Und weiter geht's! Diesmal auch wieder mit Harry und dem Orden - zumindest einem Teil!
Viel Spaß!
Rettende Mistelsonne
In einem anderen Verließ in England…
Ausgelaugt ließ er seinen schmerzenden Kopf nach hinten an die raue Wand sinken. Doch die Gedanken in seinem Hirn kreisten auch weiterhin immer wieder um dieselben Dinge. Er konnte sie nicht abstellen, was wohl der Grund für seine Kopfschmerzen war. Harry rieb sich die Augen und seufzte leise. Das war alles seine Schuld, nur seine Schuld. Okay, vielleicht nicht alles, aber einiges. Hätte er doch nur ein bisschen nachgedacht, dann wäre er nicht mitten in Voldemorts Falle gelaufen. Und wäre er seine versuchte Flucht etwas überlegter angegangen, dann wäre er vielleicht auch nicht mitten in Voldemort hineingerannt.
Als er in der Dunkelheit wieder zu sich gekommen war, hatte er sich wieder in seinem Kellerverlies befunden, nur dass eine dicke, stabile Eisenkette an seinem Fußgelenk und der Wand diesmal verhinderte, dass er auch nur über Flucht nachdachte. Nur wenig später hatte ihm Voldemort gleich einen amüsanten Besuch abgestattet und ihm per Cruciatus klar gemacht, was er von seinem kleinen Ausflug hielt. Und er hatte ihm ein kleines ‚Geschenk' dagelassen.
Direkt vor ihm an der gegenüberliegenden Wand stand er, dieser große Spiegel, den Voldemort ihm schon mal gezeigt hatte.
Da sah er es wieder. Die Spiegeloberfläche schien irgendwie flüssig zu werden, waberte in schillerndem Silber, wie die Oberfläche eines schimmernden Sees. Doch er wusste genau, dass die Schönheit dieses Bildes schon sehr bald dem puren Grauen weichen würde. Gequält verzog er das Gesicht und wandte es ab. Er wollte nicht sehen, was ihm der Spiegel zeigte. Wollte nicht schon wieder Zeuge von all dieser Qual und Grausamkeit werden. Er konnte es nicht ertragen zuzusehen. Ganz egal, ob das, was der Spiegel ihm zeigte, nun Realität war oder nur Voldemorts kranker Phantasie entsprungen.
Zum ersten Mal hatte der Spiegel am Morgen nach seiner Flucht plötzlich zu wabern begonnen. Als er dann wieder das Bild der Gefängniszelle in Askaban zeigte, hatte Harry wie gebannt zugesehen und gelauscht. Jedes noch so kleine Detail hatte er in sich aufgesogen, völlig unbewusst. Nur Lupin und Snape waren in ihren Zellen, Sirius war weg. Die beiden wirkten wieder etwas fitter und hatten ein bisschen mehr Farbe im Gesicht als beim letzten Mal, doch ihre Gesichter wirkten dennoch ausgezehrt. Ein notdürftiger Verband zierte Lupins linke Hand und an Snapes Schläfe war eine noch recht frische Verletzung zu erkennen. Außerdem hatte Harry geglaubt, auf dem Boden der Zellen überall Blutspuren zu erkennen.
Lupin war aufgescheucht durch die Zelle gelaufen bis Snape ihn angefaucht hatte, was Lupin völlig zum Explodieren gebracht hatte, etwas, dass Harry völlig erschüttert hatte, denn so kannte er diesen gutmütigen Menschen nicht. Genauso erschreckt hatte ihn Snape, der dafür plötzlich so menschlich und fast freundlich gewirkt hatte, als er Lupin versicherte, dass sie zusammenhalten müssten und er Sirius helfen würde.
Doch all das war nichts gewesen im Vergleich zu dem Grauen, das ihn gepackt hatte, als man Sirius in dem Moment in die Zelle gebracht hatte. Sein Magen hatte sich völlig umgedreht und er hatte das Zittern seines Körpers einfach nicht mehr unter Kontrolle bringen können. Den halben Tag lang hatte er sich immer wieder gefragt, ob diese Bilder wohl der Realität entsprachen. Die Bilder waren überzeugend, das, was gesprochen wurde vielleicht nicht immer typisch, aber es passte dennoch zu den Personen und außerdem konnte er sich nicht vorstellen, wieso Voldemort sich die Mühe machen sollte, ihn so aufwendig zu quälen. Er hätte auch einfach zur gewöhnlichen Folter greifen können.
Irgendwas in ihm sagte ihm, dass diese Bilder real waren. Was umso schlimmer war, als später am Tag dann dieser schreckliche Satz von Sirius fiel. Dieses eine Wort hatte sich in Harrys Gehirn gebrannt und dort für immer festgesetzt: vergewaltigt.
Von diesem Moment an waren seine Schuldgefühle ins Unermessliche gestiegen und er hatte die ganze Nacht kaum ein Auge zugebracht, und wenn doch, dann hatten ihn schreckliche Albträume heimgesucht.
Und jetzt waberte dieser Spiegel schon wieder. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass das Bild sich bereits gefestigt hatte. Er wollte es nicht sehen, wollte nicht noch mehr von diesen Dingen wissen und doch zog dieses Bild ihn wie magisch an. Das waren immerhin sein Pate, ein Freund, wenn man so wollte, und der Mensch, der ihm schon mal das Leben gerettet hatte.
Das Bild hatte sich inzwischen ziemlich verändert. Lupin lag blass und reglos in Roben und Laken gepackt auf seiner Pritsche, bis ihn ein heftiger Hustenanfall schüttelte. Sirius gesellte sich zu ihm. Verblüfft stellte Harry fest, dass Schnuffel sich zwischen den Zellen bewegen konnte, wie er wollte.
