen.
„Waren sie bei dem Überfall dabei?" fragte er weiter, als wäre nie etwas gewesen, doch diesmal antwortete Severus überhaupt nicht mehr. Der Ärmel war zurück an seinen Platz gerutscht, aber die Knöpfe seines Hemdärmels waren abgesprungen.
„Wer waren ihre Komplizen?"
„Wieso die Scruvellas?"
„Seit wann stehen sie bereits in den Diensten von Sie-wissen-schon-wem?"
Nach jeder dieser Fragen folgte eine kurze Pause, in der nur Stille herrschte. Schließlich seufzte Rukschow.
„Wissen sie Snape, ich hatte nicht erwartet, dass sie es mir einfach machen würden. Deshalb hab ich mir für sie was ganz besonderes ausgedacht." Er kramte kurz in seiner Robentasche und förderte schließlich eine Glasphiole hervor, die ungefähr 100ml fassen dürfte. „Sie als Tränkemeister können mir sicherlich sagen, worum es sich hierbei handelt, oder?"
Rukschow grinste breit, was nichts Gutes verhieß und hielt die Phiole hoch ins Licht, damit Snape sie besser sehen konnte. Der Inhalt war kräftig zitronengelb und wabernde, sich ständig verändernde Schlieren aus hellgrün und kräftigem orange zogen sich durch die dünnflüssige Substanz.
Natürlich erkannte Snape die Substanz sofort, in früheren Jahren war sie ziemlich in Mode gewesen, bis sie sich irgendwann klammheimlich vom Markt verflüchtigt hatte. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit.
Verwundert dreinschauend legte er den Kopf ein wenig schief. „Sie wollen mich zu einem Cocktail einladen? Das wäre aber nicht nötig!"
Der Sicherheitschef schüttelte ein wenig ungläubig den Kopf. „Sie halten das hier wohl alles für ein einziges, großes Spiel. Aber das ist es nicht! Nun, wie ich sehe, haben sie erkannt, worum es geht. Yenna, ideal zum Verfeinern von Cocktails und der ideale Alkoholersatz. Rausch ohne Kater. Bereits ein Teelöffel reicht vollkommen für einen ganzen Abend. Schon eine herrliche Erfindung. Aber darum geht es hier nicht. Ich habe hier die hochkonzentrierte Version in einer ausreichenden Menge, um damit Erfolge zu erzielen, wenn sie verstehen, was ich meine."
Snapes Verdacht bestätigte sich und das gefiel ihm überhaupt nicht.
„Frangoppid." stellte er trocken fest und Rukschow grinste noch breiter.
„In der Tat. Nicht so langweilig wie Veritaserum. Aber dennoch nicht weniger effektiv. Nichts vernebelt das Hirn so gut und lässt die Zunge so locker werden. Über die Nebenwirkungen brauche ich ihnen vermutlich nichts erzählen, oder? Nein. Also Snape, noch haben sie die Wahl. Reden sie? Oder bevorzugen sie das Schweigen?"
Für einen klitzekleinen Moment war ein Teil von ihm tatsächlich in Versuchung, diesem widerlichen Kerl einfach zu sagen, was er wissen wollte, doch er schwieg. Noch ein letztes Mal tief durchatmend wappnete er sich innerlich für das Kommende. Ob Rukschow auch auf diesen Schachzug zurückgegriffen hätte, wenn er kein Tränkemeister wäre?
„Gut, soll mir Recht sein!" meinte der Russe gleichgültig, aber Snape sah in seinen Augen die Vorfreude aufblitzen.
Rukschow gab den beiden Wärtern ein Zeichen und los ging die Prozedur. Eine Hand entfernte sich von seiner Schulter und stattdessen packten zwei Hände grob seine Arme und zogen sie unsanft hinter den Stuhl. Eine große, dünne Hand legte sich auf seine Stirn und riss seinen Kopf nach hinten, bis er in das grinsende Gesicht des jungen Wärters blickte. Keinen Augenblick später schlossen sich die kräftigen Finger des Russen schraubstockartig um seinen Unterkiefer und pressten mit festem Druck seine Kiefer auseinander. Egal, wie sehr Snape seine Muskeln auch anspannte und sich zappelnd wehrte, gegen drei konnte er sich nicht wehren, schon gar nicht in seinem Zustand, und gegen die rohe Gewalt Rukschow's kam er nicht an. Zentimeter für Zentimeter klafften seine Lippen weiter auf, als sich auch schon die zitronengelbe Flüssigkeit mit den bunten Schlieren in seinen Mund ergoss.
Trotz des Griffs an seinem Kopf schüttelte es ihn, so penetrant sauer war das Zeug. Er hatte das Gefühl, als würde es seinen gesamten Mund verätzen. Seine Zunge brannte und immer tiefer rann die hochkonzentrierte Substanz seine Kehle hinab und reizte ihn zum Husten.
Er wusste, wenn er jetzt nicht schluckte, würde die Flüssigkeit in seine Luftröhre laufen und wenn er dabei nicht erstickte, dann verätzte es ihm zumindest einen Teil seiner Lungenbläschen. Er brauchte nicht einmal nachdenken, der Überlebensinstinkt schaltete sich ein und er schluckte. Jeden Millimeter, den das Zeug durch seine Speiseröhre rann, spürte er nur überdeutlich und ihm war bereits jetzt klar, dass sich sein leerer, überstrapazierter Magen heftigst dagegen wehren würde.
