Hallo, da bin ich auch schon wieder. Und diesmal mit meinem persönlichen Lieblingskapitel.
Viel Spaß!
Dunkelheit
Gabriel Bride war der erste, der den markerschütternden Schrei des Sicherheitschef hörte, und er beeilte sich auch sofort, an den Ort des Geschehens zu kommen und dessen Befehl auszuführen. Immerhin kannte er die gefürchteten Launen seines Vorgesetzten. Auch wenn er erst seit drei Woche hier in Askaban arbeitete, das hatte er schnell gelernt.
Er war mit seinen 22 Jahren der Jüngste im ‚Team', wenn man es denn so nennen wollte. Und er war kräftig und nicht so dumm wie einige der Männer, die hier ihr Geld verdienten. Ihm gefiel sein Job, meistens jedenfalls. Immerhin war er dafür zuständig, dass die Verbrecher dieser Gesellschaft hinter Schloss und Riegel blieben und ihre Strafe absaßen, die sie meist mehr als verdient hatten. Es war allgemein bekannt, dass der Sicherheitschef gerne mal etwas härter durchgriff, wenn ihm was nicht passte und er hatte auch schon den ein oder anderen Gefangenen mit kleineren Platzwunden und Blutergüssen gesehen. Aber was machte das schon? Diese Menschen hatten meist gemordet oder gefoltert, da war es nur recht, dass sie auch mal etwas abbekamen.
Und dennoch, sein Boss war ihm nicht ganz geheuer, geschweige denn sympathisch. Nicht zuletzt deswegen, weil er Gerüchte gehört hatte, leises Gemurmel hinter vorgehaltener Hand, dass sich Rukschow auch gerne mal an wehrlosen Häftlingen vergriff. Gabriel wusste nicht, ob dieses Gerücht der Wahrheit entsprach oder nicht, er wusste nur, dass Vergewaltigung etwas Grässliches war, etwas, das er verachtete, und das schon gar nicht als Strafe eingesetzt werden sollte.
Endlich erreichte er den Ort des Geschehens. Das Verhörzimmer. Die Tür stand offen, der Raum war leer, bis auf zwei Roben, die achtlos am Boden lagen. Er wusste von Geoff Hurley, seinem Kollegen, dass Rukschow die drei neuesten Gefangenen, an denen er irgendwie einen Narren gefressen hatte – was durchaus negativ für die Betreffenden war – hier heute verhört hatte.
Wenn hier niemand war, dann vermutlich in der angrenzenden Kammer. Er hob die zwei Roben auf, eine zerschlissene braune und eine schwarze, die an mehreren Stellen vor eingetrocknetem Blut nur so starrte. Die Schultern zuckend ging er weiter und öffnete die Tür. Er musste schlucken, als er das Bild vor sich sah. Jetzt wusste er mit Sicherheit, dass es sich um kein Gerücht handelte.
Vor ihm kniete einer der drei Gefangenen, er glaubte, es war der Werwolf. Er war splitterfasernackt, seine Arme an die Decke gekettet. Bewusstlos hing er in seinen Fesseln, Blut tropfte von seiner Lippe auf seinen schmächtigen Körper. Etwas Schleimiges klebte in seinem Mundwinkel, das er schließlich als Erbrochenes identifizierte, als er den Rest davon am Boden entdeckte. Ein riesiger Bluterguss, der schon ein klein wenig älter war, prangte an seinem Brustkorb.
Auch wenn er es nicht wollte und wusste, dass dieses Tier ein junges Mädchen kaltblütig ermordet hatte, so weckte dieser grausige Anblick doch sein Mitleid. Langsam ging er auf den Mann zu, griff mit seinem Arm von hinten um dessen Brustkorb, ehe er die Fesseln löste. Schwer sackte er in seine Arme. Er hob den Körper hoch und legte ihn auf den Tisch, der Boden war schließlich eiskalt. Dabei fiel ihm auch das Blut auf, das überall an der Rückseite seiner Beine klebte. Jetzt gab es wirklich keine Zweifel mehr. Bride biss sich auf die Lippe. Rukschow war um keinen Deut besser, als der ganze Abschaum, den sie hier beherbergten, das war ihm gerade klar geworden.
Mit entschlossenem Gesicht hob er die Kleidung vom Boden auf und zog sie dem Mann mit einem Zauberstabschlenker wieder an. Er wollte ihn nicht so nackt durch halb Askaban tragen, nicht nach allem, was er offenbar schon hatte erdulden müssen. Vorsichtig legte er sich den bewusstlosen Körper über die Schultern, dann nahm er die Roben in die Hand und stapfte davon.
Mit dem ungewohnten Gewicht auf den Schultern kam ihm der Weg wesentlich länger vor als er eigentlich war. Er suchte kurz die richtige Zelle, öffnete mit seinem Zauberstab die Tür und trat ein. Er war noch nie in einer dieser Gruppenzellen gewesen. An der Pritsche angekommen ließ er den Mann behutsam von seinen Schultern gleiten und legte ihn hin. Ihm war bewusst, dass er dafür Ärger bekommen würde, wenn ihn jemand erwischte, doch es war niemand in der Nähe gewesen und irgendwie brachte er es jetzt auch nicht fertig, diesen Mann einfach auf den Boden zu werfen und zu gehen. Die Roben breitete er als Decken über ihn und wollte schon wieder gehen, als er aus dem Augenwinkel etwas Seltsames sah.
