So, hier kommt Teil 1 vom 'Text'-Epilog *g*
Viel Spaß beim Lesen!
Der Brief
Unschlüssig starrte er auf den Brief in seinen Händen. Die Eule war gerade eben erst im wahrsten Sinne des Wortes hereingeschneit, doch trotz des Wetters hatte er sie sofort wieder fortgeschickt, zu überrumpelt war er von ihrer Anwesenheit und von der Handschrift auf dem Umschlag gewesen.
Wie hatte er ihn gefunden?
Und warum gerade jetzt?
Solange war das jetzt alles her und mit diesem Brief kehrte alles wieder zurück. Es hinterließ ihn in einer seltsam bedrückten Stimmung, doch die Erinnerungen verletzten ihn nicht mehr so tief wie früher.
Kaum dass Remus damals erwacht war und Poppy ihm versichert hatte, dass er wieder gesund werden würde, da hatte es ihn gepackt und nicht mehr losgelassen, das Gefühl fliehen zu müssen. Einfach alles hinter sich zu lassen.
So viele schreckliche Dinge waren geschehen und er hatte es nicht mehr verkraften können, seine Seele hatte aus einem Scherbenhaufen bestanden, von dem er wusste, dass er ihn dort, wo er sein Leben lang gewesen war, nicht würde reparieren können. Von einem Moment auf den anderen hatte er ein paar Sachen gepackt, Remus und Harry einen knappen Brief hinterlassen, in dem gerade mal stand, dass er gehen musste und sie ihn nicht suchen sollten, und war verschwunden. Ziellos war er eine Weile von einem Ort zum nächsten gefahren, gewandert oder getrampt, hatte sich treiben lassen. Nur er und seine Gedanken.
Den letzten Zauber, den er gesprochen hatte, war ein Verschleierungszauber über sich selbst, damit er unauffindbar wurde, für Eulen und auch andere Zauber. Danach hatte er seinen Zauberstab weggepackt und ihn bis heute nicht mehr hervorgeholt. Diese Welt hatte ihm fast nur Übel gebracht, hatte ihn in den Dreck geworfen und ihn gefoltert. Damit hatte er einfach nichts mehr zu tun haben wollen.
Er wollte einfach nur leben.
Und das hatte er getan. Nach geraumer Weile hatte er einen Ort gefunden, eine Kleinstadt in der Nähe von London, wo er sich einigermaßen wohl fühlte. Mit dem Geld, das er aus Gringotts mitgenommen hatte, hatte er sich eine kleine, aber hübsche Wohnung gemietet, wo er sich erstmal verschanzt und vergraben hatte. Doch langsam war er zur Ruhe gekommen, hatte den Mut wieder gewonnen, sich der Welt zu stellen. Durch Zufall hatte er eine Aushilfsstelle in einem Kindergarten gefunden.
Die Arbeit machte ihm Spaß und er liebte die Kleinen, so wie sie ihn liebten. Er hatte seinen Job so gut gemacht, dass er bald fest angestellt worden war, und das obwohl er in seiner Bewerbung eigentlich nichts vorzuweisen gehabt hatte.
Es hatte eine Weile gedauert, aber er hatte sich an ein Leben als Muggel gewöhnt und es tat ihm gut. Langsam hatte er begonnen zu verarbeiten und sich wieder lebendig zu fühlen.
Bis jetzt dieser Brief sprichwörtlich in sein Wohnzimmer geflattert war. Nochmal las er ihn durch und rieb sich dabei etwas zittrig übers Gesicht. Wie lange hatte er diese Handschrift schon nicht mehr gesehen?
Das schlechte Gewissen begann an ihm zu nagen, mit kleinen scharfen Zähnen, wie schon so oft.
Es klingelte.
Aufgeschreckt ließ er den Brief fallen und sah sich verwirrt um, bis ihm wieder einfiel, dass er ja jemanden erwartete. Fahrig stand er auf und öffnete die Tür.
Schneeflocken fielen durch die glasklare Luft, landeten auf seinen Füßen und schmolzen dahin. Vor ihm stand sie, mit strahlenden Augen und ihrem umwerfenden Lächeln, ihre dunkelbraunen Locken kringelten sich über einen dunkelroten Schal und fielen schließlich auf einen hellgrauen Mantel.
Neben ihr wuselte etwas Kleineres vorbei ins Haus und trat sich erstmal den Schnee von den Stiefeln und schüttelte ihn aus Mütze und Schal.
„Hey Sirius!" rief der Junge.
„Hi Oliver!"
„Oh Sirius, ich freu mich schon so. Eine ganze Woche!"
Sie sprang auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch, aber er war noch immer viel zu aufgewühlt von dem Brief, als dass er ihre Freude teilen konnte, selbst wenn er vor 10 Minuten wohl noch genauso euphorisch gewesen wäre.
Verwundert ließ sie ihn los und trat einen Schritt zurück. Mit besorgten Augen und schief gelegtem Kopf musterte sie ihn.
„Sirius? Was ist passiert? Du.. du siehst so… bedrückt aus. Geht's dir gut?"
Er nickte schwach und fuhr sich gleichzeitig fahrig mit den Fingern durch die Haare. „Ich… Lyssa… ich weiß nicht, ob ich mit euch mitfahren kann." stammelte er schließlich.
Verwirrt glitt ihr Blick an ihm vorbei auf den Koffer, der neben seiner Garderobe stand. „Aber du hast doch gepackt?"
„Ja, ich… ich wollte ja auch mit. Ich will es immer noch, aber…" Er wusste nicht, was genau er sagen sollte. Alyssa war eine wundervolle Frau, so verständnisvoll und geduldig, er fragte sich immer wieder, womit er sie verdient hatte, doch sie wusste eben nicht alles. Eigentlich wusste sie rein gar nichts über ihn. Wie sollte er da…
„Wer ist denn ‚Remus'?" fragte da eine Stimme aus der Wohnzimmertür.
Oliver, Alyssas 8-jähriger Sohn, hielt seinen Brief in der Hand und sah ihn neugierig an.
