Zweckbündnis
Die Wochen verstrichen und wäre Mana nicht noch so jung und ihr die Liebe zu einem Jungen nicht noch so völlig fremd gewesen, hätte die Apokalypse schon längst beginnen können. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich das Wissen angeeignet, was sie brauchte, um ihre Fähigkeiten kontrollieren zu können, und testete diese bereits an einzelnen Objekten. Zuerst wandte sie sie nur auf leblose Gegenstände wie Steine oder Blumen an, die sie mit einer dünnen Kristallschicht überzog und nach Belieben zerspringen ließ. Später versuchte sie sich an Tieren wie Schmetterlingen und Hasen, die sie aber meist als Kristalle im Wald zurückließ. ‚Sie sehen so viel schöner aus und wenn das Licht auf sie fällt, funkeln sie wie Sterne!', hatte sie damals fröhlich geantwortet, als ich sie nach dem Grund für ihr Handeln gefragt hatte.
Inzwischen war sie dazu übergangen, ihre Fähigkeiten an Menschen auszutesten. Immer wenn sie ihre Mutter in die Stadt zum Einkaufen begleitete oder sie an ihrer Hand einen Spaziergang machte, sahen die Passanten nichts weiter als ein vergnügt summendes Mädchen mit rosa Haaren. Niemals hätten sie es mit den seltsamen Symptomen in Verbindung gebracht, die Tage später zum Vorschein traten: an verschiedensten Stellen ihres Körpers – sei es am Handgelenk, am Hals oder am Haaransatz – verhärtete sich die Haut und es bildeten sich lilafarbene Kristalle, die umso mehr schmerzten, je größere Körperpartien davon betroffen waren.
Inzwischen hatten die Genforscher – allen voran Manas Vater Dr. Kurosu Ouma – den Virus entdeckt, der mit dem Meteoriten auf die Erde gekommen war. Es wurden spezielle Behandlungslager für Personen eingerichtet, die Symptome aufwiesen, doch dort konnten auch nur ihre Schmerzen durch Medikamente gelindert, nicht aber die Ursache der Krankheit bekämpft werden, die sie mangels einer passenden Bezeichnung einfach nur „Krebs" nannten. Obwohl ich wusste, dass die Genforscher bereits herausgefunden hatten, welchem Zweck der Virus diente, kursierte noch nirgends das Wort „Apokalypse". Noch nicht einmal von einer Epidemie war die Rede. Es schien, als würde alles dafür getan werden, die Erkenntnis des drohenden Untergangs vor der Menschheit geheim zu halten.
Wahrscheinlich, um eine Massenpanik zu vermeiden, dachte ich. Ich saß oben auf einem Baum und beobachtete aus der Distanz, wie Mana im Garten hinter dem Haus im Gras saß und unentwegt ihre Mutter im Blick hatte, die sich in einem kurzen blauen Kleid auf einem Liegestuhl sonnte. Seit Mana erfahren hatte, dass sie einen kleinen Bruder bekommen würde, blieb sie immer in der Nähe ihrer Mutter, als bereitete es ihr physische Schmerzen, von ihr getrennt zu sein.
Ich lachte leise.
Nein, es war nicht die Nähe ihrer Mutter, zu der es Mana hinzog. Es war das Kind in ihrem Bauch.
‚Ich liebe ihn so sehr!', hatte Mana während ihrer gemeinsamen Übungszeiten immer wieder mit strahlenden Augen beteuert. ‚Ich kann ihn jetzt schon spüren, als wäre er bereits geboren worden! Ich will immer bei ihm bleiben und ich will, dass er mich genauso liebt wie ich ihn! Wird er das, Yuu? Wird er mich lieben? Nur mich allein?' Ich hatte ihr geantwortet, dass er das sicher täte, wenn sie ihm immer eine gute große Schwester wäre, und das hat sie vorerst zufrieden gestellt.
Die Anzeichen waren eindeutig: Mana hatte ihren noch ungeborenen Bruder als ihren Adam auserkoren. Da das Mädchen noch zu jung für die Liebe zu einem Mann war, projizierte sie diese Liebe einfach auf ihren Bruder. Auf diese Weise hatte sich Eva bereits jetzt einen Adam gewählt, auch wenn ihre Entscheidung die Apokalypse weiter hinauszögern würde, da dieser Adam noch viel zu jung und seiner zukünftigen Aufgabe nicht gewachsen war.
