Okay, das hier ist das kürzeste Kapitel der Story und ab jetzt werden die Kapitel allgemein stark unterschiedlich lang sein. Aber ich fand es wichtiger, dass sie inhaltlich stimmig sind.
Das nächste Kapitel ist dafür das Längste überhaupt! :-)
Viel Spaß!
Gegen die Zeit
In Spinner's End…
Es war kurz nach zwei, nur knapp eine halbe Stunde, nachdem Dumbledore an alle die Nachricht geschickt hatte, dass sie sich treffen sollten. Und wieder war es eng in Snape's Wohnzimmer. Alle wirkten abgespannt, nur die wenigsten hatten Schlaf gefunden in der vergangenen Nacht. Die Älteren, Erfahreneren unter ihnen waren blass und seltsam ruhig und gleichzeitig gereizt. Sie hatten eine Vorstellung davon, was sie erwartete und das ließ sie nicht gerade einen Freudentanz aufführen. Die Jüngeren wie Fred und George waren schrecklich aufgeregt und nervös. Die anderen wussten, dass die Angst bei ihnen erst später durchkommen würde, so war es meistens.
Auch vier Neuankömmlinge waren Anwesend: Pomona Sprout, Filius Flitwick, Sullivan Dedders, Tonks' Bekannter, und Morris Ruby, ein alter Veteran, der zwar noch nie zum Orden gehört hatte, aber schon bei seinem ersten Bestehen Dumbledore immer geholfen hatte, wenn dieser Hilfe nötig gehabt hatte.
Im Moment lauschten alle den Ausführungen von Albus und Moody, die am Abend zuvor vor Ort appariert waren.
„… und der Geheimgang sind gut versteckt. Beide werden von Wald verborgen, das heißt, unsere Leute sind geschützt, können die Bäume als Deckung verwenden, aber vorne, vor der Burg sieht es schlecht aus." Moody deutete mit einem Finger auf die Karte, die zwischen ihnen allen auf dem Tisch lag und verdeutlichte seine Worte, indem er unsichtbare Linien auf das Papier zeichnete. „Das Gelände öffnet sich vor den Toren zu einer offenen Landschaft hin. Dort gibt es nichts, was wir als Tarnung verwenden könnten. Da unsere Leute erst sichtbar werden sollten, wenn die Schutzzauber außer Kraft gesetzt sind, müssen sie aber vorerst irgendwo in Deckung warten. Das geht nur hier und hier." Er deutete auf zwei Punkte in den Wäldern links und rechts des Burgeinganges.
„Aber wenn es schnell gehen muss, wären die Leute dort verdammt weit weg." bemerkte Charlie kritisch.
Albus nickte. „Wissen wir, aber überall sonst können wir von der Burg aus gesehen werden oder sind noch weiter weg. Im Notfall werden wir sprinten müssen."
Moody grummelte unwillig wegen der Unterbrechung. „Die Schutzzauber wirken in etwa in diesem Bereich, das bedeutet, unsere Truppen werden hier, dort neben der kleinen Schlucht und eben an den zwei Bereichen hier vorne Stellung beziehen. Jede Gruppe wird von einer Person angeführt, diese Personen stehen über Zauberspiegel in ständigem Kontakt."
„Schön und gut, aber wer von uns soll was tun?" wollte Morris Ruby wissen.
„Alastor und ich haben heute morgen schon dasselbe überlegt." sagte Dumbledore. „Wir werden uns in fünf Gruppen unterteilen. Gruppe 1 übernimmt die Ablenkung vor der Burg am Haupteingang, die ich selbst leiten werde. Gruppe 2 übernimmt Alastor, er wird vom Seiteneingang aus in die Burg gehen, und Gruppe 3 unter Bill kommt vom Geheimgang aus." Bill nickte, er war damit einverstanden.
„Gut. Zwei Leute sollten um die Burg herum die Fenster absuchen. Tonks, hier hast du die Führung."
