Hi! Hier gibt's wieder ein neues Kapitel!
Viel Spaß beim Lesen!
Eine Chance, aber nur eine!
Eine Weile, die allen wie eine Ewigkeit vorkam, regte sich nichts in den drei Zellen. Sirius saß nur stumm in Snapes Robe gehüllt da. Snape lehnte wortlos am Gitter und starrte die Wand an. Remus hatte sich auf seine Pritsche sinken lassen und versuchte zu verdauen, was er da gerade erfahren hatte.
In ihm brannten so viele Fragen.
Warum hatte Sirius ihm nie gesagt, was ihm angetan wurde?
Warum hatte Sirius auch weiterhin geschwiegen, als Rukschow hier von neuem sein grausames Werk vollbrachte?
Wie oft war er schon derart gedemütigt worden?
Doch all diese Fragen konnte er nicht stellen. Nicht jetzt. Sirius saß reglos, mit blassem Gesicht und glanzlosen Augen in seiner Zelle und starrte vor sich hin. Zum ersten Mal seit sie hier waren, konnte sich Remus auch nur ansatzweise ausmalen, wie schrecklich es für seinen Freund wirklich war, wieder hierher zurückgebracht worden zu sein.
Energisch schüttelte er den Kopf, diese Gedanken brachten ihn nicht weiter, brachten sie alle nicht weiter. Langsam stand er auf und ging auf Sirius zu, hielt aber diesmal weit vor dem Gitter an. Seine Arme und sein Gesicht schmerzten noch genug von all dem Silber.
„Sirius?" fragte er leise, aber eindringlich.
Kaum merklich hob dieser den Kopf und sah seinem Freund kurz entgegen, ehe er den Blick wieder senkte.
„Kannst du aufstehen?"
Sirius sah sich etwas hilflos um, als könnte ihm seine Umgebung eine Antwort auf diese Frage geben. „Ich weiß es nicht."
„Bitte versuch es. Steh auf, gib mir die Roben durch das Gitter und komm zu mir herüber."
Instinktiv zuckte Sirius etwas zusammen. Obwohl er wusste, dass hier sein Freund sprach, schreckte es ihn, dass dieser wollte, dass er ihm näher kam. Er wollte allein sein, keine Menschen um ihn herum, die ihn womöglich auch noch anfassten, ihn berührten.
Und andererseits sehnte er sich nach einer tröstenden Umarmung.
Er wusste nicht, was er tun sollte. Alles in ihm schrie danach, dieser Bitte nachzukommen, sich in Remus Arme zu flüchten und dort zumindest für eine Weile Schutz zu finden, aber die Angst hielt ihn davon ab. Die Angst vor der Berührung und den Erinnerungen, die diese wachrufen würden. Er biss sich auf die Unterlippe, sein Unterkiefer zitterte, so hin- und hergerissen war er zwischen der Furcht und dem, was er brauchte.
„Wieso?" fragte er mit brüchiger, zittriger Stimme, aus der sein Unbehagen herauszuhören war.
Remus schluckte. Aber er musste sich jetzt zusammenreißen. „Du bist verletzt und jemand sollte die Wunden säubern, damit sie sich nicht oder zumindest nicht so schnell entzünden. Ich will dir nur helfen, Tatze. Ich… ich verspreche dir, ich werde nichts tun, das du… nicht möchtest. Bitte… komm rüber, wenn du kannst."
Sirius hörte die Worte und er glaubte ihnen, er hatte keinen Grund, seinem besten Freund keinen Glauben zu schenken. Doch die Furcht nagte in ihm.
Entschlossen legte er eine Hand auf die Pritsche, um sich dort abzustützen. Er wusste, wenn er nicht gleich handelte, würde er es nicht mehr vagen. Mit der anderen Hand griff er nach den Roben, dann stemmte er sich hoch. Seine Beine waren ziemlich wackelig, er hatte fast das Gefühl auf Götterspeise zu laufen, aber er schaffte es irgendwie bis zum Gitter. Die Roben streckte er Remus entgegen, dann konzentrierte er sich mit aller Kraft und durchschritt als Hund die Stäbe. Als er schließlich wieder in menschlicher Form auf der Pritsche zu liegen kam, war er völlig erschöpft und als er Remus auf sich zukommen sah, verkrampfte sich sein Körper auch noch.
Remus kniete sich in einiger Entfernung hin und musterte ihn aufmerksam.
„Ich tu dir nichts, Tatze. Versprochen. Ich bin gleich wieder da."
Sirius nickte angespannt. Remus lief ein wenig hin und her und kehrte schließlich mit einem Krug Wasser und ein paar Streifen sauberem Stoff zurück. „Tatze? Am besten wäre es, wenn du dein T-Shirt ausziehen könntest und dich auf den Bauch legst." meinte er sanft.
Sirius Hände begannen zu zittern, er schloss die Augen und sah augenblicklich wieder Rukschow vor sich, spürte, wie ihn ein Zauber entkleidete und wie sich die Fesseln um seine Handgelenke schlossen. Schnell riss er die Augen wieder auf und sah Remus vor sich, der ihn besorgt ansah. Er atmete tief durch und sagte sich immer wieder: ‚Remus ist mein Freund, er wird mir nichts antun.'
Mühsam setzte er sich ein wenig auf und zog sich mit zitternden Händen das Shirt vom Kopf. Er fühlte sich furchtbar, so hilflos und ausgeliefert, und als er sich auf den Bauch legte, verstärkte sich das Gefühl nur noch. Er begann wieder am ganzen Körper zu zittern und hielt krampfhaft die Augen geöffnet, um nicht wieder Rukschow zu sehen.
Als Remus sich ihm näherte, spürte er es mehr, als dass er die Schritte hörte. Seine Atmung ging schneller, sein Herz klopfte wie wild und egal, was er auch versuchte, er konnte sich nicht beruhigen. Er fragte sich dauernd, wie er es die letzten Male überstanden hatte, doch da war er entweder allein gewesen oder er hatte Remus angeschrieen und sich so seine Ruhe verschafft, bis sich sein Körper und sein Geist wieder einigermaßen beruhigt hatten. Und damals hatte niemand etwas gewusst. Diesmal schon.
Da berührte ihn etwas am Rücken und er zuckte erschrocken aufkeuchend zusammen.
„Schhh, tut mir leid. Ich hab dich nur zugedeckt." flüsterte Remus entschuldigend.
Und in der Tat, Sirius fühlte und roch den Stoff von Remus Robe, die auf ihm lag und seinen zerschundenen Rücken wieder vor Blicken verbarg. Sein Zittern ließ nach und auch seine Atmung normalisierte sich wieder.
