Hi alle zusammen!
So, das hier ist das letzte Kapitel. Damit ist Askaban offiziell vorbei.
Ich wünsch euch noch ein letztes Mal viel Spaß beim Lesen, ich hoffe, euch gefällt mein Ende.
Feuerwerk
Inzwischen bereute Snape, dass er mitgegangen war.
Die Party in der Großen Halle war voll im Gange und Black hatte keine Lust, durch die Vordertür hereinzuschneien und unnötig viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Deshalb hatte Remus den Geheimgang vorgeschlagen, der neben dem Lehrertisch endete. Früher hatte er diesen Gang immer benutzt, doch seit Askaban hatte er ihn nie wieder betreten.
Hier drin herrschte tiefste Finsternis. Der Gang war nicht lang und deshalb hat sich wohl niemand je die Mühe gemacht, Fackeln anzubringen, schließlich konnte jeder Zauberer einfach seinen Zauberstab benutzen, um die wenigen Meter zu beleuchten. Nur ihre drei Lumos-Zauber erhellten die steinernen Mauern in einem gewissen Umkreis. Dahinter lag undurchdringliche Schwärze.
Snape schluckte und versuchte sich auf seine Atmung zu konzentrieren und damit seinen ungewöhnlich schnellen Herzschlag etwas zu beruhigen. Doch es gelang ihm nur mäßig. Trotz der wärmenden Handschuhe zitterten seine Hände.
Er hasste es. Diese Schwäche, die er einfach nicht kontrollieren konnte. Und er schämte sich dafür. Kinder durften Angst im Dunkeln haben, aber nicht er, er war erwachsen, ein ehemaliger Todesser!
Doch die Furcht hielt ihn in ihren Klauen. Seit jener Vollmondnacht in Askaban hatte sie ihn nicht mehr losgelassen. In seinem Gehirn war unwiderruflich die Information gespeichert, dass in der Dunkelheit etwas Schlimmes lauerte, etwas, das ihn töten konnte. Nicht mal das Wissen, dass ihm hier kein Unheil drohte, konnte diese manifestierte Angst lindern, geschweige denn abschalten.
Nur mühsam unterdrückte er den Drang, einen vorsichtigen Blick über die Schulter nach hinten zu werfen.
Da wurde es plötzlich heller. Black hatte das Ende des Geheimganges erreicht und das Licht seines Zauberstabs verlor sich nicht länger in Dunkelheit, sondern beleuchtete eine hölzerne Tür und ließ zumindest in diesem Eck keinen Platz für Schatten.
Snape biss die Zähne zusammen, als ihn die Erleichterung traf. Um eine ausdruckslose Miene bemüht trat er zu den beiden anderen. Doch an Remus' Blick erkannte er, dass er ihm nichts vormachen konnte.
Doch umgekehrt galt das auch.
Er sah die angespannte Haltung des anderen.
Snape wusste, woran das lag. An demselben Grund, der dafür verantwortlich war, dass Remus erst dieses Schuljahr wieder zu unterrichten begonnen hatte, obwohl er rein körperlich schon sieben oder acht Monate vorher dazu in der Lage gewesen wäre.
Seit ihrer Befreiung und nach all den Verletzungen, die dem schmächtigen Mann zugefügt worden waren, scheute er den Kontakt zu jedem, dem er nicht bereits voll vertraute. Was ihn früher ausgezeichnet hatte – der Glaube an das Gute im Menschen und das Vertrauen in diese – war nun zerstört worden. Nachdem Sirius gegangen war, hatte er außer Poppy und Albus niemanden an sich herangelassen.
Es hatte viele Wochen gedauert, bis er wieder den Mut fand, sich für andere Menschen zu öffnen. Doch was geblieben war, war ein ungewohnt misstrauischer Charakter, ganz besonders Fremden gegenüber, bis heute.
Es hatte Monate gedauert, bis er sich wieder in der Lage fühlte, einen Raum voller Menschen zu betreten. Snape wusste nicht genau, woher diese Angst vor Menschenansammlungen genau rührte, aber er vermutete, dass es ein Zusammenspiel zahlreicher Askaban-Erfahrungen war.