Sirius sprach sanft mit Lupin und stellte fest, dass er Fieber hatte, etwas das Harry Angst machte. Askaban war nicht unbedingt ein Ort, an dem man krank sein sollte. Doch schon wenig später huschte Sirius zurück und kurz darauf öffnete sich Snapes Tür. Ein unheimlicher, großer, bulliger Wärter stand draußen und stieß Snape hinein, der durch diesen Schlag gequält aufschrie und schließlich auf die Knie sank. Er sah noch, wie Sirius ihm zu Hilfe eilte und Snape ihn keuchend um Wasser bat und sich das Hemd vom Rücken riss, nur um zusammen mit einem erneuten Schrei die hässliche Brandwunde zu entblößen, dann waberte der Spiegel wieder und zeigte ihm schließlich nur noch sein eigenes geschocktes Antlitz.
Snape hatte geschrieen. Sie hatten ihm den Rücken verbrannt. Wie konnte man nur so grausam sein? Wie konnte man so etwas nur zulassen?
Eine Gänsehaut überzog seine Arme. Dieser Spiegel zeigte ihm, was er bisher nie hatte wahrhaben wollen, nämlich dass die starken Erwachsenen, die immer in irgendeiner Weise hinter ihm gestanden hatten, die ihn beschützt hatten, jeder auf seine Weise, dass genau diese Menschen nicht so stark, so unerschütterlich waren, wie er immer gedacht hatte.
Sie litten Schmerz und Qual, Hunger und Sorge.
Hart schlug er seinen Kopf nach hinten an die Wand, dass er Sterne sah.
Wieso? Wieso musste das geschehen? Nur weil Voldemort ihn töten wollte? Nur weil Voldemort ihn quälen wollte? Dann lief es darauf hinaus, dass es geschah, weil er lebte…
Stumme Tränen rannen über seine Wangen.
„Es tut mir so leid!" murmelte er leise vor sich hin.
Zurück in Askaban…
Sirius bedachte seinen Freund nochmals mit einem prüfenden Blick, dann ließ er den Kopf auf seine Pfoten sinken und schloss die Augen, die Ohren aufmerksam aufgestellt. Ihm würde nichts entgehen. Ihm durfte nichts entgehen.
Kurz nachdem er Snape in seiner Zelle zurückgelassen hatte, war er zu Remus hinübergehuscht und hatte dort damit begonnen ihm kühlende Umschläge auf die Stirn zu legen. Er hatte so tief geschlafen, dass er es nicht mal bemerkt hatte. Wenn Remus das nächste Mal aufwachte, dann musste er ihm auch unbedingt etwas zu Trinken einflößen. Er brauchte Flüssigkeit um mit dem Fieber einigermaßen klar zu kommen.
Zwischen dem Wechseln der Umschläge war er unruhig auf- und abmarschiert, doch schon bald hatte sich die kühle Luft in ihrem Gefängnis in seine Haut gefressen und er hatte sich lieber in seine Animagusform geflüchtet, da er seine ‚Decke' bereits an Remus gegeben hatte. Im ersten Moment hatte er nur die Nase rümpfen können, doch inzwischen bemerkte selbst der Hund den Gestand nach Urin, Blut und Schweiß schon kaum mehr.
Die Zeit verging, der Tag zog sich in die Länge. Remus schlief, nur gestört durch seinen Husten und bei Snape war es auch still, oder?
Der Hund stellte sein rechtes Ohr weiter auf und klappte es etwas zur Seite, damit er besser in Snapes Zelle hineinlauschen konnte. Und tatsächlich, er hörte ein ganz leises, zischelndes Geräusch, wie wenn jemand versuchte ein heftiges Ausatmen zu unterdrücken. Alarmiert hob er den Kopf und setzte sich auf. Langsam tappte er in die andere Zelle und horchte noch mal genauer am Ort des Geschehens. Snape atmete gepresst und keuchend, außerdem zitterten seine Schultern.
Schnell verwandelte er sich zurück und beugte sich über die liegende Gestalt. Auf Snapes Stirn prangten große Schweißperlen, seine Augen waren zugekniffen und seine rechte Hand steckte in seinem Mund, besser gesagt sein rechter Zeigefinger. Er biss ziemlich stark darauf und atmete schwer.
„Snape?"
Erschrocken zuckte der Angesprochene zusammen und riss die Augen auf. Der Finger rutschte ihm aus dem Mund und Sirius konnte die dunkelblauen, teils blutigen Zahnabdrücke darauf erkennen. Dieser Anblick traf ihn wie ein Schlag und am liebsten hätte er sich selbst geohrfeigt für seine Dummheit. Wie hatte er auch glauben können, dass Snape ihm Bescheid sagen würde?
„Oh du unsagbar dämlicher Idiot! Wie schlimm ist es?"
„Geht… schon…" brachte Snape mühsam hervor.
Seufzend zog Sirius eine Augenbraue hoch. „Natürlich!" Er streckte die Hand aus und zog ganz bewusst das Laken etwas zurecht, wobei er – rein zufällig (Ironie lässt grüßen) – seine Haut mehrere Zentimeter unterhalb der Wunde leicht berührte. Augenblicklich zuckte dieser vor der Berührung zurück und stöhnte verhalten auf.
„Verdammt Snape, wieso zur Hölle sagst du nichts?" fuhr Sirius ihn ungehalten an.
Resigniert schloss dieser die Augen. „Das Wasser… muss noch… bis morgen reichen…"
„Seit wann bitte verhältst du, ausgerechnet du, dich so verdammt gryffindorisch? Dann trink ich halt heute nichts mehr, na und? Das überleb ich schon. Auf jeden Fall besser als du, so wie du dich jetz schon quälst."
Snape wandte nur sein Gesicht etwas mehr ab.
Sirius verdrehte ungläubig und verärgert – mehr über sich selbst als Snape – die Augen und begann mit der Wasser-Umschütt-Aktion durch die Gitterstäbe hindurch. Schließlich nahm er noch einen Schluck ehe er sich wieder an den Tränkemeister wandte.
„Du solltest vielleicht auch noch einen Schluck trinken."
„Nicht… jetzt…" brachte Snape gequält hervor.
„Gut, dann Vorsicht, ich fang an. Das wird wieder schmerzhaft."
„Ach…" ließ sich Snape vernehmen.
Als das Wasser begann langsam zu fließen, stöhnte dieser qualvoll auf. Doch diesmal dauerte es nicht so lange, bis er sich entspannte und als Sirius den Krug geleert hatte, da sank er kraftlos zusammen, so sehr hatten ihn die Schmerzen erschöpft.