Remus kniete dicht neben ihm und lächelte ihn an. „Ich werde erst etwas tun, wenn du bereit dazu bist, hörst du? Ich werde auch nur das Stück abdecken, das ich gerade säubere, in Ordnung?"
Sirius war seinem Freund so dankbar für dessen Umsicht, dass es fast weh tat. Er fühlte sich schuldig, weil Remus sich solche Mühe gab und er nur immer vor ihm zurückschreckte. Das war einfach alles zuviel für ihn. Seine Augen wurden feucht und einzelne Tränen suchten sich ihren Weg über sein Gesicht.
Remus lächelte auch weiterhin, doch Sirius konnte die Veränderung, den Schmerz, in Remus Augen sehen. Langsam streckte dieser seine Hand aus und streichelte Sirius damit übers Haar. Eine Geste, die nur Moony vorbehalten war. Immer wenn er einen Albtraum gehabt hatte nach seinem Ausbruch hatte Moony ihn so beruhigt, als er sich hier dank der Dementoren fast verloren hätte, hatte Moony ihn so zurückgeholt und auch jetzt beruhigte ihn diese einfache Berührung, eine der wenigen, die Rukschow nicht hatte zerstören können.
Als Sirius nickte, verstand Remus und tränkte den ersten Lappen und er begann damit die Wunden an Sirius' Handgelenken zu säubern. Danach ging er zu dessen übel zugerichteten Rücken über. Sirius war angespannt und der Schmerz, den das Entfernen des angetrockneten Blutes verursachte, trug auch nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei. Aber Remus arbeitete ruhig und gemächlich, ließ ihm Zeit, sich daran zu gewöhnen. Und in der Tat, langsam aber sicher ließ die Anspannung von Sirius ab, sein Körper registrierte, dass von diesen Berührungen keine Gefahr ausging.
Als Remus fertig war, deckte er seinen Freund behutsam zu und bemerkte erst dann, dass Sirius vor Erschöpfung eingeschlafen war. Er lächelte gequält und strich nochmals über dessen Haar.
„Schlaf!" flüsterte er leise und trat an die Wand neben der Pritsche. Er schloss die Augen und ließ seine Stirn gegen den kühlen, rauen Stein sinken. Nie hätte er sich so etwas ausmalen können. Er war innerlich vollkommen aufgewühlt, die unterschiedlichsten Gefühle rangen miteinander. Entsetzen, Fassungslosigkeit, Wut, ja sogar Hass, Mitgefühl, jede Menge Hilflosigkeit und ganz oben auf Schuld. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, wobei seine Stirn am Stein entlang kratzte. Ein stummer Vorwurf an ihn selbst.
„Sie haben richtig gehandelt, Lupin. Sie haben ihm gezeigt, dass sie für ihn da sind, dass er nicht allein ist, dass er auf sie zählen kann. Er fühlt sich bei ihnen sicher, sonst wäre er nie eingeschlafen." Snape stand direkt am Gitter und sprach leise.
Remus schüttelte weiterhin den Kopf. „Ich hätte es merken müssen. Ich bin sein Freund, ich kenne ihn seit wir nach Hogwarts gekommen sind, so was hätte mir auffallen müssen."
„Wie hätten sie es denn erkennen wollen? Diesmal waren sie unmittelbar dabei, aber damals nicht. Wie hätten sie darauf kommen sollen? Sie hätten diesen Gedanken doch sicher nicht einmal in Erwägung gezogen, selbst wenn ihnen etwas Seltsames an ihm aufgefallen wäre, oder? Wichtig ist, dass sie es jetzt wissen und dass sie für ihn da sind. Er braucht sie jetzt. Also plagen sie sich nicht mit Selbstzweifeln, sondern konzentrieren sie sich auf das, was im Moment wichtig ist!"
Remus stieß sich von der Wand ab und betrachtete Severus mit fasziniertem Blick. „Bist du sicher, dass du nicht nebenbei Psychologie studiert hast?"
„Werden sie nicht lächerlich Lupin!"
In diesem Moment ging das Licht aus.
„Toll, wirklich toll." knurrte Lupin.
„Soviel Sarkasmus von ihnen? Ich bin erstaunt."
„Ach wirklich? Dann sag mir doch, wie ich dir jetzt deine Robe zurückgeben soll ohne dabei zufällig das Gitter zu berühren?"
„Lassen sie es, Lupin." wiegelte Snape ab. „Ich hab hier diesen Fetzen, der sich Decke schimpft, sie nicht. Außerdem würden sie keinem von uns einen Gefallen damit tun, wenn sie sich gleich die nächste Silberverbrennung zuziehen. Behalten sie die Robe vorerst."
„Danke."
Remus tastete, bis er die Robe fand und zog sie sich über. So war es wirklich angenehmer. Er kniete sich ans Kopfende der Pritsche und begann wieder damit, Sirius übers Haar zu streicheln. Das würde sie beide beruhigen. Außerdem lauschte er aufmerksam. Seine Sinne waren bereits schärfer als sonst. Sobald er Schritte hören sollte, musste er schnell handeln.
Das beißende Licht des neuen ‚Tages' schmerzte in seinen Augen. Grummelnd schützte er seine Augen und erhob sich ächzend aus seiner hockenden Stellung. Die ganze Nacht hatte Remus kein Auge zu getan, dementsprechend müde fühlte er sich jetzt auch. Seine Muskeln waren völlig verspannt. Die Finger seiner rechten Hand fühlten sich schwer und ein wenig glibschig an. Immerhin hatten sie sich die ganze Nacht lang unablässig durch fettiges Haar bewegt.
Und doch machte es ihm nichts aus. Ein einziger Blick auf Sirius, der friedlich und ruhig auf seiner Pritsche schlief, machte ihm nur allzu deutlich, wieso er jede Sekunde auf Schritte gelauscht hatte.
Gähnend streckte er sich und wurde mit einem schmerzhaften Stechen im Brustkorb belohnt, das ihn nur allzudeutlich an seine gebrochenen Rippen erinnerte, die er über die jüngsten Ereignisse und den Schmerztrank völlig vergessen hatte. Mit verkniffenem Gesicht trank er ein paar Schlucke. Er hatte die ganze Nacht über sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Doch er wusste einfach nicht, was er denken sollte. Noch immer machte ihn der Gedanke an das, was Sirius widerfahren war, wütend und sprachlos. Und vor allem hilflos.
Wie sollte er sich Sirius gegenüber denn nun verhalten?
„Grübeln sie schon wieder?"
Erschrocken zuckte er zusammen, doch es war nur Snape, wie er natürlich feststellte. Dieser stand an den Gitterstäben und musterte ihn und anschließend Sirius mit seinen dunklen Augen. Sein zerschlagenes Gesicht war nur noch grünlich und der wild wuchernde Bart verdeckte sowieso die Hälfte davon.