Er schaute in die Nachbarzelle, dort lag ein weiterer Mann, der so blass war, dass er nicht sagen konnte, ob er nur bewusstlos war oder tot. Ein Laken hing über ihm, etwas verrutscht, so dass es den Blick unter die Pritsche etwas verdeckte. Aber eben nicht ganz. Dort kauerte etwas Schwarzes, Pelziges. Hatte Hurley ihm nicht auch erzählt, dass dieser berühmt berüchtigte Black offenbar ein Animagus war und so das letzte Mal entkommen konnte, ja, es so sogar beinahe geschafft hätte, seinen Boss zu töten?
Aber wieso war er in der anderen Zelle, das Tier sah groß aus und die Gitter waren ziemlich eng. Er beschloss ausnahmsweise, es nicht zu beachten. Vermutlich wollte er dem anderen nur irgendwie beistehen und so wie der aussah, brauchte er das auch. Ihm reichte es heute mit Leid. Irgendwann würde es schon auffliegen, dass Black dort drüben war, aber nicht jetzt. Er hatte bald Feierabend und er wollte nach Hause, er musste nachdenken. Die Zelle schloss er hinter sich wieder.
Je länger die Minuten sich hinzogen, desto länger verweilte Sirius' Blick sorgenvoll an Remus' Zellentür. Es kam ihm vor, als würde er schon seit Stunden, seit Tagen hier sitzen und warten. Die Sorge hielt sein Herz in eisernem Griff umklammert, während die Schuld mit scharfen Zähnen daran nagte. Er sollte es sein, der jetzt unter dem Russen zu leiden hatte, nicht Moony. Schon gar nicht Moony!
Hart schlug er seinen Kopf nach hinten an die Wand, als er auf einmal Schritte hörte. Mit einem Schlag arbeitete sein Verstand auf Hochtouren. Wenn jemand kam, würde man ihn hier drin finden – was früher oder später so und so der Fall sein würde, aber später war besser als früher. In einem Akt der Verzweiflung ließ er das Laken so hängen, dass es ihm unter der Pritsche etwas Schutz bot, aber dennoch an Snapes Körper hielt. In Hundegestalt versteckte er sich und wagte es nicht, sich zu bewegen.
Die Zellentür sprang auf und ein ziemlich junger Wärter trat langsam ein, auf seinen gebeugten Schultern lag Remus' schlaffer Leib. Sorgsam bettete der Junge seinen Freund auf die Pritsche und deckte ihn auch noch mit den Roben zu. Sirius war ehrlich verwirrt. Da wandte der Wärter den Kopf und blickte in seine Richtung, Sirius erstarrte. Er hatte das Gefühl, er würde dem Typen direkt in die Augen sehen, doch er drehte sich nach einem kurzen Blick in die beiden anderen leeren Zellen dennoch um und verschwand wortlos. Wenn er ihn gesehen hatte, würde er das schon bald wissen.
Schnell, beinahe hektisch, kroch er unter der Pritsche hervor, zog schon während der Verwandlung das Laken wieder über Snapes Körper und eilte mit zwei großen Schritten ans Gitter.
„Moony? Moony, bitte sag was!"
Doch er erhielt keine Antwort, nicht mal eine Reaktion. Er lag auf der Seite, das Gesicht ihm zugewandt. Seine Lippe blutete und schwoll langsam an und an seinem Kiefer, kurz vor dem Ohr, verfärbte sich die Haut unter seinen spärlichen Bartstoppeln bläulich. Hatte dieses Schwein ihn auch noch geschlagen? Reichte es noch nicht, ihm seine Würde zu nehmen?
„Moony?" versuchte er es noch mal, aber er musste einsehen, dass Remus nicht reagieren würde. Nicht im Moment.
Schweren Herzens und mit einem schweren Kloß im Hals wandte er sich ab und kehrte zu Snapes Pritsche zurück, wo er sich wieder setzte. Wie schon zuvor streichelte er dem Tränkemeister beruhigend über Haare und Gesicht, aber sein Blick lag die ganze Zeit auf Remus. Diesmal dienten die gleichförmigen Bewegungen seiner Hände eher seiner eigenen Beruhigung. Er fühlte sich so schuldig, so gottverdammt schuldig. Wieso war er nur so dumm gewesen? Wieso hatte er auch unbedingt im dämlichsten Moment überhaupt an Rache denken müssen? Wieso hatte er nicht einmal nachdenken können, bevor er handelte?
Bohrender Kopfschmerz war es, der ihn schließlich langsam aber sicher aus seiner Bewusstlosigkeit zog. Stöhnend erwachte er und wünschte sich sofort, wieder wegzudriften, ins Reich der wohltuenden Dunkelheit. Doch sein Kopf tat ihm den Gefallen nicht.
„Moony?"
Die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor. Er wollte seine Hand heben, um sich den pulsierenden Schädel zu halten, aber sein Arm fühlte sich seltsam pelzig an, nicht schlimm, aber ein bisschen. Außerdem fühlte er sich unglaublich schlapp. Ihm war kalt und doch fühlten sich seine Wangen seltsam heiß an. Was war passiert? Er drehte sich leicht und bereute es augenblicklich. Sofort stach ihm ein scharfer Schmerz in die Brust, der ihn aufstöhnen ließ, dicht gefolgt von einem Brennen in seinem Allerwertesten.
