Die Symphonie der Vernichtung
„Du hast mit Shin gesprochen."
Yuu erstarrte. Nanashi saß auf dem Boden und blickte zu ihm hoch. Ihre Hände lagen auf ihren Oberschenkeln, ihr Rücken war durchgestreckt. Ihre ganze Sitzposition drückte Ruhe und Entspannung aus. Es hatte den Anschein, als würde sie schon lange so dasitzen und nur auf seine Rückkehr warten.
„Woher weißt du das?", brachte er es schließlich über sich zu fragen. Nach der Begegnung mit dieser seltsamen Person war er sofort zurückgelaufen. Auf dem Weg hierher hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er alles ansprechen konnte, was ihm Sorgen bereitete. Und nun wusste Nanashi bereits von Shin? Woher? Er konnte ihn unmöglich auf dem Rückweg überholt haben.
„Shin hat es mir gerade eben mitgeteilt", antwortete sie freundlich.
„Wie konnte er …?", begann Yuu, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf, als ob eine Erklärung an dieser Stelle überflüssig wäre. „Du kennst also diesen Mann", stellte er fest. „Warst du immer dann bei ihm, wenn du nicht hier bei mir warst?"
Ein kurzes Lächeln huschte bei dieser Frage über ihr Gesicht. Dann stand sie auf, stellte sich vor ihn und legte ihren Kopf schief. „Bist du etwa eifersüchtig, mein Liebling?"
Yuu schoss die Röte ins Gesicht. „Nein! So meinte ich das nicht, ich –"
„Ist schon gut", beruhigte sie ihn und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Du hast überhaupt keinen Grund dazu. Ich liebe nur dich. Bis in alle Ewigkeit. Versprochen." Sie wollte sich an ihn schmiegen, aber er griff nach ihren Schultern und hielt sie auf Abstand. Verwunderung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
„Du hast dich verändert, Nanashi!" Seine Stimme zitterte, als er das aussprach, was er so lange nicht in Worte hatte fassen können. „Du hast dich verändert, merkst du das nicht?" Er hatte erwartet, dass sie heftig widersprechen und alles abstreiten würde, doch dem war nicht so.
„Das muss dir keine Angst machen, Yuu." Sie lächelte sanft. „Ich verstand es lange Zeit selbst nicht, aber Shin hilft mir, es zu verstehen. Und er bringt mir bei, mit meiner neuen Kraft umzugehen."
„Von welcher neuen Kraft sprichst du?"
„Ich kann es dir zeigen", erwiderte sie begeistert. „Sieh her!" Sie trat zwei Schritte zurück und hob ihre Arme auf Bauchhöhe vor sich, während ihre offenen Handflächen nach oben zeigten. Dann begann sie dieselbe Tonfolge zu summen, die er schon einen Tag zuvor gehört hatte. Abermals lief ihm dabei ein kalter Schauer über den Rücken. Sekundenlang passierte gar nichts, doch dann …
„Das ist nicht möglich!", rief Yuu entsetzt aus und starrte auf die kleinen hellblauen Kristalle, die sich über ihren Händen gebildet hatten und nun in langsamen Kreisbewegungen in der Luft umherschwebten.
Nanashi hörte auf zu summen und die Kristalle hielten augenblicklich in ihrer Bewegung inne. Mit einem leisen Klirren fielen sie zu Boden, als sie ihre Hände sinken ließ. „Das ist ein kleiner Teil meiner neuen Kraft", schloss sie und richtete ihre grünen Augen wieder auf ihn. „Ich kann nicht nur Kristalle erschaffen, ich kann auch etwas in Kristalle verwandeln und …"
„Das ist nicht möglich", wiederholte er, diesmal deutlich leiser. „Das ist einfach nicht möglich …"
„Du musst keine Angst haben", beteuerte Nanashi erneut. „Es dauert nicht mehr lange, dann beherrsche ich diese Kraft perfekt und wir können endlich heiraten!" Vergnügt trat sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um ihn. „Deine einzige Aufgabe ist, mich zu lieben bis in alle Ewigkeit." Ihre Stimme wurde dunkler und nahm einen fast drohenden Unterton an. „Das wirst du doch tun, nicht wahr, mein Liebling?"