Ich seufzte laut auf und streckte mich. Da Mana meine Hilfe kaum noch benötigte und sie alleine sehr gut zurechtkam, wurde meine Anwesenheit hier langsam überflüssig und meine alte Langeweile keimte wieder auf. Die Stimmen in meinem Inneren schwiegen und es schien, als würde trotz der ungünstigen Wahl ihres Adam alles nach Plan laufen. Ich entschloss mich gerade, Mana für eine Weile sich selbst zu überlassen und den Wissenschaftlern einen Besuch abzustatten, die sich mit der Genom-Resonanz und dem Meteoriten befassten, als mich das folgende Gespräch innehalten ließ.
„Habt ihr schon einen Namen für ihn, Mama?" Mana hatte sich neben ihre Mutter gekniet und ihren Kopf auf ihren Bauch gelegt, der sich schon deutlich unter dem Kleid wölbte.
„Eigentlich sollte es ja eine Überraschung werden …", antwortete sie und streichelte ihr über ihr rosa Haar, „aber dir kann ich es ja schon verraten: Dein Brüderchen wird Shu heißen. Dein Vater hat diesen Namen ausgesucht."
„Shu …", wiederholte Mana leise und ein seliges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Das ist ein schöner Name. Ich kann es kaum erwarten, bis er endlich da ist."
„Ich freu mich auch schon sehr." Sie schirmte mit der anderen Hand ihre Augen vor dem hellen Sonnenlicht ab und sah mit sanftem Blick auf ihre Tochter hinab. „Aber du sollst wissen, Schatz, dass ich und dein Vater dich nach Shus Geburt immer noch genauso lieb haben werden wie sonst auch. Du brauchst dir keine Sorgen machen, denn wir werden euch beide gleich lieben, in Ordnung?"
Manas Lächeln verschwand augenblicklich. „Du liebst Shu?", fragte sie und in ihrer Stimme war der drohende Unterton zu hören, den ich nur allzu gut von ihr kannte.
„Natürlich liebe ich ihn, ich bin doch seine Mutter", erwiderte sie und lachte. „Aber wie gesagt, ich –"
„Aber ich liebe ihn!" Sie hob ihren Kopf und funkelte ihre Mutter wütend an. „Ich liebe ihn und er liebt mich!"
„Ganz ruhig, mein Schatz", versuchte sie sie zu beschwichtigen. Ihre heftige Reaktion hatte sie sichtlich erschrocken. „Es ist doch gut, wenn du ihn liebst. Du wirst eine tolle große Schwester sein, da bin ich mir sicher. Wir können Shu doch beide lieben, oder nicht?"
Mana starrte sie noch einige Augenblicke wütend an, dann senkte sie den Blick. „Natürlich, Mama", antwortete sie mit heiterer Stimme und rang sich sogar ein Lächeln ab. Sie stand auf und ging wieder einige Schritte weg in den Garten, während ihre Mutter die Augen schloss und die Sonne auf ihrem Gesicht genoss.
Kaum hatte Mana sich wieder ins Gras gesetzt, richtete sie ihren hasserfüllten Blick auf ihre Mutter.
Dann begann sie zu summen.
Ich lächelte. Eva ist ein eifersüchtiges Biest. Man sollte sie besser nicht reizen …
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„Ich dachte, du liebst deinen kleinen Bruder so sehr, Mana." Ich steckte die Hände in meine Manteltaschen und legte den Kopf schief, während Manas trotziger Blick auf mir ruhte.
„Tu ich auch!"
„Warum willst du ihn dann umbringen?", hakte ich nach und zog fragend die Augenbrauen hoch. „Deine Mutter leidet bereits an solch starken Symptomen, dass sie nicht einmal mehr das Bett verlassen kann, und das Kind in ihrem Bauch –"
„Ich würde Shu niemals etwas zuleide tun!" Ihr Blick war nun hasserfüllt auf mich gerichtet. „Ich musste nur sie für ihre Unverschämtheit bestrafen", zischte sie verächtlich. „Sie hat gesagt, dass sie ihn liebt, das musste ich doch verhindern! Shu soll nur mich lieben! Mich allein!" Plötzlich traten Tränen in ihre Augen und sie sackte auf dem Boden des Hochhauses zusammen, auf dem wir uns wieder einmal befanden, damit unsere Unterhaltung nicht gestört wurde.
Ich beobachtete sie beunruhigt. Waren das die Stimmungsschwankungen eines kleinen Kindes, von denen damals die Rede gewesen war? Selbst wenn Eva noch nicht ganz erwacht war, waren ihre Fähigkeiten doch schon fast gänzlich ausgereift. Und solch gewaltige Kraft in einem unausgereiften Körper mit einem so instabilen Geist könnte gefährlich werden. Sehr gefährlich. Doch erst seit sie ihren Adam auserkoren hatte, war dieses Problem aufgetaucht.