Und mit einem Schlag kehrte die Erinnerung zurück, traf ihn wie ein Klatscher ins Gesicht, was ihm ein gequältes Keuchen entlockte.
„Moony? Sag doch was. Hörst du mich?"
Sirius. Nicht Sirius, er wollte jetzt nicht mit ihm reden, er wollte mit niemandem reden. Wie war er überhaupt zurück in die Zelle gekommen? Und wer hatte ihn angezogen? Rukschow sicherlich nicht, nicht nachdem er mehr oder weniger auf dessen bestes Stück gekotzt hatte.
„Mmhh?" gab er widerwillig von sich. Sein Magen rumorte noch immer, ebenso wie seine Nase noch immer diesen Geruch wahrnahm, nach blutigem Steak und Schweiß.
Sirius atmete erleichtert auf, nur um gleich darauf festzustellen, dass er keine Ahnung hatte, was er jetzt sagen sollte. Unsicher haspelte er vor sich hin, bis er ein kleinlautes ‚Wie geht's dir?' rausbrachte.
Ungewollt schnaubte Remus laut auf. Was war das denn für eine Frage?
Unbehaglich rutschte er ein bisschen hin und her, irgendwie passte es ihm nicht, so zu liegen, wie er lag. Er verstand selbst nicht, wieso, bis er sich mit der Hand abstützte und damit direkt das Holz der Pritsche berührte. Mit einem Mal fühlte sich seine Unterlage an wie dieser Tisch, er glaubte wieder zu spüren, wie das Holz sich an seinem Oberkörper rieb, während Rukschow...
Er wollte nicht daran denken.
Ohne auf seine Rippe zu achten, stemmte er sich hoch, ignorierte den Schwindel und jeden Schmerz, stand einfach auf und trat ein paar wacklige Schritte von der Pritsche weg, ehe er sich schwer gegen die raue Wand lehnte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Hände zitterten. Seine Beine waren schrecklich wackelig und er wusste nicht, wie lange er sich noch würde aufrecht halten können. Aber er wusste auch, dass er sich nie wieder auf dieses Ding würde legen können!
„Remus? Alles in Ordnung? Remus?"
Sirius klang besorgt.
„Nein!" keuchte er kalt, als er seine Atmung wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte. Was sollte auch bitte in Ordnung sein? Er fühlte sich so unglaublich schmutzig. Da spürte er etwas, ein leichtes Kribbeln in seinen Fingerspitzen, seine Nackenhärchen stellten sich auf und seine Handrücken begannen zu jucken. Gequält schloss er die Augen. Das hatte er völlig vergessen.
„Nichts ist in Ordnung!" presste er leise hervor.
Diese Worte versetzten Sirius einen Stich mitten ins Herz. Er konnte gar nicht sagen, wie sehr ihn diese Aussage traf, obwohl er es doch hätte wissen müssen. Was hatte er erwartet? Dass sein Freund sagen würde ‚schon okay Tatze, war halb so wild, das überleb ich schon'? Natürlich nicht! Aber wenn er ehrlich war, hatte ein winzig kleiner Teil in ihm gegen jeden Realismus dennoch auf etwas Ähnliches gehofft. Doch wenn er wirklich ehrlich zu sich war, dann wusste er auch, dass er Remus nie geglaubt hätte, wenn dieser versucht hätte, das Geschehene herunterzuspielen.
Sein Mund war trocken und seine Hände klammerten sich fester um die Gitterstäbe.
„Moony, es… es tut mir so leid… ich wollte…" begann er verzweifelt.
Weiter kam er nicht, als schon wieder die Gitter zum Leuchten anfingen. Wie von der Tarantel gestochen ließ er die Stäbe los und beobachtete den grünlichen Schimmer. Nach nicht mal einer Sekunde war es vorbei, alles sah wie vorher aus.
„Was war das schon wieder?" fragte Sirius irritiert.
„Weiß nicht." gestand Remus wahrheitsgemäß, aber er hatte da ein ganz mieses Bauchgefühl.
Langsam näherte er sich dem Gitter, betrachtete die Stäbe genau. Irgendwas war anders, irgendwas… und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
„Nein!" keuchte er entsetzt. Mit ausgestreckter Hand umfasste er einen der Stäbe, jeder Warnung von Sirius zum Trotz. Und es geschah rein gar nichts. „Nein!" Aus schreckgeweiteten Augen starrte er auf den Gitterstab in seiner Hand. Seine Nackenmuskulatur verspannte sich zusehends, was seine Verzweiflung nur noch schürte. „Bitte nicht!" hauchte er voller seelischer Pein. Seine Beine gaben nach und er sank langsam zu Boden.
„Remus! Hey, Moony, was… was hast du? Was… was ist los? Rede mit mir Moony, bitte!"
Doch er erhielt keine Antwort, sah nur wie sein Freund völlig abwesend und hektisch atmend in seiner Zelle am Gitter saß und nahezu panisch vor sich hinstarrte. Etwas stimmte nicht, ganz und gar nicht, aber was?
„Hey! Moony! Is doch super, wenn die Gitter nicht mehr aus Silber sind, dann musst du nicht mehr aufpassen, dass du dich verletzt." Nur, wieso waren sie plötzlich nicht mehr aus Silber? Rukschow würde so etwas nie ohne Grund, ohne Hintergedanken tun.