Die junge Aurorin wirkte überrascht, nickte aber, ein bisschen stolz, dass ihr die Leitung einer Gruppe überantwortet worden war, selbst wenn diese Gruppe nur aus zwei Leuten bestand.
„Und die letzte Gruppe ist die Krankenstation unter Poppy."
Alastor teilte anschließend jeden einzelnen seiner Gruppe zu, niemand erhob Einspruch.
„Gut," begann Albus wieder, „wir treffen uns alle heute Nacht um halb zwölf in der Großen Halle in Hogwarts. Jeder von euch bekommt dort einen Portschlüssel, der euch direkt in die Krankenstation bringt. Bitte benutzt ihn auch, wenn es nötig ist! Außerdem möchte ich, dass ihr alle bis heute Nacht übt, kleine, sich bewegende Ziele mit Zaubern zu treffen. Eine Ratte ist klein und verdammt schnell. Es steht unglaublich viel auf dem Spiel."
Doch das brauchte wirklich niemandem mehr gesagt werden.
„Minerva?"
„Ja?"
„Sei so lieb und schreib noch heute den Eltern unserer Schüler. Der Beginn dieses Schuljahres wird verschoben, vorerst auf unbestimmte Zeit. Sie werden Bescheid bekommen, wenn der Unterricht wieder beginnt."
Die Angesprochene nickte stumm. Damit hatte sie insgeheim bereits gerechnet. Keiner von ihnen wusste, was diese Nacht bringen würde, da konnten sie nicht morgen die Schule beginnen lassen.
„Wie lange wollt ihr noch da oben stehen und lautlos diskutieren?" rief Alastor Richtung Tür. Sein magisches Auge hatte gerade ein paar Lauscher erwischt, die heftig gestikulierend oben im ersten Stock auf dem Treppenabsatz standen und sich offenbar nicht ganz einig darüber waren, ob sie nun einfach runterkommen sollten oder nicht. Hatte denn niemand daran gedacht, das Zimmer der Kinder abzuschließen? Oder lauschsicher zu machen? Gerade bei diesen Kindern? Er machte sich selbst eine geistige Notiz, so etwas nie wieder zu übersehen.
Überrascht schauten die anderen auf als Schritte auf der Treppe erklangen und sich kurz darauf Ginny, Ron und Hermine wie schon einmal etwas unsicher an Hagrid vorbei in das Wohnzimmer traten – bei sovielen Blicken, die auf einen gerichtet waren, wer wäre da nicht eingeschüchtert?
„Ron! Ginny!" rief Molly halb überrascht, halb entsetzt. „Was macht ihr denn schon wieder da oben? Hab ich euch nicht gesagt, dass diese Besprechungen nichts für euch sind? Das ist Erwachsenenkram!"
„Ähm… wir haben darüber diskutiert, ob wir gleich runter kommen sollten, oder erst später…" murmelte Ron, der sich sichtlich unwohl fühlte zwischen all den Erwachsenen und vor allem unter den strafenden Blicken seiner Mutter.
„Und was wolltet ihr hier?" fragte Bill sachlich, aber in seiner Stimme klang ein scharfer Unterton mit.
Hermine atmete tief durch. „Wir wollen helfen!"
„Genau!" stimmte Ginny ihr zu. „Harry ist schließlich unser Freund!"
Dumbledore lächelte kaum merklich.
Arthur dagegen baute sich auf. „Das kommt nicht in Frage! Ihr kommt auf keinen Fall mit, das ist viel zu gefährlich. Ich werde nicht zulassen, dass euch was passiert!"
„Das wissen wir, Mr. Weasley." sagte Hermine fest und entschlossen, sie hatte ihren letzten Kampf mit Todessern nicht vergessen. „Wir wollten auch nicht mit in den Kampf. Aber wir können Madame Pomfrey helfen."
„Was?" fragten Molly, Arthur und Poppy gleichzeitig, Poppy und Arthur verdutzt, Molly dagegen völlig entsetzt.