„Als wenn du etwas anderes tun würdest."
„Der Punkt geht dann wohl an Gryffindor." grummelte Snape. „Sie sehen nicht so aus, als hätten sie auch nur ein Auge zugemacht."
Remus verzog nur das Gesicht. Das musste als Antwort reichen.
Er begann ein wenig auf und ab zu gehen und dabei seine total verspannten Glieder etwas zu lockern.
„Sie sollten sich ausruhen, sobald Black wach ist. Sie sehen überhaupt nicht gut aus."
Und das meinte Snape auch so.
Lupin war über die Maßen blass, bis auf zwei dunkle Schatten, die sich unter seine Augen gegraben hatten. Sein Blick war matt und seine Augen glänzten fiebrig. Die grüngelben Überbleibsel von Rukschows erstem Verhör verliehen seinem Gesicht einen noch zusätzlich ungesunden Ausdruck. Er sah müde aus und erschöpft.
Severus vermutete, dass der Stärkungstrank langsam aber sicher nachließ und auch wenn der Schmerztrank noch weiterhin wirkte, so konnte er das Fieber und die Erkältung nicht nehmen.
„Vielleicht Severus. Vielleicht. Sirius ist jetzt wichtiger, ich könnte keinen Schlaf finden, bevor ich nicht weiß, dass es ihm gut geht. Was auch immer ‚gut gehen' in so einer Situation bedeutet…"
„Welche Situation bedeutet was?" fragte da eine verschlafene Stimme dazwischen.
Sofort wandten sich beide Männer der Stimme zu.
Sirius hatte sich ein wenig auf seine Unterarme gestützt und schaute noch etwas schlaftrunken von einem zum anderen, auch seine Wangen zierte bereits ein immer dichter werdender Bart und seine langen Haare standen ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab.
„Hey, guten Morgen. Wie geht's dir?"
Sirius legte den Kopf etwas schief und schien in sich hineinzuhorchen. „Es geht schon, denke ich. Wieso bin ich immer noch hier drüben? Bin ich eingeschlafen?"
Remus nickte.
„Was?" Sirius stemmte sich hoch und stand keine Sekunde später neben der Pritsche. Als er merkte, dass er außer der lose übergeworfenen Robe von Remus nichts am Oberkörper trug, zuckte er ein wenig zusammen und blitzschnell zogen seine Hände die Robe vor sich zu um seinen Körper vor Blicken zu schützen.
Remus entging diese Geste nicht, ebenso wenig wie das kurze, zugleich ängstliche und erschrockene Aufblitzen in seinen Augen.
„Warum hast du mich nicht geweckt?" fragte Sirius vorwurfsvoll. „Wo hast du geschlafen, Remus?"
„Ich hab nicht geschlafen, Tatze. Ich hab aufgepasst um dich rechtzeitig wecken zu können, falls jemand kommen sollte oder du einen Albtraum haben solltest. Was aber beides nicht der Fall war… Merlin sei Dank." Das letzte murmelte er leise hinterher, so dass es außer ihm niemand hören konnte.
Sirius biss sich auf die Lippe. Es rührte ihn, wie sehr Moony auf ihn aufpasste, wenn er es selbst nicht konnte, aber andererseits fühlte er sich jetzt Schuld daran, dass er seinem Freund schon wieder eine schlaflose Nacht beschert hatte und das ausgerechnet jetzt, wo es ihm eigentlich sowieso schon nicht gut ging – er ließ sich von der vorübergehenden Wirkung des Schmerztrankes nicht täuschen.
„Danke, Moony. Das hättest du nicht tun müssen."
„Doch Tatze. Genau das musste ich. Wozu hat man denn Freunde?"
Sirius gelang ein schwaches Lächeln. Er fühlte sich in der Tat etwas besser. Die Portion Schlaf – vor allem ohne Albträume – hatte ihm gut getan. Irgendwie hatte er die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass ihm jetzt nichts mehr geschehen konnte. Sein Körper hatte die Chance gehabt, sich ein wenig von den überstandenen Strapazen zu erholen und auch in seinem Kopf war wieder ein wenig Ruhe eingekehrt. Rukschows Gesicht, sein heißer Atem, seine rauen Hände und sein ekelhaftes Lachen waren nicht mehr überall. Langsam gelangte er in den Zustand des Verdrängens, wie jedes Mal, wenn Rukschow ihn hatte zu sich bringen lassen. Er wusste, dass es ihm nicht weiterhalf, einfach zu verdrängen, doch im Moment und hier in Askaban konnte er nicht anders, wenn er die Zeit hier überstehen wollte.
Er wandte sich um und suchte sein Shirt. Als er es fand, legte er Remus' Robe ab, wobei er krampfhaft versuchte, an das Meer zu denken und wie sich die Wellen am Ufer brachen, dann zog er sich sein Shirt wieder an und wandte sich an seinen Freund.
„Ich geh wieder rüber. Wir müssen das Glück nicht unnötig herausfordern."
„Sirius…"
„Moony nicht. Es… es geht mir gut."
„Du bist nicht allein, Tatze, vergiss das nicht."
„Ich weiß, Moony."
Damit verließ Sirius als Hund die Zelle und rollte sich auch als solcher auf seiner Pritsche zusammen, den Blick diesmal nicht an die Wand, sondern seinen Zellengenossen zugerichtet.
Remus setzte sich und sein Blick verweilte noch lange auf seinem Freund. Er machte sich Sorgen. Viel zu schnell hatte sich Sirius scheinbar erholt. Ja, er schien wieder fast normal im Vergleich zu gestern. So schnell konnte man so etwas nicht wegstecken, niemals. Dafür brauchte man Monate, ja wenn nicht eher Jahre. Sirius schob das Erlebte einfach nur zur Seite und versuchte zu vergessen, doch dadurch machte er es nicht besser sondern eher schlimmer.
Doch er konnte nichts dagegen tun.
Und vielleicht sollte er das auch gar nicht. Sirius erlebte das bei Merlin nicht zum erstenmal. Vielleicht hatte er in all den Jahren ja gelernt, dass hier an diesem grauenvollen Ort nur schnelles Verdrängen half.
Er wusste es nicht.
Er wusste nur, dass er seinen Freund nicht aus den Augen lassen würde.
Die Stunden vergingen, tröpfelten unglaublich zäh und stumm vor sich hin.