Den Kopf schüttelnd kehrte Sirius zu Remus zurück. Nachdenklich wechselte er dessen kühlen Umschlag, der sich bereits wieder erwärmt hatte.
War das dort drüben der wahre Snape? Der Mann unter der Maske?
Aber Snape so… um das Wohl anderer besorgt?
Sirius konnte es nicht glauben. Mit schief gelegtem Kopf und ehrlich verwundertem Blick schaute er zu seinem einstigen Feind, seinem persönlichem Widersacher. Hatte er tatsächlich diese unglaublichen Schmerzen in Kauf genommen, weil er nicht ihr Wasser verschwenden wollte?
Oder war das nur eine Ausrede gewesen um nicht zugeben zu müssen, dass er zu stolz war, ihn, Sirius Black, um etwas zu bitten?
„Nein." murmelte er. Der Gedanke war absurd, aus vielerlei Gründen. Snape hatte ihn bereits um etwas gebeten, und Großmut vorzutäuschen um seinen Stolz zu tarnen… das war absolut lächerlich.
„Wer bist du wirklich, Snape?" fragte er sich leise, ehe er es sich in Hundeform auf dem Boden gemütlich machte.
Der Tag neigte sich gefühlsmäßig langsam seinem Ende zu. Remus schlief immer noch tief und fest, hustete immer wieder und zitterte gelegentlich. Sirius wechselte die Umschläge, wobei er darauf achtete, so wenig Wasser wie möglich zu benutzen, denn es musste noch die ganze Nacht reichen. Außer Remus' Krug war nichts mehr da. Und Snape schien auch eingeschlafen zu sein. Jedenfalls war es vollkommen still auf der anderen Seite der Gitterstäbe. Demnach waren die Schmerzen der Brandwunde inzwischen zumindest erträglich.
Sirius schauderte. Er hatte sich mal bei einem missglückten Zauber den Handrücken leicht verbrannt, nur eine kleine Brandblase, mehr nicht und das hatte schon so höllisch geschmerzt, dass er sich gar nicht vorstellen wollte, wie sich dieser geschundene Rücken anfühlen musste.
Da vernahm er es wieder einmal. Dieses verhasste Geräusch.
Schritte.
Jede Menge Schritte.
Schnell griff er nach dem Lappen auf Remus' Stirn und ließ ihn verschwinden und flüchtete sich danach auf seine eigene Pritsche. Nur wenig später wurden die Türen aufgerissen, alle drei. Völlig verkrampft hockte Sirius da, bis er den Teller in der Hand der Männer sah, welche die Zellen betraten. Erleichtert atmete er aus.
Wortlos wurde ihnen das Essen hingestellt und mit einem kleinen Zauberstabschlenker entleerten sich die inzwischen doch recht gefüllten und vor allem stinkenden Latrinen. Ein lautes, synchrones Rumsen begleitete die zufallenden Türen. Dann war es wieder still. Sirius brauchte nicht mal mehr einen Blick auf den Teller zu werfen, um zu wissen, dass es wieder Durchfallbrei gab. Hier gab es nie etwas anderes. Und trotzdem, beim bloßen Gedanken an Essen zog sich ihm schmerzhaft der Magen zusammen, solch einen Hunger hatte er.
Ohne groß nachzudenken huschte er zu Snape hinüber, hob den Teller auf und stellte sich neben ihn. Snape hatte die Augen geschlossen, der Arm mit dem Dunklen Mal diente ihm als Kopfkissen. Sein Gesicht war fahl.
„Snape?"
„Hm?"
„Du bist ja wach."
„Nein, bin ich nicht." murmelte er demonstrativ.
„Sie haben etwas zu Essen gebracht. Nichts besonderes, das Übliche eben, aber… du solltest was davon essen."
Langsam öffneten sich die dunklen Augen und Snape sah zu Sirius hinauf. Sein Blick wirkte müde und ausgelaugt.
„Essen?" Es hörte sich an, als würde er testen wollen, wie sich das Wort auf seinen Lippen anfühlte, so fremd war es doch schon geworden. „Na gib schon her!" grummelte er und griff nach dem Teller, den Sirius ihm hinhielt. Ziemlich wackelig und gerade noch so brachte Snape den Teller auf der Pritsche zwischen sich und der Wand zum Stehen, er war beinahe zu schwer für seine kraftlosen Hände. Ungelenk schlossen sich seine klammen, weißen Finger mit den bläulichen Nägeln um den Löffel.
„Kommst du klar?"
„Willst du mich füttern oder was? Natürlich komm ich klar. Noch bin ich kein Invalide, Black!" In Snapes Stimme war beinahe wieder der alte Biss zurückgekehrt bei diesen Worten, aber eben nur beinahe.
„Ich bin bei Remus." Damit verschwand Sirius.
Remus lag immer noch unverändert da. Mit dem Teller an seiner Seite kniete er sich hin und streichelte Remus sachte über die warme Stirn.
„Hey, Moony, wach auf. Moony, bitte. Es gibt etwas zu Essen. Remus, bitte, mach die Augen auf." sprach er sanft auf seinen Freund ein.
„Was is?" murmelte der Angesprochene undeutlich.
„Hey Moony, ich hab hier was zu Essen. Und du solltest was davon probieren, nur ein bisschen was. Du brauchst was, um deine Energiereserven wenigstens ein klein wenig zu füllen. Hörst du?"
Schwerfällig hoben sich seine Lider und gaben den Blick auf glasige, goldbraune Augen frei. Langsam zog er einen Arm unter sich und stütze sich etwas auf. „Essen? Wirklich?"
Sirius grinste, auch wenn er sich nicht wirklich danach fühlte. „Ja, wirklich."
Er stellte Remus den Teller auf die Pritsche und sah zu, wie dieser sich nahezu in Zeitlupe einen Löffeln in den Mund schob und träge darauf herumkaute. Doch schon nach dem zweiten Löffel legte er diesen wieder zur Seite.
„Ich kann nicht mehr." stellte er halb resigniert, halb verblüfft fest, mit einer Hand auf seinen Magen gedrückt, wo er es leise gluckern spürte. Entkräftet ließ er sich zurücksinken und änderte seine Position dabei ein wenig.