Jetzt schob sich Ginny vor. „Mom, du hast mir sehr viel beigebracht und ich beherrsche mehr Heilzauber als die meisten Siebtklässler. Hermine kennt sich auch ein bisschen aus und hat immerhin eine Erste Hilfe Ausbildung von den Muggeln. Und Ron…" Man sah ihr an, dass ihr wirklich nichts einfiel, aber Ron selbst sprang für sie ein.
„Ich kenn mich in dem Zeug zwar nicht aus, aber ich kann hin und herlaufen und Dinge holen, die gebraucht werden. Ich kann helfen!"
Einige der Anwesenden lauschten skeptisch, andere musterten die drei anerkennend. Und Molly und Arthur, die starrten ihre beiden Kinder und Hermine nur an, ehe Molly schließlich energisch den Kopf schüttelt.
„Kommt nicht in Frage. Ich will nicht, dass ihr so was sehen müsst, ich will nicht…"
„Molly?" unterbrach sie Albus sanft. „Molly ich kann dich gut verstehen, aber in der Krankenstation kann den Dreien nichts passieren und wir könnten wirklich jede Hilfe gebrauchen, die wir kriegen können."
„Und Pomona und ich könnten dann den anderen Teams zur Hand gehen." meinte Emmeline Vance, die zusammen mit Sprout als Unterstützung für Poppy eingeteilt gewesen waren. Und die beiden verstanden garantiert nicht mehr vom Heilen als die drei Jugendlichen.
Dumbledore sah die drei an. „Es ist eure Entscheidung. Wenn ihr helfen wollt, tut es, aber wenn ihr euch dazu entscheidet, dann gibt es kein zurück."
Die Drei nickten eifrig. „Wir helfen!" bestätigte Ginny für sie drei.
„Für Harry!" meinte Ron entschlossen.
„Genau!" stimmte Hermine zu.
In Askaban…
Unglaublich langsam, aber zäh wie zu lang gekochtes Schwein, kämpfte sich sein Bewusstsein zurück und ließ ihn stöhnend erwachen. Er war noch nicht mal ganz da, da sprangen in seinem Kopf schon die Alarmglocken an.
MOONY!
SNAPE!
Sirius wusste nicht, wie lange er bewusstlos am Boden gelegen hatte, er wusste nur, dass er ganz ganz schnell wieder auf die Beine musste, Moony war vermutlich schon in Snapes Zelle. Rasch öffnete er die Augen und zuckte stöhnend zusammen, als das Licht schmerzhaft in seine Augen stach und damit seine ohnehin schon rasenden Kopfschmerzen noch mehr anheizte.
Licht?
Verdammt, wie lange war er denn bewusstlos gewesen?
Hatte er es geschafft oder hatte er versagt?
Lebte Snape noch?
Ohne Rücksicht auf seinen hämmernden Schädel riss er die Augen auf und zwang sich dazu, sie offen zu lassen. Fast sofort begannen Tränen seine Sicht zu verschleiern, aber es war ihm egal. Er musste wissen, was passiert war.
Da bemerkte er erst, dass er nicht auf dem kalten Zellenboden lag, sondern auf einer Pritsche. Jetzt machte er sich erst so richtig Sorgen. Er hatte Angst, ihm fehlte einfach zuviel von seiner Erinnerung, er hatte zuviel verschlafen, und er wusste rein gar nichts.
Wo war Remus?
Er brauchte Gewissheit!
Ruckartig setzte er sich auf und wollte sich umsehen, doch ein grausamer Schmerz explodierte dabei in seiner Brust und trieb ihm erneut Tränen in die Augen. Gequält stöhnend sank er zurück. Es dauerte eine Weile, bis die schlimmsten Schmerzen ein wenig abebbten und ihn wieder klar denken ließen. Noch immer brannte und pochte seine Brust, aber jetzt fühlte er auch den Rest. Jeder einzelne Körperteil tat ihm weh und erst in diesem Augenblick nahm er die unglaubliche Erschöpfung, die auf ihm lastete, so richtig wahr.
