Eva erwacht

Als Yuu aufwachte, war er allein.

Seit er Nanashi damals gerettet hatte, war er nicht mehr allein aufgewacht. Sie verbrachten nicht alle ihre Streifzüge durch die Stadt immer gemeinsam, aber die meisten. Und niemals waren sie bisher losgezogen, während der andere noch geschlafen hatte.

Es war eigentlich keine große Sache und zudem völlig verrückt, dass ihm so eine Kleinigkeit überhaupt auffiel, und doch war es der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, als er seine Augen aufschlug.

Nanashi ist nicht da.

Er setzte sich auf, gähnte ausgiebig und fuhr sich mit beiden Händen durch seine zerzausten strohblonden Haare. Der Himmel war wolkenverhangen, aber es regnete nicht. Immerhin. Er stand auf und legte die Decke zusammen, in die er sich für die Nacht eingewickelt hatte. Dann trug er sie in eine Ecke des kleinen Hinterhofs, in der sie ihre anderen wenigen Besitztümer aufbewahrten: weitere Decken, Schüsseln und ein paar wenige Kleidungsstücke. Nachdem er die Decke fein säuberlich wieder auf die anderen gelegt hatte, fiel sein Blick auf das rote Tuch daneben. Er zögerte, dann setzte er sich auf den Boden und schlug die Ecken des Stoffstücks vorsichtig auseinander. Der hellblaue Stein lag offen vor ihm, sanft schimmernd im frühen Sonnenlicht. Auf dem roten Tuch sah seine Farbe noch viel kräftiger aus, als sie ohnehin schon war.

Yuu wusste nicht, wie lange er dort gesessen und den Stein angestarrt, jede kleinste Wölbung und Kante förmlich in sich aufgesogen hatte, als müsste er ihn sich genauestens ins Gedächtnis brennen.

Ist etwa der Stein daran schuld, dass Nanashi …?

Vehement schüttelte er den Kopf, wie um den Gedanken schnellstmöglich wieder zu verscheuchen.

Das war Unsinn. Es war nur ein Stein.

Wahrscheinlich bildete er sich das alles nur ein.

Entschlossen schlug er die Tuchenden wieder zusammen und legte zudem noch eine Decke darüber, als ob das den Stein davon abhalten könnte, immer wieder in seine Gedanken zu dringen. Dann stand er auf und machte sich auf den Weg zum Marktplatz, um seine Freundin zu finden.

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Als die Kirchturmglocken 12 Uhr schlugen, gab Yuu seine Suche auf. Er war in allen Winkeln gewesen, in denen sie sich gerne aufhielten, hatte diverse Seitengassen abgeklappert und sich sogar auf den Marktplatz gewagt, wo um die Mittagszeit sehr viel los und die Wahrscheinlichkeit, beschimpft zu werden, besonders hoch war. Nanashi war nicht aufzufinden. Er zwang sich dazu, sich erst Sorgen zu machen, wenn sie immer noch nicht in ihrem gemeinsamen Versteck auf ihn wartete, und machte sich mit schnellen Schritten auf den Rückweg. Trotz seines Vorsatzes tauchten vor seinem inneren Auge schreckliche Bilder auf, die sein Herz vor Angst fast still stehen ließen: Nanashi verprügelt am Straßenrand sitzend, Nanashi blutend in einer Seitengasse liegend, Nanashi bewegungslos …

Sein Puls raste, als er die letzte Biegung im Laufschritt nahm und schließlich vor dem Spalt in der Mauer stand. Er wollte sich gerade hindurchzwängen, als seltsame Töne ihn innehalten ließ.

Es war Nanashi. Sie summte.

Es war keine erkennbare Melodie, sondern vielmehr vier Töne, die sie immer und immer wieder wiederholte.

Yuu stockte der Atem, als er es hörte. Er spähte durch die Lücke und sah sie mit dem Rücken zu ihm auf den Knien sitzen. Ihr violettes Haar trug sie offen, es reichte bis zum Boden. Sie schien sich auf irgendetwas zu konzentrieren, aber auf was, konnte er nicht erkennen.

„Nanashi?" Kaum hatte er ihren Namen ausgesprochen, ließ sie die Hände sinken und drehte sich zu ihm um. Ein leises Klirren war zu hören.

„Yuu!", rief sie erfreut und sprang auf. „Endlich!"

„Was hast du da gerade gemacht?", fragte er argwöhnisch und zwängte sich durch den Spalt.

„Ich habe auf dich gewartet", antwortete sie und schloss ihn stürmisch in die Arme. „Es war schrecklich langweilig ohne dich!"

„Ich hatte nach dir gesucht …", entgegnete er verdutzt, als sie sich eng an ihn schmiegte. „Wo warst du denn? Ich konnte dich nirgends finden."

„Ich war nur ganz kurz weg. Ich wollte zurück sein, wenn du aufwachst, aber habe es nicht rechtzeitig geschafft." Noch ehe er fragen konnte, was sie denn alleine getrieben hatte, zog sie ihn sanft mit sich zur Mauer. „Lass uns etwas zu essen besorgen. Hast du nicht auch Hunger?"

