Hi Leute, ich hab's heute doch geschafft. Also kriegt ihr heute zumindest die Antwort auf die erste Frage!

Viel Spaß!


Rukschows Rache

Anderswo in Askaban…

Die Flure und Gänge schienen sich endlos dahinzuziehen. Remus versuchte sich einzuprägen, wohin er gebracht wurde, doch schon nach kurzer Zeit gab er es auf. Hier sah alles gleich aus und der ständige Wechsel von links, rechts, dann wieder links brachte ihn im Moment total durcheinander. Dazu kam, dass Troy und der andere einen ziemlich schnellen Schritt vorlegten. Zu schnell für ihn.

Mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie lange er schon nichts mehr gegessen hatte. Es strengte ihn an, Schritt zu halten, und die Anstrengung ließ seinen Blutdruck in den Keller sinken. Ihm war schwindlig und er keuchte bereits nach wenigen Gängen. Doch selbst als ein heftiges Husten ihn fast in die Knie zwang, zogen ihn die Wärter unbarmherzig weiter.

Da drang mit einem Mal ein Geräusch an seine Ohren, etwas, das ihn aufhorchen ließ und die nebligen Schlieren vor seinem Blickfeld löste. Er schüttelte kurz den Kopf, um wieder klarer zu werden und lauschte. Das war keine Täuschung gewesen, die Stimme war wirklich da. Eine hohe Stimme mit nervtötendem Klang, und sie kam schnell näher.

„… ach kommen Sie schon. Was spricht denn dagegen? Bitte! Nur fünf Minuten!"

Und eine andere, eine Männerstimme, antwortete in leicht gereiztem Tonfall.

„Der Boss hat gesagt, ich soll sie nach draußen bringen und das mach ich auch. Ohne Umwege!"

„Ein wirklich ungemütlicher Kerl, ihr Boss. Ich könnte vielleicht ein paar Beziehungen spielen lassen, damit sie von hier weg versetzt werden an einen schöneren Arbeitsplatz. Alles was ich dafür will, sind fünf winzige Minuten mit einem von den dreien. Seien sie doch nicht so. Die Welt da draußen will wissen, was mit ihnen geschieht. Ich könnte Sie auch am Gewinn dieses Interviews beteiligen. Sagen wie 10%?"

„Wir sind gleich an der Tür." gab die Männerstimme kühl zurück.

Kaum waren die Stimmen ertönt, blieben Remus' Wärter augenblicklich stehen. Sie sahen sich nach einem anderen Weg um, doch es gab nur ein Geradeaus und ungefähr drei Meter weiter vorn eine Abzweigung nach rechts. Sie schienen unschlüssig, doch bevor sie Remus auch nur einen Schritt weit zurückziehen konnten, traten auch schon zwei Gestalten um die Ecke und blieben ebenso abrupt stehen. Der eine war ein untersetzter Wärter mit struppigem Haar und völlig entnervtem Gesichtsausdruck, die andere Person eine schlanke, mittelgroße Frau in mittleren Jahren. Sie trug einen knallgrünen Minirock, hellblaue Stöckelschuhe und ein knallenges, weitausgeschnittenes, pinkes Top. Dazu eine auffällige, eckige Brille, eine dicke Schicht blutroten Lippenstift und eine goldene Handtasche.

Die drei Wärter starrten sich wortlos an. Es schien alles andere als geplant zu sein, dass sich hier in den Fluren zwei Gruppen begegneten und offenbar wussten sie nicht genau, was sie jetzt machen sollten, zu überrascht waren sie von der Situation.

Auch Remus brachte kein Wort raus. Obwohl er die Stimme sofort erkannt hatte, konnte er Rita Kimmkorn jetzt nur fassungslos anstarren. Sie wirkte auf ihn wie ein kleines Stück aus einer längst vergangenen Zeit. Ein bunter Paradiesvogel zu Besuch in seinem grauen, düsteren Käfig. Sie war offenbar genauso überrascht, denn auch sie starrte einfach nur zurück, zuerst zu perplex von der plötzlichen Wendung der Dinge, dann weiteten sich ihre Augen langsam, als ihr Blick an Remus hinunterglitt.

Und das war der Moment, der Remus aus seiner Starre löste, als ihr Blick den seinen entließ. Sie waren sich gegenseitig nicht fremd, auch wenn sie nie direkt miteinander zu tun hatten, doch das war jetzt egal. Vor ihm stand die Hoffnung in Person und seine kratzige Stimme überschlug sich fast, als er wild drauflosplapperte.

„Rita! Wir sind unschuldig! Das ist alles eingefädelt worden! Das Werk von Voldemort!"

Die Erwähnung dieses Namens ließ nicht nur Rita Kimmkorn zusammenzucken, sondern auch die Wärter. Aus ihrer Lethargie gerissen, packten sie ihre jeweiligen Schützlinge und während Rita in den Flur geradeaus gezogen wurde, schob man Remus in die rechte Abzweigung. Er sträubte sich gegen ihre Griffe und rief über die Schulter noch: „Sie müssen Dumbledore informieren. Er will Harry töten. Sagen sie Albus…" Weiter kam er nicht, Troys Hand legte sich fest auf seinen Mund.

Sie war weg. Doch die Hoffnung blieb.

Und sie geriet erst ins Wanken, als er Rukschow gegenüberstand.


Der eine fesselte seine Hände hinter seinem Rücken an den Handgelenken mit einem Zauber, während Troy sich an Rukschow wandte und ihm von der unmissverständlichen Beule im Zellengitter berichtete. Die Miene des Russen verdüsterte sich und seine Stirn legte sich in Falten, als er Remus musterte. Er zählte eins und eins zusammen, das war Remus klar.

Schließlich nickte er bedächtig. „So ein Fehler wird mir bestimmt nicht noch mal unterlaufen."

Langsam stand er von seinem Stuhl auf, der direkt vor einem offenen Fenster stand, und näherte sich Remus langsamen Schrittes, wobei sein kalter Blick ohne Unterlass auf seinem Gefangenen ruhte. Jedenfalls bis er etwas anderes hinter diesem entdeckte.

„Raven, wieso zum Henker ist die Tür nicht zu?"

Überrascht wandte sich Raven um. Die Tür stand einen Spalt breit offen, er war sich sicher, dass er sie geschlossen hatte. „Ähm, tut mir leid, ich…" Schnell eilte er und schloss sie. Diesmal richtig.

Rukschow wandte seine Aufmerksamkeit wieder Remus zu.

„Beim letzten Mal warst du ja etwas unkooperativ, Werwolf. Haben ein paar Tage Aufenthalt hier deine Meinung vielleicht geändert?"