Remus Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. „Ich kann mich nicht mehr verletzen, nein. Aber jetzt werde ich euch verletzen können!" Wie in Zeitlupe hob er sein Gesicht, grenzenlose Verzweiflung sprach aus seiner gesamten Mimik. Dann sah Sirius es, sah die gelben Augen, die Augen eines Tieres.
„Oh Merlin!" rutschte es ihm heraus. „Heute? Jetzt? Das… das kann nicht sein! Darf nicht sein... Sag mir… sag mir, dass du mich auf den Arm nehmen willst… bitte…" Selten hatte er so gestottert in seinem Leben. Ihm war bewusst, dass er hier Wunschdenken äußerte und es sinnlos war, aber ihn traf diese Tatsache völlig unvorbereitet. Er war mit seinen Gedanken in letzter Zeit verständlicherweise bei anderen Dingen gewesen, die Verwandlung hatte er dabei schlichtweg vergessen.
Und das gerade jetzt! Remus war völlig geschwächt, er war gerade von Rukschow vergewaltigt worden, er war verletzt und jetzt waren auch noch diese verdammten Gitter nicht mehr aus Silber.
Remus dagegen schüttelte nur zittrig den Kopf. „Der Vollmond wird jeden Moment aufgeee-aaaahhhh!"
Nahtlos ging das Wort in einen gellenden, gequälten Schrei über. Mit verkrampften Gliedern sackte Remus zur Seite und blieb zuckend liegen. Sein Schrei ging in ein kehliges, tiefes Gurgeln über als ihm die Luft ausging. Dunkles Fell spross aus seiner Haut, an Händen und Hals und im Gesicht. Ein schmatzendes Reißen ließ Sirius wie jedes Mal zusammenzucken. So viele Male hatte er die Verwandlung jetzt schon miterlebt und doch brachte es ihn jedes Mal fast um den Verstand, zu hören, wie die Haut seines Freundes entlang seiner Wirbelsäule aufriss und so der massigeren Gestalt des Wolfes Platz schuf. Knirschen wie von aneinander reibenden Kieselsteinen folgte, begleitet von grausigem Knacken, als seine Knochen brachen, sich verschoben und verzerrten, andere Formen bildeten und wieder zusammenwuchsen. Die Kleidung zerriss innerhalb von Sekunden in zahlreiche Fetzen. Wie von unsichtbaren Händen gequetscht verformte sich Remus' Gesicht, zog sich in die Länge, Mund und Nase zogen sich nach vorne, die Ohren dagegen in die Höhe. Ein jämmerliches Quietschen entfloh dem Wolf, ehe er gequält aufheulte. Die Verwandlung war vollbracht.
Etwas unsicher erhob sich der Wolf, seine Bewegungen waren vorsichtig, er hatte ganz offenbar Schmerzen, Remus' Schmerzen. Als er mit seiner linken Vorderpfote auftrat, jaulte er überrascht und wütend auf. Er knurrte kehlig vor sich hin. Offensichtlich machte ihn diese Tatsache ziemlich wütend. Langsam trat Sirius einen Schritt vom Gitter zurück. Sofort ruckte der Kopf des Tieres in seine Richtung. Die gelben Augen funkelten ihn voller Mordlust an.
„Verdammt!" fluchte er voller Inbrunst. „Hey Moony, ich bins! Komm, du kennst mich doch, oder?"
Der Werwolf knurrte ihn nur wütend an.
„Das bedeutet wohl nein."
Erschrocken schrie Sirius auf und taumelte zurück. Moony war ohne Vorwarnung losgesprungen und hieb jetzt zähnefletschend mit seiner Pranke zwischen den Gitterstäben nach ihm. Er hatte sich gerade noch so davor retten können. Hektisch atmend trat er den strategischen Rückzug an.
„Definitiv ein Nein!"
Der Wolf zog sich zurück, lief ein paar Mal unruhig und etwas humpelnd im Kreis umher, suchte seine Zelle ab und sprang gegen jede Wand, kratzte energisch an der Tür. Immer wieder knurrte er, jaulte wütend oder fletschte die Zähne. Fuchsteufelswild warf er sich der ganzen Länge nach gegen die Gitterstäbe, ehe er seine langen, scharfen Zähne um einen davon schloss und wie ein Wahnsinniger darauf herumbiss und –riss.
„Merlin, steh mir bei!" hauchte Sirius leise, dem langsam etwas mulmig wurde. So außer sich hatte er Moony noch nie erlebt. Aber bisher war er ja auch nie so aussichtslos eingeschlossen gewesen, bisher war er nie verletzt gewesen und hatte schon vor der Verwandlung Schmerzen gelitten. Und all diese Faktoren zusammen ergaben eine verdammt explosive Mischung.
Ein Knirschen schreckte ihn auf. Der Stab hatte nachgegeben, war völlig in Remus' Zelle hineingebogen. Der Wolf fixierte ihn aus seinen unheimlichen Augen, steckte ungestüm seinen Kopf in die entstandene Lücke, doch er passte gerade mal bis zum Hals hindurch. Wütend brüllte das Tier los und verbiss sich gleich in der nächsten Stange.
„Shihiiiit!"
Es würde nicht mehr ewig dauern und Moony hatte das lächerliche Gitter überwunden. Tatze würde alle Mühe haben, sich den völlig ausgerasteten Werwolf vom Hals zu schaffen. Da fiel sein Blick auf etwas Schwarzes.
„Snape! Oh verdammt nochmal!"
