Hi!

In diesem Kapitel gibt's dann mal nen kleinen Hoffnungsschimmer. Ehrlich!

Allerdings wird es im Gegenzug dazu auch ziemlich hart für Sirius... naja, genau genommen eigentlich nicht nur für ihn.

Viel Spaß beim Lesen!


Es wird Realität

Zurück im Verhörzimmer…

Zielstrebig kehrte Severus zu seinem Stuhl zurück, hielt aber noch mal inne.

„Albus, bevor wir anfangen… hast du noch etwas von dem Stärkungstrank übrig?" Hoffnungsvoll blickte er zu seinem Mentor.

„Ja, aber… nach dem hier wird er dir nicht helfen… eher ein Schmerztrank…"

„Nicht für mich, für Lupin."

Dumbledore riss überrascht die Augenbrauen auf. „Du weißt, wo er ist?"

„Ja, wir drei… teilen uns sozusagen eine große Zelle."

Ein Lächeln zierte Albus' Lippen. „Wunderbar, das erspart mir das Erfinden fadenscheiniger Gründe, ihn ebenfalls zum Verhör rufen zu lassen."

Severus runzelte die Stirn. Dumbledore kramte in seiner Robentasche und zog zwei kleine Glasphiolen hervor. „Hier, gib den Schmerztrank Remus. Nach allem, was Rita mir erzählt hat, kann er ihn wohl brauchen. Und nimm den Stärkungstrank dazu, für wen immer ihr ihn braucht."

„Rita? Rita Kimmkorn?" fragte Snape völlig perplex. Was hatte die damit zu tun?

„Ist jetzt nicht so wichtig."

Snape nickte, dann fiel ihm etwas ein. „Könntest du einen Anti-Zerbrech-Zauber darüber legen, ich kann für nichts garantieren."

Albus tat wie geheißen und Severus steckte die Phiolen tief in seine Hosentaschen.

„Vielleicht könnt ihr die auch gebrauchen." Zwinkernd hielt Albus ihm noch etwas hin. 3 einfache Brötchen, die so wunderbar und vollkommen aussahen in Severus ausgehungerten Augen, dass ihm beim bloßen Anblick schon das Wasser im Mund zusammenlief. Rasch steckte er auch die Brötchen weg – unter sein schlackerndes Hemd, da fielen sie kaum auf – dann setzte er sich Albus gegenüber.

Sie sahen sich ernst an und nickten beide, Albus' Augen fixierten die von Severus und mühelos drang sein Geist in den seines Schützlings ein. Severus hatte geschickt und schnell sämtliche Barrieren seines Geistes zur Seite geräumt und führte ihn nun zielstrebig in eine Ecke seines Bewusstseins, bis sie vor einer großen, unüberwindbaren, undurchdringbaren Mauer landeten. Albus wusste, dass er am Ziel war. Von hier aus konnte Severus nichts mehr tun. Hinter dieser Mauer lag all sein Wissen über Voldemorts jetzigen Aufenthaltsort, gut verborgen vom Fidelius-Zauber.

Nochmal tief durchatmend sammelte sich Dumbledore für das, was er jetzt zu tun gedachte. Gewaltsam gegen einen Fidelius vorzudringen war ganz sicherlich mit erheblichem Leid der betreffenden Person verbunden. Eine Tatsache, die er so gering wie möglich halten wollte.

Er fixierte einen bestimmten Punkt der Mauer, der in Augenhöhe lag und konzentrierte all seine Zauberkraft auf diesen einen Punkt. Der Boden unter seinen Füßen begann zu schwanken und ein dumpfes Stöhnen drang an seine Ohren, doch er konzentrierte sich weiter auf den Fleck. Kleine Steinstücke brachen heraus, genau an dem Punkt, den er fixierte. Nur ein kleines Loch, mehr brauchte er nicht. Immer mehr Gestein bröselte daraus hervor und fiel zu Boden. Einem Boden, der sich aufzubäumen schien gegen diese Behandlung. Seine ganze Umgebung schien in Bewegung geraten zu sein. Alles vibrierte und zitterte, wie bei einem Erdbeben. Ganz vage vernahm er Schreie, dann reichte das Loch durch die Wand und er konnte hindurchlinsen.

Es war kaum breiter als einen Zentimeter im Durchmesser und es war ungeheuer schwer, sich bei all dem Geschaukel auf den Beinen zu halten und auch noch gezielt etwas wahrzunehmen. Ganz dicht presste er sich gegen die Mauer und spähte hindurch. Schwarzer Nachthimmel, dazwischen die helle Scheibe eines kreisrunden Vollmonds. Eine sternenklare Nacht. Ein paar große Nadelbäume ragten vor dem Mond auf. Vage vernahm er den Geruch des Meeres.

Dann verschwand die Mauer. Der Boden, einfach alles löste sich in tiefste Dunkelheit auf und er fiel und fiel und fiel.

Rasch zog er sich aus Severus' Geist zurück. Er hatte zumindest einen vagen Anhaltspunkt. Als er wieder klar wahrnahm, was vor ihm geschah, war Severus weg. Bewusstlos und mit schweißverklebtem Gesicht fand Albus ihn neben dem Stuhl am Boden liegend.

„Verdammt!"

Er kniete sich zu seinem Freund, griff in dessen Hosentasche und beförderte eine der beiden Phiolen zu Tage – das starke, schmerzlindernde Mittel – entkorkte sie und ließ zehn Tropfen davon in Snapes Mund fallen. Er wartete noch kurz, dann weckte er diesen abermals durch den Enervate-Zauber.

Stöhnend kam Severus zu sich und hielt sich augenblicklich den schmerzenden Kopf. Mühsam und mit Albus' Hilfe rappelte er sich auf, in seinen Augen spiegelte sich noch ein Hauch des grauenvollen Schmerzes, den er soeben erlebt hatte. Wie auch beim letzten Mal hatte es sich angefühlt, wie ein Cruciatus, der vollkommen nur auf seinen Kopf beschränkt war. Es war kein bisschen sanfter gewesen, genauso quälend, doch er wusste, dass es einen Sinn hatte, dass er nicht umsonst diese Schmerzen in Kauf genommen hatte.

Wusste er es wirklich?

„Hast.. hast du was… gefunden?" fragte er, noch ein wenig wackelig.

„Es muss reichen. Ich…" Plötzlich unterbrach sich Dumbledore und hob aufmerksam den Kopf. Auch Severus hörte es. Laufende, hektische Schritte, die immer näher kamen.

Severus reagierte sofort. „Los verschwinde! Sie haben's vermutlich rausgefunden!"

„Aber.."

„Albus!" presste er drängend hervor.

Dieser hob seinen Zauberstab, fesselte Snape in Windeseile zurück an den Stuhl, ließ seinen Stuhl verschwinden und hob auch den Stille-Zauber auf, den er gleich zu Anfang über den Raum gelegt hatte.

„Gebt nicht auf!" Mit diesen Worten griff Albus in seine Tasche, umfasste einen alten Einweckgummi und war im nächsten Moment verschwunden.

Keinen Augenblick zu früh, denn just zu diesem Zeitpunkt flog krachend die Tür auf und Rukschow kam mit Raven und Leech in den Raum gehechtet, die Zauberstäbe bedrohlich erhoben und bereit, alles und jeden zu verfluchen, was sie auch finden sollten.

Doch der Raum war leer. Leer bis auf diesen erbärmlichen Todesser, der blass und schwitzig und offenbar nicht bei Bewusstsein in seinen Fesseln hing. Er gab ein jämmerliches Bild ab.

Und doch, irgendetwas stimmte hier nicht. Und er, Serge Rukschow würde das herausfinden!

„Bringt ihn zurück zu den anderen, ihr Nichtsnutze!" fauchte er wütend.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, sah er sich gründlich um. Er konnte nichts finden, doch sein Gespür trog ihn selten. Er würde die Sache einfach beobachten. Und vielleicht würde für den lausigen Todesser sogar noch ein kleines Verhör herausspringen.