Remus konnte ganz deutlich das kalte Glitzern der Erheiterung in seinen Augen sehen. Für eine Sekunde schloss er die Augen, versuchte sich innerlich für das Bevorstehende zu wappnen. Dann fixierte er den Sicherheitschef mit festem Blick. „Ich hab das Mädchen nicht getötet!"

Mit einem Schritt war der Russe dicht vor ihm und eine große, kräftige Hand stieß hart gegen seine Brust. Erst jetzt, als ihm jeglicher Halt fehlte, bemerkte er, dass weder Troy noch Raven an seiner Seite standen und ihn noch festhielten. Er war nicht darauf gefasst, frei zu stehen und taumelte ungelenk rückwärts, wo er schon nach zwei Schritten das Gleichgewicht verlor und seitlich zu Boden sackte. Dumpf schlug seine Schläfe gegen den harten Boden und einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, als der scharfe Schmerz ihm die Sinne raubte.

Langsam klärte sich sein Blick und er sah die beiden stämmigen Wärter neben der Tür an der Wand stehen. Und Rukschow thronte über ihm, doch er konnte nur dessen Silhouette ausmachen, denn hinter ihm leuchtete die Sonne durch das Fenster. Auch wenn es Tage her war, dass Remus die Sonne gesehen und ihre Wärme gespürt hatte, so hatte er im Moment wahrlich keinen Sinn dafür.

„Du willst mir also tatsächlich weismachen, dass ein Werwolf in einer Vollmondnacht dem zarten Fleisch eines jungen Mädchens widerstehen kann?"

Der Schmerz des Aufpralls benebelte seine Gedanken ein wenig, sonst hätte er niemals auf diese Frage geantwortet. „Nein."

Triumphierend schlug sich Rukschow mit der Faust in die Handfläche. „Ha! Wusst ich's doch! Du bist wahrlich eine Bestie! Ein junges Mädchen! Widerlich!"

Erschrocken riss Remus die Augen auf. Was hatte er da nur gesagt. „Nein, nicht. Ich…"

Der Russe lachte. „Hab dich doch noch erwischt, was?"

„Aber ich war das nicht, das war…" verzweifelt versuchte Remus sich Gehör zu verschaffen, sich zu erklären, doch Rukschow ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Das hilft dir jetzt auch nichts mehr, Werwolf. Zu spät. Verraten ist verraten. Das gibt mindestens lebenslang, wenn nicht sogar ein kleines Küsschen."

Eiskaltes Entsetzen packte Remus. Mit einem Mal wurde ihm so richtig bewusst, was es hieß, als mutmaßlicher Mörder hier zu sein. Wenn Dumbledore nicht bald eine Lösung fand, dann würden sie alle drei verurteilt werden.

Ein Küsschen…

Der Kuss der Dementoren!

Eine kribbelnde Gänsehaut zog sich über seinen ganzen Körper. Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht und voller Verzweiflung bäumte er sich noch einmal auf.

„Aber ich bin unschuldig. Ich war das nicht! Ich war in der Heulenden Hütte! Ich war in der Heulenden Hü…"

Mit einem Schlag wich das zufriedene Grinsen aus Rukschows Gesicht und machte einer ungeduldigen Gereiztheit und der Grausamkeit Platz, die zu jeder Zeit in seinen Augen zu sehen war. Energisch trat er auf den immer noch am Boden liegenden Remus zu und zischte wütend: „Schnauze, du verlogenes Tier!"

Er holte aus und Sekunden später explodierte ein greller Schmerz in Lupins Brust. Das leise Knacken ging in seinem kurzen Schmerzensschrei unter, der schnell zu einem erstickten Keuchen wurde, als sein rauer Hals ihm seinen Dienst versagte. Dennoch hatte er dieses Knirschen gespürt, wie von aneinanderreibendem Kies. Mit verzerrtem Gesicht und zusammengekniffenen Augen krümmte er sich am Boden zusammen. Nur sehr, sehr langsam verebbte die stechende Qual zu einem dumpfen, heftigen Pochen. Er atmete automatisch flacher.

Irgendwann, als der größte Schmerz vorüber war und er wieder klar denken und sich einigermaßen bewegen konnte, da fragte er sich, wieso er noch hier war. Vorsichtig öffnete er die Augen und er sah Rukschow und Troy am Fenster stehen, sie unterhielten sich leise, aber eingehend. Dieser Raven stand in seiner Nähe und beaufsichtigte ihn. Er versuchte sich zu konzentrieren, doch er konnte ihre Worte beim besten Willen nicht verstehen.

Da bewegte sich etwas auf dem Stuhl, doch es war nur ein kleiner Käfer, der sich aus der schönen, sonnigen Natur ausgerechnet durch dieses Fenster verirrt hatte. Und offenbar gefiel es ihm auch nicht hier drin, denn er erhob sich in die Luft und flog auf das Fenster zu. Genervt schlug Rukschow danach und katapultierte das Tier unsanft nach draußen, wo es taumelnd aus Remus Blickfeld verschwand.

So einfach war es, aus Askaban zu verschwinden.

„Er is wieder klar im Kopf." hörte er Raven sagen.

Rukschow und Troy blickten auf, sie nickten sich kurz zu, dann kam Troy zurück. Zusammen mit Raven zog er ihn auf die Beine, was ihm eine erneute Schmerzwelle durch die Seite jagte. Seine Fesseln wurden gelöst und zurück ging es in die langen Flure, diesmal allerdings in gemächlichem Tempo, gerade so, als wollten sie ihm einen Gefallen tun.

Stutzig ließ sich Remus führen, was blieb ihm auch anderes übrig. Aber ihm war nicht wohl bei dieser plötzlichen Rücksichtnahme.


Die Tür öffnete sich ruckartig und Remus wurde zurück in seine Zelle gestoßen. Er taumelte ein wenig, den linken Arm fest gegen seine schmerzenden Rippen gepresst, fing sich aber nach wenigen Schritten und blieb zischend Luft holend und mit schmerzhafter Grimasse mitten in der Zelle stehen. Die Stelle, gegen die Rukschow mit seinem harten Stiefel getreten hatte, schmerzte fürchterlich und es stach jedes Mal, wenn er tiefer Luft holte als normal. Und doch mussten sie ihn eine ganze Weile liegen gelassen haben. Hätten sie ihn gleich zurückgebracht, der Schmerz hätte ihn garantiert sofort zu Boden geschickt und so schnell nicht mehr aufstehen lassen.

„Alles okay Moony?"

Remus sah auf. Er bemerkte, dass Severus in seinen ‚vier Wänden' gegen das Gitter gelehnt dastand, blass und etwas fahrig, die Arme verschränkt und mit einem hektischen Flackern in den Augen. Die Dementoren hatten ihnen allen übel zugesetzt.