In seinem Inneren krampfte sich alles zusammen. Hexe!, fuhr es ihm durch den Kopf. Du bist eine Hexe! Er wollte es ihr ins Gesicht schreien und sie mit aller Kraft von sich stoßen, doch seine Arme fühlten sich so unglaublich schwer an, dass er sich nicht rühren konnte. Sein Atem ging flach, sein Puls raste und sein Kopf war wie leergefegt. Ohne sein Zutun verließen plötzlich Worte seinen Mund, die zu bilden er willentlich nicht imstande gewesen wäre.
„Ich werde dich immer lieben, Nanashi." Er drückte sie mit einer Hand fester an sich und fuhr mit der anderen über ihr violettes Haar. Deutlich spürte er kleinste Kristallsplitter unter seinen Fingern. Was auch immer aus dir wird, ich bleibe für immer an deiner Seite.
Nanashi seufzte wohlig auf. „Mit meiner Kraft schenken wir allen Menschen auf der Welt ewiges Leben. Ist das nicht wundervoll?"
„Ist das mit Apokalypse gemeint?", fragte Yuu nach, als er sich an Shins Worte erinnerte. Er hatte dieses Wort schon einmal gehört, doch er konnte es in keinen Zusammenhang bringen.
„Es resultiert aus der Apokalypse", bestätigte sie. „Diese Welt ist zu ungerecht, als dass sie weiter bestehen darf." Sie sah zu ihm hoch, ihre Augen färbten sich dunkel. „Du weißt, wovon ich rede. Niemand kümmert sich um die Armen. Niemand kümmert sich um uns", betonte sie wütend. „Wir werden geschlagen, bespuckt und wie Dreck behandelt. Doch nicht mehr lange, mein Liebling. Wir werden uns rächen. Bald …"
Yuu stockte der Atem. Sein Mund war so trocken, dass er seine Frage beinahe nicht stellen konnte. „Du willst sie … umbringen?"
„Nicht umbringen", widersprach sie und kicherte, als ob er einen Witz gemacht hätte. „Ich erhebe sie auf die nächste Stufe! Aber das kann dir Shin besser erklären als ich. Ach übrigens muss ich jetzt los!", rief sie erschrocken und löste sie sich von ihm. „Ich übe so viel wie möglich mit Shin, damit wir bald heiraten können, mein Liebling!" Sie gab ihm einen flüchtigen Abschiedskuss, drückte ihn nochmal kurz an sich und ließ ihn dann perplex zurück.
. . .
. . .
Die nächsten Tage vergingen wie im Traum. Er und Nanashi sahen sich kaum, selbst nachts schlief sie nur noch selten bei ihm. Die wenigen gemeinsamen Stunden verbrachten sie mit Streifzügen durch die Stadt, um sich Essen zu stehlen. Das Betteln hatte er kein zweites Mal angesprochen. Es machte sie nur wütend.
Und kein einziges Mal sprach er sie auf Shin oder ihre seltsame neue Kraft an.
Als sie sich eines Tages mal wieder aufgeteilt hatten, um ihre Chancen auf Erfolg an den einzelnen Marktständen zu erhöhen, hatte er nicht so viel Glück wie sonst. Er hatte sich zwischen mehreren herumstehenden Kunden mit dem Rücken zur Auslage gestellt und unauffällig nach einem Apfel gegriffen, als plötzlich jemand nach seiner Hand schnappte und sie festhielt.
„Ein Dieb!" Es war der Mann neben ihm. Während die Menschenmenge durch den Ruf in helle Aufregung versetzt wurde und allmählich einen Kreis um ihn bildete, drehte der Mann mit stählernem Griff seinen Arm hinter seinen Rücken und machte es ihm unmöglich, sich loszureißen.
„Ich habe es auch gesehen!", bekräftigte ein zweiter.
„Hundesöhne wie du sind schuld an der Seuche!", schrie eine Frau aus der Menge und immer mehr Stimmen wurden laut.
„Ihr Gossenkinder infiziert uns noch!"
„Man sollte euch alle umbringen, bevor ihr uns umbringt!"