Als wäre Adam ein Hindernis auf dem Weg zur Apokalypse, fuhr es mir durch den Kopf, doch ich verdrängte diesen unsinnigen Gedanken sofort wieder. Gerade Adam würde doch die neue Evolutionsstufe erreichen und sich Da'ath anschließen. Er würde der neue personifizierte Wille der Menschheit werden!
„Selbst wenn du dir sicher bist, dass deine Mutter das Kind noch gebären kann, bevor sie stirbt", redete ich weiter, obwohl ich wusste, dass es sie nur weiter aufregen würde, „woher willst du dann wissen, dass sie es nicht sterben lassen, um deine Mutter zu retten? Schwangeren werden grundsätzlich keine Medikamente verabreicht, da die Risiken für das Ungeborene zu hoch sind."
Manas Augen wurden groß vor Entsetzen. An diese Möglichkeit hatte sie in ihrem Wahnsinn wohl wirklich nicht gedacht. „Aber das dürfen sie nicht …", wimmerte sie und saß am Boden wie ein hilfloses Kind. „Ich liebe Shu doch … Ich liebe ihn und will für immer mit ihm zusammen sein …" Ihre Augen leuchteten rot auf und ihre Wehmut schlug plötzlich wieder in Hass um. „Wer will Shu etwas antun? Etwa mein Vater? Ich werde ihn töten, bevor er die Gelegenheit dazu bekommt!"
Bei diesen Worten schrien die Stimmen in meinem Kopf laut auf. Doch das war völlig unnötig, denn ich wusste auch selbst, dass es für Evas Entwicklung absolut hinderlich wäre, wenn sie in einem Waisenhaus aufwachsen und von ihrem geliebten Adam getrennt werden würde.
„Beruhige dich. Nichts dergleichen wird geschehen", redete ich ihr gut zu. „Ich werde mich um die Sache kümmern und Kontakt zu Dr. Ouma aufnehmen. Es ist wichtig, dass du weiterhin die brave Tochter spielst. Hast du das verstanden?"
Nur sehr langsam drangen meine Worte zu ihr durch und legte sich ihre Aufregung wieder. Bevor ich sie am Krankenbett ihrer Mutter zurückließ, beobachtete ich sie noch eine ganze Weile, um sicherzugehen, dass sie sich auch wirklich beruhigt hatte. Schließlich machte ich mich auf, um Kurosu Ouma einen kleinen Besuch abzustatten.
Auch wenn der Wille der Menschheit und die vergangenen Ereignisse mich dazu trieben, diesem Mann die Pläne Da'aths mitzuteilen, um Evas Entwicklung zu gewährleisten, spürte ich auch ein persönliches Verlangen danach, die Menschen selbst in ihre bevorstehende Evolution miteinzubinden. Sicherlich würden interessante Folgen daraus entstehen, die mich so lange unterhielten, bis die Apokalypse bevorstand. Zudem konnte ich es kaum erwarten, mich endlich anderen Menschen als Mana zu zeigen und ihre Reaktionen zu beobachten.
Zeig einer Maus ein Stück Speck und sie wird bereitwillig in die Falle laufen.
Das Spiel konnte beginnen.
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„Bestimmt war das alles nur ein Scherz. Es wird niemand mehr kommen."
„Wenn du doch nur recht hättest, Shuichiro …" Kurosu seufzte und trat einen Schritt vom Gelände weg, auf das er sich zuvor gelehnt hatte, um den Eingangsbereich besser im Blick zu haben. „Aber auf der Nachricht war die Rede von einer Apokalypse. Und du weißt, wie sehr wir uns bemüht haben, diese Information vor der Öffentlichkeit geheim zu halten." Er legte seinem Freund mit den markanten Gesichtszügen eine Hand auf die Schulter. „Wir beschäftigen uns offiziell nur mit einem Virus, nicht mit dem Ende der Welt, schon vergessen?"
Shuichiro schnaubte verächtlich. „Die Information ist bestimmt irgendwo durchgesickert und jetzt versucht irgendein Schwachkopf von Reporter, uns zu erpressen."
Kurosu schwieg. Er lehnte sich wieder gegen das Geländer des verfallenen Universitätsgebäudes, nahm seine Brille ab und fuhr sich erschöpft mit der Hand über die Augen. „Ich mache mir Sorgen um meine Tochter Mana."
Shuichiro blickte überrascht auf. „Weist sie etwa auch Symptome auf?"