„Schon gut, Moony. Kann ich nachvollziehen." meinte er lächelnd, auch wenn in seinem Inneren die Sorge wieder aufs Neue explodierte, obwohl er wusste, dass man nach so langem Nahrungsmangel kaum etwas runterbrachte. „Aber trink noch was, bevor du dich hinlegst. Bitte."
Nach ein paar Schlucken Wasser war Schluss und Remus schloss erschöpft die Augen.
Mit zusammengebissenen Zähnen kehrte Sirius in seine Zelle zurück und löffelte selbst ein wenig von dem geschmacklosen Brei. Seine besorgten Blicke galten Remus und Snape.
Bitte Albus, beeil dich!
Wenig später wurden ihre Teller wieder abgeholt und das Schließen der Türen läutete die Nacht in Askaban ein. Dunkelheit umfing die drei und verhalf zumindest Remus und Snape zu erholsamen Schlaf. Sirius kehrte vorsichtig zu Remus zurück und legte den Lappen zurück an seinen Platz.
Als Tatze rollte er sich halb unter Remus' Pritsche zusammen, der Geruch seines Freundes half ihm einigermaßen, mit den quälenden Eindrücken der Dunkelheit fertig zu werden, Erinnerungen zurück zu drängen und die Angst zumindest niedrig zu halten.
Der neue Tag brachte nicht viel Neues, außer frischem Wasser.
Sirius war froh, die Nacht überstanden zu haben. Es lag wohl im Wesen der Dunkelheit, dass sie all die schlechten Gefühle, die man tagsüber ganz gut im Zaum halten konnte, aus ihren Verstecken lockt. Einsamkeit, Furcht, schreckliche Erinnerungen, Sorge, Schmerz…
Remus Fieber schien in der Nacht ein wenig zurückgegangen zu sein und ließ sich auch im Laufe des Tages ganz gut im Zaum halten. Später am Tag erhob sich Remus sogar von seiner Pritsche und vertrat sich ein wenig die Beine. Er fühlte sich wieder ein wenig besser. Und er war mehr als erschüttert, als er erfuhr, was mit Snape bei seinem letzten Verhör geschehen war.
Snape dagegen hätte sich gewünscht, ewig weiterzuschlafen, denn das Erwachen brachte unweigerlich den unbarmherzig brennenden und ziehenden Schmerz zurück, den er am Abend zuvor hinter sich gelassen hatte. Sirius half ihm nochmals mit etwas Wasser, dann ging es besser, es wurde erträglich im Vergleich zu gestern und dennoch zehrte es unglaublich an seinen Kräften, diesem ständigen Schmerz zu trotzen. Seine Hände fühlten sich kalt an, dagegen half auch Kneten und Wärmen und Bewegen nicht.
Es wurde wenig gesprochen, nur das Nötigste, meistens hing jeder seinen eigenen düsteren Gedanken nach. Doch als der Tag sich dem Ende entgegenneigte, änderte sich das.
„Irgendwas stimmt hier nicht." sagte Sirius unvermittelt, während er gerade in seiner Zelle hin und her lief.
„Ja, der Zimmerservice fehlt." nörgelte Snape, doch seinem Sarkasmus fehlte die Schärfe. Er stand gerade mit nacktem Rücken an die Tür gelehnt. Ihm war bewusst, dass er sich die unvermeidliche Entzündung – Brandwunden zogen Entzündungen nahezu magisch an - dadurch nur noch schneller einfangen würde, aber das kühle Metall beruhigte seine geschundenen Nerven ein wenig.
„Das mein ich nicht, Snape."
„Was dann?" wollte Remus wissen. Im Moment saß er in Laken und Roben gewickelt und mit angezogenen Beinen auf seiner Pritsche, den Kopf auf den Knien abgelegt. Seine Augen glänzten immer noch glasig.
Sirius blieb stehen und sah die beiden der Reihe nach an. „Was denkt ihr, wie lange es noch dauert, bis das Licht wieder ausgeht?"
Remus zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, 20 Minuten, vielleicht weniger, vielleicht mehr. Wieso?"
Snapes Augen dagegen verengten sich und eine steile Falte zog sich zwischen seinen Augen zu seiner Stirn hinauf. „Es ist zu ruhig." stellte er fest. Ihm selbst war es gar nicht aufgefallen, er war viel zu sehr mit seinen Schmerzen beschäftigt gewesen.
Black nickte. „Bisher verging kein Tag ohne Verhör, nicht einer. Das letzte war gestern Vormittag irgendwann. Seither ist es ruhig. Zu ruhig."
„Irgendwas stimmt hier nicht." meinte jetzt auch Remus, der seine Beine beunruhigt von Sirius' Worten gleich noch etwas enger an sich zog.
Snape stimmte dem zu. „Ich trau dem Ganzen nicht."
„Ich auch nicht. Ich traue Rukschow nicht." gab Sirius zurück.
Nervös nahm Sirius seine Wanderung wieder auf, Remus machte sich etwas kleiner und versuchte sich nicht auszumalen, was wohl der Grund für dieses seltsame Verhalten war. Und Severus, dem gelang es jetzt sehr viel besser, seine Wunde zu ignorieren, da sein Verstand mit etwas beschäftigt war. Nur wusste er jetzt nicht mehr, was ihm lieber gewesen wäre. Diese Entwicklung beunruhigte ihn dann doch sehr.
Auch als das Licht schließlich verlosch, hatte sich keine der drei Türen bewegt.
Nicht einer von ihnen fand in dieser Nacht besonders gut Schlaf.
Selber Abend in Hogwarts…
Dumbledore saß an seinem Schreibtisch, den Kopf nach vorne gesunken in seinen Handflächen verborgen. Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne ließen sein Haar schimmern und die dunkelrote Robe wie königliches Purpur aussehen. Sie folgte eben ihren eigenen Gesetzen, sie interessierte sich nicht für die lächerlichen Belange der Menschen und auch nicht dafür, dass ihr zauberhaftes Licht gerade in diesem Moment auf dieser Person wie der reinste Hohn wirkte. Denn Dumbledore war Welten davon entfernt, sich königlich zu fühlen. Er war geistig völlig erschöpft und ausgebrannt, ihm gingen die Ideen aus und das stetige Ticken des Sekundenzeigers seiner alten Standuhr hörte sich für ihn an wie das langsame Reißen der Schnur, an der das Damokles-Schwert über seinem Nacken baumelte.