Ihm fiel der Kampf mit Moony wieder ein. Der Wolf war noch nie so wütend und unberechenbar gewesen wie letzte Nacht, was er ihm auch nicht verdenken konnte. Es hatte ihm alles abverlangt, ihn von dem Gitter und damit von Snape abzuhalten und er hatte dabei viele Kratzer, viele Schläge und Stöße einstecken müssen. Irgendwann war ihm die Kraft ausgegangen und Moony hatte ihn richtig erwischt und gegen das Gitter geschleudert.
Er hatte sich wehren müssen, sich verteidigen, da hatte er gar nicht großartig darüber nachgedacht, was war ihm auch anderes übrig geblieben?
Aber jetzt wurde ihm klar, dass er Remus damit nur noch mehr verletzt hatte, und das, obwohl es ihm doch sowieso schon so schlecht ging und ausgerechnet nachdem Rukschow…
Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, es tat zu weh.
Und wieder nagte das schlechte Gewissen an ihm.
Remus.
Snape.
Verdammt, er musste jetzt wissen, was passiert war und wie es den beiden ging. Ob sie noch lebten, sonst würde er noch wahnsinnig werden.
Er wandte den Kopf zur Seite und sah einen Moment lang nur noch schwarz, als er mit seiner verletzten Schläfe die Pritsche berührte. Doch sein Blick klärte sich wieder und er erkannte, dass er tatsächlich in seiner Zelle lag, doch alles war wieder sauber und die Gitter wieder unversehrt. Dann fand er seinen Freund.
Er lag ebenfalls auf seiner Pritsche – hatten sie die nicht letzte Nacht zerstört? – und schien zu schlafen, jedenfalls regte er sich nicht. Er trug Schuhe und seine Robe und ein offenbar frisches Laken war über ihm ausgebreitet. Sein Kopf war zur Seite gesunken. Vereinzelte fettige Haarsträhnen hingen ihm ins leichenblasse, eingefallene Gesicht. Sein Mund war leicht geöffnet und Sirius sah, dass sich sein Brustkorb ganz leicht hob und senkte. Und wenn ihm das noch nicht als Lebenszeichen gereicht hätte, so ließ das grollende, schwache Husten, bei dem man den in den Bronchien steckenden Schleim förmlich schon vor sich sah, keine Zweifel mehr.
Remus lebte, aber es ging ihm gelinde gesagt, beschissen.
Um eine Last erleichtert, aber immer noch angespannt, verdrehte Sirius seinen Kopf nach hinten, so dass ihm auch ein Blick in Snapes Zelle gelang, wenn auch erst nach einem Knacken in seiner Halswirbelsäule.
Auch in Snapes Zelle war wieder alles ganz, der Krug stand an Ort und Stelle, als wäre nie was geschehen und das Blut war verschwunden. Snape lag ebenfalls auf seiner Pritsche, in Seitenlage und unter einem frischen Laken. Sirius konnte sein Gesicht nicht erkennen, da es von seinen Haaren verdeckt wurde, aber auch sein Laken hob und senkte sich.
Erleichtert schloss er die Augen.
Snape lebte!
Remus hatte ihn nicht getötet!
Und wenn er ihn verletzt hatte? Auch das würde sich Remus nie verzeihen.
Doch das spielte vorerst keine Rolle. Wenn sie nicht bald hier rauskamen, dann war es sowieso egal.
Wenn seine Schätzung, dass heute der Tag direkt nach der Vollmondnacht war, richtig war, dann wäre morgen früh die Verhandlung. Albus blieben nicht mal mehr 24 Stunden um sie hier rauszuholen und Harry war vermutlich immer noch in den Händen von Voldemort – wenn er noch lebte.
Er schüttelte schnell den Kopf, diesen Gedanken wollte er nicht noch mal denken. Er könnte es nicht ertragen. Er wollte nicht noch einen Menschen verlieren, den er liebte.
Er wollte nicht schon wieder am Tod eines Menschen verantwortlich sein, den er liebte.
Instinktiv kniff er die Augen zusammen, als könnte ihn das vor der schmerzlichen Flut der Erinnerung bewahren, gegen die er sich doch nicht wehren konnte.