Inzwischen wagte er sich wieder zum Essen in die Große Halle und auch das Unterrichten machte ihm keine Probleme mehr – zumindest nicht, wenn dabei die Tür offen blieb, damit er sich nicht eingesperrt fühlte. Doch diese Party dort drin war mehr als nur ein gewöhnliches Abendessen und er wusste, dass das Betreten dieses Raumes Remus ähnlich viel abverlangen würde wie ihm der Gang durch diesen Flur.
Da hörte er das leise Quietschen der Tür und augenblicklich flutete warmes Licht zusammen mit ziemlich lauter Musik in den Gang hinein.
Mit einem mulmigen Gefühl trat Sirius aus dem düsteren Gang heraus in das warme Licht der Halle. Unauffällig lehnte er sich einen Moment an die Wand neben der unscheinbaren Tür, um den Anblick vor sich auf sich wirken zu lassen. Remus folgte ihm und lehnte sich an die andere Seite, Snape schloss die Tür und blieb unschlüssig zwischen den beiden stehen. Sie mussten eine seltsame Truppe abgeben, wie sie da an der Wand standen, unsicher, überwältigt und völlig fehl am Platz.
Nur wenige Schritte entfernt war ein tosendes Fest im Gange. Kerzen erleuchteten die Halle, Musik dröhnte von den Wänden wider und die Schüler, die in ihren besten Roben auf der Tanzfläche feierten und Spaß hatten, gröhlten lauthals die Texte ihrer Lieblingsbands mit. Die Tanzfläche war ein einziges Gewirbel aus bunten Farben, wo sich Pärchen drehten und lachenden Freunde albern herumhopsten und sich einfach freuten. Ein paar Tische am Rand beherbergten weitere Schüler, die sich in Grüppchen zusammengefunden hatten und sich angeregt unterhielten und lachten. Es war unmöglich in dem Gewirr einzelne Gesichter auszumachen.
Am Lehrertisch, der ihnen am nächsten war, war Hagrid in eine lebhafte Erzählung verstrickt, die einige skeptische Zuhörer um ihn sammelte, darunter auch McGonagall, die immer wieder stirnrunzelnd den Kopf schüttelte. Albus lauschte ihm ebenso, wenn auch mit einem amüsierten Schmunzeln auf den Lippen.
Sirius fühlte sich vollkommen überwältigt von dem Anblick. Was er hier vor sich sah, war das Hogwarts seiner Kindheit. Er sah Fröhlichkeit, Freude, Freundschaft und Unbeschwertheit, vor allem das Letzte. Tief durchatmend rieb er sich mit den Händen übers Gesicht. Dieser Anblick schmerzte ihn innerlich, erinnerte ihn an das, was er verloren hatte und doch gab er ihm auch Hoffnung. Hoffnung, dass diese Kinder dort unten nie sein Schicksal würden teilen müssen. Dass Harry den Schutz dieser Mauern nie in Frage stellen würde müssen.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und ein kurzer Seitenblick sagte ihm, dass Moony neben ihm stand. Er wirkte angespannt und in seinen Augen lag so ein Ausdruck, der ihn irgendwie kribbelig machte.
„Bist du okay?"
Er nickte schwach und etwas zu hektisch, was Snape, der inzwischen vor ihm stand, dazu veranlasste, skeptisch und etwas spöttisch eine Augenbraue hochzuziehen.
„Remus! Severus! Ich hatte nicht erwartet, euch hier zu sehen. Was meine Freude über euer Erscheinen nur noch steigert."
Überrascht wandten sich die angesprochenen um, wobei sie sich Dumbledore gegenüber sahen. Durch die Bewegung seiner Freunde musste der Schulleiter auch ihn erspäht haben, denn seine hellblauen, durchdringenden Augen weiteten sich überrascht hinter den Halbmondgläsern, ehe sich ein unglaublich warmes Lächeln auf seinen alten Zügen ausbreitete.
„Du bist zurückgekehrt!" sagte er nur.
Sirius musterte ihn ernst, aber freundlich und mit einem Hauch Schuldbewusstsein. „Nicht in mein altes Leben, aber zu meinen Freunden, und zu Harry!"
Seine Stimme klang fester als er erwartet hatte. Und Dumbledore nickte. Ein wissender, trauriger Ausdruck spielte einen Moment um seine Augen, ehe sie ihn erneut voller Wärme und Freundlichkeit anfunkelten.