In einem anderen Verließ…

Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Harry bemerkte es daran, wie sich die Helligkeit allmählich kaum merklich verflüchtite. Ein ganzer Tag war vergangen, ohne dass etwas geschehen war, ohne dass er etwas unternommen hatte – was hätte er auch tun können?

Irgendwann letzte Nacht war er vor Erschöpfung eingeschlafen und prompt von Albträumen geplagt worden. Zu tief nagte die Schuld in ihm. Gerädert war er erwacht und hatte in einer Ecke Wasser und etwas zu essen vorgefunden. Aber zu Gesicht bekommen hatte er den ganzen Tag über niemanden. Man ließ ihn allein mit seinen sich ständig im Kreis drehenden Gedanken.

Immer wieder sah er ihre Bilder vor sich, von Sirius, Lupin und Snape, wie sie erschöpft und ausgezehrt dagesessen hatten und auf Dumbledore hofften, der seine Kräfte jetzt an ihn verschwendete, statt seinen Paten aus Askaban zu befreien. Als er länger darüber gegrübelt hatte, war ihm auch erst richtig bewusst geworden, dass ihm diese Bilder noch mehr gezeigt hatten. Lupins verschwollenes Gesicht, die grünen und blauen Flecke. Dementoren waren ganz offenbar nicht das Einzige, was in Askaban benutzt wurde, um die Gefangenen zum Reden zu bringen oder ihnen ihren Aufenthalt so schwer wie möglich zu machen.

Ein Grund mehr, wieso die drei so schnell wie möglich da raus mussten.

Aber das würde nur gelingen, wenn Dumbledore nicht auch noch ihn suchen müsste.

Er sprang auf und begann überlegend durch seine Zelle zu stapfen.

Er musste einfach eine Möglichkeit finden, von hier zu entkommen. Aber wie?

Da vernahm er leise Schritte, die immer näher kamen. Wollten diese Schritte zu ihm? Egal, er musste es versuchen. Mit einem Mal war jegliche Schuld, jegliches Unbehagen vergessen, er hatte wieder ein Ziel vor Augen und einen denkbar schlechten und unüberlegten Plan noch dazu, aber etwas Besseres gab es auf die Schnelle nicht. Flink packte er sich den Krug, in dem ihm das Wasser hingestellt worden war und huschte hinter die Tür.

Keine Sekunde später klackte auch schon das Schloss und das schwere Holz knarzte.

„Hallo Harry, der Dunkle Lord schickt dir ein Abendessen, damit du nicht vom Fleisch fällst, ehe dein großer Tag kommt… Harry?"

Diese Stimme kannte Harry sofort, es war Wurmschwanz. Er presste sich noch dichter an die kühle Wand und umschloss mit leicht zittrigen Händen den Krug, seine einzige Waffe. Langsam und verwirrt betrat Wurmschwanz die Zelle und sah sich suchend um. Das war Harrys Chance. Ohne groß zu überlegen holte er aus und schlug den Krug mit aller Kraft, die er hatte gegen Wurmschwanz' Kopf.

Mit einem dumpfen Geräusch, zusammen mit dem Platschen von Wasser, sackte der Getroffene zu Boden und blieb reglos liegen. Etwas Blut sickerte zwischen seinen Haaren hindurch. Harry sprang über den Körper und bückte sich, um dessen Zauberstab an sich zu nehmen, als sein Blick auf die silberne Hand fiel.

„Verdammt!" fluchte er leise. „Wieso ausgerechnet du? Ich hätte einen Zauberstab gut gebrauchen können!"

Dann musste es eben auch ohne gehen. Nach einem kurzen, prüfenden Blick in den Gang huschte er in eine Richtung davon, die er für die richtige hielt. Bemüht, möglichst lautlos zu sein, folgte er dem Gang, vorbei an anderen Türen, die genauso aussahen wie seine Zellentür, bis er schließlich eine große, schwere Tür erreichte, die offenstand. Dahinter begann eine Wendeltreffe, die nach oben führte. Er lauschte kurz, hörte aber nichts, weder hinter sich aus dem Flur, noch von oben herab, also lief er die zahlreichen Stufen nach oben, eine Biegung um die nächste, bis wieder eine Tür hinausführte.

Da hörte er ein Geräusch, dumpf und von weiter weg, dennoch presste er sich dicht gegen die Wand und lauschte angespannt. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust. Es war das Geräusch von schlurfenden Schritten, unsicheren Schritten, und es kam von unten.

Verdammt, Wurmschwanz ist schon wieder bei Bewusstsein. So ein Mist!

Jetzt musste er sich beeilen. Gehetzt eilte er durch die Tür in einen weiteren Flur davon, ohne zu wissen, wo er eigentlich hinlief. Wieder ein Geräusch von hinten.

Wurmschwanz?

Er wandte sich im Lauf um, doch da war nichts. Gott sei Dank!

Da prallte er auch schon gegen etwas, verlor das Gleichgewicht und stolperte rückwärts zu Boden.

„Ein dummes Unterfangen, Potter! Wirklich unglaublich dumm." fragte eine kalte, hohe Stimme halb amüsiert, halb verärgert. Voldemort.

Das letzte, was Harry mitbekam, war helles Licht aus einem Zauberstab, dann wurde es dunkel um ihn herum.


In Askaban…

„Also hat Voldemort Harry in seiner Gewalt und Albus hat einen Hinweis, wo er die beiden und damit auch Peter finden kann. Hoffentlich schafft er es in der kurzen Zeit."

„Er ist ja nicht allein. Der ganze Orden wird auf den Beinen sein." gab Sirius zu bedenken.

„Ich hoffe, dass er genug Hinweise gefunden hat, um das Versteck sicher ausfindig zu machen." murmelte Snape undeutlich. Er wusste nicht, was Albus in seinem Geist alles gesehen hatte, er wusste nur, dass die Schmerzen dabei unerträglich gewesen waren. Wenn er länger durchgehalten hätte, dann hätten Albus und damit Harry und auch sie drei jetzt mehr Chancen.

„Danke." erklang es da leise aus Remus Zelle, aber es war Sirius Stimme.

„Wie bitte?" verwirrt sah Snape auf. Sirius saß neben Remus auf dessen Pritsche und starrte seine Hände an. Die Tatsache, dass Harry in Voldemorts Händen war, machte ihm noch immer schwer zu schaffen. Und das hier machte es für ihn auch nicht leichter. Er hob den Kopf und blickte Snape unverwandt aus dunklen Augen an.

„Ich sagte Danke. Du hast da viel riskiert, um Harry und Albus zu helfen."

„Vielleicht nicht viel genug." Irgendwie unbehaglich trat Snape von einem Bein aufs andere. Es war seltsam, wenn sich Black vollkommen ruhig und ernst bei ihm bedankte.

Jetzt mischte sich auch Remus ein.

„Du hast dein Bestes gegeben, Severus. Mehr konntest du nicht tun. Der Rest liegt jetzt nicht mehr in unserer Hand." Er riss ein daumennagelgroßes Stück aus seinem Brötchen und kaute lange darauf herum, ehe er es schluckte.

Er war vor einer Weile zu sich gekommen, Sirius neben sich. In seiner Seite hatte er nur einen dumpfen, unangenehmen Druck gespürt, seine linke Handfläche kribbelte leicht. Auch sein Hals war dank des Schmerzmittels schmerzfrei, nur beim Husten spürte er ein Stechen in der Brust und wenn er seine Finger bewegte, dann brannte seine Handfläche, aber mehr spürte er nicht. Und er fühlte sich auch nicht mehr so ausgebrannt, sondern wieder richtig munter. Als Sirius und Severus ihn dann mit Brötchen in den Händen grinsend erwarteten – naja, einer grinste –, dachte er schon, er träumte, doch er erfuhr bald, dass dem nicht so war.

