Dornenkrone
Ich habe versagt.
Ich ließ mich kraftlos nach hinten fallen und schwebte nun in einer annähernd liegenden Position durch das Licht, das mich vollständig umhüllte. Hier gab es nichts außer Helligkeit und Leere. Es gab nicht einmal Zeit. Es konnten Sekunden vergehen. Oder Jahrhunderte. Man spürte es nicht.
Aber hätte ich die Eskalation wirklich verhindern können? Wenn ich Eva von ihrem Adam getrennt hätte, hätte die Sache noch viel früher ein Ende gefunden …
Ich schloss die Augen, doch das Licht drang immer noch durch meine Lider. Ich fühlte mich ungewöhnlich ruhig und entspannt. Erst jetzt fiel mir auf, dass die lauten Stimmen in meinem Kopf endlich verstummt waren, die mich auf unterschiedlichste Weise alle zu Mana in die Kapelle geführt hatten.
Hat Da'ath vielleicht die Geduld mit mir verloren?
Ich lächelte bei dem Gedanken, dass die drei Gestalten, die von sich beanspruchten, über Zeit und Raum erhaben zu sein, nun wütend auf mich waren. Aber auch sie hätten dieses Ende nicht verhindern können. Mana war einfach noch zu jung gewesen. Es war nun nicht mehr zu ändern.
‚Die Sonne ist schon untergegangen.'
Ich öffnete meine Augen, als ich Manas Stimme überall um mich herum hörte.
‚Auch wenn ich dachte, es wäre hier oben ein bisschen besser, stimmte das gar nicht. Dieser Ort ist ganz anders als der, von dem aus ich mit Shu an meiner Seite diesen tollen Ausblick hatte. Der Himmel ist hier wirklich wolkenverhangen.
Ich habe nichts mehr.
Die Aussicht damals … Der klare Sonnenuntergang und das glitzernde Meer … Der Ort war mein wertvollster Schatz.'
Ich richtete mich langsam auf. Eva hatte sich zwar selbst zerstört und ihr Körper war nicht mehr vorhanden, wohl aber ihr Bewusstsein. Als Eva war sie ohnehin unsterblich und würde so oft im Kokytos wiedergeboren werden, bis sie ihre Aufgabe erfüllt hatte. Ich war nur nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie schon so bald wiedererwachte.
‚Alles ist mir durch die Finger zerronnen. Und das Wichtigste von allen …
Shu.
Du bist nicht an meiner Seite. Warum? Was ist schief gelaufen? Ist es, weil ich ein Monster bin?'
Während ich Manas Gedankengängen folgte, streckte ich die Hand aus und öffnete ein Portal. Das Sonnensymbol auf meinem Handrücken leuchtete hell auf. Ich hatte eine Ahnung, wohin es mich führen würde, und diese Ahnung sollte sich bewahrheiten.
‚Ich habe jetzt gar nichts mehr. Und wenn ich nichts mehr habe …
… kann auch alles andere verloren gehen.
Lass es uns beenden. Alles. Lass uns alles ganz leer machen.
Ich brauche so etwas wie eine neue Welt nicht. Genau.'
Das Portal führte mich auf eine hoch gelegene Aussichtsplattform, von der aus man ganz Tokyo überblicken konnte. In nicht allzu weiter Ferne war das Flammeninferno zu sehen, das Evas Energiewelle ausgelöst hatte. Es breitete sich mit rasender Geschwindigkeit vom Teilbezirk Roppongi immer weiter über die Stadt aus.
Auf der Plattform selbst stapelten sich große, hellviolette Kristallgebilde, in denen sich das Feuer zahlreich spiegelte. In einem von ihnen saß Mana. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Körper war bereits mit Kristallen übersät, doch sie sah zufrieden aus, beinahe glücklich.
‚Eine Welt ohne Shu … hat überhaupt keine Bedeutung.'
Kaum war dieser Gedanke verklungen, begann sie zu singen.
Der Himmel über uns reagierte darauf und leuchtete auf. Die Symphonie der Apokalypse sirrte durch die Luft und wurde weit über das ganze Land getragen.
Ich warf den Kopf in den Nacken und lachte laut.
Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass Eva jemals ohne ihren Adam die Apokalypse heraufbeschwören würde. Nicht nur Liebe, sondern auch eine Mischung aus Verzweiflung und Hass schienen Eva zur Beendigung ihrer Aufgabe zu bewegen.