Tränen traten ihm in die Augen, so sehr brannte die ‚Säure' und es hörte gar nicht mehr auf. Immer wieder schluckte er unfreiwillig, ein Rinnsal rann aus seinem Mund und lief über seinen Mundwinkel seine Wange hinunter in seinen Hemdkragen. Sein Magen grummelte augenblicklich, als die widerliche Flüssigkeit dort ankam. Snape spürte richtig, wie er sich zusammenkrampfte. Ihm wurde schlecht und langsam bekam er keine Luft mehr.
Da löste sich plötzlich der Druck um seinen Kiefer und auch sein Kopf war wieder frei. So völlig ohne Halt lehnte er sich nach vorne und wurde als erstes von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, bei dem er den letzten Rest des Trankes in feinen Tröpfchen über den Boden verteilte. Er verlor das Gleichgewicht und fiel vom Stuhl auf die Knie, wo er, eine Hand auf den Boden gestützt, eine gegen die Brust gedrückt, eine Weile hustend kauerte, bis sich der Reiz langsam abschwächte und er zittrig und keuchend nach Luft schnappte.
„Ziemlich eklig das Zeug, was?" hörte er Rukschow schadenfroh anmerken.
Da packten ihn zwei Hände und zerrten ihn zurück auf den Stuhl.
„Wir müssen unsere Fluchtpläne bald wahr machen, sonst ist keiner von uns mehr dazu in der Lage." bemerkte Remus nach einer ganzen Weile Stille.
Sirius schaute auf, als Remus zu einer Erklärung ansetzte.
„Wir sind alle drei geschwächt und jedes Mal, wenn einer von uns zu einem Verhör zitiert wird, dann… du weißt ja selbst. Wenn sie ihn so zurückbringen, wie das letzte Mal, können wir ihn nicht alleine lassen Sirius."
„Denkst du, Malfoy ist wieder hier?"
Remus zuckte mit den Schultern.
„Wir müssen wohl abwarten, bis sie ihn zurückbringen." Sirius unterbrach sein Auf- und Abwandern und setzte sich etwas resigniert auf seine Pritsche. „Wie geht's dir Moony?"
Überrascht vom Themenwechsel blickte Remus auf. Sein Hals schmerzte inzwischen richtig, schlucken und sprechen tat weh, ihm war schrecklich kalt und ein bohrender Kopfschmerz malträtierte ihn, doch er erwähnte nichts davon.
„Es geht schon. So schnell bringt mich nix um."
Sirius hob skeptisch eine Augenbraue, beließ es aber dabei. Aber er würde seinen Freund genauestens beobachten, soviel war sicher. Er lehnte sich zurück und starrte an die Decke.
„Was gäb ich jetzt nicht alles für ein Stück Hühnchen."
Allein bei dem Gedanken an Essen zog sich sein Magen bereits schmerzhaft zusammen und das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
Remus lachte leise. „Hühnchen wär jetzt was. In der Tat. Aber ich würd mich auch schon mit diesen widerlichen, strohtrockenen, steinharten Muffins begnügen, die du uns damals so stolz in den Sommerferien serviert hast."
Sirius erinnerte sich. Er hatte sich bei James Eltern in der Küche an diesem Muffinrezept versucht und es war so ziemlich alles daneben gegangen, was nur ging. Das Ergebnis war hochgradig widerlich gewesen. Und doch, im Moment wäre er verdammt froh über so einen Muffin.
Auch Sirius lachte, wenn auch etwas verlegen. „Ja, die Muffins. Ich hätte damals vielleicht etwas mehr Zeit mit dem Lesen der Anleitung verbringen sollen."
Und so verloren sich die beiden über ihren hungrigen Mägen in ihren Gedanken an verschiedenartigste Speisen und ihren Vorstellungen von prall gefüllten Tellern mit Leckereien, bis sich nach geraumer Weile Severus' Zellentüre öffnete.
Sofort waren sie alle beide auf den Beinen, bereit, die Delle im Gitter mit ihren Körpern zu verdecken, doch keiner der Wärter betrat den Raum. Ein leichenblasser Severus taumelte mit wankenden Schritten immer an der Wand entlang hinein und hinter ihm erschien nur ein Arm im Türspalt, der die Tür wieder schloss. Sie waren wieder allein.
„Severus?" fragte Remus besorgt, das Erscheinungsbild des Tränkemeisters gefiel ihm überhaupt nicht.
Auch Sirius sah mit einem Blick, dass hier etwas nicht stimmte, auch wenn die Tatsache, dass es sich um Snape handelte, seine Reaktion ein klein wenig abänderte.
„Du siehst aus, als kämst du frisch von einem feuchtfröhlichen Saufgelage, Snape. Du hättest uns ruhig auch was übrig lassen können."
Snape hing etwas kraftlos neben der Tür an der Wand und stützte sich mit seinen Händen ab. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Wäre er in Hogwarts, hätte er sich jetzt am liebsten ins Bett gelegt und wäre die nächsten fünf Tage nicht mehr aufgestanden. Er fühlte sich so ausgelaugt, ihm war kalt, ihm war kotzübel und zu allem Überfluss fühlte sich sein Hirn total vernebelt an.
„Glaub mir Black… die Drinks waren miserabel."