Vor drei Tagen war er bei Severus in Askaban gewesen und hatte dort mehr gesehen, als ihm lieb war, und zu wenig, um gezielt handeln zu können.
Der Zustand, in dem sich sein Freund befunden hatte, als man ihn zu ihm gebracht hatte, war erschreckend gewesen und hatte ihm mehr als deutlich gemacht, dass hinter den Mauern Askabans mehr als nur Dementoren lauerten. Dort war eine menschenverachtende Ungerechtigkeit am Werke und er konnte nichts dagegen tun, solange er nicht Peter Pettigrews habhaft wurde.
Immerhin hatte er dank Severus einen kleinen Hinweis darauf bekommen, wo sich Voldemort zur Zeit aufhielt, doch wenn er ehrlich war, hatte er nicht viel mehr als Sterne und den Vollmond gesehen, dazu Nadelbäume und den Geruch des Meeres. Anhand der Sterne hatte er immerhin herausgefunden, dass Voldemort sich in England aufhielt, irgendwo an der Küste. Aber wo genau?
Er selbst kannte die Vorliebe seines Widersachers für alte, einst prunkvolle Gemäuer, ehemalige Schloss- und Burgruinen, die von den Muggeln wegen ihrer Baufälligkeit oder wegen alten Spukgeschichten gemieden wurden. Doch hier in Britannien gab es einfach zu viele dieser Gebäude.
Seit drei Tagen suchte er jetzt schon gemeinsam mit jeder verfügbaren Person des Ordens sämtliche englische Küstengebiete ab, doch auf diese Weise kamen sie nicht schnell genug voran. Gerade eben hatte ihm Arthur Weasley berichtet, dass das alte Gutshaus an der Ostküste, das er unter die Lupe genommen hatte, wieder mal ein Fehlschlag war.
In viereinhalb Tagen war die Verhandlung.
In viereinhalb Tagen war ihre Frist abgelaufen.
In viereinhalb Tagen würden Severus, Sirius und Remus verurteilt werden.
Und Harry war immer noch irgendwo da draußen, gefangen von Voldemort.
Langsam verschwand die Sonne hinter dem Horizont und hinterließ nur noch einen matten Schein ihres strahlenden Lichts. Schatten krochen langsam aus ihren täglichen Verstecken und eroberten die Dämmerung. Müde hob Dumbledore sein Gesicht, sein Blick wirkte stumpf. Das matte Zwielicht um ihn herum schmeichelte ihm überhaupt nicht, zeichnete es doch jede Falte seines Gesichts mit dunklen Schatten nach. Aber immerhin verschleierte es nichts, es zeigte ihn so, wie er im Moment war.
Ein alter Mann, der nicht mehr wusste, was er tun sollte.
Wieder in Askaban…
Halt suchend stützte Remus sich gegen die raue Wand. Langsam klärte sich die Dunkelheit um ihn herum wieder und die Farben kehrten in seine Welt zurück. Seine andere Hand hielt er an seine Brust gepresst. Atemlos schnappte er nach Luft. Diese Hustenattacke war wirklich schlimm gewesen, sogar Tränen standen ihm in den Augen.
„Sie sollten sich lieber setzen, Lupin."
Er nickte schwach, Snape hatte vielleicht Recht. Aber er hatte einfach ein bisschen Bewegung gebraucht. Vom ständigen Liegen taten ihm alle Glieder weh, wärmer wurde ihm dadurch auch nicht und seinen Kreislauf hatte er so auch etwas in Schwung bringen können. Wäre nur dieser verdammte Husten nicht. Fahrig setzte er sich und zog die mäßig wärmenden Schichten um sich enger zusammen.
Ein Blick zeigte ihm, dass Snape wieder an der Tür lehnte, um seine brennende Wunde zu kühlen. Sein Hemd hatte er sich inzwischen falsch herum wieder angezogen, dennoch zitterten seine Arme leicht. Er fror und die kalte Tür machte das nicht besser, aber ohne die Kälte der Tür quälte ihn seine Verletzung zu sehr. Da war ihm lieber kalt.
In der Zelle gegenüber lag der schwarze Hund zusammengerollt da und schlief endlich. Zwei Nächte und fast zwei volle Tage hatte er jetzt damit verbracht, ihm kühle Tücher auf die Stirn zu legen und sich dabei nicht erlaubt, einzuschlafen. Die letzte Stunde in etwa war Sirius unruhig hin- und hergelaufen, doch auch heute war niemand von ihnen geholt worden. Aber jetzt schlief er. Und das war gut so.
„Was glaubst du macht Albus gerade?" fragte Remus leise. Er griff nach dem Lappen und legte ihn sich auf die Stirn, wobei er den Kopf nach hinten an die Wand lehnte.
Snape sah nicht auf, gab mit keiner Bewegung zu verstehen, dass er ihn gehört hatte.
„Ich weiß es nicht. Ich denke, er wird mit allen Mitteln versuchen, Potter zu finden."
„Ich hoffe, er findet Harry und kann ihn da rausholen, bevor Voldemort es doch noch schafft, seine Pläne zu verwirklichen." murmelte Remus vor sich hin.
Snape seufzte leise. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm genug zeigen konnte."
Remus runzelte die Stirn, ehe ihm klar wurde, wovon Severus sprach.
„Du hast getan, was du konntest, Severus. Jetzt kann keiner von uns noch was tun. Wir können nur noch abwarten und durchhalten… und hoffen."