Severus hatte ihm auch eröffnet, dass das Schmerzmittel zwar sehr stark war und recht lange anhielt, aber es würde nicht den Rest ihres Aufenthaltes überdauern. Also hoffte er das Beste und genoss erst einmal die Ruhe und ein paar wenige Bissen seines Brötchens, während er den anderen bei ihren Erzählungen lauschte. Es war beängstigend zu hören, wie nahe er daran gewesen war, zu sterben. Und es war beruhigend zu erfahren, dass Sirius und Severus, trotz aller Differenzen und Unstimmigkeiten, im Notfall doch miteinander konnten. Gerade so, als hätten sie beide erst einmal lernen müssen, dass der jeweils andere auch ein Mensch war, mit guten und schlechten Seiten und mit Stärken, aber eben auch Schwächen.

Da verschwand plötzlich das Licht.

„Schlafenszeit! Ich denke, wir sollten uns alle ein wenig erholen, solange es geht." schlug Sirius vor. Er wusste zwar nicht, ob er Schlaf würde finden können, aber immerhin beruhigte es ihn, zu wissen, dass Albus sein Möglichstes unternahm, um Harry zu befreien. Und er wusste, dass Albus das schaffen würde.

„Ist wohl das Beste. Gute Nacht." Damit legte sich Remus zurück auf seine Pritsche und schloss zum erstenmal relativ entspannt die Augen.

„Ja, bis morgen."

Und es wurde still in ihrer Zelle, bis nur noch die gleichmäßigen Rhythmen dreier Atemzüge erklangen.

Das Licht flammte diesmal zusammen mit einem lauten Knall auf. Erschrocken und aus einigermaßen erholsamem Schlaf gerissen, zuckten Snape, Sirius und Remus zusammen. Remus wäre fast von seiner Pritsche gefallen und Severus schlug sich leicht den Kopf an der Wand an. Sirius hatte vor Schreck so heftig an seiner Decke gerissen, dass sie jetzt an seiner Kopfseite auf dem Boden lag.

Ein hünenhafter Schatten bewegte sich in seiner Zelle. Irgendwo in seinem Kopf sagte ihm eine Stimme, dass er verdammtes Glück hatte, dass er diese Nacht in seiner menschlichen Gestalt verbracht hatte.

„Jetzt wird nicht gepennt, Black!"

Da packte ihn eine große, kräftige Hand am Kragen seines Shirts und riss ihn auf die Beine. Verzweifelt versuchte er seine Augen an das helle Licht zu gewöhnen, doch eigentlich brauchte ihm inzwischen eh keiner mehr sagen, wer da vor ihm stand: Troy.

„Rukschow hat da noch eine Rechnung mit dir zu begleichen!"

Wie ein Eiszapfen bohrte sich dieser Satz in seinen Körper und hinterließ eisige Kälte. Seine Augen wurden groß und seine Hände begannen ungewollt zu zittern. In seinem Kopf herrschte mit einem Mal absolute Leere. Er wusste, was jetzt kommen würde, und die Angst davor verdrängte alles andere aus seinem Denken. Er vergaß Harry und Albus, vergaß Remus und Snape, ja er vergaß sogar beinahe, wo er hier war.

Da schubste ihn Troy durch eine Tür und er fand sich in einem Büro wieder. Hinter dem Schreibtisch saß der Russe mit einem Grinsen im Gesicht und einem seltsamen Glitzern in den Augen.

„Da bist du ja endlich. Ich hab dich schon erwartet."

Mit einem Mal war ihm mehr als klar, wo er sich gerade befand.

In der Hölle.


Seine Arme und Schultern schmerzten langsam aber sicher höllisch. Dafür spürte er seine Finger nicht mehr, was ihn aber nicht wirklich beruhigte. Die schmalen, engen Metallfesseln schnitten ihm tief in die Haut, sie waren das Einzige, was ihn noch aufrecht hielt. Seine Beine hatten vor einer ganzen Weile ihren Dienst quittiert. Die Augen hielt er geschlossen, zum einen, weil er es nicht ertrug, seinen Peiniger anzusehen, zum anderen weil er sich zu schwach dazu fühlte. Rukschows Spezialbehandlung hatte ihm physisch wie auch psychisch stark zugesetzt. Seine ganze Rückseite brannte wie Feuer und seine Arme und Schultern ächzten, da sie nun schon seit geraumer Zeit sein gesamtes Gewicht tragen mussten.

Jegliches Gefühl für Zeit war ihm abhanden gekommen, er wusste nur, dass Rukschow schon lange fertig war, sich an ihm abzureagieren. Das Blut der zahlreichen Peitschenhiebe, das zu Anfang seinen Rücken hinabgelaufen war, war schon lange angetrocknet. Und jetzt machte sich dieser grausame, widerliche Russe einen Spaß daraus, ihn zu quälen und zu demütigen, indem er ihn einfach an seinen Fesseln hängen ließ, splitterfasernackt, während er seiner Arbeit nachging und Schreibkram erledigte. Hin und wieder hatte er ein leises, gehässiges oder amüsiertes Lachen gehört und manchmal war Rukschow dicht vor ihn getreten und hatte seinen herabgesunkenen Kopf am Kinn gepackt und hochgedrückt, um ihm ins Gesicht zu sehen und ihm irgendwas entgegenzuzischen, angefangen von ‚das wird dir eine Lehre sein, noch mal Hand an mich zu legen' bis hin zu ‚es ist immer wieder ein ganz besonderes Vergnügen, dich schreien zu hören'.

Da vernahm er nach langer Zeit wieder ein leises Geräusch, das leise Scharren des Schreibtischstuhles, wenn er über den Boden schabte. Rukschow war aufgestanden. Soweit es seine Erschöpfung und seine Schmerzen zuließen, spitze er die Ohren und konzentrierte sich. Er wollte keinesfalls von Rukschow überrascht werden. Mühsam versuchte er nun doch, seine Augen zu öffnen, doch dazu kam er nicht mehr. Mit einem Mal verschwand der unglaubliche Druck von seinen Handgelenken und das Einzige, was ihm noch Halt gegeben hatte, löste sich in Luft auf. Seine Beine gaben nach und völlig verdreht schlug er hart auf dem Boden auf. Ein schmerzhaftes Stöhnen machte sich Luft. Vollkommen reglos blieb er liegen. Seine Arme schmerzten jetzt erst recht, als das Blut langsam wieder in sie hineinströmte und seine Muskeln sich wieder zusammenziehen konnten. Ein quälendes Ziehen und Brennen keimte in seinen Schultern auf. Bewegen konnte er sie beim besten Willen nicht, von den Schultern ab gehorchte ihm gar nichts mehr.

Da wurde es plötzlich noch dunkler um ihn herum. Der Russe hatte ihm seine Kleidung auf den Boden geworfen und dabei seinen Kopf damit bedeckt.

„Zieh dich gefälligst an, wenn du nicht nackt in die Zelle zurückwillst. Zu schade, dass noch andere Pflichten auf mich warten, ich hätte dich zu gerne noch etwas baumeln lassen."

Eine Hand zog die Kleidung von seinem Kopf und packte wieder sein Kinn, so dass sein Kopf grob in eine andere Richtung, dem Russen zu, gedreht wurde. Leise knackte es in seinem Hals.

„Ich weiß, dass du nicht bewusstlos bist, da kannst du mir nichts vormachen, Black, dazu kenn ich dich zu lange. Mal sehen, ob du deine Lektion diesmal begriffen hast. Wirst du es jemals wieder vagen, mich umbringen zu wollen?"

Sirius wollte diesen Mann tot sehen, am liebsten wollte er ihm mit seinen eigenen Händen die Seele aus dem Leib prügeln, ihm die Haut abziehen und anschließend mit heißem Wasser überschütten, aber er hütete sich, so was zu sagen. Im Moment war nämlich alles, was er wollte, hier rauszukommen. Diesem Mann vorerst zu entkommen.

Mühsam zwang er sich zu einem schwachen Kopfschütteln.

„Na geht doch. Und jetzt zieh dich an, verdammt noch mal!" zischte er wütend und trat Sirius äußerst unsanft in den Bauch, dass sich dieser keuchend zusammenkrümmte.