Wirklich überraschend, wie sich das alles entwickelt hat. Ich teleportierte mich hoch in die Luft und ein Stück von der Plattform weg, um einen besseren Überblick über die Stadt zu haben. Aber auch wenn Eva die Welt jetzt von sich aus vernichtet, braucht Da'ath immer noch einen Adam … Ich erwog für einen kurzen Augenblick, nach Shu zu suchen, doch ich verwarf den Gedanken wieder. Selbst wenn er noch leben würde, was zutiefst unwahrscheinlich war, da er sich direkt vor Mana befunden hatte, als diese die Kontrolle verloren hatte, war sie sicher nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Außerdem war er noch zu jung, um ein Gesandter Da'aths zu werden.
Während ich noch unschlüssig in der Luft verharrte, ließ ein klirrendes Geräusch mich erstaunt nach unten blicken.
Scrooge.
Ich erkannte ihn eindeutig an seinem roten Mantel. Auch Carol war immer noch bei ihm. Er hatte seine rechte Hand nach Mana austreckt und sie war augenblicklich in tausend Scherben zersplittert.
Ich schüttelte nur verwundert den Kopf. Ich suche nach einem König, da taucht ausgerechnet der unrechtmäßige König vor mir auf. Weshalb willst du immer noch die Königin ermorden, Scrooge? Amüsiert beobachtete ich, wie eine neue Projektion von Mana nicht weit entfernt von der letzten erschien und Scrooge sie entsetzt anstarrte.
„Es hat keinen Sinn."
Nun kam sogar Present hinzu. Es überraschte mich etwas, dass meine Geister Scrooge immer noch nicht eliminiert hatten. Hatte ich seine Fähigkeiten etwa so stark unterschätzt?
„Ich meine: Sie hat überhaupt keine physische Form mehr", sprach sie gelassen weiter. „Mana Ouma ist vor langer Zeit in dieser Kirche umgekommen. Aber der Apokalypse-Virus … Nein", verbesserte sie sich selbst, „der Wille der Menschheit wird Eva nicht sterben lassen. Es gibt keinen Weg mehr, es aufzuhalten. Zu blöd, nicht wahr?" Sie lächelte ironisch und reizte damit Scrooge umso mehr.
„Dieses Resultat ist wahrscheinlich sogar für Da'ath unerwartet", erwiderte Scrooge und brachte mich damit zum Lachen, was sie aus der Entfernung sicher nicht hörten.
Du hast mich durchschaut, Scrooge!
Ich spielte gerade mit dem Gedanken, mich ihm endlich zu zeigen, da er mich ja schon so lange verzweifelt gesucht hatte, als plötzlich ein heftiger Zweikampf zwischen ihm und Present begann. Zu meiner Verwunderung benutzte Scrooge keine Voids, obwohl Carol direkt bei ihm stand. Während Present verschiedene Pfeile und Dolche aus dem Nichts kristallisieren ließ und sie auf ihn schleuderte, war er mehr darauf bedacht, ihren Angriffen auszuweichen, was ihm wegen seiner übermenschlichen Kräfte und Geschwindigkeit auch spielend gelang.
Ich sah ihrem Kampf eine Weile lang von oben zu, den ein gewöhnliches Auge wohl kaum hätte verfolgen könnten, so flink waren ihre Bewegungen, so schnell ihre Angriffe.
Shuichiro hat wahrlich Monster erschaffen.
Nachdem der Kampf einige Minuten getobt hatte, in denen keiner von beiden die Oberhand hatte gewinnen können, begann plötzlich die Erde zu beben. Die Apokalypse war nun schon so weit fortgeschritten, dass Evas Gesang die Aussichtsplattform kollabieren ließ. Unter lautem Klirren von zerspringenden Kristallen fiel das Gebäude in sich zusammen und sog alle darauf befindlichen Gestalten mit sich in die Tiefe.
Monster wie sie, die keine normalen Menschen waren, würden bis in alle Ewigkeit im Kokytos schmoren, niemals dazu imstande, wiedergeboren zu werden.
Ein angemessenes Ende für einen unrechtmäßigen König.
Ich seufzte tief und blickte auf die Welt unter mir. Evas wundervoller Gesang ließ die Samen der Apokalypse, die der Stein auf der ganzen Welt verteilt hatte, zu wunderschönen violetten Kristallen erblühen. Jedes Leben würde zu einer ewigen Erinnerung werden. Der Wille der Menschheit hatte sich erfüllt.
