Da'ath – Die Wächter der Unterwelt
Helles Licht drang durch seine geschlossenen Lider, doch er öffnete seine Augen nicht. Er genoss diese tiefe, endlose Stille, die ihn völlig einhüllte und nur durch seinen gleichmäßigen Herzschlag unterbrochen wurde.
Bumm bumm.
Bumm bumm.
Er fühlte sich warm und geborgen, als wäre er von etwas Schützendem eingeschlossen, das ihn aber zu keiner Zeit berührte. Überhaupt strahlten all seine Empfindungen aus seinem Inneren nach außen. Auf seiner Haut spürte er nichts. Keine Temperatur, keinen Druck, einfach nichts.
Bumm bumm.
Bumm bumm.
Er war sich nicht sicher, ob er seine Arme und Beine hätte bewegen können, wenn er es versucht hätte. Er fühlte sich so unglaublich leicht, dass es ihn gewundert hätte, überhaupt noch einen Körper zu besitzen. Er konnte nicht einmal seinen Atem spüren.
Bumm bumm.
Bumm bumm.
Allmählich formte sich in der tiefen Stille seines Unterbewusstseins ein Gedanke, der ihn sanft wie eine Feder streifte. Was ist passiert? Ein Paar grüner Augen tauchte vor seinem inneren Auge auf. Richtig, Nanashi hat die Apokalypse eingeleitet. Wir sind gemeinsam zu einem Kristall geworden.
Bumm bumm.
Er erinnerte sich an alles. An ihr Aussehen, ihren Duft und ihre Bewegungen. Er erinnerte sich auch an das Gefühl ihrer Nähe, nach der es ihn so sehr verlangt hatte.
Doch er spürte sie nicht.
Bumm
Mit zunehmender Verzweiflung wollte er die Hände ausstrecken, nach seiner geliebten Nanashi tasten und sie eng an sich ziehen, doch er konnte nicht. Er konnte nicht bewegen, er konnte nicht fühlen, er konnte nicht –
Panisch riss er die Augen auf.
Weißes Licht flutete ihm entgegen, doch er zwang sich, die Augen geöffnet zu halten. Silberne Fäden in verschiedenen Längen und Farbnuancen wirbelten um ihn herum oder zogen weit entfernt langsam ihre Kreise. Es gab weder einen Boden noch einen Himmel, er schwebte einfach in diesem hellen Licht wie in Wasser und wurde hierhin und dorthin getrieben. Beinahe erleichtert stellte er fest, dass er noch seinen vorherigen Körper besaß, der noch das einzig Normale in dieser seltsamen Umgebung war.
„Nanashi!" Seine Stimme war laut und kraftvoll und hallte weit durch den leeren Raum. „Nanashi, wo bist du?"
„Willkommen, Adam." Die Worte ließen ihn zusammenzucken. Sie schienen ihn von allen Seiten zu umzingeln wie ein wildes Tier in der Falle.
„Shin …", sagte Yuu leise. Nie wieder würde er diese Stimme vergessen können. „Wo ist Nanashi? Wir sind gemeinsam zu einem Kristall geworden! Wieso …" … ist sie nicht bei mir?, vollendete er den Satz in Gedanken. War das nicht seine Aufgabe gewesen? Für alle Ewigkeit an ihrer Seite zu bleiben?
„Sie ist dort unten, siehst du sie nicht?", ertönte Shins Stimme erneut. Innerhalb eines Sekundenbruchteils änderte sich die Szenerie: Die silbernen Fäden verschwanden, das Licht wurde gedämpfter und er wurde wie von einer unsichtbaren Kraft nach unten gesogen, denn unter ihm zeichnete sich plötzlich fester Grund ab. Oder wurde dieser zu ihm emporgehoben? Er hatte jedes Gefühl für seine Position im Raum verloren.
Immer noch in großer Höhe schwebte er über der Gegend, die sich unter ihm weit ausbreitete. Es war eine öde Landschaft, die fast ausschließlich aus Felsgestein und trockenem Boden, der von tiefen Furchen durchzogen war, zu bestehen schien. Das einzig Außergewöhnliche waren die Flüsse, die sich durch ihre Farbe und Form vom Rest der Umgebung drastisch abhoben.