Dann wandte er sich an Sirius, der zwar blass, aber nicht ganz so arg wie er oder Snape, dicht an den Gitterstäben stand und ihn aufmerksam und voller Sorge musterte. Und noch etwas fiel ihm auf.

„Ich glaub, er hat mir ne Rippe gebrochen. Eben ein weiterer wundervoller Tag in Askaban. Seit wann sind die Gitterstäbe wieder gerade?" fragte er erstaunt.

Remus konnte sich nicht erklären, wieso der Sicherheitschef ihn dafür gar nicht bestraft hatte – was er wirklich erwartet hätte bei diesem Mann – und jetzt auch noch einfach die Lücke beheben ließ. Da musste doch ein Haken dran sein. Skeptisch musterte er die Stäbe.

Sirius folgte seinem Blick. „Vor ein paar Minuten kam ein Typ rein und hat einfach alles in seinen Urzustand zurückversetzt. Hat er dich deshalb… ich meine, ihm muss klar sein, dass du es warst…"

Remus schüttelte langsam und bedacht den Kopf. „Nein, ich… ich fürchte, ich hab was gesagt, was er als Geständnis ausgelegt hat. Mein permanenter Widerspruch hat ihn dann wohl etwas genervt."

„Verflucht!" fluchte Sirius lautstark.

„Zu der Sache mit dem Gitter sagte er nur, dass ihm so ein Fehler nicht noch mal unterlaufen würde."

„Ich trau der Sache nicht." warf Snape leise ein und doch schien seine Stimme, wie auch im Klassenzimmer jeden Winkel ihres Gefängnisses zu durchdringen.

„Ich auch nicht." schlossen sich Sirius und Remus zeitgleich an.

Für einen Augenblick herrschte Stille.

Remus wandte sich seiner Pritsche zu, er war furchtbar erschöpft und musste sich dringend ausruhen. Hals und Brustkorb schmerzten und ihn fror immer noch. Doch er war kaum einen Schritt weit gekommen, als ihm siedendheiß einfiel, was sich auf dem Gang abgespielt hatte. Er wandte sich um, was ihm ein erneutes Stechen in den Rippen bescherte.

„Ahh, ssss…" Verkniffen drückte er seinen Arm gegen die Brust, ehe er weitersprach. „Es ist mir vielleicht gelungen, eine Nachricht an Dumbledore zu leiten. Vielleicht."

Sofort horchten die anderen beiden auf.

„Was?" brachte Sirius nur erstaunt zusammen.

„Die bessere Frage ist ja wohl: wie?" gab Snape zum Besten.

Doch Remus schaffte es nicht mehr zu antworten, erneut öffnete sich seine Zellentür schwungvoll und ein Wärter, Troy, war in zwei Schritten bei ihm und umklammerte seine Oberarme von hinten in einem schraubstockartigen Griff, so dass Remus keine Chance mehr hatte, sich irgendwie zu bewegen. Noch bevor einer der Anwesenden etwas sagen konnte, trat auch schon Rukschow ein, gemächlichen Schrittes und mit einem zufriedenen und amüsierten Ausdruck im Gesicht. Er bedachte Snape kurz mit einem vernichtenden Blick, dann grinste er Sirius dreckig an, ehe er sich schließlich links von Remus in Position stellte und ihn entschuldigend von der Seite her betrachtete.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Mister Lupin, dass ich hier so eindringe, aber ich hab da vorhin leider noch eine Kleinigkeit vergessen, ihnen mitzuteilen."

Er griff mit seinen großen prankenartigen Händen nach Remus' linkem Unterarm und zog ihn unsanft hoch, bis er dessen Handrücken mit der einen und sein Handgelenk mit der anderen umschlossen hatte.

Dann ging alles ganz schnell.

Rukschow nickte Troy zu und der schob Remus langsam aber stetig näher auf die Gitterstäbe zu, dorthin, wo die Delle noch vor kurzem gewesen war. Als er sprach, klang seine Stimme, als käme sie frisch vom Friedhof. Eiskalt und grausam, dunkel und drohend. Er betonte jedes Wort, als wäre es das einzige, das er sprach.

„ICH – DULDE – ES - NICHT…" Er packte Remus Hand fester und hob sie auf Brusthöhe, während Troy weiterschob. „… WENN – SICH – MEINE – GEFANGENEN – EINBILDEN – SICH – NACH – LUST – UND - LAUNE…" Und wieder ein bisschen näher ans Gitter. „… ÜBER – IHRE – GRENZEN – HINWEGSETZEN – ZU - KÖNNEN!"

Troy schob Remus das letzte Stück bis dicht vor die Gitterstäbe und ein unangenehmes, leicht schmerzhaftes Prickeln erfüllte seine Fingerspitzen und Lippen. Und plötzlich wusste er, was hier vor sich ging und jedes Gefühl von Ehre, Stolz und all solchen Dingen verflüchtigte sich schneller als Wundbenzin. Zurück blieb nichts als nackte Panik.

„Nein, nein, bitte nicht…"

Doch es war zu spät.

Und seine Schreie erfüllten die Luft.

Alles geschah so verdammt schnell, dass


Sirius Mühe hatte, die Geschehnisse genauso schnell zu verarbeiten. Rukschow drohte Remus und hielt dessen Hand umkrallt und sein treues, muskelbepacktes Schoßhündchen drängte ihn Richtung Gitter. Doch was sollte das werden? Mit einem Mal änderte sich Remus' verblüffter und leicht schmerzverzerrter Gesichtsausdruck und Furcht spiegelte sich in seinen bernsteinfarbenen Augen. Von einem Schlag auf den nächsten wich jegliche Farbe aus dessen Gesicht und sein Mund klappte ungläubig und voller Angst auf.

„Nein, nein, bitte nicht…"

Eine Gänsehaut jagte Sirius' Rücken hinunter. Noch nie hatte er soviel Angst in Remus' Augen gesehen und in dessen Stimme gehört. Das leise Hauchen hatte so flehentlich geklungen, als würde ein zum Tode Verurteilter seinen Henker anflehen, ihn am Leben zu lassen.

Rukschow drückte Remus' Hand mit der Handfläche gegen einen der Gitterstäbe und schloss seine Hand fest darum und alles, was Sirius noch wahrnahm war dieser grauenhafte, durch Mark und Bein dringende Schmerzensschrei.


Vollkommen erstarrt und unfähig etwas anderes zu tun, als mit grässlicher Faszination und voller Unglauben die Szenerie anzustarren, standen Severus und Sirius in ihren Zellen. Bis Rukschow's hämisches und äußerst amüsiertes Grinsen sich einen Weg in Sirius' Gehirn bahnte und dort die Alarmglocken auslöste, die ihn aus seiner Starre befreiten. Ohne Nachzudenken eilte er zum Gitter.

