So, bin wieder zuhause, wenn auch nicht lange. Also lass ich euch schnell ein neues Kapitel da, für den Fall, dass es jemanden gibt, der bei dem schönen Wetter hier drinnen ist :-)
Viel Spaß!
Nagende Schuld
Askaban…
Es war, als würde er nach schier endlos langer Zeit aus einem schrecklichen Albtraum aufwachen, der an seinen Kräften zehrte, der ihn offenbar aussaugen wollte. Nur schwer wurde er ihn los, er klebte wie Sirup an seinem Geist, wollte ihn anfangs unbedingt in seinen Fängen halten, doch der Hund war stärker. Er schüttelte alles ab und öffnete träge die Augen. Erst nach einer Weile registrierten seine Sinne, dass er immer noch da war, wo er nicht sein wollte. Er schnüffelte in die Luft, doch seine Schnauze fühlte sich taub, schwer und kalt an, als gehörte sie nicht zu ihm und wenn er sie bewegte, schmerzte sie. Und riechen konnte er auch nichts.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf, der nicht seinem Hundehirn entsprungen zu sein schien: es ist vorbei.
Langsam und mit fahrigen Bewegungen erhob er sich in eine sitzende Position, dann verwandelte er sich zurück, bis er als Sirius Black wieder auf seiner Pritsche saß. Die Ellbogen auf die Knie gestützt und den Oberkörper weit nach vorn übergebeugt atmete er zittrig, aber tief, durch den Mund. Geistesabwesend rieb er sich mit den Händen über die Unterarme, auf denen eine beachtliche Gänsehaut prangte. Er fühlte sich gelähmt, kalt und leer, völlig ausgelaugt und motivationslos, wie ein kläglicher Schatten seiner selbst. Und er kannte dieses Gefühl nur zu gut.
Er schloss die Augen und barg seufzend sein Gesicht in seinen Armen, nur um ihm nächsten Moment von einem gleißenden Schmerz endgültig ins Hier und Jetzt zurückkatapultiert zu werden. In seiner geschundenen Nase pochte und hämmerte es und er verfluchte sich dafür, dass er nicht drangedacht hatte, er verfluchte Snape dafür, seine Nase gebrochen zu haben und er verfluchte Voldemort, ohne den er gar nicht hier wäre.
Erschöpft ließ er sich nach hinten sinken, bis er an der rauen Steinwand Halt fand. Es dauerte eine Weile, bis der Schmerz soweit nachließ, dass er wieder klar sehen konnte, wenn er die Augen öffnete.
Wie lange waren sie hiergewesen? Wie lange hatten sie sich von ihnen ernährt?
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor und doch hätte er es vermutlich nicht überstanden, hätte Tatze ihn nicht vor ihrem Wesen beschützt. Wenn er kein Animagus wäre… er wollte gar nicht drüber nachdenken.
Wie von der Tarantel gestochen fuhr er hoch und starrte bis aufs äußerste angespannt umher. ER war ein Animagus. ER hatte eine Möglichkeit, sich wenigstens ein bisschen ihrem Zugriff zu entziehen. ER schon. Aber Remus nicht! Und Snape auch nicht.
Fast augenblicklich traf sein Blick auf Remus und sein Herz setzte einen Schlag aus. Er war auf seine Pritsche hinabgerutscht, seine Beine hingen von ihr herunter, sein Kopf lag zur Seite geneigt an der Wand, sein rechter Arm hing schlaff herab. Sein Gesicht war aschfahl mit einem leichten Graustich. Er rührte sich nicht.
Snape war vergessen.
Keine Sekunde später kniete er neben seinem Freund und registrierte voller Erleichterung, dass er noch atmete, wenn auch flach und schnell. Ein Stein fiel ihm vom Herzen und für einen Moment verdrehte er dankbar die Augen nach oben, um irgendjemandem zu danken, egal wem.
Behutsam streckte er seine Hand aus und legte sie auf Remus' Stirn. Sie war eiskalt. Er stand auf und zog behutsam Moonys Beine auf die Pritsche, legte ihm den Arm auf den Bauch und breitete das spärliche Laken schützend über ihm aus, dann hob er dessen Oberkörper an und hockte sich hinter ihn, ein Bein auf den Boden stellend, das andere gegen die Steinwand gelehnt. Er zog seinen Freund dicht an sich, bis dieser an seiner Brust ruhte und umschloss seinen kalten, reglosen Körper mit seinen Armen, seine Hände mit deinen seines Freundes verschränkt. Mit allen Mitteln wollte er ihm etwas von seiner Körperwärme abgeben, obwohl auch ihm schrecklich kalt war. Den Kopf leicht geneigt, so dass Remus wirres Haar an seiner Wange kitzelte, murmelte er pausenlos beruhigend auf ihn ein. Und gleichzeitig auch auf sich selbst.
Sein Herz schlug heftig und unkontrolliert in seiner Brust, vor Sorge, vor Angst, vor Nervosität, seine Hände zitterten leicht, seine Nackenhärchen waren aufgestellt, so sehr stand er unter einer Spannung, die ihn zu zerreißen drohte. Auch wenn er äußerlich gelassen wirkte, so tobte in seinem Inneren ein unerbittlicher Kampf. Sein Herz versetzte ihn in Aufruhr, wo sein Verstand ihn zur Ruhe zwang. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, den Dementoren über längere Zeit schutzlos ausgeliefert zu sein. Er wusste, dass es einen in Abgründe warf, die man sich nicht vorstellen konnte und dass es schwer und mühselig war, sich aus ihnen wieder hervorzuarbeiten.