Sirius seufzte und atmete tief durch. Und Alyssa verstand.
„Oliver, du solltest wissen, dass man die Post von anderen Menschen nicht liest! Leg den Brief zurück und dann setz dich schon mal ins Auto, wir… ich… komme gleich nach, ja?"
Mürrisch folgte der Junge ihren Worten und als sie sicher war, dass er im Auto saß, schloss sie die Wohnungstür und sah Sirius tief in die Augen.
„Dieser Remus hat mit deiner Vergangenheit zu tun, nicht wahr?"
Er nickte schwach.
„Hey!" Sie trat näher auf ihn zu und strich ihm zärtlich mit ihrer Hand über die Wange, bis er ihr schließlich in ihre warmen braunen Augen blickte, die ihm immer das Gefühl gaben, zuhause zu sein. „Sieh mich an. Ich weiß nicht, was damals passiert ist, ich weiß nur, dass du alle Brücken zu deinem früheren Leben abgebrochen hast, weil etwas Schreckliches passiert ist. Aber ich weiß auch, dass du etwas ganz Besonderes bist. Stärker als du manchmal glaubst. Ich will nur, dass du weißt, dass ich für dich da bin, was auch passiert, hörst du?"
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen und unbewusst lehnte er sich etwas gegen ihre Hand an seiner Wange.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich hab mein gesamtes Leben hinter mir gelassen, hab völlig neu angefangen und ich bin glücklich. Ich habe einen tollen Job, einen anstrengenden Spielkameraden und die bezauberndste Freundin, die man sich vorstellen kann."
Ein kleines Grinsen spielte um ihre Lippen.
„Es sind schreckliche Dinge passiert, ja, aber ich denke, ich habe damit abgeschlossen."
„Was ist dann das Problem?" wollte sie leise wissen.
„Ich…" er sammelte sich nochmals. „Ich habe damals auch Menschen zurückgelassen, die mir sehr viel bedeuteten, die mir noch heute sehr viel bedeuten. Sie waren mein Leben, der einzige Grund, wofür es sich gelohnt hatte, weiterzumachen. Auch ihnen wurde damals sehr wehgetan. Und doch konnte ich es nicht mehr ertragen, bei ihnen zu sein. Ich hab ihnen nie gesagt, wo ich all die Zeit über war, ich habe mich nie getraut, mich zu melden, obwohl ich so oft kurz davor stand. Jedesmal hat mich der Mut verlassen."
„Und jetzt haben sie dich gefunden." stellte Alyssa fest.
Sirius nickte.
„Wer ist Remus?" fragte sie sanft.
„Er ist mein bester Freund, der einzige wahre Freund, der mir noch geblieben ist. Ich verdanke ihm mein Leben. Er will wissen, ob es mir gut geht. Er hat mir geschrieben, dass er sich Sorgen gemacht hat, genauso wie Harry, mein Patensohn. Und er lädt mich ein, mit ihm heute Abend Silvester zu verbringen, wenn ich es möchte."
Sie lächelte ihn warm an, umschloss sein Gesicht mit ihren Händen und sah ihm tief in die Augen. Dann glitt ihre rechte Hand tiefer und legte sich auf seine Brust.
„Dann hör auf dein Herz und du weißt, was du zu tun hast."
Zögerlich und unsicher begann auch er zu lächeln und umarmte sie. Fest drückte er sie an sich. Er wusste, was er tun sollte.
Langsam trennten sie sich und sie strich sich eine Strähne zurück hinters Ohr.
„Du kannst ja nachkommen. Und wenn es länger dauert, dann haben wir immer noch alle Zeit der Welt für einen kurzen Urlaub bei meinen Eltern." Sie grinste.
„Ich liebe dich, Lyssa!"
„Ich weiß!" entgegnete sie ihm schnippisch und küsste ihn. „Und ich liebe dich!"
Mit jedem Schritt verschwand seine anfängliche Sicherheit ein wenig. Er konnte Hogwarts bereits oben auf dem Hügel sehen. Der Anblick jagte ihm eisige Schauer über den Rücken. Viel Glück war ihm hier widerfahren, aber die dunkle, majestätische Silhouette brachte auch die Erinnerung an unsägliches Leid mit sich. Nervosität machte sich in ihm breit. Bald würde er Remus wieder sehen, nachdem er ihn einfach im Stich gelassen hatte. Und er würde Harry einen Besuch abstatten, den er wochenlang gemieden und dann ebenfalls zurückgelassen hatte. Er fühlte sich schäbig deswegen, die beiden hatten soviel für ihn getan und er war einfach weggerannt. Und gleichzeitig wusste er, dass er keinen anderen Weg zur Auswahl gehabt hatte. In diesen Mauern, gefangen in der Vergangenheit… er wäre zu Grunde gegangen.
Instinktiv griff seine Hand in seine Manteltasche. Dort war sein Zauberstab. Völlig eingestaubt hatte er ihn aus seinem Versteck befreit und sich nach Hogsmead appariert, in der Hoffnung, dass er es noch nicht verlernt hatte. Doch den suchte er nicht. Da schlossen sich seine Finger um das Lederband mit dem keltischen Knoten als Anhänger. Alyssas Glückskette. Sie hatte darauf bestanden, dass er sie mit sich nahm.
‚Der Knoten ist Symbol für das Schicksal, für die Irrwege des Lebens. Damit du den Weg nicht verlierst.'
Mit diesen Worten hatte sie ihm das Amulett in die Hände gelegt. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als seine Finger über das kühle Metall strichen. Er machte ihr das Leben nicht gerade leicht, sie wusste, dass er ihr mehr von seinem Leben vorenthielt, als er ihr jemals offenbart hatte. Und dennoch war sie immer an seiner Seite, geduldig, verständnisvoll und warmherzig. Sie drängte ihn zu nichts. Sie gab ihm Geborgenheit, was auch geschah.