„Lass ihn los! Lass ihn verdammt noch mal los du Schwein!" schrie er aus Leibeskräften. Nicht nur, um seiner rasenden Wut Luft zu verschaffen, sondern auch um Remus zu übertönen.

Rukschow legte seinen Kopf schief und sein Grinsen wuchs noch in die Breite, boshafter und schadenfroher als zuvor.

„Ich wüsste nicht, wieso." gab er erheitert zurück.

Noch bevor Sirius wusste, was er tat, streckte er seine Arme durch das Gitter und schlang seine Finger um den Hals des verhassten Russen. Ohne Gnade pressten sich seine Finger gegen das nachgiebige Fleisch und seine Daumen drückten gegen dessen Kehlkopf. Überrascht weiteten sich die stahlblauen Augen und instinktiv griffen Rukschows Hände nach Sirius' Handgelenken, um die Hände von seinem Hals wegzuzerren, doch ohne großen Erfolg.

Blitzschnell reagierte Troy und ließ Remus los, der völlig kraftlos zu Boden sank, seine Hand löste sich langsam vom Gitter und ließ dort Blut und einzelne Hautfetzen zurück.

Der Wärter schlug einmal hart von oben gegen Sirius Ellbogen und dessen Arme knickten schmerzhaft ein, dann entglitt ihm das warme Fleisch von Rukschows Hals, als Troy seinen Vorgesetzten wegzerrte.

Keuchend fasste sich der Sicherheitschef an den Hals, an dem deutlich sichtbare, feuerrote Fingerabdrücke zu sehen waren und seine Augen funkelten voller Hass, Kälte, Abscheu und Bösartigkeit, als er Sirius anstarrte.

„Dafür wirst du büßen!" knurrte er heiser bevor er hektisch und hustend die Zelle verließ, Troy dicht hinter ihm, der die Tür wieder fest verschloss.


Sirius wusste genau, was diese Drohung bedeutete. Starr vor Angst stand er da, die Arme immer noch durchs Gitter gestreckt, den Blick auf die Tür gerichtet. Sein Atem ging hektisch und er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören.

REMUS! schrie es plötzlich in seinem Kopf und er riss sich vom Gitter zurück und seine Augen suchten seinen Freund. Und sie fanden ihn auch.

Remus lang zusammengekrümmt am Boden dicht neben dem Gitter, mit der Rechten hatte er sein linkes Handgelenk fest umklammert. Die verletzte Hand war ein blutiges Gebilde, mit dem er sich nicht näher befassen wollte, was ihm mehr Angst machte, waren die schrecklichen Laute die sein Freund von sich gab. Eine grauenvolle Mischung aus abgehackten, keuchenden Atemzügen, Wimmern, Stöhnen und leisen, kraftlosen Schreien. Remus Gesicht war schneeweiß, seine Augen weit geöffnet, die Pupillen riesengroß, doch er schien nichts, aber auch gar nichts bewusst zu sehen. Sein ganzer Körper zuckte und wand sich unablässig hin und her.

Sirius konnte nicht anders als starren. Das war ein zu schreckliches Bild, er wusste unterbewusst, dass es sich bereits felsenfest und für immer in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Er spürte einen qualvollen Schmerz in seiner Brust. Seine Hände begannen zu zittern. Das durfte nicht wahr sein, das passierte alles nicht wirklich.

Doch eine Stimme riss ihn zurück in die grauenvolle Realität. Snapes Stimme. Sie klang erschüttert und bestürzt und überaus drängend.

„Er muss sofort von dem Gitter weg! Das verdammte Ding ist aus Silber!"


Noch bevor Snape überhaupt zu Ende gesprochen hatte, war Sirius schon in der Nachbarzelle angekommen und zog den sich windenden Körper vom Gitter weg und neben die Pritsche. Er kniete neben Remus nieder, dessen Augen sich inzwischen geschlossen hatten, und sein Blick blieb kurz an der verletzten Hand hängen.

Fast die ganze Handfläche war blutrot, aber es blutete kaum, es sah eher so aus, als wenn die Haut einfach weggeätzt worden wäre und nur das rohe Fleisch zurückgelassen hätte. Schnell wandte Sirius seine Augen ab und betrachtete das blasse, schmerzverzerrte Gesicht. Die Augen rollten unter den geschlossenen Lidern hektisch hin und her, Schweiß stand Remus auf der Stirn, sein Atem ging stoßweise und hektisch und viel zu oberflächlich und seinen blutleeren Lippen entkamen jämmerliche Wimmerlaute und gequältes Keuchen.

„Moony? Hey, Moony, sag doch was!"

Vorsichtig strich er dem Verletzten ein paar Haarsträhnen aus der feuchten Stirn, doch der reagierte gar nicht darauf.

„Remus!" wiederholte Sirius sein Flehen wesentlich drängender, doch es erfolgte auch diesmal keine Reaktion.

Er sackte ein Stück in sich zusammen. Das hier war einfach alles zuviel. Er wusste nicht, wie er das noch ertragen sollte, er konnte nicht mehr, er war fertig. Wieder war er in Askaban, wieder war er den Dementoren ausgesetzt, wieder erwarteten ihn Rukschows Foltermethoden. Das war alles zuviel, zuviel Verzweiflung, zuviel Angst, zuviel Panik. Und dann noch die Sorge um Harry, die Sorge um Moony, der hier krank in der Kälte rumlag, die Erinnerungen an Swetlana, die ihn immer wieder heimsuchten.

Und jetzt lag sein Freund, der letzte, der ihm geblieben war, hier vor ihm und sah fast genauso aus wie Swetlana kurz bevor sie gestorben war.

Heftig schüttelte er den Kopf und doch schien die Last, die auf ihm lag, immer schwerer zu werden. Ihm fiel nicht auf, dass seine Hände heftig zu zittern begonnen hatten.

„Remus!" flüsterte er kraftlos.

Er hob seinen Blick, um seinen Freund anzusehen, doch es war nicht Remus' Gesicht, das ihn erwartete. Vor ihm lag eine Frau mit blassem, herzförmigen Gesicht. Dunkle Ringe lagen unter ihren einst funkelnden dunkelblauen Augen. Regentropfen benetzten ihre Haut und klebten ihr dunkelblondes Haar, an dem Schlamm vom matschigen Boden hing, an ihre Stirn. Ihre blutleeren Lippen verzogen sich zu einem schmerzlichen, entschuldigenden Lächeln, dann verschwand auch der letzte Funke aus ihren Augen und ihr Blick trübte sich.