Schnaubend trat Snape von der Tür weg. „Hoffen…"
„Ja, hoffen! Ich bin nicht dumm, Severus, ich weiß sehr wohl, dass unsere Situation ziemlich… okay, durch und durch hoffnungslos ist. Und dennoch, ich hoffe, dass Albus Harry findet und ihn wohlbehalten zurückbringt, und ich hoffe, dass es ihm noch rechtzeitig gelingt, uns hier irgendwie rauszukriegen. Ich muss es einfach. Woher sollte ich sonst die Kraft schöpfen, mich hier Tag für Tag durchzuquälen? Wozu sollte man durchhalten, wenn am Ende keine Hoffnung auf Rettung besteht? Hast du die Hoffnung schon aufgegeben?"
„Ach Lupin," halb genervt, halb resigniert ließ sich Snape auf seine Pritsche sinken und deckte sich mit dem Laken zu, „in gerade mal 3 Tagen und einer Nacht ist unsere Verhandlung. Albus' einzige Möglichkeit unsere Unschuld zu beweisen ist Pettigrew und Potter ist immer noch in der Macht des Dunklen Lords und sie sprechen von Hoffnung?"
Wieder schnaubte er verächtlich, aber seine Augen hatte er schon geschlossen. Die Kälte und die Erschöpfung, die der ständige Schmerz mit sich brachte, machten ihn müde, schrecklich müde. Seine Gedanken wurden träger und langsamer.
Remus schüttelte kaum merklich und irgendwie traurig den Kopf. „Wie hältst du das aus? Wie wirst du mit all dieser Folter hier drin fertig, wenn dir die Hoffnung fehlt, dass es zumindest irgendwann ein Ende hat?"
Remus war wirklich neugierig. Er lächelte schwach über sich. Wenn seine Neugierde wieder da war, dann ging es ihm wirklich besser. Vielleicht hatte Sirius es ja tatsächlich geschafft, das Fieber früh genug zu erwischen und damit in seine Schranken zu weisen.
„Überlebenswille, Lupin." Snapes Stimme klang etwas verwaschen, als wäre er leicht angetrunken, oder aber schon im Halbschlaf, was wohl eher zutraf. „Ich will nicht, dass das hier das Ende meines Lebens wird… ich will nicht, dass alles… was mein Leben ausgemacht hat… Einsamkeit, Schmerz… Leid, Tod und … dieses Mal… auf meinem Arm…"
Seine Stimme, die gegen Ende sowieso nur noch ein leises Murmeln war, versiegte völlig, als er einschlief.
Verwundert wandte Remus seinen Kopf dem auf den ersten Blick so finsteren Mann in der Nachbarzelle zu. Was war da gerade passiert? Solange er Severus Snape nun schon kannte, hatte er noch nie erlebt, dass dieser Mann soviel von sich selbst preisgab. Er konnte sich denken, dass er das auch nie erfahren hätte, wenn Severus nicht so geschwächt und müde gewesen wäre, sonst hätte er sich sicherlich besser unter Kontrolle gehabt.
Das Licht ging aus.
Remus machte es sich so bequem wie möglich und rückte den Lappen auf seiner Stirn zurecht. Seine Gedanken verweilten noch immer bei dem düsteren Tränkemeister. Mit einem Mal bereute er es, dass er sich nie mehr mit diesem Menschen beschäftigt hatte. Was musste er nur für ein Leben geführt haben, wenn das einzige, was ihm dazu einfällt, Schmerz, Leid, Tod, Einsamkeit und das Todesserdasein waren. Und doch hatte er die Stärke, dem allem zu trotzen.
Da spürte er wieder dieses grässliche Kratzen und er wusste ganz genau, was jetzt gleich kommen würde. Ein heftiges Husten bahnte sich seinen Weg und schüttelte ihn. Erschöpft sank er zusammen und wenig später in einen traumlosen Schlaf.
In Hogwarts…
„Albus, bitte, so mach wenigstens eine Pause. Das ist nicht gesund, du wirst dir noch selbst schaden."
„Das ist mir bewusst Poppy. Und jetzt gib mir den Stärkungstrank!"
Sein Gesicht wirkte fahl, seine Augen müde und die Hand, die er der Phiole entgegenstreckte zitterte leicht. Poppy biss sich besorgt auf die Unterlippe und dennoch wagte sie es nicht, ihn davon abzuhalten.
Es dauerte nicht lange, bis der Trank Wirkung zeigte und Dumbledore wieder frisch und fit aussah, nur der müde Ausdruck in seinen blauen Augen zeugte noch von den Strapazen, die er sich selbst auferlegt hatte.
Vor etwa zwei Stunden hatte ihn ein beiläufiger Kommentar von Alastor, der ihm gerade von einer weiteren Niete an der Westküste berichtet hatte, auf die doch so einfache Idee gebracht. Severus hatte es ihm schließlich vorgemacht. Er hatte sich ziemlich geärgert, dass er bisher noch nicht daran gedacht hatte.
Es war anstrengend, da sie ein so großes Gebiet abzusuchen hatten und schon nach kurzer Zeit hatte er Poppy zu sich bestellen müssen, da er ohne den Stärkungstrank schon lange hätte aufhören müssen. Bisher waren seine Bemühungen umsonst gewesen, aber er würde nicht eher aufgeben, ehe er alles abgesucht hatte.
„Halt das nächste Fläschchen lieber gleich schon mal bereit, Poppy."
In Voldemorts Versteck…
Resigniert hatte Harry seinen Kopf an die Wand gelehnt. Seit dem letzten Mal hatte ihm der Spiegel nichts Neues mehr gezeigt und ihn somit mit seinen Gedanken allein gelassen. In seinem Kopf schwirrte schon alles, aber es ließ sich einfach nicht abstellen.
Sein Hintern tat ihm weh von der ständigen Sitzerei, so erhob er sich, um sich die Beine ein wenig zu vertreten, also zwei Schritte in die eine Richtung und wieder zwei zurück. Die Kette an seinem Bein klapperte, ein Geräusch, das ihn mit einem Mal schrecklich wütend machte. Wütend auf Voldemort, wütend auf sich selbst und seine Dummheit.
Energisch holte er aus und trat mit voller Wucht gegen die Wand, dass die Kette nur so rasselte.
„Scheiße!"
Pochender Schmerz schoss ihm in den Fuß und er begann recht dämlich auf einem Bein umher zu springen, bis er etwas spürte, eine Anwesenheit.