Vorsichtig setzte er ein Bein vors andere und hangelte sich an der Wand entlang. Bei jedem Schritt drehte sich alles in seinem in Watte gepackten Kopf, die Gitterstäbe verschwammen, die Wände schienen ständig ihre Position zu ändern und seine Pritsche glitt immer weiter von ihm fort, nur um auf der falschen Seite wieder zurückzukommen. Er schloss die Augen, bei diesem geistigen Höllenritt auf einem Rennbesen revoltierte sein Magen. Doch es wollte dadurch nicht besser werden. Sogar die Dunkelheit um ihn herum schien sich zu drehen. Seine linke Hand legte sich auf seinen Bauch, als könne sie damit das Rumoren besänftigen. Er musste innehalten, wusste nicht mehr, wo oben und unten war, er hatte das Gefühl, haltlos zu taumeln, obwohl er noch immer fest an der Wand lehnte. Schließlich gaben seine Beine nach und er sank zu Boden, wo er seitlich mit angezogenen Beinen keuchend liegen blieb. Sein Kopf kippte zur Seite, bis er Halt an der kühlen Wand fand.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er so dalag, aber nach einer Weile spürte er plötzlich eine Hand an seiner Schulter und eine an seinem Kinn, die sein Gesicht ein wenig zur Seite drehte.
„Snape? Hey? Hörst du mich?"
Er brachte ein schwaches Nicken zustande und irgendwie schaffte er es sogar, seine Augen zu öffnen. Die Welt drehte sich immer noch, wenn auch inzwischen etwas langsamer und so erkannte er nach einer Weile die verzerrte Person, die vor ihm kniete: Black.
Remus hatte Sirius noch einen ‚na, was hab ich gesagt'-Blick zugeworfen, dann war dieser auch schon unterwegs in Snapes Zelle, wo er sich vor das Häufchen Elend hockte, das da am Boden kauerte. Er war sich nicht sicher, ob Snape noch bei Bewusstsein war oder nicht, also drehte er dessen Gesicht zu sich und sprach ihn an.
Er reagierte noch, öffnete sogar die Augen. Aber er schien Probleme zu haben, ihn zu fokussieren, so unstet wie sein Blick und so glasig wie seine Augen waren. Ganz allgemein sah er nicht gut aus. Furchtbar blass und kraftlos und Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Das wird verdammt noch mal zur Gewohnheit!
„Ist dir schlecht?" mutmaßte Sirius ins Blaue. Es war das naheliegendste, so wie Snape sich den Bauch hielt.
„Hmm."
„Musst du kotzen?" beeilte sich Sirius nachzufragen, nicht dass er am Ende auch noch Snapes Kotze auf seinen Klamotten hatte, das wäre wirklich das Sahnehäubchen auf diesem ganzen Mist hier.
Aber Snape schüttelte ganz langsam und kaum merklich den Kopf. „Nein… habichschon."
Zuerst hatte Sirius Probleme, das Genuschel zu verstehen, aber als er den Sinn dann enträtselt hatte, konnte er Snape nur noch verwundert anstarren. Was war das denn für eine Antwort? Sowas würde er doch sonst nie zugeben, nicht er, nicht Severus Snape. Irgendwas war hier faul, aber so richtig.
„Komm, du solltest dich hinlegen und nicht hier auf dem kalten Boden rumsitzen."
Er stand auf und hakte seinen Arm unter Snapes Achsel. Gemeinsam schafften sie es, ihn auf seine Beine zu stellen, aber Severus machte es Sirius nicht leicht. Kaum aufrecht, drohten seine Beine auch schon wieder einzuknicken. Nach ein paar Verrenkungen und etwas mehr Körperkontakt, als es Sirius recht war, lag Snape dann schließlich auf seiner Pritsche.
„Puh." Sirius streckte sich mit den Händen in den Rücken gestemmt und ein paar Wirbel knacksten leise. „Sag mal, bist du immer so heiß?"
„Heiß? Nichheiß. Kalt."
Sirius runzelte die Stirn. Er tauschte einen verwirrten Blick mit Remus, der eher besorgt und alarmiert aussah, dann kniete er sich noch mal hin und legte seine Hand auf Snapes Stirn.
„Würgende Wasserspeier!" murmelte er vor sich hin. „Moony, er hat Fieber und das nicht zu knapp. Er glüht richtig. Und er schwitzt."
„Was?" fragte Remus ungläubig nach. „Wie ist das möglich. Als sie ihn geholt haben, hatte er noch kein Fieber und solange war er auch nicht weg. Wo kommt das so plötzlich her?"
„Oder besser: was haben sie mit ihm gemacht?"
Sirius griff nach dem Laken, riss noch einen kleinen Fetzen davon ab und deckte Snape, der langsam zu zittern anfing, behelfsmäßig mit dem Rest zu. Den Fetzen tauchte er ins kühle Wasser und legte ihn auf dessen Stirn.
„Hey Snape. Versuch ein bisschen zu schlafen, vielleicht wird's dann besser."
„Hoffnungslos." kam da das leise Gemurmel zurück.
Jetzt schaltete sich auch Remus ein, der dicht an den Gitterstäben in der Hocke kauerte und alles genau beobachtete. „Wie meinst du das? Was ist hoffnungslos?"
Snape atmete tief ein. „Kannnich schlafen unnix wird besser."
Beide runzelten sie die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Was wollte ihnen Severus damit sagen?
„Snape? Was ist passiert?" fragte Sirius schließlich. Er hatte so ein Gefühl, dass diese Frage mehr klären würde, als alle anderen zusammen.
Snapes Gesicht verzog sich unwillig und er stöhnte leise, aber dann redete er doch. Langsam zwar, aber relativ verständlich.
„Rukschow… hat mir… Frangoppid… eingeflößt."
„Frangoppid?"
„Was ist das?"
„Yenna… hochkonzentriert… und hochdosiert."
Sirius zog eine Augenbraue hoch. „Das Zeug, das man als Alkoholersatz in Cocktails gekippt hat?" Snape nickte. „Und das hat so ne Wirkung?"
„Was wollte er damit bezwecken?" warf auch Remus ein.