„Nein. NEIN!"

Zittrig fuhr sich Sirius mit seinen Händen übers Gesicht und dann war Remus wieder zurück, lag da, keuchend und zitternd, und plötzlich wusste er, dass sein Freund sterben würde, genauso wie Swetlana in jener Schlammwiese ihr Leben gelassen hatte. Und sein Tod würde genauso sinnlos sein wie der ihre. Er sackte noch tiefer in sich zusammen, führte seine bebenden Hände an Remus Gesicht und strich ihm immer wieder über die Wangen.

„Remus! Moony! Hörst du mich! Bitte, geh nicht!"

Nein, er durfte das nicht zulassen! Niemand durfte ihm Moony so einfach wegnehmen!

Seine Hände krallten sich in dessen Schultern und rüttelten ihn heftig.

„Moony! Wach auf! MOONY!"


Snape stand dicht am Gitter und war sich nicht ganz sicher, ob das hier alles wirklich geschehen war. Normalerweise hatte er sich immer gut unter Kontrolle, das hatte ihn zuerst seine Zeit als Todesser und später seine Zeit als Spion gelehrt. Aber die Geschehnisse der letzten Minuten hatten es geschafft, ihn völlig fassungslos und reglos dastehen zu lassen. Der qualvolle Schmerzensschrei hatte ihm eine Gänsehaut über Rücken und Arme gejagt, die selbst jetzt, als er schon eine Weile verklungen war, nicht wieder verschwinden wollte.

Für einen Moment hatte er sich wieder im Griff gehabt und Sirius hatte auch auf seine Anweisung reagiert, doch was sich jetzt in der Nachbarzelle abspielte, hatte ihn wieder zurück in die Fassungslosigkeit katapultiert. Er wurde gerade Zeuge, wie der temperamentvolle, vorlaute, starke Mann Black unter dem Druck Askabans zu Boden ging. Snape sah es seinem Gesicht an, Black war am Ende. Und er konnte es ihm nicht mal verdenken. Nach allem, was er bisher bereits hatte erdulden müssen, saß er jetzt neben seinem letzten Freund, der im Moment auf dem besten Weg war, das Zeitliche zu segnen, wenn er keine Hilfe bekam.

Das Zeitliche segnen?

Energisch schüttelte er den Kopf und schalt sich selbst für seine Unfähigkeit, einen kühlen Kopf zu bewahren. Hoffentlich hatte er dadurch nicht wertvolle Zeit vertrödelt. Lupin war schwer verletzt und er war sich ziemlich sicher, dass Rukschow nicht um das vollständige Ausmaß seiner Tat wusste. Er hätte wohl kaum gewagt, einen Gefangenen noch vor seiner Verurteilung – und sei sie auch noch so sporadisch – zu Tode zu foltern.

Da fing Sirius an, Lupin zu schütteln.

„Black!" rief Snape energisch.

Doch der reagierte nicht, sondern schüttelte den Verletzten noch fester und verlangte immer lauter und drängender von ihm, doch wieder aufzuwachen.

„Verdammt Black! Hör auf damit und beruhig dich!"

Da brauste Sirius auf; mit funkelndem Blick und ins Gesicht fallenden Haaren schrie er Snape an. In diesem Moment sah er voll und ganz wie der Wahnsinnige aus, den man bei seiner ersten Verhaftung in ihm gesehen hatte.

„Es geht dich einen feuchten Scheiß an, was ich mache, Snape! Und überhaupt, was weißt du schon, elendiger Giftmischer! Du bist der Einzige von uns, der es zur Hölle noch mal verdient hat, hier zu sein, bist ja schließlich doch nur ein Schoßhündchen Voldemorts. Aber Remus ist unschuldig! UNSCHULDIG VERDAMMT NOCHMAL! Also halt deine verlogene Todesserklappe und lass uns in Frieden!" Abrupt wandte er sich ab und begann mit zitternden Händen unablässig über Remus Kopf zu streicheln. Seine Augen glänzten feucht.

Jetzt, wo er seine Wut und seine Verzweiflung rausgeschrieen hatte, da fühlte er sich auf einmal nur noch leer und allein.

Snape runzelte verwundert die Stirn. Damit hatte er nicht gerechnet, Blacks emotionaler Stress war wohl doch etwas höher, als er ihn eingeschätzt hatte, oder hatte er nur endlich mal ausgesprochen, was ihm schon immer auf der Seele brannte?

Er wischte den Gedanken beiseite, das war im Moment nicht wichtig. Der Werwolf wimmerte immer leiser, ein schlechtes Zeichen.

„Black!"

Nichts.

„Verdammt Black!"

Sirius reagierte überhaupt nicht, er schien völlig abwesend, streichelte einfach unablässig über Lupins Kopf, wobei seine Finger immer mehr zitterten.

Verdammt! Zum ersten Mal machte es Snape beinahe rasend, dass diese Gitterstäbe hier waren und er diese Grenze nicht überschreiten konnte. Wenn er Lupin helfen wollte, musste er zuerst mal an Black rankommen, aber wie?

„Hey Black, sieh mich an!"

Wieder nichts. Aber er hatte eine Idee, auch wenn er davon nicht begeistert war.

„Sirius!"

Augenblicklich hielt Sirius inne und horchte auf. Jemand hatte seinen Namen genannt. Eine Stimme, die irgendwie nicht zu seinem Namen passen wollte.

„Sirius! Bitte, sieh mich an!"

Langsam wandte Sirius seinen Kopf und erblickte eine Gestalt in einer schwarzen Robe mit blassem Gesicht und schwarzen, langen Haaren, seine Hände umfassten das Silbergitter und dunkle Augen sahen ihn drängend und auffordernd an. Snape.

Snape? Er hatte seinen Vornamen benutzt? Kein Sarkasmus, kein Tadel in seiner Stimme? Kein böses Aufblitzen, keine Autorität in diesen Augen?

Irritiert schüttelte er seinen Kopf. Aber immerhin schaffte diese Verwirrung wieder ein klein wenig Normalität in seinem aufgewühlten Geist.

„Sirius?"

„Wann hab ich dir erlaubt, mich so zu nennen?" Sirius Stimme klang zittrig und schwach.

Snape atmete auf. Offenbar war Black also noch nicht ganz abgedriftet.

„Black?" fragte er eindringlich. „Kennst du dich mit Silberverbrennungen aus? Hat sich Lupin schon mal eine zugezogen?"

Sirius überlegte einen Moment. „Er hat es immer tunlichst vermieden, damit in Berührung zu kommen. Wenn es doch mal passiert ist, dann waren es nur ganz kleine Sachen. Nichts Besonderes."

„Okay, komm her!"