Sirius hatte sich seit er sich hingelegt hatte nicht mehr bewegt, Severus hatte sich das letzte Eckchen von seinem Brot aus dem Hemd gezogen und kaute langsam drauf herum, während seine Gedanken Meilen weit weg waren. Und Remus hockte immer noch auf seiner Pritsche und ließ Sirius nicht aus den Augen. Er konnte an nichts anderes denken.
Sein Husten war allmählich zurückgekehrt, doch solange das Schmerzmittel seine Rippen einigermaßen im Zaum hielt, konnte er das ganz gut ignorieren. Auch das Verlangen seines Körpers nach Schlaf unterdrückte er – noch mit Erfolg. Nur die Tatsache, dass er langsam wieder anfing zu frieren, und das obwohl er im Moment seine Robe trug und Snapes, die er noch nicht wieder zurückgegeben hatte, machte ihm zu schaffen.
Kein Wort war gefallen seit Sirius sich zurückgezogen hatte, bis eben dieser jetzt das Schweigen brach.
Sirius verwandelte sich zurück, seine Bewegungen waren fahrig und unruhig, sein Blick wirkte gehetzt. Schon an diesem Punkt hätte Remus gar keine Erklärung mehr gebraucht.
„Ein Dementor! Er ist gleich da!" presste Black abgehackt hervor, ehe er sich schnell wieder in Hundeform zusammenrollte und dabei deutlich den Eindruck machte, als versuchte er sich so klein zu machen, dass er schlussendlich nicht mehr da wäre.
Snape schluckte seinen letzten Bissen, sein Gesicht hatte bei dieser Ankündigung etwas an Farbe verloren. Er zwang sich dazu, ruhig zu atmen und schloss die Augen. Angestrengt durchsuchte er seinen Geist nach einer geeigneten Erinnerung, an der er sich festklammern konnte.
An derselben Aufgabe versuchte sich aus Remus, während er sich erschöpft zur Seite sinken ließ.
Sie schafften es beide, ehe die wohl bekannte Kälte in ihre Glieder kroch und sich Stück für Stück in ihre Seelen fraß, wo kalte schwarze Zungen nach Freude und Glück leckten.
Es dauerte nicht besonders lange, doch das brauchte es auch nicht, um nach den zurückliegenden neun Tagen blasse, zitternde Männer und einen winselnden Hund zu hinterlassen.
Als Snape es schließlich als erster schaffte, die Augen wieder zu öffnen und tief durchzuatmen, da traf sein Blick diesen erbärmlich winselnden, schwarzen Hund, der seine Schnauze unter seinen Pfoten vergraben hatte, und Remus, der zitternd und mit Schweißperlen auf der Stirn auf seiner Pritsche lag und leise keuchte.
Er wusste nicht, woran genau es lag, aber in genau diesem Moment verdichtete sich seine leise Ahnung zur definitiven Gewissheit:
Der Dunkle Lord hatte Harry als Geisel und würde ihn töten.
Ihnen blieben nur noch wenige Tage bis zu ihrer Verurteilung und nichts konnte ihre Unschuld beweisen.
Albus würde diesmal verlieren. Sie alle würden diesmal verlieren. Sie hatten keine Chance, nicht die geringste. Sie waren überlistet worden und niemand konnte ihnen jetzt noch helfen.
Und wieder herrschte Stille in ihren Zellen. Jeder kämpfte für sich mit den Folgen des Dementors, denn was sollten sie auch anderes tun? Der Einzige, der die Gitter durchschreiten konnte, wagte es nicht, seine tierische Gestalt zu verlassen. Remus war mehr als genug mit seinen eigenen Dämonen beschäftigt, und mit seinem Husten. Und Severus versuchte abermals wegzuschließen, was in seinem Denken nichts zu suchen hatte, was die Dementoren aber jedes Mal wieder und jedes Mal drängender ans Tageslicht zerrten.
Auch diesmal war es Sirius, der die Stille durchbrach. Nach der Verwandlung stand er auf und lehnte sich leichenblass und zittrig an die Wand neben der Pritsche. Sitzen konnte er immer noch nicht, ohne dass ihn die Schmerzen in seiner Kehrseite an Rukschows Behandlung erinnerten.
„Jemand kommt." sagte er nur leise.
Remus presste die Lippen zusammen. Wen würde es diesmal treffen? Was würde denjenigen erwarten? Und hatten sie alle drei nicht schon genug gelitten?
Severus ließ sich auf seine Pritsche sinken. Das letzte Mal als die Wärter ihn gesehen hatten, war er mehr tot als lebendig gewesen und in diesem Glauben wollte er sie auch gerne lassen. Wenn Rukschow dahinter kam, dass Albus ihnen Essen und Zaubertränke reingeschmuggelt hatte, dann würden sie vermutlich nicht mal mehr die Verhandlung überleben. Oder sie würden am Ende noch Albus wegen Kollaboration mit bekannten Schwerverbrechern verurteilen.
„Lupin?" fragte er deshalb.
„Was?"
„Vergessen sie nicht, sie haben nie einen Schmerztrank in die Finger gekriegt und ein Stärkungsmittel schon gleich gar nicht."
„Das dürfte mir nicht allzu schwer fallen." nuschelte Remus. Er fühlte sich im Moment ziemlich bescheiden, eindeutig ein Zeichen dafür, dass zumindest der Stärkungstrank seine Wirkung bereits verloren hatte. Er fühlte sich schlapp und auch wieder fiebrig, sein Husten machte ihm zu schaffen und dank dem Dementor fror er immer noch erbärmlich.
Die Schritte kamen näher und das nächste Geräusch im Raum war das laute Aufschlagen der schweren Tür. Snape schloss für eine Sekunde die Augen und seine Schultern sackten ein wenig ein, ehe er sich mit einem tiefen Luftholen für das Kommende wappnete.
„Na los, Todesser. Steh auf, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!" fauchte Raven.
Gespielt langsam und schwerfällig richtete sich Snape auf seiner Liege auf.
Raven gab einen überaus genervten Laut von sich, ehe er mit schweren Schritten in die Zelle kam und Snape grob am Arm in die Höhe riss. „Das kann man ja nicht mitansehen! Beweg deinen Arsch oder ich werd dir Beine machen. Los, Rukschow will dich sehen." Mit diesen Worten stieß er Snape Richtung Tür von sich, wo ihn ein hämisch grinsender Troy bereits erwartete.
Snape stolperte ein wenig, bis Troy ihn hart am Oberarm packte und überaus unsanft mit sich zog. „Er erwartet dich schon und er ist nicht besonders guter Laune. Hab gehört, du hast letztes Mal einen kleinen Gratis-Cocktail gekriegt."