Den hatte er völlig vergessen. Er war immer noch bewusstlos – was auch kein Wunder war – und was noch wichtiger war, er war völlig wehrlos, selbst wenn er wach wäre. Das ideale Futter. Langsam trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Wie sollte er das schaffen? Den rasenden Moony im Zaum halten, während Frischfleisch in Prankenreichweite wartete, dem aber nichts passieren durfte.
Das Einzige, was ihm auf die Schnelle überhaupt einfiel, war Snape an einen Ort zu bringen, den er besser verteidigen konnte als die Pritsche. Eilig hob er den schlaffen Körper an und setzte ihn in eine der Zimmerecken, wo er an die Wand gesunken liegen blieb. Das Laken fiel dabei unbeachtet zu Boden. Er atmete tief durch, ehe er sich verwandelte und sofort bellend auf den Wolf zustürzte.
Mit ein paar gut gezielten Pfotenhieben und Bissen, die jedoch nicht trafen, lenke er den wütenden Wolf vom Gitter ab. Die Ohren ganz eng angelegt, die Zähne gefletscht und das Fell aufgestellt stand er nun vor Tatze. Was sollte er tun? Hier in der Zelle bleiben und darauf warten, dass er irgendwann sowieso durchbrach? Oder sollte er hinüberspringen, solange der Durchgang noch frei war und Moony ablenken, erschöpfen, in der Hoffnung, dass er selbst mehr Energie hatte als der wütende Wolf?
Er wusste es nicht.
In diesem Moment erlosch das Licht und stockdunkle Finsternis umgab ihn mit einem Schlag. Er sah rein gar nichts mehr, aber er hörte das Atmen des Werwolfs.
Mühsam kämpfte sich sein Bewusstsein zurück an die Oberfläche seines Seins. Das erste, was er wieder bewusst wahrnahm, war die unglaubliche Kälte. Er fror erbärmlich und jetzt, wo ihm das bewusst wurde, begann er heftig zu zittern. Und mit dem Zittern kam der Schmerz. Zuckte durch seinen geschundenen Rücken, stach ihm in seine Muskeln, die allesamt völlig verkrampft waren. Gequält stöhnte er auf, doch besser wurde dadurch nichts. Sein Bewusstsein wollte sich schon wieder verabschieden, driftete zurück in die wohltuende Dunkelheit, als er ganz am Rande die Geräusche wahrnahm. Angestrengt kämpfte er um die Vorherrschaft in seinem Körper und versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was er gehört hatte.
Da war ein dumpfer Schlag, dann Keuchen, ein leises, schmerzhaftes Heulen. Es folgte das leise Sirren, wie wenn etwas schnell durch die Luft fliegt, ein schmatzendes Reißen, gequältes Jaulen. Seltsames Kratzen und undeutliches Wimmern.
Er konnte diese Geräusche nicht einordnen, konnte im Moment gar nichts einordnen. Wo war er überhaupt und was war passiert? Wieso fühlte er sich so schrecklich? Warum tat ihm alles weh und wieso zum Henker war es so verdammt kalt? Doch er wusste keine Antworten.
Unsicher, ob er es überhaupt wissen wollte, öffnete er langsam die Augen. Doch da war überhaupt nichts. Alles war stockdunkel. War er blind?
Nein, das glaubte er nicht.
Konzentrier dich, Severus! Was ist passiert, bevor du hier aufgewacht bist?
Doch in dieser unmöglichen Haltung, in der er dasaß, konnte er nicht nachdenken. Er lehnte völlig schief und zusammengesunken mit einem Teil seines Rückens an einer rauen, kalten Wand. Und er trug kein Hemd, keine Robe, kein gar nichts am Oberkörper. Das erklärte zumindest die Kälte. Er streckte die Hände aus, um nach dem Boden und den Wänden zu tasten, damit er sich einigermaßen aufrappeln oder zumindest gerade hinsetzen konnte, aber fast augenblicklich machte sich ein dumpfer Schmerz in seinem linken Arm breit und er bemerkte, dass ihm seine Hände nicht so gehorchten, wie sie es sollten.
Das war der Moment, als sich die Erinnerung wie eine siedendheiße Flut über ihm ergoss. Das Verhör, Blacks Angriff auf Rukschow, die grausigen Schmerzen, die immer schlimmer geworden waren, seine Bitte, ihm den Arm abzuschneiden, danach wurde es dunkel. Er wusste nicht mehr, was dann geschehen war. Offensichtlich war er bewusstlos geworden und das Licht war gelöscht worden.
Ein lautes Klirren, wie wenn etwas Großes gegen die Gitterstäbe prallt, dicht gefolgt von einem dumpfen Aufprall schreckte ihn aus seinen Gedanken. Instinktiv riss er die Augen auf, doch er sah immer noch überhaupt nichts.
Was ging da vor? War er wirklich noch in seiner Zelle?
Er konnte die Geräusche nicht einordnen, außerdem drifteten seine Gedanken immer wieder ab. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Zitternd rutschte er etwas zur Seite, bis er sich richtig an die Wand lehnen konnte. Er war so unglaublich müde und geschafft und die Schmerzen in seinem Rücken wallten wieder auf. Wo war sein Hemd?
Knurren.
Knurren?
Langsam wurde ihm mulmig zumute. Er wusste, dass er nicht mehr nur vor Kälte zitterte. Angst kroch in ihm hoch und umklammerte ihn mit ihren eisigen Fingern. Dieses Geräusch weckte Erinnerungen, die er ganz tief in sich vergraben hatte, die er hatte für immer vergessen wollen. Und dennoch weigerte sich sein Verstand zu verstehen.