Er wusste später nicht, woher er die Kraft genommen hatte, aber es war ihm nach einer ziemlichen Weile mit fahrigen, zittrigen Bewegungen gelungen, seine Sachen wieder anzuziehen, doch seine Arme und Schultern schmerzten dadurch nur noch mehr.


Kein noch so aufgescheuchtes Huhn hätte Remus im Moment Konkurrenz machen können. Er hetzte von einer Zellenecke in die nächste, immer in gebührendem Abstand zu den silbernen Gitterstäben. Seine Robe wehte hinter ihm her, wenn er sich schwungvoll umdrehte, dass er, wäre er in Hogwarts gewesen, ohne Zweifel damit die Schüler erschreckt hätte, weil sie ihn im allerersten Augenblick für Snape hätten halten können. Fahrig fuhr er sich immer wieder durchs Haar und zerzauste die inzwischen fettigen Büschel nur noch mehr, dann kaute er wieder nervös auf den Fingerknöcheln seiner rechten Hand herum.

Sirius war schon seit Stunden weg. Sie hatten ihn gleich mit Anschalten des Lichts geholt. Er war so überrascht gewesen, dass er es kaum mitgekriegt hatte, außerdem hatte er dank des grellen Lichts auch kaum was erkennen können als sich bewegende Schlieren. Doch das lag seiner Schätzung nach ungefähr 6 bis 7 Stunden zurück – und seinem Gefühl nach mindestens einen ganzen Tag.

„Lupin… LUPIN!"

Erschrocken hielt er inne und warf einen verwirrten Blick in die Nachbarzelle. Snape starrte ihn mit äußerst finsterem Ausdruck entgegen.

„Davon kommt er auch nicht schneller zurück! Und jetzt hören sie verdammt noch mal auf mit diesem Schwachsinn, da wird man ja ganz wahnsinnig." genervt wandte sich Snape ab, um sich auf seine Pritsche zu setzen. Das ewige Getrappel, das Rascheln der Robe, die ewigen leisen Seufzer, er hielt es wirklich nicht mehr aus.

Black würde schon wiederkommen. Früher oder später würden sie ihn zurückbringen.

Aber wie?

Ob er es wollte oder nicht, diese Frage beschäftigte ihn.

„WAHNSINNIG?" rief Lupin aufgebracht zurück. Er war so nah ans Gitter getreten, wie er konnte, ohne zu sehr vom Silber beeinflusst zu werden. Seine sonst so sanften, braunen Augen funkelten aufgebracht und seine Hände waren zu Fäusten geballt, auch die Verletzte. Er schien den Schmerz nicht mal richtig wahrzunehmen im Moment.

Überrascht zog Snape eine Augenbraue hoch.

„DAS MACHT DICH WAHNSINNIG? DAS? SIRIUS IST SEIT UNGEFÄHR EINEM HALBEN TAG WEG. KÜMMERT DICH DAS DENN GAR NICHT?"

Remus war wirklich mit seinen Nerven am Ende. Die Sorge um seinen Freund nagte an ihm, fraß ihn auf, machte ihn zu einem ruhelosen, nervösen Wrack, das seine Gefühle nicht mehr im Zaum halten konnte. Das war auch Snape jetzt bewusst.

„Er wird schon klarkommen." erwiderte er leichthin, wie man es von ihm erwartet hätte, wie man es gewohnt war. Doch noch während er das sagte, wusste er, dass es sehr höchstwahrscheinlich nicht so war, sonst wäre er schon wieder zurück.

„SCHON KLARKOMMEN? MERLIN!" Er wandte sich abrupt ab und stützte seine Hände gegen die Wand, den Kopf gen Boden geneigt. Mit bebenden Schultern zwang er sich, erstmal tief durchzuatmen. Und seine Wut verrauchte, genauso schnell, wie sie gekommen war, sie wurde zu Angst, Angst und Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Zitternd hob er die rechte Hand und fuhr sich damit übers Gesicht. Als er sprach, war er den Tränen der Verzweiflung nahe und seine Stimme bebte.

„Du sagtest, er wollte ihn erwürgen. Rukschow hat Rache geschworen. Wie soll er da klarkommen, Severus? Wie?"

Severus biss die Zähne zusammen und ballte seine Hände zu Fäusten, als er Lupin so sah. Irgendwas in ihm drin drückte, fühlte sich plötzlich hart und kalt an, ein bislang unbekanntes Gefühl, aber es ließ ihn sich so verhalten, wie er es tat. Er wollte eine Hand auf Lupins Schulter legen, doch das konnte er nicht.

„Ich zweifle nicht daran, dass Rukschow tief in seine schmutzige Trickkiste greifen wird…" Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen. „Lupin, er ist immer noch Sirius Black, ein Kämpfer. Er wird das schon irgendwie schaffen. Immerhin sind sie hier, sie sind sein Freund."

Verblüfft sah Lupin auf und musterte Snape aufmerksam. In seinem Gesicht lag der übliche Ernst, aber nichts Abweisendes wie sonst. Langsam raffte er sich zusammen und trat näher auf Snape zu. Seine linke Hand pochte schmerzhaft, zweifellos ein Andenken an seine Unbeherrschtheit.

„Ich hab Angst um ihn." gab er schließlich leise und mit zu Boden gesenktem Blick zu.

„Albus wird einen Weg finden, uns hier rauszuholen. Und bis er das schafft, müssen wir zusammenhalten. Wir werden nicht zulassen, dass von Black nichts mehr übrig ist, das man retten kann."

Mit schräg gelegtem Kopf starrte Remus Snape an. Das waren so ganz neue Töne, so was hätte er von dem gefühlskalten, gehässigen Tränkelehrer nicht erwartet.

„Verstanden." sagte er nun ebenfalls mit fester Stimme.

Doch schon im nächsten Augenblick riss das Klacken des Türschlosses sie beide aus ihrem Gespräch. Wie von der Tarantel gestochen wirbelte Remus herum und stierte mit großen Augen die Tür von Sirius' Zelle an.

Auch bei Snape machte sich jetzt eine gewisse Nervosität breit, die er sich selbst nicht so recht eingestehen wollte.

Die Tür öffnete sich. Die fleckige Halbglatze von Leech erschien dahinter und eine schlaffe Hand mit übel zugerichtetem Handgelenk lag um seine Schultern, dann erst konnten sie Sirius erkennen. Er hing ziemlich kraftlos an Leechs Seite, stand aber doch irgendwie auf seinen eigenen Beinen. Sein anderer Arm hing schlaff herunter, seine Augen hatte er wieder geschlossen, es gab ihm irgendwie das Gefühl nicht wirklich hier zu sein, und sein weißes T-Shirt mit den großen, rötlichen Flecken von Snapes Blut klebte an seinem Rücken.

„Wir sind da." meinte Leech kalt und ließ Sirius Arm einfach los.

Black konnte sich nicht halten und fiel zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen und blieb einfach kraftlos am Boden nahe der Gitterstäbe liegen.

Leech verschwand und schloss die Tür.

„Oh mein Gott." hauchte Remus entsetzt, bevor er sich dicht vorm Gitter auf die Knie sinken ließ, um näher bei Sirius zu sein, der auf dem Bauch lag, das Gesicht ihm zugewandt.

Auch Snape trat ganz dicht an die Gitterstäbe und hielt sich dran fest. Was hatte er gerade eben noch gesagt? ‚Er ist ein Kämpfer. Er wird das schon irgendwie schaffen.' Snape wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass er sich geirrt hatte.

„Sirius? Bitte Sirius sag was!"

Sirius' Atem ging schwer, der Weg hierher war die reinste Tortur für seinen geschundenen Körper gewesen. Schmerz und Schwäche hielten ihn erbarmungslos in ihren Klauen, er fühlte sich völlig außer Stande, sich zu bewegen. Auch die Demütigung und die Scham, die er erdulden hatte müssen, ließen sich nicht so einfach abschütteln. Selbst jetzt, in seine Kleidung gehüllt, fühlte er sich seltsam nackt und bloßgestellt. Aber immerhin war er jetzt hier, weg von Rukschow. Raus aus diesem Albtraum. Vorübergehend.