Als sie sich zum erstenmal näher gekommen waren und sich innig und leidenschaftlich auf seiner Couch geküsst hatten, da war eine ihrer Hände plötzlich unter sein Shirt gekrochen und hatte ihm über Bauch und Brust gestreichelt. Sein ganzer Körper hatte sich damals sofort verkrampft und ohne es zu wollen, hatte er wieder diese rauen Hände und den heißen Atem auf seiner Haut gespürt. Ruckartig war er aufgesprungen und hatte irgendwas vom vergessenen Rotwein gestammelt, ehe er in die Küche geflohen war. Hilflos zitternd, gefangen in den Klauen der Vergangenheit, war er auf den Küchenstuhl gesunken, wo sie ihn natürlich gefunden hatte. Sie war ziemlich erschrocken und verwirrt gewesen, aber sie hatte ihn zurück ins Wohnzimmer gebracht, seinen zitternden Körper zugedeckt und ihm solange durchs Haar gestreichelt – nachdem sie bemerkt hatte, dass ihn das beruhigte – bis er eingeschlafen war. Die Nacht hatte sie daraufhin auf seinem Sessel verbracht, voller Sorge um ihn.
Sie war ein Engel, der Engel, der ihn langsam und kaum merklich aus sich herauslockte und ihn wieder mit Lebensmut und Freude füllte. Stück für Stück gab sie ihm das Glück zurück, das er in Askaban verloren geglaubt hatte.
Und doch war da dieses kleine, unnachgiebige Fleckchen in seinem Kopf, das ihm immer deutlicher sagte, dass es so nicht ewig weitergehen konnte, dass er ihr irgendwann die Wahrheit sagen musste, ihr alles erzählen musste.
Er umschlang das Amulett fester und stapfte weiter entschlossen durch den Schnee, die Stätte seiner Vergangenheit wartete bereits auf ihn.
Dunkel lag Hogwarts da, thronte auf der Anhöhe neben dem See, dessen gefrorenes Antlitz die letzten Lichtstrahlen des Tages kalt reflektierte. Und doch nahm der weiche, weiße Schnee den Türmen und Zinnen ihre Kanten. Warmes, goldenes Licht flackerte hinter zahlreichen Fenstern, versprach wohlige Gemütlichkeit und die Geborgenheit, die ihm Hogwarts' beheizte, helle Räumlichkeiten als Kind immer bereitet hatte.
Ein letztes Mal schloss er die Augen und kämpfte seine Zweifel nieder, ehe er durch das von Ebern gesäumte Tor trat.
Seine Schritte führten ihn über geräumte Wege hinauf zum Haupttor, doch er verließ die Wege und stapfte durch den Schnee zum entfernteren Hintereingang. Er war noch nicht bereit, gleich jemandem über den Weg zu laufen. Leise öffnete er die Tür und schritt zielstrebig auf eine Treppe zu. Schon nach wenigen Schritten spürte er, wie sich seine Hosenbeine nass an seine Beine klebten und ihm Wasser in die Schuhe rann, jetzt da der Schnee an seiner Hose schmolz.
Die Gänge, die er benutzte, waren allesamt verlassen, vermutlich, weil sämtliche Schüler, die sich zur diesjährigen Silvesterparty eingefunden hatten, gerade damit beschäftigt waren, sich für eben diese herzurichten. Und die Lehrer trafen sicher Vorbereitungen. Jedenfalls war er froh darüber, niemandem zu begegnen. Es war schon so schlimm genug, mit dem mulmigen Gefühl in seiner Magengegend fertig zu werden, das immer stärker wurde, je näher er Remus' Quartier kam, auch ohne sich mit unliebsamen Fragen herumzuschlagen.
Schließlich erreichte er die Tür, eine simple Holztüre mit Griff und doch soviel mehr. Nervös blieb er davor stehen und starrte einfach nur auf das Holz. Nach einer Weile glaubte er, die Maserung sogar nachzeichnen zu können, so intensiv hatte er sie jetzt studiert. Seine Atmung ging schnell und seine Hände waren schwitzig. Wie sollte er seinem Freund gegenübertreten, nachdem er einfach so verschwunden und alle Brücken abgebrochen hatte? Wie sollte er Remus in die Augen sehen, wenn auch heute noch die Schuldgefühle durch seine Adern kreisten?
Wieso war er überhaupt hier?
Er schloss die Augen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand neben der Tür. Mit den Händen rieb er sich übers Gesicht, als wolle er damit seine Gedanken klären.
Er war hier, weil er seinen Freund schrecklich vermisste, und weil er ihm erklären wollte, wieso er ihm so wehgetan hatte, indem er einfach gegangen war.
Entschlossen wandte er sich um und klopfte, bevor er noch länger darüber nachdenken konnte. Schon kurz darauf ertönten Schritte auf der anderen Seite der Tür und Sirius' Nervosität kehrte mit aller Macht zurück. Als die Tür sich öffnete, setzte sein Herz beinahe einen Moment aus vor Schreck.
Vor ihm stand Remus, schmächtig und blass wie immer, das Haar mehr als zur Hälfte ergraut, und in zerschlissene Jeans und einen wohl uralten, aber unglaublich bequem aussehenden dunkelroten Strickpulli gekleidet. Als er ihn erkannte, erstarrte er völlig. Unbehaglich trat Sirius von einem Bein auf's andere, zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, wie er sich Remus gegenüber verhalten sollte, was er sagen sollte. Diese Starre verunsicherte ihn zusätzlich. Doch dann weiteten sich Remus' Augen und ein fassungsloses Lächeln erhellte seine zu früh gealterten Züge. Wortlos breitete er die Arme aus und schlang sie um Sirius, der im ersten Moment völlig perplex war, doch schon eine Sekunde später lagen auch seine Arme auf dem Rücken seines Freundes.
Sie klammerten sich aneinander fast wie Ertrinkende, als könnten sie sich wieder verlieren, wenn sie sich jetzt losließen. Mit einem Schlag wurde Sirius bewusst, was er zurückgelassen hatte: einen Teil seiner Selbst. Und das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, wurde übermächtig.
„Es tut mir so Leid, Remus." flüsterte er zittrig.
„Du bist hier, das ist alles, was zählt!"