„Frangoppid heißt… Schrankenbrecher… es bricht geistige… Barrieren… und bringt einen… dazu, alles… zu erzählen… man… wird so red… selig wie… von Alkohol…"
„Er wollte dich zum Reden bringen. Er wollte ein Geständnis. Oder zumindest wollte er von dir hören, dass du ein Todesser bist und dass du Menschen getötet hast." überlegte Sirius. „Was hast du ihm alles erzählt?"
Ein schwaches Grinsen legte sich auf Snapes Lippen. Das war der endgültige und letzte Beweis, der Sirius nach Snapes offenen und ehrlichen Antworten bestätigte, dass dieser Trank wirklich seine geistigen Barrieren niedergerissen hatte. „Nix… hab mich nur… übergeben… auf seine Robe."
Auch Sirius und Remus mussten schmunzeln, als sie sich das vorstellten, doch ihr Amüsement hielt nicht lange, nicht wenn ein Severus Snape vor ihnen lag, der seinen Geist nicht mehr unter Kontrolle hatte und alles ausplauderte, was man von ihm wissen wollte.
„Warum hat er dir nicht einfach Veritaserum gegeben?" wollte Remus wissen.
„Weil es… zu einfach ist… es hat… keine Neben… wirkungen."
„Dann kommt das Fieber von dem Zeug, das er dir gegeben hat?" Snape nickte. „Hat es sonst noch Nebenwirkungen?" fragte Sirius nach. Wieder fiel ihm auf, wie wenig er eigentlich von Zaubertränken wusste.
„Oder wichtiger: wielange werden sie anhalten?" überlegte Remus.
„Ungefähr… bis morgen Vormittag… irgendwann… der Trank… hat viele Neben… wirkungen… hohes Fieber… Erschöpfung und Müdigkeit… totale Schlaflosigkeit… Gliederschmerzen… und die Wirkung… hält auch… bis morgen."
„Verdammt!" fluchte Sirius herzhaft, dann stand er auf und ging auf seine Zelle zu.
„Wo willst du hin?" fragte Remus mit ernstem Gesicht. Er erhob sich wieder, um mit Sirius gleich auf zu sein. „Du kannst ihn…"
„Nicht Moony." unterbrach er seinen Freund. Er ahnte, dass dieser zu einer Moralpredigt ansetzen wollte, weil er Snape allein ließ. „Ich wollte mein Laken holen. Er braucht's heut Nacht eher als ich. Und ich werde die Nacht über hier bleiben."
Remus offener Mund klappte zu und blanke Verwunderung trat in seine Augen, ehe ein Lächeln sich über seine Lippen zog. „Wer hätte gedacht, dass du noch mal von ganz alleine über deinen Schatten springst…"
„Haha." Er trat näher an die Gitter, so dass er leiser sprechen konnte und Snape es nicht mitbekam. „Rukschow hat nichts aus ihm rausgekriegt und dürfte außerdem äußerst sauer sein wegen seiner besudelten Robe. Er wird wiederkommen."
Remus Gesicht wurde wieder ernst. „Du meinst, er wird Severus noch mal verhören, wenn es ihm am schlechtesten geht?"
Sirius nickte.
„Aber…" Remus überlegte eine Weile. „Aber wenn er ihm alles sagt, dann würde er sich doch entlasten, oder? Zumindest teilweise."
„Ich glaube nicht, dass Rukschow das so auslegen wird. Was für ihn zählen wird, ist, dass er ein Geständnis hat. Snape ist ein Todesser, er war bei dem Überfall dabei. Und so wie ich das verstanden habe, macht einen dieses Zeug zwar redselig, aber es ist kein Veritaserum. Verstehst du?"
„Ja, Rukschow will nur hören, was er hören will. Aber dieser Trank, er löst geistige Schranken, also erzählt man doch, was man sonst dahinter verborgen hält, seine Geheimnisse, die Wahrheit."
Sirius wirkte resigniert. „Ja schon. Aber sieh das mal aus Rukschows Sicht. Er weiß, dass er sich eigentlich sicher sein kann, dass alles, was er von Snape erfährt, der Wahrheit entspricht. Andererseits hat er kein Veritaserum verwendet, es gibt also keine Garantie dafür, dass das, was er erfährt, der Wahrheit entspricht. Damit kann er sich alles so zurecht drehen, wie es ihm passt. Was Snape belastet wird wahr und was ihn entlastet, das ist einfach nicht wahr, das hat er sich zusammengesponnen."
Einen Augenblick dachte Remus darüber nach. Das klang absolut plausibel. „Das wird seine Fahrkarte zu lebenslang Askaban."
Sirius nickte.
Während Remus sich wütend und resigniert auf seine Pritsche sinken ließ, holte Sirius sein Laken und breitete es zusätzlich über dem zitternden Snape aus. Er kühlte den Lappen auf dessen Stirn noch mal, dann wanderte er auf und ab und dachte nach, genauso wie Remus auf seiner Pritsche.
Er hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren. Wenn ihn jetzt jemand gefragt hätte, seit wann er denn schon hier liege, er hätte vermutlich mit ‚mehrere Tage oder gar Wochen' geantwortet. Und doch war ihm eigentlich klar, dass das nicht stimmen konnte. Leider war ihm auch nicht mehr viel mehr klar. Es fiel ihm unglaublich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, doch er wusste nicht, ob das nun an dem Trank von Rukschow oder einfach nur am Fieber lag. Vermutlich eine Kombination aus beidem.