Was war hier los?
„Black?" fragte er unsicher und krächzig. Seine Stimme hörte sich grausam an und sein Hals war trocken.
Stille, dann ein Rascheln. Im nächsten Moment hörte er jemanden schwer und keuchend atmen. „Snape?"
„Was ist los?" verlangte er zu wissen, aber es gelang ihm nicht, seine Furcht aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Snape, hör zu!" Black klang abgehetzt und keuchte immer noch, als hätte er einen Dauerlauf hinter sich. In seiner Stimme lag ein ganz seltsamer Unterton. „Bleib wo du bist! Rühr dich nicht vom Fleck! Verstanden? Ich weiß nicht, wie groß das Loch im Gitter schon ist, aber ich…" Man hörte eine Art Scharren und ein kehliges, wütendes Knurren. „Verflucht!"
Dann war Black still, stattdessen hörte er wieder die Geräusche, die sich anhörten, als stammten sie von einem Kampf.
Er war verwirrt. Offenbar waren sie noch in ihren Zellen, aber von was für einem Loch im Gitter sprach Black da? Und woher stammte das tiefe Knurren, wenn Black gerade mit ihm geredet hatte und somit kein Hund gewesen war?
„Oh Merlin, alles nur das nicht!" entfuhr es ihm leise, als auch sein Verstand schließlich einsehen musste, was sein Gefühl schon lange wusste. Es war Vollmond, und Lupin offenbar ziemlich aufgebracht. Verletzt, wütend und eingesperrt… keine gute Kombination für einen Werwolf.
Aber waren die Gitter nicht aus Silber?
War das im Moment wichtig, wenn Black von einem Loch in demselben sprach?
Schützend die Arme um seinen Oberkörper gepresst, drückte er sich tiefer in die Ecke hinter sich. Aus großen, furchtgeweiteten Augen starrte er in die Richtung, aus der das Knurren, Jaulen und Scheppern erklang, als könne er dort etwas erkennen, sollte es näher kommen. Ein einziges Mal war er bisher einem Werwolf bei Vollmond so nahe gekommen, dass er sich sicher war, diese Begegnung nicht zu überleben. Welch Ironie des Schicksals, dass er jetzt mit demselben Werwolf eingesperrt war und erneut um sein Leben fürchten musste.
Die alte Angst von damals lähmte seine willkürlichen Bewegungen, alles, was sie zuließ, war das kräftezehrende Zittern, das sich mit dem Kältezittern vermischte und ihn schüttelte.
Ihm ging jegliches Zeitgefühl verloren in dieser Dunkelheit, nur umringt von Kampfgeräuschen, die sich immer einigermaßen im selben Takt wiederholten. Er begann schon langsam, sich von ihrer Monotonie einhüllen zulassen, bemerkte, dass ihm vor Erschöpfung und Kälte langsam die Augen zu fielen. Auch der vage Gedanke, dass er nicht einschlafen durfte, änderte nichts daran, bis…
„Jjaaaauuuuuu…"
Das schreckliche Aufheulen ging ihm durch Mark und Bein. Es folgte ein dumpfer Schlag, der von einem weiteren Jaulen begleitet wurde, dann herrschte Stille. Nichts, absolut gar nichts regte sich.
Wie ein gnadenloser Strick wand sich die Angst um seinen Hals und schnürte ihm die Kehle zu.
„Black?... Sirius?" fragte er unsicher mit brüchiger Stimme.
Es blieb still. Halt, da war etwas, ein leises Tapsen von Pfoten auf dem Steinboden. Und es kam näher.
„Black? Bist du das?"
Aber wieso sollte er sich nicht zurückverwandeln, wenn er zu ihm kam?
Vielleicht findet er den Weg zurück nur über seine Nase und verwandelt sich, wenn er bei dir ist? versuchte er sich zu beruhigen. Dennoch schlug sein Herz immer schneller und härter gegen seine Brust. Er vergaß sogar völlig zu zittern. Selbst den Schmerz nahm er nicht mehr wahr und so hellwach wie jetzt, hatte er sich auch schon lange nicht mehr gefühlt.
Dennoch wäre ihm Schmerz und Kälte lieber als diese grausige Ungewissheit, diese quälende Angst, die langsam zu Panik wurde. Seine Atmung wurde immer hektischer und flacher.
„Sag doch was!" stammelte er flehend.
Die Schritte waren jetzt ganz nah und mit einem Mal spürte er, wie ihm heißer Atem entgegenschlug. Etwas Feuchtes tropfte auf seinen Unterarm und eine Pfote stieß gegen sein Bein. Eine große Pfote, viel zu groß für einen Hundeanimagus.
Seine Lippen öffneten sich zu einem lautlosen Schrei.
Eine feuchte Schnauze stieß gegen sein Kinn und schnupperte sich energisch ihren Weg zu seinem Hals hinab. Heiß und feucht leckte eine raue Zunge über seine eiskalte, schwitzige Haut. Snape zitterte vor Todesangst, seine Augen waren zusammengekniffen und sein Herz pochte so heftig gegen seine Rippen, dass es schmerzte. Und doch nahm er nur noch dieses klebrige Schlecken war.