„Dass ihr Gryffindors auch immer so schrecklich rührselig sein müsst." erklang es da tief und volltönend hinter Remus.
Diese Stimme erkannte Sirius selbst nach so langer Zeit sofort. Wie könnte er sie auch vergessen? Und entgegen jeder Erwartung spürte er in sich eine seltsame Art der Wiedersehensfreude. Er ließ von Remus ab und spähte an ihm vorbei in das Zimmer, wo er auf einem Sessel gleich neben dem Kamin eine dunkle Gestalt sitzen sah, mit überschlagenen Beinen und einem Glas Rotwein in der Hand.
„Snape!" Er hatte ihn hier nicht erwartet, aber dennoch freute er sich irgendwie, seinen einstigen Feind wieder zu sehen.
Snape derweil verzog genervt das Gesicht. „Diese geballte Ladung Entschlussfreudigkeit!" murmelte er vor sich hin, ehe er Sirius aus seinen dunklen Augen anfunkelte. „Es zieht!"
Schmunzelnd trat Sirius ein und gab Remus somit eine Chance, die Tür zu schließen. Langsam trat er auf die Sitzgruppe zu, während er sich seine schwarze Jacke auszog und sie über die Lehne der Couch legte. Seine Augen sogen jedes Detail des Raumes in sich auf, verknüpften das Gesehene mit seinen Erinnerungen. Das letzte Mal war er hier drin gewesen kurz bevor Fudge sie drei festgenommen hatte. Es kam ihm vor, als läge dieser Moment eine schiere Ewigkeit zurück.
Der Raum hatte sich kein bisschen verändert. Immer noch dieselbe dunkelgraue Couch, derselbe dunkelrote Teppich davor, der Schreibtisch war noch immer mit ordentlich gestapeltem Pergament bestückt und in dem großen Bücherregal tummelten sich dieselben Bücher. Und doch bemerkte Sirius einen Unterschied. Auf dem Kaminsims stand ein zusätzliches Foto, gleich neben einem Foto, das Remus zusammen mit ihm, James und Peter zusammen zeigte. Es war ein Bild von Tonks.
„Setz dich!" hörte er Remus sagen, also machte er es sich an einem Couchende seitlich von Snape bequem. Remus setzte sich neben ihn, ein Bein untergeschlagen und ihm zugewandt.
„Severus hat darauf gewettet, dass du nicht kommen würdest. Ich war mir da ehrlich gesagt auch nicht so sicher, obwohl ich natürlich gehofft hab, dass du herfinden würdest."
„Es war nicht leicht für mich, wieder hierher zurückzukehren. Aber du und Harry… ihr seid mir permanent im Kopf herumgegeistert, doch ich war einfach noch nicht bereit dazu." Er ließ es dahingestellt, wozu ihm genau die Bereitschaft gefehlt hatte, aber an Remus' Lächeln erkannte er, dass er dennoch verstand. „Wie hast du mich gefunden?"
Während Remus ein drittes Glas herbeizauberte und Sirius auch etwas von dem vorzüglichen Rotwein eingoss, schmunzelte er leise. „Ich muss gestehen, ich hatte etwas Hilfe von Severus und Bill Weasley. Ich kann es immer noch nicht richtig fassen, dass du wirklich hier bist."
Sirius grinste, gleichzeitig vor schlichter Wiedersehensfreude, aber auch ein wenig verlegen. Es fühlte sich seltsam an, nach so langer Zeit wieder hier zu sein. Unschlüssig, was er sagen, was er tun sollte, griff er nach seinem Glas und trank einen Schluck Rotwein.
Snape beobachtete ihn über den Rand seines Glases hinweg. Er trug eine gewöhnliche, schwarze Hose und darüber einen schwarzen Rollkragenpullover, vor ihm auf dem Tisch lagen zwei schwarze Lederhandschuhe.
„Nach allem, was geschehen ist, hatte ich eigentlich gedacht, dass du nicht der Typ bist, der wegläuft. Ich muss sagen, ich hab mich geirrt. Man munkelt, du versteckst dich bei den Muggeln." Snape hatte sich in keinster Weise verändert. Er sprach noch immer herablassend, fast verachtend, und mit einer wohl akzentuierten Schärfe, die dem Gegenüber genau an seinen empfindlichsten Punkten traf.
Remus versteift sich bei diesen Worten, die einer klaren Streiteröffnung gleichkamen. Er bedachte Snape mit einem finsteren Blick, ehe er sich Sirius zuwandte, um sich um Schadensbegrenzung zu bemühen. Er hatte wirklich geglaubt, nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, würden sich die zwei wenigstens soweit verstehen, dass sie sich gepflegt unterhalten konnten. Offenbar hatte er sich geirrt.
Aufmerksam musterte er Sirius neben sich, doch die erwartete Reaktion – ein Wutausbruch, gegenseitiges Anschreien und schließlich ein überstürzter Aufbruch – blieb aus. Stattdessen sah er ein Grinsen um Sirius Lippen spielen, ein echtes Grinsen.
Einen Moment hatte Sirius sich angegriffen gefühlt, doch dann war ihm Snapes Blick aufgefallen. Irgendwas darin war anders, und er hatte begriffen. Snape hatte sich doch verändert, irgendwie zumindest. Und er selbst hatte es garantiert, er war ruhiger, besonnener geworden, er würde nicht aufbrausen, aber wenn Snape seine Stichelei haben wollte, sollte er sie bekommen.
„Tja Snape, damit wäre dann bewiesen, dass du entgegen aller Gerüchte tatsächlich ein Mensch bist, denn wie sagt man so schön: ‚Irren ist menschlich'." Snape schmunzelte nur. „Und ich verstecke mich nicht, ich lebe dort, als einer von ihnen."
Eine Weile herrschte Stille im Raum, eine unangenehme Stille. Und es kam Sirius wie eine Ewigkeit vor, als Remus endlich sprach.
„Es war nicht deine Schuld." flüsterte dieser leise.
Irritiert stellte Sirius das Glas ab und musterte seinen Freund, langsam dämmerte ihm, dass jetzt das Gespräch folgte, vor dem er sich insgeheim gefürchtet hatte.