„Aber Remus…" Sirius warf zögernd einen Blick auf seinen leidenden Freund. Er wollte ihn nicht alleine lassen.

Snape verdrehte die Augen. „Jetzt mach schon, wenn du ihm helfen willst!"

Während Black aufstand und zum Gitter trat, schälte sich Snape etwas umständlich wegen seiner klammen Hände aus seiner Robe und reichte sie Sirius durchs Gitter.

„Wickel ihn darin ein, nicht dass er auskühlt. Und mach ein bisschen schnell."

Sirius war sich durchaus darüber im Klaren, dass er hier Befehle von Snape entgegennahm und ausführte ohne zu murren, was er normalerweise nie getan hätte, aber die Situation hier überforderte ihn total. Er hatte Angst um Remus und er fühlte sich absolut hilflos, er wusste einfach nicht, was er tun sollte, da war er für jeden dankbar, der sich darüber im Klaren zu sein schien, was jetzt getan werden musste.

Flink kniete er sich neben seinen Freund und hob dessen Oberkörper hoch, so dass er die Robe darunter legen konnte, was sich ein bisschen umständlicher gestaltete, als er angenommen hatte, vor allem, weil seine Hände immer noch zitterten. Seine Nerven lagen blank.

„Wie ernst ist es?" fragte er leise.

„Es ist jedenfalls keine Lapalie." Snape wollte Black, der ihm im Moment ziemlich labil schien, nicht noch mehr aus der Fassung bringen, also griff er nach diesen eher milderen Worten. „Silberverbrennungen sind, soweit bekannt, die schmerzhaftesten Verletzungen überhaupt. Ich kannte Werwölfe, die lieber den Cruciatus-Fluch auf sich genommen hätten, als die Bekanntschaft mit einem Stück Silber zu machen. Das ist auch das Problem. Die Schmerzen sind so stark, dass sie meist zu einem Schockzustand führen."

Sirius hatte Remus jetzt in die Robe gehüllt, nur seine verletzte Hand lugte noch hervor. Sein Atem kam jetzt in immer abgehackteren, schnelleren und flacheren Stößen. Wieder strich er seinem Freund über die Stirn, eine Geste, die Remus sagen sollte, dass es schon wieder werden würde, auch wenn dieser nichts davon mitbekam. Vielleicht diente sie auch Sirius zur Beruhigung, doch sein Gesichtsausdruck wirkte ganz und gar nicht beruhigt.

„Seine Haut ist ganz kalt und schwitzig." stellte er beunruhigt fest.

„Fühl seinen Puls!" befahl Snape knapp. Er hatte da so eine Ahnung und die gefiel ihm überhaupt nicht.

Da war etwas in Snapes Stimme, das Sirius alarmierte. Konzentriert versuchte er das Zittern seiner Finger unter Kontrolle zu bringen und drückte sie zuerst behutsam an Remus Hals, dann etwas fester als er nichts finden konnte. Immer hektischer und nervöser wurden seine Bewegungen, als die Angst um seinen Freund sich noch stärker um sein Herz klammerte. Da, er tastete etwas. Erleichtert schloss er für einen kurzen Moment die Augen, bevor er sich auf das besann, was er fühlte.

„Sein Puls ist viel zu schnell, er rast richtig. Und er ist nur ganz schwer zu spüren."

„Verdammt." fluchte Snape leise, aber herzhaft.

„Was… was hat das zu bedeuten?" fragte Sirius unsicher und mehr als nur beunruhigt, selbst ein emotionaler Krüppel hätte das Zittern seiner Stimme als furchtbare Angst um seinen Freund identifizieren können.

„Leg seine Beine hoch! Sofort! Am besten auf die Pritsche." Snapes Worte klangen so drängend, so bedeutend, dass Sirius keine Zeit damit verlor, ihnen Folge zu leisten.

Flink griff er nach Remus Beinen, die ebenfalls in die Robe gewickelt waren und hob sie auf die Pritsche. „Und jetzt?"

Snape ließ seine Stirn gegen das kühle Gitter sinken. Er konnte nicht verstehen, wieso er sich so seltsam fühlte, wie er sich im Moment fühlte. Da war dieses Gefühl der Hilflosigkeit, Nervosität, Unruhe, eine undefinierbare innere Zerrissenheit. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, er machte sich Sorgen um Lupin und habe Mitleid mit Black. Aber das konnte nicht sein. Niemals. Immerhin ging es hier um den Werwolf und den zottigen Köter.

Nein, diese Gefühle mussten von seinem total aufgewühlten Geist stammen, der dank Folter und Dementorenüberfluss gar nicht mehr wusste, wie ihm geschah und was er jetzt tun und denken und fühlen sollte.

„Abwarten."

Sirius hockte sich an Remus Kopf und bettete diesen in seinen Schoß. Sanft strich er ihm immer wieder über die schweißnasse, kühle Stirn und das verklebte Haar. Er wollte seinem Freund zeigen, dass er für ihn da war, dass er ihn nicht alleine ließ, und sich selbst wollte er wohl beweisen, dass er etwas tat, dass er nicht dumm herumsaß, dass Moony noch hier bei ihm war. Wieder kehrte diese innere Leere zurück und gesellte sich zu dieser grässlichen Hilflosigkeit, die ihn unerbittlich in ihren Klauen hielt. Er hielt es nicht mehr aus, allein mit seinen eigenen Ängsten und Gedanken. Nicht ohne dem Wahnsinn anheim zu fallen.

„Was passiert mit ihm?" Reden war das Beste, was er tun konnte. Es lenkte ihn ab, es füllte seinen Geist mit völlig anderen Dingen, mit denen es sich zu beschäftigen galt, und wenn er Antwort erhielt, fühlte er sich nicht mehr ganz so alleine und hilflos.

Snape schaute auf, sah Black, wie er Lupins Kopf in seinen Schoß gebettet hatte und diesen unablässig mit nunmehr nur noch leicht zitternden Fingern streichelte. Irgendwie, ohne dass er es wollte, ohne dass er es verhindern konnte, versetzte ihm dieses Bild einen Stich ins Herz. Mit einem Schlag wurde ihm klar, wie viel diese beiden Menschen einander bedeuteten, wie tief und wichtig ihre Freundschaft war, und dass er wohl nie erfahren würde, wie sich so etwas anfühlte.

Er schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden, doch er stahl sich nur in ein dunkles Eck zurück, und konzentrierte sich ganz auf das, was Black gesagt hatte und auf seine Antwort.

„Er zeigt Anzeichen eines Schocks, ein lebensbedrohlicher Zustand. Das Blut versackt in den unteren Gliedmaßen und fehlt dann für wichtige Organe wie Herz, Lunge und Gehirn. Hält dieser Zustand zulange an, bedeutet es den Tod. Durch das Beine hochlegen läuft das Blut zurück in den Körper. Fühl immer mal wieder seinen Puls."