Schnell wandte er sich um, doch er war allein, auch der Spiegel war ruhig. Und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass noch jemand da war, jemand den er kannte. Undeutlich spürte er so etwas wie Erleichterung, doch es war garantiert nicht seine eigene. Bis er ganz deutlich fühlte, wie jemand versuchte in seinen Geist einzudringen.
Aber das geht doch gar nicht, dazu braucht man doch Augenkontakt!
Instinktiv verschloss er sich vor dem Eindringling. Da glaubte er ganz leise eine Stimme zu hören, die seinen Namen sagte. Eine Stimme, die er nur zu gut kannte. Es war Professor Dumbledore. Doch das war nicht möglich, das konnte nicht sein.
Dennoch öffnete er seinen Geist und versuchte selbst etwas von dem zu erhaschen, was noch hier im Raum war. Etwas Fremdes und doch Vertrautes suchte sich seinen Weg in seinen Geist und jetzt hörte er die Stimme deutlich. Sie klang erschöpft.
Harry! Harry, geht es dir gut?
„Professor Dumbledore?" fragte er ungläubig, und laut.
Ja. Harry, ich kann nicht lange bleiben. Weißt du, wo du bist?
Harry versuchte sich aufs Denken zu beschränken, wer wusste schon, ob jemand vor der Tür stand und lauschte. Nein, tut mir leid. Ich sitze in einem Verlies aus Stein und aus dem kleinen Fenster kann ich nichts sehen.
Das ist jetzt wichtig Harry. Sieh dich um, gibt es um dich herum irgendwas, das uns verraten könnte, wo du dich gerade befindest. Irgendwas! Und beeil dich!
Dumbledore klang überaus drängend und seinen letzten Worten folgte ein angestrengtes Keuchen.
Schnell huschte Harrys Blick durch seine Zelle, doch da war nichts, rein gar nichts. Nur Steinboden, Steinwände, die zerschlissenen Decken, das zu hohe Fenster, die schwere, hölzerne Tür mit der rostigen Türklinke, seine Ketten…
Die Türklinke! rief er aufgeregt in Gedanken. Wieso war ihm das noch nicht aufgefallen?
Was ist damit?
Da ist ein Symbol drauf, am Rand, ich… kann es nicht ganz deutlich sehen, es ist ein Kreis, und in dem Kreis ist etwas Gebogenes. Da ist ein Griff dran. Ich…
Schon gut Harry, meinte Dumbledore ruhig, auch wenn Harry irgendwie spüren konnte, dass er unruhig wurde, stell dir das Bild ganz deutlich vor, so genau du kannst!
Und Harry tat es, prägte sich jedes Detail, das er erkennen konnte ein und konzentrierte sich darauf. Mit einem Mal verzog sich das Gefühl in seinem Kopf.
Professor? Sind sie noch da?
Doch es erfolgte keine Antwort. Er war wieder allein. Und hatte noch mehr zum Grübeln.
In Hogwarts…
Träge flatterten seine Augenlider. Er fühlte sich so unglaublich schwach und ausgezehrt. Vage nahm er eine aufgeregte Stimme um sich herum wahr. Eine Flüssigkeit floss in seinen Mund. Es brannte, wurde warm, kribbelte. Seine Kräfte kehrten zurück, ebenso wie seine Sinne.
Ruckartig riss er die Augen auf und sprang von seinem Sessel auf.
„Albus! Wo willst du hin? Du solltest dich ausruhen. Albus!"
Doch er hörte nicht auf sie, stattdessen eilte er zu seinem Bücherregal. Suchend huschten seine Augen über die Buchrücken, bis sie gefunden hatten, was sie gesucht hatten.
‚Familienwappen Südenglands'.
„Was willst du denn damit?" fragte Poppy, die hinter ihm stand. Er hatte sie gar nicht bemerkt.
Wortlos begann er darin zu blättern, hastig wühlten sich seine schlanken Finger durch die Seiten, bis sie plötzlich innehielten und seine Augen zu leuchten begannen.
Er deutete auf die aufgeschlagene Seite. „Dort ist er. Da finden wir Harry."
„Harry? Es hat geklappt, du hast ihn… erreicht?"
„Ich muss sofort die anderen informieren." Albus sprach aufgeregt vor sich hin und verschwand schneller als Poppy ihm nachschauen konnte.
Verwundert schaute sie genauer auf die Seite. Oben stand in großen Buchstaben: Familie Graymes. Darunter war ein Siegel abgebildet. Eine große runde Sonne und groß vor der Sonne befand sich eine Sichel.
Ein kurzer Text stand noch unter dem Symbol.
‚Familie Graymes gelangte im späten 18ten Jahrhundert zu Reichtum durch ihren Mistelverkauf, der schon bald für seine Qualität bekannt war. Ihr Familienwappen wurde damit die Sichel. Als Heath Graymes im Jahre 1863 schließlich die Französin Amelíe Achelieu heiratete, deren Stammbaum bis zu Ludwig XIV., dem sogenannten Sonnenkönig, zurückzuführen ist, wurde das Wappen um die leuchtende Sonnenscheibe erweitert. Die Familie besaß ein Schloss an der Südenglischen Küste.'
Poppy sah auf. Ungläubig starrte sie zuerst nur die Wand an, ehe ihre Beine sich langsam wieder bewegten und sie schließlich Albus hinterherlief.
Nächster Tag in Askaban…
„Hey!"
„Remus, wach auf!"
Wie durch Watte drang die Stimme an sein Bewusstsein, welches vehement versuchte, sie zu verdrängen. Da berührte ihn jemand an der Schulter und rüttelte ihn ganz leicht und behutsam. Er wollte jetzt nicht aufwachen, wollte nicht zurück in diese grässliche Wirklichkeit. Aber die Hand ließ nicht locker.
„Wwasis?" murmelte er unwillig und erschrak doch darüber, wie rau und fremd seine eigene Stimme klang.
„Mach die Augen auf, Remus. Bitte!"
Es dauerte einen Augenblick bis ihm bewusst wurde, dass das nicht Sirius' Stimme war. Und schon gar nicht die von Severus. Es war eine Frau. Was ging hier vor? War das eine neue perfide Art der Folter von Rukschow? Ihn in Sicherheit wiegen?