Seit Black ihm geholfen hatte, sich hinzulegen, hatte er sich kaum bewegt. Er lag immer noch auf der Seite, die Beine nur leicht angewinkelt, die Arme übereinander vor seiner Brust auf der Pritsche. Der behelfsmäßige Lappen auf seiner Stirn war schon lange nicht mehr kalt. Die beiden Laken zusammen mit seiner schwarzen Robe lagen schwer auf ihm und umhüllten seinen glühenden Körper wie erhärteter Schokoguss ein Softeis. Nur warum schmolzen sie dann nicht?
Inzwischen war ihm unerträglich heiß, er schwitzte, doch er hatte einfach nicht die Kraft, sich aus dem Gefängnis aus Stoff zu befreien. All seine Glieder waren so unendlich schwer. Eine unnatürliche, bleierne Müdigkeit lag auf seinem Körper und quälte ihn, denn egal, was er auch versuchte, der Schlaf verwehrte sich ihm. Jede noch so kleine Bewegung kostete ihn Unmengen an Kraft und schmerzte zu allem Überfluss auch noch. Deshalb hatte er es aufgegeben, sich bewegen zu wollen.
In seinem Kopf wirbelten alle möglichen Gedanken durcheinander, Gedanken aus so vielen verschiedenen Bereichen seines Wesens, dass ihm von ihrem Durcheinander beinahe schlecht wurde. Noch nie hatte er es sich gestattet auch nur mehr als einen dieser Bereiche vorsichtig zu öffnen, um sich mit dem Inhalt darin auseinanderzusetzen. Doch keine dieser über die Jahre hinweg sorgfältig errichteten Schranken schien mehr zu existieren.
Da sah er sich selbst, umringt von Todessern, vor sich Voldemort, der höhnisch lachte, bevor er ihn mit dem Cruciatus-Fluch belegte; dann war er plötzlich vier Jahre alt und sein Vater stand vor ihm, er hatte ihn fest am Oberarm gepackt, so dass es weh tat und er war verdammt wütend; dann war mit einem Mal alles verkehrt herum, er hing kopfüber in der Luft und Black und Potter standen grinsend vor ihm, genauso wie dieses Schlammblut Evans; und wieder löste ein Gedanke den nächsten ab, er spürte die weichen Berührungen zarter Lippen auf seinem Oberkörper, wie sie erkundeten, wie sie seinen Geschmack kosteten, dann tauchte eine heiße Zunge in seinen Bauchnabel und er stöhnte leise und wohlig auf, ein Kopf hob sich und hellblaue Augen grinsten ihn verführerisch neckend unter einem Meer aus dunkelblondem Haar an…
Und so ging das immer weiter, ein Gedanke löste den nächsten ab, keiner verweilte lange und nie hörten sie auf, sich in seinem Geist zu bewegen. Dabei einen klaren Gedanken zu fassen, war wirklich nicht leicht.
Irgendwo tief drin, wo ihm noch bewusst war, was eigentlich um ihn herum geschah, da war er froh, dass es ihm gelungen war, Rukschow gegenüber nichts zu sagen. Ihm war klar, dass dieser hinterlistige, linke Kerl ihm alles, was seinen Lippen entweichen würde, im Mund umdrehen und nach seinen Vorstellungen auslegen würde. Es hatte ihn unglaublich viel Kraft gekostet, trotz der zahlreichen Fragen seinen Mund zu halten und die einbrechende Gedankenflut und den Wunsch, einfach zu erzählen, niederzuringen. Aber sein rebellierender Magen war ihm da zu Hilfe gekommen und hatte ihn aus dieser Situation befreit, bevor sein Geist schwach werden konnte. Dafür war seine mentale Beherrschung, kaum dass er in seiner Zelle zurück war, endgültig zusammengebrochen.
Da riss ihn eine Bewegung und kurz darauf eine Berührung aus seiner Lethargie, der Lappen verschwand von seiner Stirn.
Hogwarts…
Erschöpft sank Dumbledore vor dem Kamin in seinem Sessel zusammen. Hinter seiner Stirn pochte es und er fühlte sich ausgelaugt. Wie hatte Severus das nur so lange durchgehalten?
Nachdem er eine ganze Weile meditiert hatte, hatte er sich an den Versuch gewagt, Severus mental zu erreichen. Eine Menge Konzentration war dafür erforderlich, wie er bald bemerkte. Und so hatte er seinen Geist auf die Suche geschickt, doch dort, wo er fündig hätte werden sollen, da hatte er nichts gefunden. Also hatte er Versuch Nummer eins abgehakt und etwas gegessen, um seinem erschöpften Körper ein paar neue Kraftreserven zuzuführen.
Doch auch diesmal war er wieder gescheitert. Dabei war er sich sicher, dass er Severus erreicht hatte, doch alles, was ihn erwartet hatte, war ein wildes Durcheinander, gerade so als wenn in Severus Kopf absolutes Chaos herrschen würde. Er hatte versucht, seinen Freund unter diesem Wust zu erreichen, doch dabei wäre er beinahe in den Strudel aus wild umher irrenden Gedankenfetzen geraten. Nur mit Mühe hatte er sich daraus befreien und wieder nach Hogwarts zurückkehren können.
Jetzt saß er hier, völlig kraftlos und entmutigt und besorgt. Was hatte das zu bedeuten? Was ging dort in Askaban nur vor sich?
Er wollte aufstehen, musste aber feststellen, dass sein Körper nicht so wollte wie er, denn keins seiner Glieder bewegte sich auch nur einen Millimeter. Es dauerte nicht mehr lange, dann forderte die maßlose Erschöpfung ihren Tribut und Dumbledore schlief ein.