„Ich weiß, dass du dir die Schuld an dem gibst, was Rukschow mir angetan hat. Aber es war nicht deine Schuld. Rukschow allein war für sein Handeln verantwortlich und früher oder später wäre er sowieso auf diese Idee gekommen."
Sirius biss sich auf die Lippe und starrte auf die Sitzfläche der Couch, während er langsam den Kopf schüttelte. Er hatte gewusst, dass Remus ihm niemals die Schuld daran geben würde, dass er ihn in Schutz nehmen würde, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass es seine Schuld war.
Remus verstand. Zu gut und zu lange kannte er diesen Mann jetzt schon. Er konnte Sirius nicht überzeugen, er würde es vermutlich nie können. Seufzend nickte er.
„Aber du bist nicht nur deswegen gegangen, oder?"
Ein warmes Lächeln breitete sich auf Sirius' Gesicht aus. „Nein, Moony, das allein war nicht der Grund. Ich… ich hab mich von diesen Wänden erdrückt gefühlt. Hogwarts war auf einmal kein Ort der Zuflucht mehr, sondern ein Mahnmal aus Erinnerungen, Erinnerungen an einen jungen Zauberer, der einst eine Zukunft hatte, die jetzt nicht mehr existierte. Die Welt der Zauberei hat mir nur Schmerz bereitet, sie hat mir Menschen genommen, die ich liebte, sie hat eine Kluft zwischen mir und meinem besten Freund und meinem Patensohn gezogen, die ich damals nicht überwinden konnte. Es war einfach alles zuviel. Ich wusste, wenn ich bleiben würde, dann würde ich mich langsam aber sicher zu Grunde richten. Deshalb bin ich gegangen, hab meinen Zauberstab weggepackt und bis zum heutigen Tag nicht mehr benutzt."
„Sirius…" hörte er Remus sagen und als er aufsah, erkannte er eine Mischung aus Sorge, mildem Entsetzen und Mitleid in dessen Augen, was ihn dazu brachte, ihn zu unterbrechen.
„Nicht, Moony. Es geht mir gut. Wirklich." Remus wirkte nicht überzeugt, was Sirius ein strahlendes Grinsen aufs Gesicht zauberte. Er lachte leise. „Ich komm mir gerade vor wie damals, als ich immer versucht hab, dich zu überzeugen, dass wir bei unserem neuen Streich sicher nicht erwischt würden. Ewiger Skeptiker!"
Remus runzelte die Stirn und legte seinen Kopf schief. „Du hast mich damals zwar meistens überzeugt, aber erwischt wurden wir auch meistens."
Sirius seufzte gottergeben. „Okay, ich wohne in einer gemütlichen, kleinen Wohnung in einem typischen, englischen Reihenhaus. Ich habe einen herrlichen Job und jeden Tag 15 der besten Therapeuten Englands um mich herum. Bist du jetzt zufrieden?"
Verwirrt starrte Remus ihn an.
„Seit wann braucht man einen Dolmetscher, um dich zu verstehen?" fragte Snape stattdessen.
Sirius grinste wieder, wobei er amüsiert den Kopf schüttelte. „Ich arbeite in einem Kindergarten."
„Kindergarten?" wiederholte Remus ungläubig.
Snape dagegen zog nur irritiert eine Augenbraue hoch. „Es gibt Leute, die ihre Kinder freiwillig in deine Obhut geben? Bei Merlin, Muggel müssen dümmer sein, als ich angenommen hatte… oder völlig irre. ‚Sie wollen, dass aus ihrem Sohn ein verzogener Bengel wird, der sich einen Eulenmist aus Autorität macht und nichts als Streiche im Kopf hat, dann lassen sie ihn ruhig hier!'"
Und wieder verblüffte Sirius die beiden, indem er einfach nur lachte. „Ja, Snape, ich ziehe mir da meine Privatarmee an Rumtreibern heran. Natürlich!" fügte er noch sarkastisch hinzu. „Und übrigens, die Muggel sagen dazu eher ‚auf Autorität scheißen'."
Ein leises Lächeln zog sich über Remus' Lippen und verlieh seinem gealterten, gezeichneten Gesicht fast wieder etwas von seiner Jugend. „Du hast dich verändert Tatze!"
Langsam nippte Sirius an seinem Glas und starrte dabei in die Flammen im Kamin. Die Worte hallten durch seinen Geist.
„Wie könnte man nach all dem noch derselbe bleiben?" Sein Murmeln war kaum zu hören und doch schienen die Worte durch den Raum zu hallen.
Stille legte sich über die Drei. Eine nachdenkliche, unangenehme Stille.
Unruhig rutschte Sirius auf seinem Platz herum, es tat ihm Leid, mit seinem unüberlegten Kommentar die Stimmung zum Gefrieren gebracht zu haben. Krampfhaft suchte er nach einem Ausweg und fand ihn schließlich, sogar ganz leicht.
„Wie ist es euch seither ergangen? Unterrichtet ihr wieder?"
Snape zog in seiner ihm eigenen Art eine Augenbraue hoch, sein Blick war düster und starr in sein Weinglas gerichtet, das in seiner rechten Hand ruhte. „Wenn man das Unterricht nennen kann…"
„Natürlich ist das Unterricht, Severus!" beeilte sich Remus zu widersprechen. „Die Kinder lernen bei dir. Und sie lernen nach wie vor vom Besten!"
Snape schnaubte. „Vom Besten! Ts! Sie lernen von einem Krüppel; einem Tränkemeister, der nicht mal mehr eine einfache Schwell-Lösung ohne Hilfe herstellen kann."
Im ersten Moment irritiert wanderte Sirius' Blick zwischen den beiden Männern hin und her, doch dann fiel er auch auf die Handschuhe. Und langsam dämmerte ihm, um was es hier ging.
„Deine Hände." warf Sirius nur feststellend in den Raum.
„Was du nicht sagst." gab Snape ätzend zurück und stellte sein Glas auf den Tisch. Instinktiv rieb er sich die kühlen Finger.