Yuu wusste nicht, wie ihm geschah. Sein Arm war nun so weit zurückgebogen, dass es ihm Tränen in die Augen trieb. In gebückter Stellung stand er hilflos da und versuchte angestrengt, von dem Schmerz in Schulter und Handgelenk nicht ohnmächtig zu werden. Nur am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, wie immer mehr Leute in die Hasstiraden miteinfielen.
Ich muss hier weg!, war sein einziger Gedanke. Wenn das so weitergeht, werden sie …
Plötzlich traf ihn etwas Hartes am Kopf und schleuderte ihn zu Boden. Er schrie wie von Sinne auf, als ein lautes Knacken seines Handgelenks zu hören war, doch durch seinen Sturz wurde er immerhin aus dem Klammergriff befreit.
„Yuu …!"
Die Rufe und Schreie der aufgebrachten Meute um ihn herum klangen plötzlich weit weg. Der Schmerz dominierte alle seine Sinne und ließ ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ein konstantes Rinnsal lief warm über sein Gesicht und füllte sein linkes Auge mit Blut.
„Yuu!"
Es kam ihm so vor, als würde zwischen all dem Geschrei jemand seinen Namen rufen. Er stützte sich mit seiner unverletzten Hand am Boden ab und stemmte seinen Oberkörper mühevoll in die Höhe. Verwundert stellte er fest, dass die wüsten Beschimpfungen und Drohungen sich inzwischen zu Kreischen und Schreien gewandelt hatten. Er schielte nach oben, wo sich verschwommen Gestalten vor seinen Augen abzeichneten. Er blinzelte ein paarmal heftig, bis die Konturen allmählich klarer wurden.
Die Leute um ihn her schrien nicht auf ihn ein – sie schrien vor Entsetzen.
Bei allen hatten sich an Armen, Beinen oder im Gesicht hellblaue Kristalle gebildet, die sich nach und nach über ihre ganzen Körper ausbreiteten. Einige wenige standen vor Angst gelähmt da und beobachteten den Kristallisierungsprozess fassungslos bei anderen, während sie selbst davon betroffen waren. Die meisten aber taumelten panisch umher, sahen mit weit aufgerissenen Augen auf ihren bewegungslos gewordenen Arm oder bedeckten mit beiden Händen ihr Gesicht, um den schrecklichen Vorgang nicht mitansehen zu müssen, während sie ihren Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen hatten. Es herrschte blanke Panik.
„Steh auf, Yuu." Nanashis fordernde Stimme drang leise zu ihm durch. Er spürte, wie sie seinen gesunden Arm um ihre Schultern legte und ihn hochhievte.
„Was … passiert hier …?" fragte er mit zitternder Stimme, während er die Augen nicht von den schreienden Menschen abwenden konnte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie jemand stolperte, zu Boden fiel und mit einem klirrenden Geräusch plötzlich in tausend hellblaue Splitter zerbarst, die sich Sekunden darauf in Luft auflösten, als hätte es den Menschen nie gegeben.
„Es hat begonnen", antwortete Nanashi und zog ihn mit sich, weg von der kreischenden Menge. „Sie wollten dir wehtun, ich konnte nicht mehr länger warten."
Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er den Sinn ihrer Worte verstand. „Das heißt, du hast das …?"
Sie blieb plötzlich stehen und er richtete seinen Blick nach vorn.
Es war Shin. Zufrieden lächelnd trat er auf sie zu. „Ich sehe, du bist bereit, Eva."
„Das bin ich", hörte er Nanashi sagen.
„Dann lasst uns beginnen. Ich bringe euch hin."
Kaum hatte Shin diese Worte gesprochen, bildete sich etwas hinter ihm, das wie ein Portal aussah. Die Luft teilte sich wie ein Vorhang und gab den Blick auf tiefste Dunkelheit frei, die von violetten Streifen durchzogen war.
Noch ehe Yuu wusste, wie ihm geschah, spürte er Shins Hand auf seinem Rücken. Einen Augenblick später verlor er den Boden unter den Füßen und wurde von tiefer Dunkelheit umhüllt.