„Ja … schon", entgegnete er verwirrt. „Ich zieh mir nur noch einen Mantel über, heute ist es doch recht kalt. Geh ruhig schon vor." Nanashi nickte lächelnd, dann zwängte sie sich durch den Spalt und war verschwunden. Yuu ging zu seinen Habseligkeiten und zog zwischen den einzelnen Kleidungsstücken seinen Mantel hervor, der inzwischen auch schon bessere Tage erlebt hatte. Während er ihn sich überstreifte und Nanashi nachfolgte, ließ ihn ein knarzendes Geräusch unter seinen Sandalen, die er sich inzwischen angeschafft hatte, innehalten. Er bückte sich und hob den Gegenstand, auf den er getreten war, ins Licht.

Es war ein kleiner, hellblauer Splitter.

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„Sahen die beiden nicht glücklich aus?" Nanashi lehnte ihren Kopf an seine Schulter und hakte sich bei ihm unter, wie sie es bei dem Paar gesehen hatte, das ihnen gerade entgegengekommen war.

„Kann schon sein", gab Yuu zurück. „Ich kann schlecht über Glück nachdenken, wenn mein Magen so laut knurrt." Sie gingen eine Weile schweigend weiter. Ein starker Wind war inzwischen aufgekommen und peitschte Nanashis violettes Haar durch die Luft, sodass es ihnen ab und an sogar die Sicht erschwerte. Schließlich blieb er stehen und deutete mit einer kleinen Geste auf zwei Frauen, die sich nicht unweit von ihnen aufgeregt unterhielten. „Schau mal dort. Die kommen doch wie gerufen, oder?"

„Was ist mit denen?", fragte sie zurück, während sie sich noch stärker als zuvor an ihn lehnte.

„Na, zwei adlige Damen", bekräftigte er leise, damit diese ihn nicht hörten. „Sie müssen sich doch spendabel geben, hast du mir damals erklärt. Willst du nicht hingehen?"

Ganz langsam hob sie ihren Kopf und drehte sich zu ihm. Ihre grünen Augen schienen dunkler als sonst und jagten ihm unwillkürlich einen kalten Schauer über den Rücken. „Du schickst mich zum Betteln?", zischte sie mit unverhohlener Feindseligkeit in der Stimme. „Du findest, ich sollte vor diesen Menschen im Dreck kriechen?"

„Ich … Was? Nein!", stotterte er. „Ich würde nie …! Ich dachte nur, dass du vielleicht … Weißt du was, ich werde diesmal gehen." Er befreite sich aus ihrem Griff und zerzauste seine Haare noch stärker, als der Wind es ohnehin schon tat, genauso wie er es von ihr gelernt hatte.

Nanashi blieb mit hängenden Armen stehen, ihr Blick war auf die zwei Damen in der Ferne gerichtet. „Diese Würmer sind es nicht einmal wert, uns die Füße zu küssen …" Ruckartig wandte sie sich wieder ihm zu. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, doch es ließ ihre sonst so weichen Gesichtszüge plötzlich hart und unnatürlich wirken. „Lass uns auf den Markt gehen, wir besorgen uns dort etwas."

Yuu zögerte lange, bevor er schließlich zustimmend nickte. Hand in Hand gingen sie in Richtung Marktplatz weiter. Nach einigen schweigenden Minuten blickte er verstohlen zur Seite und musterte seine Freundin. Sie sah aus wie immer, aber etwas hatte sich verändert.

Sie hatte sich verändert.

Lange Zeit dachte er, dass er sich das nur eingebildet hatte, da gerade das widrige Wetter der letzten Tage stärker als sonst an den Kräften zehrte. Wen konnte es da verwundern, dass auch Nanashi manchmal gereizt reagierte oder sich stärker an ihn schmiegte als üblich, weil sie nach Wärme und Geborgenheit suchte?

Aber sie ist nicht einfach nur gereizt. Er fing unwillkürlich zu zittern an, als sie um eine Ecke bogen und der Wind ihnen frontal entgegenblies. Sicher würde heute Nacht noch ein Gewitter aufziehen. Es ist mehr als das. Sie ist …

„Liebst du mich eigentlich, Yuu?" Nanashis Worte rissen ihn aus seinen trüben Gedanken.

„Warum fragst du das?", gab er erstaunt zurück.

„Weil ich dich nämlich sehr liebe, mein Liebling."

Yuu gefror das Blut in den Adern. Seit dem Tag im Wald nannte sie ihn ständig Liebling. Dabei störte ihn nicht die Bezeichnung an sich, sondern wie sie es aussprach – nein, raunte. Säuselte. Mit verführerischer, dunkler Stimme.

Plötzlich blieb sie stehen und griff auch noch nach seiner anderen Hand. Der Wind wehte ihr die Haare immer wieder ins Gesicht, doch ihre hellen grünen Augen leuchteten beständig zwischen den violetten Strähnen hindurch. Sie lächelte. „Und eines Tages möchte ich dich heiraten, Yuu." Ihre zarten Lippen pressten sich auf die seinen und ließen ihn für einen kurzen Augenblick alle Sorgen vergessen. Dann lehnte sie sich an ihn und legte ihre Hand auf seine Brust. „Ich kann deinen Herzschlag spüren", flüsterte sie. Ihr Atem kitzelte warm die Haut an seinem Hals. Er schloss sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.