Sirius runzelte die Stirn. „Hat Poppy denn gar nichts mehr tun können?"
Snape atmete einmal tief durch und lehnte sich wieder zurück in den bequemen Sessel. Konzentriert zwang er sich zur Ruhe. Es hatte keinen Sinn sich aufzuregen – wenn er eins gelernt hatte, dann das, denn es änderte rein gar nichts. Außerdem konnte Sirius schließlich nichts dafür. Langsam hob er den Blick und sah Black direkt an.
„Nicht viel. Die Verletzungen waren zu alt und zu schwerwiegend. Die da," er nickte in Richtung der schwarzen Lederhandschuhe, „hat sie mir besorgt. Sie werden von einem Zauber warmgehalten. Ohne diese lästigen Dinger kann ich außerhalb gemütlich geheizter Räume nicht mal meinen Zauberstab richtig halten."
Mit gerunzelter Stirn lehnte sich Sirius etwas vor und stützte seine Ellbogen auf seine Knie. „Aber mit diesen Handschuhen ist die Beweglichkeit deiner Hände wieder voll gewährleistet?"
Snape nickte.
Eine steile Falte bildete sich zwischen Blacks Augen. „Wo liegt dann das Problem? Ich meine abgesehen davon, dass du ständig diese Handschuhe tragen musst?"
Ohne es verhindern zu können, verdrehte Snape die Augen und seufzte. Für einen Augenblick stützte er resigniert seine Stirn gegen eine seiner Hände, wobei Sirius einen Blick auf die dicken, roten Narben an seinen Handgelenken erhaschen konnte.
Remus grinste währenddessen in sich hinein. „Mach dir nichts draus, Severus. Sirius hat was Zaubertränke angeht noch weniger Ahnung als ich."
„Das seh ich. Das Problem," er betonte das Wort ganz besonders, „liegt darin, dass ich mit den Handschuhen zwar die nötige Feinmotorik zum Arbeiten hätte, doch das klobige Material schränkt mein Feingefühl zu sehr ein. Und ohne Handschuhe… naja, sagen wir mit Feingefühl ohne Feinmotorik funktioniert es genauso wenig."
„Aber..." setzte Sirius an. Wenn Snape selbst daran scheiterte, die Zutaten für seine Tränke zu schneiden, wie schaffte er es dann weiterhin zu unterrichten, geschweige denn, Zaubertränke herzustellen? Oder machte er das nicht mehr? Aber wenn sich Snape nicht mehr um den Wolfsbanntrank kümmern konnte…
Sein Blick wanderte unwillkürlich kurz zu Remus hinüber. Abgesehen von den persönlichen Folgen, die diese Verletzung wohl auf Snape's Psyche hatte, zog sie auch sonst noch einen ganzen Rattenschwanz an Auswirkungen hinter sich her.
„Aber wie…" setzte er nochmal an, doch er wusste nicht, wie er die Frage formulieren sollte.
‚Wie unterrichtest du dann?'
‚Wer erleichtert Remus die Vollmondnächte?'
Doch Snape verstand die Frage auch so. „Albus hat mir eine… persönliche Assistentin… zur Seite gestellt." Und so wie Snape sich anhörte, war er nicht besonders glücklich mit der Lösung.
„Was hat die Schülerin denn angestellt, um bei dir im Kerker zu landen?" Die Frage war Sirius rausgerutscht, bevor er sich hatte bremsen können. Er mochte sich vielleicht verändert haben, aber deshalb war er noch lange kein völlig anderer Mensch geworden.
Remus seufzte und murmelte ein leises ‚er kann es einfach nicht lassen' vor sich hin, während Snape ihn einfach nur finster musterte.
„Sehr witzig, Black. Albus hat sich die besten Schüler der oberen drei Jahrgänge rausgesucht und sie gefragt. Es ist vollkommen freiwillig… zumindest für sie." fügte er noch knurrig hinzu.
Jetzt war es an Remus die Augen zu verdrehen. „Jetzt mach kein Drama draus. Wenn man dir so zuhört, könnte man glatt meinen, sie wär das Schlimmste, das dir je passiert ist."
„Ich wollte keine Assistentin." beharrte Snape vehement auf seinem Standpunkt.
„Mag schon sein, aber du kannst nicht leugnen, dass sie gute Arbeit leistet, und dass sie dir gut tut. Komm schon, ich weiß, dass du sie magst, oder hättest du ihr sonst freiwillig angeboten, ihr bei einem Rundgang durch den Verbotenen Wald mehr über Trankzutaten, die man dort finden kann, zu erzählen?" Ein verschmitztes Grinsen huschte um Remus' Lippen, wohingegen Snapes Augenbraue nur eine Etage tiefer rutschte.
„Ich hab sie nur mitgenommen, um meine Vorräte effektiver auffüllen zu können."
„Wenn du meinst." gab Lupin klein bei, doch man hörte ihm deutlich an, dass er Snape nicht glaubte.
Und wenn Snape ehrlich zu sich selbst war, dann musste er Lupin Recht geben. Er hatte sie mitgenommen, weil sie etwas lernen wollte, weil sie interessiert war und weil sie ihm nicht auf die Nerven ging wie die meisten anderen.
Anfangs hatte er es gehasst, hatte sich unfähig und übergangen gefühlt. Er war es gewohnt, alleine in seinem Labor zu arbeiten, doch jetzt war da plötzlich eine zweite Person, eine, mit der er gezwungen war zu kommunizieren, da sie einen Teil der Arbeiten für ihn übernehmen sollte. Es war eine harte Anfangszeit gewesen, für sie beide. Er hatte seinen Frust an ihr ausgelassen, doch sie hatte es stoisch ertragen und ihm dabei dennoch unaufdringlich unter die Arme gegriffen. Bald spielten sie sich aufeinander ein und er bemerkte, dass sie ziemlich geschickt war, nicht nur im Arbeiten an Zaubertränken, sondern auch dabei, wie sie sich ganz subtil Stück für Stück durch seine harte Schale arbeitete. Er hatte es anfangs nicht mal bemerkt.