Und Sirius tat es. Noch während seine Finger tasteten, kam ihm eine andere Frage. „Woher weißt du das alles?"

Snape zog eine Augenbraue hoch. „Medizinische Grundausbildung. Ein Tränkemeister ist ziemlich gefährdet. Schon ein kleiner Fehler…" Er ließ den Satz unausgesprochen verklingen.

„Sein Puls wird langsamer und auch ein klein wenig kräftiger." In Sirius Stimme klang unverkennbar Erleichterung mit, doch ein Blick auf seinen Freund ließ ihn an der Berechtigung dieses Gefühls zweifeln.

Remus war immer noch leichenblass und verschwitzt. Seine Augen rollten hektisch unter den geschlossenen Lidern, seine Lippen zuckten, um immer wieder mal ein klägliches Wimmern oder ein heiseres Stöhnen ertönen zu lassen. Sein Körper lag nicht still auf dem Boden, immer noch wand er sich hin und her, wenn auch nur noch sehr schwach. Die verletzte Hand lag reglos am Boden, die hautlose Innenfläche als stumme Anklage nach oben gerichtet, die Finger leicht gekrümmt. Das nackte Fleisch glänzte im kalten Licht der Zelle.

„Er hat immer noch starke Schmerzen, können wir denn gar nichts tun?" Sirius biss sich auf die Lippe, dieser Anblick tat ihm in der Seele weh.

„Ohne einen Heiler oder die entsprechende Ausrüstung? Nein. Silberverbrennungen sind tückisch. Werwölfe sind nicht dumm, wer sich einmal eine Silberverbrennung zuzieht, wird dafür sorgen, dass sich so was in seinem ganzen Leben nie wiederholt."

„Aber es ist doch auch nur eine Art Verbrennung, das kann doch nicht so schlimm sein." Sirius wollte einfach nicht hören, dass er hier nichts mehr tun konnte.

Ein abfälliges Schnauben entkam Snapes Lippen. „Wo denkst du hin, Black. Das Silber des Gegenstandes reagiert mit dem Gewebe eines Werwolfs. Es bilden sich Ionen, die am Gewebe anhaften und dort ihre zerstörende Kraft entfalten, selbst nachdem der Kontakt mit dem Gegenstand wieder gelöst ist. Es ist genauso heimtückisch wie weißer Phosphor. Und unglaublich schmerzhaft." Irgendwie tat es Snape gut, sein Gedächtnis nach Informationen zu diesem Thema abzusuchen, es lenkte ihn ab, es bewies ihm, dass sein Geist, sein Gedächtnis noch funktionierten.

Erschrocken über diese Offenbarung schaute Black mit weit aufgerissenen Augen auf. „Aber… das muss man doch irgendwie abkriegen!"

„Natürlich, mit einer speziellen Paste, die das Silber in einem Komplex bindet und so neutralisiert, aber die haben wir nicht hier. Wir haben überhaupt nichts hier, nichts, was wir gebrauchen kö…"

Mit einem Mal schoss ein Gedanke durch seinen Kopf oder besser gesagt ein Bild. Er sah eine Art Schlachtfeld, da lag mittendrin ein Werwolf, jaulend und winselnd, seine Schulter war blutrot, da kam ein anderer Wolf, schnupperte zuerst, dann biss er sich selbst in den oberen Abschnitt seines Vorderlaufs und ließ das Blut auf die Wunde des anderen tropfen, ehe er weiter rannte und seine Aufgabe in diesem Krieg erfüllte.

„Snape? Was.. was ist?"

Snape schüttelte sich nur kurz, dann fixierte er Black ernst und voller Anspannung. „Blut!"

„Blut?"

„Blut!"

„Was soll damit sein, Snape? Ich kann nicht Gedanken lesen."

„Man muss fremdes Blut auf die Wunde rinnen lassen."

„Was?" fragte Sirius ungläubig und überrascht. War Snape jetzt übergeschnappt?

„Na klar, wieso ist mir das nicht gleich eingefallen? Es ist nicht so effektiv wie die Paste der Heiler, aber es lindert den Schmerz. Werwölfe untereinander machen es zumindest." erklärte Snape notdürftig, eigentlich sprach er mehr zu sich selbst.

„Einfach nur Blut? Das ist absurd."

„Frag mich nicht, wie das genau funktioniert, aber es muss wohl was mit dem Eisengehalt des Blutes zu tun haben. Vielleicht drängen die Silberionen das Eisen aus dem Hämoglobin und nehmen dessen Platz ein, das würde dessen Wirkung neutralisieren, aber das ist nur eine Vermutung."

Die beiden Männer sahen sich an. So abstrus das alles auch klingen mochte, es war immerhin eine Chance, Remus' Qualen zu lindern. Schlimmer machen konnten sie es eigentlich schon kaum mehr. Also Blut.

Und schon eröffnete sich Sirius das nächste Problem. Wo sollte er das Blut hernehmen? Er würde mehr als ein paar Tropfen brauchen für Remus zerschundene Hand, da würde es kaum reichen, wenn er einfach gegen die Felswand schlug. Aber sonst gab es hier nichts, womit er sich verletzen konnte. Die Pritsche ging nicht, daran würde er sich nur grün und blau, aber nicht blutig schlagen.

Der Krug. Er könnte einen Krug zerschlagen und sich mit einer Scherbe schneiden. Doch er zögerte einen Augenblick. Gab es gar keine andere Möglichkeit? Das Wasser reichte auch so kaum, um ihren Durst zu stillen, würden sie auch mit einem Drittel weniger auskommen? Na, es musste wohl gehen!

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wozu war er denn ein Animagus? Hatten Hunde nicht bekanntlich spitze Reißzähne?


Snape gingen gerade ähnliche Gedanken durch den Kopf, auch er überlegte, wie sie zu dem benötigten Blut kommen könnten und auch sein Blick glitt über den Wasserkrug, als er eine Idee hatte. Doch wie es diese obskure Idee in seinen Verstand geschafft hatte, blieb ihm schleierhaft. Das wäre ja auch noch schöner. Da bemerkte er, dass Sirius vorsichtig Remus Kopf auf den Boden bettete und sein linkes Handgelenk anstarrte, dann veränderte sich seine Gestalt, Fell wuchs rasend schnell auf seinem Körper und ehe er sich versah, saß dieser schwarze Köter dort und hob seine linke Vorderpfote.

„Was zur Hölle wird das, Black? Was…"

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

„Black! Lass den Blödsinn! Verdammt, du kannst dir doch nicht in die Hand.. Pfote.. ach, du weißt schon… beißen. Black!"