Als er die Augen aufschlug und die trockene Erde unter seinen Fingern spürte, wusste er genau, wo er sich befand. Nanashi kniete vor ihm und strich ihm vorsichtig eine blutige Haarsträhne aus der Stirn. Bei der Berührung zuckte er zusammen, weniger vor Schmerz als vor Schreck.
„Jetzt bist du in Sicherheit, mein Geliebter." Ihre Stimme war sanft und stand in scharfem Kontrast zu dem leeren Blick ihrer ehemals grünen Augen, die nun beinahe schwarz wirkten. Sie stand auf und strich mit ihrem Zeigefinger, an dem noch sein Blut klebte, über ihre Lippen. Ein blutrotes Lächeln blieb zurück.
„Was geht hier vor?" Sein Kopf wollte bersten und sein Handgelenk pochte immer noch, doch er verdrängte den Schmerz und rappelte sich hoch. „Nanashi, was -?"
„Die Apokalypse beginnt." Shin stand einige Schritte von ihnen entfernt und beobachtete ihn aufmerksam. „Bist du bereit, deinen Teil der Aufgabe zu erfüllen und als Adam an Evas Seite die Menschheit auf eine neue Evolutionsstufe zu erheben?"
„Wovon redest du?", fuhr er ihn an. Er verstand all diese hohlen Worte nicht und das machte ihn wütend. Und Shin machte ihn wütend, wie er gelassen dort stand und ihm auf irgendeine Art und Weise seine Nanashi immer mehr entriss. „Gib mir meine Nanashi zurück!"
Shins Blick wurde ernst. „Durch den Meteoriten hat sich die Saat der Apokalypse über die gesamte Welt verbreitet. Durch Evas Willen wird sie ausgelöst und der Urzustand allen Lebens wiederhergestellt, woraufhin Adam und Eva durch ihre Gene neues Leben erschaffen."
„Du willst alle Menschen auf der ganzen Welt umbringen?!", rief Yuu fassungslos, doch Nanashi legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
„Die Kristalle töten sie nicht, sie schenken ihnen ewiges Leben!", redete sie auf ihn ein.
„Das ist nicht wahr!" Wütend streifte er ihre Hand ab. „Ich habe gesehen, wie sich jemand vor meinen Augen in Luft aufgelöst hat! Er ist einfach am Boden zersplittert!" Sein Magen verkrampfte sich erneut, als er an die Szene dachte, die erst wenige Augenblicke her war. „Ewiges Leben und die Vernichtung allen Lebens passen nicht zusammen, ihr redet beide Unsinn!"
„Du bist ein unwissender Narr", erwiderte Shin verächtlich. „Lass es mich dir erklären und dann sehen wir, ob du immer noch so egoistisch sein kannst wie jetzt." Plötzlich war Shin verschwunden. Erschrocken drehte Yuu sich um, als er seine Stimme nun hinter seinem Rücken hörte. „Ich bin Shin, der Gesandte Da'aths und der personifizierte Wille der Menschheit", sprach er weiter. „Ich agiere und denke außerhalb von Raum und Zeit und wurde in diese Welt geschickt, um das Einleiten der Apokalypse zu überwachen. Es ist das unabänderliche Schicksal, dass diese Welt untergehen wird, wie sie jetzt ist. Daran kann niemand etwas ändern", schloss er, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging langsam um Yuu herum, der ihn keine Sekunde aus den Augen ließ. „Und obwohl alles vernichtet wird und das Leben neu beginnen kann, wird jeder Mensch ewiges Leben erlangen, denn der Virus lässt alles Leben kristallisieren, wodurch die Erinnerungen darin bis in alle Ewigkeit bewahrt werden. Und was macht einen Menschen anderes aus als seine Erinnerungen?"
Yuu schluckte krampfhaft. Er sah zu Nanashi, die mit glückseligem Blick an Shins Lippen hing. An ihrem Hals bildete sich unaufhörlich eine dünne Kristallschicht, die in kleine Splitter zerbröckelte und sich wieder neu bildete. Plötzlich lachte Shin laut auf.