„Ich denke, in diesem Fall sollte ich den Jungen mal herholen."
Er schenkte ihm noch einen kurzen Blick mit einem schelmisches Grinsen, ehe er nach nur wenigen Schritten in der bunten, lachenden Menge der Großen Halle verschwand.
Langsam, Schritt für Schritt ging er zurück, bis er den sicheren Halt der Wand hinter sich spürte. Er lehnte den Kopf nach hinten und schloss für einen Moment die Augen. Jetzt gab es kein zurück mehr. Instinktiv suchte seine rechte Hand nach Lyssa's Anhänger in seiner Tasche, doch da fiel ihm auf, dass er seine Jacke beim Betreten der Halle offenbar hatte fallen lassen. Ein kurzer Blick sagte ihm, dass sie neben der Tür zum Geheimgang lag.
Snape folgte seinem Blick, hob die Jacke auf und reichte sie ihm wortlos. Remus gesellte sich zu ihnen, wandte der Menge den Rücken zu, damit er sie nicht mehr wahrnehmen musste, als unbedingt nötig und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln seinem Freund gegenüber.
„Danke!"
Mit diesen Worten schlüpfte Sirius in seine Jacke. Ihm war nicht kalt und doch hatte er das Bedürfnis nach ihrer Wärme. Diesmal fanden seine Finger den Anhänger und zogen ihn heraus. In diesem Moment wünschte er mehr als alles andere, dass Lyssa hier wäre, an seiner Seite. Er musste es ihr sagen, Remus und Snape hatten Recht. Und das würde er auch tun! Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das am Geschicktesten anstellen sollte.
„Was ist das?" Remus' Blick lag neugierig auf dem Schmuckstück in seinen Händen.
Sirius' Mundwinkel zogen sich unwillkürlich zu einem Lächeln nach oben. „Alyssa's Lieblingskette, ihr Glücksbringer. Er soll mich meinen Weg nicht verlieren lassen heute Nacht."
Remus grinste nur bei diesen Worten.
„Noch so ein hoffnungsloser Romantiker!" seufzte Snape und verdrehte die Augen.
Da ertönte ein Krachen im Saal, irgendwo war ein Glas zu Bruch gegangen, begleitet von dem erschrockenen Aufschrei eines jungen Mädchens. Dieser unerwartete Laut reichte, um Remus zusammenzucken zu lassen.
Sirius runzelte die Stirn über diese Reaktion, was sich noch vertiefte, als Snape seinem Freund eine Hand auf die Schulter legte, als wolle er ihn beruhigen. Doch er kam nicht dazu, etwas zu sagen.
„Professor Snape! Professor Lupin! Professor Dumbledore meinte, sie wollen mit mir sprechen."
Als Sirius diese Stimme hörte, nach all dieser Zeit, durchzuckte ihn das schlechte Gewissen wie ein Blitz. Sein Herz hämmerte in seiner Brust und er konnte nicht sagen, weshalb genau, ob vor Wiedersehensfreude, Schuldgefühlen oder einfach nur Furcht vor dieser Begegnung.
Remus vor ihm wandte sich um und Harry zu, dessen Freunde diskret ein paar Schritte zurückgeblieben waren und dort an der Wand warteten.
„Nun ja, nicht direkt, Harry. Aber es ist jemand hier, der dich gerne sehen würde." meinte Remus nur kryptisch und trat zur Seite, wobei er auch Snape diskret auf Abstand schob, um den beiden etwas Privatsphäre zu gönnen.
Sirius bemerkte nicht, wie Ron überrascht der Mund aufklappte oder wie Hermine ihn fassungslos anstarrte oder wie Ginny ihre Hand vor ihren Mund riss, für ihn zählte nur Harry, der völlig perplex und überrumpelt vor ihm stand, mit einem Ausdruck völligen Unglaubens im Gesicht.
„Harry, es…" weiter kam er nicht.
„SIRIUS!"
Die beiden fanden sich in einer engen, beinahe erdrückenden Umarmung wieder, und er hielt den Jungen fest, den Jungen, den er hätte beschützen und nicht alleine lassen sollen.
Allmählich wand sich Harry aus seinen Armen und trat einen Schritt zurück. Seine Augen musterten ihn aufmerksam, während seine Gesichtszüge sich nicht für eine Gefühlsregung entscheiden konnten. Zumindest anfangs nicht.