„Hey Moony, hörst du mich? Sie sind weg. Weg. Du bist wieder in Sicherheit. Ich bin hier bei dir. Ich lass dich nicht allein Moony, hörst du?"
Seine Arme umschlossen seinen reglosen Freund fester und er wippte leicht vor und zurück, immer darauf bedacht, nicht zu schweigen. Er musste seine Stimme hören um ruhig zu bleiben, brauchte das Gefühl, etwas zu tun, nicht durchzudrehen. Seine Nerven lagen blank.
„Du solltest dir ein paar warme Gedanken machen, dann… dann geht's dir gleich wieder besser, weißt du? Ich weiß, das ist leicht gesagt im Moment. Aber… mir wird schon was einfallen… was einfallen…"
Fieberhaft durchstöberte er seinen Geist, auf der Suche nach glücklichen Erinnerungen, etwas Heiterem, Lustigem, doch er fand nur Trostloses, Trauriges, Aufwühlendes und immer wenn er glaubte, etwas zu erhaschen, entzog es sich seinem Zugriff. Er versuchte es mit immer noch mehr Enthusiasmus und dann schaffte er es, sich eine Erinnerung zu ergattern.
„Weißt du noch, nach unserem sechsten Jahr in den Ferien? Lily hat uns diese Hütte gemietet und wir hatten sie zwei ganze Wochen nur für uns allein. Keine Erwachsenen, keine Regeln, einfach nur wir. Die ganze Zeit hat die Sonne geschienen, es war so wunderbar warm und der Wald hinter der Hütte hat nach Kiefern und Tannen geduftet. Ich hatte diesen mörderischen Sonnenbrand, weil ich nicht auf euch hören wollte und James hat mich damit aufgezogen. Wir haben diesen kleinen, klaren Bach mit dem Teich im Wald entdeckt. Und wir haben Lily und James beim Nacktbaden erwischt und du hast ihnen die Kleider gestohlen."
Ein Lächeln wuchs auf Sirius Lippen und formte sich langsam zum Grinsen, bis sich sogar ein kleines Lachen seinen Weg nach draußen bahnte. Es klang so fehl am Platz, so klein und hilflos und schutzlos, dass er sofort wieder verstummte.
Da spürte er eine kleine Bewegung, Remus Kopf drehte sich zur Seite, bis dessen Wange an seiner Brust ruhte. Sein Atem wurde schneller und keuchender, seine Hände krampften sich um Sirius' Finger, dass es schmerzte, dann fing er an zu zittern, zuerst nur ein bisschen, dann immer heftiger.
Sirius Unterkiefer zuckte, entsetzt musste er mitansehen – und spüren – wie sein Freund litt. Wie die Macht der Dementoren an ihm zerrte, ihn verzehrte. Ein namenloses Grauen legte sich über ihn, lähmte ihn, ließ ihn nur fassungslos zuschauen.
Bis ein leises, kaum hörbares, klägliches Wimmern an seine Ohren drang, das ihn aus seiner Erstarrung befreite. Seine Arme schlossen sich enger um Remus bebenden Körper und langsam begann sich eine glühende Wut in ihm zu sammeln. Eine Wut auf Rukschow, auf Askaban, auf die Dementoren, aber vor allem auf Voldemort. Voldemort war für James und Lilys Tod verantwortlich. Voldemort hatte aus dem schüchternen, ängstlichen Jungen Peter einen ängstlichen, machtvollen Sklaven seiner selbst gemacht und ihn seinen Freunden entrissen und jetzt sorgte er dafür, dass Remus solche Qualen leiden musste.
Er biss die Zähne zusammen, um nicht laut und voller Seelenqual und Zorn aufzuschreien. Er schwor sich Rache, Rache für alles, was dieses Monster ihm und seinen Freunden angetan hatte. Er würde nicht eher ruhen, bis Voldemort und all seine üblen Schergen die Strafe bekommen hatten, die sie verdienten.
„Pscht Moony. Es ist vorbei. Ich bin hier. Hier bei dir. Kämpf dagegen an! Sie wollen dir vorgaukeln, dass dein Leben die wahre Hölle ist, dass jeder Tag aus einer Aneinanderreihung von Horror, Gewalt, Trauer, Tod, Demütigung und Ablehnung bestand. Aber das ist nicht so! Lass dir das nicht einreden! Ich weiß, dass du stark bist! Komm schon, so ein paar dämliche Dementoren können dir vielleicht zusetzen, aber sie können dir nicht nehmen, was dir gehört. Du hast Freunde, Moony, Freunde, die dich lieben. Du hattest wunderschöne Zeiten, auch wenn James, Peter und ich dir das Leben mit unseren Streichen nicht immer leicht gemacht haben. Andererseits hast du's uns aber auch ordentlich zurückgezahlt!"
Eine ganze Weile sprach er so auf ihn ein, ohne Zeitgefühl, doch es war ihm egal. Sollten sie ihn doch hier finden, sollten sie ihn bestrafen, sollten sie sein Geheimnis herausfinden. Er würde Remus in dieser Verfassung um nichts in der Welt freiwillig allein lassen. Nach einer kleinen Ewigkeit ließ das Zittern nach und etwas Farbe und Wärme kehrte zurück in den dünnen Körper.
Erleichtert seufzte Sirius auf. „Ruh dich aus!" flüsterte er.
Jetzt, wo die Anspannung etwas von ihm wich, da wurde er sich eines anderen, leisen Geräusches bewusst. Ein Geräusch, das ihn zum einen daran erinnerte, dass sie beiden nicht die einzigen hier waren, die den Dementoren ausgesetzt waren, und das ihn zum anderen erschreckte, denn es war ein Geräusch, das so wenig zu dieser Person passte, wie ein Eiswürfel in die Wüste.