Allein bei der Erinnerung an diesen sogenannten Cocktail wurde Severus schon schlecht und ihm stellten sich sämtliche Nackenhärchen auf. Dennoch ließ er sich ein bisschen mehr in den Griff des grobschlächtigen Kerls sinken, um ja nicht den Anschein zu erwecken, dass es ihm zu gut ginge.
„War'n schlechter Cocktail. Ganz ohne Schirmchen. Und die Gesellschaft könnte auch besser sein." murmelte er missmutig vor sich hin, was ihm nur einen noch schmerzhafteren Griff um seinen Arm einbrachte.
Nach zahlreichen Gängen und Fluren, von denen ihm kein einziger auch nur ansatzweise bekannt vorkam, öffnete Raven eine Tür und die beiden brachten ihn hinein. Den Raum kannte er noch nicht, er war recht geräumig, aber dafür völlig unmöbliert. Nur ein Kamin zierte eine Seite. Dafür kannte er die Person, die unheilvoll grinsend auf ihn wartete, um so besser. Leider.
„Rukschow." stellte er heiser fest.
„Lang nicht mehr gesehen!" grinste der Russe, ehe er sich an seine Wärter wandte. „Bringt ihn her."
Die zwei zerrten ihn unsanft dorthin, wo der Russe ihn haben wollte, und hoben ihm auf einen Wink hin die Arme über den Kopf. Keine Sekunde später schloss sich kühles Metall um seine geschundenen Handgelenke. Sein Hals wurde trocken. Auch wenn er es sich nur ungern eingestand, aber er hatte Angst. Angst vor dem, was nun wieder kommen würde. Severus wusste, dass er seine Toleranzgrenze für Schmerz und Pein so gut wie erreicht hatte. Er würde diese spezielle Askaban-Behandlung nicht mehr lange durchhalten ohne sich selbst zu verlieren.
„Wartet draußen! Das hier ist eine Angelegenheit, die man besser unter 4 Augen regelt."
Unwillkürlich beschleunigte sich sein Atem ein wenig.
Reiß dich zusammen, Severus! Lass ihn nicht gewinnen, gib ihm auf keinen Fall etwas preis!
„So, und nun zu dir!" Rukschow positionierte sich dicht vor ihm und seine eisblauen Augen bohrten sich kalt in die seinen. „Du bist ein guter Schauspieler, das muss ich dir lassen. Aber mich täuscht du nicht. Nicht mich! Ich geb dir eine Chance, mir zu sagen, was ich wissen will. Aber nur eine! Also, wer war vor zwei Tagen bei dir und was hat die Person da gewollt?"
Severus musterte sein Gegenüber etwas eingehender aus halbgeöffneten Augen. Rukschow wusste eindeutig, dass hier etwas faul war, aber er hatte keine Ahnung, dass es Albus war, der ihm einen Besuch abgestattet hatte. Und so sollte das auch bleiben.
Da traf ihn eine harte Faust in den Magen.
„Rede gefälligst, wenn ich dich was frage!"
Keuchend krümmte er sich zusammen, so gut es die Fesseln zuließen. Der Schlag hatte gesessen.
„Okay, ich rede." Er hustete die drei Worte eher aus, als das er sie sprach. Vorsichtig richtete er sich wieder auf und sah seinem Gegenüber ins Gesicht. „Malfoy war bei mir. Er hat da noch eine Rechnung mit mir offen, eine, die ganz in ihrem Sinne sein dürfte."
Rukschows Gesichtszüge versteinerten und seine Faust zuckte abermals, doch er schlug nicht zu.
„Chance vertan! Eine zweite gibt's nicht. Ich weiß, dass du mich anlügst. Malfoy war nur einmal bei dir, die zweite Person sah nur wie Malfoy aus. Also, wer war es? Je eher du mir die Wahrheit sagst, desto weniger unangenehm wird das hier für dich!" Der Russe packte ihn am Hemdkragen und zog ihn ganz dicht an sich. „Also?"
Snape schaffte es, einen fragenden Blick aufzusetzen. „Das war nicht Malfoy? Hat sich aber ziemlich so angefühlt."
Ein leichtes Zittern ging von Rukschows Hand aus, als er auch noch seine zweite an Snapes Kragen platzierte. Sein Unterkiefer zitterte vor unterdrückter Wut.
„Wie du willst, Todesser."
Mit nur einem einzigen Ruck hatte er die Knopfleiste von Snapes Hemd entzweigerissen.
Severus war wie versteinert. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit. Bilder drängten sich ihm auf: Black, der Schmerzen hatte, wenn er sich setzen wollte; Black, der jämmerlich zitternd am Boden lag; Black, der vor jeder Berührung zurückzuckte.
Er hatte den Bogen überspannt. Nun würde Rukschow zu anderen Methoden greifen. Nicht so tückisch wie das Frangoppid, nicht so schmerzhaft wie ein Cruciatus, aber dennoch nicht minder grausam.
Erst als ihm die Luft ausging, merkte er, dass er die Luft angehalten hatte.
Da spürte er die Berührung zweier großer, rauer Hände, die ihm sein Hemd etwas auseinanderschoben. Instinktiv drehte er den Kopf zur Seite, er wollte diesen Kerl dabei nicht auch noch ansehen.
„Interessant. Offenbar weißt du sehr genau, was Schmerz bedeutet." murmelte der Russe vor sich hin. Im nächsten Moment fühlte er wieder diese Hand auf seiner Haut. Die Berührung traf ihn wie ein Schlag und er zuckte zusammen. Ein leises Lachen folgte darauf. Die Finger wanderten über seine ungeschützte Haut, zeichneten den Verlauf einer langen Narbe nach, die noch aus früheren Zeiten aus einem Kampf gegen ein paar Auroren stammte. Auf seinem ganzen Körper machte sich eine Gänsehaut breit. Krampfhaft versuchte er an etwas anderes zu denken, um nur diese Hand zu vergessen, aus seinem Denken beiseite zu schieben.
Da verschwand sie von selbst, und Rukschow auch, nur um hinter ihm wieder stehen zu bleiben.
Er biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe. ‚Hinter ihm' war gar nicht gut.
„Mal sehen, wie's mit deiner Rückseite aussieht."
Sprachs und im nächsten Moment flatterte sein Hemd neben ihm zu Boden, gelobt sei die Zauberei.
Überdeutlich spürte Severus plötzlich die kühle Luft an seinem Oberkörper und Sekunden später auch die rauen Finger, die sich offenbar einen Spaß daraus machten, seine Narben nachzuzeichnen, die an seinem Rücken nur noch zahlreicher waren. Er konnte es nicht verhindern, aber er begann zu zittern. Wieder ertönte ein Lachen hinter ihm.