Askaban…
Sirius lag in Hundeform neben Snapes Pritsche. Als Hund störte ihn der kalte Boden kaum, aber auf die Dauer…
Irgendwann hatte er sein T-Shirt auf dem Boden ausgebreitet und als Unterlage benutzt. Es war zwar nicht viel besser, aber immerhin, dem Hund reichte es. Seine Schnauze lag auf seinen eng beieinanderliegenden Vorderpfoten und seine Augen waren geschlossen, doch seinen Ohren und seiner Nase entging nichts.
Er hörte gleich neben sich den etwas keuchenden, flachen, aber gleichmäßigen Atem von Snape und dahinter vernahm er das ruhige Atmen von Remus, das immer wieder von kurzen Hustenattacken unterbrochen war. Auch der Schweißgeruch und die intensive Hitze, die Snape ausstrahlte, blieben dem Hund nicht verborgen.
Als wieder einer dieser Hustenanfälle die Stille zerriss, legte er den Kopf schief und öffnete die Augen. Er machte sich Sorgen, Remus hörte sich gar nicht gut an; er hatte sich erkältet und in dieser Umgebung wurde so was nicht besser, da wurde es nur schlimmer. Und das Schlimmste: es war alles seine Schuld!
Ihn überkam das dringende Bedürfnis, irgendwas zu tun. Nur konnte er für Remus im Moment nichts tun, aber für Snape.
Er verwandelte sich und tastete sich die wenigen Zentimeter in der völligen Dunkelheit zum Kopfende der Pritsche. Vorsichtig entfernte er den Lappen von dessen Stirn und bemerkte wieder einmal, dass er ganz warm war, obwohl es noch gar nicht lange her war, dass er ihn gewechselt hatte. Bald würde ihnen das Wasser ausgehen. Er wrang den Lappen aus und befeuchtete ihn von neuem. Sich ganz auf sein Gefühl und seinen Tastsinn verlassend, wischte er Snape damit über das schweißnasse Gesicht und den Hals, ehe er ihn zurück auf dessen Stirn legte.
Ein leises Stöhnen erreichte seine Ohren, dicht gefolgt von einer dünnen Stimme. „Wie spät… ist es?"
„Wie spät?" wiederholte Sirius etwas verwirrt. „Ich hab keine Ahnung, Snape. Aber ich schätze, dass das Licht seit ungefähr ein oder zwei Stunden aus ist."
„Das Licht… ist aus?"
„Ja, seit einer Weile. Wieso fragst du?"
„Weil… jede Sekunde… eine Ewigkeit ist… und ich dieses… Durcheinander… in meinem Kopf… nicht mehr aushalte." Seine Stimme klang rau und leise, es war auch deutlich zu merken, dass es ihn anstrengte zu sprechen, aber Sirius war einfach zu fasziniert von diesem Snape. Noch nie war ihm dieser Kerl mit soviel Ehrlichkeit begegnet und hatte soviel Menschlichkeit an den Tag gelegt.
Natürlich war ihm bewusst, dass das auf diesen Trank zurückzuführen war und dass mit diesen Nebenwirkungen nicht zu spaßen war. Er sah – oder er hatte gesehen, solange das Licht noch an gewesen war – dass das Fieber Snape stark zusetzte und er glaubte, dass ihm inzwischen am meisten die Tatsache zu schaffen machte, dass er nicht schlafen konnte. Jedenfalls würde es ihm selbst so gehen. Er wusste, dass es unfair war, und er wusste auch, dass Snape ihm dafür den Kopf abreißen würde, sobald er wieder klar bei Verstand war, aber als ehemaliger Rumtreiber konnte er der Versuchung einfach nicht widerstehen. Ihm bot sich hier die Möglichkeit, etwas über den Feind seiner gesamten Schulzeit und darüber hinweg zu erfahren. Sein Gewissen wollte ihn gerade zurechtweisen, da hatte er seine Frage auch schon ausgesprochen.
„Wieso? Was geht dir denn durch den Kopf?"
„Bilder… und Gedanken… alles, was einmal… gut verschlossen war..."
Sirius konnte gar nicht fassen, wie einfach das war.
„… es wirbelt einfach… alles durcheinander… meine Schulzeit… als Potter meinen… Zauberstab ver… tauscht hat und… sich der unechte… beim ersten Duellzauber… in eine Karotte… verwandelt hat…"
Ein Grinsen huschte über Sirius Lippen. Daran erinnerte er sich noch gut. Snapes Duellpartner war nämlich er selbst gewesen und während Snape noch überrascht und wütend auf die Karotte gestarrt hatte, hatte er ihn wunderbar mit allem verfluchen können, was ihm in den Sinn kam, jedenfalls solange, bis der Lehrer eingegriffen hatte.
„… und das erste… Todessertreffen nach dem… Trimagischen Turnier… ich wollte nicht… zurück… nie wieder… aber ich musste… ich muss eine Schuld… begleichen, die man nicht… begleichen kann… er war so furchtbar wütend… dass ich am Friedhof… nicht erschienen bin… er traute mir nicht… ich hatte furchtbare Angst… nicht… um mein Leben… sondern ob ich… stark genug sein würde… seiner Wut… zu trotzen und ihm nichts... wichtiges über den… Orden preiszugeben…"
Sirius horchte auf und ein schwerer, harter Klumpen schien sich in seinem Bauch eingenistet zu haben. Für seinen Geschmack war das ein bisschen zuviel Menschlichkeit von Snape. Obwohl ihm irgendwie schon klar gewesen war, dass das nicht sein konnte, so hatte er Snape doch immer für einen gefühlskalten, emotionslosen, harten Eisblock gehalten, dem nichts etwas anhaben konnte. Nie hätte er gedacht, dass Snape seine Entscheidung damals, sich den Todessern anzuschließen, tatsächlich bereute, dass er mit seiner Schuld kämpfte. Langsam wurde ihm bewusste, dass er hier auf sein Gewissen hätte hören sollen und dass er mehr als tot war, wenn Snape wieder richtig zu sich kam.