Es war vorbei. Die grausame Rache des Russen war vorbei, das wurde ihm jetzt mit einem Mal klar. Die Erleichterung darüber schwappte wie eine Welle über ihn. Es war tatsächlich vorbei. Tränen stiegen in ihm hoch, wollten nach draußen, wollten…

Da hörte er eine Stimme. Remus' Stimme. Sie war irgendwo vor ihm, nicht allzu weit weg.

Unwillkürlich beschleunigte sich seine Atmung. Eine Art Panik braute sich in ihm zusammen und löschte jede Erleichterung vollkommen aus. Undeutlich spürte er, wie seine Hände zu zittern begannen, doch er hatte keinerlei Kontrolle darüber. Er war zurück in seiner Zelle und plötzlich wurde ihm bewusst, was das bedeutete. Remus und Snape.

Sie durften ihn auf keinen Fall so sehen, auf gar keinen Fall. Er wollte nicht, dass sie ihn so sahen. Er hatte Angst. Angst, dass ihre Augen vielleicht zuviel erhaschten. Angst, dass ihn seine Selbstbeherrschung verlassen könnte.

Mit aller Macht versuchte er, sich aufzurappeln, um sich auf seine Pritsche zu hangeln, doch seine Armmuskulatur zuckte nicht mal, als er ihr befahl, sich zu bewegen, dafür jagte ihm allein der Versuch schon ein quälendes Stechen in die Schultergelenke. Auch als er seine Erwartungen zurückschraubte und sich schon damit zufrieden gegeben hätte, wenn er nur den Kopf auf die andere Seite drehen könnte, versagte ihm sein Körper seinen Dienst und dankte es ihm mit einem bohrenden Schmerz im Nacken, der sicherlich daher rührte, dass Rukschow ihm vorher so den Kopf verdreht hatte.

„Sirius? Kannst du mich hören?"

„Lassen sie es gut sein, Lupin. Er ist bewusstlos."

„Aber wir können ihn doch nicht einfach so da liegen lassen, Severus!"

„Und was sollen wir sonst tun? Das Zeug hier," er deutete auf die Gitter, „ist aus Silber, da kommen sie nicht mehr durch. Und ich kann mich weder in einen lausigen Köter verwandeln noch mit bloßen Händen Metall verbiegen, also können wir nur zusehen. Wie es von Anfang an vorgesehen war." fügte er leiser und irgendwie hilflos hinzu.

„Er wird sich in der Kälte auf dem Boden den Tod holen!" meinte Remus halb verzweifelt, halb aufbegehrend.

Snape seufzte. Er hasste es, wenn er sich hilflos fühlte, wenn es nichts gab, was er tun konnte um eine unliebsame Situation zu ändern. „Ich weiß."

Sirius lauschte unweigerlich. Es tat ihm weh, Remus so zu hören. Er hätte sich ja wahnsinnig gerne auf die Pritsche gelegt, denn der Boden war in der Tat verdammt kalt, aber ihm fehlte ganz einfach die Kraft, vor allem in seinen Armen, die nur wie zwei nutzlose, baumelnde Stoffattrappen an ihm dranhingen. Snapes Tonfall irritierte ihn, das war nicht so wirklich der Snape, den er kannte.

Eigentlich wollte er am liebsten allein sein, sich in eine Ecke verkriechen und einfach nur liegen bleiben, aber Remus so verzweifelt zu hören, zehrte an seinen ohnehin schon stark angekratzten Nerven. Er wollte seinem Freund nicht wehtun. Mühsam rang er die Panik in sich ein Stück nieder, er musste Remus zumindest ein Lebenszeichen geben, auch wenn er nicht wusste, ob seine Stimme noch richtig funktionierte.

„Hey!" Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen im Moment. Der Klang seiner Stimme erschreckte ihn selbst, kaum hörbar, rau und heiser und ganz dünn und brüchig.

„Sirius!" rief Remus aufgeregt und überglücklich auch nur irgendwas von seinem Freund zu hören. „Merlin sei Dank, du bist wach. Glaubst du, du schaffst es auf die Pritsche? Der Boden ist verdammt kalt."

Er wollte instinktiv den Kopf schütteln, aber das ging nicht. „Nein." presste er deshalb schlicht hervor.

„Das geht schon irgendwie, Tatze. Irgendwie geht es immer. Du schaffst das schon." versuchte Remus ihm gut zuzureden, denn es machte ihm wirklich verdammt Angst, dass sein Freund da so reglos am Boden lag, während die Kälte in ihn kroch.

Sirius presste die Lippen geringfügig fester zusammen, wieso war das alles so schwer? Wieso konnte er nicht einfach irgendwo einfach auf einer Wiese liegen und sich die Sonne auf den Rücken scheinen lassen, wie jeder normale Mensch auch?

„Ich… kann nicht…" krächzte er leise. „Kann… meine Arme… nicht… bewegen…"

„Auf dem Boden kannst du aber nicht liegen bleiben."

Remus klang schon wieder so verzweifelt, dass Sirius am liebsten gequält aufgeschrieen hätte. Tränen der Wut über seine Hilflosigkeit und der Verzweiflung traten ihm in die Augen und was er auch tat, er konnte sie nicht aufhalten. Stumm rannen sie ihm übers Gesicht, sammelten sich seitlich an seiner Nase, ehe sie über seinen Nasenrücken liefen und in seine Haare oder zu Boden tropften.

„Ich kann nicht…" wiederholte er nur leise, fast entschuldigend.

Remus schnürten die Tränen den Hals zu. Was hatte dieser Mistkerl seinem Freund nur angetan? Wieso konnte sich Sirius nicht bewegen? Was war da nur passiert?

Da hatte er eine Idee. Mit abschätzendem Blick maß er die Gitterstäbe, nickte und zog sich schließlich seine Robe aus. Das Stechen in seiner linken Hand versuchte er zu ignorieren, er würde sie jetzt brauchen.

„Was machst du da?" fragte Snape irritiert.

Für seine Frage erntete er nur ein freudloses Grinsen. „Ich werde nicht zulassen, dass von ihm nichts mehr übrig ist, das man retten kann."

Snape erkannte durchaus seine eigenen Worte, aber er verstand nicht ganz, was Lupin vorhatte. Noch nicht, es sollte ihm aber bald klar werden.

„Sirius? Kannst du wenigstens deine Beine ein wenig bewegen?" wollte Remus wissen.

Auch wenn Sirius nicht verstand, was sein Freund vorhatte, versuchte er vorsichtig ein Bein ein wenig zu heben. Es gelang ihm, wenn auch mühsam. „Ja." keuchte er nur schwach.

„Dann hör mir jetzt gut zu! Heb dein linkes Bein über dein rechtes und versuch dein Becken dabei soweit nach hinten zu ziehen wie du kannst, damit du auf der Seite liegst. Weißt du, was ich meine?"

Ja er verstand, aber was machte er dann auf der Seite? Egal, Remus würde schon irgendwas in petto haben. Also konzentrierte er sich auf den Kraftakt und hievte seine Beine übereinander. Irgendwie gelang es ihm, seine Hüfte anzuheben, wodurch sich auch sein Oberkörper linksseitig anhob. Sein linker Arm schleifte über den Boden, als würde er nicht zu ihm gehören und seine Schultern und sein lädierter Nacken dankten ihm diese Prozedur genauso wenig wie seine Kehrseite. Ein reißender Schmerz zuckte über seinen Rücken, als es seine Schulterblätter soweit zusammenschob, dass ein paar der angetrockneten Wunden auf seinem Rücken wieder aufbrachen. Er konnte sich ein gequältes Aufstöhnen nicht verkneifen, dennoch mühte er sich weiterhin ab. Bis sein Hintern gegen seine rechte Hand und sein Rücken auf seinen Arm stieß, die ihnen im Weg lagen. Weiter konnte er sich nicht auf die Seite drehen.

„Mehr… geht… nicht…" keuchte er vor Anstrengung und Schmerz.