„Hast du etwa Angst?" fragte der Russe belustigt. „Nicht doch. Sag mir was ich wissen will und es wird alles nicht so schlimm. Oder aber, du beharrst auch weiterhin auf deinem Standpunkt. In diesem Fall bekomm ich, worauf ich schon den ganzen Tag gewartet habe." säuselte er oberflächlich sanft, aber mit scharfem Unterton direkt in Snapes Ohr.
Severus biss die Zähne zusammen. Auf keinen Fall durfte er Albus verraten. Er würde das schon durchstehen. Irgendwie. Wenn Black das schaffte, dann bekam er das auch hin.
Du hast ja gestern gesehen, wie gut Black damit klar kommt, oder? mischte sich da seine sarkastische innere Stimme ein. Und sie hatte verdammt noch mal Recht.
Trotzdem blieb er stumm.
„Schön." Man konnte Rukschow die Vorfreude richtig anhören. „Mir solls Recht sein! Irgendwann wirst du es mir sagen, vertrau mir, denn irgendwann hast du deine Grenze erreicht und du wirst nur noch betteln und winseln, wie alle anderen auch!"
Snape schluckte. Er schloss die Augen und versuchte seinen Geist zu leeren, einfach an gar nichts zu denken. Er wollte davon so wenig wie möglich mitbekommen.
Vor lauter Konzentration hörte er nicht, dass die Schritte sich kurz entfernten und auch das leise Scharren und Knistern blieb ihm verborgen. Severus lauschte nur noch auf seine Atmung, versuchte sie so ruhig wie möglich zu halten und sich zu wappnen für das, was da kommen würde.
Nur dass nicht das kam, was er erwartet hatte.
Er konnte gerade noch etwas Warmes registrieren, als im nächsten Augenblick ein unglaublicher Schmerz seinen Rücken entflammte. Diese brennende Qual traf ihn völlig unvorbereitet. Völlig automatisch bog er seinen Rücken durch, so weit es die Fesseln zuließen, versuchte sich der Quelle dieser Pein zu entziehen, etwas Abstand zwischen sich und das Feuer zu bringen, doch er wurde es nicht los. Unbarmherzig presste sich der Schmerz gegen ihn, ließ ihn nicht los, verfolgte ihn. Er konnte nicht anders, er schrie, schrie die Qual hinaus, schrie, was seine Lungen hergaben.
Dann ließ der Druck plötzlich nach, begleitet von einem feuchten Schmatzen, doch die Pein verschwand nur zu einem kleinen Teil. Seine Beine gaben augenblicklich nach und er sackte in seinen Fesseln zusammen, den Schmerz in seinen Handgelenken gar nicht bemerkend. Keuchend und stöhnend hing er da, Schweiß lief ihm übers Gesicht und den Oberkörper und sein Rücken brannte nach wie vor, als wäre er dem Teufel in den Dreizack gelaufen. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase.
Eine grobschlächtige Hand packte fast sanft sein Kinn und hob es hoch, bis er aus schmerzverschleierten Augen das hämische Grinsen des Russen erblickte.
„Hat weh getan, oder?"
Rukschow hielt etwas in der Hand, das er genüsslich inspizierte. Es war ein langer Metallstab, ähnlich wie ein Schürhaken, nur befand sich am Ende eine flache, eckige Metallplatte, die noch immer rötlich schimmerte. Auf ihrer Oberfläche brutzelte etwas Blut und ein paar Hautfetzen.
„Willst du mir jetzt vielleicht sagen, wer sich da als Malfoy ausgegeben hat?"
„Aaalb…" Flink biss er sich auf die Zunge. Der Schmerz musste seinen Verstand völlig vernebelt haben. Er durfte Albus nicht verraten. Hoffentlich hatte er wirklich so undeutlich genuschelt, wie sich das in seinen Ohren angehört hatte. „Aaba… ich… weiß's… nich…"
Rukschow zuckte nur die Achseln. „Wenn du es so willst… Ich kann hier noch den ganzen Tag weitermachen!"
Der Russe verschwand hinter seinem Rücken und diesmal hörte er das Scharren und Knistern, es kam von dem Eisenstab, der zurück ins Feuer geschoben wurde und sich schnell an der hellroten Glut erhitzte. Nur wenig später zog Rukschow den Stab wieder hinaus und die Schritte kamen wieder näher.
Severus schloss gequält die Augen. Er versuchte sich irgendwie auf das kommende vorzubereiten, doch es war genauso sinnlos wie bei einem Cruciatus-Fluch. Er war viel zu geschwächt, der Schmerz von zuvor vereinnahmte bereits seinen ganzen Körper. Noch mehr davon würde er nicht ertragen können.
„Du hattest deine Chance…" erinnerte ihn Rukschow und Snape biss sich mit verkniffenem Gesicht auf die Unterlippe. Es war soweit.
Da klopfte es unerwartet an der Tür.
„WAS?" schrie Rukschow ungehalten. Er war offenbar stocksauer über diese Unterbrechung.
Ein leises Klacken kündigte das Öffnen der Tür an und ein junger Wärter streckte seinen Kopf voller Unbehagen und einer Spur Furcht durch den Spalt.
„Tut mir leid Sir, ich wollte sie nicht stören. Aber der Zaubereiminister wünscht sie zu sprechen."
Severus lauschte angespannt. Er hörte das aufgebrachte Keuchen des Russen hinter sich.
„Richte ihm aus, ich bin gerade beschäftigt und melde mich, sobald ich hier fertig bin."
Snape biss sich wieder auf die Lippe und zwang sich, ruhig zu atmen. Wieso hatte er auch damit gerechnet, dass einmal etwas zu seinen Gunsten geschehen würde?
„Aber Sir, Mr. Fudge sitzt bereits in ihrem Büro."
„Was?" zischte Rukschow überrascht und wütend zugleich. „Verfluchter Eulenmist!"
Ein lautes Scheppern und Klirren zeugte davon, dass er sein ‚Werkzeug' offenbar wütend zu Boden geworfen hatte. „Dann sag ihm eben, ich bin auf dem Weg! Und jetzt verschwinde!"
Vor Erleichterung schloss Severus die Augen und die Anspannung ließ etwas von ihm ab. Da packte ihn der Russe an den Haaren und riss seinen Kopf brutal nicht hinten. Schmerz biss ihm ins Genick und entlockte ihm ein gequältes Stöhnen, als er die wütende Stimme des Russen dicht an seinem Ohr vernahm. „Diesmal hast du Glück gehabt, du Ratte. Diesmal!"
Dann stieß Rukschow Snapes Kopf energisch von sich und ließ mit einem Wink seines Zauberstabs die Fesseln verschwinden.