„Ich kann förmlich spüren, wie du mir misstraust, Yuu. Vielleicht sollte ich dir die Macht des Königs vorführen, die dich als zukünftigen Adam erwartet?" Als hätte er es ihr befohlen, ging Nanashi auf Shin zu. Ein seltsames Leuchten ging von ihrem Oberkörper aus und als sie Shin erreichte, griff dieser mit seiner Hand durch ihre Brust hindurch und zog etwas heraus. Yuu schrie entsetzt auf, als sich in seiner erhobenen Hand plötzlich eine riesige Waffe bildete. Das Leuchten verschwand und Nanashi trat wieder zurück, als wäre nichts passiert.
Yuu verschlug es die Sprache. Wie gebannt blickte er auf das unnatürlich lange Schwert in seinen Händen, das aus ähnlichem Material wie der hellblaue Stein zu sein schien, und war unfähig, sich zu bewegen. Sein Herz hämmerte wie wild gegen seinen Brustkorb und übertönte beinahe Shins nächsten Worte.
„Das ist das Schwert der Vernichtung, das die Welt reinigen wird – das Void der einzig wahren Eva." Er ließ den Arm sinken und richtete das Schwert auf Yuu. „Und dich hat sie als ihren Adam auserkoren. Bist du gewillt, dieser Aufgabe nachzukommen?"
„Das ist er", hörte er Nanashi sagen. Ihre Stimme klang ganz weit weg und er fragte sich, ob alles nur ein böser Traum war, aus dem er gleich aufwachen würde.
Aufwachen, die Augen aufschlagen und einen roten Apfel vor sich sehen, den Nanashi ihm dort hingelegt hatte. Und ihr Lächeln, das eine wohlige Wärme durch seinen Körper strömen ließ.
Doch statt aufzuwachen spürte er ihren Kopf an seiner Brust. Sie umschlang ihn mit ihren schlanken Armen und seufzte wohlig.
„Lass uns das Elend auf dieser Welt gemeinsam beenden, mein Geliebter", hauchte sie. „Es darf nicht ewig so weitergehen, findest du nicht auch? Es muss sich ändern, wie die Menschen miteinander umgehen." Ihre Worte ließen ihn an die vielen Prügel denken, die er in seinem Leben schon hatte einstecken müssen, an die wüsten Beschimpfungen und verächtlichen Blicke fremder Leute, die sich für etwas Besseres hielten. „Lass uns der Menschheit eine zweite Chance geben", forderte sie leise.
Unwillkürlich fühlte er sich in die Zeit zurückversetzt, als er Nanashi zum ersten Mal begegnet war: der flehende Blick dieser betörend grünen Augen und ihre verzweifelte Bitte nach Hilfe … Genauso schwach und zerbrechlich fühlte sie sich jetzt an seiner Seite an. Er hob die Arme und drückte sie fest an sich.
„Aber was wird dann aus uns?", fragte er zurück, während er sein Gesicht in ihr violettes Haar presste. „Sind wir dann zwei einsame Gestalten auf einem einsamen Planeten ohne zweite Chance?"
„Wir haben uns", wisperte sie. „Bis in alle Ewigkeit."
„Das genügt mir." Yuu wusste, dass das Mädchen in seinen Armen nicht Nanashi war. Er wusste, dass es nicht Nanashi war, die zu ihm sprach. Doch er wusste auch, dass sie noch irgendwo ganz tief in dieser Hülle existierte und ihn von ganzem Herzen brauchte.
Und ihn liebte.
Er hatte ihr damals geschworen, sie niemals allein zu lassen, und diesen Schwur würde er nicht brechen, was auch geschehen würde.
Yuu schloss die Augen und atmete ein letztes Mal ihren Duft ein, dann hob er den Blick und starrte in Shins dunkle Augen. „Ich werde es tun."
„So sei es." Der Mann in der weißen Robe ließ langsam das Schwert sinken. Als er es losließ, fiel es nicht zu Boden, sondern löste sich in silberne Stränge auf, die wieder zu Nanashi zurückkehrten und in ihrer Brust verschwanden. „Adam und Eva, besiegelt nun eure ewige Liebe mit diesen Ringen." Mit einer Handbewegung ließ er zwei Ringe aus hellblauem Kristall vor ihnen erscheinen.