Der Hund ließ die Pfote wieder sinken und in seinen Zügen lag etwas, das dem genervten Blick seiner anderen Gestalt sehr nahe kam. Schließlich wurde der Hund wieder zum Menschen.

„Was willst du Snape? Hast du eine bessere Idee?" fragte er gereizt und herausfordernd.

„Ja."

Snape schloss für eine Sekunde die Augen, er konnte kaum glauben, dass er das gesagt hatte. Und noch weniger wollte er glauben, was daraufhin geschah. Er sprach einfach weiter und je länger er sprach, desto klarer wurde dieser Gedanke und desto mehr schien ein Teil von ihm für diesen Vorschlag zu sein.

„Nimm mein Blut."

„Was?" Sirius glaubte, sich verhört zu haben. Trotz allem, was hier geschah und trotz seiner nicht gerade einwandfreien Verfassung, war ihm dennoch bewusst, wie absolut abwegig dieser Vorschlag seines Erzfeindes war.

„Nimm mein Blut. Wenn du dich beißt, weißt du nicht, was du alles kaputt machst. Muskeln, Sehnen, Nerven! Kennst du die Hundeanatomie so gut, dass du dir zutraust, nichts Wichtiges dauerhaft zu verletzen? Bei Merlin, deine Hand brauchst du noch, und zwar unversehrt. Wegen ihm!" Er deutete mit einem Nicken auf Remus.

„Das kommt gar nicht in Frage, Snape. Schau dich an, du bist jetzt schon bleicher als der Tod persönlich. Du siehst aus, als könntest du jeden Moment zusammenklappen. Wenn du jetzt auch noch Blut verlierst, dann… hey!"

Snape war einfach ein paar Schritte zur nächsten Wand gegangen, stützte sich mit der Hand dagegen und biss die Zähne zusammen, immer noch unfähig zu glauben, dass er das wirklich machte und sich durchaus bewusst, was für ein absurdes Bild er abgeben musste. Er kniff die Augen zusammen, atmete tief durch, dann schlug er seinen Kopf hart und ein bisschen schräg gegen die Wand, so dass seine gerade mal geschlossene Stirnwunde gegen den rauen Fels prallte und ein paar Zentimeter an ihm entlang schrammte. Ein schmerzhaftes Reißen machte ihm bewusst, dass sein Versuch von Erfolg gekrönt war. Augenblicklich setzte ein dumpfer Kopfschmerz ein, zusammen mit dem grellen Brennen der wieder aufgerissenen Wunde. Blut rann über sein Gesicht und er hielt sich notdürftig die Hand an die Stirn, als er zurück zu Sirius schlurfte, der inzwischen am Gitter stand.

„Du spinnst! Du bist absolut verrückt! Du…" Sirius fand keine Worte mehr, die sein Erstaunen ausdrückten, aber dennoch war er dankbar für diese Geste, die er ungelogen niemals erwartet hätte.

„Steh nicht dumm rum! Tu was!" knurrte Snape den anderen an, der sich zuerst ein wenig unschlüssig umsah, dann schließlich die Schultern zuckte und seine Hände durch das Gitter streckte.

Er hielt sie an Snapes Gesicht und sah zu, wie der klebrige, rote Lebenssaft aus dessen Stirn rann und sich in seinen Händen sammelte. Er runzelte die Stirn, als er bemerkte, wie viel Blut aus der Wunde sickerte, doch Remus ging jetzt vor. Vorsichtig, um keinen Tropfen unnötig zu verschwenden, kehrte er zu seinem Freund zurück, dessen Erscheinungsbild sich kaum geändert hatte. Er kniete sich hin und ließ das Blut auf dessen Handfläche rinnen, akribisch darauf bedacht, dass er auch ja keinen Millimeter übersah.

Im ersten Moment krümmte sich Remus keuchend zusammen, doch es dauerte nicht lang, dann wurden seine Bewegungen ruhiger, seine Atemzüge wieder langsamer und sein Kopf sackte erschöpft zur Seite.

„Moony?"

Schnell wischte sich Black seine blutigen Hände an seinen Oberschenkeln ab und hinterließ hässliche Flecken auf seiner dunkelblauen Jeans. Er beugte sich über seinen Freund und strich ihm ein paar Haarsträhnen aus der Stirn, die sich immer wieder dorthin zurückstahlen. Remus Gesichtszüge entspannten sich ganz langsam.

Ein kleines Lächeln spielte um Sirius Lippen. Die eine Hand auf Remus immer noch feuchter Stirn griff er mit der anderen nach dessen unverletzter Hand und drückte sie durch Snapes Robe hindurch zuversichtlich.

„Hey Moony. Wir kriegen das wieder hin! Hörst du? Das wird wieder!"

Eine ganze Weile saß Sirius einfach so an Remus Seite, sprach ihm – und sich selbst nicht weniger – beruhigend zu. Ein klein wenig Farbe hatte sich in der Zwischenzeit in Remus Gesicht geschlichen und sein Puls hatte sich schon beinahe wieder normalisiert. Nur das leise Rascheln von Kleidung, das einmal zu hören war, erinnerte ihn daran, dass er nicht alleine hier war.

„Es geht ihm besser." sagte er deshalb an Snape gewandt, auch wenn er Remus dabei nicht aus den Augen ließ.

„Das ist gut. Warte, bis das Blut antrocknet… dann verbinde seine Hand."

Irgendwie klang Snape anders als zuvor, seine Stimme war leiser und irgendwie dünner.

Sirius griff auf die Pritsche nach Remus Leintuch und riss geschickt ein paar brauchbare Stücke ab. Er brauchte nicht mehr lange zu warten, bis das Blut getrocknet war, dann wickelte er vorsichtig den Stoff um Remus Hand, der dabei aber dennoch zusammenzuckte.

„Leg ihn auf die Pritsche hoch. Da ist es nicht so kalt. Und er kann sich ausruhen."

Vorsichtig hob Sirius Remus Körper hoch und bettete ihn so auf der harten Pritsche, dass dessen Gesicht in Snapes Zelle schaute. So konnte auch Snape nach ihm sehen, falls er selbst einnicken sollte oder aber falls Rukschow ihn zu sich bringen lassen würde. Den Rest des Leintuchs breitete er über Remus aus und deckte ihn damit so gut wie möglich zu.

„Schlaf dich gesund, mein Freund!" murmelte er noch, bevor er sich aufrichtete und zu Snape umwandte.

„Scheiße, Snape, was… verdammt!"


Das war fies, ich weiß! *g* Wer mich schimpfen will... einfach ein Review schreiben *g*

Bis zum nächsten Mal!

Bye, Bella