Überall hieß es immer, dass in solchen Momenten das ganze bisherige Leben an einem vorbeiziehen würde, doch das konnte er nicht bestätigen. Ebensowenig dachte er an die Dinge, die er wohl niemals mehr würde tun können. In seinem Kopf herrschte völlige Leere. Da war überhaupt nichts. Sein ganzes Sein war nur auf das konzentriert, was sich an seinem Hals abspielte. Es kam ihm vor, als würde alles in Zeitlupe geschehen.
Warme Lefzen strichen über seine Haut, gefolgt von Speichel und dann spürte er sie, spürte die spitzen, messerscharfen Zähne, die sich an seinen Hals legten. Mit einem Mal wurde Severus seltsam ruhig. Er konnte jetzt sowieso nichts mehr ändern und die Gewissheit, dass er sterben würde, jetzt und hier, barg solch eine Endgültigkeit in sich, dass es sinnlos war, sich dagegen zu wehren. Sollte der Wolf doch zubeißen, sollte er ihn töten, jetzt war es sowieso schon egal.
Doch der erwartete Biss blieb aus. Kein Zuschnappen, kein Schmerz. Stattdessen zuckte der Werwolf zurück und quiekte ganz jämmerlich, ehe er ein grässliches Jaulen ausstieß, dass Severus durch Mark und Bein ging. Er wagte es nicht, sich zu bewegen, lauschte nur den Geräuschen, dem Jaulen, dem Knirschen, dem Reißen und Krachen und dann war es still.
Im ersten Moment verstand Snape überhaupt nichts. Er starrte nur verwirrt und orientierungslos in die Dunkelheit vor sich. Es dauerte eine Weile, bis die Ereignisse sich in sein Gehirn kämpften. Doch dann dämmerte es langsam. Er war nicht tot, der untergehende Mond hatte ihm offenbar das Leben gerettet. Erschöpft ließ er seinen Kopf an die Wand hinter sich sinken und atmete heftig aus. Sein Herz schlug noch immer in panischem Rhythmus, beruhigte sich aber ganz langsam.
Snape fühlte eine so unbändige Erleichterung, dass er sogar ein verzweifeltes Lachen ausstieß. Es überraschte ihn selbst, wie glücklich er war, dem Schicksal für diesmal von der Schippe gesprungen zu sein, denn rational betrachtet standen seine Chancen ziemlich miserabel überhaupt die nächsten Tage zu überleben, wenn er nicht bald einen Arzt zu Gesicht bekam. Und dennoch, ihm wurde gerade bewusst, dass in ihm mehr Lebenswille schlummerte, als er angenommen hätte.
In diesem Moment ging das Licht an. Es war, als würde ihm jemand mit einem ‚Lumos'-Zauber direkt in die Augen leuchten. Wie tausende kleine Nadeln stach sich der Schmerz in seine Augen und direkt weiter in sein Gehirn. Stöhnend schloss er die Lider und hielt sich seinen rechten Arm vors Gesicht. Nur allmählich ließ der Schmerz nach und mit der Zeit sah er nicht nur grelle Punkte, wenn er die Augen öffnete, sondern seine Umgebung kehrte langsam aber sicher in sein Blickfeld zurück.
Zögerlich ließ er seinen Arm sinken, doch seine Sorge war umsonst, seine Augen hatten sich wieder mit dem hellen Licht angefreundet.
„Nein…" stammelte er fassungslos.
Unbewusst hielt er die Luft an, so sehr erschreckte ihn der Anblick, der sich ihm bot. Lupins und seine Zelle sahen aus wie das reinste Schlachtfeld, was sie vermutlich auch waren. Gleich neben ihm lagen die Scherben des Tonkruges in einer Wasserlache. Sein ganzer Zellenboden war mit größeren und kleineren Blutspritzern bedeckt. Sein Hemd lag nur wenige Zentimeter von seinen Füßen entfernt zusammen mit dem weißen Laken, das sich gerade mit frischem Blut vollsog, das aus Lupins Oberarm sickerte. Der Werwolf lag splitterfasernackt vor ihm in all dem Dreck auf dem Zellenboden. Zumindest hatte er etwas, das aussah, wie Erbrochenes, knapp verfehlt. Er lag halb auf der Seite, halb auf dem Bauch. Sein ganzer Körper war mit Kratz- und auch Bisswunden übersät, die teilweise noch bluteten. An seinem linken Knie prangte ein tiefdunkelblauer Bluterguss, ebenso wie auf seiner linken Gesichtshälfte. Seine Lippe war geschwollen und sein Gesicht leichenblass. Doch Snape konnte noch etwas erkennen. Angetrocknetes Blut an der Rückseite seiner Oberschenkel, das seinen Ursprung ganz offensichtlich ein Stück weit höher hatte. Selbst wenn er nichts von Blacks Vergewaltigung mitbekommen hätte, bei diesem Anblick blieb kein Platz für Interpretationsmöglichkeiten.
Wie lange war er weggewesen?
Was hatte er noch alles verpasst?
Und was war mit…
„Black!"