Mit ruhiger Hand nahm Yuu sich einen davon und steckte ihn Nanashi an den Finger, die ihm ihre Hand bereits auffordernd entgegenstreckte. Sie tat daraufhin dasselbe bei ihm. Danach küsste sie ihn. Ihre Lippen schmeckten nach seinem Blut.
„Sodann möge die Apokalypse beginnen und die Welt enden, wie es der Wille der Menschheit seit Jahrmillionen ist!", rief Shin und hob die Arme zum Himmel. Ein Sturm war plötzlich aufgekommen und ließ Nanashis lange Haare wild durcheinanderwirbeln.
Der hellblaue Stein in der Mitte des Kraters, in dem sie standen, leuchtete auf und löste sich in dieselben silbernen Fäden auf wie schon das Schwert zuvor. Sie umkreisten Nanashi und hüllten sie bald vollständig ein, nachdem sie die Kratermitte erreicht hatte. Yuu blickte nach oben und sah, wie sich der Himmel dunkel verfärbte, als ob ein starkes Gewitter aufziehen würde. Mit einem hellen Leuchten verschwand plötzlich der Schleier um Nanashi. Sie trug nun ein Kleid aus schwarzem und blauem Stoff und um ihre Schultern und ihren Kopf hatten sich hellblaue Kristalle gebildet, die in ihrem Haar wie ein Diadem aussahen.
Die Königin der Apokalypse.
Einen kurzen Augenblick lang herrschte absolute Stille. Selbst der tosende Wind war plötzlich nicht mehr zu hören, als ob jemand die Zeit angehalten hätte.
Dann begann Nanashi zu singen.
Die immer gleiche Tonfolge, die Yuu nun schon allzu bekannt war, ließ die Erde erzittern. Kreisförmig breiteten sich hellblaue Schallwellen über ihnen aus, die im starken Kontrast zum tiefschwarzen Himmel standen. Aus dem Boden unter Nanashi wuchs ein riesiger Kristall empor und trug sie mit sich hinauf. Wie in der Mitte eines zugefrorenen Sees stand sie auf ihrem Podest und überblickte hoch über dem Wald die Erde, die ihr nun zu Füßen lag. Sie schloss die Augen, hob ihre Hände und dirigierte zu ihrem Gesang ein unsichtbares Orchester. Mit jedem Fingerzeig verwandelte sie die Bewohner einer Stadt, mit jeder kleinen Handbewegung die Menschen eines ganzen Landes in hellblau schimmernde Kristalle. Während Yuu sich dem Bann des grauenerregenden Schauspiels nicht entziehen konnte und unablässig ihre geschmeidigen Armbewegungen mit den Augen verfolgte, hörte er aus nicht allzu weiter Ferne gellende Schreie.
Er wusste genau, was sich dort gerade abspielte, wie die Kristalle alles menschliche Leben in sich einschlossen, bis die ganze Welt wie eine glitzernde Schneelandschaft in ewiges Eis gehüllt war.
Zeit verlor ihre Bedeutung.
Worte verloren ihr Gewicht.
Leben verlor seinen Wert.
Alles, was zählte, war diese Melodie. Die Symphonie der Vernichtung und zugleich des Neubeginns.
Ihr Gesang war schon längst verklungen, als Nanashi schließlich wieder auf der Erde stand. Ihre nun wieder grünen Augen blickten leer in die Ferne, als sie mit unsicheren, schleppenden Schritten langsam auf Yuu zuging. Kristalle bedeckten bereits ihre Arme und Beine und lösten sich nicht mehr auf wie zuvor. Bei jedem einzelnen Schritt war ein Klirren zu hören.
„Ich liebe dich, Yuu …"
Klirr.
„Ich liebe dich so sehr …"
Klirr.
„Bitte bleib an meiner Seite …"
Er machte den letzten Schritt auf sie zu und schloss sie sanft in seine Arme.
Seine Nanashi.
Er hatte sie wieder.
Kurz bevor die Kristalle sie beide vollständig umhüllten, küsste er sie noch ein letztes Mal.
„Ich bleibe für immer an deiner Seite, Nanashi."