„… und Irina… sie war eine Studien… kollegin mit Hauptfach… Heiltränke… ihre blonden Locken… sie sah aus wie… ein Engel… sie hat mich geliebt… Licht und Dunkel… Engel und Dämon… ich hab nur… mit ihr gespielt… sie hatte was… Besseres verdient…"
Es war, als würde ein Schleier vor seinem Gesicht weggenommen. Mit einem Mal sah Sirius klar und ihm wurde bewusst, was er hier machte. Er nutzte die Schwäche dieses Mannes aus, um in sein privates Innerstes hineinzuschauen. Dazu hatte er kein Recht, das ging ihn nichts an. Wie hatte er sich nur dazu verleiten lassen können?
„Snape?"
„Ja?"
„Lass gut sein. Ruh dich aus."
Und Snape hielt den Mund und taumelte zurück in seinen wirren Geist, der auch weiterhin Achterbahn durch seine Erinnerungen und seine Gefühle fuhr.
Währenddessen rollte sich Sirius wieder als Hund auf seinem Shirt zusammen und verfluchte seine elendige Neugier. Snape würde ihn eiskalt erwürgen, sobald er wieder bei Kräften war. Remus würde ihm dabei vielleicht sogar helfen, sollte er rausfinden, was geschehen war.
Und sollte Rukschow Snape noch mal zu sich holen lassen, bevor die Wirkung nachließ, dann würde Snape reden wie ein Wasserfall und Rukschow würde sich aus dem Strom picken, was er brauchen konnte.
Verhalten keuchend lehnte sich Sirius ans Gitter und verdeckte dabei so gut er konnte mit seinen Händen und seinem Körper die verbogenen Stellen der Gitterstäbe. Unauffällig nach Luft schnappend lehnte er seinen Kopf auch noch dagegen.
„Albträume Black? Oder Morgensport getrieben?" hörte er die Stimme des Wärters voller Hohn fragen.
Sirius hob nur kurz den Kopf und warf dem großen, muskulösen Kerl einen vernichtenden Blick zu, dann wandte er sich von dem Schauspiel ab. Zwei Wärter, die er beide nicht kannte, waren in Snapes Zelle und versuchten gerade, diesen zu einem Verhör zu schleifen, was sich als schwieriger gestaltete, als die beiden angenommen hatten. Schließlich griff jeder der beiden unter einen Arm und sie zogen Snape, der kraftlos zwischen ihnen hing, einfach mit. Bei jeder Bewegung, zu der sie seinen Körper zwangen, stöhnte er vor Schmerz auf, aber das störte die Wärter nicht im Geringsten. Dann war die Tür auch schon wieder verschlossen.
Er atmete einmal tief durch und versuchte, sein wild schlagendes Herz zu beruhigen.
Das war verdammt knapp gewesen.
In dem Moment, als das Licht plötzlich angegangen war, war er erschrocken hochgeschreckt und hatte festgestellt, dass er wohl eingenickt war. Er hatte nach Snape gesehen – ein furchtbarer Anblick, gerötetes Gesicht, aufgesprungene Lippen, die Haare schweißnass an den Kopf geklebt, er schien über keinerlei Muskelspannung mehr zu verfügen, alles an Snape schien irgendwie schlaff und kraftlos – hatte ihm noch mal den Schweiß aus dem Gesicht gewischt, dann hatte er es gehört: Schritte.
Blitzschnell hatte er den Lappen unter der Pritsche zu dem anderen, blutbeschmierten geworfen, die Kanne zurückgestellt, sich sein Laken und sein Shirt geschnappt und war in seine Zelle geflitzt. Er hatte gerade noch den Stoff auf sein ‚Bett' werfen und sich an die Gitterstäbe lehnen können, dann war die Tür auch schon aufgeflogen.
Jetzt war er weg, Rukschow würde erfahren, was er erfahren wollte und Snape… sein Zustand würde sich hoffentlich bald ändern, denn lange würde sein Körper diese Strapazen nicht mehr mitmachen, da war sich Sirius sicher.
Da regte sich in der Nachbarzelle etwas. Remus hob seine Hand und bedeckte seine Augen damit, als er sich langsam umdrehte. „Was…?"
„Sie haben Snape geholt."
„Was?" Blitzschnell saß Remus aufrecht auf seiner Pritsche, sein Blick wurde verschwommen und er musste sich an der Wand stützen, dann kehrte die Farbe langsam in sein Blickfeld zurück. „Erinner mich daran, mich nie wieder so schnell aufzusetzen!" Er schüttelte kurz den Kopf, um wieder klar zu werden, dann wandte er seinen Blick abwechselnd auf seine Liegestätte, dann auf Severus' und schließlich auf Sirius. „Bin ich eingeschlafen? Ich wollte dir bei deiner Nachtwache Gesellschaft leisten. Wieso hast du mich nicht geweckt?"
„Weil…"
Doch er wurde von einem heftigen Husten von Remus unterbrochen.
„Deswegen! Schlaf ist die beste Medizin und da wir hier nichts anderes haben…"
„Wie ging es ihm?"
Sirius schüttelte leicht den Kopf. „Gar nicht gut, Moony, gar nicht gut, um nicht zu sagen, beschissen!"
„Und wieso bist du oben ohne?"
Rukschow grinste sich ins Fäustchen. Besser konnte es ja gar nicht laufen. Sein Plan war aber auch wirklich eine geniale Idee gewesen.