In diesem Moment legte sich eine schmale, zierliche Hand auf seine Stirn. Er zuckte unwillkürlich zusammen und versteifte sich innerlich.
„Keine Angst Remus. Es ist in Ordnung, du bist in Sicherheit."
So fühlte er sich aber ganz und gar nicht. Und doch, irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor. Es half nichts, er würde wohl oder übel die Augen öffnen müssen, in den Schlaf flüchten konnte er sich jetzt sowieso nicht mehr.
Wie jedes Mal blendete das grelle Licht seine Augen, bis sich ein Schatten auf sie legte und er sie ohne Probleme öffnen konnte. Zuerst verwirrt und schließlich völlig ungläubig blinzelte er in das Gesicht über sich, das freundliche Gesicht einer Frau, die ihn aus funkelnden Augen erleichtert und gleichzeitig besorgt anlächelte. Ihre bonbonrosa Haare waren unverkennbar.
„Tonks?" brachte er fassungslos hervor.
Sie grinste. „In Fleisch und Blut, ja."
„Aber… aber… wie ist das…" Remus verstand überhaupt nichts mehr. Instinktiv wollte er sich aufsetzen, einen besseren Überblick über die Situation bekommen, doch schon beim kleinsten Versuch stach ihm ein erbarmungsloser Schmerz in die Seite. Keuchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht sank er zurück. Die kleinen Hände legten sich auf seine Schultern und drückten ihn endgültig zurück auf die Pritsche, ehe sie ihm eine Haarsträhne aus der Stirn strichen und die Decke, die er noch gar nicht bemerkt hatte, wieder zurecht zogen.
„Nicht doch. Bleib ruhig liegen, Remus. Poppy sagt, du hast zwei gebrochene Rippen."
„Poppy?" keuchte er mit fragendem Blick.
Tonks nickte. „Sie kommt gleich zurück, sie kümmert sich gerade um Snape."
Mit hochgezogener Augenbraue starrte Remus seine Kollegin an. Er konnte einfach nicht glauben, was er da gerade hörte.
Über seinen Blick fing sie wieder das Grinsen an und ihre Augen blitzten. „Sieh doch selbst."
Damit rutschte sie ein wenig zur Seite und gab den Blick auf Sirius Zelle frei. Remus konnte nicht glauben, was er da sah. Sirius stand mitten in der Zelle und umarmte Harry, drückte ihn so fest an sich, als wolle er ihn erdrücken. Der Junge war etwas dreckig und hatte ein paar Kratzer an den Händen, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen und er erwiderte Sirius' Umarmung nicht minder stürmisch. Eine Decke lag um Sirius' Schultern und gerade so, als spürte er seinen Blick, wandte er sich ihm zu und grinste, grinste bis über beide Ohren.
Remus konnte nicht anders, er musste einfach zurückgrinsen, auch wenn sein eigenes nicht ganz so euphorisch war. Er war einfach immer noch viel zu überwältigt von der Situation, konnte nicht wirklich begreifen, was hier geschah.
„Severus, was ist mit ihm?" fragte er besorgt.
„Das kannst du dir auch selber ansehen. Warte, ich helf dir beim Aufsetzen."
Ohne sie hätte er es garantiert nicht in eine sitzende Position geschafft. Er brauchte eine Weile, bis er wieder einigermaßen atmen konnte wegen des Schmerzes, doch seine Neugierde half ihm offensichtlich dabei.
Severus saß ebenfalls auf seiner Pritsche, eine Decke war von vorne halb um seinen Körper gewickelt. Albus saß neben ihm und hielt die Decke an seinen Schultern fest. Poppy kniete vor ihm und flößte der ziemlich bleichen und zittrigen Gestalt einen Trank aus einer Phiole ein. Severus entspannte sich daraufhin etwas. Poppy erhob sich, dabei fiel ihr Blick auf ihn.
„Remus, du bist ja wach. Ich komme sofort zu dir rüber. Versuch dich so lange zu entspannen, hörst du? Bleib ruhig sitzen."
Er nickte. Dann wandte sie sich Snapes Rücken zu und stieß erst einmal mehrere Flüche hintereinander aus.
„Albus?"
Der alte Zauberer lächelte ihn an. „Es ist vorbei, Remus."
„Ja, aber wie? Wie habt ihr das geschafft?"
„Das ist jetzt nicht wichtig. Ihr müsst erstmal hier raus und wieder gesund werden. Dann können wir immer noch über alles sprechen." Mit diesen Worten wandte er sich wieder Severus zu, der wieder zu zittern begonnen hatte.
Immer noch völlig fassungslos und doch so erleichtert, wie schon lange nicht mehr, lächelte er Tonks vor sich an, die sein Lächeln mindestens ebenso freudig erwiderte.
„Ich bin so froh, dass wir es noch rechtzeitig geschafft haben."
Er wollte ihr antworten, doch er fühlte wieder dieses Kratzen, welches den unweigerlich folgenden Husten ankündigte. Wie unter Zwang krampfte sich sein Zwerchfell zusammen, ebenso wie sein Brustkorb und presste ihm die Luft aus den Lungen. Quälende Pein stach ihm in die Brust und ließ ihn keuchend nach Luft schnappen, was ihn aber wieder zum Husten reizte. Tränen traten ihm in die zusammengekniffenen Augen, er krümmte sich zusammen und rutschte an der Wand entlang zurück auf die Pritsche. Tonks' Hände, die ihm dabei halfen, die ihn zudeckten und beruhigend übers Haar strichen, nahm er nur ganz am Rande wahr. Ihre Stimme hörte er dafür deutlich, doch er konnte ihr nicht Folge leisten, schaffte es nicht.
„Ganz ruhig, Remus. Hörst du? Versuch ganz ruhig zu atmen, dann wird es besser. Entspann dich, lass locker. Bitte Remus…"
Ihre Stimme wurde undeutlicher, zu sehr wurde sie vom Schmerz überschattet und vom Geräusch seines Hustens.
Und? Sagt mir einfach eure Meinung!
Bis bald,
Bella