Der breiteste von ihnen führte pechschwarzes Wasser und schloss wie eine eingerollte Schlange spiralförmig alle anderen in sich ein. In seinem Zentrum bildete er einen kleinen See, was wegen seiner schwarzen Farbe fast so aussah, als ob das Wasser durch ein tiefes Loch plötzlich verschwinden würde. Drei weitere Flüsse entsprangen ihm und zogen willkürlichere Bahnen, der letzte hingegen schien nicht aus Wasser, sondern aus loderndem Feuer zu bestehen.
„Willkommen in der Unterwelt", ertönte Shins Stimme abermals. „Deine Ankunft ließ den Kokytos erbeben."
„Wo ist Nanashi?", wiederholte er, diesmal nachdrücklicher. Wie auf seinen Ruf hin änderte sich die Perspektive erneut. Dieses Mal stand er auf dem Boden nahe eines der kleineren Flüsse, die Wasser führten. Obwohl er mit beiden Beinen auf der Erde stand, spürte er es nicht. Es gab nicht den geringsten Unterschied zu vorher, als er noch in der Luft schwebte. Als er sich orientierungslos umsah, erschien plötzlich Shin wie aus dem Nichts neben ihm. Stumm deutete er mit ausgestrecktem Arm in die Ferne. Als Yuu seinen Blick dorthin richtete, sah er eine Gestalt.
„Nanashi …"
Sie war sehr weit von ihm entfernt, doch er war sich sicher. Ihr violettes Haar leuchtete vor dem kahlen Hintergrund wie ein Stern in dunkler Nacht.
„Nanashi!", rief er so laut er konnte und rannte los. Je näher er ihr kam, desto klarer wurden ihre Konturen. Sie stand auf der anderen Seite des Flusses, an dem er entlanglief, und ging mit langsamen Schritten auf das dunkle Wasser zu, das sie voneinander trennte. „Nanashi!", rief er abermals, doch sie schien ihn nicht zu hören. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, ihre Schritte waren langsam, aber nicht zögerlich. Erleichtert stellte er fest, dass ihren Körper keine hellblauen Kristalle mehr bedeckten, so wie es bei ihm selbst auch der Fall war. Er rannte immer noch auf sie zu und erst allmählich drang die Tatsache in sein Bewusstsein, dass der Abstand zu ihr sich kaum änderte, egal wie schnell er lief. Erschrocken sah er aus der Ferne, wie das Flusswasser bereits ihre Knöchel umspülte – und sie ging immer weiter.
„Lass sie ihre Aufgabe zu Ende bringen." Shins Stimme war wieder überall um ihn her.
„Das hat sie doch schon!" Yuus Schritte wurden langsamer, bis er schließlich stehen blieb. Seltsamerweise fühlte er sich ihr jetzt viel näher als noch kurz zuvor. „Lass sie endlich in Ruhe!" Tränen schossen ihm in die Augen, während er verzweifelt zusehen musste, wie das Wasser Nanashi bereits bis zur Taille reichte und sie immer noch weiterging.
„Willst du wirklich so grausam zu ihr sein? Sie hat die Apokalypse ausgelöst und ihre Folgen für die ganze Welt mitangesehen – nun ist sie blind. Die ganze Last der Menschheit liegt auf ihren Schultern – ihr Verstand verkraftet das nicht. Liebst du sie denn nicht?"
Yuu sank auf die Knie. Tränen liefen über seine Wangen und ließen ihn Nanashi nur noch verschwommen wahrnehmen. „Ich dachte, es wäre vorbei. Ich dachte, wir würden … bis in alle Ewigkeit …" Seine Stimme versagte ihm.
„Sie wird im Kokytos wiedergeboren und unsterblich werden." Shin nahm neben ihm wieder Form an. Mit ausdruckslosem Gesicht blickte er auf den Jungen zu seinen Füßen.
„Unsterblich …?", flüsterte Yuu leise. Bei diesen Worten regte sich ein Gefühl der Hoffnung in ihm.
Richtig. Ihnen wurde ewiges Leben versprochen.
Deshalb hatten sie alles geopfert.
Sogar sich selbst.
Dann werde ich sie wieder in meine Arme schließen können. Unter all den Tränen gab es noch einen Hoffnungsschimmer. Nanashi wird wieder wie früher und wir werden bis in alle Ewigkeit gemeinsam leben ...