Ich weiß nicht, was mit dir geschieht, Nanashi. Aber ich werde es aufhalten.

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Als Yuu aufwachte, war er allein.

Er wusste es, noch bevor er die Augen aufgeschlagen und sich umgesehen hatte. Ohne zu zögern stand er auf und ging zu seinen Habseligkeiten. Er hatte den Plan bereits gestern gefasst und würde ihn jetzt in die Tat umsetzen, damit alles wieder normal wurde.

Damit Nanashi wieder sie selbst sein konnte.

Entschlossen nahm er den Gegenstand, der nach wie vor in das rote Tuch eingewickelt war, an sich und verließ den Hinterhof.

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Er hatte bereits befürchtet, dass er die Lichtung nicht mehr finden würde, doch zu seiner großen Erleichterung hatte er damit keine Probleme. Er war keine zehn Minuten durch den Wald gelaufen, als er auch schon den Krater entdeckt hatte, der so befremdlich inmitten der blühenden Natur wirkte.

Bedächtig ging er Schritt für Schritt bis zur Kratermitte. Dann streckte er die Arme nach vorn, hielt zwei Ecken des roten Tuchs fest und ließ den darin eingewickelten Gegenstand fallen. Mit einem dumpfen Geräusch traf der hellblaue Stein auf dem Boden auf. Reglos blieb er liegen, als ob er schon immer an dieser Stelle gelegen hätte.

Ich habe dich wieder zurückgebracht. Jetzt lass Nanashi in Frieden. Ebenso wie der Stein zu Boden gefallen war, fiel nun auch das beklemmende Gefühl von ihm ab. Erleichterung durchströmte seinen ganzen Körper und ließ ihn unwillkürlich aufseufzen.

„Du weißt, dass das nichts ändern wird."

Yuu erschrak. Zu seiner Linken stand nicht weit von ihm entfernt ein Mann. Wie hatte ich ihn bloß übersehen können?!, fuhr es ihm durch den Kopf, als er instinktiv einige Schritte vor ihm zurückwich. Der Mann hatte weiße Haare, die ihn sehr viel älter aussehen ließen, als er wahrscheinlich war, und durchdringende dunkle Augen. Er trug hautenge schwarze Kleidung mit einem langen weißen Mantel darüber und kam nun mit einem süffisanten Lächeln und hinter dem Rücken verschränkten Armen langsam auf ihn zu.

Yuu nahm all seinen Mut zusammen und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. „Was wird sich nicht ändern? Wer bist du?" Er versuchte, selbstbewusst zu klingen, doch ein leichtes Zittern in seiner Stimme konnte er nicht verhindern.

„Mein Name ist Shin", antwortete er und blieb eine Armlänge von ihm entfernt stehen. „Ich bin ein Gesandter von Da'ath, oder vielmehr die Inkarnation von Da'ath in dieser Welt. Du kannst mich also auch Da'ath nennen." Er wandte seinen Blick von Yuu ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Stein. „Der Meteorit hat seine Aufgabe erfüllt. Eva ist erwacht und nichts vermag die bevorstehende Apokalypse mehr aufzuhalten."

„Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst", entgegnete Yuu. Erstaunt stellte er fest, dass seine Hände sich fest in das zusammengeraffte Tuch gekrallt hatten, und er lockerte seinen Griff ein wenig. Scheinbar amüsiert beugte sich Shin hinab, hob den Stein mit einer Hand auf und streckte ihn Yuu entgegen. Dieser starrte nur stumm darauf und bewegte sich nicht.

„Dieser Meteorit hat deiner Freundin eine unglaubliche Kraft verliehen", erklärte Shin, „und diese Kraft wird die Menschheit auf eine neue Evolutionsstufe heben, womit der Wille der Menschheit ausgeführt wird." Er betrachtete den Meteoriten noch eine Weile, dann legte er ihn vorsichtig wieder zurück, ganz so, als ob er bei der kleinsten Erschütterung auseinanderbrechen würde.

„Das ist mir alles egal", entgegnete Yuu wütend und ballte die Fäuste. „Nanashi soll wieder wie früher werden! Lass sie in Ruhe!"

Shin lächelte, was ihn zur Weißglut trieb, und verschränkte seine Arme wieder hinter seinem Rücken. „Lass die Tage nur weiter verstreichen, Yuu. Eva wird dich noch überzeugen, da bin ich mir sicher." Während Yuu sich wunderte, woher Shin seinen Namen kannte, drehte dieser sich um und ließ ihn und den Meteoriten allein zurück. Bevor er im Wald verschwand, blieb er ein letztes Mal stehen und drehte sich zu ihm um. Seine Worte ließen Yuu vor Angst erstarren.

„Finde dich besser so schnell wie möglich damit ab. Eva ist erwacht und Nanashi existiert nicht mehr."