Er vernahm ein Schluchzen. Leise und verzweifelt und voller Angst.
Ein Blick in die andere Zelle zeigte ihm, dass Snape wie ein Baby zusammengerollt auf seiner Pritsche lag, den Kopf in den Armen verborgen mit dem Gesicht zur Wand. Er zitterte. Und er schluchzte.
Mit schief gelegtem Kopf betrachtete er die Szene. Snape hatte ihm die Nase gebrochen, aber eigentlich hatte er jedes Recht dazu gehabt. Nun ja, er hatte vielleicht etwas übertrieben, doch er selbst hatte eine Situation ausgenützt, die er hätte unangetastet lassen sollen. Er hatte in Snapes Leben herumgeschnüffelt und mehr erfahren als in den zahlreichen Jahren zuvor.
Was er von Snape erfahren hatte, gab ihm zu denken. Snapes unbändige Wut, die geradezu frisch aus der Hölle zu stammen schien, gab ihm zu denken. Das Schluchzen, das ihm durch Mark und Bein ging, gab ihm zu denken.
Dieser Mann, so unerschütterlich, so unnahbar, so kalt und hart er auch wirken mochte, so grausam er in seiner Vergangenheit auch gewesen sein mochte, er war doch nur ein Mensch.
„Snape!"
„SNAPE!"
Ein Ruck ging durch die zitternde Gestalt und das Schluchzen erstarb, zurück blieb ein schweres, keuchendes Atmen und der immer noch zitternde Leib. „Es ist vorbei, Snape, sie sind weg."
„Wwweg?" fragte eine leise, zittrige, von den Stunden der Qual gezeichnete Stimme, doch nicht die, die er erwartet hatte.
Sein Blick wandte sich nach unten, von wo ihm ein Paar bernsteinfarbene Augen gequält und gehetzt entgegenblickten. Schmerzhaft zog sich sein Herz zusammen. Niemals, wirklich absolut niemals, hatte er diesen Ausdruck, der so bezeichnend war für Askaban, in diesen Augen sehen wollen.
Er nickte. Der Kloß in seinem Hals hinderte ihn am sprechen.
„Mmir's kaaalt."
Er schluckte ein paar Mal, bis er wieder etwas hervorbrachte. „Mir auch, Moony, mir auch. Jetzt ruh dich aus!"
Die Lider schlossen sich wieder über den bernsteinfarbenen Augen und nach einer Weile lehnte Moonys Körper wieder schwer gegen seinem. Er schlief. Den Schlaf der Gerechten. Den Schlaf der Erschöpften. Den Schlaf der Gequälten.
Nur kurze Zeit später verlosch das Licht und Sirius saß in völliger Dunkelheit.
Irgendwo in England…
Das Erste, was er wahrnahm, als der dichte Nebel um sein Bewusstsein sich langsam lichtete, war der Schmerz. Ein unangenehmes Brennen in der Schulter. Das Zweite, das sich dazugesellte, war die Kälte. Sie kroch durch seine Glieder und lähmte ihn zusätzlich. Langsam kehrten auch die anderen Sinne zurück. Seine linke Gesichtshälfte und seine Hände lagen auf etwas Rauem. Es fühlte sich fast an wie Stein. Und es war der Urheber für die Kälte. Es roch irgendwie dumpf, nach stehender Luft und etwas feucht.
Träge öffnete er die Augen. Da war eine Wand aus Stein, mehr konnte er nicht sehen. Etwas mühsam und steif stützte er sich auf seine Arme und zuckte zusammen, als ein stechender Schmerz in seine rechte Schulter fuhr. Beinahe wäre er wieder zusammengesackt. Ein leises Stöhnen entfuhr ihm, bevor er die Zähne zusammenbiss, dann rappelte er sich weiter auf, bis er an die Wand gestützt auf etwas wackeligen Beinen stand. Ihm war ein bisschen schwindelig, doch er ignorierte es, so gut es ging. Ein kurzes Tasten sagte ihm, dass man ihm seinen Zauberstab abgenommen hatte. Er fluchte leise, dann sah er sich um.
Er befand sich in einem kleinen, leeren Raum aus Stein. Ungefähr drei auf drei Meter, steinerne Wände und grob behauener Stein am Boden. Der Raum war ziemlich hoch. An einer Wand befand sich eine schwere, mächtig aussehende, dunkle Holztüre, an der gegenüberliegenden Wand befand sich ein kleines Loch, eine Art Fenster, nur dass es komplett offen war – und leider auch so hoch oben, dass er es nicht erreichen konnte und auch nicht mehr sehen konnte, als den grauen Fels der Mauer. In einer Ecke lag ein größerer, dreckiger Fetzen, der wohl vor langer Zeit mal eine gewöhnliche Decke war, jetzt aber eher aussah wie das Zuhause zahlreicher Kleinsttiere.
Mit steifen Beinen stakste er zur Tür und hielt sich dabei die schmerzende Schulter. Seine Hand griff nach dem Türgriff und drückte ihn hinunter, aber nichts tat sich. Die Tür war verschlossen. Er war eingesperrt.
Seufzend ließ er seine Stirn gegen das glatte Holz sinken und versuchte sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Doch als ihm alles wieder in den Sinn kam, machte es das nicht besser, sondern nur schlimmer.