„Wo zur Hölle warst du? Und wieso bist du einfach so abgehauen, ohne ein Wort? Ohne eine Erklärung? Wieso hast du dich nie gemeldet? Nicht mal ein winziges LEBENSZEICHEN?"
Sirius atmete tief durch. Damit hatte er gerechnet, eigentlich hatte er diese Fragen schon erwartet, als er Remus' Quartier betreten hatte. Er nickte in Richtung des Geheimganges.
„Was hältst du davon, wenn wir uns dafür einen ruhigeren Ort suchen?"
Harry nickte nur stumm und gemeinsam verließen sie durch den dunklen Flur die Große Halle.
Remus und Snape sahen ihnen nach. Snapes Augen blieben auf der Schwärze des Ganges hängen und er wusste, dass er die Halle durch die Vordertür verlassen würde. Nichts würde ihn noch mal in diesen Flur bekommen. Remus dagegen sah den beiden fast wehmütig nach, er hätte die Halle jetzt auch gerne verlassen, sogar sehr gerne. Doch ein Blick zu Snape sagte ihm, dass dieser Weg dafür Tabu war. Doch der Weg durch die Menschenmenge kam für ihn nicht in Frage, allein der Gedanke daran jagte ihm den Angstschweiß auf die Stirn und eine Gänsehaut über den Rücken. Die Halle würde sich sowieso bald leeren, spätestens um Mitternacht würden sie alle nach draußen strömen und das große Feuerwerk bestaunen.
„Er ist zurückgekommen?" fragte eine Stimme neben ihnen und Remus bemerkte, dass es Hermine war. Harrys Freunde waren näher gekommen und sahen ebenfalls den beiden nach.
Remus nickte. „Ja, das ist er. Endlich."
„Toll!" fauchte Ron bissig. „Da unternimmt der Orden alles, um ihn zu retten, und Harry beseitigt Voldemort ein für alle Mal, und was kommt zurück? Zuerst behandelt er Harry wie Luft, dann verschwindet er mir nichts dir nichts und wir können uns um Harry kümmern, der sich aus irgendeinem Grund die Schuld dafür gibt und jetzt taucht er einfach wieder auf, als wär nichts gewesen. Wirklich wunderbar!"
„RON!" rief Hermine aufgebracht und schlug ihm fest auf den Oberarm, während Ginny ihn nur böse anfunkelte.
Remus seufzte leise und rieb sich mit der Hand über die Augen, während Snapes Miene hart wurde. „Ihr Einsatz für ihren Freund ehrt sie, Weasley, doch er ist völlig unnötig. Sie sollten nächstes Mal damit warten, sich eine derartige Meinung zu bilden, bis sie alle Fakten kennen."
Obwohl seine Stimme genauso kühl, arrogant und autoritär klang wie früher, so waren die Worte – Vorwurf hin oder her – wesentlich milder als alles, was die drei je von Snape erwartet hätten.
„Sirius hatte seine Gründe, Ron. Er mag überstürzt gehandelt haben, aber er hatte seine Gründe." gab auch Remus zu bedenken.
„Ron," meinte da auch Ginny und sah ihren Bruder eindringlich an, „es sind schlimme und grausame Dinge in Askaban geschehen und du weißt, dass Harry einiges davon mitansehen musste. Du solltest zwei Dinge darüber nicht vergessen! Zum einen war Sirius nicht nur diese zwei Wochen dort, sondern vorher schon 12 Jahre! Und zum anderen ist er ein stolzer Mann! Denk drüber nach. Ich für meinen Teil geh jetzt meinen Mantel holen, ich will das Feuerwerk nicht verpassen. Kommen sie auch mit?" fragte sie auch die Professoren.
Wortlos und mit unangenehmem Gefühl im Magen schritt Sirius voraus. Sein Lumos erhellte den schmalen Gang solange, bis sie einen der breiten Flure von Hogwarts betraten, unmittelbar neben einer alten Rüstung, einer kleinen Treppe und gegenüber eines Gemäldes von Sir Theodore Pendragon, ein Name, der Sirius nicht das Geringste sagte und es war ihm auch egal. Etwas hilflos sah er sich um und entschied sich schließlich für die Treppe, dieser Ort war genauso gut wie jeder andere, an dem sie allein waren. Er setzte sich auf eine der unteren Stufen und legte seine Arme locker auf seine Knie, sein Blick war einfach nur auf den Boden vor sich gerichtet. Noch wagte er es nicht, seinem Patensohn in die Augen zu sehen.