„Haltet ihn fest, sonst fällt er noch auf den Boden. Und ich will schließlich nicht, dass er sein Geständnis in den Fußboden nuschelt."
Gesagt, getan. Raven, ein großer, muskelbepackter Neuling und sein Kollege Vanderdray, ein langes, dürres Elend, das hierher versetzt wurde, hielten Snape jeweils an einer Schulter fest, so dass er nicht fallen konnte.
Snapes Kopf kippte nach vorne, seine Augen waren immer noch geschlossen.
Rukschow rieb sich in freudiger Erwartung die Hände und erhob sich von seinem Platz hinter seinem Schreibtisch. Langsam umrundete er diesen und betrachtete das Häufchen Elend vor sich ganz genau. Snape war fertig und das war gut so. Er lehnte sich gegen seinen Schreibtisch.
„Snape! Ich weiß, dass du nicht schläfst…" Maßloses Vergnügen sprach aus seiner Stimme. „… du brauchst dich also nicht schlafend stellen. Verstehst du mich?"
Nichts an Snape regte sich, nur wie von Geisterhand bewegt, begannen sich seine Lippen zu regen und Worte zu formen. „Verstehen… verstehe viel…"
Rukschow hob eine Augenbraue. „Soso, eingebildet bist du auch noch. Ja wunderbar. Dann wollen wir mal. Seit wann bist du in den Diensten von Du-weißt-schon-wem?"
Snapes Kopf sank noch ein wenig zur Seite. „Blaue Rosen… sie mochte immer… blaue Rosen… Thymian beflügelt Sinne… und Plüschbohnen."
Rukschows Augenbrauen zogen sich finster zusammen und steile Falten bildeten sich dazwischen, der Blick seiner eisblauen Augen wurde immer härter und kälter. „Willst du mich verarschen, Todesser?" zischte er gefährlich leise.
„Arsch… manche Wolken sehen… wie Ärsche aus… mit grünen Masken… und roter Tinte…"
Wut brodelte in ihm hoch, heiß und unbändig wie Lava in einem Vulkan. Ungehalten sprang er auf und schlug zu. Seine Faust krachte gegen Snapes Jochbein und Nase, dass es seinen Kopf herumriss. Ein schmerzvolles Stöhnen erklang, es war Musik in seinen Ohren.
„Es reicht jetzt! Ich lass mich von einer dreckigen Made wie dir doch nicht zum Idioten machen! Warst du beim Überfall auf die Scruvellas dabei? Antworte! Und diesmal richtig, oder ich prügel es aus dir raus!" Sein Kiefer zitterte vor unterdrückter Wut und seine Fäuste waren geballt, bereit, aus seiner Drohung Wahrheit zu machen.
Blut tropfte langsam aus Snapes Nase, doch das hinderte ihn nicht am Sprechen. „Villa… am Meer… da gibt's fliegende… Weihnachtsbäume und Werratten… Jagdparadies für Hauselfen… Engel in der Hölle…"
Noch bevor irgendeiner im Raum reagieren konnte, prallte Rukschows Faust erneut auf Snapes Gesicht, diesmal traf sie den Kieferknochen und seine Fingerknöchel platzten von der Wucht auf und hinterließen blutige Striemen an Snapes Wange. Der Russe atmete heftig und schnaubend.
„Sir, ich…"
„WAS?"
Vanderdray zuckte zusammen, sammelte aber all seinen Mut und sprach schließlich aus, was er dachte. „Sir, ich glaube, er macht das nicht mit Absicht. Er ist total weggetreten."
Rukschow starrte den großen Wärter an, dann wandte er sich abrupt ab und setzte sich demonstrativ an seinen Schreibtisch. Er atmete ein paar Mal tief durch. Auch wenn die Lava der Wut noch sein Denken beherrschte, so stahl sich da ein kleiner Regentropfen hinein, der ihn ermahnte, der ihm sagte, dass Vanderdray Recht haben könnte. Also beschloss er das Ganze noch einmal zu testen.
„Snape, wo sind sie im Moment?"
„Unendliche Weiten… mit Drachenschuppen und Honigkuchen… Wolfsanis… hilft bei Akne… kein Karottenduell…"
Wütend schloss Rukschow seine Augen und presste seine Handflächen auf den Tisch. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Der Typ, der ihm das Frangoppid verkauft hatte, hatte ihm genau erklärt, wir er es dosieren sollte. Er hatte doch nur geringfügig mehr genommen, um sicher zu gehen. Aber offenbar hatte die kleine Überdosis das Hirn dieses Todessers vollkommen zu Brei zermatscht und verrührt.
Energisch stieß er seine Hand in einer annähernd wegwischenden Geste in die Luft. „Schafft ihn mir aus den Augen!"
Vanderdray und Raven packten den Gefangenen wieder unter den Achseln und zerrten ihn Richtung Tür, als Rukschow sie noch mal zurückhielt. Ihm war da eine Idee gekommen. Bis Mittag müsste die Wirkung eigentlich verflogen und Snape wieder einigermaßen klar im Kopf sein, also genau die richtige Zeit, sich für Snapes Unverschämtheit – für die er eigentlich gar nichts konnte, aber das kümmerte doch den Sicherheitschef nicht – zu rächen.
„Wartet. Ich hab da noch einen Auftrag für euch…"
Armer Snape...
Mehr über Rukschows Rachepläne gibts dann im nächsten Kapitel!
Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr seid neugierig, wie's weitergeht. Wenn ja, lasst mich das doch mit einem kurzen Klick und ein paar Worten wissen!
lg, Bella