Während dieser Gedanke sein ganzes Sein ausfüllte und alle erlebten Strapazen in Vergessenheit gerieten ließ, verschwanden die letzten violetten Strähnen in den dunklen Tiefen des Flusses.
Eine quälende Ewigkeit lang herrschte absolute Stille.
Dann begann das Wasser plötzlich heftig zu brodeln. An der Stelle, wo Nanashi endgültig verschwunden war, bildete sich ein Strudel. Er drehte sich unglaublich schnell und sog die umliegenden Wassermassen förmlich in sich hinein. Kurz darauf schoss ein blendend weißer Lichtstrahl aus seiner Mitte empor, der in den Augen schmerzte und Yuu seinen Blick abwenden ließ.
So plötzlich alles begonnen hatte, so schnell war es auch wieder vorbei. Das Licht versiegte und das Brodeln verschwand, die Wasseroberfläche war wieder so glatt wie Eis.
Yuus Herzschlag setzte einen Moment lang aus, als er mit weit aufgerissenen Augen das sah, was hoch über dem Fluss regungslos in der Luft schwebte.
„Nein …", flüsterte er. „Nein …" Er konnte nichts anderes denken, nichts anderes sagen, während er seine Augen nicht von diesem Anblick abwenden konnte. „Nein, nein, nein!" Seine Worte wurden immer lauter und verwandelten sich schließlich in verzweifelte Schreie. „Nein, nein, NEIN!"
„Der Virus hat sich einen Wirt auf der Erde gesucht, damit er durch dessen menschliche Hülle die Apokalypse einleiten kann. Dieser Wirt wurde zu Eva." Shins Stimme drang nur ganz leise an seine Ohren, obwohl er immer noch neben ihm stand. Zu laut waren die Gedanken in seinem Kopf. „Eva hat ihre Aufgabe erfüllt und wurde nun wiedergeboren – als neuer Virus, der die nächste Apokalypse einleiten wird."
Mit blankem Entsetzen starrte Yuu auf den kristallisierten Stein in der Luft, dessen kantige und doch glatte Form ihm noch so gut im Gedächtnis geblieben war.
Ein violetter Kristall.
Violett wie Nanashis Haar.
„Du Monster!" Blind vor Tränen rappelte sich Yuu hoch und ging mit seinen Fäusten auf Shin los. Doch seine Hände stießen nicht auf Widerstand, sondern glitten durch ihn hindurch, als wäre er Nebel. In seiner Wut kümmerte ihn das aber nicht. Er schlug weiter und weiter auf die Projektion ein, die sich immer wieder neu formierte, bis er schließlich kraftlos zusammensackte. Schluchzer ließen seinen Körper erbeben und ließen ihm kaum mehr Luft zum Atmen.
Nie wieder würde er Nanashi in seinen Armen halten. Nie wieder.
„Bitte bleib an meiner Seite …", hörte er ihre letzten flehenden Worte in seinen Gedanken. Er presste seine Hände mit aller Kraft gegen seine Stirn, als ob er damit die Erinnerung vertreiben könnte. Die Bilder ihrer letzten gemeinsamen Augenblicke strömten in seinen Kopf und ließen ihn verzweifelt aufschreien, doch er war ihnen hilflos ausgeliefert. Die Situation brachte ihn um den Verstand.
„Du kannst versuchen, der Verzweiflung zu widerstehen, Adam", hörte er Shins tiefe Stimme über ihm. „Doch damit quälst du dich nur unnötig selbst, oder nicht? Beende den Schmerz und halte dein Versprechen."
Yuu ließ langsam die Hände sinken. Wie in Trance blickte er zu dem Mann hoch, der ihm einen Ausweg aus seinem inneren Gefängnis der Erinnerungen bot, die ihm solche Schmerzen bereiteten, wie nichts in seinem Leben zuvor. „Wie?", flüsterte er und fixierte Shins dunkle Augen. „Wie kann ich mein Versprechen jetzt noch halten?"
Shin lächelte wissend und mit einer kleinen Handbewegung ändert sich die Szenerie erneut.