„Oh, du bist so ein Vollidiot!" verfluchte er sich selbst. „Gut gemacht, Harry, wirklich gut gemacht. Du bist zu einem irrwitzigen Unternehmen aufgebrochen, um deinen Freunden zu helfen, und ausgerechnet dem in die Finger gelaufen, der dich töten will. Super Harry, wirklich prima!"
Im neuen Hauptquartier des Phönixordens…
Die Mittagssonne glühte draußen vor sich hin, verwandelte das dreckige Industrieviertel in einen trägen, schmutzigen Backofen. Im Wohnzimmer in Spinner's End war es stickig und die schwere, schwülwarme Luft mischte sich mit der düsteren Stimmung und gemeinsam senkten sie sich als trübe, dichte Masse über die Anwesenden, die stumm vor sich hinstarrten.
Es waren nicht viele hier, Kingsley und Arthur mussten arbeiten, genauso wie mehrere andere. Poppy und Emmy mühten sich noch mit dem Aurenaufguss ab, doch keiner von ihnen glaubte mehr wirklich daran, dass er seine Aufgabe noch erfüllen würde. Minerva war in Hogwarts, irgendjemand musste schließlich trotz dieses ganzen Schlamassels die Bücherlisten, die ZAG-Ergebnisse, die Einladungen an neue Erstklässler und die Anstecker der neuen Vertrauensschüler und Schulsprecher verschicken. Sie machte es im Moment wirklich nicht gerne, dafür aber mit einem Eifer, dass sie wohl nur halb so lange wie sonst brauchen würde, denn sie wusste, ihre Hilfe wurde schließlich anderswo gebraucht.
Und so waren die einzigen Anwesenden Dumbledore, Hagrid, Moody, Molly, Charlie, Tonks, Mundungus und Elphias Dodge.
Gerade hatte Dumbledore ihnen die neueste Nachricht von Bill und Hestia aus Amerika weitergeleitet. Sie hatten die Kinder gefunden, doch die Mutter wollte sie da raushalten, sie hätten schon genug erleben müssen, was kein Kind erleben sollte. Dennoch war es Hestia gelungen, wenigstens ein kurzes Gespräch mit den Kids rauszuschinden, doch sie musste feststellen, dass sich die beiden Kleinen an nichts, was mit Severus zu tun hatte, erinnern konnten. Sie wussten nur, sie waren im Bad und dann hinter dem Busch, wo sie warten sollten, bis sich eine ganze Weile nichts mehr rührte.
„Er hat ihre Erinnerungen verändert, um sich zu schützen." schlussfolgerte Tonks.
„Ja, und damit unwissentlich seine wichtigsten Zeugen aus dem Rennen genommen. Er ist ein guter Zauberer, der weiß, was er tut. Wenn wir versuchen würden, seinen Zauber zu neutralisieren, könnten wir den Kindern irreparablen Schaden zufügen." überlegte Moody.
„Kommt nicht in Frage, Alastor. Wir werden einen anderen Weg finden müssen." meinte Dumbledore entschlossen.
Damit war das Thema beendet und sie wandten sich Harry zu. Das Haarband und die Haare waren eindeutig von einem Malfoy und der Haarlänge nach von Malfoy senior. Der Rucksack gehörte definitiv Harry. Also musste es einen Kampf zwischen ihnen gegeben haben, den Harry ganz offenbar verloren hatte. Sie konnten die Spur der beiden noch bis in den nahen Wald verfolgen, dann endete sie, Malfoy war appariert. Nur wohin?
Ihnen war klar, dass er Harry zu Voldemort gebracht hatte, nur wussten sie nicht, wo sie den finden sollten.
„Vielleicht wollte er dich davor warnen, Albus. Severus hat dir Harry, Voldemort und Malfoy gezeigt, vielleicht wollte er dir sagen, dass Malfoy hinter Harry her ist, um ihn Voldemort auszuliefern." überlegte Molly.
Ein Weile dachten sie darüber nach, bis Albus murmelte: „Stellt sich die Frage: woher wusste Severus das, wenn er in Askaban sitzt? Und weiß er vielleicht noch mehr?"
„Als se'n damals mitgenomm' ham, wusst er jed'nfalls noch nix davon. Sonst hätt er's glei gesagt. Er musses in Askaban erfahr'n ham."
Charlie griff Hagrids Gedanken auf. „Nur wer in Askaban weiß von Voldemorts Plänen und wer würde sie Snape verraten?"
Da brachte sich auch Mundungus in die Unterhaltung ein, der er bisher nur in eine Ecke vermummelt zugehört hatte. „Na, jemand, der sich verdammt sicher is, dass weder Snape, noch Black und Lupin jemals wieder da rauskommen. Also kann er Snape oder einem der andern verraten, dass Malfoy hinter Harry her is, um ihn auszuliefern. Jemand, der die drei quälen will."
„Quälen?" fragte Molly etwas verwirrt, aber in Anbetracht der Wortwahl doch etwas zittrig nach.
„Na überleg mal, Molly. Alle drei haben Harry immer beschützt, jetzt sind sie aus dem Weg geräumt und können nichts unternehmen und dann erzählst du genau den dreien, was passieren wird und sie können nichts, aber auch gar nichts dagegen tun."
Etwas verwundert starrten einige Mundungus an, so was Tiefsinniges und Logisches hatte keiner von ihm erwartet.
Molly biss sich auf die Unterlippe. „Das ist grausam. Das ist hinterhältig. Das ist…"
„.. das Werk eines Todessers." vervollständigte Elphias ihren Satz. „Wem sonst könnte so etwas in den Sinn kommen?"
Moody, der bis jetzt nur still gelauscht hatte und nur dann und wann die Stirn runzelte, die Augenbrauen zusammenzog oder mürrisch grummelte, brachte jetzt alle zum Schweigen.