„Ist schon gut." meinte Remus und kniete sich ganz dicht an das Silbergitter. Er spürte wieder das Kribbeln in Fingerspitzen und Lippen. Fest griff er nach einer Seite seiner Robe und machte sich daran, ganz vorsichtig und langsam seine Hand zwischen zwei Gitterstäbe zu fädeln, ohne das Silber zu berühren. Dennoch begann seine Haut in derartiger Nähe zu Silber zu schmerzen. Doch damit konnte er leben.

„Was wird das Lupin? Sind sie verrückt?" ereiferte sich Snape geschockt. Wollte sich dieser Spinner unbedingt noch eine Silberverbrennung zulegen und daran sterben?

„Ich weiß ganz genau, was ich tue, Severus. Bring mich bitte nicht draus!"

Und Snape hütete sich, nicht dass er am Schluss noch Schuld daran wäre, dass Lupin an das Gitter kam.

Remus schob derweil seine zweite Hand in die Lücke gleich daneben und griff in Sirius Zelle mit beiden Händen nach seiner Robe, um diese komplett in die Nachbarzelle zu ziehen. Dann zog er die rechte Hand wieder zurück und steckte sie noch eine Lücke weiter wieder hindurch. Abermals griff er nach der Robe, die er jetzt an einer langen Seite in den Händen hielt. Ein kurzes, bemessenes, kraftvolles Aufschütteln und die Robe breitete sich wie eine Decke vor ihm aus. Ein schmaler Streifen lag etwas auf Sirius drauf, der unter der plötzlichen Berührung zusammenzuckte. Ganz langsam zog Remus seine Hände zurück, die inzwischen bis zum Ellbogen dumpf pochten, aber das würde bald vergehen. Augenblicklich nahm er etwas Abstand zum Gitter.

„Jetzt kannst du dich wieder zurücklegen, Sirius. Dann ist es zumindest nicht mehr ganz so kalt."

Sirius hatte keinen Nerv, darüber nachzudenken, was für ein Stück Stoff ihn da berührt hatte, er ließ sich einfach zurücksinken, was eher einem völlig kraftlosen Plumpsen nahe kam. Wieder stöhnte er auf, als seine Schultern bewegt wurden. Zu Tode erschöpft blieb er reglos liegen, Nebel waberten um seinen Verstand und alles wurde irgendwie dunkler. Die Panik verzog sich, wurde vom wogenden Nebel ersetzt und es war ihm egal, wo er war und wer ihn sah.

Bis dieser Satz an seine Ohren drang.

Sämtliche Nebel waren augenblicklich verschwunden. Mit einem Mal war er sich seiner Zelle unglaublich bewusst, genauso wie dem dicken, noch etwas warmen Stoff unter sich und der abwartenden Kälte, die schon wieder in Lauerstellung wartete; ebenso wie er die Blicke spürte, die jetzt unweigerlich auf ihm lagen, fragend und neugierig.

„Tatze, du blutest ja am Rücken."

Und die Panik hatte ihn wieder in ihren unbarmherzigen Klauen.

Tatsächlich waren auf dem halb ausgewaschenen, angetrockneten Blut im T-Shirt kleine rote Flecken erkennbar, die dunkler und feuchter waren als die Umgebung. Sirius blutete. Und so, wie sich dieses Blut abzeichnete, in langen, schmalen Streifen, konnten sich sowohl Remus als auch Snape recht schnell zusammenreimen, woher die Verletzungen stammten.

Remus kniete sich wieder hin und rutschte dem Pochen in seinen Armen zum Trotz näher ans Gitter. „Sirius? Geht's dir soweit gut?"

Da bemerkte er das Zittern, das seinen Freund erfasst hatte.

„Sirius? Was ist los? Sag doch irgendwas, oder sieh mich an, sieh mich bitte an."

Die Angst erfasste jede einzelne Faser von Sirius Körper. Er spürte, wie er zu zittern anfing und konnte nichts dagegen tun. Die Schmerzen in seinen Schultern wurden dadurch wieder schlimmer, aber er hatte dem Zittern nichts entgegenzusetzen. Es war einfach übermächtig.

Er wollte hier weg, wollte verschwinden, sich den Blicken der beiden entziehen, doch er konnte es nicht. Ebensowenig, wie er sich der Stimme seines Freundes entziehen konnte. Sie drängte sich bis in den letzten Winkel seines Bewusstseins und ohne, dass er so recht wusste, wieso, öffnete er die Augen. Zum ersten Mal, seit man ihn in seine Zelle zurückgebracht hatte.

Remus erstarrte. Das war nicht Sirius, der ihn da ansah, er konnte es nicht sein. Und doch wusste er natürlich, dass es Sirius war. Eiskaltes Entsetzen kroch ihm den Rücken hinauf, als er in diese schwarzen Augen schaute. Schmerz lag darin und Verzweiflung, aber das war es nicht, was Remus so erschreckte. Was ihn erschreckte, das war der Ausdruck nackter Panik darin. Zusammen mit dem Zittern. Er hatte Angst, Sirius hatte panische Angst.

Aber wovor?

Und wieso auf einmal?

Was konnte ihm, Sirius Black, nur solche Angst machen?

Was hatte Rukschow nur mit ihm angestellt?

Sirius ertrug den Anblick seines Freundes nicht länger, das Entsetzen in seinen Augen, die erschrockenen Gesichtszüge. Er schloss die Augen wieder und hoffte, hoffte inständig, dass Remus ihn in Ruhe lassen würde.

Doch daran dachte Remus wahrlich als letztes überhaupt. Er verfluchte dieses gottverdammte Silber und die Gitterstäbe im Allgemeinen auch gleich dazu. Seinem Freund ging es grauenvoll und er konnte ihm nicht so nah sein, wie er es wollte, wie er es sein sollte. Vorsichtig schob er wieder seine rechte Hand zwischen den Gittern hindurch, der Schmerz war diesmal etwas schlimmer, aber das tat jetzt wirklich nichts zur Sache. Er wollte Sirius beistehen, ihm ein Zeichen geben, dass er da war. Langsam legte er seine Hand auf dessen nackten Unterarm, den er am besten erreichen konnte, ohne vornüber gegen das Gitter zu kippen.

Die Berührung traf Sirius wie ein Schlag. Instinktiv zuckte er zusammen und das Zittern, das seinen Körper bereits schüttelte, wurde noch stärker. Sein Herz begann heftig und schmerzhaft gegen seine Brust zu schlagen, immer schneller und schneller. Seine Atmung passte sich unwillkürlich seinem Herzschlag an.

Es ist nur Remus! Es ist nur Remus! sagte er sich immer wieder, doch die Panik überdeckte seine innere Stimme.

Die Hand lag ganz sachte und reglos auf seinem Arm, und doch, sie könnte sich bewegen. Schon viel zu oft hatte sie sich bewegt.

Severus Snape stand noch immer am Gitter und beobachtete die Szenerie, die sich vor ihm abspielte. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren, versuchte zu ergründen, was hier vor sich ging. Er vermutete, dass Sirius über einen längeren Zeitraum an Fesseln um seine Handgelenke irgendwo aufgehängt war, das würde zumindest seine zerschundenen Handgelenke erklären und auch die Unfähigkeit, seine Arme zu bewegen.

Aber jetzt im Moment blitzte ihm ein Verdacht durch den Kopf, den er schnell wieder in eine finstere Ecke zwang. Das heftige, viel zu schnelle Atmen von Black riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah, wie Lupin ihm eine Hand auf den Arm gelegt hatte, um ihm zu zeigen, dass er da war, wenn er auch nicht zu ihm hinüber konnte, und Black zitterte noch stärker als zuvor. Außerdem war er kurz davor zu hyperventilieren.

„Lupin, lassen sie ihn!" meinte er eindringlich, ja fast schon mit befehlendem Unterton.

Lupin sah aus entsetzten und besorgten Augen zu ihm auf. „Aber…"

„Lassen sie ihn los, verdammt. Na los!" herrschte er fast ein wenig grob.