Sie war intelligent und nach einer Weile verlor sie ihre Scheu vor ihm und konterte auf seine bissigen Kommentare durchaus gleichwertig, wenn sie es für angebracht hielt. Ihr Feingefühl dabei war bemerkenswert. Und irgendwann hatte sie dann irgendwie seine Schale geknackt. Er genoss ihre Gesellschaft, freute sich über ihre Lernbereitschaft und Wissbegierigkeit. Er traute sich kaum, es zu denken, doch sie waren ein gutes Team geworden.
Da riss Black's Stimme ihn aus seinen Gedanken.
„Und wer ist ‚die Glückliche'?"
„Ginny Weasley." antwortete Remus für ihn.
Angenehm gesättigt lehnte sich Remus zurück und ließ sich einen Moment einfach nur in die gemütliche Couch sinken.
Die Silvesterfeier in der großen Halle hatte bereits begonnen und das Essen, dass er für sie drei von einem Hauselfen hatte bringen lassen, war wahrlich vorzüglich gewesen. Severus war inzwischen wieder zu seinem Wein übergegangen, aber Sirius genoss sein Stück Schokoladenkuchen mit Schlagsahne noch in vollen Zügen. Mit einem Lächeln im Gesicht beobachtete Lupin ihn eine Weile und er stellte mit Freude fest, dass sein Freund es nach all den strapaziösen Jahren geschafft hatte, auf ein gesundes Maß an Gewicht zuzunehmen.
Das Essen war relativ ruhig verlaufen. Sirius hatte sich ein wenig nach Ginny erkundigt. Er mochte das Mädchen und es faszinierte ihn, dass sie es geschafft hatte, unter die Schale des kühlen Tränkemeisters vorzudringen.
Schließlich wollte Sirius auch wissen, was bei ihm seither passiert war, und Remus hatte ihm von dem Buch erzählt, das er geschrieben hatte. Natürlich war ihm nicht entgangen, wie sich die verkrampften Schultern seines Freundes erleichtert entspannt hatten, als er ihm versichert hatte, dass er ihn bei den Abschnitten aus Askaban nicht erwähnt hatte, nur in dem Teil seine Schulzeit hier in Hogwarts betreffend.
Der Gedanke daran erinnerte ihn auch wieder an etwas. Er erhob sich und kramte unter den neugierigen Blicken von Sirius, der inzwischen auch fertig war, ein Buch aus einer seiner Schreibtischschubladen heraus.
„Was ist das?" wollte Sirius wissen.
Remus setzte sich wieder. „Das ist für dich. Ich hab es aufgehoben."
Es war ein Exemplar seines Buches ‚Schaf im Wolfspelz'. Er bemerkte sofort, dass Sirius' Blick zuerst auf seiner vernarbten linken Hand hängen blieb, ehe er nach dem Buch griff. Schon beim Essen hatte er Sirius' Blicke gespürt. Die Wunden der Silberverbrennung waren nur schlecht verheilt und hatten hässliche Narben zurückgelassen und die machten seine Hand noch heute recht unbeweglich. Weder konnte er sie zur Faust ballen, noch völlig strecken. Doch sie ließ sich bewegen und dafür war er schon dankbar.
Sirius' herzhaftes Lachen riss ihn aus seinen Gedankengängen.
„Also der Titel ist echt genial, Moony!"
„Ich fand ihn irgendwie passend." grinste Remus.
„Naja, ich hätte dich jetzt nicht unbedingt als Schaf beschrieben…" grinste Sirius zurück. „Danke!"
Er schlug das Buch auf und blätterte ein wenig, bis er schließlich innehielt und ihn mit schief gelegtem Kopf und diesem ihm eigenen Funkeln in den Augen musterte.
„Was hat es eigentlich genau mit Tonks auf sich?" fragte Sirius spitzbübisch.
Remus spürte, wie seine Wangen ein ganz klein wenig wärmer wurden. Ein glückliches Lächeln spielte um seine Lippen. „Wenn ich deinen Gesichtsausdruck deute, dann würd ich sagen, weißt du es sowieso schon."
„Alter Schwerenöter!"
„Hey!" Spielerisch schlug Lupin gegen Sirius' Schulter.
„Nein ehrlich," fragte Sirius ehrlich interessiert, „wie kam es dazu?"
Remus zuckte die Schultern. „Nachdem du gegangen bist, hat sie mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen und wieder… naja… irgendwie in die Normalität zurück zu finden."
„Es war grauenhaft!" warf Snape ein. „Sie hing an ihm wie eine Klette. Permanent. Und ständig diese furchtbar nervende Mischung aus penetranter Fröhlichkeit und übertriebener Überfürsorglichkeit. Es wundert mich, dass er sie nicht irgendwann einfach verhext hat."
Sirius konnte sich ein Grinsen bei der Vorstellung nur schwer verkneifen. Remus dagegen hob nur in einer hilflosen Geste die Hände und sah seinen Freund fast entschuldigend an.
„Manchmal war sie wirklich eine Plage. Aber irgendwie hat sie es geschafft, dass ich mich in sie verliebt hab."
„Wahrscheinlich hat sie dir was ins Essen gemischt." schlug Snape vor ehe er sich an Sirius wandte. „Wer immer das Zeug gebraut hat, dass sie ihm untergejubelt hat, hat hervorragende Arbeit geleistet!"
Sirius lehnte sich ein wenig zu Snape hinüber und musterte Remus von dort aus, was auf diesen so wirkte, als hätten sich seine beiden Besucher plötzlich zusammengerauft und gegen ihn verschworen. „Ich sehe, was du meinst. Dieses liebestrunkene, schmachtende Grinsen, das den Blick vernebelt… und ihm offenbar im wahrsten Sinne des Wortes eine rosarote Brille beschert."
Sirius traute seinen Ohren kaum, als er Snape neben sich tatsächlich lachen hörte. Doch keine zwei Sekunden später stimmte er gerne mit ein und schließlich musste sogar Remus klein bei geben.