Swetlana. Wäre er nur zwei Sekunden schneller gewesen, dann hätte dieser Zauber sie nie getroffen.
Lily und James. Wäre er nur nie auf die dämliche Idee gekommen, Peter zum Geheimniswahrer zu machen.
Jetzt auch noch Harry in diese Liste aufnehmen zu müssen, weil dieser versucht hatte, ihn zu retten, das wäre zuviel für ihn.
Da schaltete sich diese kleine, fiese Stimme in seinem Kopf ein, die immer dann zum Vorschein kam, wenn man sie am wenigsten brauchen konnte.
Und was ist mit Remus? Er ist vielleicht nicht deinetwegen tot, aber deinetwegen hat er schreckliche Dinge erleiden müssen. Deinetwegen wurde er zu Rukschows Opfer!
Er schluckte schwer und biss sich auf die Lippe, als diese zu zittern begann.
Wieso brachte er den Menschen, die er liebte, immer nur Schaden und Schmerz?
Vielleicht sollte er wirklich hier sein. Vielleicht hatte er Askaban verdient, wenn so viele Menschen wegen seiner Dummheit Tod und Pein fanden.
Stumm schlug er seinen Kopf hart gegen die Pritsche unter sich, was die hämmernde Pein in seinem Kopf ungemein anfeuerte. Er wusste nicht, ob er damit die dunklen Gedanken aus seinem Kopf vertreiben oder sich damit selbst bestrafen wollte.
Was auch immer er bezweckt hatte, die neue Schmerzwelle schlug über ihm zusammen und riss ihn mit sich in die alles betäubende Dunkelheit der Bewusstlosigkeit.
Das andere Verlies…
Und wieder neigte sich ein Tag dem Ende zu. Das letzte Licht des Tages stahl sich durch das hohe Fenster in sein Verlies und doch ließen die warmen Töne der Dämmerung Harry nur viel deutlicher erkennen, wie ausweglos seine Situation hier war.
Nachdem Voldemort gegangen war hatte er noch eine Ewigkeit den Spiegel angestarrt, in der Hoffnung auf der glänzenden Oberfläche doch noch etwas zu sehen. Natürlich hatte er nur einen Blick auf sein Spiegelblick erhaschen können. Irgendwann hatte er sich resigniert hingesetzt, doch die Bilder und vor allem die Schreie und das Schluchzen waren ihm nicht aus dem Kopf gegangen. Als es schon lange dunkel war, war er dann wohl in einen erschöpften, aber äußerst unruhigen Schlaf gefallen, der erfüllt war von körperlosen Schreien und Blut.
Heute Morgen war er dann völlig gerädert erwacht. Auch jetzt noch nagte die Ungewissheit an ihm. War Snape tot?
Und was würde mit Sirius passieren, wenn sie ihn in der falschen Zelle entdecken würden?
Und war letzte Nacht nicht Vollmond gewesen?
Irgendwie hatte er am Nachmittag eine Scheibe Brot heruntergewürgt. Ihm war nicht nach essen.
Er wollte zu Sirius, wollte ihn in den Arm nehmen, ihn spüren und die Gewissheit fühlen, dass alles in Ordnung war, aber das war wohl ein gänzlich unrealistischer Wunschtraum. Wie kam er ausgerechnet jetzt auf so etwas Absurdes?
Er fühlte sich schrecklich und vermutlich resultierte dieses Verlangen aus dem Wunsch nach Geborgenheit, nach dem Halt einer Vaterfigur. Und Sirius war das, was dieser Vaterfigur am nächsten war, rein oberflächlich betrachtet. Doch wenn er ehrlich zu sich war, dann sah er in Sirius viel eher einen Freund.
Er verdrängte diese Gedanken mit einem energischen Kopfschütteln.
Ob Dumbledore herausgefunden hatte, wo er war?
Ob er ihn hier rausholen würde?
Aber was war dann mit Sirius, Lupin und Snape? Wenn er richtig zählte, war die Verhandlung immerhin schon Morgen.
Bei dem Gedanken daran wurde ihm beinahe schlecht.