Yuu saß an einem Flussbett. Seine Finger krallten sich nun nicht mehr in trockene Erde, sondern feuchten Sand. Leichte Wellen ließen einen Schwall Wasser über seine Knie schwappen, bevor es sich wieder zurückzog und sich das Spiel einige Augenblicke später wiederholte. Das Wasser war eiskalt und trotz des sandigen Bodens glasklar.
Shin trat neben ihn. „Das ist der Lethestrom. Erst wenn du sein Wasser trinkst, bist du von deiner Aufgabe als Adam entbunden und kannst ewiges Leben erlangen."
„Was passiert dann mit mir?", fragte er tonlos nach. „Löst sich mein Körper dadurch auch auf und ich werde zu einer ewigen Erinnerung?"
Shin schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Du wirst alles vergessen, was in deinem früheren Leben geschehen ist. Erst wenn dich nichts mehr an die Welt bindet, die durch die Apokalypse vernichtet wurde, kannst du zu einem Teil von Da'ath und eins mit dem Willen der Menschheit werden."
„Warum sollte ich vergessen wollen?" Yuu beobachtete die Wellen, die sich sanft hin und her bewegten und eine angenehme Ruhe verbreiteten. „Ich würde mich lieber bis in alle Ewigkeit an diesem seltsamen Ort von meinen Erinnerungen quälen lassen, als jemals zuzulassen, Nanashi zu vergessen!" Seine Verzweiflung wandelte sich allmählich zu Wut über Shins Dreistigkeit, als seine nächsten Worte ihn erstarren ließen.
„Nur auf diese Weise kannst du dein Versprechen halten und für immer an Nanashis Seite sein."
„Wie … meinst du das …?", rang er sich mit Mühe zu einer Frage durch, hatte er sich doch schon fast mit seinem grausamen Schicksal abgefunden.
„Du wirst in einer neuen Welt meinen Platz einnehmen und den Willen der Menschheit ausführen", erklärte Shin. „Als Gesandter Da'aths wirst du den Virus in diese Welt bringen und die Apokalypse überwachen, solange bis dann ein neuer Adam oder eine neue Eva deinen Platz einnehmen wird." Shin lächelte auf ihn herab. „Du wirst also ewig mit deiner Freundin zusammen sein, auch wenn du dich nicht daran erinnern wirst."
Yuus Magen krampfte sich zusammen, seine Finger krallten sich noch fester in den nassen Sand.
So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Seine geliebte Nanashi war mit dem Virus verschmolzen und würde nun, nachdem sie die Last einer ganzen Welt auf sich genommen hatte, abermals eine neue Welt auslöschen. Immer und immer wieder.
Ein ewiger Teufelskreis.
Er konnte diesen Gedanken nicht länger ertragen.
Er hatte sie nicht beschützen, nicht retten können. Das einzige, was er jetzt noch für sie tun konnte, war, sein Versprechen einzuhalten.
Langsam kroch er auf allen Vieren näher zum Wasser, bis es ihm fast bis zum Ellbogen reichte. Er redete sich ein, das für Nanashi zu tun und weil er sein Versprechen ihr gegenüber einlösen wollte, doch das war nur die halbe Wahrheit. In all den Jahren seines Lebens, in denen er grundlos Prügel eingesteckt oder vor Hunger und Kälte zitternd am Straßenrand gesessen hatte, nicht wissend, ob er den nächsten Tag noch erleben würde, hatte er noch nie so viel Angst wie in diesem Augenblick gehabt. Er konnte noch immer nicht begreifen, was alles geschehen war – oder warum. Er verstand diesen seltsamen Ort nicht, an dem er sich befand, und schon gar nicht seine Aufgabe, die er auf irgendeine Art und Weise erfüllt zu haben schien. Er spürte nur diese alles verschlingende Angst, die mit eisigen Krallen nach seinem Herz gegriffen hatte, seine Kehle zuschnürte und ihn nicht mehr atmen, nichts mehr denken und fühlen ließ.
Er formte seine Hände zu einer Schale und ließ sie ins Wasser gleiten. Als er sie wieder hochhob, fielen einzelne Tropfen lautlos wieder in den Fluss zurück. Das Wasser war so klar, dass es genauso gut Luft hätte sein können, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Was macht einen Menschen anderes aus als seine Erinnerungen?, kamen ihm Shins Worte plötzlich in den Sinn und er musste lächeln. Er hatte recht. Ohne Erinnerungen würde er nicht mehr er selbst sein. Das war sein Ende, endgültig.