Er bemerkte, dass Harry sich neben ihn setzte. Ein Bein untergeschlagen und mit dem Rücken am Geländer hockte er da und musterte ihn ganz genau.
Sirius wusste nicht, was er sagen sollte, wusste nicht, wie er beginnen sollte, sein Handeln zu erklären, das doch so unverzeihlich war. Aber Harry überraschte ihn dafür mit seiner Eröffnung.
„Es tut mir Leid, Sirius. Es… es ist alles meine Schuld. Ich hätte…"
Jetzt sah Sirius doch auf. Die Worte des Jungen erschreckten ihn, nicht weniger als der gequälte Tonfall.
„Harry, nicht… es…"
„Nein, Sirius, lass… lass mich ausreden. Es tut mir Leid, dass ich dich da drinnen so angefahren habe, das hätte ich nicht tun sollen. Ich… ich hab einfach alles falsch gemacht. Es tut mir Leid, dass ich so dumm war. Ich hätte auf Dumbledore hören sollen und nicht auf eigene Faust losziehen, dann wäre ich nicht in diese dumme Falle gelaufen und der Phönixorden hätte sich besser auf eure Rettung konzentrieren können. Sie hätten dich und Remus und Professor Snape schon früher rausholen können, wenn sie nicht so mit mir beschäftigt gewesen wären. Es tut mir so Leid, Sirius. Und ich wollte nur, dass du weißt, dass ich verstehe, dass du nach allem, was du meinetwegen in Askaban durchmachen musstest, nichts mehr mit mir zu tun haben willst."
Sprachlos starrte Sirius seinen Patensohn an, der zusammengesunken am Geländer lehnte und schwer atmete, als hätte er einen Dauerlauf hinter sich. Völlig erstarrt konnte Sirius ihn einfach nur ansehen. Wieso war ihm diese Idee nie gekommen? Wieso hatte er nie daran gedacht, dass Harry sich die Schuld geben würde, genauso wie Remus?
Weil er so mit sich selbst beschäftigt war, so damit beschäftigt war, sich selbst schuldig zu fühlen wegen Remus und Snape und sich deswegen zu martern. Er war so dermaßen in seiner eigenen Schuld und seiner Scham versunken gewesen, dass er alles um sich herum einfach vergessen hatte.
Wie schrecklich musste diese Schuld an Harry genagt haben, all diese Monate lang?
Und endlich wusste er, was er zu tun hatte. Vergessen waren Unsicherheit und die Furcht vor einem Wiedersehen. Er stand auf und kniete sich eine Stufe tiefer dicht neben Harry nieder. Bestimmt und dennoch sanft umschloss er dessen zu Boden gerichtetes Gesicht mit seinen Händen und hob es an, damit der Junge ihn ansehen musste.
„Hör mir jetzt gut zu, Harry. Du trägst keine Schuld, hörst du? Was passiert ist, ist passiert, und du hättest nichts daran ändern können, okay? Du hast getan, was du für richtig hieltest, als du versucht hast, mich zu retten. Und ganz ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass der Phönixorden uns ohne dich da rausgekriegt hätte. Ohne Pettigrew wäre das nicht möglich gewesen, doch wie hätten sie den und all die anderen Todesser finden sollen, wenn du Dumbledore nicht den entscheidenden Hinweis gegeben hättest? Was in Askaban passiert ist, hättest du nicht verhindern können. Und du solltest dir deswegen nicht die Schuld geben, Harry. Wenn jemand Schuld daran hatte, dann Rukschow. Und du solltest auf keinen Fall vergessen, dass du auf diese Weise die ganze Zaubererwelt von dem wohl schrecklichsten Übel aller Zeiten befreit hast. Du hast Großes geleistet, Harry, und ich bin unheimlich stolz auf dich."
Unsicherheit und Zweifel schwammen in den grünen Augen des jungen Zauberers, zusammen mit den ersten Spuren ungeweinter Tränen. „Und wieso bist du dann gegangen, wenn nicht wegen mir?" fragte er mit leiser, brüchiger Stimme.