Mit einem Mal war jeglicher Halt verschwunden und Severus sackte in sich zusammen. Ein wütendes Tosen waberte durch seinen geschundenen Rücken, als er auf seiner Schulter landete und es ihm die Schulterblätter zusammendrückte. Stöhnend schloss er die Augen.
„Troy, Raven!"
Die Tür öffnete sich und er vernahm Schritte.
„Zieht ihn wieder an und schafft ihn zurück." Damit verschwand Rukschow mit energischen Schritten.
Sirius sah Snape nach und starrte noch eine Weile die bereits wieder geschlossene Tür an. Rukschow hatte ihn holen lassen. Es war, als hätte er diese Tatsache gebraucht, um aus seiner Lethargie zu erwachen. Als Hund war es ihm einigermaßen gelungen, wieder etwas zur Ruhe zu kommen, zumindest bis der Dementor seine Anstrengungen wieder völlig zunichte gemacht hatte. Und auch wenn der Gedanke an Rukschow noch immer eisige Schauer über seinen Rücken jagte, so wurde ihm doch gerade wieder klar, dass er hier nicht alleine war.
Er war nicht allein und er war auch nicht der Einzige, dem hier Schreckliches angetan wurde. Snape war schon mehr tot als lebendig gewesen und Remus war dem Tod nur dank Snape über die Schippe gesprungen.
Ein Seufzen entkam ihm und er rieb sich mit den Fingerknöcheln über die Augen, wie um aufzuwachen. Sein Blick wanderte in die andere Zelle zu seinem Freund hinüber. Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Was er dort sah, gefiel ihm nicht, aber er konnte es nicht ändern. Ihm war von dem Moment an, als Snape ihm erklärt hatte, was für Tränke er Remus eingeflößt hatte, klar gewesen, dass dieser Stärkungstrank nicht allzu lange halten würde, und auch das Schmerzmittel würde nicht bis zu ihrer Verhandlung reichen. Und Remus war krank. Krank und verletzt.
Aus einem Impuls heraus schlug er wütend mit seinen Fäusten neben sich gegen die Wand, ehe er sich von ihr abstieß und mal wieder durch die Gitter huschte. Neben Remus ging er in die Hocke. Er hatte die Augen geschlossen und hustete gerade wieder ziemlich arg. Seine Schultern bebten dabei. Über Remus' bleiches Gesicht hatte sich an seinen Wangen ein Hauch von Rot gelegt.
Endlich ließ das Husten nach und sein Körper kam zur Ruhe. Mit müden Bewegungen zog Remus die Roben enger um sich.
„Hey Moony?" fragte Sirius leise. Sollte sein Freund eingeschlafen sein, wollte er ihn nur ungern wecken, da er ihm doch ungewollt eine schlaflose Nacht beschert hatte.
„Mmhh?"
Sirius ließ sich in die Hocke sinken, damit er Remus näher war. „Wie geht's dir?" fragte er sanft.
„Bin müde. Und mir is kalt." murmelte der Angesprochene leise zurück. „Haben sie Severus mitgenommen?"
„Ja." Sirius streckte die Hand aus und strich Remus eine Strähne aus dem Gesicht, ehe er seine flache Hand auf dessen Stirn legte. Sie war warm, zu warm, wenn auch nicht so heiß wie die von Snape, als er die Nacht im Fieber verbracht hatte. Dafür war dieses Fieber nicht von einem Zaubertrank ausgelöst und würde nicht einfach so wieder verschwinden. Er machte sich Sorgen um Remus, er sah schlecht aus.
„Du hast Fieber." stellte er leise fest.
Der Hauch eines kläglichen Lächelns huschte über Moonys Gesicht. „Ich weiß."
Nach einem kurzen Abstecher in seine Zelle kam Sirius zurück und breitete zusätzlich noch sein Laken über seinem Freund aus. Sorgfältig deckte er ihn zu, ehe er ihm noch mal besorgt und liebevoll übers Haar strich. „Schlaf Moony, schlaf solange du kannst." Du wirst bis zu unserer Verhandlung noch alle Kräfte brauchen, die du sammeln kannst.
Er hatte sich noch nicht richtig erhoben, da hörte er Schritte. Irritiert runzelte er die Stirn. Brachten sie Snape schon wieder zurück? Nach so kurzer Zeit? Entweder war da etwas passiert, oder aber sie brachten nicht Snape zurück, sondern wollten noch einen von ihnen holen.
Schnell kehrte er in seine Zelle zurück und lehnte sich wieder an die Wand, die Gänsehaut auf seinen Armen unverkennbar. Er war jetzt ganz und gar nicht in der Verfassung für ein Verhör, sei es ein richtiges oder ein Rukschow-Spezial-Verhör. Und Remus durften sie nicht holen. Nicht jetzt, nicht in seinem Zustand. Er brauchte Ruhe, nur ein bisschen Ruhe und Frieden, wenn ihm schon niemand eine warme Decke, einen heißen Tee und einen gottverdammten Heiler gönnte.
Sirius verfluchte gerade mal wieder diesen ganzen Ort, mit all seiner Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, als Snapes Tür sich öffnete. Im Flur sah er Raven die Tür aufhalten und Troy, der Snape an den Oberarmen vor sich hielt. Snapes Hemd war auf, das war das erste und auch einzige was ihm auffiel, denn es rief schreckliche Bilder und Vorahnungen in ihm wach. Da grinste Troy auch schon hinterhältig, ließ Snape los, der ziemlich wacklig auf den Beinen war und stieß ihn in den Rücken.
Snape schrie gequält auf und stolperte ein paar Schritte vorwärts, ehe er auf die Knie fiel. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Stöhnend und keuchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht kroch er auf allen Vieren zu seiner Pritsche, wo er sich in eine kniende Position zog und mit zittrigen, fahrigen Bewegungen an seinem Hemd herumnestelte.
Für einen Augenblick war Sirius wie gelähmt. Dieser Schrei war ihm durch Mark und Bein gegangen. Er wusste zwar, dass Snape hier schon viel Schmerz erdulden musste und er hatte ihn auch schon erlebt, wie er vor Pein bewegungsunfähig und stöhnend auf seiner Pritsche lag. Und doch war es etwas ganz anderes, den zugeknöpften, unnahbaren Snape vor Qual schreien zu hören. Ihm gefror regelrecht das Blut in den Adern. Erst als er sah, wie dieser mit seinem Hemd kämpfte – auch wenn er keine Ahnung hatte, was er da wollte – aktivierten sich seine Nervenbahnen wieder und Impulse aus seinem Hirn kamen wieder in seinem Körper an.
Ohne Umschweife eilte er in die Zelle schräg gegenüber, Snape hatte sich derweil schon aus einem Ärmel befreit.