Er hielt noch einen kurzen Augenblick lang inne, dann führte er die Hände an den Mund.
Als das kühle Nass seine Kehle hinunterrann und gleichsam alle Erinnerungen mit sich fortschwemmte, galt sein letzter Gedanke Nanashi.
. . .
. . .
Als ich die Augen aufschlug, sah ich nichts als Helligkeit. Dann ertönte eine Stimme aus dem Nichts.
„Dein Name ist Yuu."
Mein Name ist Yuu, wiederholte ich instinktiv in Gedanken, als müsste ich es mir besonders gut einprägen. „Wo bin ich?", fragte ich in die Helligkeit hinein.
„Du bist in der Unterwelt, der einzigen Konstanten in einem sich stetig wandelnden Universum."
„Und wer bist du?"
„Ich bin du."
„Das verstehe ich nicht", erwiderte ich.
„Die Macht des Königs wird es dich verstehen lehren."
Kaum waren diese Worte gesprochen, schoss ein silberner Strang auf mich zu und wickelte sich fest um meinen rechten Arm. Noch während ich erschrocken zusammenzuckte, löste er sich wieder in Luft auf. Zurück blieb ein weißes Zeichen auf meinem Handrücken, das einer Sonne ähnlich sah.
Das Symbol leuchtete plötzlich hell auf – noch viel heller als das Licht um mich her – und wie eine Flutwelle strömte das Wissen der Menschheit durch meinen Körper. Eine unvorstellbare Kraft ergriff von mir Besitz und füllte mich vollkommen aus.
Als mich der Strudel aus Gedanken und Gefühlen wieder freigab und sich meine Starre löste, spürte ich plötzlich festen Boden unter den Füßen. Alles um mich herum war in tiefe Dunkelheit gehüllt, nur direkt vor mir stand ein hell erleuchteter, großer Spiegel. Staunend warf ich einen Blick auf mich selbst: halblange, blonde Haare, eisblaue Augen, schwarze Kleidung und ein weißer Mantel darüber. Es waren kaum fünf Sekunden vergangen, als der Spiegel plötzlich in tausend kleine Splitter zerbarst und den Blick auf drei Gestalten dahinter freigab, die alle ähnliche Kleidung trugen wie ich.
„Ich bin du", wiederholte die Person ganz links. Es war ein Mann mittleren Alters mit weißen Haaren und dunklen Augen.
„Ich bin du", sagte die Person ganz rechts, eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren und roten Augen.
„Ich bin du", meinte die Person in der Mitte. Es war ein alter Mann mit grauen Haaren und eisblauen Augen.
„Wir sind alle Mitglieder von Da'ath und doch ein und dasselbe: der Wille der Menschheit", schloss der erste und trat einen Schritt vor. Er musterte mich aufmerksam mit seinen dunklen Augen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. „Mein Name ist Shin und das hier sind Hiroki und Akira." Er deutete nacheinander auf den alten Mann und die Frau.
„Was ist Da'ath? Und … was bin ich?", ergänzte ich zögernd und sah auf meinen Handrücken, wo das Symbol jetzt nur noch schwach zu sehen war.
„Da'ath ist eine Organisation, die am Anfang der Zeit gegründet worden ist", erklärte der Mann namens Hiroki ruhig. „Damals gab es eine Zivilisation auf der Welt, die so hoch entwickelt war, dass sie eine Methode gefunden hat, das Überleben der Menschheit bis in alle Ewigkeit zu sichern: die Macht des Königs. Mit Hilfe dieser unglaublichen Macht konnte ein Auserwählter ein Portal in eine andere Dimension öffnen und fand dort einen Ort, losgelöst von Raum und Zeit. Wir befinden uns gerade an diesem Ort. Wir nennen ihn Unterwelt, da er das ewige Fundament aller übrigen Welten bildet, die vernichtet werden und neu entstehen."
„Wie soll denn ein einzelner das Überleben der gesamten Menschheit sicherstellen?", hakte ich zweifelnd nach.