„Es ist keine Kristallbildung zu erkennen. Es ist mehr …" Seine Worte verliefen im Nichts, als er nach dem richtigen Ausdruck suchte.
Als wäre das mein Stichwort, gab ich mich den beiden Wissenschaftlern zu erkennen und materialisierte mich direkt vor ihnen.
„Sie wächst wunderbar heran, nicht wahr?" Ich deutete ironisch lächelnd eine Verbeugung an.
„Wer bist du?", fragte Shuichiro, der wohl von meinem plötzlichen Erscheinen ebenso überrascht war wie sein Kollege.
„Ich bin Yuu. Ein Gesandter von Da'ath."
„Da'ath?", hakte er stirnrunzelnd nach.
„Der Meteorit hat die Samen der Apokalypse über das gesamte Land ausgesät. Schon bald wird jeder Bewohner dieses Landes zu ihrem Saatbeet werden." Amüsiert stellte ich fest, dass beide bei diesen Worten zusammenzuckten und mich ungläubig anstarrten. Ich wusste nicht, ob es sie mehr erschreckte, diese Tatsache von mir oder sie überhaupt laut ausgesprochen zu hören. Gelassen sprach ich weiter. „Sobald Mana als Eva herangereift ist, wird die Welt Zeuge ihrer vierten Apokalypse werden, der gleichzeitigen Selektion und Evolution allen Lebens. Sie ist die unergründliche Hand Gottes bei der Arbeit."
Die beiden Männer starrten mich mit offenem Mund an, unfähig sich zu rühren oder etwas zu sagen. In meiner Vorstellung waren sie weitaus lebendiger gewesen, hätten mich aufgebracht gar nicht zu Wort kommen lassen oder mich neugierig mit Fragen überhäuft. Doch ich hatte die Existenz Mensch anscheinend überschätzt, die von einer solch simplen Information, die sie doch bereits selbst schon herausgefunden hatten, völlig gelähmt war.
Innerlich enttäuscht seufzend sprach ich weiter und teilte ihnen das mit, weshalb ich eigentlich hergekommen war. „Kurosu, ich weiß, dass deine Frau bereits an den Symptomen leidet. Aber du darfst ihren ungeborenen Jungen nicht sterben lassen, denn es scheint so, als ob die kleine Eva ihn bereits zu ihrem zukünftigen Adam auserkoren hat."
Diese Worte schienen nun schließlich doch noch seine Starre zu lösen. Mit entsetztem Gesichtsausdruck machte Kurosu einen Schritt auf mich zu.
„Willst du damit andeuten, dass meine Tochter Mana für den Ausbruch all dieser Symptome verantwortlich ist?!"
„Beruhige dich, Kurosu …", redete Shuichiro auf ihn ein und legte ihm eine Hand auf den Arm, doch er schüttelte sie entschieden ab.
„Du und Da'ath – lasst eure dreckigen Finger von meiner Familie!", schrie er und ging noch einen Schritt auf mich zu.
Ich schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich dachte, gerade ein herausragender Wissenschaftler im Bereich der Genetik wie du würde in der Lage sein, die Ehre zu begreifen, die ihm als Vater von Adam und Eva doppelt widerfährt. Deine Kinder werden die Träger eurer Zukunft! Ist es da wirklich angebracht, solch egoistische Gedanken wie ‚Familie' in den Vordergrund zu stellen?"
Amüsiert beobachtete ich, wie Kurosu zitternd vor Wut vor mir stand und sich nur mit Mühe davon abhalten konnte, nicht mit den Fäusten auf mich loszugehen. Ebenso fiel mir aber auch das Verhalten von Shuichiro auf, der deutlich gefasster reagierte. Ich bildete mir sogar ein, in seinen Augen einen Hauch von Interesse aufblitzen zu sehen.
Das Spiel wurde langsam interessant.
„Ich werde mich für eine Weile zurückziehen. Nach der Geburt Adams will ich deine endgültige Entscheidung, Kurosu – ob du mit Da'ath kooperieren oder dich gegen den Willen der Menschheit stellen wirst." Mit diesen Worten verschwand ich und ließ Kurosu in seiner Verzweiflung zurück.
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Er wird es nicht tun.
Ich stand vor der geschlossenen weißen Tür und hatte bereits meine Hand gehoben, um anzuklopfen, als ich sie nochmal sinken ließ. Ausdruckslos starrte ich auf das kleine Schild, auf dem in goldenen Lettern „Büro von Dr. Kurosu Ouma" stand.
Er wird die Zusammenarbeit ablehnen. Du wusstest es doch damals schon.