Ob Voldemort ihn zwingen würde, die Verhandlung über einen seiner seltsamen Spiegel mitzuverfolgen?
Er schalt sich selbst einen Idioten. Natürlich würde er das und wenn er richtig gut drauf war, dann würde er ihn erst töten, nachdem er den Dementoren dabei hatte zusehen müssen, wie sie ihre Arbeit taten und die Urteile vollstreckten.
„Professor, bitte beeilen sie sich!"
Zurück in Askaban…
Ein Geräusch drang an seine Ohren, ein bekanntes Geräusch, das ihm irgendetwas hätte sagen sollen. Er fühlte nur, dass es etwas Wichtiges war, doch er konnte sich nicht darauf besinnen. Etwas klirrte leise und wurde schließlich von einem undeutlichen Gebrummel abgelöst, dann war da wieder dieses Geräusch und alles war still.
Irgendwas in ihm schrie förmlich, dass etwas passiert war, doch er verstand die Worte der Stimme nicht. Er wusste nur, dass dieses Geräusch ihn geweckt hatte und so wie er sich fühlte, hätte er viel lieber weitergeschlafen. Sein ganzer Körper schien mehrere Zentner zu wiegen, er fand jedenfalls nicht mehr die Kraft, auch nur irgendetwas zu bewegen. Vage spürte er einen undeutlichen Schmerz, konnte ihn aber nicht lokalisieren, ihn nicht greifen, so wie wenn man verzweifelt versuchte, einen Fisch mit der bloßen Hand zu fangen. Der Fisch flutscht immer wieder davon und dennoch wusste man, dass er da war.
Und ihm war heiß. So unglaublich heiß. Die Hitze schien zwei Quellen zu haben: seinen Rücken und seinen Kopf. Undeutlich nahm er den Schweiß wahr, der ihm übers Gesicht rann. Etwas deckte ihn zu, war bis zu seinem Kinn gezogen; darunter schien sich die Hitze nur so zu sammeln, als wolle sie ihn langsam aber sicher garen. Er musste hier raus, sonst würde er noch bei lebendigem Leibe gebraten werden.
Severus konzentrierte sich so gut er konnte darauf, seine Hand zu bewegen und die Decke wegzuschieben. Verbissen suchte er nach jedem bisschen Kraft in sich drin, nur um sich kurz darauf zu fragen, wieso er sich so konzentrierte. Es war ihm einfach entfallen. Verwirrt atmete er aus. Er fühlte, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte, doch in seinem Kopf bestand alles nur noch aus Watte, gedämpften Farben und dumpfen Klängen.
Ihm war so verflucht heiß. Irgendwie kam ihm das vage bekannt vor. Konzentriert sammelte er seine Energien und es gelang ihm, seine linke Hand ein Stück nach vorne zu schieben. Es war zwar nicht das Hochheben und Decke abschütteln, das er im Sinn gehabt hatte, aber seine Hand hatte offenbar die Decke etwas angehoben und kühle Luft sickerte erfrischend durch den neuen Spalt herein.
Erleichtert atmete er auf. Endlich etwas Linderung.
Doch lange konnte er diese Frische nicht genießen. Noch bevor die Erkenntnis sein umnebeltes Hirn erreichte, reagierte sein Körper bereits. Er begann zu zittern, heftig zu zittern, denn ihm wurde plötzlich verdammt kalt. Es schüttelte ihn richtig und seine Zähne klapperten aufeinander. Wieso war er nur so dumm gewesen und hatte die wohlige Wärme vertreiben wollen?
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis es seinen seltsam unbeweglichen und zittrigen Fingern gelang, die Decke wieder etwas näher zu ziehen. Bibbernd vor Kälte lag er da und wartete. War er schon so durchgefroren, dass selbst die Decke ihn nicht mehr wärmen konnte? Für einen Moment bekam er Angst, doch schon im nächsten Augenblick wusste er nicht mehr, was er denn fürchtete.