„Diese eine Person konnte mit Hilfe eines Virus eine Apokalypse einleiten", sprach er weiter, während sich seine eisblauen Augen in die meinen bohrten. „Dieser Virus bewirkte, dass alle Menschen in Kristalle eingeschlossen wurden und darin als Erinnerung weiterlebten, während ihre Welt zugrunde ging. Der Virus handelt dabei durch einen menschlichen Körper, nämlich denjenigen, der zuerst in Kontakt mit ihm kommt. Er übernimmt nach und nach die Kontrolle über die Person und leitet schließlich die Apokalypse ein. Danach kehrt er hierher zurück, nimmt seine ursprüngliche Form wieder an und wartet auf seinen nächsten Einsatz."
„Diese eine Person hat also die Macht über die Vernichtung der ganzen Welt", fasste ich zusammen und mein Gegenüber nickte. „Wieso aber stehst du dann nicht hier alleine? Woher kommen die anderen beiden – und ich?"
Er lächelte, als hätte er diese Frage erwartet. „Der Virus sucht sich einen menschlichen Partner, der ihn nach der Apokalypse in die Unterwelt begleitet und die Macht des Königs erbt – Adam und Eva. Der Preis dafür ist der Verlust des alten menschlichen Lebens und der Individualität, die man vorher hatte, doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was man dazugewinnt." Er breitete die Arme aus. „Wir sind ein Kollektiv, das durch jede neue Apokalypse stetig wächst und in dieser zeitlosen Welt unsterblich ist. Wir sind keine Menschen mehr, sondern der personifizierte Wille der Menschheit. Wir sind Da'ath – die Evolution der Menschheit!"
„Jeder von uns dreien hat als Adam oder als Eva bereits die Einleitung einer Apokalypse überwacht", ergänzte die dunkelhaarige Frau namens Akira, „und ist dem oder der Erstinfizierten zur Seite gestanden, bis er oder sie die Aufgabe erfüllt hatte. Nun bist du an der Reihe, Yuu. Erfülle deine Aufgabe als Da'aths Gesandter und hilf dabei, die vierte Apokalypse einzuleiten, damit sich ein Mensch weiterentwickeln und sich in unsere Gesellschaft einer neuen, unsterblichen Rasse eingliedern kann."
Noch während sie sprach, fuhr mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, der sich in meinem Kopf festsetzte. „Es ist soweit", sagte ich laut und war selbst von meinen Worten überrascht.
Die drei nickten, als wüssten sie genau, wovon ich sprach.
„Ja, es ist wieder soweit", bestätigte der alte Mann. „Wie wir alle hast du keine eigenen Gefühle mehr wie ein Mensch, sondern spürst den kollektiven Willen der gesamten Menschheit. Lass dich von ihm führen und handle danach, Yuu."
Ich nickte. Eine tiefe Ungeduld breitete sich in mir aus, die mich dazu drängte, diesen Ort sofort zu verlassen.
„Du wirst nun als Gesandter Da'aths in die neue Welt geschickt, um dort deine Aufgabe zu erfüllen. Du hast dort einen menschlichen Körper, doch mit der Macht des Königs bist du immer noch losgelöst von Zeit und Raum, also nutze diese Kraft weise. Löse die Apokalypse aus und bring Adam und Eva wohlbehalten in die Unterwelt, wie es der Wille der Menschheit ist", sprach Shin.
„Das werde ich."
Shin schloss die Augen und verharrte einen Moment still, als ob er in sich hineinlauschen würde. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Es scheint, dass diese neue Welt schon so weit fortgeschritten ist, dass sie Untersuchungen bezüglich Genetik, natürlicher Selektion und Evolution betreibt. Die Macht des Königs wurde auch auf Grundlage dessen erschaffen, welch amüsanter Zufall." Er öffnete die Augen wieder. Mit einer kleinen Handbewegung ließ er einen Kristall in der Luft zwischen uns erscheinen. „Hierin ist der Virus eingeschlossen. Verwahre ihn gut." Eine erneute Handbewegung ließ den Kristall auf mich zu schweben und ich nahm ihn entgegen.
„Und nun geh, Gesandter Da'aths!", befahl Hiroki mit dunkler Stimme, während er sich mit den anderen beiden Gestalten in der Dunkelheit auflöste. „Geh und führe den Willen der Menschheit aus!"