Ich seufzte tief, dann hob ich meine Hand erneut. Es würde nichts an der bevorstehenden Apokalypse ändern. Es machte die Sache nur etwas komplizierter. Ich klopfte und trat ein.
„Ich habe dich bereits erwartet." Kurosu saß mit dem Rücken zur Tür an seinem Schreibtisch am Ende des Raumes und starrte auf ein Bild, das vor ihm stand.
„Deine Frau ist erst gestern verstorben und du sitzt bereits wieder an deiner Arbeit? Das kann sehr ungesund sein, Kurosu."
Es vergingen einige Augenblicke, dann drehte er sich endlich zu mir um. Seine Augen waren noch gerötet, doch sein Blick war entschlossen.
„Ich bleibe bei meiner Meinung. Da'ath soll sich von meinen Kindern fern halten."
Ich seufzte theatralisch und steckte meine Hände in die Manteltaschen. „Das ist wirklich sehr bedauerlich, Kurosu, sehr bedauerlich. Ich hatte bereits mit einer Absage deinerseits gerechnet, wenn ich ehrlich bin." Ich blickte auf und sah ihn ebenso entschlossen an wie er mich. „Doch du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, dass du die bevorstehende Apokalypse nicht verhindern kannst. Mana ist und bleibt Eva, daran wird sich nichts ändern. Und wenn es nicht Shu sein kann, den Mana sich auserkoren hat, dann wird Da'ath eben einen anderen Adam für sie finden, wenn du nicht kooperieren willst."
„Du liegst falsch." Erstaunt hob ich die Augenbrauen, als Kurosus Gesichtszüge eine grimmige Entschlossenheit annahmen, die ich so nicht erwartet hatte. „Ich werde nicht nur nicht mit Da'ath kooperieren – ich werde euch bekämpfen!"
Ich staunte einen Augenblick lang, dann begann ich unweigerlich zu lachen. „Wie amüsant! Du willst Da'ath bekämpfen? Du willst dich gegen den Willen der Menschheit stellen? Ganz allein?"
„Ich werde eine Möglichkeit finden, den Virus aufzuhalten. Ich werde seinen genetischen Code entschlüsseln und auf dessen Basis ein Genom entwickeln, das ihm Einhalt gebietet und die Apokalypse verhindert. Ich werde meine Tochter retten!" Obwohl er seine Worte mit Nachdruck aussprach, hatte er zu keiner Zeit seine Stimme erhoben oder anderweitig die Beherrschung verloren. Sicherlich hatte er diesen Entschluss nicht erst gestern gefasst.
„Hältst du es wirklich für klug, mir, dem personifizierten Willen der Menschheit, eine solche Abfuhr zu erteilen?"
Nun lachte plötzlich Kurosu laut auf. „Was soll mir denn schon passieren? Willst du mich töten?" Er breitete auffordernd die Arme aus. „Dann tu es jetzt."
„Es sei dir versichert, dass ich es schon längst getan hätte, wenn deine Handlungen auch nur den geringsten Einfluss auf unsere Pläne hätten, Kurosu", antwortete ich leichthin. „Aber ich führe ausschließlich den Willen der Menschheit aus und dem ist ein einziges gewöhnliches Menschenleben völlig egal."
Er ließ die Arme wieder sinken. „Dann verschwinde von hier." Er drehte sich um und setzte sich wieder an den Schreibtisch. „Ich werde Da'ath zeigen, was der echte Wille eines einzelnen Menschen alles bewirken kann."
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Es war bereits spät am Abend, als Shuichiro nach Hause ging. Langsam lief er den dunklen Flur entlang, zu dessen beiden Seiten die Bürotüren längst abgeschlossen waren. Jeder seiner Schritte hallte laut in der Stille wider, während er tief in Gedanken versunken geradeaus starrte.
Als hätte er meine Anwesenheit bemerkt, blieb er plötzlich stehen.
„Kurosu hat mir die kalte Schulter gezeigt", durchbrach ich die Stille. Entspannt hatte ich mich an die Wand gelehnt und meine Hände in den Manteltaschen vergraben. „Aber was wirst du tun, Shuichiro?"
Endlich drehte er sich zu mir um und ich konnte denselben interessierten Blick bei ihm sehen wie damals bei unserem ersten Aufeinandertreffen. „Mal sehen, was du zu sagen hast."
Ich stieß mich von der Wand ab und trat vor ihn. Unweigerlich musste ich grinsen. „Bring mir zuerst Kurosus verstorbene Frau, Saeko Ouma. Ich habe noch Großes mit ihr vor."