Lupin zog widerwillig seine Hand zurück und rieb sich dann den höllisch schmerzenden Ellbogen, der genau zwischen den Gitterstäben gelegen hatte. Erschrocken über diese Reaktion und völlig hilflos schaute er Sirius an, ehe er sich Snape zuwandte.

Die Augen des Werwolfs sprachen Bände, er brauchte nichts mehr sagen, Snape verstand ihn auch so. Doch gerade als er zu einer Erklärung ansetzen wollte, hörte er ein leises Keuchen von Black, das sich als Worte entpuppte.

Sirius konnte sich nur langsam wieder beruhigen, sein Herz raste immer noch, sein Atem beruhigte sich aber allmählich, das Zittern allerdings nicht. Die Hand war fort. Weg.

Er wusste, dass er es nicht würde ertragen können, wenn sie wiederkäme. Deshalb riss er sich kurz zusammen und presste angestrengt drei Worte heraus.

„Moony… bitte… nicht…"

Er konnte nicht sehen, wie Remus Unterkiefer bei diesen Worten leicht zu zittern begann.

„Lupin?"

Remus wandte seinen Blick wie betäubt Snape zu.

„Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Vorerst. Er sollte ein bisschen schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen. Hier," Snape zog seine Robe aus und reichte sie Lupin durch die Stäbe, „wenn er auch noch krank wird, hilft uns das gar nicht."

Lupin bedachte ihn mit schräg gelegtem Kopf überrascht. Dann nickte er dankbar und kniete sich wieder vor seinen Freund. Ein letztes Mal biss er die Zähne zusammen – sein rechter Arm schmerzte inzwischen ganz gewaltig – und raffte die Robe auf die andere Seite wie auch schon zuvor.

„Hey Tatze, erschrick bitte nicht, ich deck dich nur zu, damit du nicht frierst."

Es folgte keine Reaktion. Lupin schüttelte die Robe auf und der vom Blut teilweise steife Stoff legte sich über ihn. Sirius zuckte zusammen, doch das fiel in seinem Zittern nicht auf.

„Ruh dich aus." meinte Remus leise und hörbar darum bemüht, seine Gefühle aus seiner Stimme rauszuhalten.

Er setzte sich auf seine Pritsche und legte seine pochenden Arme vorsichtig auf seine angezogenen Knie. Sein Blick war – wie könnte es anders sein – auf seinen Freund gerichtet, ebenso wie seine Gedanken. Er machte sich Sorgen, schreckliche Sorgen, und immer wieder stellte er sich diese Fragen, deren Antworten er nicht kannte.

Was war Sirius nur angetan worden?

Wieso hatte Sirius geweint?

Was hatte er all diese Stunden erdulden müssen?

Was machte ihm solche Angst?

Und wieso drehte er fast durch, wenn er ihn berührte? Er hatte ihn doch nur trösten, ihm beistehen wollen.

Er wollte ihm nicht weh tun, er hatte seine Hand nur ganz sanft auf seinen Arm gelegt.

Ganz sanft.

Und wenn…

Nein!

Niemals!

So weit würde Rukschow doch nicht gehen, oder doch?

Severus blieb noch eine Weile am Gitter stehen und beobachtete Black, dessen Zittern nur sehr langsam wieder nachließ, aber zumindest hatte sich seine Atmung normalisiert. Er hatte einen Verdacht. Ein Verdacht, der ihm überhaupt nicht gefiel, der ihm aber, je mehr er nachdachte, immer wahrscheinlicher erschien. Er versuchte sich die Situation nach Sirius' erstem Verhör noch mal ins Gedächtnis zu rufen, aber damals war er völlig fertig gewesen und hatte nur lauschen können. Sirius war sämtlichen Fragen nach dem Verhör ausgewichen und dann schließlich richtiggehend explodiert, als Lupin weitergefragt hatte.

Nachdenklich zog er sich auf seine Pritsche zurück. Wenn Black wieder aufwachte, musste er herausfinden, was geschehen war.

Sirius war dankbar für die Ruhe, die ihn plötzlich umgab. Sein Herz beruhigte sich langsam wieder, die sporadische Decke, die Remus ihm übergeworfen hatte, wärmte ihn ein wenig und gleichzeitig schützte sie seinen lädierten Rücken vor unwillkommenen Blicken. Ganz langsam ging die Panik zurück und die Erschöpfung kehrte wieder, mit aller Macht zerrte sie an ihm. Die wabernden Nebel waren wieder da und hüllten ihn ein. Undeutlich nahm er wahr, dass das, worauf er lag, nach Remus roch. Das beruhigte ihn ungemein und mit dem Gefühl, nicht allein zu sein, driftete er in die Nebel ab und schlief ein.


Die Zeit zog sich zäher dahin als einer dieser nie den Geschmack verlierenden Kaugummis aus dem Honigtopf. Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, auch wenn es Remus vorkam, als würde er schon seit einer Woche hier sitzen und darauf warten, dass sein Freund wieder aufwachte und sich sein schrecklicher Verdacht doch bitte nicht bestätigen möge. Auch Snape war die ganze Zeit nur wortlos und nachdenklich auf seiner Pritsche gesessen.

Als das leise Rascheln aus der dritten Zelle ertönte, erschraken sie beide. Remus eilte sofort los und kniete sich so nah es ging an die Gitterstäbe. Das unbarmherzige Pochen in seinen Armen war kaum noch zu spüren gewesen, zumindest bis jetzt. Er biss die Zähne zusammen und beobachtete seinen Freund, doch der sah überhaupt nicht so aus, als würde er gleich aufwachen.

Seine Augen flackerten wild auf und ab unter seinen Lidern, er keuchte immer wieder leise und seine Atmung wurde mit einem Schlag schneller und hektischer. Schweißperlen bildeten sich auf Sirius' Stirn und er begann wieder zu zittern. Seine ganzen Bewegungen wurden unruhig, er wandte den Kopf von einer Seite zur anderen, hob eine stark zitternde Hand schützend vor sein Gesicht – aber er hob sie – und seine Beine strampelten hilflos, als würde er vor etwas wegrennen wollen. Snapes Robe zerrte er dabei völlig von seinem Körper.

„Er träumt." stellte Snape knapp fest.

„Und ganz offenbar nichts Gutes. Wir sollten ihn wecken…" meinte Lupin leise, aber bestimmt.

Da wurde Sirius mit einem Mal völlig still, langsam wandte er sich etwas seitlich und zog die Knie bis dicht vor seine Brust und umschlang sie mit seinen Armen, das Gesicht barg er in der Kuhle zwischen seinen Knien. Dieses unheimliche Zittern schüttelte seinen Körper wieder. Und leise und voller Angst hörten sie seine bebende Stimme.

„Nein… nicht… aufhören… bitte nicht…"

Ganz unbewusst krampfte Remus seine Hände zu Fäusten zusammen. Eine schreckliche Gewissheit ergriff ihn und schürte Fassungslosigkeit und Hass auf Rukschow. Dennoch wollte er dieser Gewissheit keinen Glauben schenken, es wäre zu schrecklich.

„Dafür wird er büßen!" stieß er undeutlich zwischen den Zähnen hervor.

„Sirius! Sirius wach auf!" rief er eindringlich, doch sein Freund reagierte nicht darauf. Er schien regelrecht in seinem Traum gefangen. Remus rutschte näher an die Gitter, diesmal traf ihn der Schmerz schneller und heftiger und er konnte sich ein Aufstöhnen nicht verkneifen. Entschlossen schob er seinen Arm zwischen den Stäben hindurch und versuchte, das brennende Pochen zu ignorieren.

Sirius lag ziemlich weit weg, aber er erreichte ihn gerade noch so und versetzte ihm einen kurzen Stoß gegen die Schulter, zusammen mit einem ‚Tatze, wach gefälligst auf!'. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren und wäre mit dem Gesicht gegen das Gitter gestoßen, doch er konnte es gerade noch verhindern, nur um den panischen Aufschrei aus Sirius' Zelle zu hören.