„Malfoy. Ich wette, das war Malfoy. In zwielichtigen Kreisen hat er nach wie vor Einfluss, ungeachtet der Ministeriumssache letztes Jahr und er hat Kohle, es wäre für ihn ein leichtes, irgendjemanden zu bestechen, um nach Askaban zu gelangen und dort einen vom Ministerium nicht genehmigten Besuch zu machen. Außerdem wird Voldemort immer noch stocksauer sein, immerhin hat Severus seine Strafe überlebt, was er sicherlich nicht hätte sollen. Also schickt er Malfoy los, der kann sich an Severus austoben und ihm erklären, was er vorhat."
„Wir müssen herausfinden, ob die drei noch mehr wissen!" meinte Charlie entschlossen.
„Aber wie?" fragte Molly ratlos.
Nach langer Zeit meldete sich auch Dumbledore wieder zu Wort. „Einer von uns muss als Malfoy nach Askaban. Ihn werden sie reinlassen, ohne dass es allzu viel Aufsehen erregt."
„Aber wie?" wiederholte Molly ihre Frage von zuvor.
„Ich könnte das machen." Tonks war vom Fensterbrett heruntergesprungen und wirkte aufgeregt. „Mit einem guten Foto, nach dem ich mich bei der Verwandlung richten kann, müsste ich das hinkriegen."
Die anderen musterten sie kritisch, bis Dumbledore schließlich seufzte. „Ich möchte dich nur ungern dort hinschicken, Tonks. Du stehst erst ganz am Anfang deiner Karriere als Auror, dir fehlt hierfür die nötige Erfahrung. Allein mit der Optik ist es nicht getan, du müsstest reden wie Malfoy, dich bewegen wie Malfoy, dich verhalten wie Malfoy. Tut mir leid, Tonks, aber wenn es sich vermeiden lässt, möchte ich dich nicht in die Höhle des Löwen schicken."
Niedergeschlagen, mit hängenden Schultern und etwas beleidigt schlurfte sie zurück und hockte sich wieder aufs Fensterbrett.
Moody grummelte brummig. „Wenn wir Vielsafttrank da hätten… Wir haben Malfoys Haare, es wäre ein Kinderspiel."
„Gut, wir werden versuchen, bis morgen früh um acht Uhr eine ausreichende Menge Vielsafttrank aufzutreiben. Versucht es überall, wo es nur geht. Wir treffen uns dann wieder hier." Dumbledore tauschte einen kurzen Blick mit Moody. „Ich werde selbst gehen. Sollten wir jedoch keinen oder nicht genug auftreiben können, dann wirst du dich beweisen müssen, Tonks. Ich möchte, dass du bis morgen vorsichtshalber alles studierst, was du von Malfoy finden kannst und übe die Verwandlung. Bis dahin bleibt uns nichts anderes, als noch mal die Beweise zu prüfen und allen Hinweisen nach Voldemorts Verbleib nachzugehen. Viel Glück euch allen."
Irgendwo in England…
Angenehm warme, fast schon stickig heiße Luft drang durch das hohe Fenster in Harrys kühles Verließ und wärmte ihn. Immerhin trug er nur ein dünnes T-Shirt. Er vermutete, dass es inzwischen auf Mittag zuging, jedenfalls behauptete das sein Magen. Auf jede erdenkliche Weise hatte er bereits versucht, das Fenster zu erreichen oder die Tür zu öffnen, doch ihm gelang weder das eine, noch das andere. Das Fenster lag zu hoch und die Tür war magisch verschlossen. Frustriert hatte er sich zu Boden gesetzt und grübelte über seine unglaubliche Dummheit nach.
Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang annehmen können, er würde Wurmschwanz auf diesem dämlichen Friedhof finden?
Da horchte er auf. Schritte näherten sich. Blitzschnell sprang er auf die Beine, sein Herz hämmerte vor Furcht und Anspannung in seiner Brust. Der Schmerz in seiner Schulter war zu einem unangenehmen Ziehen abgeflaut.
Ein Klacken erklang im Schloss, dann bewegte sich die Klinke nach unten und absolut lautlos schwang die Tür nach innen auf. Natürlich war er es, wer hätte es auch sonst sein sollen. Schwarze Stiefel glänzten auf Hochglanz poliert an seinen Füßen, eine edle, schwarze Robe schwang um seinen dürren Körper und entblößte nur die bleichen, knochigen, langen Finger und das fahle Gesicht mit der schlangenartigen Nase, den zu einem süffisanten Grinsen verzogenen blassen Lippen und den feuerroten Augen, die ihn jetzt voller Amüsement, Spott und abgrundtiefem Hass musterten.
„Hallo Harry." zischte Voldemort ihm mit seiner hohen, kalten Stimme entgegen und betrat die kleine Zelle, dicht gefolgt von Malfoy, der die Türe bewachte.
Harry blieb stumm.
„Warum so unhöflich?"
Harry legte den Kopf ein wenig schief und starrte Voldemort mit funkelnden Augen an. Obwohl ihm sein Herz bis zum Hals schlug, ignorierte er seine Angst und konzentrierte sich auf seine Wut.
„Wieso? Mal überlegen, es könnte daran liegen, dass du meine Eltern ermordet hast, oder vielleicht daran, dass du mich töten willst, vielleicht auch, weil Wurmschwanz hier herumwuselt und dir die Stiefel leckt, obwohl er in Askaban sitzen sollte und nicht Sirius. Aber das sind ja alles nur Kleinigkeiten. Eigentlich liegt es ja nur an dieser miserablen Unterkunft. Oder würdest du hier drin gerne deine Zeit verbringen?" Seine Stimme klang ganz ruhig, aber innerlich brodelte er, ein Feuer, das sich deutlich in seinem Blick wiederspiegelte.