„Was ist…" weiter kam er nicht. Snape unterbrach ihn drängend und gepresst.
„Wasser!"
„Wasser?" fragte Sirius irritiert.
Snape gelang es gerade, sich aus seinem zweiten Ärmel zu befreien, wobei er leise vor Schmerz ächzte. Sirius beschloss, keine Fragen mehr zu stellen.
„Okay, Wasser!"
Als er sich mit dem fast vollen Krug in der Hand dem Tränkemeister zuwandte, hing dessen Hemd nur noch an einem kleinen Stück seines Rückens fest, als wäre es dort festgeklebt. Mit zittrigen Fingern griff Snape hinter seinen Rücken, packte entschlossen das Hemd und zog nach einem kurzen Zögern fest daran. Der halb unterdrückte Schrei, der darauf folgte, ging ihm durch und durch.
„Wasis passiert?" fragte da eine völlig erschöpfte und verschlafene Stimme.
Sirius blickte einen Augenblick zwischen Snape und Remus hin und her. „Ähm.. es ist alles in Ordnung, Moony. Leg dich wieder hin und versuch zu schlafen. Wir kommen schon klar. Alles okay."
Erleichtert atmete Sirius aus, als sich Remus' Kopf wieder schwer auf die Pritsche senkte. Sollte er ruhig schlafen, er konnte hier sowieso nichts ausrichten.
Black wandte sich wieder um und ihm genügte ein einziger Blick, um zu wissen, dass nichts okay war. Snape hing kniend vor seiner Pritsche, sein Kopf ruhte auf seinem ausgestreckten, linken Arm, dessen Hand zur Faust geballt war. In seiner rechten hielt er noch immer sein Hemd umklammert. Seine Zähne waren fest zusammengebissen, seine Augen zugekniffen. Sein Atem ging schnell und stoßweise. Auf seinem Rücken prangte ein blutrotes, fleischiges Rechteck, zähes Wundsekret vermischt mit Blut lief in dünnen Rinnsalen seinen Rücken hinunter. Und neben all dem prangte kohlrabenschwarz das Dunkle Mal auf seinem Unterarm.
„Black…" keuchte der Tränkemeister leise. „… das Wasser… bitte…"
Sirius konnte nichts dagegen tun, sein Unterkiefer sackte einfach etwas tiefer, als er das hörte. Severus Snape hatte ihn gerade um etwas gebeten. Wäre er nicht in Askaban, würde er sich diesen Tag rot im Kalender anstreichen.
Heftig schüttelte er den Kopf. Für solche Gedanken hatte er jetzt wirklich keine Zeit. Snape war offenbar gebrandmarkt worden. Er konnte sich nicht mal annähernd vorstellen, was für Schmerzen solche eine Wunde hervorrufen mochte, aber Kühlung würde sicherlich Linderung verschaffen. Und vermutlich auch zu einer Infektion führen, aber hier musste man abwägen.
„Leg dich seitlich auf die Pritsche, sonst durchnäss ich noch deine Hose mit und du holst dir auch noch ne Erkältung."
Mit fahrigen Bewegungen kam Snape seiner Aufforderung nach und sank schließlich vor Schmerz zitternd zur Seite. Sirius stellte sich neben seinen Leidensgenossen, den Krug zur Hand. Die Verbrennung sah wirklich schlimm aus.
„Das wird weh tun, Snape."
„Mach schon."
Und Sirius setzte den Krug an und ließ ganz vorsichtig eine kleine Menge Wasser so über Snapes Rücken laufen, dass es oberhalb der Wunde auftraf. Sofort zuckte der geschundene Körper unter ihm zusammen und versuchte dem Wasser irgendwie zu entgehen. Gequältes Stöhnen erklang.
„Snape?" fragte Sirius mit ungutem Gefühl nach. Es behagte ihm nicht, diesem Mann noch zusätzlich solche Schmerzen zu bereiten. Aber die Antwort war unmissverständlich, wenn sie auch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgequetscht wurde.
„Nicht… aufhören…"
Nach einem kurzen Zögern streckte er unsicher die Hand aus und legte sie beruhigend auf Snapes Schulter, auch um ihn ein wenig festzuhalten. Vorsichtig und langsam goss Sirius weiter kühles Wasser über die Wunde und sah zu, wie es sich rötlich färbte und auf den Boden tropfte. Jedes Platschen auf dem Boden machte ihm deutlicher, dass er hier ihr einziges Trinkwasser wegschüttete und doch, wie sollte er Snape sonst Linderung verschaffen? Nach einer Weile ließ das Zittern nach und das schwere Atmen beruhigte sich etwas. Als der Krug leer war, stellte er ihn zur Seite und legte Snape wieder seine Hand auf die nackte Schulter. Schweiß stand dem Spion auf der Stirn und seine Augen waren geschlossen.
„Geht es einigermaßen?" fragte er besorgt. Snape war sonst ein harter Kerl, der einiges aushielt und ihn so schwach zu sehen, beunruhigte ihn über die Maßen, er konnte sich selbst nicht richtig erklären wieso.
Ein schwaches Nicken folgte. „Ein bisschen… besser…"
„Wenn es wieder schlimmer wird, sag es. Noch haben wir Wasser, hörst du?"
Aber Snape reagierte nicht. Unschlüssig stand er eine Weile da, dann griff er sich das Hemd und auch Snapes Laken und begann damit, beides vorsichtig über den Verletzten zu drapieren, möglichst so, dass er zwar möglichst gut zugedeckt war, aber die Wunde nicht überdeckt wurde.
Nachdenklich kehrte er in seine Zelle zurück und ging langsam auf und ab. Mit der Zeit wuchs diese innere Unruhe, die er spürte immer mehr an. Zweifel nagten an ihm. Sie hatten nicht mehr lang, nur mehr ein paar Tage. Albus konnte es unmöglich schaffen, in dieser kurzen Zeit Harry zu befreien und einwandfreie Beweise für ihre Unschuld heranzuschaffen. Das war unmöglich.
Aber wenn es ihm nicht gelang, dann waren sie verloren. Wenn sie das nicht sowieso schon waren. Von Tag zu Tag grub Askaban seine Spuren tiefer in ihre Körper und ihre Seelen. Selbst wenn sie hier wieder rauskamen – was Sirius bereits nicht mehr zu hoffen wagte – würden sie nicht mehr dieselben sein. Keiner von ihnen.
Ich weiß, auch das war wieder überaus fies, aber so bin ich nun mal *g* (zumindest mein Autoren-Ich ist fies)
Hat's euch gefallen? Fandet ihr es schrecklich?
Egal, lasst es mich einfach wissen!
Bye,
Bella