Dafür kehrte ein wohlbekanntes Gefühl zurück: die Hitze. Er keuchte, als die plötzliche Wärme, die ihn umgab, seine Haut zu verbrennen schien. Er brauchte Abkühlung, brauchte Wasser, sonst würde er zerfließen wie ein Stück Eis im Wüstensand.
Wieder hörte er das Geräusch, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren. Ein dumpfes Brummen untermalte die Ruhe. Undeutlich spürte er etwas, das sich auf seine Stirn legte. Es war weich und so unglaublich angenehm kühl, dass ihm ein leises Wimmern entfloh. Dann wurde es wieder dunkel.
Leech, Raven und Vanderdray standen in den drei Zellen. Vor einer halben Stunde hatten sie die Schalen mit Essen hereingestellt und doch schon auf den ersten Blick gesehen, dass das völlig sinnlos war. Die Drei lagen da wie tot. Und jetzt, wo sie das Essen wieder holten, stand es immer noch unberührt genau da, wo sie es hingestellt hatten. Leech warf einen skeptischen Blick zu Lupin, in dessen Zelle er gerade stand. Der Werwolf war aschgrau im Gesicht und bei jedem seiner Atemzüge war ein deutliches Rasseln zu vernehmen.
„Glaubt ihr, die überstehen die Nacht noch? Der hier sieht nicht so aus, als würd er's überhaupt noch bis zur Vollstreckung seines Urteils schaffen." fragte Leech.
Raven maß Black neben sich von oben bis unten. Er war blass und sein blutrotes T-Shirt zeichnete sich ebenso wie seine frischen Wunden sogar durch das Laken ab. Er zuckte die Schultern und sah Leech an. „Der Werwolf hat ihn ordentlich erwischt letzte Nacht, aber so schlimm nun auch nicht. Black zumindest wird die Verhandlung voll mitkriegen. Dafür wird Rukschow schon sorgen."
„Hab gehört, er war heut morgen total außer sich." murmelte Vanderdray und kratzte seinen Ellbogen.
Leech nickte. „Er is heut morgen mit Troy hier rein. Es war zwar alles verwüstet, aber er hat wohl gehofft, der Wolf würd die Verhandlung unnötig machen. Hat offenbar bisschen gedauert, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. Jedenfalls musste Troy hier drin alles aufräumen."
Raven grinste verhalten. „Das hat ihm sicherlich nicht gefallen. Hab gehört, er soll sogar Blacks Blutungen mit einem Zauber gestoppt haben."
„Ja, der Verräter wär sonst verblutet. Aber Rukschow wollte das nicht, er soll die Verhandlung offenbar noch miterleben. Vielleicht hat er auch noch was mit ihm vor, wer weiß." Leech zuckte die Schultern und ließ die Schüssel mit dem Zauberstab verschwinden.
Raven und Vanderdray taten es ihm gleich.
„Neue Decken haben sie auch. Sollen wohl die morgige Verhandlung unbedingt mitbekommen." meinte Raven.
„Sieht so aus." stimmte Vanderdray ihm zu und warf noch einen Blick auf Snape. Er atmete hektisch und flach, und er schien unruhig. Obwohl er es besser wusste, trat er einen Schritt auf den Gefangenen zu und legte sogar seine Hand auf dessen Stirn.
„Der hat garantiert 40° Fieber. Ich wär mir nicht so sicher, ob Fudge morgen nicht doch auf den einen oder anderen wird verzichten müssen."
„Und wenn schon. Dann sind es wenigstens ein paar Mörder weniger. Und der Tod is immer noch besser als der Kuss eines Dementoren." gab Leech seine Meinung kund.
„Lasst uns gehen, Thomas und Watts haben die Nachtschicht und sie müssten bald da sein. Ich für meinen Teil will nach Hause."
Damit verschwanden die Wärter und ließen die Drei allein.
Nur kurz darauf ging das Licht aus.
So, das war diesmal schon. Quasi die Ruhe vor dem großen Finale!
Nächstes Mal ist der Orden des Phönix dann in voller Aktion unterwegs!
Bis dahin,
bye
Bella