Vielleicht sollte ich einfach Shuichiro zum neuen Adam ernennen, überlegte ich, während ich meinen Blick über das Kristallmeer schweifen ließ. Er ist so gut wie jeder andere und hat wenigstens –
Ich erstarrte, als mein Kopf plötzlich wieder zu schmerzen begann.
„Was ist hier los?", murmelte ich und versuchte, die Stimmen in meinem Kopf von den Schreien auf der Erde auseinanderzuhalten. Sie wurden immer lauter, die Schmerzen immer schlimmer, bis schließlich …
Die ganze Welt schien einen Augenblick lang still zu stehen. Es war kein Laut mehr zu hören und die weit weg brennenden Feuer verloren an Intensität. Der Virus hatte alles unter einer dicken Kristallschicht begraben und zu Eis erstarren lassen.
Dann verstummte Evas Gesang.
Splitternd brach die Kristallschicht auf und gab das eingeschlossene Leben darin wieder frei. Die umherschwebenden Partikel leuchteten kurze Zeit violett in der Dunkelheit, dann lösten sie sich in der Luft auf. Der wolkenverhangene Himmel riss auf und gab den Blick auf ein Sternenmeer frei.
Ich war wie vom Donner gerührt. Als hätte der Gesang mich am Leben erhalten, fühlte ich mich nun komplett leer. Ich konnte keine noch so leisen Stimmen mehr vernehmen, nichts mehr fühlen, mich nicht mehr bewegen.
Das ist unmöglich.
Als hätte diese Tatsache einen Damm gebrochen, stürmten die verschiedensten Gedanken auf mich ein und vermischten sich zu einer trägen Masse aus unentwirrbaren Erklärungsversuchen.
Eine begonnene Apokalypse kann nur durch den Tod von Eva oder Adam abgebrochen werden! Es existiert noch gar kein Adam und Evas Bewusstsein ist unsterblich im Kokytos … von wo aus sie weiterhin … Ich stockte in meinen eigenen Gedankengängen. Stumm streckte ich meinen Arm aus. Meine Hand zitterte, als ich nach einem Spalt im Raum-Zeit-Gefüge suchte und ein Portal erschuf.
Was auch immer passiert war, im Kokytos würde ich die Antwort finden.
. . .
. . .
„Wie ich sehe, muss Da'ath noch eine Weile auf sein neuestes Mitglied warten …"
Ich löste meinen Blick vom dunklen Wasser des Kokytos und wandte mich um. Vor mir stand Hiroki. Sein weißer Mantel war mit einem schwarzen Muster verziert und war so lang, dass er fast den Boden berührte. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und musterte mich aus seiner gebückten Haltung heraus aufmerksam. Ich konnte seine Stimmung weder aus seiner Stimme deuten noch aus seinem Gesicht ablesen.
„Er ist einfach überfordert, weil er noch so jung ist." Akira trat aus dem Schatten heraus neben ihn. Ihre roten Augen funkelten bedrohlich in der Dunkelheit, auch wenn ihre Stimme mehr Erheiterung als Verärgerung ausdrückte. „Was hast du dir nur dabei gedacht, ihn zu Adam zu machen, Shin?!"
„Du weißt genau, dass Eva ihn sich ausgesucht hatte." Nun trat auch Shin zu den beiden hinzu. „Also gib nicht mir die Schuld. Evas Forderung war damals eindeutig und ich habe nur den Willen der Menschheit ausgeführt."
Akira machte ein abfälliges Geräusch. „Natürlich, der Wille der Menschheit. Deine Ausrede für alles."
Hiroki hob eine Hand und sie verstummten beide augenblicklich. „Shin hat recht. Man muss Eva ihren Willen lassen oder sie so geschickt manipulieren, dass es ihr nicht bewusst wird. Daher hätte auch Yuu nicht anders handeln können. Er hat sein Möglichstes getan", schloss er mit ruhiger Stimme.
Ich fühlte so etwas wie Erleichterung, als ich diese Worte hörte. Ich war ja bereits selbst zu dem Schluss gekommen, dass ich nichts hätte anders machen können, um das Endergebnis zu ändern. War ich nicht ohnehin nur eine Marionette, durch die der Wille der Menschheit handeln konnte? Wenn die Apokalypse fehlschlug, bedeutete das dann nicht …?
„Ich fand die Vorstellung jedenfalls äußerst unterhaltsam", warf Shin ein. „Und dass Eva die Apokalypse sogar ohne einen Adam eingeläutet hat … Ich wusste nicht, dass jemand so trotzig sein kann." Er richtete seinen Blick lächelnd auf Akira. „Ihr hättet euch beide sicher bestens verstanden."