Voldemorts Züge erhärteten sich, ehe ein kaltes Lächeln seine schmalen Lippen spannte. „Du wirst deinem Vater und seinen lausigen Freunden immer ähnlicher, das muss man dir lassen. Vorlaut und ohne jedes Gespür dafür, wann man sich zuweit aus dem Fenster lehnt. Aber dein Sarkasmus wird dir schon noch vergehen."
„Weil ich mal wieder sterben soll?" Dieser vor Spott triefende Satz entschlüpfte Harry, bevor er noch genauer darüber nachdenken konnte.
Er sah, wie sich Malfoy an der Tür anspannte und dessen Gesicht vor ungläubiger, unterdrückter Wut leicht zitterte. Voldemort dagegen grinste nur weiterhin sein kaltes, amüsiertes Lachen.
„Richtig, nur diesmal werde ich nicht den Fehler machen, dich zu unterschätzen."
Harry zog eine Augenbraue hoch. Seine Wut ließ ihn all seine Angst vergessen. „Und wieso reden wir dann noch? Wieso bringst du's nicht einfach hinter dich?" schrie er voller Zorn.
Ein Unheil verkündendes Glitzern trat in die Augen des Dunklen Lords und sein Lächeln wurde sogar noch kälter und grausamer. Harry verstummte und musste schlucken. Er hätte nicht die Beherrschung verlieren sollen! Eine Gänsehaut kroch langsam seinen Rücken hinab und die ungewisse Furcht in ihm gewann doch langsam die Oberhand über die Wut.
„Natürlich könnte ich das, aber das würde doch den ganzen Spaß verderben."
Harry runzelte leicht die Stirn. Worauf wollte er hinaus?
„Es macht einfach zuviel Spaß, den alten Narren zu beobachten, wie er verzweifelt versucht, dich zu finden, obwohl er im Moment doch alle Kraft darin investieren sollte, seine drei heißgeliebten Schäfchen aus Askaban zu befreien. Leider dürfte ihm das jetzt sicher nicht mehr gelingen, wo er doch dich suchen muss."
Vor Schreck weiteten sich Harrys Augen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Dumbledore suchte nach ihm und mit ihm vermutlich der halbe Phönixorden. Jetzt hatte er nicht genug Leute und Zeit, um Sirius, Remus und Snape da rauszuholen. Als ihm die Tragweite des Ganzen so richtig klar wurde, schloss er gequält die Augen. Es war seine Schuld, wenn Sirius und Lupin dem Kuss der Dementoren ausgesetzt würden. Es war seine Schuld, wenn Snape lebenslang in Askaban saß. Es war alles seine Schuld, nur weil er überstürzt und dumm gehandelt hatte, statt mal kurz nachzudenken und ein bisschen Vertrauen in den Mann zu setzen, der immer für ihn dagewesen war, der ihn immer beschützt hatte, auch wenn er es selbst oft nicht mitbekommen hatte.
Ein leises, amüsiertes Lachen drang an sein Ohr. Es war Voldemort.
„Wie fühlt man sich so in der Rolle des Henkers?"
Harry schaffte es nicht mehr, sein Gegenüber böse anzufunkeln, zu sehr nagte das eben Gehörte an ihm.
„Und außerdem möchte ich mir doch nicht den Spaß entgehen lassen, wenn du miterlebst, was die Verhandlung den Dreien bringt? Vielleicht sollten wir schon jetzt einen kleinen Blick riskieren?"
Blitzschnell zückte Voldemort seinen Zauberstab und nach einem kurzen Schwenker stand ein großer, alt aussehender Spiegel in Harrys Zelle. Er tippte das Glas an und sprach seltsam klingende Worte, wie aus einer alten, längst vergessenen Sprache. Die Oberfläche des Spiegels verschwamm und schlug Wellen, wie ein See über den der Wind hinwegstreicht. Farbige Schlieren zogen sich durch die Wellen und langsam formten sich daraus einzelne Gestalten, die Oberfläche kam zur Ruhe und ein überraschtes Keuchen entkam Harrys Kehle.
Der Spiegel zeigte einen kalten, aus Stein gehauenen Raum, der von Gittern in vier Zellen unterteilt war, in dreien davon befanden sich Menschen. Menschen, die Harry erkannte. Mit großen Augen trat er einen Schritt näher und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Voldemort und Malfoy waren vergessen.
Er sah Snape auf einer Pritsche sitzen. Die Knie hatte er dicht an den Körper gezogen und die Arme darumgeschlungen. Ein leichtes Zittern durchlief seinen Körper ohne Unterlass. Sein Kopf lehnte hinten an der Wand, so dass Harry sein Gesicht sehen konnte. Die Augen hatte er geschlossen. Sein Gesicht war aschfahl, noch viel bleicher als sonst, außer an Wangen und Kinn, da sprießten dunkle Bartstoppel. Seine linke Wange war blau verfärbt und blutige Verbände waren um seine Handgelenke gewickelt. Der Anblick fesselte ihn durch seine Unwirklichkeit. Das konnte nicht Snape sein und doch war er es. Diese völlig erschöpfte und kraftlose Gestalt, die hilflos zitterte.