Hektisch ruckte sein Blick wieder hoch. Als erstes stach ihm das Loch im Gitter ins Auge. Mehrere Stäbe waren total verbogen, so dass Lupin sicherlich keinerlei Probleme damit gehabt hatte, hindurchzuklettern. Die Zelle dahinter war völlig verwüstet. Kleidungsfetzen lagen in einer Ecke, das Laken und weiterer Stoff unbeachtet in einer anderen. Die hölzerne Pritsche existierte nur noch zur Hälfte. Splitter standen dort ab, wo das Holz zerkratzt und zerbrochen worden war. Kleinere und größere Pritschenstückchen lagen überall verteilt. Kratzer waren in Holz und auch im Stein der Wand und des Bodens zu sehen, jeweils vier parallele Spuren, die mit großer Gewalt hineingefräst worden waren. Blutspritzer zierten nahezu die ganze Zelle mit ihrem makabren, bizarren Muster. Und am Boden neben dem Gitter zu dessen Zelle lag Black. Seine Kleidung war total zerrissen und voller Blut und er rührte sich nicht. Mehr konnte er von seinem Standort aus nicht erkennen, denn Blacks lange Haare hingen ihm wirr ins Gesicht.
„Bei Merlin!" entfuhr es ihm entsetzt.
Obwohl ihn dieser Anblick im ersten Moment vollständig lähmte, physisch wie psychisch, gewann schon bald das dringende Bedürfnis, etwas tun zu müssen, die Oberhand. Mit fahrigen Bewegungen und zittrigen Gliedern rappelte er sich auf die Beine. Er fühlte sich völlig klar im Kopf und er zitterte auch nicht mehr vor Kälte, was wohl beides an der Unmenge Adrenalin lag, die noch immer durch seinen Kreislauf rauschten. Diesem Hormon verdankte er vermutlich auch den Umstand, dass er kaum Schmerz verspürte.
Er kniete neben Lupin und fühlte dessen Puls. Es dauerte eine Weile, denn er musste sich unglaublich konzentrieren, um mit seinen klammen Fingern die richtige Stelle zu finden und dann auch noch etwas zu spüren. Doch es gelang ihm. Lupin lebte, aber sein Puls war unglaublich schwach – außer er spürte es einfach nicht besser – und viel zu schnell. Ungelenk erhob er sich und stieg in die andere Zelle hinüber, wo er sich neben Black niederließ. Unsicher, was ihn erwarten würde, schob er die Haare aus dessen Gesicht, das mit der rechten Seite am Boden lag. Auch bei ihm fühlte er den Puls. Er war kräftiger und weniger besorgniserregend. Dafür fiel ihm erst jetzt auf, dass vier parallele, tiefe Risswunden sich über Blacks Brust zogen, aus denen er stark blutete.
In diesem Moment wurde ihm etwas bewusst: Black hatte ihm das Leben gerettet!
Er hatte ganz offensichtlich den Werwolf die ganze Nacht über in Schach gehalten, solange er es gekonnt hatte und ihn damit von ihm abgelenkt. So bewusstlos, wie er gewesen war, wäre er mehr als leichte Beute gewesen.
Schnell stand er wieder auf und ging zu den Überresten von Lupins Kleidung. Doch diese Fetzen waren zu gar nichts mehr gut, abgesehen von den Schuhen. Dafür fand er in einer anderen Ecke seine und auch Lupins Robe, welche er mitnahm. Wieder in seiner Zelle wickelte er Lupin am Boden in seine eigene Robe und zerrte ihn dann irgendwie auf seine Pritsche hoch.
Adrenalin hin oder her, die Verbrennung an seinem Rücken spürte er jetzt wieder weit mehr als ihm lieb war. Dennoch zog er Lupin noch seine Schuhe an, bevor er sein Laken und sein Hemd vom Boden aufhob und zu Black zurückkehrte. Keuchend kniete er sich hin. Sein Hormonspiegel sank offenbar ganz rapide ab. Nicht nur den Schmerz spürte er wieder, auch die lähmende Kälte und die gnadenlose Erschöpfung. Und dieser wattige Zustand im Kopf meldete sich wieder. Er schüttelte den Kopf, doch statt wieder klarer im Kopf zu werden, wurde ihm davon nur schwindlig.
„Nicht jetzt!" fauchte er sich selbst an und packte energisch das Laken.
Unter Schmerzen und größter Kraftanstrengung zog er Black ein Stück vom Gitter weg und drehte ihn auf den Rücken – zwei Dinge, die er vor seinem Aufenthalt hier mit Leichtigkeit bewältigt hätte, die ihn jetzt aber fast an seine Grenzen brachten.
Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch er ließ sich nicht beirren. Blacks rechte Gesichtshälfte war blutverschmiert. Es stammte aus einer Platzwunde an seiner Schläfe. Offenbar hatte der Werwolf… Lupin… ihn zuerst an der Brust erwischt und er war durch die Wucht des Schlages ans Gitter geprallt. Dabei hatte er sich dann den Kopf gestoßen und war bewusstlos geworden.
Ohne großartig nachzudenken drückte er das Laken auf dessen Brustkorb, wo es sich erneut mit Blut vollsog. Snape legte all seine verbliebene Kraft in diese Tätigkeit.
„Mach jetzt nicht schlapp, hörst du!"
Aber er wusste nicht mal, ob er damit Black oder sich selbst meinte, denn er spürte, wie seine Arme langsam zittrig wurden, wie der Schmerz zwischen seinen Schulterblättern übermächtig wurde. Allmählich wurde es dunkler vor seinen Augen. Er kniff diese zusammen und blinzelte, schüttelte kurz den Kopf, doch es half nichts mehr. Seine Kräfte verließen ihn.
Seinen Aufprall auf Blacks Brust nahm er schon nicht mehr wahr.
Und? Was ist eure Meinung dazu?
Bis demnächst,
Bella