Bevor Akira wütend etwas entgegnen konnte, schaltete ich mich ein. „Ich werde Eva aus dem Kokytos wiederauferstehen und sie die Apokalypse zu Ende bringen lassen." Ich wandte mich gerade wieder zum Fluss um, als Akira tief aufseufzte, die Hände in die Hüften stemmte und den Kopf schüttelte.
„Sag ich doch, der Kleine hat keinen blassen Schimmer, was vorgefallen ist."
„Was spricht dagegen?", hakte ich nach, doch Hiroki schüttelte nur den Kopf und deutete zum Fluss.
„Steig selbst hinab, dann wirst du es verstehen." Noch ehe ich etwas erwidern konnte, verschmolzen die drei wieder mit der Dunkelheit der Unterwelt und ließen mich allein zurück.
Ich wartete noch einen Augenblick, dann wandte ich mich endgültig um und stieg in den Kokytos. Das Wasser war dunkel und eiskalt, doch es machte mir nichts aus. Ohnehin fühlte es sich weniger wie Wasser als vielmehr wie kalte Luft an, die sich an mich schmiegte wie eine zweite Haut. Als ich vollständig untergetaucht war, sank ich nach unten wie in einen schwarzen Abgrund, der niemals zu enden schien. Je tiefer ich kam, desto stärker wurde der Sog, der mich schließlich jedes Gefühl für Zeit und Raum vergessen ließ.
Als meine Füße festen Grund berührten, wusste ich, dass ich im Herzen der Hölle angekommen war. Der Kokytos war der Fluss des Wehklagens und hielt alle Sünder hier unten fest, damit sie bereuen konnten. Nur Adam und Eva war es vergönnt, diesen Ort neugeboren wieder zu verlassen.
Wenig überrascht bemerkte ich, dass der Boden aus hartem, violettem Kristall bestand. Wenn Mana von hier aus gesungen hatte, war dieser Ort das Zentrum der Apokalypse und der Kristallisierungsprozess war demzufolge hier am schnellsten vorangeschritten. Doch der bizarre Anblick, der sich mir ansonsten bot, ließ mich innehalten.
Der ganze Ort war mit Dornenranken nur so überwuchert. Sie bildeten ein enges Geflecht, das alles in sich einsperrte und nie mehr entkommen ließ. In dessen Zentrum ragte ein gewaltiger durchsichtiger Kristall empor, in dem etwas eingeschlossen zu sein schien. Als ich näher trat, konnte ich zwei Gestalten ausmachen.
Scrooge und Carol.
In inniger Umarmung und mit geschlossenen Augen wurden auch sie von den Ranken umschlungen. Ich konnte sehen, wie sich die Dornen tief in ihr Fleisch bohrten, doch es schien sie nicht zu kümmern. Mit friedlichem Gesichtsausdruck waren sie in dieser Haltung zu einem Kristall erstarrt.
„Der unrechtmäßige König setzte sich letzten Endes die Krone der Schuld auf." Ich lächelte leicht bei dem Gedanken, dass ich Scrooge wirklich bei Weitem unterschätzt hatte, als mein Lächeln plötzlich erstarb. Mir war erst in diesem Augenblick die Auswirkung dieser Tat bewusst geworden.
Die Dornenranke war das Void von Yet to Come, dem ungeborenen Kind Carols. Aber es war nicht irgendein Void, nicht irgendeine Dornenranke.
Es war die Dornenkrone.
Sie veranschaulichte die Schuld aller Sünder und band diese bis in alle Ewigkeit an diesen Ort.
Mein Blick folgte den Ranken ganz langsam eine kristalline Treppe hinauf, an deren Ende sich die schlafende Mana in einem geschützten Kokon befand.
Und dieser Kokon war über und über mit blühenden Dornenranken übersät. Sie griffen so stark über- und ineinander, dass das dichte Geflecht Mana kaum mehr erkennen ließ. Scrooge hatte nicht nur die Apokalypse verhindert, sondern sogar sichergestellt, dass Eva nie mehr wiedergeboren werden und ihre Aufgabe zu Ende bringen konnte.
Und so krönte sich der unrechtmäßige König mit der Krone der Schuld und band die Königin für alle Ewigkeiten an sich …
Ich ballte unwillkürlich die Fäuste und wandte mich ein letztes Mal Scrooge zu. Auf seinem Gesicht war der Anflug eines Lächelns erkennbar.
Ich hatte dich unterschätzt, Scrooge. Ich hatte dich wirklich unterschätzt.