„Sehr witzig." keuchte er leise, als er sich wieder beruhigt hatte. „Ihr seid doch nur neidisch."
„Wegen dieser nie schweigende Pink Lady an deiner Seite?" fragte Snape ungläubig. „Gewiss nicht!"
Noch immer musste Sirius schmunzeln. Sie führten sich alle miteinander auf wie pubertierende Kindsköpfe – vor allem von Snape hätte er das wahrlich nicht erwartet – aber genau das ließ ihn sich so wohl fühlen. Er bereute seine Entscheidung hergekommen zu sein kein bisschen.
„Ich wüsste nicht, wieso ich neidisch sein sollte."
Remus horchte auf. „Gibt es da etwas, dass ich wissen sollte?"
Ein Lächeln erhellte seine Züge, als Sirius an Alyssa dachte. Snape dagegen stöhnte nur gespielt auf. „Nicht noch einer!"
Neugierig hockte sich Remus seitlich auf die Couch und rückte Sirius somit ein Stück näher. „Na los, wie heißt sie?"
„Alyssa. Sie ist Tanzlehrerin in einer kleinen Tanzschule."
„Wie habt ihr euch kennen gelernt? Hast du versucht, das Tanzbein zu schwingen?" wollte Remus wissen.
Aber Sirius schüttelte den Kopf. „Nein. Ihr Sohn Oliver hat mich bei seinem ersten Inlineskate-Versuch über den Haufen gefahren. Der Kleine ist ein ziemlicher Draufgänger. Sie hat darauf bestanden, sich mit einem Kaffee zu entschuldigen."
„Sie hat ein Kind?" stellte Snape fest.
„Jepp. Der Wildfang wird bald acht. Sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, sobald er gehört hat, dass sie schwanger ist."
„Respekt, alleine ein Kind groß zu ziehen ist sicher nicht einfach. Wie lange… kennt ihr euch jetzt schon?" Remus gefiel die Vorstellung, dass sein Freund endlich etwas Glück im Leben gefunden hatte. Wenn er sich auch so seine Gedanken dazu machte. Ihm selbst war es alles andere als leicht gefallen, mit Tonks über Zungenküsse hinaus intimer zu werden. Jetzt hatte er aber viel weniger erdulden müssen als Sirius.
„Überrollt wurd ich im April von dem Knirps. Von da an hat sich dann alles irgendwie entwickelt. Eigentlich wollte ich heute mit ihr und Olli in einen Kurzurlaub zu Lyssas Eltern starten…"
„Verdammt Tatze, du Idiot, wieso sagst du nichts? Wir hätten auch…" schreckte Remus auf, bis Sirius ihm eine Hand auf die Schulter legte.
„Stopp. Fang jetzt ja nicht an, dich deswegen schuldig zu fühlen. Es war meine Entscheidung – mit ihrem Segen – und es war die Richtige! Außerdem ist es mir ganz recht, wenn ich zumindest bis morgen Ruhe hab vor Belindas neugierigen Fragen."
„Belinda?" Snapes Augenbraue näherte sich wieder verdächtig seinem Haaransatz.
„Lyssas Mutter." seufzte Sirius.
Remus runzelte die Stirn. „Neugierige Fragen? Du hast es ihnen erzählt?"
An der Art wie Sirius das Gesicht verkniff erkannte Remus sofort, dass er gar nichts erzählt hatte.
„Aber Alyssa weiß es doch, oder?"
Langsam schüttelte Sirius den Kopf. „Ich fürchte nein. Ich bring es einfach nicht über mich, ihr zu sagen, dass ich ein Zauberer bin. Von dem ganzen Rest ganz zu schweigen. Sie ist das Beste, was mir seit langer Zeit passiert ist, und ich hab Angst, sie zu verlieren."
„Ich glaube nicht, dass du sie so einfach verlieren wirst, Black!" meinte Snape ernst. „Wenn sie es all die Monate mit dir ausgehalten hat ohne etwas über deine Vergangenheit zu erfahren, dann muss sie ganz schön vernarrt in dich sein – was ich beim Besten willen nicht verstehen kann, aber gut. Es sei denn, du hast ihr irgendwelche Phantasiegeschichten erzählt und sie glaubt dich zu kennen, dann könnte die Sache etwas anders aussehen."
Verwundert starrte Sirius Snape an. Er war wirklich der Letzte auf dieser Erde von dem er Zuspruch in diesem Thema erwartet hatte. „Ich hab sie nicht angelogen." war alles, was er völlig verblüfft über die Lippen brachte.
Remus legte eine Hand auf seinen Unterarm. „Severus hat Recht. Ich vermute, dass sie in mehrerlei Hinsicht ziemlich viel Geduld aufgebracht hat bisher," Sirius verstand ganz genau, worauf Remus anspielte, und die Tatsache, dass er bisher nur mit Alyssa geschlafen hatte, wenn er etwas getrunken hatte, bestätigte diese Aussage voll und ganz, „wenn sie dich nicht von ganzem Herzen lieben würde, hätte sie sich vermutlich schon längst einen anderen Mann gesucht, der weniger kompliziert ist. Deine Chancen stehen also gut, würde ich sagen. Außerdem hat sie ein Recht darauf, zu erfahren, auf wen sie sich da eingelassen hat. Und du musst sie ja nicht mit allem auf einmal überrumpeln. Erzähl ihr zuerst, dass du ein Zauberer bist und dann kannst du dich nach und nach an den Rest wagen, sowie du bereit dazu bist."
Sirius atmete tief durch. „Danke." Sein Blick wanderte von Remus zu Snape und die Worte fühlten sich noch immer seltsam an in seinem Mund. „Euch beiden."
Eine Weile herrschte Stille, bis Sirius sie wieder einmal brach. „Ich denke, ich werde mich jetzt da unten ins Getümmel stürzen und Harry suchen."
Die beiden anderen wechselten ein paar stumme Blicke und Snape griff schließlich nach seinen Handschuhen.
„Wir kommen mit!" verkündete Remus.
Meinungen? Kritik?
Tobt euch aus!
lg
Bella