Die Berührung hatte Sirius augenblicklich aus dem quälenden Schlaf gerissen, doch der Traum haftete an ihm, er war sich im Moment nicht einmal bewusst, dass es ein Traum gewesen war. Im Gegenteil, er war sich sicher, zurück in Rukschows Büro zu sein.

Seine Augen waren weit aufgerissen und blickten hektisch umher, konnten aber nicht realisieren, was sie sahen. Er stieß sich mit Händen und Beinen vom Boden ab, um nur möglichst schnell wegzukommen, dabei rutschte er auf Remus' Robe aus, die unter ihm lag und fiel nach hinten. Ein dumpfer Schlag traf seinen Hinterkopf und benommen sank er zu Boden.

„Nächstes Mal lässt du mich das machen, Lupin." entfuhr es Snape noch bevor er es verhindern konnte. Er stand auf und näherte sich langsam der anderen Zelle.

„Black? Beruhig dich, du bist hier nicht in unmittelbarer Gefahr."

Immer noch benommen blinzelte Sirius ein paar Mal, ehe er die beiden Personen auf der anderen Seite der Gitterstäbe erkennen konnte. Sein Atem ging schwer.

„Snape? Moony?"

„Du hast nur geträumt Tatze, nur geträumt." meinte Remus beruhigend und hoffte inständig, dass er damit auch Recht hatte.

Langsam aber sicher drang dieser Satz in Sirius Hirn und er verstand dessen Bedeutung. Er hatte geträumt, was er gesehen und gefühlt hatte, war nicht real gewesen, nichts war geschehen, er war die ganze Zeit hier in seiner Zelle gewesen. Erleichtert schloss er für einen Moment die Augen. Doch als die Furcht langsam von ihm wich, machte sie etwas anderem Platz.

„Ooohh…" Stöhnend sank er noch ein wenig zusammen. Jetzt tat ihm wirklich alles weh. Aber er spürte seine Arme und Hände wieder, konnte sie bewegen, wenn er wollte, das war immerhin ein Anfang.

„Tut mir leid, dass du dir meinetwegen den Kopf gestoßen hast."

„Halb so wild, Moony, halb so wild."

Severus wollte sich gerade wieder abwenden, immerhin schien es Black besser zu gehen und er war hier sowieso fehl am Platz, schließlich hatte Black einen Freund, der sich um ihn kümmern würde – zumindest soweit das möglich war – da fiel ihm etwas auf, das ihn erstarren ließ. Bei dem ganzen Gestrampel und Rumgefuchtel war Black das Shirt ein wenig hochgerutscht. An sich nichts ungewöhnliches, doch in die Haut darunter hatten sich Kratzer eingegraben, etwas breiter und mit unregelmäßigen Rändern und genau vier nebeneinander. Diese Wunden stammten nicht von der Peitsche, die ihm den Rücken zerschlagen hatte, nein, diese Kratzer stammten von einer Menschenhand. Sie verliefen ziemlich genau in Hüftknochenhöhe waagerecht zu seinem Hosenbund von vorne zu seinem Rücken hin.

Selbst wenn Severus all die anderen Anzeichen nicht gehabt hätte, diese Kratzer waren recht eindeutig.

„Black, was ist da heute Vormittag passiert?"

Sirius horchte auf, mit einem Schlag war er wieder hellwach. Wusste Snape etwas? Er rappelte sich ein wenig auf, zog die Robe unter sich und hockte schließlich etwas seitlich gegen die Pritsche gelehnt am Boden.

„Was soll schon passiert sein? Der Mistkerl wollte sich dafür rächen, dass ich ihn fast erwürgt hab und das hat er. Er wollte wissen, wie ich damals entkommen konnte, ich hab ihm nichts gesagt, er wurde sauer und hat gleich weitergemacht, wo er vorher aufgehört hat. Ende der Geschichte." Sirius hatte gleichgültig wirken wollen, als wäre nichts besonderes – zumindest nichts besonderes für Askabanverhältnisse – geschehen, doch seine Stimme zitterte leicht und er wagte es auch nicht, einem der beiden in die Augen zu sehen. Unbewusst rieb er seine Handgelenke, weil es ihm war, als könne er das Metall wieder spüren. Ihm war, als fühlte er wieder Rukschows Atem auf seiner Haut, wenn der Russe dicht bei ihm gestanden war.

Eine Gänsehaut zog sich über seinen Körper und ließ ihn frösteln.

Der kurze Schauder blieb Snape nicht verborgen und er wurde das drängende Gefühl nicht los, Black darauf anzusprechen, ihn aus der Reserve zu locken. Denn er wusste selbst nur zu gut, wie sich derartige Dinge rächten, wenn man sie einfach nur still und leise in sich hineinfraß.

„Wie lange geht das schon so, Black?"

Remus runzelte die Stirn bei dieser Frage und doch machte sich auch dieses ungute Gefühl in ihm breit, eine böse Vorahnung.

Sirius erstarrte. Langsam hob er den Kopf und sah Snape an. Ein einziger Blick genügte ihm, er sah sofort, dass Snape es wusste. Sein Herz schlug schneller, sein Mund wurde trocken, seine Antwort blieb ihm fast im Hals stecken.

„Wo.. wovon redest du?"

„Du weißt schon, wovon ich rede. Ich hab vorhin die Kratzer gesehen, ich hab gehört, wie du im Schlaf gewimmert hast, ich hab gesehen, wie du auf die Berührung deines besten Freundes reagiert hast und ich sehe jetzt, dass du nicht einmal richtig sitzen kannst. Ich bin nicht dumm, Black, und blind auch nicht. Also, wie lange schon?"

Verwirrt und andererseits doch überhaupt nicht überrascht wandte Remus sich Snape zu. „Was redest du denn da? Und welche Kratzer bitte?"

Aber Snape beachtete ihn nicht.

Sirius musste seine Augen, aus denen er weder Furcht noch Schrecken heraushalten konnte, abwenden, er konnte Snape nicht mehr ins Gesicht sehen. Und doch, die erwartete Panik blieb aus, stattdessen fühlte er nur diese dumpfe Leere und eine Schwere, die an seinen Gliedern zog. Es war vorbei, Snape hatte ihn durchschaut, er wusste es, wusste alles. Er schämte sich, aber irgendwo in ihm drin keimte auch Erleichterung auf. Er musste nichts mehr verbergen, er war nicht mehr allein und auch wenn ihm niemand helfen konnte, so fühlte es sich dennoch so an, als trüge er die Last nicht mehr allein.

Mechanisch griff er nach Snapes Robe und wickelte sich darin ein. Ihm war schrecklich kalt.

„Er bekam den Job hier zwei Jahre vor meinem Ausbruch."

Auch Remus konnte sich bei dieser Antwort nicht länger vor der Wahrheit verschließen. Er fühlte Schock und Fassungslosigkeit, Mitgefühl und Scham, und Hass. Noch nie hatte er so empfunden. Völlig überwältigt taumelte er einen Schritt zur Seite und hätte sich fast automatisch am Gitter abgestützt, wenn Severus nicht geistesgegenwärtig durch die Stäbe hindurch Remus' Hand gepackt hätte.

„Er hat dich… hat… er hat…" Er konnte es nicht aussprechen, zu schrecklich war für ihn die Vorstellung.

Sirius sackte währenddessen nur noch ein wenig weiter in sich zusammen. Er fühlte sich kraftloser als je zuvor, gedemütigt und bodenlos beschämt, und gleichzeitig auch irgendwie erleichtert. Es war raus, sie wussten es. Sie würden ihn fortan mit anderen Augen betrachten.

Er konnte nicht sagen, ob diese Wendung gut oder schlecht war, aber sie war passiert, und im Moment fühlte er sich einfach nur leer und erschöpft.

„Ja Moony, er hat mich vergewaltigt."

Jetzt war es raus. Er hatte es ausgesprochen. Jetzt konnte er sich nicht mehr davor verstecken. Es war Realität.


Ups... nun isses raus. Ich weiß, ich hab's ganz schön abgesehen aus unsere Lieblinge... aber mal ehrlich, würde das hier jemand lesen, wenn es um Percy Weasley ginge?

Bye

Bella