Sirius schloss seufzend die Augen und ließ Harry los. Etwas ungelenk setzte er sich auf die Stufe und lehnte sich wie Harry ans Geländer, so dass sich ihre Schultern berührten.
„Weil ich hier einfach nicht mehr sein konnte. Ich bin mit allem nicht mehr fertig geworden, Harry, mir ist alles einfach über den Kopf gewachsen, hat mich erdrückt und mich zu ersticken gedroht. Die Wände von Hogwarts, die mir einst Schutz und Geborgenheit boten, wollten mich jetzt zerquetschen. Wieder in Askaban zu sein, war schrecklich für mich, vor allem wegen Rukschow und den Dementoren. Doch das Schlimmste war, dass ich Remus nicht vor ihm schützen konnte, oder besser gesagt, dass ich ihm Remus wegen meiner Gedankenlosigkeit ausgeliefert habe. Ich wusste nicht, wie ich mit dieser Schuld umgehen sollte, wie ich Remus ins Gesicht sehen sollte. Und dann waren da noch die Menschen um mich, die wussten, was dort passiert war. Du, Albus und Poppy. Ich konnte euch nicht mehr ins Gesicht sehen, konnte mit dem Mitleid nicht umgehen, genauso wenig wie mit meiner Scham. Ich musste einfach weg, Harry. Das ist keine Entschuldigung dafür, dass ich ohne Erklärung, nur mit diesen nutzlosen Briefen, verschwunden bin und alles unternommen habe, nicht mehr gefunden zu werden, aber ich wusste damals nicht, was ich sonst tun sollte. Wenn ich geblieben wäre, hätte es mich zerstört. Ich… hätte ich gewusst, wie du darüber denkst, dass… dass du dir die Schuld geben würdest, ich… es tut mir so Leid, Harry. Es tut mir Leid…"
Einen Moment saßen sie einfach schweigend da, beide mit feuchten Augen und sich wirr überschlagenden Gedanken, bis Harrys Hand nach seiner suchte und sie fest umschloss. Ein leises, amüsiertes Schnauben klang aus seiner Richtung, das Sirius die Augenbrauen hochziehen ließ.
„Wir sind schon ein jämmerliches Gespann!" meinte Harry schließlich.
Verduzt sah Sirius ihn an, erblickte den Ansatz eines spitzbübischen Grinsens und das hoffnungsvolle Funkeln in seinen Augen und er konnte einfach nicht anders, er musste grinsen.
„Oh ja, das sind wir!"
Sie sahen sich an und mussten einfach lachen. Ein herzhaftes, von Herzen kommendes und vor allem erleichtertes Lachen, das nur allmählich verstummte und wieder zu Stille wurde.
„Wirst du wieder fortgehen?" fragte Harry vorsichtig und wieder unsicher.
Sirius nickte. „Ja, ich hab jetzt ein Leben dort draußen, Harry. Ein Leben unter Muggeln und ich bin glücklich."
„Verstehe." Es klang abgehackt und hart.
„Aber das heißt nicht, dass ich mich wieder verschanzen werde. Von jetzt an werde ich erreichbar sein. Ich werde weder dich noch Remus jemals wieder im Stich lassen!"
Sie standen nah am Schloss, wo der Lichtschein der Fenster die Umgebung erhellte, und abseits von den ganzen anderen Schülern, die drei hatten diesen Ort wie selbstverständlich gesucht. Auch wenn sich Severus sicher war, dass weder Granger, noch Weasley diesen Ort gewählt hatten, um ihm und Remus entgegenzukommen. Die beiden wussten viel, aber das wussten sie sicherlich nicht. Bei Ginny war er sich da nicht so sicher, sie war eine gute Beobachterin, doch der Hauptgrund für ihre Ortswahl zum Feuerwerk bestaunen lag wohl darin, dass er unweit des Haupteinganges war, so dass sie Harry und Sirius auf jeden Fall bemerken würden.
Auf dem Weg nach draußen hatten sie Tonks getroffen, die nach der Arbeit ihre Eltern besucht hatte, um dann letztendlich die Silvesternacht mit ihrem Liebsten zu verbringen. Es war manchmal wirklich lästig, den beiden zuschauen zu müssen.