Hektisch wanderte sein Blick weiter. In der Zelle nebenan lief Lupin langsamen Schrittes auf und ab. Seine zerschlissene Robe hatte er eng um sich geschlungen, den Kopf hielt er gesenkt. Als er sich umwandte, erhaschte er einen kurzen Blick auf ein leichenblasses, müdes Gesicht, dessen eine Hälfte grünlich verfärbt und um Auge und Lippen etwas geschwollen war.
Eine Zelle weiter saß Sirius. Ein Knie mit den verschränkten Händen haltend, das andere Bein am Boden, ließ er Remus keinen Moment aus den Augen. Auch er war blass, wenn auch nicht so schlimm, wie die anderen beiden, und ein noch kurzer schwarzer Bart ließ sein Gesicht älter und düsterer wirken. Seine Nase sah ziemlich angeschwollen aus und Reste von eingetrocknetem Blut klebten darum herum.
Lupin trat langsam ans Gitter und ließ in einer Geste völliger Resignation seinen Kopf gegen die Gitterstäbe sinken. In diesem Moment wirkte er um so vieles kraftloser und verletzlicher als nach einer Vollmondnacht, dass sich Harry fragte, ob er sich wohl auf den Beinen würde halten können. Sofort sprang Sirius auf und trat zu ihm ans Gitter. Er griff durch die Stäbe und schloss seine Hände fest um Lupins Oberarme und ließ seine Stirn gegen die seines Freundes sinken.
„Es braucht Zeit." sagte Sirius leise und in aufmunterndem Tonfall.
„Aber es wird nie wieder ganz vergehen, nicht wahr?" Harry hätte Lupins Stimme beinahe nicht erkannt, so rau und tonlos hörte sie sich an und soviel Verzweiflung lag darin.
Sirius antwortete nicht, was Lupin offenbar Antwort genug war, denn seine Schultern begannen kurz zu zittern.
„Hey Moony. Du packst das, hörst du! Hey, ich hab das schließlich auch schon mal überstanden und wir beide wissen schließlich, wer von uns beiden schon immer der Stärkere war, hm?" Auch aus Sirius Stimme glaubte Harry etwas Verzweiflung herauszuhören, die aber wohl eher aus der Sorge um seinen Freund resultierte.
Ein kurzes, heiseres und freudloses Lachen erklang. Ein irgendwie schrecklicher Laut.
Sirius packte Lupin etwas fester und schüttelte ihn leicht und bestärkend. „Dumbledore wird einen Weg finden, uns hier rauszuholen, Moony! Das versprech ich dir!"
In diesem Moment verblasste das Bild, die Farben verschwammen und schließlich zeigte die Spiegeloberfläche nur noch ihn selbst, wie er mit großen Augen, leicht offenem Mund und blassem Gesicht dastand.
„Nein!" entfuhr es ihm, doch Voldemort und Malfoy lachten nur.
„Noch einen schönen Aufenthalt, wünsche ich!" sagte Voldemort voller Sarkasmus und verließ zusammen mit Malfoy die Zelle. Das Schloss klackte und Harry war allein.
Und er fühlte sich einsamer als je zuvor in seinem Leben.
„Nein…" murmelte er leise und taumelte zurück, bis er gegen die Wand stieß, an der er sich zu Boden sinken ließ.
Sirius ging es einigermaßen gut offenbar, aber Snape und Lupin sahen verdammt schlecht aus, so hatte er sie noch nie gesehen. Und Sirius hatte Lupin zum Weitermachen ermutigt, ihn mit ihrer Rettung Hoffnung gemacht.
Eine Hoffnung, die er – Harry – zunichte gemacht hatte.
„Oh Gott, nein!"
Verzweifelt barg er sein Gesicht in seinen Händen.
In Askaban…
Ruckartig riss er die Augen auf. Sein Atem ging schwer und keuchend und er spürte nur zu deutlich, wie sein Herz in seiner Brust hämmerte. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich orientiert hatte. Er war in seiner Zelle in Askaban und offenbar war er eingeschlafen.
Eine Tatsache, welche die Schrecknisse, die die Dementoren wachgerufen hatten, sofort ausgenützt hatten und erneut über ihn hergefallen waren.
Fahrig hob er seine Hände und fuhr sich mit ihnen über sein Gesicht. Seine Finger waren ganz kalt, genauso wie der Schweiß auf seiner Stirn, und er spürte kaum, wie die harten Bartstoppeln in seine Handflächen stachen. Nach ein paar Augenblicken hatte er sich soweit gefasst, dass er glaubte, den anderen beiden gegenüber wieder sein Gesicht wahren zu können.
Die Dementoren hatten ihn gestern eiskalt erwischt. Seine unbändige Wut an Black auszulassen und ihm zu drohen hatte an seinen Kräften gezehrt und er war zittrig auf seine Pritsche zurückgesunken. Und dann waren sie auch schon da und hatten nicht mehr locker gelassen. Snape hatte kein Gefühl dafür, wie lange sie ihnen ausgesetzt gewesen waren, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Als er heute Morgen aufgewacht war hatte er sich furchtbar ausgelaugt, erschöpft und müde gefühlt, ganz abgesehen davon, dass er gezittert hatte vor Kälte, und sein Gesicht tränennass gewesen war. Zum Glück hatte er mit dem Gesicht zur Wand gelegen, so wie jetzt.
Irgendwann hatte er sich aufgerafft und sich seine inzwischen getrockneten Kleidungsstücke vom Gitter losgebunden und wieder angezogen. Doch er fühlte sich wacklig auf den Beinen und flau, nicht nur im Magen, auch im Kopf. Was wohl mit diesem Trank zu tun haben musste. Und die Tatsache, dass er seit Tagen nichts gegessen hatte, zehrte auch an seinen Kräften. Dann noch die Dementoren dazu…
Er hatte sich dann wieder auf seine Pritsche gesetzt und ausgeruht, dabei musste er wohl irgendwann eingeschlafen und zur Seite gerutscht sein.