„Fred und George haben das Feuerwerk zusammengestellt. Sie meinten, es wäre das Beste, das sie je hingekriegt hätten." meinte Ginny neben ihm.
„Deine Brüder also. Müssen wir uns in Acht nehmen vor riesigen Drachen, die Jagd auf die Schüler machen?" fragte er trocken.
Ginny lachte. Es erstaunte ihn immer noch, wie sie es geschafft hatte, ihn zu durchschauen. Und dennoch, sie verstand sich darin, ihn zu lesen, wie ein Buch. Sie wusste immer, wann er etwas ernst meinte, wann er einen Scherz machte, den sonst niemand als solchen erkennen würde, wann er gute und wann schlechte Laune hatte, wann sie ihn in Ruhe lassen sollte und wann ihre Nähe ihm gut tat. Denn das tat sie, das konnte er nicht leugnen, nicht vor sich selbst.
Er rieb sich unwillkürlich die Hände, die in den warmen Handschuhen steckten, und gestattete sich den Anflug eines Lächelns.
„Da sind sie ja!" rief Hermine.
Remus wandte sich um und sah Harry in einer dicken Robe und neben ihm Sirius in seiner Jacke, deren Kragen er gerade aufstellte. Sie kamen zu ihnen, als Hermine sie herwinkte, und Remus konnte erkennen, dass sie beide vorsichtig lächelten. Doch mehr als das wirkten sie erleichtert, als hätte man sie beide von einer zentnerschweren Last befreit.
„SIRIUS!" rief Tonks überrascht und rannte auf ihren Cousin zu.
Ihre stürmische Umarmung warf sie beinahe beide um in den Schnee, doch Sirius konnte sich grade noch ausbalancieren. Sie trennten sich und Tonks schaute ihn überrascht, glücklich und ungläubig an, ehe ein fieses Grinsen ihre Lippen umspielte und sie ihm aus dem nichts einen heftigen Stoß versetzte, so dass er in der nächsten Schneewehe landete.
Prustend wischte er sich den aufgewirbelten Schnee aus dem Gesicht und sah sie fassungslos von unten herauf an.
„Sag jetzt ja nichts, denn das ist das Mindeste, was du verdient hast!" fauchte sie, doch in ihrer Stimme spielte eine Portion Schalk mit, die Remus überall heraushören würde, denn das war mitunter einer der Gründe, wieso er diese Frau liebte.
Da hörte er ein herzhaftes Lachen. Von Sirius. „Jepp, das hab ich wohl verdient!"
Nach diesem Eingeständnis reichte sie ihm die Hand und zog ihn hoch, wo er sich notdürftig den Schnee vom Hintern klopfte.
Da begann die Uhr von Hogwarts Mitternacht zu schlagen und die ersten Feuerwerkskörper zischten in die Luft und malten ihre fantasievollen, bunten, magischen Bilder in die Luft, die sich jagten und gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.
Wieder war ein Jahr vorbei. Ein Jahr voller Schuldgefühle und Ängste. Doch nun war es vorbei und ein neues Jahr sollte beginnen. Ein Jahr der Veränderung.
Remus zog Tonks eng an sich und wickelte sie in seine Robe mit ein. Sein Kinn legte er auf ihre Schulter und flüsterte leise: „Ich liebe dich."
Ron hatte einen Arm um Hermines Schultern gelegt und hielt sie eng an seiner Seite.
Ginny stand neben Snape, der gerade widerwillig eingestehen musste, dass die Zwillinge wirklich gute Arbeit geleistet hatten, was Ginny wiederum ein ‚Sie wollten mir ja nicht glauben' entlockte.
Und Harry stand dicht neben Sirius, wo sie gemeinsam das Spektakel bewunderten. Es war noch vieles unklar zwischen ihnen und es bedurfte noch jeder Menge Gespräche, doch sie waren beide mehr als gewillt, sich darauf einzulassen. Diesmal würden sie füreinander da sein.
Und zum ersten Mal seit über einem Jahr hatten Sirius, Remus und Severus das Gefühl, dass es auch ein Leben nach den Albträumen, den Ängsten und den Schuldgefühlen gab, und dass es von jetzt an besser werden würde, denn von nun an würden sie gemeinsam dafür sorgen.
Das neue Jahr konnte beginnen!
ENDE