Etwas schwerfällig rappelte er sich auf, setzte sich hin und lehnte sich zurück. Er rieb seine Hände aneinander und knetete soweit es seine Feinmotorik zuließ seine Hände und Finger durch, in der Hoffnung, sie etwas zu erwärmen und die Durchblutung anzuregen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass Lupin noch immer in seiner Zelle auf und ablief, wohl um sich durch die Bewegung aufzuwärmen und um irgendwie mit den Erinnerungen und den grausigen Gefühlen des letzten Tages fertig zu werden. Immer wieder mal schüttelte ihn ein heftiges Husten. Black saß wieder auf seiner Pritsche und ließ Lupin nicht aus den Augen.
Alles in allem hatte sich nichts verändert, seit er weggenickt war.
Remus hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er wusste nicht mehr, wie lange er jetzt schon auf und ab lief. Er konnte nicht einmal sagen, ob es ihm gut tat, oder nicht. Er wusste nur, dass er dieses unbestimmte Gefühl hatte, in Bewegung bleiben zu müssen, sonst würde ihn die Welt der Dementoren einholen.
Doch ganz ehrlich, die Bewegung half da nicht besonders viel. Immer wieder drängten sich Remus Bilder, Gedanken oder Gefühle auf, die er weit ins hinterste Eck seines Verstandes verbannen wollte. Das Gefühl des Alleinseins, der Schuld; Bilder von toten Freunden und zahlreichen Zuschauern, die alle mit ihren Zeigefingern auf ihn zeigten und wenn er dann an sich herunter sah, waren seine Hände voller Blut.
Er kam nicht umhin, sich immer wieder zu fragen, wie Sirius das aushielt. Natürlich, er konnte sich in seine Tierform flüchten, aber er war um so vieles länger hier gewesen, als er selbst. Er war zwar nicht mehr derselbe seitdem, aber doch hatte er sich einen Großteil seiner Selbst bewahrt.
Remus zweifelte schon daran, ob er so eine Attacke wie die letzte noch mal überstehen würde, ohne verrückt zu werden. Er schaffte es ja jetzt schon nicht mehr, seine Gedanken richtig zu sortieren. Außerdem fühlte er sich so schwach, und ihm wurde gar nicht mehr warm. Dass sein Hals nach wie vor schmerzte, dass sein Husten sich immer schlimmer anhörte, das bekam er dagegen gar nicht mit, zu sehr vereinnahmten ihn die Geschehnisse des vergangenen Tages. Und immer wieder gewann das Grauen die Oberhand.
Die ganzen letzten Jahre, wenn Sirius nachts schreiend aus einem Albtraum erwacht war und in seinen Augen dieser hektische Ausdruck gelegen war und sich dieser unaussprechliche Schrecken in ihnen gespiegelt hatte, da hatte er sich gewünscht, einmal zu sehen, was Sirius in diesen Träumen gesehen hatte, um ihm besser beistehen zu können.
Jetzt hatte er es gesehen. Doch jetzt war er es selbst, der Beistand brauchte.
„Da kommt jemand."
Sirius Stimme klang unnatürlich laut in die Stille und hallte von den Wänden wider.
Snape sah auf und Remus blieb stehen. Beide sahen sie Sirius an und lauschten, bis auch sie kurz darauf die Schritte hören konnten.
Der dumpfe Klang von schweren Stiefeln auf Stein kam näher und erfüllte die gesamte Zelle mit knisternder Spannung. Keiner wagte zu sprechen, ja nicht einmal laut zu atmen. Sie wussten, was geschehen würde, sie wussten nur nicht, wen es treffen würde. Aber ihnen war klar, dass keiner von ihnen sich im Moment einem Verhör vor Rukschow gewachsen fühlte.
Ein Schloss knackte und noch bevor die Tür sich bewegte, wussten sie, wer den Schwarzen Peter in der Hand hielt.
Im nächsten Augenblick standen auch schon zwei bullige Kerle in der Zelle, Troy und der Kerl, der gestern früh Snape zum Verhör geschleppt hatte. Troy trat einen Schritt vor.
„Na los Lupin, bist du festgewachsen, oder was? Beweg dich!"
Remus atmete einmal tief durch, dann ging er langsam auf den anderen Kerl zu und entblößte wohl oder übel die verbogenen Gitterstäbe, die alle drei völlig vergessen hatten. Troy zog nur kurz die Augenbrauen hoch, dann packte er Remus fest am Oberarm und führte ihn nach draußen. Die Tür schloss sich wieder.
Sirius, an dem langsam der Schlafmangel der letzten Nacht zehrte, war mit einem Schlag wieder hellwach.
Sie hatten Remus geholt!
Sie hatten das Gitter entdeckt!
„Verfluchter Eulenmist!" fluchte er herzhaft. Im nächsten Augenblick war er auf den Beinen. Jetzt war es an ihm, unruhig auf und ab zu laufen. Doch es war egal, wie weit er lief, wie schnell er lief und worauf er sich zu konzentrieren versuchte: die Sorge um seinen Freund nahm von Minute zu Minute zu.
Was wird Rukschow wohl mit Remus tun, wenn er von dem verbogenen Gitter erfährt?
Wird der Orden des Phönix genug Vielsafttrank auftreiben können oder muss Tonks ihre Fähigkeiten testen?
Und was wird aus Harry?
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lg, Bella
